Grundlagen zu Trauma und Flucht und zum Umgang mit psychisch belasteten Geflüchteten - Fachtagung Migration und Gesundheit Gesundheitsdepartement ...

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Grundlagen zu Trauma und Flucht und zum Umgang mit psychisch belasteten Geflüchteten - Fachtagung Migration und Gesundheit Gesundheitsdepartement ...
Grundlagen zu Trauma und Flucht und
zum Umgang mit psychisch belasteten
Geflüchteten

Fachtagung Migration und Gesundheit
Gesundheitsdepartement BS
02.09.2021

Dr. med. Serena Galli
Transkulturelle Sprechstunde
Zentrum für psychische Gesundheit Binningen
Grundlagen zu Trauma und Flucht und zum Umgang mit psychisch belasteten Geflüchteten - Fachtagung Migration und Gesundheit Gesundheitsdepartement ...
Übersicht

1. Trauma

2. Trauma und Flucht

3. Umgang mit psychisch belasteten Geflüchteten

4. Diskussion

                                                  2
Grundlagen zu Trauma und Flucht und zum Umgang mit psychisch belasteten Geflüchteten - Fachtagung Migration und Gesundheit Gesundheitsdepartement ...
Übersicht

1. Trauma

2. Trauma und Flucht

3. Umgang mit psychisch belasteten Geflüchteten

4. Diskussion

                                                  3
Grundlagen zu Trauma und Flucht und zum Umgang mit psychisch belasteten Geflüchteten - Fachtagung Migration und Gesundheit Gesundheitsdepartement ...
(I) Grundlagen Trauma (Psychologie)

•       Trauma als seelische Verletzung (altgriechisch Τραύμα, ‚Wunde‘)

•       Definition:
    •        «[…] ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen
            Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe
            einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.»
            (Fischer & Riedesser 2020)

    •       «Ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher
            Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung
            hervorrufen würde.» (ICD 10 Version 2019, WHO 1992)

        •      Sexualisierte Gewalt u.a. gewalttätige Übergriffe, kriegerische Ereignisse, Genozid, Folter, Naturkatastrophe u.a.

        •      Subjektive Bedeutung für Entwicklung traumatisierender Eigenschaft zentral (vgl. Wittmann 2020)

        •      (Potentiell) traumatische Ereignisse vs. belastende Lebensereignisse (cave: inflationäre Begriffsverwendung!)

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(I) Grundlagen Trauma (Psychologie)

•       Traumafolgestörung als Überbegriff für versch. psychische
        Erkrankungen, die ursächlich auf traumatische Erlebnisse
        zurückzuführen sind
    •    Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), aber nicht nur!

    •    somatoforme und Schmerzstörungen, affektive und Angststörungen, Abhängigkeitserkrankungen u.a.

    •    Komorbiditäten häufig

•       PTBS: Häufigkeit der Entwicklung und Erkrankungsdauer abhängig von
        Art des traumatischen Ereignisses
    •    Typ-I-Traumata: kurzdauernde, einmalige Ereignisse (Unfall; Vergewaltigung)

    •    Typ-II-Traumata: lang anhaltende oder wiederholte Ereignisse (AKW-Unglück, Hungersnot; sexuelle
         Ausbeutung, Folter, Krieg)

    •    akzidentiell vs. intendiert (zwischenmenschliche Gewalterfahrung)
                                                                                          5
(II) PTBS-Diagnostik

•       Diagnostische Kriterien nach ICD-10 (F43.1)
    •       traumatisches Ereignis (vitale Bedrohung, direkte Exposition durch eigene Betroffenheit oder Bezeugung)

    •       Wiederererinnern- und erleben des Traumas (intrusive Symptomatik: Nachhallerinnerungen,
            «Flashbacks», körperliche Intrusionen, szenische Albträume)

    •       Vermeidungsverhalten (innere und äussere traumassoziierte Reize)

    •       Entweder 1 oder 2:

        •      1. teilweise oder vollständige Unfähigkeit, einige wichtige Aspekte der Belastung zu erinnern (dissoziative
               Amnesie)

        •      2. Veränderungen des Erregungsniveaus (Anspannung, Schlafstörungen, Reizbarkeit oder Wutausbrüche,
               Konzentrationsschwierigkeiten, Hypervigilanz, erhöhte Schreckhaftigkeit, emotionale Betäubung)

    •       Zeitlicher Faktor: Kriterien treten innerhalb von 6 Monaten nach Belastungsereignis auf (cave: in ca.
            10% verzögerter Beginn; Spontanremissionen < 6 Monate)

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(II) PTBS - Diagnostik

•       Ergänzungen nach DSM-V (APA, 2013)
    •    Indirekte Traumaexposition: indirekte Konfrontation (man erfährt, dass nahestehende Person Opfer
         von Gewalt oder eines Unfalls wird) und berufliche Exposition (Ersthelfer*innen, Polizist*innen,
         Journalist*innen, die wiederholt oder extrem mit aversiven Details traumatischer Ereignisse konfrontiert
         sind)

    •    Dissoziativer Subtyp

    •    Anhaltende negative Veränderungen von Kognitionen und Stimmung (Gefühl der Entfremdung,
         anhaltende negative Emotionen wie Scham-/Schuldgefühle, Ärger und Wut, unangemessene negative
         Überzeugungen u.a.)

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(III) Ausblick ICD 11

•   Komplexe PTBS (6B41)
    •   «länger anhaltende, sich wiederholende traumatische Ereignisse oder wiederholte unterschiedliche
        traumatische Ereignisse, […] aus welchen ein Entkommen schwierig oder gar unmöglich ist»

    •   Kernsymptome der PTBS

    •   Schwere Emotionsregulationsstörung

    •   Anhaltend negatives Selbstkonzept (tiefgreifende Gefühle von Scham, Schuld)

    •   Andauernde Schwierigkeiten in tragenden Beziehungen oder im Gefühl der Nähe zu andern

•   Dissoziative Identitätsstörung (6B65)

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(IV) PTBS - Neurobiologie

•   Überschreitung einer kritischen Stressschwelle in traumatischer
    Situation

•   Aktivierung sog. Verteidigungskaskade (Schauer & Elbert 2010)
    •   Unterschiedliche Reaktionen je nach subjektiver Einschätzung der Lage: Flucht, Kampf
        (sympathisches Nervensystem) oder dissoziativer Shutdown (parasympathisches Nervensystem)

                                                                                      9
(IV) PTBS - Neurobiologie

•   PTBS als «Gedächtnisstörung» konzeptualisiert

•   Massive Ausschüttung von Stresshormonen mit Entwicklung eines
    «Traumagedächtnisses»
    •   Erhöhte Aktivität der Amygdala mit neuronaler Informationsblockade («implizites» Gedächtnis)

    •   Verminderte Aktivität im präfrontalen Kortex, hippocampale Dysfunktion

    •   keine zeitliche und räumliche Kontextualisierung, kein kontrolliertes und verbalisierbares Abrufen der
        Erinnerungen / Integration in autobiographisches Gedächtnis möglich

    •   Leichte Aktivierbarkeit durch Hinweisreize, posttraumatisches Wiedererleben als Hier- und Jetzt-
        Erfahrung

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(V) PTBS - Psychodynamik

•       Überflutung des «Ichs» durch traumatische Aussenreize, Abwehr und
        zwanghaftes Wiederholen als dysfunktionale Bewältigungsstrategie
    •       «Traumaschema» und «Traumakompensatorisches Schema» (vgl. Fischer & Riedesser 2020)

•       Prozesshaft-beziehungsorientiertes Traumaverständnis
    •       Traumatisierung kein statischer Zustand, sondern variabler Prozess, welcher von individuellen,
            interpersonellen und kontextuellen Faktoren abhängig ist

        •      «Zentrales konflikthaftes Beziehungsschema» (vgl. Barwinski 2016)

    •       «Sequentielle Traumatisierung» nach Keilson (1979):

        •      Sequenz traumatisierender Belastungsphasen, die stets in ihrer Gesamtheit betrachtet werden muss (nicht nur sog.
               Kerntrauma als auslösendes Moment, sondern auch darauffolgende Umweltbedingungen wie Flucht und
               Exilerfahrung für traumatische Pathogenese und Traumaverarbeitung relevant)

    •       Negativer Einfluss des Traumas auf innere Bilder von sich selbst und anderen

                                                                                                             11
(VI) PTBS – Risiko- und protektive Faktoren

•       Risikofaktoren
    •    Psychische und körperliche Vorerkrankungen

    •    Vorangehende potentiell traumatisierende Erlebnisse (Dosis-Effekt)

    •    Mangelnde soziale Unterstützung, sozioökonomische Schwierigkeiten

•       Protektive Faktoren
    •    Religiosität und Spiritualität (Kohärenzerleben)

    •    Anerkennung der Betroffenen als Trauma«opfer» (durch Bezugspersonen und Therapeut*innen, auf
         gesellschaftspolitischer Ebene)

    •    Resilienz

                                                                                          12
(VII) PTBS - Behandlungsansätze

• Phasischer Verlauf mit Stabilisierung, Exposition und Integration (häufig
  zyklisch statt linear)

• Traumakonfrontative Ansätze
  •   Überführung der traumatischen Gedächtnisinhalte vom «heissen» impliziten ins «kalte» explizite
      Gedächtnis

• Beziehungsorientiert-psychodynamische Ansätze
  •   Posttraumatische Pathologie als Abwehr von Katastrophenängsten

  •   Integration mangelhaft symbolisierter traumatischer Erfahrung in ein Lebensnarrativ über Aktualisierung
      und Bedeutungsgenerierung in einer «containenden» therapeutischen Beziehung

  •   Traumatischer Prozess tritt ggü. einzelnen traumatischen Ereignissen in den Vordergrund

                                                                                                13
Übersicht

1. Trauma

2. Trauma und Flucht

3. Umgang mit psychisch belasteten Geflüchteten

4. Diskussion

                                                  14
(I) Flucht und Asyl: Zahlen 2020

•       82.4 Mio Flüchtlinge weltweit (UNHCR 2020)
    •    Mehrheit Binnenflüchtlinge

•       11’041 Asylgesuche in der Schweiz (SEM 2020)
    •    tiefster Wert seit 2007

    •    Eritrea < Afghanistan < Türkei < Algerien < Syrien < Sri Lanka

                                                                                   15
(II) Psychische Gesundheit Geflüchteter

•       Höhere Prävalenzrate psychischer Erkrankungen in Population von
        Menschen mit Fluchtgeschichte
    •    PTBS ca. 30% (Müller et al. 2018; Li et al. 2016), ähnlich wie Depression (Steel et al. 2009); häufig
         komorbid

    •    Prävalenz psychischer Erkrankungen bei Asylsuchenden in CH schätzungsweise 50-60%, wovon in
         Deutschschweiz < 10% Behandlung erhalten (Müller et al. 2018)

•       Versorgungslücke in Bezug auf spezialisierte Therapieangebote
        (Oetterli et al. 2013)

•       Vielfältige Zugangsbarrieren (fehlende Deckung
        Dolmetscher*innenkosten durch Krankenkasse u.a.)

•       Diagnose von Traumafolgestörungen oft erst nach Jahren mit
        Chronifizierung und Generierung hoher gesellschaftlicher Folgekosten
        (Heiniger & Kaiser 2013)                                  16
(III) „der traumatisierte Flüchtling“?

•   Häufig reflexartige Verschränkung von «Trauma» und Flucht

•   Gefahr eines simplizistischen Verständnisses der Geflüchtetenerfahrung
    als «traumabezogenes Problem» (Varvin 2018)
     «Das ,Trauma’ ist in unserem Zusammenhang nicht so sehr ein theoretisches Konzept als vielmehr ein
     Objekt, das stärkste menschliche Ängste und Bilder einer zutiefst erschreckenden Gewalt in sich schliesst.
     Tendenziell wandelt es sich damit nicht nur im politischen, sondern in gewissem Umfang auch im
     klinischen Diskurs zum unheimlichen Objekt.
     […]
     Der Terminus ,Trauma’ wird dann nämlich zu einem Ort, an dem sich sternenfern anmutende und nicht zu
     tolerierende Elemente ablegen lassen, sodass dem Unheimlichen, wie es in der Gegenübertragung
     geweckt wird, so etwas wie eine Bedeutung zugeordnet werden kann.»

•   Kontext von Dehumanisierung (Menschenrechtsverletzungen im
    Herkunftsland und auf Fluchtroute) und Exil zu wenig berücksichtigt
    (Varvin 2021)
                                                                                               17
(IV) Kritik am PTBS-Konzept (Becker 1997)

•   «Post»traumatische Belastungsstörung? (andauernder traumatischer
    Stress statt zeitlich begrenztes, abgeschlossenes Ereignis)

•   Medikalisierung von «Opfern» politischer Unterdrückung («normale»
    Reaktion auf «abnormale» Belastung) bei gl.zeitiger Vernachlässigung
    des gesellschaftspolitischen Kontextes (potentiell traumatogene
    Exilerfahrung)

•   Bedarf an gesellschaftlicher Anerkennung des geschehenen Unrechts
    und sozialer Reparation (vgl. Ansatz der «restaurative justice»)

•   Pendeln zw. Zugang zu individuellen Leidensprozessen und
    Anerkennung des sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhangs

                                                               18
(V) Komplexität der Geflüchtetenerfahrung

                          19
(V) Komplexität der Geflüchtetenerfahrung

•       Charakteristika der «refugee experience»: Gewalt, Krieg, Verfolgung mit
        weitreichenden Folgen auf psychisches Wohlbefinden

•       Unfreiwillige Flucht bzw. Migrationsprozess als zusätzlicher
        Belastungsfaktor einer bereits vulnerablen Population
    •    Trennung und Verlust, Entwurzelung, Identitätsschwierigkeiten und Rollenverluste, Belastungen während
         Fluchterfahrung (Menschenrechtsverletzungen), sprachlich-kulturelle Verständigungsschwierigkeiten,
         Diskriminierung, innerfamiliäre u. Generationenkonflikte u.a.

•       Psychologische Phasen des Migrationsprozesses von internen
        (individuelle Vorstellungen, Ressourcen, Vorerfahrungen) und externen
        (Integrationsbedingungen des Aufnahmelandes, kollektive Anerkennung
        von Menschenrechtsverletzungen) Faktoren abhängig

                                                                                              20
(V) Komplexität der Geflüchtetenerfahrung

•       Erfahrungen und Lebensrealitäten im Ankunftsland für posttraumatische
        Prozesse prognostisch wichtig (Li et al. 2016)
    •    Gesellschaftspolitische Haltung ggü. Geflüchteten relevant (Varvin 2017)

•       Negativer Einfluss auf Gesundheit durch gesetzlichen Status von
        Migrant*innen jenseits des sozioökonomischen Status (Sardadvar 2015)
        und durch erlebte Diskriminierung (Elias & Paradies 2016)

•       Stabile und hilfreiche Beziehungserfahrungen wichtiger protektiver
        Faktor (vgl. Keilson 1979)

                                                                                    21
(VI) Postmigrationsstressoren (Li et al. 2016)

• Postmigrationsstressoren sind mit schlechteren Outcomes psychischer
  Gesundheit assoziiert und vergleichsweise untererforscht
  •   Sozioökonomische Stressoren (finanzielle Schwierigkeiten bei eingeschränktem Zugang zu
      Arbeitsmarkt; instabile Wohnsituation)

  •   Soziale und zwischenmenschliche Stressoren (fortwährende Trennung von Familie; Soziale
      Isolation; Diskriminierung; Verlust der sozialen Identität)

  •   Stressoren in Zusammenhang mit Asylprozess und Migrationspolitik (Tendenz zu restriktiverer
      Asylpolitik; «vorläufige» Aufenthaltsstatus)

• Negativer Einfluss postmigratorischer Faktoren auf psychische
  Gesundheit grösser als derjenige prämigratorischer Faktoren (!)

                                                                                       22
(VI) Postmigrationsstressoren

«I am not crazy, I don’t need to go to a psychiatrist. He keeps asking me
about torture and my long stay in prison. The torture was bad, okay, but I
had my companions in the prison and we were supporting each other, so I
could handle it. My situation here is much worse. I cannot take care of my
family. I just sit around and there ist nothing to do. […] I am not even able
to […] continue with my political work without the possibility to move to
other countries legally. […] I am a broken man. The doctor tells me to talk
about all this stuff, and that it would help. But instead, it makes me sick
even more, if I recall my desperate situation twice a week. And the general
practitioner at the camp finds one diseas after antoher. Eventually they will
tell me that I will die.»
(Gross 2004)

                                                                  23
Übersicht

1. Trauma

2. Trauma und Flucht

3. Umgang mit psychisch belasteten Geflüchteten

4. Diskussion

                                                  24
(I) Kulturverständnis im historischen Wandel

• Kultur mehrheitlich implizit: Durchs Hineinwachsen sind Massstäbe für
  das «richtige» Tun und Denken grösstenteils unbewusst,
  selbstverständlich und «normal» - deshalb einer Reflektion schwer
  zugänglich
  •   Individualismus vs. Kollektivismus; Kurz- vs. Langzeitorientiertheit; Unsicherheitsvermeidung vs.
      Risikofreudigkeit; Gemischtgeschlechtlicher vs. Geschlechterhomogener Kontext u.a. (vgl.
      Kulturdimensionen nach Hofstede 2001)

• Klassisches Kulturverständnis geprägt von Homogenität und
  Abgrenzung, kulturelle und nationale Zugehörigkeit meist miteinander
  einhergehend (vgl. statisches «Kugelmodell» nach Herder)
• Kritik: «Reinheitsdenken», fehlende Berücksichtigung gruppeninterner
  Differenzen, transnationaler Diskurse und weiterer Aspekte der
  kulturellen Identität

                                                                                           25
(I) Kulturverständnis im historischen Wandel

•       Modernes Kulturverständnis dynamisch und am Konzept der
        «Transkulturalität» orientiert - geteilte Bedeutungsräume
    •     Fokus auf übergeordneten Eigenschaften von Kultur («trans»-) statt Einschluss-/Abgrenzungskriterien

    •     kulturelle Identitäten konstituieren sich durch Vermischung (Welsch 1997) und in Interaktion:

           «Kultur wird […] vor allem als Prozess verstanden, bei dem es nicht nur um die Wiederholung von
           Traditionen geht, sondern um die Schaffung von Bedeutungsräumen. Damit sind Orte, Sprachen
           oder Erlebnisse gemeint, die Menschen gemeinsam haben. Solche Bedeutungsräume bilden in der
           Summe ein selbst gesponnenes Bedeutungsgewebe, das die Kultur eines Menschen ausmacht.»
           (Geertz 1987)

•       Kultur als «transkultureller dritten Raum», in welchem kulturelle
        Zeichen und Bedeutungen stets neu verhandelt werden müssen
        (Bhabha 2000)
•       «Hybride Identitäten» in der postmigrantischen Gesellschaft (vgl.
        Foroutan 2018)
                                                                                                26
(II) Transkulturelle Kompetenz

• Definition:
  •   Fähigkeit, effektiv mit Menschen, die über andere kulturelle Hintergründe verfügen umzugehen und
      zusammenzuarbeiten, um eine beidseits als gelungen erlebte Kommunikation zu ermöglichen

• Ziel:
  •   Gestaltung einer haltgebenden und Entwicklung ermöglichenden (therapeutischen) Beziehung

• Haltung:
  •   Kultursensitivität als Zustand erhöhter Reflexionsbereitschaft bei gleichzeitiger Offenheit ggü.
      dem «Fremden»

                                                                                            27
(II) Transkulturelle Kompetenz

• Wissen über übergeordnete Konzepte und Prinzipien wichtig, bedeutet
  aber nicht, alles über die andere Kultur wissen zu müssen!
  (Gefahr der Kulturalisierung; gemeinsame Konstruktion der Bedeutung
  der Erlebnisse als beteiligte Beobachter*innen)
• Fähigkeit zu Perspektivenwechsel, Ambiguitätstoleranz, proaktiver
  Umgang mit Nicht-Wissen (von Lersner & Kizilhan 2017)
  •   «Kompetenzlosigkeitskompetenz» mit Ziel, in einer von Dominanzverhältnissen geprägten
      Migrationsgesellschaft den Subjektstatus Anderer zu ermöglichen (Mecheril 2009)

• Reflektion eigener Privilegien und Machtstrukturen
• Bewusster Umgang mit Vorurteilen statt Farbenblindheit! (vgl.
  Konzept der «aversiven Voreingenommenheit» n. Brown 2011)

                                                                                          28
(III) Diversity-Ansatz

•       Diversity-Merkmale
    •     Alter, Geschlecht, Geschlechtsidentiät, sexuelle Orientierung, Befähigung und Behinderung, Religion,
          soziokultureller Hintergrund u.a.)

    •     Subjektive Erfahrung durch kontextabhängige Verschränkung versch. Differenzkategorien

•       Pendeln zw. Universalität (menschl. Gleichwertigkeit) und Partikularität
        (individuelle oder gruppenbezogene Unterschiede)
    •     Ermöglicht differenziertere Wahrnehmung der geflüchteten Person (Verschiebungen? - Thematisierung
          von Ressourcen, die in postmigrantischer Lebensrealität untergehen)

    •     Reflektion eigener Privilegien, Erkennen von Machtasymmetrien

•       Unterschiede und Gemeinsamkeiten als Anknüpfungspunkte für
        Beziehungsgestaltung
    •     Fremdheit durch soziales Milieu statt regionale Herkunft?

                                                                                                29
(IV) Kenntnis kulturspezifischer Aspekte (von
                                                             Lersner & Kizilhan 2017)
• Konzeptionen des Selbst
• Erklärungsmodelle psychischer Erkrankungen
   •   Wahrnehmung psychischer Symptome und Ursachenzuschreibungen variabel (bspw.
       Tendenz zur somatischen oder externalen Ursachenattribution bei Stigmatisierung psychischer
       Erkrankungen; monistische vs. dualistische Leib-Seele-Wahrnehmung)

   •   Fehlinterpretation kulturspezifischer Symptomschilderungen (Scham/Tabu; Gefahr der
       Überdiagnostizierung von Somatisierungsstörungen wenn psychisches Leiden stärker auf somatischer
       Ebene erlebt / verbalisiert wird; Halo-Effekt: Übersehen einer Depression bei freundlich lächelnder
       Patientin; Kulturalisierung eines psychischen Problems)

   •   DSM-V: Systematische Erhebung von Erklärungsmodellen im Cultural Formulation Interview und
       Formen kulturell gebundener Leidenskonzepte (kulturelle Syndrome wie «ataque de nervios»);
       kulturelle Leidensbegriffe («ein gebrochenes Herz haben»); kulturelle Erklärungen und
       wahrgenommene Ursachen («böser Blick», Verwünschung / Verhexung)

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(IV) Kenntnis kulturspezifischer Aspekte (von
                                              Lersner & Kizilhan 2017)
• Kommunikation im transkulturellen Setting
 •       Erwartungsklärung (Behandlungserwartung, Rollen- und Heilvorstellungen; ggf. vermehrter Einbezug
         der Angehörigen; )

 •       Kulturspezifische Normen der Kommunikation

     •      Orientierung an Beziehungs- vs. Sachebene

     •      Dimensionen nonverbaler Kommunikation (High vs. Low context communication)

     •      Parasprache (Sprechpausen, Lautstärke)

     •      Kinesik (Blickkontakt, Lächeln, Begrüssung

     •      Intensität des Emotionsausdrucks

     •      Raumverständnis

 •       Einsatz von Sprachmittler*innen

                                                                                           31
(V) Kulturfallen nach Auernheimer (2005)

• Fehlattribution von Kommunikationsschwierigkeiten auf Faktor Kultur
  •   Machtasymmetrien (Sprachbarriere, Ungleichheit des rechtlichen und sozialen Status bzw. Privilegien,
      diskursive Macht u.a.)

  •   Kollektiverfahrungen

  •   Fremdbilder

  •   Differente Kulturmuster (Begrüssungsrituale, Umgang mit Autorität u.a.)

                                                                                              32
(VI) Beziehungsdynamik im transkulturellen Setting

• Spannungsfeld zw. «technischer Neutralität» und Arbeit in einem
  politisierten Raum
  •   Anerkennung des geschehenen Unrechts; Aspekt der Zeug*innenschaft

• Emotionen wie Schuld, Unbehagen und Ärger im transkulturellen Setting
  häufiger (Özbek & Wohlfart 2006)
  •   Konzept der «survivor guilt» (Niederland 1968)

• Reflektion traumaassoziierter Gegenübertragungsreaktionen und gute
  Nähe-Distanz-Regulation
  •   Rettungsimpulse oder Handlungsdruck als Abwehr von Hilflosigkeits- und Ohnmachtsgefühlen
  •   Zu grosse Nähe bei unreflektierten Schuldgefühlen oder Überidentifikation mit «Opferanteilen»

  •   Konfrontation mit heftigen Affekten vs. Empathielosigkeit (Identifikation mit emotionaler Betäubung)

  •   Gefahr einer Reinszenierung ohnmächtig machender Rahmenbedingungen
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(VII) Praktische Implikationen

• Eigene Funktion und deren Grenzen klären

• Anerkennung der psychosozialen Schwierigkeiten im Hier und Jetzt
  (Postmigrationsstressoren, Exilkontext)
  •   Ansonsten Gefahr einer Wiederholung des traumatischen Kernerlebnisses bzw. von Gefühlen von
      Unwirklichkeit und Fragmentierung (Varvin 2013)

• Ermöglichung einer sicheren und empathischen Beziehung
  •   Interesse für Lebensumstände / Ressourcen auch prämigratorisch (cave: Beginn der Biographie nicht
      erst mit Trauma!)
  •   Zuhören, Ernstnehmen, Gespräch anbieten
  •   Gespräch als Raum, um Vergangenes und Gegenwärtiges zur Sprache zu bringen, aber auch über
      Zukunft nachdenken zu können (fehlende Zukunftsperspektive aufenthaltsrechtlich und posttraumatisch!)
      (vgl. Varvin 2021)

• Zuordnung traumaassoziierter Verhaltensweisen (Dissoziation u.a.)
                                                                                           34
(VII) Praktische Implikationen

• Abbau Zugangsbarrieren
  •   Bedarfsweise Weiterverweisung professionelle Fachstellen / niederschwellige psychosoziale Angebote
  •   Vernetzung, interdisziplinäre Zusammenarbeit
  •   Dolmetscher*innengestützte Arbeit (cave: kein Dolmetschen durch Kinder, Angehörige und Bekannte;
      Passung hinsichtlich Ethnie / Geschlecht u.a.; Arbeit mit professionell geschulten Dolmetschenden)
  •   Infomaterial in versch. Sprachen (https://www.migesplus.ch/publikationen/wenn-das-vergessen-nicht-
      gelingt)

• Ermöglichung von Kontrolle und Selbstermächtigung (Trauma =
  Kontrollverlust!)
  •   Klarheit und Transparenz, Orientierung und Sicherheit (Beruhigung des posttraumatisch überaktivierten
      Angst-Bindungssystems)
  •   Verständnisüberprüfung (nachfragen!)
  •   Information (Vermittlung «psychoedukativer» Elemente)
  •   Realistische Zielsetzungen mit konkreten Hilfestellungen
  •   Förderung brachliegender Ressourcen, Ermöglichung sinnstiftender Tätigkeiten
                                                                                             35
(VIII) Halt den Haltgebenden!

• Reflektion eigener Motive für geleistete Unterstützung (cave:
  Helfer*innensyndrom, altruistisches Ausagieren)

• Erkennen eigener Wünsche, Bedürfnisse, Grenzen
  (Überlastungssymptome)?

• «Psychohygiene», Ausgleich

• Schaffung haltgebender Strukturen (Supervision, Austausch)

• Interdisziplinäre Vernetzung

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Übersicht

1. Trauma

2. Trauma und Flucht

3. Umgang mit psychisch belasteten Geflüchteten

4. Diskussion

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

Serena Galli
Psychiatrie Baselland
serena.galli@pbl.ch

www.pbl.ch

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