Funktionserholung und Plastizität nach Schädigung der zentralen Sehbahn - Krause und ...

 
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Funktionserholung und Plastizität nach Schädigung der zentralen Sehbahn - Krause und ...
Journal für

 Neurologie, Neurochirurgie
 und Psychiatrie
             www.kup.at/
 JNeurolNeurochirPsychiatr   Zeitschrift für Erkrankungen des Nervensystems

Funktionserholung und Plastizität
                                                                               Homepage:
nach Schädigung der zentralen
                                                                       www.kup.at/
Sehbahn                                                          JNeurolNeurochirPsychiatr

Gall C, Prilloff S, Sabel BA                                           Online-Datenbank
                                                                         mit Autoren-
Journal für Neurologie
                                                                      und Stichwortsuche
Neurochirurgie und Psychiatrie
2010; 11 (1), 18-30

                                                                                            Indexed in
                                                               EMBASE/Excerpta Medica/BIOBASE/SCOPUS

 Krause & Pachernegg GmbH • Verlag für Medizin und Wirtschaft • A-3003 Gablitz
 P.b.b. 02Z031117M,            Verlagsor t : 3003 Gablitz, Linzerstraße 177A /21           Preis : EUR 10,–
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                                                                                                           Landesklinikum Baden-Mödling

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                          gemäß Pharmig VHC Artikel 2.2 vorbehalten und ist nicht übertragbar.

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                          Österreichische Schlaganfall Gesellschaft, 1070 Wien                                              Mit freundlicher Unterstützung von
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Plastizität nach zentralen Sehbahnläsionen

                    Funktionserholung und Plastizität nach
                     Schädigungen der zentralen Sehbahn
                                                                C. Gall, S. Prilloff, B. A. Sabel

 Kurzfassung: Das visuelle System ist auch jen-        Zeichen der kortikalen Hyperaktivierung sowie         Evidence for neuronal plasticity has been found
 seits der kritischen Entwicklungsperiode nicht        (4) Blindsight und Residualsehen in geschädig-        in animal models as well as in patients with dam-
 fest verschaltet und unveränderlich. Auf allen        ten Gesichtsfeldarealen. Selbst wenn der Pro-         age of the retina (macular degeneration, glau-
 Stufen der visuellen Informationsverarbeitung         zess der spontanen Plastizität abgeschlossen          coma), the optic nerve (e. g., after trauma) and
 (Retina, Nucleus geniculatum laterale und pri-        ist, kann die Plastizität durch repetitive Stimula-   postchiasmatic areas including the primary visual
 märer visueller Kortex) zeigt das Gehirn selbst       tion von residualen Gesichtsfeldarealen mittels       cortex (producing hemianopia). The brain can
 bis ins hohe Alter eine gewisse Veränderlichkeit      Sehtraining oder, wie erst kürzlich gezeigt, durch    adapt itself within certain limits to the resulting
 (Plastizität). Dies ist besonders deutlich nach Lä-   transorbitale Elektrostimulation wieder ange-         visual field defects caused by the damage. Signs
 sionen zu beobachten. So wurden Reorganisa-           regt werden. Das Sehsystem hat somit ein Plas-        for postlesional plasticity are (1) development of
 tionsprozesse rezeptiver Felder und Veränderun-       tizitätspotenzial, das hinsichtlich seiner sponta-    eccentric fixation in foveal lesions, (2) recovery
 gen der kortikalen Aktivierungsmuster nach reti-      nen und induzierten Anpassungsfähigkeit nicht         of function during the first weeks after the dam-
 nalen sowie prä- und postchiasmatischen Läsio-        weniger ausgeprägt ist als in anderen funktio-        age (spontaneous remissions), (3) pseudo-hallu-
 nen der zentralen Sehbahn gefunden. Hinweise          nellen Systemen. Es gilt nun, dieses Plastizitäts-    cinative perceptions of phosphenes and com-
 auf neuronale Plastizität sind sowohl in Tiermo-      und Reparaturpotenzial besser in der klinischen       plex objects which are attributed to cortical hy-
 dellen als auch bei Patienten mit Schädigungen        Anwendung zu nutzen.                                  peractivity as well as (4) blindsight and residual
 der Retina (Makuladegeneration, Glaukom), des                                                               vision in impaired visual field areas. Even after
 Nervus opticus (z. B. nach Trauma) und post-          Abstract: Recovery of Function and Plastic-           spontaneous recovery has plateaued, plasticity
 chiasmatischen Arealen, insbesondere des pri-         ity after Lesions of the Central Visual Path-         can be initiated again by repetitive stimulation
 mären visuellen Kortex (Hemianopsien) gefun-          way. Even beyond the critical developmental           of residual visual field areas using vision train-
 den worden. An die durch die Schädigungen her-        period, the visual system is not rigidly fixed.       ing or, as recently shown, by transorbital electric
 vorgerufenen Gesichtsfelddefekte versucht sich        Rather, the brain shows plasticity at all levels of   stimulation. Therefore, the visual system has a
 das Gehirn in gewissen Grenzen anzupassen.            information processing (retina, lateral genicu-       plasticity potential, i.e. an ability for spontane-
 Zeichen der Postläsions-Plastizität sind (1) Aus-     late nucleus and primary visual cortex), even in      ous and induced adaptive processes that is com-
 bildung exzentrischer Fixation bei fovealen Läsi-     old age, and this is observed especially well af-     parable to that known of other functional sys-
 onen, (2) funktionelle Erholung in den ersten         ter lesions. Reorganisation of receptive fields       tems. It is now essential to make better use of
 Wochen nach dem Schaden (Spontanremissio-             and changes of cortical activation patterns have      this plasticity and repair potential in clinical
 nen), (3) pseudo-halluzinative Wahrnehmungen          been shown after retinal as well as pre- and post-    practice. J Neurol Neurochir Psychiatr 2010;
 von Phosphenen und komplexeren Gebilden als           chiasmatic lesions of the central visual pathway.     11 (1): 18–30.

„ Einleitung                                                                      weisen Wiederherstellung (Erholung) von Sehleistung besser
                                                                                  zu verstehen, da sich hieraus Perspektiven für neue Behand-
Gesichtsfeldausfälle nach Schädigung des zentralen Nerven-                        lungsformen in der Klinik ableiten lassen [2].
systems können akut infolge einer traumatischen, entzündli-
chen oder vaskulären Schädigung des Sehsystems im Gehirn                          Die Plastizität ist selbst in den peripheren Strukturen des
auftreten oder chronisch-progredient verlaufen, etwa bei ent-                     Sehsystems nachweisbar. Bereits auf retinaler Ebene zeigt
zündlicher Degeneration des Nervus opticus oder retinaler                         sich eine gewisse Veränderlichkeit nach Läsionen. Auf Ebene
Schädigung durch Glaukom, altersbedingter Makuladege-                             der Photorezeptoren beobachteten z. B. Smallman et al. [3]
neration (AMD) oder Retinitis pigmentosa. Lange wurde an-                         anhand eines Einzelfalles, dass sich die Zapfen nach einer
genommen, dass das Gehirn kaum die Fähigkeit hat, nach                            Kataraktoperation an den hellsten Stellen der Pupille neu aus-
akuten Läsionen jenseits der spontanen Erholungsphase der                         richteten. Strukturelle und funktionelle Reorganisationen auf
ersten Wochen nach der Sehschädigung diese zu kompensie-                          kortikaler Ebene wurden insbesondere nach Läsionen im Kin-
ren. Es galt lange als allgemein akzeptiert, dass die einmal eta-                 desalter berichtet [4, 5]. Auch nach prächiasmatischen Läsio-
blierte Erblindung irreversibel ist. Inzwischen gibt es jedoch                    nen finden kortikale und subkortikale funktionelle Reorgani-
viele Hinweise, dass das visuelle System über die gesamte                         sationsprozesse statt, wie an Patienten mit prächiasmatischen
Lebensspanne eine gewisse Fähigkeit zur Plastizität beibehält                     Läsionen mittels funktioneller Bildgebung untersucht wurde
[1]. In der hier vorliegenden Übersichtsarbeit wird die Plasti-                   [6]. Die Patienten zeigten Spontanerholungen der Gesichts-
zität des visuellen Systems über dessen verschiedene Ver-                         felder nach einseitiger akuter Optikusneuritis, die mit ausge-
arbeitungsstufen hinweg betrachtet. Ein besonderer Fokus                          dehnten extraokzipitalen Aktivierungen zusätzlich zu okzipi-
wird dabei auf postchiasmatische Läsionen gelegt. Ziel dieser                     taler Aktivierung einherging. In einer sehgesunden Kontroll-
Betrachtungen ist es, das Potenzial der Plastizität an der teil-                  gruppe wurde hingegen ausschließlich okzipitale Aktivierung
                                                                                  beobachtet. Bei Hemianopsie nach Läsion der adulten, post-
                                                                                  chiasmatischen Sehbahn konnte mithilfe funktioneller Bild-
Aus dem Institut für Medizinische Psychologie, Medizinische Fakultät, Otto-von-   gebung im Einzelfall ebenfalls eine Reorganisation im Sinne
Guericke-Universität Magdeburg, Deutschland
Korrespondenzadresse: Dipl.-Psych. Carolin Gall, Institut für Medizinische
                                                                                  einer veränderten kortikalen Repräsentation des hemianopen
Psychologie, Medizinische Fakultät, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg,      Halbfeldes beobachtet werden, die durch Gesichtsfeldtraining
D-39120 Magdeburg, Leipziger Straße 44; E-Mail: carolin.gall@med.ovgu.de          induzierbar war [7].

18     J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2010; 11 (1)

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Plastizität nach zentralen Sehbahnläsionen

Dies stellt die nach wie vor häufig vertretene Lehrmeinung
infrage, dass bei postchiasmatischen Läsionen zwar spontane
Erholung in den ersten Wochen und Monaten nach dem
Läsionsereignis möglich ist, nicht aber Veränderungen des
Gesichtsfeldstatus jenseits einer natürlichen Verlaufsvariabi-
lität. Physiologische Beobachtungen sprechen aber insbeson-
dere den sensorischen Systemen bis ins Erwachsenenalter
eine gewisse Plastizität zu [8]. Plastizität ist kein Ereignis, das
ausschließlich nach Läsionen auftritt, sondern vielmehr ist der
dynamische Charakter neuronaler Verschaltungen in der
Hirnrinde Teil der normalen Hirnfunktion. Tatsächlich gilt
die Plastizität als eine der wesentlichen physiologischen
Grundlagen normaler perzeptueller Lernprozesse, und diese
Mechanismen sind vermutlich auch für Reparaturen nach
Verletzungen am Nervensystem, beispielsweise infolge eines
Schlaganfalls, von Bedeutung.

Rehabilitationsmaßnahmen nach einem Schlaganfall zielen
deshalb auf die frühzeitige Förderung der Hirnplastizität ab.
Bei der Rehabilitation von Gesichtsfelddefekten spielt neben
der Kompensation vor allem die Restitution („restoration“)
durch trainingsvermittelte Reaktivierung funktionell gestör-          Abbildung 1: Gesichtsfeldausfälle bei den wichtigsten Sehbahnläsionen. Schemati-
ter, aber morphologisch relativ intakter Hirnregionen oder die        sche Darstellung unterschiedlicher postretinaler Gesichtsfelddefekte (1–9) und eines
                                                                      Gesichtsfeldausfalles bei Glaukom (10) mit der entsprechenden Lokalisation der
Nutzung alternativer Strukturen des neuronalen Netzwerks              Schädigung im primären Sehsystem (rote Linie: Ort der Läsion). Rechts sind die resul-
eine Rolle. Die Stärkung dieser Residualstrukturen kann er-           tierenden Gesichtsfeldausfälle dargestellt. Die Gesichtsfelder wurden mit Computer-
klären, warum bestimmte Sehfunktionen verbessert werden               basierter Kampimetrie (± 16° vertikal, ± 21,5° horizontal) erhoben. Mod. nach Macek
                                                                      Z. Neurologie in der ärztlichen Praxis. Urban und Schwarzenberg, München, 1970, mit
können. Kompensation und Restitution können sich in der               Genehmigung von Elsevier.
neurovisuellen Rehabilitation gut ergänzen [9].                       1. Völliger Ausfall des linken Auges bei Unterbrechung des Nervus opticus links.
                                                                      2. Bitemporale Hemianopsie bei Unterbrechung der kreuzenden Sehbahnanteile im
                                                                          Chiasma opticum.
Im Folgenden werden Beispiele der Plastizität entlang der             3. Nasale Hemianopsie des linken Auges bei Unterbrechung der nichtkreuzenden
Sehbahn (nach retinalen, prä- und postchiasmatischen Läsio-               Nervenbahn vom linken Auge.
                                                                      4. Homonyme rechtsseitige Hemianopsie bei Unterbrechung des Tractus opticus
nen) diskutiert und daraus abgeleitet Möglichkeiten der Be-               links.
handlung aufgezeigt.                                                  5. Obere rechtsseitige Quadrantenhemianopsie.
                                                                      6. Untere rechtsseitige Quadrantenhemianopsie.
                                                                      7. Vollständige homonyme rechtsseitige Hemianopsie (eventuell mit Aussparung
Abbildung 1 zeigt typische Gesichtsfelddefekte nach postreti-             des Zentrums, da die Macula lutea in der Sehrinde doppelseitig repräsentiert ist).
nalen Läsionen sowie das Ergebnis einer Diagnostik im Falle           8. Homonymer Ausfall im Makulabereich (Läsion des Okzipitalpols).
eines glaukombedingten Gesichtsfelddefektes.                          9. Segmentaler temporaler Ausfall des rechten Auges (äußerste Peripherie des Ge-
                                                                          sichtsfelds nur in einer Sehbahn betroffen).
                                                                      10. Gesichtsfeldausfall bei Glaukom.
„ Plastizität nach retinalen Läsionen                                 OS = linkes Auge; OD = rechtes Auge

Akute Schädigung der Retina im Tierexperiment                         führen, die die kortikale Läsion umgeben (Randbereiche,
Im Tierexperiment wurden retinale Läsionen häufig experi-             Penumbra) [15].
mentell erzeugt, um Reorganisationsprozesse in deafferen-
tierten (deprivierten) kortikalen Bereichen zu untersuchen.           Keck et al. [16] zeigten kürzlich an adulten Mäusen, dass nach
Bereits in frühen Tierstudien konnte gezeigt werden, dass sich        kleinen retinalen Läsionen im deafferentierten Kortex eine
visuelle Defekte nach Läsionen (aber auch nach sensorischer           komplette Umsetzung dendritischer Dornen innerhalb von 2
Deprivation) entweder spontan oder trainingsinduziert erho-           Monaten stattfand. Die Rate, mit der postsynaptische Ver-
len können [10], was mit einer gewissen Reorganisation re-            bindungen untergehen und wieder neu geknüpft werden, sei
zeptiver Felder einhergeht [1, 11–13]. Chino et al. [14], die         3-fach höher als diejenige in intakten Arealen. Zweifel an
eine quantitative Analyse der Charakteristika „reaktivierter          kortikaler Reorganisation meldeten aber Smirnakis et al. [17]
Neuronen“ nach retinaler Läsion bei Katzen durchführten,              an, die in erwachsenen Makaken auch 7,5 Monate nach
fanden, dass 98 % der deafferenzierten Neuronen innerhalb             retinaler Läsion keine topographischen Änderungen anhand
von 3 Monaten neue rezeptive Felder ausbildeten. Die Eigen-           der BOLD-Antwort beobachten konnten. Laut Calford et al.
schaften dieser rezeptiven Felder seien zwar normal, jedoch           [18] ist die BOLD-Antwort jedoch ein indirektes und un-
wiesen sie eine reduzierte Kontrastsensitivität auf. Die lokale,      reliables Maß zur Feststellung von Plastizität, sodass bei Feh-
kortikale Reorganisation äußerte sich in einer Positionsver-          len von Hinweisen auf Plastizität anhand der BOLD-Antwort
schiebung und Vergrößerung der rezeptiven Felder. Nähere              nicht auf ein Fehlen von Plastizität geschlossen werden kann.
Untersuchungen sowohl retinaler als auch kortikaler Läsionen
gehen mit reduzierter GABAerger Hemmung und erhöhter                  Neben Beobachtungen von Plastizität nach akuten, strukturel-
glutamaterger Exzitation einher, welche zu erhöhter Spontan-          len Retinaläsionen in Tierexperimenten gibt es auch Evidenz
aktivität und erhöhter visueller Erregbarkeit in den Regionen         für Plastizität nach Retinaläsionen beim Menschen.

                                                                                                   J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2010; 11 (1)            19
Funktionserholung und Plastizität nach Schädigung der zentralen Sehbahn - Krause und ...
Plastizität nach zentralen Sehbahnläsionen

Plastizität bei Makuladegeneration                                    Patienten im Vergleich zu alters- und geschlechtsgematchten
Perzeptuelle Plastizität zeigt sich u. a. bei Patienten mit alters-   normalsichtigen Probanden ausgedehnte afferente Atrophien
assoziierter Makuladegeneration („age-related macular dege-           innerhalb des geniculo-striären Systems, welche beginnend
neration“ [AMD]), die für den Bereich des Gesichtsfeldaus-            beim Sehnerv über die optische Sehstrahlung bis hin zum
falls das „Filling-in“-Phänomen zeigen [19–22]. Im Bereich            visuellen Kortex beobachtet wurden. Der Schaden war so
des Gesichtsfeldausfalls und in dessen Randzone wurden                massiv, dass der Volumenverlust im Bereich des visuellen
visuelle Halluzinationen infolge der Deafferentierung berich-         Kortex ca. 25 % betrug. Das Pulvinar und dessen Projektio-
tet (Charles-Bonnet-Syndrom), die mit Zeiträumen verstärk-            nen zu assoziativen visuellen Arealen waren ebenfalls massiv
ter spontaner Verbesserungen zusammenfielen [23, 24]. Ein             atrophiert und auch im mittleren temporalen Kortex und in
weiterer Anhaltspunkt für perzeptuelle Plastizität bei Patien-        den Brodman-Arealen 18/19 fand sich ein Volumenverlust
ten mit Makuladegeneration ist die spontane Ausbildung                von ca. 20 %. Weiterhin wurden Veränderungen der weißen
eines oder mehrerer bevorzugter „retinaler Orte“ („preferred          Substanz im inferioren longitudinalen Tractus und im poste-
retinal location“ [PRL]), die von den Patienten für eine exzen-       rioren Teil des Corpus callosum beobachtet.
trische Fixation genutzt werden. Hier kompensieren Patienten
Schädigungen im Bereich der Fovea dadurch, dass sie andere,           Bei kongenitaler Blindheit findet nun eine „intermodale
noch intakte (oder teilintakte) Gebiete der Retina am Rande           Plastizität“ statt. Im „visuellen“ Kortex von Blinden werden
des Schadens nutzen, um Objekte zu fixieren [25–27]. Mithil-          somatosensorische und auditive Reize verarbeitet, sodass eine
fe dieser „exzentrischen Fixation“ kann das Lesen wiederer-           Neuverschaltung neuronaler Verbindungen sehr wahrschein-
lernt [28–30] und die PRL durch Training optimiert werden             lich ist, die nichtvisuelle sensorische Informationen zum visu-
[31]. Nilsson et al. stellten fest, dass untrainierte PRL oftmals     ellen Kortex leitet [38, 39]. Wie diese Neuverschaltung gear-
linksseitig der retinalen Läsion und somit auch linksseitig des       tet ist und ob sie interindividuell ähnlich abläuft, ist jedoch
Skotoms, d. h. an einer zum Lesen sehr ungeeigneten Posi-             noch nicht ausreichend geklärt.
tion, liegen [30]. Durch Training kann in der Mehrzahl der
Patienten eine PRL ober- oder unterhalb des Skotoms erlernt           Park et al. [40] untersuchten die neuronale Reorganisation im
und die Lesegeschwindigkeit dadurch substanziell erhöht               visuellen Kortex bei früh erblindeten Patienten mit Diffu-
werden [29, 30].                                                      sionstensorbildgebung. Hauptsächlich im Bereich der primä-
                                                                      ren Sehbahn fanden sie reduzierte Anisotropie und erhöhte
In Einzelfallstudien zeigten Patienten mit AMD kortikale              Diffusion im Vergleich zu sehgesunden Probanden. Verände-
topographische Reorganisation in Bereichen des der Fovea              rungen der regionalen Diffusionsrichtung wurden nicht nur in
topographisch zugeordneten Kortexareals [32, 33]. In kortika-         der Sehbahn, sondern auch in nicht-visuellen Arealen wie den
len Regionen, die vormals ausschließlich zentrale (foveale)           U-Fasern des Parietallappens, dem Striatum, dem Pulvinar
visuelle Informationen verarbeiteten, konnten nun Aktivie-            sowie dem inferioren und superioren longitudinalen Fascicu-
rungen auch durch periphere Stimuli erzeugt werden. Diese             lus beobachtet. Bei diesen Veränderungen handelt es sich um
Reorganisation wurde jedoch nur dann beobachtet, wenn der             Anpassungen auf frühen Verlust der Strukturen des visuellen
foveale Funktionsverlust vollständig war, d. h. ohne Ausspa-          Systems, die möglicherweise ein Korrelat von Hyperfunktio-
rung. Schumacher et al. [34] zeigten, dass die Reorganisation         nen anderer sensorischer Systeme (insbesondere Hörvermö-
von der Ausbildung exzentrischen Sehens abhängig ist.                 gen und Somatosensorik) sind, die Blinde für eine Orientie-
                                                                      rung im Raum benötigen [41].

Plastizität bei Glaukom
                                                                      „ Plastizität nach prächiasmatischen
Ein Glaukom ist eine optische Neuropathie, bei der retinale
Ganglienzellen selektiv absterben und typische glaukomatöse             Läsionen
Skotome entstehen können, die den Patienten aber zumeist              Prächiasmatische Läsionen können topographisch vielgestal-
erst bei fortgeschrittenem Nervenzellverlust bewusst werden.          tige Gesichtsfelddefekte zur Folge haben. Konzentrische Ein-
Da einige retinale Ganglienzellen innerhalb der geschädigten          engungen des Gesichtsfelds werden nach Kompression der
Netzhautregion überleben [35] und der deafferentierte visuelle        äußeren Faseranteile des Sehnervs beobachtet. Gesichtsfeld-
Kortex Plastizität hinsichtlich einer örtlichen Verschiebung          defekte bei glaukomatöser Optikusatrophie sind hingegen in
und Vergrößerung rezeptiver Felder zeigt, scheint auch beim           der Regel parazentral, sodass die (zentrale) Sehschärfe relativ
Glaukom eine generelle Behandelbarkeit des visuellen Funk-            unbetroffen bleibt. Sehnervläsionen sind auch nach traumati-
tionsverlustes möglich. Gudlin et al. [36] stimulierten in einer      scher und entzündlicher Genese zu beobachten.
Pilotstudie 5 Patienten mit primärem Offenwinkelglaukom
mit repetitiven schwellennahen Lichtreizen und beobachteten           Wenn man annimmt, dass Plastizität nach Retinaläsionen vor
Verbesserungen der Wahrnehmung von Lichtreizen in Peri-               allem im visuellen Kortex auftritt, so kann kortikale Plastizi-
metrien des zentralen Gesichtsfelds bei 4 Patienten. Aufgrund         tät auch nach Schädigung des Nervus opticus erwartet wer-
der kleinen Stichprobe und fehlender Replikation der Studie           den.
steht ein endgültiger Wirksamkeitsnachweis aber noch aus.
                                                                      Abbildung 2 zeigt die Gesichtsfelder sowie die Bébié-Kurven
                                                                      zur Darstellung der Gesichtsfeldtopographie eines Patienten
Kongenitale Blindheit und frühe Erblindung                            mit Optikusneuritis. Der prächiasmatische Gesichtsfeldaus-
Ptito et al. [37] untersuchten funktionelle Veränderungen des         fall ist in der Regel heteronym, d. h. er zeigt auf beiden Augen
Sehsystems bei kongenitaler Blindheit. Sie fanden bei blinden         eine unterschiedliche Topographie. Zudem sind die Über-

20    J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2010; 11 (1)
Plastizität nach zentralen Sehbahnläsionen

                                                                                        nalen Ganglienzellen fördern. Dagegen konnte ohne Linsen-
                                                                                        verletzung keine Regeneration von durchtrennten Ganglien-
                                                                                        zellaxonen festgestellt werden. Dieser Effekt wurde auch
                                                                                        durch andere Forschungsgruppen bei verschiedenen Spezies
                                                                                        bestätigt [66–68]. Zusätzlich trat bei Langzeitversuchen das
                                                                                        Phänomen auf, dass regenerierende Axone über das Chiasma
                                                                                        opticum hinaus bis in ihr natürliches Zielgebiet, den Collicu-
                                                                                        lus superior, wachsen konnten. Die regenerierenden Axone
                                                                                        wuchsen bei Durchquerung des Chiasma opticus nahezu kom-
                                                                                        plett auf die kontralaterale Seite hinüber; sie „rekapitulierten“
                                                                                        somit ihren ursprünglichen Verlauf [64, 69]. Das Ausmaß
                                                                                        der Regeneration ist mit 1–2 % der Axonen aber sehr be-
                                                                                        schränkt.

                                                                                        Neuroprotektive Ansätze ergaben, dass nicht jede Substanz,
                                                                                        die sich als neuroprotektiv erwies, auch zu einer besseren
                                                                                        Regeneration nach Axotomie führte. So konnte nach Applika-
                                                                                        tion von BDNF („brain-derived neurotrophic factor“) zwar
                                                                                        ein besseres Überleben axotomierter Ganglienzellen erzielt
                                                                                        werden, aber keine Erhöhung der Anzahl [70–73]. Auch der
                                                                                        allgemeine Caspase-Hemmer ZVAD (Z-Val-Ala-Asp-CH2F)
                                                                                        verbesserte das Überleben von retinalen Ganglienzellen, aber
                                                                                        nicht die Regeneration von Axonen [74]. Dagegen wirkte
                                                                                        nach Transplantation eines peripheren Nervs die Applikation
Abbildung 2: Monokulare Perimetrien eines Patienten mit Optikusneuritis. Es sind        von CNTF („ciliary neurotrophic factor“) fördernd auf die
die einzelnen Schwellenwerte (oben) entsprechend ihrer Abweichung von der Emp-          Regeneration [73, 75–78]. Des Weiteren konnte in aktuellen
findlichkeitsnorm in Grauwerten dargestellt (Mitte). Kumulative Bébié-Defektkurven
(unten) können der Veranschaulichung des Übergangs zwischen intaktem und absolut
                                                                                        Studien gezeigt werden, dass durch elektrische Stimulation
geschädigtem Gesichtsfeldareal dienen. In diesem Einzelfall ist ersichtlich, dass auf   des Sehnervs gleichfalls eine neuroprotektive Wirkung erzielt
dem rechten Auge (OD) ein partieller Sehnervschaden vorliegt, der einem halbseiti-      wurde [79–82]. Nach Transsektion des Sehnervs konnte das
gen Ausfall entspricht. Auf dem linken Auge (OS) zeigt sich jedoch kein homonymes
Bild sondern ein diffuser Ausfall. Entsprechend zeigt die Bébié-Defektkurve für den
                                                                                        Absterben retinaler Ganglienzellen sowohl durch direkte Sti-
diffusen Ausfall einen flachen und für den Halbseitenausfall einen steilen Gradien-     mulation des Sehnervs als auch durch transkorneale elektri-
ten. Die Gesichtsfelder wurden mit dem Twinfield-Perimeter (Oculus, Lynnwood, WA)       sche Stimulation gemindert werden [80, 81].
erhoben.

                                                                                        Ein weiterer Ansatz zur neurobiologischen Klärung der funk-
gangsbereiche zwischen intaktem und geschädigtem Ge-                                    tionellen Erholung nach Läsion ist die in unserem Labor etab-
sichtsfeld bei prächiasmatischen im Vergleich zu den später                             lierte und in der Literatur ausführlich beschriebene graduelle
besprochenen postchiasmatischen Läsionen diffuser.                                      Quetschung des Nervus opticus (ONC) [83–85]. ONC führt
                                                                                        zum retrograden Verlust von ca. 80–90 % der retinalen Gang-
                                                                                        lienzellen; der massivste Zelltod tritt innerhalb der ersten 1–2
Schädigung des Sehnervs im Tiermodell                                                   Wochen auf [84, 86, 87]. Etwa 10–20 % der retinalen Gangli-
Zahlreiche tierexperimentelle Studien befassen sich mit Neu-                            enzellen überleben den Schaden und bleiben mit ihrem Ziel-
roprotektion, Regeneration und funktioneller Wiederherstel-                             gebiet (Colliculus superior) verbunden. Dies konnte sowohl
lung nach akuter Schädigung des Nervus opticus [42–61].                                 in vitro durch die Meerrettich-Peroxidase-Methode [84] als
                                                                                        auch in vivo durch das „In Vivo Confocal Neuroimaging“-
Das am häufigsten beschriebene Modell zur Untersuchung                                  (ICON-) Verfahren nachgewiesen werden [57, 87–89]. Es
der Regeneration von Ganglienzellaxonen ist das Transplan-                              war auffällig, dass bei überlebenden „gesunden“ Zellen die
tat peripherer Nerven, welches an den bulbären Stumpf des                               Größe des Zellkörpers [88, 89] und die Kalziumaktivität kom-
durchtrennten Sehnervs angenäht wird. Mit dieser Methode                                pensatorisch zunahmen [57]. Dies könnte erklären, warum
wurden in der Vergangenheit an verschiedenen Spezies be-                                sich trotz eines massiven retrograden Zelltods nach einem an-
deutende Erkenntnisse zur Regenerationsfähigkeit von axo-                               fänglichen Sehleistungsverlust alle bisher beobachteten Ver-
tomierten Ganglienzellen gewonnen. So konnte bei Ratten                                 haltensparameter erholten. Obschon diese Erholung nicht
beobachtet werden, dass die Axone im Idealfall mit einer Ge-                            vollständig war, stieg die Leistung in Sehaufgaben von an-
schwindigkeit von ca. 1,3 mm pro Tag durch das Transplantat                             fänglich 10–30 % unmittelbar nach der Läsion in der Regel
wuchsen und bei Erreichen des Endes aus dem Transplantat                                auf ca. 80–90 % nach 2–3 Wochen an [87, 89]. Dieser Zeit-
heraustraten und mit den Neuronen des Colliculus superior                               verlauf und auch das Ausmaß der Funktionserholung waren
synaptische Verbindungen bildeten. Diese Synapsen waren                                 zwischen den unterschiedlichen Experimenten konsistent.
nicht nur morphologisch präsent, sondern nahmen ihre Funk-                              Funktionelle Erholung der Sehleistung konnte auch in ganz
tion der Übermittlung visueller Reize auf [46, 62]. Fischer et                          unterschiedlichen Verhaltensaufgaben beobachtet werden:
al. [63, 64] und Leon et al. [65] beobachteten, dass eine Ver-                          visuell induziertes Orientierungsverhalten [83, 85], Hellig-
letzung der Linse mit dem Einströmen von Makrophagen in                                 keitsdiskrimination [84] und auch Mustererkennung [86, 89–
das Auge verbunden ist und diese die Regeneration von reti-                             93] erholten sich spontan innerhalb von ca. 2–3 Wochen.

                                                                                                             J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2010; 11 (1)   21
Plastizität nach zentralen Sehbahnläsionen

Optikusneuritis                                                  geschädigten Anteilen des Gesichtsfelds mit Lichtreizen, die
Wurde der Sehnerv des Menschen durch entzündliche Prozes-        mithilfe von Computertrainingsverfahren präsentiert werden,
se geschädigt, konnte oftmals eine starke spontane Funktions-    konnte eine signifikante Funktionsverbesserung beobachtet
erholung innerhalb der ersten Wochen und Monate bis hin zu       werden, die sich in einer Vergrößerung des Gesichtsfelds und
normaler Sehschärfe beobachtet werden, wobei jedoch eine         einer verbesserten Sehschärfe äußerte [9, 100].
verminderte Leitgeschwindigkeit bestehen bleibt, die in ver-
längerten Latenzen visuell evozierter Potenziale sichtbar wird   „ Erholung nach postchiasmatischen
[6, 94, 95].
                                                                   Läsionen
Korsholm et al. [96] untersuchten an einer Stichprobe von 19     Läsionen des okzipitalen Kortex verursachen kontralaterale
Patienten mit durch Multiple Sklerose verursachter Optikus-      Ausfälle in korrespondierenden Bereichen des Gesichtsfelds.
neuritis Aktivierungen im Nucleus geniculatum laterale           Sind die Läsionen des primären visuellen Kortex unilateral, so
(LGN) und im visuellen Kortex sowohl im akuten Zustand           ist der Patient nicht mehr in der Lage, visuelle Informationen
sowie 3 und 6 Monate nach der Läsion mit funktioneller           im kontralateralen Halbfeld wahrzunehmen, es liegt eine
Bildgebung. In der akuten Phase war die Aktivierung im LGN       Hemianopsie vor. Nelles et al. [101, 102] untersuchten bei
und visuellen Kortex bei Stimulation des geschädigten Auges      Patienten mit ischämischen Läsionen des visuellen Kortex
signifikant herabgesetzt. Der Unterschied in der Aktivierung     und partiell spontan remittierten Gesichtsfelddefekten Verän-
des intakten und geschädigten Auges nahm jedoch im Laufe         derungen der neuronalen Aktivität mittels funktioneller Bild-
der Zeit ab und war nach 6 Monaten nicht mehr signifikant.       gebung. Während in einer Kontrollgruppe sehgesunder Pro-
Dies konnte sowohl auf eine Zunahme der Aktivierung bei          banden das Aktivitätsmaximum bei Halbfeldstimulation im
Stimulation des geschädigten Auges als auch auf eine Abnah-      kontralateralen visuellen Kortex und bilateral im extrastriären
me der Aktivierung bei Stimulation des intakten Auges zu-        Kortex beobachtet wurde, zeigte sich in der Patientengruppe
rückgeführt werden. Adaptive kortikale Reorganisationen          bei Stimulation des hemianopen Halbfelds eine stärkere ipsi-
wurden in der Studie von Korsholm et al. [96] jedoch nicht       laterale Aktivierung im extrastriären Kortex.
beobachtet. Neben der stark reduzierten Aktivierung des visu-
ellen Kortex repräsentieren möglicherweise extraokzipitale       Im Vergleich zu relativ häufigen Beobachtungen der sponta-
Aktivierungen eine adaptive Reorganisation der zerebralen        nen und trainingsinduzierten Restitution von Gesichtsfeld-
Aktivität [97, 98]. Diese wurden in der rechten Insula/Claus-    defekten wurden kortikale Reorganisationsprozesse nach spät
trum, lateralen Teilen des temporalen und posterior-parietalen   erworbenen Läsionen auf Ebene des visuellen Kortex nur sehr
Kortex sowie im Thalamus beobachtet [97]. Es handelt sich        selten untersucht [103]. Wie bereits dargelegt, zeigen hin-
somit um Strukturen, die an der visuellen Verarbeitung auf       gegen Patienten mit frühen Erblindungen massive Reorga-
integrativer, multisensorischer Ebene beteiligt sind. Das Vo-    nisationen im Vergleich zu sehgesunden Probanden, wie z. B.
lumen dieser extraokzipitalen Aktivierungen, die nur für das     Aktivierungen des visuellen Kortex beim Lesen von Braille-
geschädigte und erholte Auge, nicht jedoch für das intakte       Schrift [104, 105].
Auge gefunden wurden, korrelierte hoch mit verlängerten
Latenzen visuell evozierter Potenziale [97].
                                                                 Plastizität nach Läsionen des visuellen Kortex
Zusammenfassend scheinen Veränderungen der Aktivitäts-           im Tiermodell
muster im Laufe der Funktionserholung insbesondere in            Für das Verständnis von Mechanismen der Funktionserho-
extrastriären Gebieten mit Funktionsverbesserungen einher-       lung sind insbesondere tierexperimentelle Befunde von Inter-
zugehen [7, 97, 98]. Es ist jedoch noch nicht geklärt, inwie-    esse, bei denen die Organisation und Reorganisation mit phy-
weit diese Aktivierungsänderungen hinreichend bzw. not-          siologischen Methoden untersucht wurden.
wendig für den Erholungsprozess sind.
                                                                 Experimentelle Läsionen des visuellen Kortex sind im Ver-
Für die Klinik ist vor allem interessant, inwieweit funktio-     gleich zu retinalen experimentellen Läsionen relativ selten
nelle Erholung im Sehsystem beeinflussbar ist, allerdings gibt   durchgeführt worden. Am Affen wurden retrograde Degene-
es bisher nur wenige Versuche einer therapeutischen Inter-       rationen im dorsalen Nucleus geniculatum laterale und parvo-
vention. So führten Fujikado et al. [99] eine transkorneale      zellulärer retinaler Ganglienzellen in Abhängigkeit von der
elektrische Stimulation (TES) an Patienten mit ischämischer      Größe der Läsion in V1 beobachtet [106–108]. Eysel et al.
Optikusneuropathie durch. Die TES wurde einmalig für eine        [109] zeigten, dass im visuellen Kortex adulter Katzen die
Dauer von 30 min. mit 600–800 microAmp bei einer Fre-            rezeptiven Felder in den Randbereichen von Läsionen vergrö-
quenz von 20 Hz durchgeführt. Die Stimulation führte zu          ßert sind.
Verbesserungen der Sehschärfe von ≥ 0,3 logMAR bei 6 von
8 behandelten Patienten. Aufgrund der kleinen Stichprobe         In Studien an Makaken mit V1-Läsionen fanden erstmals
und fehlender Replikation der Studie steht ein endgültiger       Cowey und Weiskrantz [110, 111], dass die Fähigkeit, visu-
Wirksamkeitsnachweis noch aus.                                   elle Reize im blinden Bereich des Gesichtsfelds zu erkennen
                                                                 und zu lokalisieren, bestehen bleibt. Diese Fähigkeiten wur-
Neben der Elektrostimulation kann die Erholung von Seh-          den durch Training erworben, die Verbesserungen traten nicht
leistungen nach Läsionen des Nervus opticus auch durch           spontan auf [110, 112] und waren hauptsächlich auf trainierte
Verhaltenstraining erreicht werden. Durch intensive repeti-      Bereiche des Gesichtsfelds beschränkt [112]. Wenn die
tive Reizung der Übergangsbereiche zwischen intakten und         Läsionierung in höherem Alter stattfand, sank die Fähigkeit,

22   J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2010; 11 (1)
Plastizität nach zentralen Sehbahnläsionen

visuelle Reize zu erkennen und zu lokalisieren [113–115]. Ein    Wiederholte Stimulation von Bereichen, in denen Blindsight
enger Zusammenhang mit dem Blindsight-Phänomen beim              beobachtet wurde, kann zu einer Verbesserung der dort gemes-
Menschen ist anzunehmen [114, 116].                              senen Leuchtdichteunterschiedsschwellen führen [131, 132],
                                                                 wie dies auch für den Übergangsbereich zwischen intaktem
                                                                 und geschädigtem Gesichtsfeldareal nach wiederholten Mes-
Blindsight                                                       sungen der Inkrementalschwellen beobachtet wurde [133].
Trotz kortikaler Erblindung können unter bestimmten experi-
mentellen Bedingungen auch beim Menschen bestimmte               Während der absolut geschädigte Bereich über die oben be-
Wahrnehmungseigenschaften innerhalb des Gesichtsfeld-            schriebenen „Restfunktionen“ verfügt, weist der intakte Be-
ausfalls nachgewiesen werden; hierzu zählt insbesondere die      reich des Gesichtsfelds mitunter subtile Defizite, z. B. in der
Bewegungswahrnehmung. Nach kortikaler Erblindung ist in          Gestaltwahrnehmung auf, die mit perimetrischer Gesichts-
der Regel keine bewusste visuelle Wahrnehmung in korres-         feldmessung allein nicht messbar sind [134, 135].
pondierenden Gesichtsfeldbereichen mehr möglich. Residua-
le, zumeist unbewusste Bewegungs- [117–119], Form- [120]
und Farbwahrnehmung [121–123], wurden jedoch innerhalb           Residualsehen an der Gesichtsfeldgrenze
von Gebieten des Gesichtsfelddefekts zuerst von Pöppel et al.    Perimetrische Gesichtsfeldvermessungen (Abb. 1) dienen
beobachtet [124] und von Weiskrantz als „Blindsight“ bezeich-    in der Regel der Bestimmung der Lage und des Ausmaßes
net [125]. Am häufigsten bleibt innerhalb des blinden Areals     eines Gesichtsfeldausfalls, wobei die Identifikation der Ge-
die Bewegungswahrnehmung erhalten; einige Patienten mit          sichtsfeldgrenze im Vordergrund steht, d. h. die Ausdehnung
striären Läsionen sind in der Lage, bewegte Reize im Skotom      des verbliebenen intakten Gesichtsfelds in Abgrenzung zum
zu erkennen und bei einfachen im Vergleich zu komplexen          ausgefallenen Gesichtsfeldbereich. In der kinetischen Peri-
Reizen auch deren Richtung anzugeben [118, 119].                 metrie werden Leuchtmarken von außen in das Gesichtsfeld
                                                                 des Patienten hineinbewegt, sodass lediglich eine Abgren-
Blindsight wird in der Regel als unbewusstes Wahrneh-            zung des intakten und ausgefallenen Gesichtsfelds möglich
mungsphänomen beschrieben, da der Patient zwar berichtet,        ist.
nichts gesehen zu haben und dennoch eine über der Ratewahr-
scheinlichkeit liegende Trefferquote in „Forced-choice“-Ver-     Eine präzise, funktionelle Charakterisierung der verschiede-
suchsanordnungen zeigt. Blindsight scheint jedoch mehr zu        nen Bereiche des Gesichtsfelds nicht nur bezüglich intakter
sein als eine unbewusste Form des normalen Sehvermögens          und ausgefallener Areale (absolute Defekte), sondern auch
[126]. Es wurden auch bewusste Formen beschrieben [125].         unter Berücksichtigung von Arealen mit residualem Sehen
Zudem kann sich bewusste visuelle Wahrnehmung entwi-             (relative Defekte) wird bedeutsam, wenn der Versuch unter-
ckeln, wenn die kortikale Erblindung im frühen Kindesalter       nommen werden soll, in diesen Bereichen Verbesserungen
auftrat [127].                                                   der Sehfunktionen zu erzielen [136–141]. Die meisten peri-
                                                                 metrischen Methoden sind aber nicht für eine Diagnose von
Blindsight beruht nicht auf intakten residualen Bereichen des    residualen visuellen Funktionen konzipiert. Daher wird neben
primären visuellen Kortex [125]. Eine naheliegende Erklä-        der statischen Schwellenperimetrie, in der relative Defekte
rung für das Auftreten von Blindsight sind alternative Path-     Positionen im Gesichtsfeld entsprechen, an denen die Leucht-
ways, die visuelle Informationen von der Retina zu extrastriä-   dichteunterschiedsempfindlichkeit herabgesetzt ist, eine spe-
ren kortikalen Arealen prozessieren. Dies kann wahrschein-       ziell entwickelte Computerkampimetrie verwendet, in der
lich dadurch erklärt werden, dass bei Läsionen des primären      überschwellige Lichtreize dargeboten werden [137]. Abbil-
visuellen Kortex (V1) Projektionen der Retina über das           dung 3 zeigt das Ergebnis einer binokularen Computerkampi-
Genikulatum und Pulvinar/Colliculus unbeschädigt bleiben,        metrie des Patienten aus Abbildung 2. Es ist zu erkennen, dass
sodass die Area V5 afferente Inputs ohne V1-Beteiligung          die wiederholte Darbietung von Reizen im Übergangsbereich
erhält. Hierfür spricht, dass einige Neuronen des dorsalen       zu inkonsistenten Detektionen führt (Graubereiche), während
Nucleus geniculatum laterale und sogar retinale Ganglienzel-     intakte Bereiche durch eine konsistente Reizerkennung (wei-
len (in zu der kortikalen Läsion retinotopischen Gebieten)       ße Bereiche) und absolut defekte Bereiche durch eine konsis-
lange Zeit überleben können [128]. Es handelt sich hierbei je-   tente Nichterkennung (schwarze Bereiche) charakterisiert
doch um Untersuchungen an Affen und es ist bekannt, dass         sind. Die Helligkeit der dargebotenen Lichtreize ist von ent-
das Überleben dieser Zellen durch Projektionen in extrastriäre   scheidender Bedeutung für die Charakterisierung des Ge-
Gebiete, insbesondere V4 und MT, begründet ist.                  sichtsfelds in intakte, residual (teilgeschädigte) und absolut
                                                                 geschädigte Bereiche. Bei Verwendung hellerer (kontrastrei-
Das Blindsight-Phänomen ist hochgradig von den Eigen-            cherer) Lichtreize wird der intakte Gesichtsfeldbereich ent-
schaften der verwendeten Reize und deren räumlich-zeitlicher     sprechend größer kartiert als bei Verwendung dunklerer
Darbietung abhängig. Es ist daher nicht möglich, anhand der      (kontrastärmerer) Lichtreize.
Studienlage abzuschätzen, wie häufig Blindsight bei Patien-
ten mit postchiasmatischen Läsionen auftritt. In einer Studie    An der Grenze des geschädigten Gesichtsfeldareals können
von Schärli et al. [129] wurde Blindsight nur bei einem von      oft Übergangszonen beobachtet werden, die in Größe und
insgesamt 9 untersuchten Patienten mit homonymen Gesichts-       Form beträchtlich variieren [137]. Abbildung 2 zeigt, dass bei
felddefekten nach Läsionen des visuellen Kortex beobachtet.      Vorliegen eines abrupten Übergangs zwischen intaktem und
Wüst et al. [130] fanden das Blindsight-Phänomen auch bei        geschädigtem Gesichtsfeldbereich in der Perimetrie dement-
Patienten mit Läsionen des Nervus opticus.                       sprechend steile Schwellengradienten (Bébié-Kurve) vorlie-

                                                                                      J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2010; 11 (1)   23
Plastizität nach zentralen Sehbahnläsionen

                                                                                        Neben der Detektion von Lichtreizen sind auch andere visu-
                                                                                        elle Funktionen im Übergangsbereich beeinträchtigt. Sowohl
                                                                                        objektive Untersuchungen als auch subjektive Patienten-
                                                                                        berichte deuten darauf hin, dass die Qualität der visuellen
                                                                                        Wahrnehmung dort erheblich gemindert ist. Neben einer
                                                                                        Reaktionszeiterhöhung auf dargebotene Lichtreize können
                                                                                        Farben und Formen zwar wahrgenommen, jedoch schlecht
                                                                                        diskriminiert werden [100, 139]. In subjektiven Berichten er-
                                                                                        wähnen Patienten den Eindruck eines Schattens oder diffusen
                                                                                        Sehens im Übergangsbereich.

                                                                                        Residualsehen im Übergangsbereich ist der Teil des Gesichts-
                                                                                        felds, der die größte Variabilität aufweist. Zihl et al. [142]
                                                                                        beobachteten tagesperiodische Schwankungen der Gesichts-
                                                                                        feldgröße, die bis zu 10° betragen konnten. Eine mögliche
                                                                                        Ursache für Schwankungen der Gesichtsfeldausdehnung und
                                                                                        intraindividuell variierendes Residualsehen sind periodische
                                                                                        Schwankungen der Hirnaktivität insbesondere im Bereich des
                                                                                        Alpha-Bandes (8–14 Hz) [143, 144]. Romei et al. [143, 144]
                                                                                        beobachteten, dass Fluktuationen im Alpha-Band hoch mit
                                                                                        der Wahrscheinlichkeit korrelierten, einen visuellen Stimulus
                                                                                        wahrzunehmen. Diese Fluktuationen könnten daher den Er-
                                                                                        regungszustand des visuellen Kortex widerspiegeln und einen
                                                                                        Beitrag zur Erklärung des Auftretens inkonsistenter Reiz-
                                                                                        detektionen bei Patienten mit Gesichtsfeldausfällen leisten.
                                                                                        Darüber hinaus gibt es einen Zusammenhang zwischen der
                                                                                        klinischen Beobachtung des Residualsehens und Schwankun-
                                                                                        gen in der räumlichen Aufmerksamkeit, die ebenfalls mit dem
Abbildung 3: Binokulare Messung des zentralen Gesichtsfelds mit überschwelliger
Kampimetrie (im Detail beschrieben bei [137–140]) unter Kontrolle der Augenbewe-        Erregungszustand des visuellen Kortex assoziiert ist [145–
gungen durch einen infrarotbasierten Eye-Tracker (Tobii ET1750, Tobii Technology,       148].
AB, Schweden). Es zeigt sich, dass unreliable Reizwahrnehmungen (graue Positio-
nen) wie im oberen Bild dargestellt auch bei relativ guter Fixation beobachtet wurden
(unterer Teil des Bildes).                                                              Die Ergebnisse einer Studie von Gothe et al. [149] legen nahe,
                                                                                        dass die Erzeugung von Phosphenen durch transkranielle
                                                                                        Magnetstimulation über dem visuellen Kortex ein Indikator
gen. Dies ist hauptsächlich bei Patienten mit kompletten                                für residuale Funktionen sein kann. Sie zeigten, dass die
homonymen Hemianopsien nach postchiasmatischen Läsio-                                   Wahrscheinlichkeit, mit der Phosphene ausgelöst werden
nen des visuellen Systems der Fall. Komplette Halbseitenaus-                            konnten, bei blinden Patienten mit Residualsehen deutlich
fälle auf nur einem Auge können jedoch auch nach Läsionen                               höher war als bei blinden Patienten ohne Residualsehen.
des Sehnervs entstehen, wie das Beispiel des Patienten in
Abbildung 2 zeigt. Insbesondere Patienten mit prächiasmati-                             Poggel et al. [150] zeigten, dass einfache Phosphene haupt-
schen Läsionen zeigen flache Schwellengradienten mit breite-                            sächlich im Übergangsbereich zwischen intaktem und ge-
ren Gesichtsfeldgrenzen in der Perimetrie und entsprechend                              schädigtem Gesichtsfeld spontan auftraten und zu Zeitpunk-
großen Übergangsbereichen bei eher inhomogenen, verstreu-                               ten beobachtet wurden, bei denen Verbesserungen der visuel-
ten Gesichtsfelddefekten.                                                               len Funktionsfähigkeit entweder spontan oder trainingsindu-
                                                                                        ziert stattfanden. Gebiete des Residualsehens sind auch be-
Die Existenz des Residualsehens innerhalb einer Übergangs-                              sonders anfällig gegenüber Schwankungen durch modulie-
zone zwischen intakten und absolut geschädigten Gesichts-                               rende Einflüsse wie Aufmerksamkeit und Vigilanz. Darüber
feldarealen wird durch das Vorhandensein von teilgeschädig-                             hinaus ist wahrscheinlich, dass Sensibilitätsänderungen in
ten Hirnarealen erklärt, in denen noch einige Neuronen den                              den teilgeschädigten Arealen auftreten (z. B. Denervierungs-
Schaden überlebt haben. In diesen Gebieten wird visuelle                                supersensitivität, Rezeptorplastizität etc.), die dann mögli-
Information auf einem suboptimalen Level verarbeitet [137–                              cherweise zu Phosphenen und anderen visuellen Halluzinatio-
139]. Die Übergangszone hat ihre Entsprechung in relativen                              nen im Bereich des Residualsehens führen.
Defekten in der konventionellen statischen schwellennahen
Perimetrie und inkonsistenten Reizdetektionen in der stati-
schen, kampimetrischen, überschwelligen Gesichtsfeldmes-                                Spontanremission von Sehfunktionen
sung, wobei nicht ausreichend geklärt ist, ob relative Defekte                          Die Beschaffenheit des Übergangsbereichs bestimmt in der
am Automatikperimeter (gemessen mit Schwellenperimetrie                                 Regel das Ausmaß der spontanen und trainingsinduzierten
bei ansteigender Helligkeit bzw. Eingabelungsverfahren)                                 Restitution. Patienten mit breiter Gesichtsfeldgrenze zwi-
identisch sind mit Übergangsbereichen in der Kampimetrie,                               schen intaktem und geschädigtem Areal bzw. mit hoher An-
die durch multiple Messungen mit gleichbleibender Hellig-                               zahl relativer Defekte in der Perimetrie und dementsprechend
keit gefunden wurden.                                                                   großen Übergangsbereichen zeigen in der Regel ein größeres

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Plastizität nach zentralen Sehbahnläsionen

Ausmaß an Spontanremission [137, 139]. Derartige spontane         das anteriore Zingulum und den dorsolateralen frontalen Kor-
Erweiterungen des Gesichtsfelds sind bei ca. der Hälfte aller     tex sowie andere höhere visuelle Areale im okzipitotempora-
Patienten mit homonymen Hemianopsien im ersten Monat              len und medialen temporalen Kortex vermittelt.
nach der Läsion zu erwarten; die Wahrscheinlichkeit für
Spontanremissionen nimmt aber mit zunehmendem Läsions-            Eine Reihe weiterer Arbeiten legt ebenfalls nahe, dass Plasti-
alter ab [151].                                                   zitätsmechanismen innerhalb des visuellen Systems ein po-
                                                                  tenzielles Erklärungsmodell für Gesichtsfelderweiterungen
                                                                  darstellen [7, 101, 102, 166].
Trainingsinduzierte Restitution von Sehfunktio-
nen                                                               Studien mit postchiasmatisch geschädigten Patienten konnten
Mithilfe von Trainingsverfahren wurde über gezielte Stimula-      häufig Gesichtsfelderweiterungen nachweisen, für die neuro-
tion teilgeschädigter Areale des Gesichtsfelds eine teilweise     physiologische Korrelate gefunden wurden. Als ein grundle-
Funktionserholung erreicht und somit blinde Gesichtsfeldan-       gender Kritikpunkt an den Verfahren wurde jedoch geäußert,
teile verkleinert [9, 100, 139–141, 152–159]. Das wesentliche     dass das Ausmaß der Gesichtsfelderweiterung nicht klinisch
Stimulationsprinzip besteht in einer schrittweisen Erhöhung       relevant sei [167–169]. Verbesserungen der Stimulusdetek-
der Helligkeit, mit der Reize im Übergangsbereich dargebo-        tion in der Gesichtsfelddiagnostik gehen jedoch mit einer
ten werden. Das Trainingsprinzip ähnelt somit einer wieder-       ebenfalls verbesserten sehbezogenen Lebensqualität (gemes-
holten Messung der Inkrementalschwellen im Übergangs-             sen mit dem National Eye Institute-Visual Functioning Ques-
bereich. Wie in frühen Untersuchungen hierzu gezeigt wurde,       tionnaire [NEI-VFQ]) einher [170]; es wurden signifikante
konnte bei der Hälfte der mit einem derartigen Training der       Verbesserungen in 8 der 12 Subskalen beobachtet. Insbeson-
Leuchtdichteunterschiedsschwellen behandelten Patienten           dere Verbesserungen in den Subskalen „Allgemeine Seh-
ein Gesichtsfeldzuwachs von durchschnittlich mindestens 5°        kraft“, „Nahsehen“, „Einschränkungen der sozialen Funk-
erreicht werden [133, 136]. Dabei ist aber anzumerken, dass       tionsfähigkeit aufgrund von Sehproblemen“ und „Probleme
der Trainingserfolg eine hohe Variabilität aufweist, denn etwa    mit dem Autofahren aufgrund von Sehproblemen“ wiesen
1/3 der Patienten zeigen keine Verbesserungen [100, 139, 140,
                                                                  systematische Zusammenhänge mit verbesserter Reizdetek-
152, 153].                                                        tion in der Kampimetrie auf. Auch die allgemeine gesund-
                                                                  heitsbezogene Lebensqualität – erhoben mit dem Fragebogen
Eine weitere, in der klinischen Praxis häufiger angewandte        zum allgemeinen Gesundheitszustand (SF-36) – verbesserte
Trainingsmethode ist das Sakkaden- oder Explorationstrai-         sich nach dem Gesichtsfeldtraining. Im Gegensatz zur seh-
ning, mit dem Augenbewegungen in den blinden Bereich hin-         bezogenen Lebensqualität fanden sich mit der allgemeinen
ein trainiert werden. Dieser Ansatz ist prinzipiell kompensa-     gesundheitsbezogenen Lebensqualität keine korrelativen
torisch und zielt nicht auf eine Verbesserung der Sehleistung     Zusammenhänge mit Verbesserungen der Gesichtsfeldgröße.
selbst ab, sondern auf ein verbessertes Scanning der visuellen
Welt durch vermehrte Augenbewegungen. Sakkadentraining
führt damit auch zu verbesserten Explorationsleistungen im        Augenbewegungen als Gegenargument der
blinden Gesichtsfeldbereich [160–162], aber auch gelegent-        Funktionswiederherstellung nach Gesichts-
lich zu Gesichtsfelderweiterungen [163–165]. Während für          feldtraining
Gesichtsfeldtrainingsverfahren einige neurophysiologische         Um Gesichtsfelder valide zu diagnostizieren und Gesichts-
Korrelate trainingsinduzierter Gesichtsfelderweiterung beob-      felderweiterungen beobachten zu können, ist während der
achtet werden konnten, ist dies bislang für Kompensations-        Diagnostik eine stabile, zentrale Fixation erforderlich. Hierzu
training nicht der Fall.                                          sind jedoch nicht alle Patienten in der Lage. Die Lokalisation
                                                                  der vertikalen Gesichtsfeldgrenze ist stark vom Fixationsver-
Julkunen et al. [155] untersuchten visuell evozierte Potenziale   halten abhängig [171]. Hemianopiker mit makularer Ausspa-
(VEPs) vor und nach Gesichtsfeldtraining mit Stimulation des      rung fixieren meist ruhig und zentral, wohingegen Patienten
Übergangsbereichs. Von insgesamt 5 behandelten Patienten          ohne makulare Aussparung in der Regel deutlich häufiger
dieser Studie zeigten nach dem Training 3 Patienten eine          Sakkaden in den anopen Bereich ausführen und exzentrische
Normalisierung der P100-Latenzen. In einer weiteren Studie        Fixationen ausbilden können. Exzentrische Fixation und
eines Patienten mit Quadrantenanopsie zeigte dieser sowohl        Augenbewegungen in den anopen Bereich wurden häufig als
eine Gesichtsfelderweiterung als auch eine nach Training          Alternativerklärungen für trainingsinduzierte Gesichtsfelder-
nachweisbare P100, die zuvor nicht ausgelöst werden konnte        weiterungen geäußert [167–169, 172]. Kompensatorisches
[156]. Der gleiche Patient zeigte in einer PET-Aufnahme nach      Augenbewegungsverhalten wird jedoch in der Regel relativ
der Therapie erhöhten Blutfluss in an der visuellen Verarbei-     früh nach der Läsion erlernt [173]. Daher ist es unwahrschein-
tung beteiligten kortikalen und subkortikalen Strukturen. In      lich, dass trainierte Patienten erst Jahre nach der Hirnschädi-
einer Kontrolluntersuchung 3 Monate nach Trainingsende            gung während der Durchführung eines Gesichtsfeldtrainings,
war die Erhöhung des zerebralen Blutflusses auf den Okzipi-       das zudem eine stabile Fixationsleistung erfordert, mit der
tallappen im Bereich der Läsion und den kontralateralen           Ausführung sakkadischer Augenbewegungen beginnen oder
Okzipitallappen beschränkt [156]. Marshall et al. [157] zeig-     exzentrisch fixieren. Es konnte gezeigt werden, dass kein be-
ten, dass ein ähnliches Gesichtsfeldtraining zu einer Erhö-       handelter Patient nach dem Gesichtsfeldtraining eine exzen-
hung des zerebralen Blutflusses in Bereichen führt, die das       trische Fixation entwickelte [158]. Kasten et al. [174] zeigten
Sehen im Übergangsbereich zwischen intaktem und geschä-           außerdem in einem Vergleich der Augenbewegungen vor und
digtem Gesichtsfeld vermitteln. Dieser Effekt wurde durch         nach Gesichtsfeldtraining, dass Sakkaden mit gleicher Häu-

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Plastizität nach zentralen Sehbahnläsionen

Abbildung 4: Gesichtsfeld eines Patienten mit inkompletter Hemianopsie vor (links)
und nach (rechts) visuellem Gesichtsfeldtraining. Das Gesichtsfeld konnte insbeson-
dere im rechten unteren Quadranten erheblich verbessert werden. Die Grenze des
Gesichtsfelddefekts verläuft zu beiden diagnostischen Zeitpunkten an der gleichen
Stelle. Horizontale Augenbewegungen können somit die Verbesserung nicht erklä-
ren.

figkeit in beide Richtungen ausgeführt wurden, d. h. nicht                            Abbildung 5: Mittels Eyetracking adjustierte Stimulusdetektion in der Computer-
überwiegend in Richtung des blinden Areals sondern gleich                             kampimetrie vor und nach visuellem Gesichtsfeldtraining. Wenn die Fixation des un-
                                                                                      tersuchten Patienten vom zentralen Fixationspunkt abwich, wurden die Stimulus-
häufig in den intakten Bereich. Zudem waren die Augen-                                positionen neu berechnet und entsprechend verschoben dargestellt. Die adjustierten
bewegungen von geringer Amplitude; im Bereich von ± 2°                                Stimuluspositionen zeigen hohe räumliche Übereinstimmungen mit den nicht-adjus-
um den Fixationspunkt lagen ca. 95 % der Sakkaden vor dem                             tierten Positionen.
Training und sogar ca. 99 % danach. Weiterhin konnte keine
Veränderung der Position des blinden Flecks in der Gesichts-                          Reize reagiert). Bergsma und Van der Wildt [176] zeigten
felddiagnostik nach dem Training beobachtet werden [174].                             kürzlich, dass sich in den verbesserten Bereichen des Ge-
Zudem befanden sich Gesichtsfelderweiterungen oft nicht                               sichtsfelds nicht nur die Lichtreizdetektion sondern auch Seh-
entlang der gesamten Gesichtsfeldgrenze (was man bei Au-                              schärfe, kritische Flicker-Fusions-Frequenz sowie das Farb-
genbewegungen erwarten würde) sondern nur an bestimmten                               sehen verbesserten.
Abschnitten der Grenze, besonders dann, wenn Patienten die
Aufmerksamkeit auf diesen Bereich lenkten [175].                                      Funktionsverbesserungen nach Gesichtsfeldtraining finden
                                                                                      hauptsächlich an der Gesichtsfeldgrenze statt. Basierend auf
Vergleichende Betrachtungen der Gesichtsfeldgrenzen vor                               den Topographien der Verbesserungen bereits behandelter
und nach Gesichtsfeldtraining zeigen, dass substanzielle Ge-                          Patienten ist es möglich, für den Einzelfall eine Vorhersage
sichtsfelderweiterungen unabhängig von Verschiebungen der                             der Verbesserungen zu treffen, ehe mit dem Gesichtsfeld-
vertikalen Gesichtsfeldgrenze stattfinden können (Abb. 4).                            training begonnen wird [177]. In erster Linie ist hierfür die
Horizontale Augenbewegungen in Richtung des Gesichts-                                 Größe des Übergangsbereichs zwischen intaktem und geschä-
felddefekts können insbesondere bei Patienten mit inkom-                              digtem Gesichtsfeld von Bedeutung [154]. Dies könnte zur
pletten Hemianopsien, deren Ausfall sich hin zu Quadranten-                           Konsequenz haben, dass Patienten mit „scharfer“ Gesichts-
anopsien verbessert (wie im Beispiel von Abb. 4), die Funk-                           feldgrenze nur relativ geringe Aussichten auf Funktions-
tionsverbesserung nicht erklären.                                                     verbesserungen im Sinne einer Gesichtsfelderweiterung
                                                                                      haben. Bei solchen Patienten könnte stattdessen ein Kompen-
Auch wenn Augenbewegungen die beschriebenen Restitu-                                  sationstraining durchgeführt werden.
tionsphänomene nicht erklären können, so sind diese immer
eine mögliche Artefaktquelle in der Gesichtsfelddiagnostik                            „ Zusammenfassung
und deren Kontrolle kann die Validität der Messung erheblich
verbessern. Daher wurden vor vs. nach Training kampimetri-                            Nach partieller Unterbrechung der zentralen Sehbahn wurde
sche Gesichtsfelder mit gleichzeitigem „eye tracking“ gemes-                          Plastizität sowohl nach retinalen als auch nach prä- und post-
sen und anschließend eine Adjustierung der getesteten Sti-                            chiasmatischen Läsionen sowohl im Tiermodell als auch beim
muluspositionen vorgenommen. Die tatsächlich getestete                                Menschen beobachtet. Zu unterscheiden sind Funktionswie-
Position wurde anhand der gemessenen Abweichung der                                   derherstellungen, die mit neurophysiologischen Korrelaten
Augen vom Fixationspunkt neu berechnet; die gemessene                                 einhergehen (z. B. im Falle postchiasmatischer Läsionen par-
Position wurde somit um die Abweichung der Augenposition                              tielle Gesichtsfelderweiterungen) von multimodalen Reorga-
korrigiert. Abbildung 5 zeigt exemplarisch das Ergebnis eines                         nisationsprozessen (z. B. Verarbeitung taktiler Informationen
Patienten vor und nach Training. Das Adjustierungsverfahren                           im visuellen Kortex bei früh Erblindeten). Perzeptuelle Plasti-
zeigt, dass nach Gesichtsfeldtraining im ehemals als absolut                          zität des visuellen Systems insbesondere bei Patienten mit
defekt getesteten Gesichtsfeldbereich Lichtreize erkannt wur-                         postchiasmatischen Läsionen äußert sich in Spontanremissio-
den. Die dargebotenen Reize in der Computerkampimetrie                                nen, halluzinativen Wahrnehmungen von Phosphenen und
sind überschwellig. Wenn von diesen überschwelligen Reizen                            komplexeren Gebilden, Blindsight und Residualsehen sowie
in enger räumlicher Nachbarschaft oder an sich überlappen-                            Schwankungen der Gesichtsfeldausdehnungen.
den Positionen Reize nach dem Training inkonsistent erkannt
werden, deutet dies auf eine Funktionsverbesserung hin.
Der ehemals „absolut defekte“ Gesichtfeldbereich ist nun als                                                                                                         X
„relativ defekt“ zu bewerten (da der Patient nicht auf alle

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