Georges Bizet/Rodion Shchedrin/Julia Wolfe Ballett von Ivan Alboresi - Theater Nordhausen

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Georges Bizet/Rodion Shchedrin/Julia Wolfe Ballett von Ivan Alboresi - Theater Nordhausen
Georges Bizet/Rodion Shchedrin/Julia Wolfe
          Ballett von Ivan Alboresi

                                     Ballett
Georges Bizet/Rodion Shchedrin/Julia Wolfe Ballett von Ivan Alboresi - Theater Nordhausen
Georges Bizet/Rodion Shchedrin/Julia Wolfe
                                                                                         CARMEN
                                                                                    Ballett von Ivan Alboresi
                                                                                          Uraufführung

                                                                                       Spielzeit 2021/2022

Federica Lamonaca, Alfonso López González, Laura Volpe, Erika Cucumazzo,
Thibaut Lucas Nury, Kino Luque, Luca Scaduto, Vito Damiano Volpicella
Georges Bizet/Rodion Shchedrin/Julia Wolfe Ballett von Ivan Alboresi - Theater Nordhausen
BESETZUNG

                         Musikalische Leitung                                             Henning Ehlert
                         Choreografie                                                     Ivan Alboresi
                         Bühne                                                            Wolfgang Kurima Rauschning
                         Kostüme                                                          Birte Wallbaum

                         Carmen                                                           Erika Cucumazzo
                         Don José                                                         Alfonso López González
                         Der Tod                                                          Jett Shoesmith
                         Toreador Escamillo                                               Thibaut Lucas Nury
                         Leutnant                                                         Kino Luque
                         Garcia                                                           Luca Scaduto
                         Arbeiterinnen/Toreras/Banditinnen                                Otylia Gony, Federica Lamonaca/Erika Cucumazzo,
                                                                                          Camilla Matteucci, Zsófia Takács, Laura Volpe
                         Soldaten/Toreadore/Banditen                                      Kino Luque, Luca Scaduto, Vito Damiano Volpicella,
                                                                                          Alfonso López González/Thibaut Lucas Nury

                         Loh-Orchester Sondershausen

                         Uraufführung am 29. Oktober 2021, Theater Nordhausen, Großes Haus

                         Dramaturgie                                                      Juliane Hirschmann
                         Trainingsleitung und Assistenz		                                 Ilka von Häfen
                         Ballettrepetition                                                Nivia Hillerin-Filges
                         Inspizienz			                                                    Esther Nüsse

                         Technische Leitung		                                             Kerstin Bayer
                         Technische Einrichtung                                           Lennert Schmidt
                         Beleuchtung		                                                    Mario Kofend
                         Ton		                                                            Michael Scharifi
                         Maske			                                                         Karolin Friedrich
                         Requisite			                                                     Michael Stoff

                         Herstellung der Dekorationen und Kostüme in den Werkstätten der Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen GmbH:
                         Werkstattleiter Jonny Wilken, Gewandmeisterei/Damenschneiderei Kati Herzberg, Herrenschneiderei Angela Kretschmer, Tischlerei
                         Jens Grabe, Malsaal Carsten Stürmer, Schlosserei Uwe Bräuer, Dekorationsabteilung Dörte Oeftiger, Theaterplastik Jeannine Heymann

                         Bitte schalten Sie vor Beginn der Vorstellung Ihre Mobiltelefone und die Stundensignale an Armbanduhren aus. Bild- und Tonauf-
                         nahmen während der Vorstellung können wir aus urheberrechtlichen Gründen nicht gestatten.

                         Musikverlag Hans Sikorski, GmbH, Berlin
                         G. Ricordi & Co., Bühnen- und Musikverlag GmbH                                                                                      4/5
Alfonso López González
Georges Bizet/Rodion Shchedrin/Julia Wolfe Ballett von Ivan Alboresi - Theater Nordhausen
HANDLUNG

1. Teil
Don José wartet in einer Gefängniszelle auf
seine Hinrichtung. Bei ihm ist der personifi-
zierte Tod, mit dem er ringt. In diesen letzten
Momenten seines Lebens, auf dem Weg zum
Galgen, erzählt Don José im Rückblick wie es
so weit kam.
Vor einer Zigarettenfabrik warten Wachsol-
daten auf das Eintreffen der Arbeiterinnen.
Die Frauen flirten mit den zu ihrem Schutz
bestellten Männern und genießen die Auf-
merksamkeit, die sie ihnen schenken.
Unter den Frauen befindet sich auch Carmen,
die mit dem später eintreffenden Don José
kokettiert. Er hat gerade seine neue Position
als Wachsoldat angetreten. Nach ihrer ero-
tisch aufgeheizten Habanera bleibt Don José,
von Carmens Ausstrahlung und Auftreten
aufgewühlt, zurück.
Er versucht die in ihm aufkeimenden Gefühle
zu beherrschen. Innerlich kämpft sein Begeh-        Jett Shoesmith, Erika Cucumazzo, Alfonso López González
ren mit seinen Prinzipien und dem Treuever-
sprechen gegenüber seiner entfernten Ver-
lobten.                                           sehr zum Missfallen seiner Begleiterin, zu ver-             2. Teil                                            Nach dieser Vergewaltigung wünscht Carmen
In der Fabrik wird die Pause eingeläutet. Die     führen. Zunehmend eifersüchtig beobachtet                   Don José, nun Mörder und Deserteur, hat sich       sich zunächst den Tod, entscheidet sich aber
Arbeiterinnen kommen heraus, um sich zu           Don José das Geschehen aus der Ferne. Der                   der Schmugglerbande um Carmen angeschlos-          doch im letzten Moment für das Leben.
entspannen und auszuruhen. Doch zwischen          Leutnant ist jedoch nicht der einzige Mann,                 sen, um in ihrer Nähe sein zu können. Carmen       Da begegnet sie erneut dem Toreador. Sie be-
Carmen und einer der Frauen kommt es zum          der Carmens Interesse weckt: Als der ruhm-                  gibt sich ihm zwar hin, verlässt ihn dann jedoch   gleitet ihn bei seinem Einzug auf das nächste
Konflikt. Die Auseinandersetzung wird zuse-       reiche Toreador eintrifft, wendet sie sich                  sogleich wieder. Sie will sich nicht festlegen,    Fest, wo er von der Menge bejubelt und auf
hends handgreiflich, schließlich verletzt Car-    auch ihm zu. Don José sieht, durch seine Ei-                sondern ihre Freiheit behalten. Doch im Inne-      Händen getragen wird. Don José erscheint und
men ihre Gegnerin mit einem Messer.               fersucht albtraumhaft verzerrt, vor seinem                  ren ist auch sie nicht glücklich und sehnt sich    drängt Carmen von der Gruppe ab, um mit ihr
Don José und die Soldaten verhaften Carmen        inneren Auge Carmen mit diesen beiden Män-                  nach einem anderen Leben.                          alleine zu sein. Doch sie gibt ihm zu verstehen,
und bringen sie ins Gefängnis. Doch es gelingt    nern im intimen Miteinander. Doch in der                    Garcia, ein Bandit, mit dem Carmen bereits seit    dass sie nichts mehr von ihm wissen will. In sei-
ihr, Don José so zu verführen, dass sie ent-      Realität lässt der Toreador Carmen stehen.                  längerem in einer Beziehung ist, misshandelt       ner Verzweiflung erwürgt er sie mit bloßen
kommen kann. Dieser wird daraufhin degra-         Als Don José mitbekommt, wie sich anschlie-                 und dominiert sie. Als Don José Zeuge davon        Händen. Auch für sich sieht Don José keinen
diert.                                            ßend der Leutnant an Carmen ranmacht,                       wird, bringt er auch Garcia um. Carmen ist mitt-   anderen Weg mehr, als zu sterben. Doch der
Auf einem Straßenfest entdeckt Carmen ei-         übermannt ihn die Eifersucht. Er ersticht ihn               lerweile ermüdet von Don José und will ihn         Tod gewährt ihm diese Gnade nicht und hält
nen attraktiven Leutnant und versucht ihn,        im Affekt und flieht.                                       nicht mehr. Doch er nimmt sie sich gewaltsam.      ihn davon ab, sich selbst umzubringen.

                                                                                                                                                                                                                6/7
Georges Bizet/Rodion Shchedrin/Julia Wolfe Ballett von Ivan Alboresi - Theater Nordhausen
DIE MUSIK

Georges Bizet/Rodion Shchedrin                                 vorstelle, noch eine musikalische Ergänzung
»Carmen-Suite« für Streichorchester und                geben muss. Eine Ergänzung, die außerhalb dieser
Schlaginstrumente (1967)                                         spanischen Klangwelt steht und die es mir
(Bearbeitung von Bizets Oper zum Ballett »Car-          ermöglicht, die Mehrschichtigkeit der Geschichte,
men«, uraufgeführt am 20. April 1967 am Mos-                    wie sie sich in der literarischen Vorlage von
kauer Bolschoi-Theater mit der Primaballerina                    Prosper Mérimée zeigt, herauszuarbeiten.
Maja Plissezkaja in der Titelrolle.)                     Mit Julia Wolfe fand ich eine Komponistin, deren
                                                             Musik perfekt dazu geeignet ist, Momente zu
Julia Wolfe                                              schaffen, in denen ich in die psychologische Tiefe
»Cruel Sister«, für Streichorchester (2004)                        der Figuren eindringen kann. Julia Wolfe
(Komponiert im Auftrag des Münchener Kam-                         verwendet mit einem Streichorchester ein
merorchesters, uraufgeführt im Herkulessaal              klassisches Instrumentarium. Ihre Musik hat eine
der Münchener Residenz.)                                 Schärfe, eine Klarheit, die mich sehr berührt. Sie
                                                       ist puristisch und treibt einen zugleich nach vorne,
»Fuel«, für Streichorchester (2007), Part II + IV                stößt etwas in mir an. Sie hat eine gewisse
(Komponiert im Auftrag des Ensemble Reso-                  Dramatik, ohne banal zu sein.« (Ivan Alboresi)
nanz, Hamburg, uraufgeführt 2007 in einer
multimedialen Performance mit einem Film                   Die Musik in Bizets Oper »Carmen« hat selbst
von Bill Morrison im Kaispeicher B im Hambur-              bereits einen sehr tänzerischen Charakter, wie
ger Hafen.)                                                      u. a. der Musikwissenschaftler Egon Voss
                                                       beschreibt, allerdings ohne, »dass sich in der Regel
         »In der Tanzwelt ist das Stück von Rodion        ein bestimmter Tanz als Muster nennen ließe.«
 Shchedrin wirklich ein Klassiker, es ist gleichwer-    Die Musik in »Carmen« ist daher, so Voss, »nicht
     tig mit dem ›Schwanensee‹ von Tschaikowsky         nur Ausdruck der Stimme, sondern des gesamten
         oder den großen Balletten von Strawinsky.       Körpers. Die Körperlichkeit der Musik, wie man
Shchedrin benutzt für seine Bearbeitung der Oper        diese Eigenschaft nennen könnte, ist ein Wesens-
    ›Carmen‹ eine besondere Orchesterbesetzung,          merkmal der ›Carmen‹; sie macht die besondere
 ausschließlich mit Streichern und Schlagwerk. Er            Vitalität der ›Carmen‹-Musik aus […].« Dies
       arbeitet so andere Facetten heraus. Bei ihm        korrespondiert auch mit der Figur der Carmen,
  bekommt die Musik von Georges Bizet eine sehr             wie sie sowohl bei Mérimée als auch bei Bizet
   starke und markante Rhythmik. Er gibt ihr eine               gezeichnet wird, denn sie ist Sängerin und
 Modernität, sie ist sehr dynamisch und kompakt,          Tänzerin. »Und schließlich war Andalusien, wo
   das heißt, die musikalischen Bögen sind kürzer,             die Handlung der ›Carmen‹ spielt, auch im
             wodurch die Musik sehr tanzbar wird.          19. Jahrhundert schon berühmt für den ›canto
Shchedrins Bearbeitung ist sozusagen ein Destillat                flamenco‹, in dem Gesang und Tanz eng
          der Oper und mit rund 45 Minuten nicht                            miteinander verbunden sind.«
 abendfüllend. Für mich war klar, dass es, um die             (Egon Voss, 1984, Musikwissenschaftler)
 Geschichte so erzählen zu können wie ich sie mir

                                                                                                                Erika Cucumazzo, Kino Luque
Georges Bizet/Rodion Shchedrin/Julia Wolfe Ballett von Ivan Alboresi - Theater Nordhausen
DIE URSPRÜNGE DES NORDHÄUSER CARMEN-BALLETTS
von Juliane Hirschmann

Die Novelle »Carmen«                                schnell eifersüchtig tötet Don José, der Car-     weniger Schurke als in Merimées Novelle. Um       nien, obwohl Bizet eine originär spanische Fol-
von Prosper Merimée (1845)                          men in blinder Leidenschaft verfällt, einen ih-   den dramatischen Konflikt jedoch zu schär-        klore nicht aufgegriffen hat. Er verarbeitete
Georges Bizet bekam 1872 von der Pariser            rer Liebhaber sowie den einäugigen Garcia,        fen, bauten die Librettisten Josés Novellen-      vielmehr das, was im 19. Jahrhundert als ty-
Opéra-Comique den Auftrag, eine heitere             der ihm als ihr Ehemann vorgestellt wird, und     Gegenspieler Lucas zu dem heldischen Torre-       pisch spanisch galt. Das Vitale der Musik, das in
Oper zu schreiben. Sein Plan war, ein völlig        zu guter Letzt auch Carmen, da sie nicht be-      ro Escamillo aus. Als dramaturgische und          den Ohren der Zeitgenossen mitunter hart und
neuartiges Werk zu schaffen. »Ich werde die         reit ist, sich an ihn zu binden. Dem Archäolo-    psychologische Kontrastfigur zu Carmen er-        grell klang, steht im wirkungsvollen Kontrast
Kunstgattung der Opéra comique erweitern, sie       gen ist Carmen, als Don José seine Geschichte     fanden sie für die Oper das Bauernmädchen         zur Tragik des Geschehens.
umformen«, ließ er seinen Freund Ernest Gui-        offenbart, keine Unbekannte, denn er war ihr      Micaëla. Sie ist in jeder Beziehung das Gegen-    Am 3. März 1875 ging in der Pariser Opéra-Co-
raud wissen und wählte die 1845 in der franzö-      auf seinen Reisen bereits selbst zuvor zufällig   teil zu Carmen. Sie verkörpert die treue Frau,    mique die Oper »Carmen« das erste Mal über
sischen Kulturzeitschrift »Revue des Deux           begegnet. Er teilt die Faszination für Carmen     die Don José in stiller Liebe ergeben ist. Doch   die Bühne. Sie sollte Bizets letztes Werk vor
Mondes« erschienene Novelle »Carmen« von            mit Don José.                                     gegen Carmen schafft sie es nicht, Don José       seinem Tod wenige Monate später sein. Am
Prosper Mérimée als Grundlage für seine             Der Franzose Mérimée, der sich vor allem mit      vollends für sich zu gewinnen. Ihre Musik         Abend der Uraufführung war nicht im Entfern-
Oper. Henri Meilhac und Ludovic Halévy, die         seinen rund 25 Erzählungen einen Namen            folgt, anders als jene der Carmen, eher tradi-    testen daran zu denken, dass sie einmal zu den
schon mehrfach als Autorenduo für Operet-           machte, arbeitete in »Carmen« zwei Erlebnis-      tionellen Mustern. Schon bei der Urauffüh-        meistgespielten und -rezipierten Opern über-
ten von Jacques Offenbach (darunter »La Belle       se seiner Spanienreise ein, die er im Jahr 1830   rung wurde Micaëlas Arie beklatscht, da diese     haupt gehören würde. Der Komponist war am
Hélène«, 1864, und »Les Brigands«, 1869) in         unternahm: die Begegnung mit einem schö-          inmitten von allem Ungewohnten »noch recht        Boden zerstört, »diesmal bin ich wirklich vernich-
Erscheinung getreten waren, schufen daraus          nen Mädchen namens Carmencita, die Ziga-          nach altem Brauch« war (Ludovic Halévy). Kei-     tet«, äußerte er. Die Vorstellungen in den kom-
das Libretto.                                       rettenarbeiterin in Granada war, sowie die        nes der anderen Solonummern bildet ein in         menden Monaten fanden meistens vor einem
In der Novelle fungiert ein Archäologe als Rah-     Bekanntschaft mit der späteren Ehefrau Na-        sich geschlossenes Ganzes: So wird Carmens        halbleeren Zuschauerraum statt. Kritiker fielen
menerzähler, der sich auf einer Forschungsrei-      poleons III. Eugénie de Montijo, die eine enge    »Seguidilla« im 1. Akt mehrmals von Don José      mit bösen Zungen über dieses Werk her: Car-
se in Spanien befindet und in Andalusien            Freundin Mérimées wurde. Von ihr hörte er         unterbrochen, in ihrer »Habanera« ist der         men sei in ihrer unbedingten Freiheitsliebe
mehrfach auf den von der Polizei gesuchten          vom berüchtigten spanischen Deserteur und         Chor und in ihrem »Chanson bohème« im             »obszön«, eine »Inkarnation des Lasters« und
Mörder Don José stößt. Als er diesem kurz vor       Banditen namens Don José Maria Zempranito         2. Akt sind ihre beiden Begleiterinnen Frasqui-   sollte »polizeilich verboten werden«. Und: »Wel-
dessen Hinrichtung erneut begegnet, erzählt         in den 1830ern. Merimée war einer der ersten      ta und Mercédes beteiligt. Carmen singt nicht     che Realistik, aber was für ein Skandal! […] Aus
der Verurteilte ihm seine Geschichte. Dabei         französischen Schriftsteller der Romantik, der    in der »höchsten Klasse« des Gesangs, dem         der niedersten Klasse nehmen neuerdings unsere
wird von Beginn an deutlich, dass Don José ein      Spanien für eine längere Zeit bereist hatte.      Sopran, so wie Micaëla, sondern im Mezzoso-       Autoren die Hauptgestalten unserer Dramen, Ko-
impulsiver Charakter ist: Als junger Mann                                                             pran, einer Stimmlage, die durch ihre Tiefe der   mödien und jetzt sogar unserer Opéra comiques.
musste er seine baskische Heimat verlassen,         Die Opéra comique »Carmen«                        männlichen näher ist und durch ihr größeres       […] Carmen ist und bleibt ein schamloses Weib,
da er einen Gegner im Spiel tötete. Er ist beim     von Georges Bizet (1875)                          Volumen noch mehr Leidenschaft und auch           eine liederliche Zigeunerin.« Zaghaft äußerten
Militär tätig und hat gute Aussichten auf eine      Das Libretto zu Bizets Oper, an dem der Kom-      Macht zum Ausdruck bringen kann.                  sich allerdings auch schon damals positive
Beförderung, als er Carmen vor den Toren ei-        ponist selbst auch mitwirkte (so forderte er      Spanien war zu Bizets Zeiten selbst bei den       Stimmen. Der französische Schriftsteller
ner Tabakfabrik kennen lernt. Im Streit er-         zum Beispiel »mehr Realismus, zu einem Mittel-    französischen Nachbarn ein fremdes Sehn-          Théodore de Banville etwa kommentierte:
sticht sie eine Arbeiterin. Don José soll sie ab-   weg kann ich mich nicht verstehen«), verzichtet   suchtsland. Eindrücke aus Vorstellungen gastie-   »Statt der himmelblauen und rosa Puppen, die
führen, doch kann sie durch eine List Reißaus       auf die Rahmenhandlung. Es konzentriert sich      render Tanzgruppen, aus Reiselektüren oder        die Freude unserer Väter waren, hat er versucht,
nehmen, woraufhin er eine Haftstrafe absit-         auf die Beziehung zwischen Carmen und Don         auch durch eigene Reisen inspirierten bildende    wirkliche Männer und Frauen, verblendet und ge-
zen muss. Nach der Freilassung beginnt die          José, weshalb zum Beispiel seine Morde am         Künstler, Literaten und Musiker gleicherma-       quält von Leidenschaft, zu zeigen.« Die Erfolgs-
Abwärtsspirale. Er desertiert, um mit Carmen        einäugigen Garcia und einem ihrer Liebhaber       ßen. Die Musik in der Oper »Carmen« klingt        geschichte der Oper begann jedoch erst nach
zusammen zu sein. Besitzergreifend und              nicht vorkommen. Damit ist er in der Oper         exotisch und vermittelt eine Ahnung von Spa-      dem Tod Bizets.

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Georges Bizet/Rodion Shchedrin/Julia Wolfe Ballett von Ivan Alboresi - Theater Nordhausen
Ballett TN LOS!                                                         Zsófia Takács, Laura Volpe, Federica Lamonaca, Otylia Gony, Camilla Matteucci, Erika Cucumazzo

Thibaut Lucas Nury, Luca Scaduto, Kino Luque, Vito Damiano Volpicella   Laura Volpe, Vito Damiano Volpicella, Erika Cucumazzo
Georges Bizet/Rodion Shchedrin/Julia Wolfe Ballett von Ivan Alboresi - Theater Nordhausen
»DAS LEBEN IST WIE EIN STIERKAMPF«
Ivan Alboresi zu seinem neuen Ballett »Carmen«

Wo liegt für dich das Interessante an der Ge-       wechseln wir die Ebene: Wir sind im Kopf von
schichte von Carmen? Was ist dir besonders          Don José, wir sind bei dem, was ihn antreibt,
wichtig?                                            was in seinem Inneren geschieht. Wir hören
Mein Ballett »Carmen« sehe ich als Psycho-          die Musik von Julia Wolfe nie ohne Don José.
drama. Ich gehe zurück auf die Novelle von          So beginnt der Abend mit ihrer Musik: Don
Mérimée, die Vorlage Bizets, und erzähle die        José wartet auf seine Hinrichtung, als ihm der
Geschichte aus der Sicht von Don José. So           personifizierte Tod erscheint. Er beginnt als
lässt sich sein persönliches Drama nachzeich-       Rückblick seine Geschichte zu erzählen, hier-
nen, lässt sich zeigen, was ihn antreibt, warum     zu erklingt dann erstmals Shchedrin.
er etwas so und nicht anders tut. Wir sehen in
seinen Kopf, seine Gedanken, Vorstellungen          Was interessiert dich an Don José? Du hättest ja
und Albträume hinein. Dazu gibt es eine Figur,      auch die Titelfigur ins Zentrum rücken können.
die immer wieder in Erscheinung tritt: der          Nachdem ich die Novelle gelesen hatte, war
Tod, als Personifikation des Schicksals. Ich        mir klar, dass ich auch Don Josés Perspektive
glaube, dass der Tod nicht am Ende unseres          zeigen muss. Carmens Geschichte lässt sich
Weges auf uns wartet, er läuft während unse-        nicht vollständig erzählen, wenn wir nicht
res ganzen Lebens mit, taucht immer wieder          nachvollziehbar machen, wie und warum Don
auf, geht in unsere Gedanken ein und beein-         José sich so in sie verliebt hat und er in diesen
flusst unsere Entscheidungen. Das zeige ich in      ausweglosen Strudel des Wahnsinns und Mor-
meiner Version der Geschichte, besonders in         dens geraten ist. Er konnte ihr, die ihn genom-
Bezug auf die Figur des Don José, aber auch in      men und wieder fallen gelassen hat, nicht wi-
Bezug auf Carmen. Für mich ist sie eine mo-         derstehen.
                                                                                                        Thibaut Lucas Nury, Alfonso López González
derne, emanzipierte Frau, die sich nimmt, was       Ich habe meinen Tänzer*innen immer gesagt,
sie will. Ihr Freiheitsdrang übersteigt dabei so-   dass Carmen wie »Wasser« ist, man kann sie
gar ihre Sehnsucht nach Bindung und Gebor-          nicht festhalten, sie rinnt einem immer durch       sen. Auch ohne die traditionellen spanischen           nicht vordergründig vorhanden, sondern
genheit. Und doch bleibt sie eine Getriebene.       die Finger. Carmen kommt und geht wie sie           Röcke sind sie sehr weiblich und wissen ihre           mehr eine Nuance. Wir werden zwar keinen
Erlösung und Befreiung aus dem konstanten           will. Sie braucht ihre Freiheit, kann sich nicht    Reize gezielt einzusetzen.                             Flamenco auf der Bühne sehen, aber spani-
inneren Widerspruch findet sie nur im Tod.          binden, will nicht abhängig sein. Sie ist aber                                                             sches Temperament und Leidenschaft.
                                                    die treibende Kraft, die in den anderen etwas       Bizets Oper und Mérimées Novelle leben auch            Dazu sind der spanische Stier und der Stier-
Du fügst zur Bearbeitung von Shchedrin noch         bewegt. Bei Don José weckt sie die Liebe und        von den Klischees, die sie bedienen. Sei es – in der   kampf durch die zwei überdimensionalen Hör-
Musik der US-amerikanischen, zeitgenössischen       in der Folge die Eifersucht. Diese nimmt Car-       Oper – von den Klischees spanischer Musik, von         ner im Bühnenbild von Wolfgang Kurima
Komponistin Julia Wolfe ein. Wo inspiriert dich     men die Freiheit und schließlich ganz wörtlich      dem, was man sich damals unter dem Leben der           Rauschning omnipräsent. Wenn Don José in
die bearbeitete Musik von Bizet, und wo genügt      die Luft zum Atmen: Bei uns wird Carmen             »Zigeuner« vorstellte oder dem Klischee Spanien        den Knast geht und kurz vor seiner Hinrich-
sie nicht für das, was du zum Ausdruck bringen      nicht erstochen, sondern erwürgt.                   überhaupt. Spielt die Farbe »Spanien« für dich         tung ist, dann ist es so, als wenn er in eine Are-
möchtest?                                           So wie Carmen sind auch die anderen Frauen          eine Rolle?                                            na hineinläuft. Das Leben ist wie ein Stier-
Die Musik von Bizet/Shchedrin trägt die ei-         in meinem Ballett stark, emanzipiert und            Wenn man genau hinschaut, dann kann man                kampf, manchmal ist man der Stier, manchmal
gentliche Handlung der Geschichte. Immer,           selbstbewusst. Sie sind »Anpackerinnen«, die        Andeutungen von Gestik aus der spanischen              der Toreador. Die Machtposition ist immer
wenn wir die Musik von Julia Wolfe hören,           sich nicht von den Männern dominieren las-          Tanztradition sehen, aber sie ist natürlich            anders.

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Georges Bizet/Rodion Shchedrin/Julia Wolfe Ballett von Ivan Alboresi - Theater Nordhausen
ANSICHTEN AUF CARMEN
Eine Zusammenstellung

»Ihre Augen waren schräg, doch wunderbar ge-           rassistischen Untertöne, die diese emanzipatori-       »Aus der Literatur und der Oper wandert Car-          »Carmen ist vor allem eine sich ihrer Weiblich-
schnitten; ihre Lippen schön gezeichnet, aber et-      schen Impulse letztlich neutralisieren.« (José         men bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in ein        keit vollbewusste Frau. Mehr noch: Ich bin über-
was zu voll; zwischen ihnen leuchteten Zähne,          Colmeiro, 2002, Literaturwissenschaftler)              neues Medium ab: Der Film wird zu ihrer neuen         zeugt, dass Mérimée mit dieser Gestalt einen
weißer als geschälte Mandeln. Ihr vielleicht ein                                                              Heimat. Carmen wird zu einer internationalen          Frauentyp geschaffen hat, in dem sich das Weib-
wenig zu starkes Haar war schwarz mit dem              »Über die Herkunft und ethnische Zugehörigkeit         Ikone und immer dann verstärkt in Szene gesetzt,      liche als vollkommen verwirklicht darstellt – und
bläulichen Schimmer des Rabengefieders. […] Sie        entspinnt sich [zwischen Carmen und dem Ich-           wenn es um die Bewältigung von Alteritäts- und        daher ihr universeller Wert als literarische Schöp-
war von seltsamer wilder Schönheit. Ihr Gesicht        Erzähler in der Novelle von Merimée] ein länge-        Emanzipationskrisen geht. Als ungebundene Frau        fung. Modern gesprochen könnte man sagen,
befremdete einen zuerst, aber man konnte es            rer Wortwechsel – der Erzähler rät vergeblich          wird sie – vor allem unter dem Einfluss der Eman-     dass Carmen einen Idealtyp der echt emanzipier-
nicht vergessen. Insbesondere hatten ihre Augen        verschiedene Möglichkeiten (aus Cordoba, Anda-         zipationsbewegung nach 1968 – zu einer Figur,         ten Frau verkörpert, das heißt, sie ist frei, sicher
einen wollüstigen und zugleich bösen Ausdruck,         lusien, Maurin, Jüdin), bis Carmen sich als ›Zigeu-    auf die Sehnsüchte nach Freiheit, aber auch           und Herrin ihrer Entschlüsse. Carmen ist keine
wie ich ihn im Blicke keines andern Menschen           nerin‹ vorstellt. […] Die magischen Kräfte, die er     Ängste vor dem Fremden projiziert werden. Sie         leichtfertige oder oberflächliche Frau, launisch
wiedergefunden habe.« (Prosper Mérimée,                bei Carmen vermutet, wecken seine Neugier und          ist eine Wiedergängerin der femme fatale der          oder unbesonnen und erst recht keine Prostituier-
1845, in der Novelle »Carmen«)                         Faszination. Im Folgenden benutzt der Erzähler         Jahrhundertwende.« (Aus dem Vorwort zu dem            te – wie sie allzu häufig interpretiert wird. Nein.
                                                       aber verschiedene oft abwertende Namen und             Sammelband »›Carmen‹. Ein Mythos in Litera-           Bei gründlichem Nachdenken über diese Gestalt
»Der Name gibt Rätsel auf. Plausibler als die ety-     Bezeichnungen für Carmen, nennt sie eine Gita-         tur, Film und Kunst«, 2011)                           muss doch auffallen, dass Mérimée sie als Zigeu-
mologische Herleitung aus dem Lateinischen, wo         nelle, Hexe, Teufelsdienerin, ›Zigeunerin‹, Satans                                                           nerin beschreibt. Diese sehr besondere Angabe
Carmen ›Lied‹ bedeutet, ist der Verweis von Tho-       Patenkind oder Teufelsmädchen. […] An der Dis-         »Durch Bizet gewann die ›Carmen‹-Fabel den            trägt, statt die weiblichen Züge Carmens zu über-
mas Macho auf die ›Virgen del carmen‹, die Jung-       kussion über Fragen der Herkunft wird deutlich,        Rang des Archetypischen: Carmen als Urweib,           schatten, im Gegenteil dazu bei, sie noch hervor-
frau vom heiligen Berg Carmel [i.e. die Schutz-        wie schwer Carmens ethnische oder nationale            Don José als hypnotisiertes Opfer, Escamillo als      zuheben, gerade eben durch den Umstand, dass
heilige der Fischer und Seefahrer], deren Fest         Identität zu fassen ist bzw. wie sehr sie sich einer   Typ des leichtfertigen Eroberers und Micaëla als      Carmen aus jeder Zugehörigkeit zu einer konkre-
jährlich mit großem Pomp in Spanien und Latein-        Einordnung nach festen Identitätskategorien ent-       Inbegriff scheuer, aufopfernder Zuneigung. Ange-      ten Kultur und Gemeinschaft herausgelöst wird.
amerika gefeiert wird und die im spanischspra-         zieht. […] Carmen fügt sich nicht in ein traditio-     siedelt ist diese Fabel im Spanien der Zigeuner: in   Mehr noch, ich möchte so weit gehen zu behaup-
chigen Kulturkreis so populär ist, dass Carmen –       nelles Frauenbild: Sie raucht, handelt mutig, lässt    einer Szenerie aus südländischer Leidenschaft         ten, dass die Stärke und Ausdruckskraft Carmens,
nach Maria – zu einem der beliebtesten                 sich auf keine Rolle festlegen, ist bindungslos und    und unbehauster Ursprünglichkeit. Bizet hat nie       die gelassene Annahme ihres Schicksals und be-
Mädchennamen geworden ist. In Mérimées No-             freiheitsliebend. […] Im Gegensatz zu ihr verlangt     spanischen Boden betreten. […] Er verließ sich,       sonders ihres Todes uns in gewisser Weise einen
velle gibt es deutliche Hinweise auf diese biblisch-   es Don José, der immer noch darunter leidet, dass      höchst romantisch, auf Intuition und Vision […].      Vergleich mit den großen tragischen Figuren des
christliche Genealogie […].« (Aus dem Vorwort          er seine baskische Heimat verlassen musste, nach       ›Das Meisterwerk der Grausamkeit‹, wie [der           antiken Theaters nahelegen. […] [Don José] ist ein
zu dem Sammelband »›Carmen‹. Ein Mythos                Sicherheit, nach einer stabilen Identität. […] Für     französische Schriftsteller] Henry de Montherlant     Mann ohne Persönlichkeit, Opfer aller Arten von
in Literatur, Film und Kunst«, 2011)                   Don José ist Carmen, die ihn zugleich fasziniert,      ›Carmen‹ genannt hat, führte über den romanti-        familiären und religiösen Komplexen. Ein Mann,
                                                       in ihrer sprachlichen Flexibilität, Mehrdeutigkeit     schen Exotismus des ›Hispanismo‹ und über die         der sich zum Beispiel schämt, einfacher Soldat zu
»Die zeitgenössische kritische Lesart des Carmen-      und der Verwirrung, die sie stiftet, Auslöser und      bewegliche Form der Opéra comique hinaus an           sein. […] Ein Mann, der sich – im Werk Mérimées
Mythos, insbesondere in den Kulturwissenschaf-         Verstärker seiner Ängste und Unsicherheiten […].       die Grenze zum Verismus. ›Carmen‹ ist so etwas        – selbst noch in seiner Todesstunde weigert, zu
ten, folgt zwei gegensätzlichen Tendenzen. Die-        Die zwiespältige Faszination des Fremden und           wie die Mutter des musikalischen Naturalismus,        seiner persönlichen Verantwortung zu stehen.«
jenigen, die sich an der feministischen Theorie        der fremden Lebensweise, die sich in der Carmen-       und die veristische Oper der Jahrhundertwende         (Teresa Berganza, 1977, Mezzosopranistin und
orientieren, sehen in ihr eine Affirmation des         Novelle spiegelt, ist die Folie, vor deren Hinter-     bezeugte stets ihre Dankbarkeit.« (Karl Schu-         Carmen-Darstellerin)
freien Willens, der Unabhängigkeit und der Be-         grund der Carmen-Mythos bis heute nicht an             mann, 1976, Musikkritiker, aus einem Einfüh-
freiung; diejenigen, die der postkolonialen Theo-      Aktualität verloren hat.« (Kirsten Möller, 2011,       rungstext zu Georg Soltis Gesamteinspielung
rie folgen, enthüllen die frauenfeindlichen und        Literaturwissenschaftlerin)                            der Oper)

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Georges Bizet/Rodion Shchedrin/Julia Wolfe Ballett von Ivan Alboresi - Theater Nordhausen
SHCHEDRINS »CARMEN«: NEUES IM BEKANNTEN GEWAND
                                          von Andrew Lindemann Malone

                                          Seitdem sich das Musikpublikum von seiner an-     das Schlagwerk ein, um die melodische Linie
                                          fänglichen Abneigung gegen Georges Bizets         unerwartet zu erschüttern, wie in der Szene
                                          »Carmen« im Jahr 1875 erholt hat, wurde der       »Changing of the Guards« (»Wachablösung«),
                                          unerschöpfliche Fundus an einprägsamen Me-        wenn das Klirren und Klappern auf die einzel-
                                          lodien der Oper für Potpourris, Fantasien und     nen Noten des Themas einprasseln. Shchedrin
                                          Suiten genutzt. Das Ballett, das der russische    arbeitet auch mit subtileren Verfremdungen,
                                          Komponist Rodion Shchedrin 1967 auf der           indem er Noten, Rhythmen und Akkorde so
                                          Grundlage der Partitur schuf, hebt sich etwas     verändert, dass sie dem Original von Bizet nur
                                          von den meisten dieser Werke ab. Shchedrin        geringfügig unähnlich klingen, was der Partitur
                                          hielt es für unmöglich, ein Carmen-Ballett ohne   gelegentlich eine neoklassizistische Note ver-
                                          Bizets Musik zu schreiben, nicht zuletzt, weil    leiht. Mitunter werden Melodien für einen »ge-
                                          nur wenige Zuschauer die herrliche Partitur       fundenen« Kontrapunkt kombiniert; manch-
                                          von Bizet vergessen können (oder wollen),         mal werden sie auch gekürzt oder ohne
                                          während sie eine neue Bearbeitung der Ge-         Begleitung belassen […]. Dennoch sind die gro-
Erika Cucumazzo, Alfonso López González   schichte hören. Aber Shchedrin wollte der Mu-     ßen Melodien alle gut erkennbar, und die dra-
                                          sik auch seinen eigenen Stempel aufdrücken        matische Kraft der Partitur hält Shchedrins Ein-
                                          und sich, wenn schon nicht als gleichberechtig-   griffen mühelos stand; das Ganze hat die
                                          ter Partner, so doch zumindest als Arrangeur      seltsame Eigenschaft, sich gleichzeitig respekt-
                                          profilieren. Dies gelang ihm zunächst dadurch,    los und zutiefst demütig zu geben. Das Finale
                                          dass er die Suite für Streicher und Schlagzeug    veranschaulicht dies perfekt: Melodien werden
                                          komponierte, was ihn dazu zwang, neue Klang-      verdreht, auf exotisches Schlagwerk geworfen
                                          farben zu finden, die jene bei Bizet ersetzen     und anderweitig zertrampelt, aber die daraus
                                          konnten. Die berühmte Habanera wird hier          resultierende Musik mit ihrem leidenschaftli-
                                          unter anderem vom Vibraphon schwungvoll im        chen Höhepunkt und der Coda aus entfernten
                                          Duett mit den Streichern vorgetragen – sicher-    Glocken und Pizzicato-Streichern hat immer
                                          lich ein Klang, der weit von Bizets Gedanken      noch Schwere und Tiefe, was sowohl auf Bizet
                                          entfernt, aber deswegen nicht weniger einneh-     als auch auf Shchedrins Eingriffe zurückzufüh-
                                          mend ist. An anderen Stellen setzt Shchedrin      ren ist.

                                          BALLETT FÜR EINE RUSSISCHE PRIMABALLERINA
                                          von Juliane Hirschmann

                                          Der heute fast 90-jährige Komponist Rodion        1990 hatte er dieses Amt inne (im Unterschied
                                          Shchedrin war bereits zu Sowjetzeiten interna-    zum Komponistenverband der gesamten
                                          tional präsent. Auf Schostakowitschs Bitte hin    UdSSR herrschte, so Shchedrin, in der einst von
                                          wurde er 1973 Präsident der russischen Sektion    Schostakowitsch gegründeten russischen Sek-
                                          des Sowjetischen Komponistenverbandes. Bis        tion »ein anderer Blick auf die Musik, ein toleran-

                                                                                                                                           18/19
Ballett TN LOS!
terer, offenerer, selbständigerer Blick«). Mitglied   besten in der gesamten Musikgeschichte. Ich habe
der Kommunistischen Partei war er nie. Heute          nicht nur ›Carmen‹, sondern auch ›L’arlesienne‹
lebt Shchedrin abwechselnd in München und             und andere Werke von Bizet verwendet.« Die da-
Moskau. In der schillernden Vielfalt seiner           maligen Gegebenheiten am Bolschoi-Theater
Werke verbinden sich Musik seiner russischen          mögen Shchedrins Entscheidung für sein Inst-
Heimat mit Einflüssen westlicher Traditionen,         rumentarium mit beeinflusst haben: »Zu dieser
vereinen sich Gegenwart und Vergangenheit.            Zeit waren die Streicher im Orchester des Bolschoi-
Seit 1958 war er mit der 2015 verstorbenen Pri-       Theaters unglaublich, denn es war das Jahr 1967
maballerina Maja Plissezkaja verheiratet, einer       und verboten, aus der Sowjetunion auszuwandern.         Jett Shoesmith, Alfonso López González
der erfolgreichsten Tänzerinnen weltweit, die         Die besten Streicher gab es am Bolschoi-Theater
für einige seiner Ballettmusiken wie »Anna Ka-        und in der Leningrader Philharmonie. Später, ir-
renina« nach Leo Tolstoi sowie »Die Möwe«             gendwann in den Jahren 1972–1973, begann die
nach Anton Tschechow eigene Choreografien             jüdische Auswanderung aus Russland nach Israel
                                                                                                              JULIA WOLFE: MUSIK VON GROSSER KRAFT
                                                                                                              von Juliane Hirschmann
entwickelte. In der Choreografie des Kubaners         […] Und es gab auch eine hervorragende Gruppe
Alberto Alfonso tanzte sie am 20. April 1967          von Schlagzeugern im Bolschoi-Theater zu dieser         Julia Wolfe, geboren 1958 in Philadelphia, ist     nen Pennsylvanias widmet, brachte ihr 2015
am Moskauer Bolschoi-Theater auch die Urauf-          Zeit.«                                                  eine namhafte zeitgenössische US-amerikani-        den Pulitzer Prize for Music ein.
führung des einaktigen Balletts »Carmen« mit          Shchedrins Bearbeitung wurde nach der Urauf-            sche Komponistin und Professorin für Kom-          »Fuel« (deutsch s.v.w.: Kraftstoff, Brennstoff)
Musik von Georges Bizet in der Bearbeitung            führung im April 1967 zunächst von den sowje-           position an der New York University. Die Kraft     für Streichorchester komponierte Julia Wolfe
ihres Mannes.                                         tischen Machthabern als »respektlos« gegen-             und Energie ihrer Musik fordern Publikum           im Auftrag des Hamburger Ensemble Reso-
Die Idee für dieses Projekt kam von ihr. Sie ver-     über dem originalen Werk Bizets abgewertet.             und Interpreten gleichermaßen. Sie erhielt         nanz und wurde, wie die Komponistin selbst
fasste zudem das Libretto. Für die Umarbeitung        Die sowjetische Kulturministerin Jekaterina             eine klassische musikalische Ausbildung an         es beschreibt, »von den feurigen Streichern«
der Musik von der Oper zum Ballett wandte sie         Furtsewa verbot sie nach der Uraufführung, sie          der University in Michigan, der Yale School of     des Ensembles inspiriert. »Die Mitglieder der
sich zunächst an Schostakowitsch. Doch dieser         sei eine »Beleidigung« von Bizets Meisterwerk:          Music und der Princeton University, ein Ful-       Gruppe forderten mich auf, etwas Rauschendes
lehnte ab, »ich habe Angst vor Bizet«, äußerte er.    »Wir können nicht zulassen, dass sie aus Carmen,        bright Stipendium ermöglichte ihr zudem ei-        und Virtuoses zu schreiben und die Gruppe bis an
»Alle sind so sehr an die Oper gewöhnt, dass du sie   der Heldin des spanischen Volkes, eine Hure ma-         nen Aufenthalt in Amsterdam.                       die Grenzen zu treiben. Diese Aufforderung ver-
enttäuschen wirst, egal was du schreibst.« Schließ-   chen«. Doch dank des Einsatzes von Dmitri               Wolfes kompositorisches Schaffen fußt im           schmolz mit den Klängen von Verkehr und Häfen
lich nahm sich Shchedrin diesem Projekt an.           Schostakowitsch für die Bearbeitung Shche-              Post-Minimalismus. In vielen ihrer Werke           – New York und Hamburg –, von großen Schiffen,
Aber auch für ihn war es kein ganz einfaches          drins wurde sie kurze Zeit später am Bolschoi-          schwingt zudem der Geist von Pop und Jazz          knarrenden Docks, pfeifenden Geräuschen und
Unterfangen: »Ich dachte an die Worte von             Theater wieder aufgenommen. Heute ist sie ei-           im Hintergrund mit. Zu ihren Einflüssen zählt      einer unerbittlichen Energie.« »Cruel Sister«
Schostakowitsch – er ist ein weiser Mann, ein wei-    nes von Shchedrins meistgespielten Werke.               sie auch Funk, Hiphop oder die Rockband Led        (»Grausame Schwester«) hingegen erzählt die
ser Mann – und so musste ich etwas kombinieren.                                                               Zeppelin. Inspirationen sucht sie weniger in       in einer alten englischen Ballade überlieferte
Auf der einen Seite sollte es etwas Frisches sein,            Shchedrins »Carmen«-Bearbeitung enthält         der Literatur, Philosophie oder Wissenschaft       Geschichte von zwei rivalisierenden Ge-
auf der anderen Seite eine Verbindung zu diesen                 folgende 13 Sätze: I. Einleitung, II. Tanz,   als in Alltagserlebnissen, die sie in ihre Kunst   schwistern. Entstanden im Auftrag des Mün-
berühmten Melodien geben. Und die Idee war,                    III. Erstes Intermezzo, IV. Wachablösung,      einbezieht, in Klängen und Rhythmen des Ur-        chener Kammerorchesters wurde dieses Werk
glaube ich, eine glückliche, nur Streicher und             V. Carmen-Auftritt und Habanera, VI. Szene,        banen, Eindrücken aus Film, Comic und Car-         für Streichorchester im Mai 2004 unter der
Schlagzeug zu verwenden, weil es dann eine ganz         VII. Zweites Intermezzo, VIII. Bolero, IX. Torero,    toon. Wolfes 2014 in Philadelphia uraufge-         musikalischen Leitung von Christoph Poppen
moderne Kombination gibt.« Für Shchedrin war                           X. Torero und Carmen, XI. Adagio,      führtes Oratorium »Anthracite Fields«, das         im Herkulessaal der Münchener Residenz ur-
die Partitur von Bizet »fantastisch«, »eine der                              XII. Wahrsagung, XIII. Finale    sich dem Leben der Arbeiter in den Kohlemi-        aufgeführt.

                                                                                                                                                                                                             20/21
ZUM WEITERLESEN UND -HÖREN
CARMENS GESCHICHTE GETANZT – EIN ÜBERBLICK                                                              Die Nordhäuser Stadtbibliothek »Rudolf Hagelstange« hält folgende Medien zum
von Juliane Hirschmann                                                                                  Ballett »Carmen« bereit:

Dass Carmen singt und tanzt, beschreibt bereits     André Girad gekürzt und neu arrangiert. Die Ur-     Literatur:
Mérimée in seiner Novelle. Bizets Musik hat ei-     aufführung des Balletts fand im Februar 1949        Georges Bizet, Carmen:
nen ausgeprägten rhythmischen Impuls. Die           am Shaftesbury Theatre in London statt. In den      Marius Flothius: Artikel zu »Carmen«, in: Carl Dahlhaus (Hrsg.): Pipers Enzyklopädie des
Geschichte der Carmen mit der Musik von Bizet       folgenden 50 Jahren gab es das Werk weltweit        Musiktheaters, Bd. 1, München, Zürich 1896, S. 355–361.
zu vertanzen hat daher schon viele Choreogra-       rund 5000 Mal zu sehen. 1967 schrieb Rodion         Curt A. Roesler, Siegmar Hohl (Hrsg.): Bertelsmann Opernführer. Werke und Komponisten,
fen gereizt.                                        Shchedrin seine Bearbeitung für das am Bol-         München 1995, S. 62–64, 430–431. (607 Seiten), Illustrationen.
Das erste Carmen-Ballett entstand jedoch noch       schoi-Theater aufgeführte, rund 45 Minuten
vor Bizets Oper: Der französische Balletttänzer     dauernde Ballett. Abendfüllend ist das Ballett      Ballett:
und Choreograf Marius Pepita ließ sich zu der       des britischen Choreografen John Cyril Cranko       Kristina Scharmacher-Schreiber: Ballett mit anderen Augen, München 2018. (32 Seiten), Illustra-
Zeit, als er als erster Tänzer am Teatro Real in    nach Merimée mit Musik von Wolfgang Fortner         tionen. (Die Welt des Balletts für Kinder)
Madrid wirkte (1844–1847), von der Geschichte       in Zusammenarbeit mit Wilfried Steinbrenner         Spanien:
bei Merimée zu dem Ballett »Carmen et son To-       aus dem Jahr 1971. Die auf der Oper von Bizet       David Baird: Sevilla & Andalusien, München 2016. (288 Seiten), zahlreiche Illustrationen + 1 Karte.
réro« inspirieren. Es sind leider keine Quellen     basierenden Collagen sind in der Zwölftontech-
überliefert, die über die verwendete Musik Auf-     nik verfasst.                                       Sonstiges:
schluss geben.                                      Bis heute regt der Carmen-Stoff zahlreiche Cho-     Genevieve Fraiss, Michelle Perrot: Geschichte der Frauen, Bd. 4, 19. Jahrhundert, Frankfurt/M.
Um die Wende zum 20. Jahrhundert gab es am          reografen zu Balletten an, die zumeist die Musik    1994. (608 Seiten), Illustrationen.
Alhambra Theatre im Londoner West End drei          von Bizet, mitunter in der Umsetzung von            Françoise Thébaud: Geschichte der Frauen, Bd. 5, 20. Jahrhundert, Frankfurt 1995. (718 Seiten),
verschiedene Carmen-Ballette zu sehen. Sie wa-      Shchedrin – der bekanntesten »Carmen«-Bear-         Illustrationen.
ren von allen damals dort gezeigten Balletten       beitung überhaupt – verwenden und sich nicht
am erfolgreichsten. Im späten 19. Jahrhundert       selten auf die Novelle von Merimée beziehen.        CDs und DVDs:
wurden Tänzer zumeist nur für Balletteinlagen       1983 brachte der Regisseur Carlos Saura einen       Georges Bizet: Carmen. Oper in 3 Akten nach einer Novelle von Prosper Mérimée. Lorin Maazel,
in Opern eingesetzt. Anders war es in London,       Tanzfilm mit Antonio Gades und Laura del Sol        Orchester der Deutschen Oper Berlin, Chor der Deutschen Oper Berlin, BMG Music, P 1979; C
wo es sowohl am Alhambra Theatre als auch im        heraus, in dem die Bühnendarsteller, die eine       1995. (2 CDs)
Empire Theatre, – beides Theater, die leichtere     »Carmen«-Aufführung erarbeiten, die Ge-             Rodion Shchedrin: Carmen Suite. Transcription of Fragments from Bizetʼs Opera »Carmen«.
Unterhaltung boten – florierte. Das Alhambara       schichte der Novelle selbst erleben. Realität und   Olympia, P 1987. (1 CD)
Theatre hatte eine eigene große Ballettcompag-      Fiktion vermischen sich miteinander. Die Musik      Georges Bizet: Carmen. Chor und Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von
nie und engagierte bedeutende Choreografen.         kombiniert jene von Bizet mit Flamenco von          Carlos Kleiber, TDK Marketing Europe GmbH 1978. (1 DVD, ca. 154 Min.)
Das Carmen-Ballett in der Choreografie von          Paco de Lucía, dem »Großmeister« der Flamen-
Aimé Bertrand aus dem Jahr 1897 verwendete          cogitarre. Dass Bizets Musik eine choreografi-      Stadtbibliothek „Rudolf Hagelstange“: Nikolaiplatz 1, Tel. (0 36 31) 69 62 67
Musik von Georges Jacobi, die anderen zwei          sche Umsetzung geradezu herausfordert, fand
entnahmen die Musik aus Bizets Oper (1903,          schließlich auch der Produzent Horant H. Hohl-      Textnachweise: S. 7: Zitat Egon Voss, in: Attila Csampai, Dietmar Holland (Hrsg.): Georges Bizet, »Carmen«. Texte, Materialien,
Choreografie von Lucia Cormani; 1912, Cho-          feld, als er im Jahr 1990 seinen Tanzfilm »Car-     Kommentare, Reinbek bei Hamburg 1984, S. 16; Zitate S. 16/17: Prosper Mérimée: Carmen, übers. von Arthur Schurig, Zürich 1983,
                                                                                                        S. 35; Kirsten Möller, Inge Stephan, Alexandera Tacke, aus dem Vorwort zu: Dies. (Hrsg.): Carmen. Ein Mythos in Literatur, Film und
reografie von Augustin Berger).                     men on Ice« für Eiskunstläufer entwickelte. Die     Kunst (=Literatur – Kultur – Geschichte. Studien zur Literatur- und Kulturgeschichte Bd. 28), Köln, Weimar, Wien 2011, S. 7/8; José
Erfolgreich war auch das Ballett, das der franzö-   Titelrolle besetzte er prominent mit Katharina      Colmeiro, zitiert in: Kirsten Möller: Prosper Mérimées »Carmen«. Eine französisch-spanische Beziehungsgeschichte, in: Dies., Inge
sische Choreograf Roland Petit im Jahr 1949 für     Witt. Sie war schon 1988 bei den Olympischen        Stephan, Alexandra Tacke (Hrsg.): Carmen. Ein Mythos, S. 13; Kirsten Möller, in: Ebd., S. 13–22; Karl Schumann, zitiert in: Attila
                                                                                                        Csampai, Dietmar Holland (Hrsg.): Georges Bizet, »Carmen«, S. 266; Teresa Berganza, zitiert in: Ebd., S. 259.
seine eigene Compagnie »Les Balletts de Paris«      Spielen in Calgary in einer Kür zu Bizets Musik     Artikel von Andrew Lindemann Malone (S. 18) auf: www.allmusic.com. Die Zusammenfassung der Handlung sowie die Artikel auf den
schuf. Die Geschichte folgt derjenigen Méri-        als Carmen angetreten und und hatte damit den       Seiten S. 10/11 und S. 18–20 sind Originalbeiträge von Juliane Hirschmann für dieses Programmheft. Fragen auf S. 14/15 von Juliane
                                                                                                        Hirschmann.
mées, die Musik ist von Bizet und wurde von         Olympiasieg davongetragen.
                                                                                                        Die Probenbilder von Ida Zenna entstanden eine Woche vor der Premiere auf der ersten Kostümprobe.
                                                                                                                                                                                                                                      22/23
»Weil ich dich liebe, bin ich des Nachts
                                                                   So wild und flüsternd zu dir gekommen,
                                                               Und dass du mich nimmer vergessen kannst,
                                                                   Hab ich deine Seele mit mir genommen.

                                                                     Sie ist nun bei mir und gehört mir ganz
                                                                               Im Guten und auch im Bösen;
                                                                      Von meiner wilden, brennenden Liebe
                                                                               Kann dich kein Engel erlösen.«

                                                                                                  (Hermann Hesse)

Impressum:
Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen GmbH
Spielzeit 2021/2022, Intendant: Daniel Klajner
Käthe-Kollwitz-Straße 15, 99734 Nordhausen, Tel: (0 36 31) 62 60-0
Premiere: 29. Oktober 2021
Programmheft Nr. 6 der Spielzeit 2021/2022
Redaktion und Gestaltung: Dr. Juliane Hirschmann
Satz und Layout: Dorothee Probst, Abteilung Kommunikation und Marketing des Theaters Nordhausen
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