Ich komm' heut nicht! - iwd

 
Ich komm' heut nicht! - iwd
1. Februar 2018

#3 / 2018
ISSN 0344-919X                  Informationen aus dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln                      G 4120

                                                                Ich komm’
                                                                heut nicht!
                                                               Krankenstand. Der Trend hält an: Die Deutschen fehlen
                                                               am Arbeitsplatz immer länger. Ein Grund dafür ist die
                                                               alternde Belegschaft – Arbeitnehmer über 55 Jahre sind
                                                               im Schnitt deutlich länger arbeitsunfähig als jüngere
                                                               Kollegen. Besonders verbreitet sind Muskel- und Skelett-
                                                               erkrankungen, am längsten fallen die Beschäftigten mit
                                                               psychischen Störungen aus.
                                                                       Seiten 2–4

Einkommensverteilung                                           EU-Kohäsionspolitik
Wie verschiebt sich die Einkommensverteilung in den            Auch wegen des Brexits muss die EU ihre Ausgaben
EU-Mitgliedsstaaten, wenn Europa als ein einziges Land         hinterfragen. IW-Berechnungen zufolge lassen sich in der
betrachtet wird? Das IW hat das analysiert und kommt           Kohäsionspolitik mehr als 20 Milliarden Euro pro Jahr
zu eindrücklichen Ergebnissen.                                 sparen.
        Seite 5                                                        Seiten 6–7

             Weitere Themen +++ Digitalisierung +++ Gastgewerbe +++ Ganztagsbetreuung +++
                                      Top-Liste: Online-Buchungen
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Krankenstand                                                                                  1. Februar 2018 / #3 / Seite 2

Arbeitnehmer fallen länger aus
Krankenstand. Der langfristige Trend zu steigen-                                                  Die Dauer
                                                                                                                                                             3,7 4,5
den Fehlzeiten in Deutschland geht weiter: Pflicht-                                               Verteilung der Arbeitsunfähig-
                                                                                                  keit (AU) 2016 in Prozent aller
                                                                                                                                                     9,3
versicherte Arbeitnehmer wurden 2016 für durch-
                                                                                                  AU-Fälle                                                                                    34,9
schnittlich zweieinhalb Wochen krankgeschrieben.
Ein Grund dafür ist die alternde Gesellschaft: Mit
                                                                                                                                              17,1
dem Alter steigt auch die Zahl der Krankheitstage.                                                    1 bis 3 Tage
Muskel- und Skeletterkrankungen bilden nach wie                                                       4 bis 7 Tage
                                                                                                      1 bis 2 Wochen
vor die häufigste Ursache. Effekte durch eine bessere                                                 2 bis 4 Wochen
Prävention werden sich – besonders bei altersabhän-                                                   4 bis 6 Wochen
                                                                                                      Mehr als 6 Wochen                                               30,4
gigen Verschleißerscheinungen – wohl erst in einigen                                              Arbeitsunfähigkeit: Kalendertage mit ärztlichem Attest; pflicht- und freiwillig versicherte Mitglieder
Jahren erkennen lassen.                                                                           der Betriebskrankenkassen einschließlich Empfängern von Arbeitslosengeld I und II, ohne Rentner
                                                                                                  Quelle: Dachverband der Betriebskrankenkassen
                                                                                                  © 2018 IW Medien / iwd

                                                                                                    Zwei Drittel der Krankmeldungen sind nach spätestens einer
 Die Krankheitstage                                                                                 Woche erledigt – nicht eingerechnet Kurzzeiterkrankungen,
 Durchschnittliche Arbeitsunfähigkeitstage je Pflichtmitglied                                       für die Mitarbeiter kein ärztliches Attest nachweisen müssen.
                                                                                                    Mehr als die Hälfte aller Ausfallzeiten geht aber auf das Konto
 20                                                                                                 von schwerwiegenderen Krankheitsfällen, die mindestens
                                                                                                    vier Wochen dauern.
                                                                                    17,4

                                                                                                     Das Alter
 15
                                                                                                     Durchschnittliche Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage 2016

       11,5                                                                                                    10,6                   12,1                   11,5                  11,6
 10                                                                                                          Unter                20- bis 24-            25- bis 29-            30- bis 34-
              2006         2008        2010         2012         2014         2016
                                                                                                           20-Jährige              Jährige                Jährige                Jährige
 2016: wegen neuer Methodik nur bedingt vergleichbar mit früheren Werten; Arbeitsunfähig-
 keitstage: Kalendertage mit ärztlichem Attest; pflichtversicherte Mitglieder der Betriebskran-
 kenkassen einschließlich Empfängern von Arbeitslosengeld I und II, ohne Rentner

 Quelle: Dachverband der Betriebskrankenkassen                                                                13,1                              15,3                              17,8
 © 2018 IW Medien / iwd
                                                                                                     35- bis 39-Jährige                40- bis 44-Jährige                 45- bis 49-Jährige
 Seit dem Jahr 2016 schauen die Statistiker der Betriebskran-
 kenkassen genauer hin – Atteste während der Reha werden
 nun mitgezählt, Krankschreibungen infolge von Arbeitsunfäl-
 len vollständig erfasst. Dadurch ist die Zahl der Arbeitsunfä-                                              21,8                              27,0                              30,0
 higkeitstage zuletzt um zwei Tage gestiegen. Auch wenn der
 Wert für 2016 nur bedingt mit dem Vorjahr vergleichbar ist,                                         50- bis 54-Jährige                 55- bis 59-Jährige                60- bis 64-Jährige
 bleibt die Richtung eindeutig – der Krankenstand steigt an.                                         Arbeitsunfähigkeitstage: Kalendertage mit ärztlichem Attest; pflicht- und freiwillig versicherte
                                                                                                     Mitglieder der Betriebskrankenkassen einschließlich Empfängern von Arbeitslosengeld I und II,
                                                                                                     ohne Rentner

                                                                                                     Ursprungsdaten: Dachverband der Betriebskrankenkassen
                                                                                                     © 2018 IW Medien / iwd

        Eine interaktive Grafikstrecke mit weiteren Fakten zum                                      Mit zunehmendem Alter sinkt die körperliche Leistungsfähig-
        Krankenstand in Deutschland finden Sie auf                                                  keit. Daher ist es nicht verwunderlich, dass ältere Beschäftig-
        iwd.de/krankenstand_in_deutschland                                                          te durchschnittlich länger ausfallen. Körperliche Verschleiß­
                                                                                                    erscheinungen oder schwerwiegende Erkrankungen treten
                                                                                                    bei jüngeren Kolleginnen und Kollegen seltener auf, auch
                                                                                                    wenn diese häufiger krankgeschrieben werden.
1. Februar 2018 / #3 / Seite 3                                                           Krankenstand

                                                                                                                                   16,3 38,8
Die Leiden
So viel Prozent der Arbeitsunfähigkeitstage
entfielen 2016 auf …                                                                                                               Psychische Störungen

   AU-Tage je Fall                                                                                                                 14,4 6,6
                                                                                                                                   Krankheiten des
                        5,6 4,5                                                                                                    Atmungssystems
                       Infektionen

                       6,3 4,9                                                                                                     4,3      21,4
                                                                                                                                   Krankheiten des
             Krankheiten des
                                                                                                                                   Kreislaufsystems
          Verdauungssystems

        30,6                       3,9
                                                                                                                                   11,3 19,8
                                                                                                                                   Verletzungen und
          Krebserkrankungen                                                                                                        Vergiftungen

19,9 25,2
                                                                                                        Rest zu 100: sonstige Ursachen; Arbeitsunfähigkeitstage: Kalendertage
                                                                                                        mit ärztlichem Attest; pflicht- und freiwillig versicherte Mitglieder der
                                                                                                        Betriebskrankenkassen einschließlich Empfängern von Arbeitslosen-
                                                                                                        geld I und II, ohne Rentner
                 Muskel- und                                                                            Ursprungsdaten: Dachverband der Betriebskrankenkassen
        Skeletterkrankungen                                                                             © 2018 IW Medien / iwd

 Mit höherem Alter treten gerade in körperlich belastenden Berufen vermehrt Verschleißerscheinungen auf. Besonders deutlich
 wird dies durch die hohe Zahl an Muskel- und Skeletterkrankungen. In keiner anderen Krankheitsart steigen die Ausfälle mit
 dem Alter so stark an. Seelische Leiden rangieren inzwischen auf Rang zwei der Krankheitsursachen. Der einfache Rückschluss,
 Arbeitsverdichtung und zunehmender Wettbewerbsdruck machten krank, greift jedoch zu kurz. Zahlreiche Untersuchungen
 belegen, dass sich Arbeit auch positiv auf das seelische Befinden auswirken kann – etwa durch Anerkennung im Job, die soziale
 Vernetzung mit den Kollegen oder schlicht wegen der verbesserten Konsummöglichkeiten durch das Einkommen.

                                                                                                            Die Branchenunterschiede sind mit Vor-
  Die Berufsgruppen                                                                                         sicht zu interpretieren. Auch in den indus-
  Arbeitsunfähigkeitstage 2016 je beschäftigten Versicherten                                                triellen Branchen ist vielfach eine hybride
                                                                                                            Wertschöpfungskette zu beobachten, in
                                                                                                            die unterschiedliche Berufe eingebunden
  Die fünf Berufsgruppen mit den wenigsten AU-Tagen                                                         sind. Zu den Top 5 der Berufsgruppen
  Lehr- und Forschungstätigkeit an Hochschulen                                               5,0            mit den höchsten Ausfallzeiten gehören
  Geologie, Geografie und Meteorologie                                                       7,3            ebenso Altenpfleger wie Lokführer oder
                                                                                             7,7            Lastwagenfahrer. Auch die Top 5 der
  Öffentlichkeitsarbeit
                                                                                                            gesündesten Berufsgruppen streuen über
  Geschäftsführung und Vorstand                                                              7,7            verschiedene Einsatzfelder.
  Human- und Zahnmedizin                                                                     8,0

  Die fünf Berufsgruppen mit den meisten AU-Tagen
  Servicekräfte im Personenverkehr                                                          29,1
  Industrielle Keramikherstellung und -verarbeitung                                         28,9
  Überwachung und Wartung der Verkehrsinfrastruktur                                         28,6
  Polizeivollzugs- und Kriminaldienst, Gerichts- und Justizvollzug                          28,2
  Altenpflege                                                                               28,0
  Arbeitsunfähigkeitstage: Kalendertage mit ärztlichem Attest; pflicht- und freiwillig
  versicherte Mitglieder der Betriebskrankenkassen, ohne Arbeitslose und Rentner

  Quelle: Dachverband der Betriebskrankenkassen
  © 2018 IW Medien / iwd
Krankenstand: Interview                                                       1. Februar 2018 / #3 / Seite 4

„Ein ökonomischer Irrglaube“
          Interview. Die Politik will die Krankenkassenbeiträge künftig
          wieder paritätisch durch Arbeitnehmer und Arbeitgeber finanzie­
          ren lassen. Jochen Pimpertz, Leiter des Kompetenzfelds „Öffent­
          liche Finanzen, Soziale Sicherung, Verteilung“ im IW, erklärt im
          iwd-Interview, welche Folgen das haben könnte.

    Union und SPD haben sich in                                   im Sinne des Wettbewerbs sollte
den Sondierungen auf eine Rück-                                   man unbedingt behalten.

                                                                                                                                                                               Foto: Matthias Ritters
kehr zur paritätischen Aufteilung                                     Was verspricht sich die Politik
der Krankenkassenbeiträge                                         von ihrem Plan?
geeinigt. Wie bewerten Sie das?                                       Durch den sinkenden Zusatzbei-
    Wenn man beim bestehenden                                     trag soll mehr Geld in die Taschen
Bruttolohnniveau den Beitrag                                      der Arbeitnehmer fließen. Der zweite
paritätisch finanziert, steigen die                               Grund ist die Angst vor höheren                       direkt mehr für die Gesundheit
Arbeitskosten für die Arbeitgeber                                 Belastungen durch steigende                           ihrer Mitarbeiter zahlen …
abrupt um 0,5 Prozent. Das klingt                                 Gesundheitsausgaben, die nach                             Ja, wenn die Bruttolöhne niedri-
wenig, macht aber rund 6 Milliarden                               aktueller Rechtslage nur über den                     ger wären. Wird aber ein höherer
Euro im ersten Jahr aus und kann                                  Zusatzbeitrag ausgeglichen würden.                    Arbeitgeberanteil auf den gleichen
dazu führen, dass weniger Menschen                                Beide Argumente beruhen aber auf                      Lohn fällig, steigen die Arbeitskos-
eingestellt werden.                                               einem ökonomischen Irrglauben:                        ten. Dabei schultern die Arbeitgeber
    Was ist Ihr Hauptargument                                     Letztlich muss der Arbeitnehmer                       schon heute einen größeren Anteil
gegen das Vorhaben?                                               alles erwirtschaften – egal ob er den                 der Gesundheitskosten: Für die
    Der Zusatzbeitrag ist das einzige                             Krankenkassenbeitrag überweist                        Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall
Merkmal, das den Versicherten einen                               oder sein Arbeitgeber.                                zahlten sie allein 2017 schätzungs-
Hinweis gibt, welche Kasse effizien-                                  Also spricht doch nichts dage-                    weise 53 Milliarden Euro, 2006 waren
ter wirtschaftet. Dieses Preissignal                              gen, dass die Arbeitgeber einfach                     es nur gut 25 Milliarden (Grafik).
                                                                                                                            Wie ist das zu erklären?
                                                                                                                            In Deutschland arbeiten mehr
 Kosten der Entgeltfortzahlung                                                                                          Menschen als je zuvor, damit erhöht
                                                                                                                        sich die Zahl der Krankheitstage.
 Ausgaben der Unternehmen für die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall
                                                                                                                        Gehaltssteigerungen spielen eben-
 in Milliarden Euro
                                                                                                                        falls eine Rolle. Außerdem steigt der
                                                                                                                        Krankenstand seit einiger Zeit.
 Insgesamt
 davon:   Bruttoentgelte                     Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitgeber                                    Lassen sich Ursachen für diese
                                                        53,2                                                            Entwicklung festmachen?
                               43,9 47,5 48,0 50,6 51,9                                                                     Die Gruppe der Erwerbstätigen ab
                          39,4                42,2 43,3 44,4
           33,6 35,0 36,1      36,6 39,7 40,1                                                                           55 Jahren ist überproportional stark
 25,2 28,9      29,2 30,0
                          32,7
                       28,0                                                                                             gewachsen – und ältere Mitarbeiter
  20,8      24,0
                                                                                                                        werden häufiger krank als jüngere.
   4,4       4,9        5,6       5,9        6,1        6,8        7,3        7,8       7,9        8,4    8,6    8,8
  2006      2007      2008       2009       2010       2011       2012      2013       2014        2015   2016   2017
 Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitgeber einschließlich der gesetzlichen Unfallversicherung;                         IW-Kurzbericht 9/2018
 2015: vorläufig; 2016 und 2017: geschätzt                                                                               Jochen Pimpertz: Steigende Ausgaben für die
 Ursprungsdaten: Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Deutsche Rentenversicherung                                  Entgeltfortzahlung
 © 2018 IW Medien / iwd                                                                                                  iwkoeln.de/entgeltfortzahlung
1. Februar 2018 / #3 / Seite 5                                Einkommensverteilung

Europas Unterschiede
Einkommensverteilung. Reichtum und Armut                        Großes Gefälle
sind auch eine Frage des Maßstabs: Das Institut der             So viel Prozent der Einwohner der einzelnen EU-Mitgliedsstaaten
deutschen Wirtschaft (IW) hat analysiert, wie sich              gehörten im Jahr 2014 zu dieser Einkommensschicht, wenn die
                                                                EU als ein einziger Staat gesehen wird
die Einkommensverteilung in den EU-Mitgliedsstaa-
ten verschiebt, wenn die Europäische Union als ein                    Relativ Reiche            Obere Mitte                       Untere Mitte
einziges Land betrachtet wird. Die Ergebnisse zeigen,                                           Mitte im engen Sinn               Relativ Arme

wie groß die Unterschiede noch immer sind.                      Rumänien       2,9 6,8                            90,1
                                                                               0,1
                                                                Polen          0,8 4,2 24,4                22,7                 48,0
    Wer ist reich, wer ist arm? Die Antwort auf diese Frage
ist relativ, denn das Medianeinkommen in einem Land             Spanien        4,3         17,1           39,3              15,1        24,2
bestimmt qua Definition, wo die Einkommensgrenzen               Italien        4,1         17,6             43,8              15,5 19,0
verlaufen – nach IW-Abgrenzung gilt als relativ reich, wer      Vereinigtes
mehr als 250 Prozent des landesspezifischen mittleren           Königreich            7,2 24,2                    43,8                 13,9      10,9
Einkommens verdient. Armutsgefährdet ist dagegen, wer           Deutsch-
                                                                land                  8,1 27,6                       45,6              10,2      8,4
weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens bezieht.
                                                                Irland                8,4 26,9                       44,3               13,0     7,4
    In einer Studie hat das IW die Ländergrenzen hinter
sich gelassen: Mithilfe von Kaufkraftparitäten wurden die       Frankreich            7,9 25,2                       49,7               11,5     5,6
nationalen Währungen in Kaufkraftstandards (KKS)
                                                                Österreich            8,5        32,8                    45,6            7,9     5,1
umgerechnet. Mit jedem KKS kann man in allen Ländern
                                                                Nieder-
die gleiche Menge Waren und Dienstleistungen kaufen.            lande                 5,9 26,0                       52,6               10,6     4,9
Das europaweite Medianeinkommen lag 2014 bei 1.311              Luxemburg                  26,7               39,8               29,0 3,0 1,6
KKS, in deutschen Preisen wären das 1.370 Euro.
                                                                Länderauswahl; eine Übersicht aller EU-Staaten finden Sie auf iwd.de
    Bei dieser Betrachtungsweise verschieben sich die
                                                                Relativ Reiche: mehr als 250 Prozent …; obere Mitte: 150 bis 250 Prozent …;
Einkommensbefunde fundamental:                                  Mitte im engen Sinn: 80 bis 150 Prozent …; untere Mitte: 60 bis 80 Prozent …;
                                                                relativ Arme: weniger als 60 Prozent …
    Rund 20 Millionen Menschen aus reicheren EU-                … des kaufkraftbereinigten EU-weiten Medianeinkommens (bedarfsgewichtet)

Staaten gelten nach europaweitem Standard – anders              Ursprungsdaten: Eurostat
                                                                © 2018 IW Medien / iwd
als in der jeweiligen nationalen Betrachtung – nicht
mehr als armutsgefährdet.
    Ähnliches gilt für die ärmeren Staaten – allerdings mit   des europäischen Medians verdient und damit als
umgekehrtem Vorzeichen:                                       einkommensreich gilt. Auch für die Bundesrepublik
    Über 45 Millionen Menschen aus den weniger                entspannt sich die Lage: Wenn man die nationalen
wohlhabenden EU-Staaten schaffen es nicht über die            Grenzen durch die europäischen ersetzt, sinkt die
EU-Armutsschwelle, obwohl sie nach nationalem                 Armutsgefährdungsquote für Deutschland von 16,5 auf
Maßstab nicht armutsgefährdet sind.                           8,4 Prozent. Und: Mehr als ein Drittel der Bundesbürger
    In einigen Mitgliedsstaaten, vor allem im Osten, liegt    zählt dann mindestens zur oberen Mitte.
sogar das kaufkraftbereinigte Medianeinkommen
unterhalb der für Europa errechneten Armutsschwelle –           IW-Kurzbericht 4/2017
dort ist also mehr als die Hälfte der Bevölkerung nach          Judith Niehues: Einkommen in Europa – Arm und Reich ist
europäischen Maßstäben armutsgefährdet.                         auch eine Frage des Maßstabs
                                                                iwkoeln.de/einkommen_in_europa
    Schlusslicht in der europaweiten Betrachtung ist
Rumänien, wo über 90 Prozent der Bevölkerung als
                                                                       Zu welcher Schicht gehören Sie?
relativ einkommensarm gelten, wenn man auf die EU als                  Sind Sie Teil der Mittelschicht, reich oder armutsgefährdet?
Ganzes schaut (Grafik). In Luxemburg dagegen ist nach                  In einer interaktiven Grafik können Sie das mit wenigen Klicks
                                                               herausfinden. Außerdem erfahren Sie, wo Sie mit Ihrer Kaufkraft im
KKS praktisch niemand mehr armutsgefährdet, während            Schichtgefüge der anderen europäischen Länder landen würden:
über ein Viertel der Bevölkerung mehr als 250 Prozent          iwkoeln.de/einkommensschicht
EU-Kohäsionspolitik                                                      1. Februar 2018 / #3 / Seite 6

Aufs Wesentliche beschränken
EU-Kohäsionspolitik. Seit                                          der Brexit bevor – damit fehlen der                     1 Milliarde Euro Ende der 1970er
Jahrzehnten weitet die EU ihre                                     EU laut Haushaltskommissar Gün­                         Jahre auf zuletzt deutlich mehr als
Politik zur Förderung des wirt-                                    ther Oettinger ab 2020 jährlich mehr                    60 Milliarden Euro gestiegen.
                                                                   als 10 Milliarden Euro. Insgesamt                           Damit entfällt mittlerweile fast
schaftlichen und sozialen Zusam-
                                                                   droht durch die höheren Aufwendun­                      jeder zweite Euro, den die EU
menhalts stetig aus. Nicht nur                                     gen und die fehlenden Einnahmen                         ausgibt, auf kohäsionspolitische
weil mit den Briten demnächst                                      ein Haushaltsloch von bis zu 30 Mil-                    Maßnahmen – einschließlich der
wohl ein wichtiger Nettozahler                                     liarden Euro pro Jahr.                                  landwirtschaftlichen Strukturpolitik.
fehlt, gehören nun aber alle Ausga-                                    Angesichts dessen muss die EU                           Ein Blick auf die Details verrät,
ben auf den Prüfstand. Eine neue                                   ihre derzeitigen Ausgaben dringend                      dass die Fördertöpfe oft im Zusam­
IW-Studie zeigt, dass sich jährlich                                hinterfragen. Das gilt nicht zuletzt für                menhang mit einer Erweiterung oder
                                                                   die sogenannte Kohäsionspolitik. Sie                    Vertiefung der EU eingerichtet oder
mehr als 20 Milliarden Euro spa-
                                                                   basiert auf der vertraglichen Ver­                      aufgefüllt worden sind – quasi als
ren ließen, wenn die Kohäsions-                                    pflichtung, den wirtschaftlichen,                       Teil politischer Deals. Zudem soll die
mittel nur noch den wirtschaftlich                                 sozialen und territorialen Zusam­                       Kohäsionspolitik seit 2007 den
schwächeren Mitgliedsstaaten                                       menhalt in der Union zu fördern.                        Mitgliedsstaaten auch noch dabei
gewährt würden.                                                    Insbesondere sollen die Unterschie­                     helfen, die von der EU gesetzten
                                                                   de im Entwicklungsstand der Regio-                      Wachstums- und Beschäftigungsziele
    Europa mangelt es wahrlich nicht                               nen verringert und der Rückstand                        zu erreichen.
an Herausforderungen. Um neue                                      besonders benachteiligter Gebiete                           Dies führt allerdings dazu, dass
Flüchtlingsdramen zu vermeiden,                                    abgebaut werden.                                        prinzipiell alle Regionen in der EU
muss die EU helfen, die Migrations­                                    Um diese Ziele zu erreichen, hat                    auf Kohäsionsmittel hoffen dürfen.
ursachen zu bekämpfen. Zugleich                                    die EU im Laufe der Jahre immer                         In der aktuellen Förderperiode geht
gilt es, die Grenzen zu sichern und                                mehr Geld in die Hand genommen                          denn auch kein Land leer aus (Grafik
den Terrorismus in die Schranken zu                                (Grafik):                                               Seite 7):
weisen. All dies kostet viel Geld.                                     Die jährlichen Ausgaben für die                         Im Zeitraum 2014 bis 2020
Zudem steht aller Voraussicht nach                                 Kohäsionspolitik sind von etwa                          profitieren alle 28 EU-Staaten von
                                                                                                                           den insgesamt gut 454 Milliarden
                                                                                                                           Euro an Kohäsionsmitteln.
 EU: Mehr Geld für den Zusammenhalt                                                                                            Selbst das reiche Luxemburg wird
 Ausgaben für die Kohäsionspolitik in Milliarden Euro
                                                                                                                           noch mit gut 100 Millionen Euro
                                                                                                                           gefördert. Das meiste Geld fließt,
                                                                                                                           absolut gesehen, nach Polen; je
      in Prozent der EU-Gesamtausgaben
                                                                                                                           Einwohner gerechnet liegt dagegen
 70
                                                                                                                           Estland vorn.
 60
                                                                                                                   63,0        Über das ursprüngliche Ziel,
 50
                                                                                                                   43,4    speziell die ärmeren Mitgliedsstaa­
 40
                                                                                                                           ten und Regionen zu unterstützen,
 30
                                                                                                                           geht die Kohäsionspolitik also
 20
        9,9                                                                                                                inzwischen deutlich hinaus.
 10
        0,8                                                                                                                    All dies sind zusammen mit der
  0
      1976       1980           1985           1990           1995           2000           2005           2010     2015   drohenden Haushaltslücke gute
 Kohäsionspolitik: Politik zur Stärkung des wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalts in der EU           Gründe, die Kohäsionspolitik wieder
 Ausgaben in Milliarden Euro: bis 1979 in Milliarden Europäische Rechnungseinheiten,
 1979 bis 1998 in Milliarden Europäische Währungseinheiten (ECU)                                                           auf das Wesentliche zu beschränken.
 Ursprungsdaten: EU-Kommission                                                                                             Das IW hat dazu eine Modellrech­
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                                                                                                                           nung erstellt, die auf den kohäsions­
1. Februar 2018 / #3 / Seite 7                                         EU-Kohäsionspolitik

  EU-Kohäsionspolitik: Förderung für alle
     Unter dem Begriff der Kohäsionspolitik werden allgemein jene Maßnahmen zusammengefasst, mit denen die EU den wirtschaft-
     lichen, sozialen und territorialen Zusammenhalt in der Staatengemeinschaft stärken will. In einer weiten Abgrenzung – wie hier –
     berechnen sich die kohäsionspolitischen Mittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, dem Europäischen
     Sozialfonds, dem Kohäsionsfonds, dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums, dem Euro-
     päischen Meeres- und Fischereifonds sowie der Beschäftigungsinitiative für junge Menschen.

  Von den insgesamt 454,1 Milliarden Euro, die die EU im Rahmen der Kohäsionspolitik für den Zeitraum 2014 bis 2020 zur Verfügung
  stellt, entfallen so viele Milliarden Euro auf diese Mitgliedsländer

      je Einwohner in Euro

   Polen                            86,0             2.270               Litauen                           8,4             2.900
   Italien                          42,8               700               Lettland                          5,6             2.860
   Spanien                          37,4               810               Österreich                        4,9               570
   Rumänien                         30,8             1.560               Estland                           4,5             3.390
   Deutschland                      27,9               340               Slowenien                         3,9             1.880
   Frankreich                       26,7               400               Finnland                          3,8               690
   Portugal                         25,8             2.490               Schweden                          3,6               370
   Ungarn                           25,0             2.540               Irland                            3,4               710
   Tschechien                       24,2             2.290               Belgien                           2,7               240
   Griechenland                     20,4             1.890               Niederlande                       1,7               100
   Vereinigtes Königreich           16,4               250               Dänemark                          1,3               220
   Slowakei                         15,3             2.830               Zypern                            0,9             1.030
   Kroatien                         10,7             2.560               Malta                             0,8             1.910
   Bulgarien                         9,9             1.380               Luxemburg                         0,1               240
   Nachrichtlich: national nicht zurechenbar im Rahmen der territorialen Zusammenarbeit                    9,1
  Ursprungsdaten: EU-Kommission
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politischen Zahlungen und Rückflüs­            gen des Vereinigten Königreichs               Förderung von 50 auf weniger als
sen von 2011 bis 2015 basiert.                 entfallen. Zudem sollen die Kohä­             27 Milliarden Euro reduzieren –
    Im Schnitt dieser Jahre haben die          sionsmittel künftig allein von den            ohne dass die ärmeren Mitglieds-
EU-Staaten (ohne Kroa­tien) insge­             wohlhabenderen Staaten – also den             staaten Einbußen erlitten.
samt gut 50 Milliarden Euro für die            bisherigen Nettozahlern – finanziert             Die wirtschaftlich stärkeren
Kohäsionspolitik ausgegeben. Sal-              werden und an die ärmeren Staaten             Länder erhalten dann kein Geld
diert man die den einzelnen Ländern            fließen. Diesem Reformvorschlag               mehr aus Brüsseler Töpfen für ihre
fiktiv zugerechneten Finanzierungs­            zufolge würde zum Beispiel Deutsch­           Regional- und Strukturpolitik,
beiträge und die erhaltenen Mittel,            land nicht mehr 10,4 Milliarden Euro          sondern sollen dafür in erster Linie
gab es 15 Nettoempfänger, an die               pro Jahr zahlen und zugleich 3,6 Mil-         selbst die Verantwortung überneh­
insgesamt 27,8 Milliarden Euro pro             liarden Euro kassieren, sondern               men. Unterstützend könnte die EU
Jahr geflossen sind. Daraus folgt:             ausschließlich einen Beitrag von              die ärmeren Regionen dieser Staaten
    Mit 22,4 Milliarden Euro kam im            rund 8 Milliarden Euro leisten. Auf           mit Krediten, Bürgschaften und
Schnitt der Jahre 2011 bis 2015                der anderen Seite würde etwa Spa-             ähnlichen Finanzinstrumenten
fast die Hälfte aller Kohäsionsmit-            nien, das bislang 4,2 Milliarden Euro         fördern.
tel nicht den ärmeren Staaten                  pro Jahr gezahlt hatte, aber auch mit
zugute, sondern wurde lediglich                5,3 Milliarden Euro gefördert wurde,
innerhalb der reicheren und der                zum reinen Empfänger von Kohä-                   IW-Analysen Nr. 121
                                                                                                Berthold Busch: Kohäsionspolitik in
ärmeren Gruppe der Mitgliedsstaa-              sionsmitteln in Höhe von gut 700 Mil-
                                                                                                der Europäischen Union – Bestands­­auf­
ten neu verteilt.                              lionen Euro.                                     nahme und Neuorientierung
    Die IW-Rechnung geht davon aus,                Unterm Strich ließe sich das                 iwkoeln.de/kohaesionspolitik
dass infolge des Brexits die Zahlun­           Volumen der kohäsionspolitischen
Digitalisierung                                                   1. Februar 2018 / #3 / Seite 8

Wohnhäppchen aus
dem Netz
                                    Digitalisierung. Noch ist der samstägliche Ausflug ins Möbelhaus nicht passé, aber
                                    er bekommt Konkurrenz. Denn immer mehr Verbraucher bestellen Lampen, Teppiche
                                    und Sofas im Internet. Mithilfe technischer Spielereien soll der Online­-Möbelkauf bald
                                    noch attraktiver werden.

    Jeder Dritte hat es schon getan und jeder Zweite kann                                  tungsgegenstände, gleichwohl kaufen Frauen mehr
es sich vorstellen: den Möbelkauf im Internet. Vor allem                                   Möbel online ein als Männer.
jüngere Leute und Frauen sind Fans des Online-Shop-                                            Ein gutes Beispiel dafür, dass vor allem Frauen dem
pings (Grafik):                                                                            digitalen Einkaufserlebnis rund ums Einrichten zugetan
    Mehr als die Hälfte der jungen Paare in Deutsch-                                       sind, ist Westwing. Der 2011 gegründete Shoppingclub
land hat bereits Möbel online gekauft.                                                     mit Sitz in München, der ein ständig wechselndes
    Männer sind zwar begeisterte Online-Einkäufer, wenn                                    Angebot an Möbeln und Wohnaccessoires über das
es um Unterhaltungselektronik geht, doch die meisten                                       Internet verkauft, hat allein im deutschsprachigen Raum
von ihnen kaufen eher eine Waschmaschine als einen                                         rund 3 Millionen Mitglieder – 2,7 Millionen davon sind
Wohnzimmerschrank im Netz. Bei Frauen ist das ein                                          weiblich.
bisschen anders – zwar ist auch ihre Bestellbereitschaft                                       Einen Frauenüberschuss kann auch der Versandhänd-
für Elektronik und Haushaltsgeräte größer als für Einrich-                                 ler Otto aus Hamburg verzeichnen. Otto setzte im Jahr

 Online-Möbelkauf: Jeder Dritte tut es
 So viel Prozent der Deutschen haben schon einmal Möbel im Internet gekauft

                21                    24                     32                 29               24              28              18                   22
 2014

               33                    40                     56                 48                44              35             31                   37
 2017

             Männer                Frauen                Jüngere             Jüngere             Ältere          Ältere         Empty           Insgesamt
                                                           Paare             Familien          Familien          Paare          Nesters
                                                        (kinderlos,        (mindestens       (mindestens      (kinderlos,   (Eltern, deren
                                                           unter             ein Kind,      ein 12-jähriges    40 Jahre      erwachsene
                                                         40 Jahre)          keines älter         oder         oder älter)   Kinder ausge-
                                                                           als 12 Jahre)     älteres Kind)                   zogen sind)
 2014: Befragung von 1.336 Personen; 2017: Befragung von 1.290 Personen

 Quellen: Otto, TNS Infratest
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1. Februar 2018 / #3 / Seite 9                                   Digitalisierung

2017 knapp 800 Millionen Euro nur mit Möbeln um – und        Möbelhandel: Jetzt auch online
ist damit im Online-Möbelhandel Deutschlands Markt-          So viele Millionen Euro wurden 2017 online mit Haushaltswaren
führer. Rund 200.000 Möbelstücke und Deko-Artikel von        und Möbeln umgesetzt
mehr als 140 Marken bietet Otto auf seiner Homepage
an. Der Erfolg des Portals ist verblüffend: Ein ursprüng-
lich nur für diesen Vertriebsweg designtes Polstermöbel
wurde so oft beim Möbelhersteller direkt angefragt, dass           USA                      29.388
                                                                   Vereinigtes Königreich    8.272
der sich irgendwann dafür entschied, es auch in seinen
                                                                   Japan                     5.447
Ladengeschäften anzubieten.
                                                                   Deutschland               4.061
    Doch längst nicht immer sind Möbel aus dem Netz                Frankreich                2.836
solche Selbstläufer. Die „Lifestyle-Studie 2017“, die Otto         Italien                   1.219
zusammen mit dem Marktforschungsunternehmen TNS                    Spanien                     918
Infratest herausgegeben hat, fragte Verbraucher auch               Niederlande                 590
nach den Hindernissen beim Möbelkauf im Netz:                      Polen                       465
    Zu den größten Barrieren zählt, dass Kaufinteres-              Österreich                  306
senten online weder die Qualität noch die Nutzungs-
eigenschaften der Möbel beurteilen können.
    Mehr als die Hälfte der Befragten bemängelt außer-
                                                             Schätzung
dem, dass das Internet kein reales Erleben bietet und sie    Quelle: Statista Digital
die Möbel nicht ausprobieren können. Und ein Drittel         Market Outlook
                                                             © 2018 IW Medien / iwd
kann sich am Bildschirm schlecht vorstellen, wie die
Möbel in ihrem Zuhause aussehen.
    Zumindest diese Barriere dürfte bald beseitigt sein.         Aktuell werden laut Handelsverband Möbel und
Viele Online-Möbelhändler experimentieren mit techni-        Küchen 8 Prozent der Einrichtungsgegenstände in
schen Lösungen wie zum Beispiel Augmented-Reality-           Deutschland über das Internet gekauft.
Apps, die die reale und virtuelle Welt zusammenführen.           Auch der weltgrößte Möbelkonzern bastelt an einer
Mithilfe dieser Apps lassen sich Möbel, Lampen und           Erweiterung seiner Digitalstrategie. Global setzte Ikea im
Teppiche in einer zuvor aufgenommenen Umgebung               Einzelhandel zuletzt 34,1 Milliarden Euro um, doch der
beliebig platzieren und herumschieben. Und nicht nur         Vertrieb über den seit 15 Jahren existierenden eigenen
das – man kann die Stücke auf dem Bildschirm auch von        Online-Shop, der im vergangenen Geschäftsjahr 5 Pro-
allen Seiten betrachten und sogar sehen, welche Schat-       zent zum Gesamtumsatz des Konzerns beitrug, reicht
ten sie werfen.                                              den Schweden nicht mehr aus. Weil Ikea weiter wachsen
    Was bislang nur im Testversuch mit einigen wenigen       will, sollen Billy, Klippan und Malm deshalb künftig auch
Möbelstücken funktioniert, soll noch in diesem Jahr          über externe Online-Plattformen wie Amazon oder
allen Otto-Kunden von zu Hause aus möglich sein;             Alibaba verkauft werden. In diesem Jahr wollen die
aufgrund mangelnder Speicherkapazitäten wird jedoch          Schweden mit der Umsetzung des Pilotprojekts begin-
nur ein Teil des Sortiments vom Verbraucher virtuell in      nen. Welche Anbieter zum Zug kommen und welche
den eigenen Räumen dargestellt werden können. Ikea           Märkte getestet werden, steht allerdings noch nicht fest.
bietet das Ausprobieren auf dem Bildschirm bereits seit          Ein Problem vieler Online-Händler sind die hohen
September 2017 mit seiner Place-App an, die rund 2.000       Retourenquoten. Bei Mode und Schuhen beträgt die Zahl
Produkte beinhaltet.                                         der Rücksendungen mitunter 50 Prozent. Im Möbelseg-
    Dass sich die Internet-Möbelhändler so allerhand         ment, so beteuern die Internethändler, sei die Quote viel
einfallen lassen – manche betreiben Beratungshotlines,       niedriger und je nach Produktgruppe ganz unterschied-
fast alle bieten einen kostenlosen Lieferservice, andere     lich. Fest steht allerdings: Da es ziemlich teuer ist, ein
entsorgen alte Polstermöbel –, hat seinen Grund: Der         Sofa oder eine Schrankwand erst anzuliefern und dann
Online-Möbelkauf gilt als das Geschäft der Zukunft. Zwar     wieder abzuholen, setzen die Online-Möbelhändler alles
shoppen die Deutschen im Vergleich zu den Amerikanern        daran, Retouren einzudämmen – denn mehr als
nur wenig im Internet, doch für Platz vier im globalen       15 Prozent gelten als unrentabel. Auch deshalb ist
Ranking reicht es schon heute (Grafik). Und, da ist sich     Marktführer Otto freigiebig mit kostenlosen Stoff- und
die Möbelbranche einig, die Online-Umsätze werden            Holzmustern: Pro Jahr versendet der Internethändler
schon bald signifikant steigen.                              mehr als eine Million solcher Wohnhäppchen.
Gastgewerbe                                            1. Februar 2018 / #3 / Seite 10

Essen, trinken, schlafen
                   Gastgewerbe. Obwohl immer mehr Menschen außer Haus essen und auch die Reise-
                   branche boomt: Die wirtschaftliche Bedeutung des Hotel- und Gaststättengewerbes wird
                   häufig unterschätzt. Dabei ist es eine dynamisch wachsende Branche, die auch vielen
                   ausländischen Mitarbeitern einen Job bietet.

    Ob Dönerbude oder Drei-Sterne-         Damit bewegt sich die Branche          Der Tourismus boomt zwar auch
Restaurant, Hostel oder Grandhotel:    auf demselben Niveau wie die che-      anderswo, doch nur in drei west­
Das Gastgewerbe ist eine höchst        mische Industrie oder die Herstel-     europäischen Ländern legten die
vielfältige Branche mit großer         lung von elektrischen Ausrüstungen.    Übernachtungszahlen von 2010 bis
Anziehungs- und Wirtschaftskraft. Zu       Außerdem wächst das Gastge-        2015 noch stärker zu als in der
diesem Ergebnis kommt eine Studie      werbe sehr dynamisch. Während die      Bundesrepublik: In Portugal stiegen
der IW Consult im Auftrag des          reale Bruttowertschöpfung in der       sie um etwa 32 Prozent, Belgien kam
DEHOGA Bundesverbands:                 Gesamtwirtschaft von 2010 bis 2016     auf ein Plus von 27 Prozent. Auch
    Im Jahr 2016 setzte das deut-      um 9,9 Prozent wuchs, stieg sie im     Griechenland steigerte seine Nächti-
sche Hotel- und Gaststättengewer-      Hotel- und Gaststättengewerbe um       gungsrate, und zwar um fast 18 Pro-
be annähernd 81 Milliarden Euro        mehr als 14 Prozent.                   zent – knapp 2 Prozentpunkte mehr
um und beschäftigte nahezu                 Das war nicht immer so. Zwischen   als in Deutschland. In Frankreich und
1,9 Millionen Menschen.                1991 und 2010 schrumpfte das           Italien betrug das Plus weniger als
                                       Gastgewerbe um 0,7 Prozent pro         5 Prozent.
                                       Jahr, die Gesamtwirtschaft legte           Die rund 220.000 Betriebe der
                                       dagegen ein jährliches Wachstum        Hotellerie und Gastronomie erwirt-
                                       von 1,4 Prozent hin.                   schafteten 2016 eine Bruttowert-
                                           Zur guten Umsatzentwicklung im     schöpfung von 44,9 Milliarden Euro.
                                       Gastgewerbe in den vergangenen         Das Gros – nämlich 31,2 Milliarden
                                       Jahren haben alle Einrichtungen mit    Euro – setzte die Gastronomie um,
                                       Ausnahme der Bars beigetragen.         13,7 Milliarden entfielen auf das
                                       Besonders hoch war das Umsatzplus      Beherbergungsgewerbe.
                                       im Eventcatering und in den Eis­           Ein Blick auf die Beschäftigten
                                       salons, allerdings handelt es sich     zeigt, dass das Gastgewerbe
                                       hierbei um recht kleine Märkte. Von    Deutschlands internationalste
                                       den großen Marktsegmenten haben        Branche ist. Unter den fast 1,9 Mil-
                                       vor allem die klassischen Hotels       lionen Mitarbeitern befinden sich
                                       gewonnen, sie steigerten ihren         rund 310.000 sozialversicherungs-
                                       Umsatz im Zeitraum der Jahre 2010      pflichtig Beschäftigte mit Migrations-
                                       bis 2015 um überdurchschnittliche      hintergrund – das sind rund 30 Pro-
                                       35 Prozent.                            zent der sozialversicherungspflichti-
                                           Das liegt vor allem an den         gen Mitarbeiter. Eine DEHOGA-Um-
                                       steigenden Übernachtungszahlen in      frage ergab zudem, dass jeder fünfte
                                       den rund 50.000 deutschen Beher-       Betrieb Flüchtlinge beschäftigt.
                                       bergungsbetrieben (Grafik):
                                           Die Zahl der Gästeübernach­         Studie
                                       tungen ist von 2010 bis 2017 um         Karl Lichtblau et al.: Die Bedeutung des
                                                                               Hotel- und Gaststättengewerbes
                                       80 Millionen auf fast 460 Millionen
                                                                               iwconsult.de/dehoga
                                       gestiegen.
1. Februar 2018 / #3 / Seite 11                              Ganztagsbetreuung

Win-win-win-Situation
Ganztagsbetreuung. Ein Ausbau der Ganztags-                  gut Deutsch zu lernen, stärkt die Vereinbarkeit von
betreuung für Grundschulkinder würde sich für alle           Familie und Beruf, verbessert die wirtschaftliche Situa­
lohnen: für die Kinder, für deren Mütter und Väter           tion der Familien und lohnt sich für den Staat.
                                                                 Letzteres erklärt sich allein dadurch, dass die höhere
sowie für den Staat.
                                                             Erwerbstätigkeit der Mütter dem Staat mehr Steuern und
    Die Ganztagsbetreuung für Kinder zwischen sechs          Sozialabgaben einbringt. Würde die Ganztagsbetreuung
und zehn Jahren betrifft zwei verschiedene Ebenen:           zum Beispiel bis in den Abend und auch auf den Samstag
    Ganztagsschulen fallen in den Bereich der Schulpoli-     ausgedehnt, hieße das bei 330.000 zusätzlichen Plätzen:
tik und damit in die alleinige Zuständigkeit der Länder.     Den jährlichen Zusatzausgaben der öffentlichen Hand
Laut Kultusministerkonferenz wurden im Schuljahr             von 0,8 Milliarden Euro stünden zusätzliche Einnahmen
2015/1016 bundesweit knapp 35 Prozent der Sechs- bis         von 2,1 Milliarden Euro gegenüber.
Zehnjährigen in Ganztagsschulen betreut, allerdings              Darüber hinaus wird die Einnahmenbasis der öffent­
streuen die Quoten auf Länderebene sehr stark (Grafik):      lichen Hand langfristig gestärkt – wenn die Integration
    Während in Hamburg gut 98 Prozent der Kinder             besser gelingt und die auf den Arbeitsmarkt nachrücken-
auf Ganztagsschulen gingen, waren es in Mecklen-             den jungen Menschen besser qualifiziert sind.
burg-Vorpommern nur rund 2 Prozent.
    Außerschulische Betreuungsangebote, also vor
                                                              Die Ganztagsbetreuung in den Bundes-
allem jene in Horten und bei Tageseltern, sind dagegen
                                                              ländern
der Familienpolitik beziehungsweise der öffentlichen
                                                              So viel Prozent der Kinder zwischen sechs und zehn Jahren
Fürsorge zuzuordnen und fallen damit unter die konkur-        wurden im Schuljahr 2015/2016 ganztägig betreut
rierende Gesetzgebung von Bund und Ländern.
    Deutschlandweit wurden im Schuljahr 2015/2016                                Ganztagsschule                 Außerschulische Betreuung
knapp 23 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen auf diese         Hamburg                        98,1                             13,3
Weise betreut. Und auch hier ist die Spanne auf Länder­        Sachsen                       85,6                                            82,8
ebene groß: Sie reicht von rund 7 Prozent in Berlin bis zu     Thüringen                     85,3                              13,1
fast 83 Prozent in Sachsen.                                    Berlin                       77,2                              7,3
    Bezogen auf die bundesweiten Quoten ist die Betreu-        Saarland                  46,9                                   18,7
ungssituation von Grundschulkindern damit schlechter           Nordrhein-Westfalen      42,4                                  8,2
als die von Kindergartenkindern. Bei diesem Vergleich ist
                                                               Bremen                   41,4                                    20,7
                                                               Brandenburg              41,0                                               74,8
allerdings zu beachten, dass Schulkinder bereits wäh-
                                                               Deutschland             34,5                                      22,8
rend des regulären Unterrichts betreut werden.                 Rheinland-Pfalz         33,7                                    14,3
    Zudem gibt es bei der Ganztagsbetreuung von                Niedersachsen           30,5                                    17,9
Schulkindern drei Varianten: erstens, wie in Berlin und        Hessen                 27,5                                      21,3
Hamburg, die Ganztagsschule als dominierende Einrich-          Schleswig-Holstein    19,8                                       19,8
tung; zweitens, wie in Mecklenburg-Vorpommern und              Baden-Württemberg    14,2                                       14,6
Sachsen-Anhalt, vorwiegend Horte; und drittens, wie in         Bayern               11,1                                         24,2
Sachsen, eine zumeist gemeinsame Gestaltung des                Sachsen-Anhalt      4,1                                                    69,9
Ganztagsangebots von Schule und Hort.                          Mecklenburg-        2,3                                                    68,0
                                                               Vorpommern
    Rechnet man die Betreuungsquoten, die das Deut-           Hessen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt: nur Schulen in öffentlicher Trägerschaft
sche Jugendinstitut 2016 in einer Studie erhoben hat,         Quellen: Kultusministerkonferenz, Statistisches Bundesamt
auf alle Grundschulkinder hoch, ist der Befund eindeutig:     © 2018 IW Medien / iwd

    Gemessen am Bedarf der Eltern fehlen in Deutsch-
land rund 330.000 Ganztagsbetreuungsplätze.                   IW-Kurzexpertise
                                                              Wido Geis: Investitionen in die Ganztagsbetreuung von Grundschulkin-
    Unter dem Strich wäre der Ausbau der Ganztagsbe-          dern – ökonomische Effekte einer Vereinbarkeits-, Bildungs- und Integra-
treuung für alle Beteiligten vorteilhaft, denn sie verbes-    tionsrendite
                                                              iwkoeln.de/ganztagsbetreuung
sert die Chancen der Kinder, hilft Zuwandererkindern,
1. Februar 2018 / #3 / Seite 12

                                                                      Impressum                                               Abo-Service: Therese Hartmann,
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                                                                                                                              hartmann@iwkoeln.de
                                                                      Herausgeber:
                                                                      Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V.
                                                                      Präsident: Arndt Günter Kirchhoff                       Verlag:
                                                                      Direktor: Prof. Dr. Michael Hüther                      Institut der deutschen Wirtschaft
                                                                      Mitglieder: Verbände und Unternehmen in Deutschland     Köln Medien GmbH,
                                                                                                                              Postfach 10 18 63, 50458 Köln,
                                                                      Chefredakteur: Ulrich von Lampe (verantwortlich)        Konrad-Adenauer-Ufer 21, 50668 Köln
                                                                      Stellv. Chefredakteur: Jork Herrmann                    Telefon: 0221 4981-0, Fax: 0221 4981-445
                                                                      Redaktion: Andreas Wodok (Textchef), Irina Berenfeld,
                                                                      Carsten Ruge, Berit Schmiedendorf, Kerstin Schraff,     Druck: Henke GmbH, Brühl
                                                                      Alexander Weber
                                                                      Redaktionsassistenz: Ines Pelzer                        Rechte für den Nach­druck oder die
                                                                      Grafik: IW Medien GmbH                                  elektro­nische Verwertung über:
                                                                      Telefon: 0221 4981-523                                  lizenzen@iwkoeln.de
                                                                      Fax: 0221 4981-504
                                                                      E-Mail: iwd@iwkoeln.de

                                                                      Bezugspreis:
                                                                      € 11,32/Monat inkl. Versandkosten und Mehr-
                                                                      wertsteuer, Erscheinungsweise 14-täglich

Top-Liste: Die Online-Bucher                                                                                  Zahl der Woche

    Dank digitaler Plattformen wie Airbnb oder Couchsurfing finden heute
alle, die eine private Unterkunft dem anonymen Hotelbetrieb vorziehen, ganz

                                                                                                                                        2,6
leicht das Zimmer oder die Wohnung ihrer Wahl. Besonders beliebt ist diese
Form der Buchung innerhalb der Europäischen Union im Vereinigten König-
reich: Im vergangenen Jahr hat gut jeder dritte 16- bis 74-jährige Brite sein
geliebtes „Bed and Breakfast“ per Mausklick ausgewählt. In den Ländern auf
den nachfolgenden Plätzen lag der Anteil gerade mal bei etwa einem Fünftel
– so auch in Deutschland. Am Ende des EU-Rankings liegt Tschechien – dort
                                                                                                                              Millionen
hat im Jahr 2017 lediglich 1 Prozent der über 16-Jährigen im Internet eine
                                                                                                              Erwerbstätige in Deutschland
private Ferienwohnung oder ein Zimmer für den nächsten Städtetrip gefun-
                                                                                                              möchten ihre Arbeitszeit aufstocken.
den.
                                                                                                              Dies geht aus dem Mikrozensus und
                                                                                                              der Arbeitskräfteerhebung für 2016
                                                                                                              hervor. Im Schnitt würden diese
 Per Internet ins private Bett
                                                                                                              Beschäftigten pro Woche gerne
 So viel Prozent der 16- bis 74-Jährigen aus diesen EU-Ländern haben im Jahr 2017                             knapp elf Stunden Arbeitszeit
 online eine private Unterkunft gebucht
                                                                                                              draufpacken. Zu den „Unterbeschäf-
                                                                                                              tigten“ gehören auch knapp 1,2 Mil-
             34              22             21              20                       20                       lionen Personen, die nach eigener
                                                                                                              Einschätzung bereits in Vollzeit tätig
 Vereinigtes                                                                                                  sind, aber dennoch durchschnittlich
 Königreich               Luxemburg         Irland          Malta              Niederlande
                                                                                                              noch mal sieben Stunden länger
             19              19             18              17                        16                      arbeiten und damit ihr Einkommen
                                                                                                              erhöhen wollen. Gut 1,4 Millionen
                                                                                                              Teilzeitbeschäftigte wünschen sich
           Belgien        Deutschland      Spanien          Italien             Frankreich                    im Schnitt eine wöchentliche
 Quelle: Eurostat
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                                                                                                              Arbeitszeitverlängerung um fast
                                                                                                              14 Stunden.

Neu auf iwd.de: Teurer Standort D                                                                                                                        Neu

Der neue internationale Arbeitskostenvergleich des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt:
Deutschland ist für die Industrie nach wie vor der sechstteuerste Standort der Welt. Welche
Industrieländer für die Unternehmen unter dem Kostenaspekt attraktiver sind und weshalb
Deutschland auf der Hut sein sollte, lesen Sie auf iwd.de.
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