Journal of Health Monitoring - Sexuelle Gesundheit AUSGABE 2

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JUNI 2022   GESUNDHEITSBERICHTERSTATTUNG DES BUNDES
AUSGABE
         2     GEMEINSAM GETRAGEN VON RKI UND DESTATIS

               Journal of Health Monitoring

               Sexuelle Gesundheit

                                                         1
Journal of Health Monitoring    Inhaltsverzeichnis

                                         		 Sexuelle Gesundheit

                                              Editorial Sexuelle Gesundheit braucht Daten – und
                                            3	
                                              Ideen zur Gestaltung einer positiven Sexualkultur!
                                              Focus Sexual- und Verhütungsverhalten von jungen
                                            7	
                                              Erwachsenen in Deutschland – Ergebnisse aus
                                              KiGGS Welle 2
                                              Focus Sexualaufklärung junger Menschen in
                                           23	
                                              Deutschland. Ergebnisse der repräsentativen
                                              Wiederholungsbefragung „Jugendsexualität“
                                             Fact sheet Schwangerschaftsabbrüche
                                          42	
                                             in Deutschland – Aktuelle Daten aus der
                                             Schwangerschaftsabbruchstatistik
                                           52 Concepts & Methods Erhebung geschlechtlicher
                                              Diversität in der Studie GEDA 2019/2020-EHIS –
                                              Ziele, Vorgehen und Erfahrungen

Journal of Health Monitoring 2022 7(2)                                                             2
Journal of Health Monitoring   Sexuelle Gesundheit braucht Daten – und Ideen zur Gestaltung einer positiven Sexualkultur!                           EDITORIAL

Journal of Health Monitoring · 2022 7(2)
DOI 10.25646/9953
                                                      Sexuelle Gesundheit braucht Daten – und Ideen zur Gestaltung
Robert Koch-Institut, Berlin
                                                      einer positiven Sexualkultur!
Petra Kolip
                                                      Sexuelle Gesundheit und sexuelles Wohlbefinden sind nur               unterschiedlicher Informationsquellen zur Sexualaufklä-
                                                      selten ein Thema für Public Health. Umso wichtiger ist es,            rung sowie Schwangerschaftsabbrüche.
Universität Bielefeld,
Fakultät für Gesundheitswissenschaften
                                                      hartnäckig das Augenmerk hierauf zu lenken. Das Thema                    Der Beitrag von Hintzpeter et al. zeigt auf der Basis der
                                                      ist dabei sehr facettenreich und lässt sich nicht auf sexuell         Daten der KiGGS Welle 2, dass Jugendliche immer später
Eingereicht: 12.06.2022                               übertragbare Krankheiten reduzieren. Die WHO-Definition               sexuell aktiv werden, dass im jungen Erwachsenenalter
Akzeptiert: 20.06.2022                                sexueller Gesundheit aus dem Jahr 2015 stellt einen engen             Sexualität überwiegend in festen Paarbeziehungen gelebt
Veröffentlicht: 29.06.2022
                                                      Bezug zum allgemeinen Wohlbefinden her: „Sexuelle                     wird und dass Pille und Kondom nach wie vor die wichtigs-
                                                      Gesundheit ist untrennbar mit Gesundheit insgesamt, mit               ten Verhütungsmittel sind. Spannend wird es sein zu beob-
                                                      Wohlbefinden und Lebensqualität verbunden. Sie ist ein                achten, wie sich hier das Sexual- und Verhütungsverhalten
                                                      Zustand des körperlichen, emotionalen, mentalen und sozi-             durch die Corona-Pandemie verändert hat. Die neunte
                                                      alen Wohlbefindens in Bezug auf die Sexualität und nicht              Befragung der BZgA zur Sexualität in der Altersgruppe 14
                                                      nur das Fehlen von Krankheit, Funktionsstörungen oder                 bis 25 Jahre gibt zudem Hinweise darauf, welche Informa-
                                                      Gebrechen“ (zitiert nach [1], S. 265). Sexuelle Gesundheit            tionsquellen Jugendliche und junge Heranwachsende nut-
                                                      ist eng mit Menschenrechten assoziiert und impliziert die             zen. Auch wenn das Verhütungsverhalten positiv bewertet
                                                      Möglichkeit, „angenehme und sichere sexuelle Erfahrun-                werden muss, kann es gleichwohl zu ungewollten Schwan-
                                                      gen zu machen, und zwar frei von Zwang, Diskriminierung               gerschaften kommen. Das Fact sheet von Prütz et al. zeigt
                                                      und Gewalt“ [1]. Studien zur sogenannten integrierten bio-            auf der Basis der Daten des Statistischen Bundesamtes,
                                                      logischen und Verhaltenssurveillance, die eine wichtige               dass die Schwangerschaftsabbrüche zwar weiterhin rück-
                                                      Grundlage für Interventionen sind, werden seit vielen Jah-            läufig sind, dass aber die Versorgungsstruktur, regional
                                                      ren im Robert Koch-Institut durchgeführt. Diese Studien               unterschiedlich, suboptimal ist. So ist der Anteil der medi-
                                                      verbinden Angaben zur Häufigkeit bestimmter Infektionser-             kamentösen Abbrüche vergleichsweise niedrig, und die
                                                      krankungen mit Daten zum sexuellen Verhalten. Dabei wer-              Zahl der Einrichtungen, die Abbrüche vornehmen, geht
                                                      den auch vulnerable Gruppen adressiert: Männer, die Sex               noch immer zurück, sodass Frauen teilweise weite Wege
                                                      mit Männern haben, Drogengebraucher*innen (intrave-                   auf sich nehmen müssen – auch dies ein Thema, das aus
                                                      nös), Sexarbeiter*innen und Migrant*innen. Einige Beiträ-             Public-Health-Perspektive Aufmerksamkeit verlangt.
                                                      ge dieser Ausgabe des Journal of Health Monitoring grei-                 Die Studien des RKI und der BZgA geben wichtige Hin-
                                                      fen weitere wichtige Themen auf, so das Sexual- und                   weise auf zielgruppengerechte Prävention und Gesundheits-
                                                      Verhütungsverhalten Heranwachsender, die Nutzung                      kommunikation. Auch wenn dieser individuenbezogene

           Journal of Health Monitoring 2022 7(2)                                                                                                                             3
Journal of Health Monitoring    Sexuelle Gesundheit braucht Daten – und Ideen zur Gestaltung einer positiven Sexualkultur!                                 EDITORIAL

                                         Ansatz zur Erhöhung des Wissens wichtig sein mag, so                  individuellen Zuordnung nicht übereinstimmen müssen.
                                         sehr verwundert es aus Public-Health-Perspektive, dass in             Aber die Frage blieb bislang offen, wie das soziale Geschlecht
                                         der Diskussion um die Förderung der sexuellen Gesund-                 denn erfasst werden kann, zumal dann, wenn in repräsen-
                                         heit und des sexuellen Wohlbefindens strukturelle Rahmen-             tativen Studien mit standardisierten Erhebungsinstrumen-
                                         bedingungen weitgehend ausgeblendet werden. Vulnerable                ten nur einige wenige Fragen gestellt werden können. Das
                                         Gruppen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter und                    RKI-Team legt nun einen pragmatischen Vorschlag vor, der
                                         ihre Lebenswelten stehen deshalb im Zentrum eines wich-               in der Studie GEDA 2019/2020-EHIS bereits erprobt wurde
                                         tigen Modellvorhabens des interdisziplinären Zentrums                 und internationale Erfahrungen aufgreift: Das Geschlecht
                                         für Sexuelle Gesundheit und Medizin „WIR“ (Walk in Ruhr),             wird in einem zweistufigen Verfahren abgefragt. Auf die
                                         das vom PKV-Verband unterstützt wird. Das Vorhaben zielt              Frage, welches Geschlecht in der Geburtsurkunde eingetra-
                                         auf die Förderung der sexuellen Gesundheit junger Men-                gen ist (für die derzeitig in die Befragungen eingeschlosse-
                                         schen in herausfordernden Lebenssituationen – etwa von                nen Personen in einem binären Format) folgt die Frage,
                                         Jugendlichen und jungen Erwachsenen ohne Wohnung                      welchem Geschlecht sich die befragte Person zugehörig
                                         oder mit Suchtproblemen, Haft- oder Pay-Sex-Erfahrungen.              fühlt (männlich/weiblich/einem anderen, und zwar). Dies
                                         Ziel des Programms „Junge Welten Leben (JuWeL)“ ist es,               gibt die Möglichkeit, Personen jenseits der biologischen
                                         eine positive gesundheitsfördernde Sexualkultur in den                binären Zuordnung zu erfassen. Zugleich bleibt eine Kon-
                                         Lebenswelten der Zielgruppen zu etablieren, zum Beispiel              tinuität zu bisherigen Erhebungen gewahrt, weil eine binäre
                                         im offenen Strafvollzug, in Wohngruppen oder Beratungs-               Auswertungsoption bestehen bleibt. Die in dem Beitrag
                                         stellen. Auch im Themenfeld sexuelle Gesundheit gilt, dass            berichteten Erfahrungen der Interviewer*innen zeigen, dass
                                         verhaltens- und verhältnisbezogene Ansätze Hand in Hand               die Befragten zwar punktuell irritiert sind, diese zweistufige
                                         gehen müssen – hier liegt ein spannendes Lernfeld vor uns.            Abfrage aber grundsätzlich funktioniert. Für fundierte Ana-
                                             Der Themenschwerpunkt in dieser Ausgabe des Journal               lysen unter Berücksichtigung geschlechtlicher Diversität
                                         of Health Monitoring wird zudem genutzt, um einen Vor-                mag diese Erhebungsvariante zwar vielleicht zu grob sein,
                                         schlag zur Erfassung des Geschlechts in standardisierten              für eine Nutzung im Rahmen von repräsentativen Surveys
                                         Befragungen zu machen. Bereits vor Änderung des Perso-                ist sie aber sicherlich ein erster richtungsweisender Schritt.
                                         nenstandsgesetzes im Jahr 2018, das nunmehr auch einen
                                                                                                                                                           Korrespondenzadresse
                                         Eintrag jenseits der binären Zuordnung in männlich/weib-                                                             Prof. Dr. Petra Kolip
                                         lich erlaubt, war die Erfassung des Geschlechts eine Her-                                                           Universität Bielefeld
                                         ausforderung. Die theoretischen Arbeiten der Frauen                                             Fakultät für Gesundheitswissenschaften
                                                                                                                                      AG 4 Prävention und Gesundheitsförderung
                                         (gesundheits)forschung zur Differenzierung des biologi-
                                                                                                                                                                 Postfach 10 01 31
                                         schen (sex) und sozialen (gender) Geschlechts haben seit                                                                   33501 Bielefeld
                                         den 1980er Jahren gezeigt, dass beide Kategorien in der                                             E-Mail: petra.kolip@uni-bielefeld.de

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Journal of Health Monitoring    Sexuelle Gesundheit braucht Daten – und Ideen zur Gestaltung einer positiven Sexualkultur!   EDITORIAL

                                                                                                  Zitierweise
                                                                                               Kolip P (2022)
                                                              Sexuelle Gesundheit braucht Daten – und Ideen
                                                                  zur Gestaltung einer positiven Sexualkultur!
                                                                                     J Health Monit 7(2): 3–6.
                                                                                          DOI 10.25646/9953

                                         Die englische Version des Artikels ist verfügbar unter:
                                         www.rki.de/journalhealthmonitoring-en

                                         Interessenkonflikt
                                         Die Autorin leitet die wissenschaftliche Studie zur Evalua-
                                         tion des Programms „Junge Welten Leben (JUWeL)“.

                                         Literatur
                                         1.   Robert Koch-Institut (Hrsg) (2020) Gesundheitliche Lage der
                                              Frauen in Deutschland. Gesundheitsberichterstattung des
                                              Bundes. Gemeinsam getragen von RKI und Destatis. RKI, Berlin

Journal of Health Monitoring 2022 7(2)                                                                                                  5
Journal of Health Monitoring    Sexuelle Gesundheit braucht Daten – und Ideen zur Gestaltung einer positiven Sexualkultur!   EDITORIAL

                                             Impressum
                                             Journal of Health Monitoring

                                             Herausgeber
                                             Robert Koch-Institut
                                             Nordufer 20
                                             13353 Berlin

                                             Redaktion
                                             Johanna Gutsche, Dr. Birte Hintzpeter, Dr. Franziska Prütz,
                                             Dr. Martina Rabenberg, Dr. Alexander Rommel, Dr. Livia Ryl,
                                             Dr. Anke-Christine Saß, Stefanie Seeling, Dr. Thomas Ziese
                                             Robert Koch-Institut
                                             Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring
                                             Fachgebiet Gesundheitsberichterstattung
                                             General-Pape-Str. 62–66
                                             12101 Berlin
                                             Tel.: 030-18 754-3400
                                             E-Mail: healthmonitoring@rki.de
                                             www.rki.de/journalhealthmonitoring

                                             Satz
                                             Kerstin Möllerke, Alexander Krönke

                                             ISSN 2511-2708

                                             Hinweis
                                             Inhalte externer Beiträge spiegeln nicht notwendigerweise die
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   Journal of Health Monitoring 2022 7(2)                                                                                                   6
Journal of Health Monitoring   Sexual- und Verhütungsverhalten von jungen Erwachsenen in Deutschland – Ergebnisse aus KiGGS Welle 2                    FOCUS

Journal of Health Monitoring · 2022 7(2)
DOI 10.25646/9872
                                                      Sexual- und Verhütungsverhalten von jungen Erwachsenen
Robert Koch-Institut, Berlin
                                                      in Deutschland – Ergebnisse aus KiGGS Welle 2
Birte Hintzpeter, Laura Krause,
Felicitas Vogelgesang, Franziska Prütz                Abstract
                                                      Das Sexualverhalten ist ein wichtiger Aspekt der sexuellen Gesundheit. Fragen zum Sexual- und Verhütungsverhalten
Robert Koch-Institut, Berlin                          wurden den 18-jährigen und älteren Teilnehmenden der KiGGS-Kohorte in KiGGS Welle 2 gestellt. In die Auswertung,
Abteilung für Epidemiologie und Gesundheits-
                                                      die mittels Gewichtung an die Alters- und Geschlechtsverteilung der deutschen Bevölkerung angepasst wurde, gingen
monitoring
                                                      Daten von 2.966 Frauen und 2.206 Männern ein. Mehr als die Hälfte der Befragten gibt den ersten Geschlechtsverkehr
Eingereicht: 26.01.2022                               vor Erreichen der Volljährigkeit an (Frauen: 61 %, Männer: 53 %). Frauen berichten ein niedrigeres Alter als Männer. Im
Akzeptiert: 24.03.2022                                Hinblick auf die Anzahl an gegengeschlechtlichen Sexualpartnern beziehungsweise -partnerinnen in den letzten zwölf
Veröffentlicht: 29.06.2022
                                                      Monaten geben knapp 69 % der Frauen und 58 % der Männer an, einen Kontakt gehabt zu haben. Drei oder mehr
                                                      Sexualpartnerinnen beziehungsweise -partner berichten 11 % der Frauen und 20 % der Männer. 7,4 % der Frauen haben
                                                      gleichgeschlechtliche und 1,4 % sowohl gleich- als auch gegengeschlechtliche Sexualkontakte, bei den Männern sind es
                                                      2,8 % und 0,4 %. Gefragt nach der Art der Verhütung beim letzten Geschlechtsverkehr geben etwa zwei Drittel der
                                                      Frauen und mehr als die Hälfte der Männer die Pille an; ein Kondom verwenden etwa 44 % der Frauen und rund zwei
                                                      Drittel der Männer. Knapp ein Drittel der befragten Frauen hat bereits die „Pille danach“ eingenommen. Insgesamt
                                                      können die Ergebnisse dazu beitragen, Präventions- und Aufklärungskampagnen zur sexuellen und reproduktiven
                                                      Gesundheit zu unterstützen.

                                                         SEXUALVERHALTEN · ERSTER GESCHLECHTSVERKEHR · VERHÜTUNG · PILLE DANACH · KIGGS WELLE 2

                                                      1. Einleitung                                                      und nicht nur das Fehlen von Krankheit, Funktionsstörun-
                                                                                                                         gen oder Gebrechen [2]“. Zu den verschiedenen Aspekten
                                                       Sexuelle Gesundheit wird nach der Weltgesundheitsorga-            von sexueller Gesundheit zählen das Sexualverhalten, die
                                                       nisation (WHO) in engem Zusammenhang und in Anleh-                sexuelle Orientierung und die Geschlechtsidentität sowie
                                                       nung an den allgemeinen Gesundheitsbegriff [1] definiert:         weitere Aspekte wie sexuell übertragbare Infektionen (Sexu-
                                                      „Sexuelle Gesundheit ist untrennbar mit Gesundheit insge-          ally Transmitted Infections, STI) [3].
                                                       samt, mit Wohlbefinden und Lebensqualität verbunden.                  Voraussetzungen für sexuelle Gesundheit sind eine posi-
                                                       Sie ist ein Zustand des körperlichen, emotionalen, menta-         tive und respektvolle Haltung zu Sexualität und sexuellen
                                                       len und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf die Sexualität        Beziehungen sowie die Möglichkeit, angenehme und sichere

           Journal of Health Monitoring 2022 7(2)                                                                                                                         7
Journal of Health Monitoring        Sexual- und Verhütungsverhalten von jungen Erwachsenen in Deutschland – Ergebnisse aus KiGGS Welle 2                    FOCUS

                                                          sexuelle Erfahrungen zu machen, einschließlich Gewalt-             Ausgabe des Journal of Health Monitoring zeigt anhand
Infobox                                                   und Diskriminierungsfreiheit [2]. Neben sexueller Selbst-          der Daten der Jugendsexualitätsstudie der BZgA aus dem
Sexuelle Orientierung                                     bestimmung, sexueller Bildung, sexueller Zufriedenheit             Jahr 2019, dass junge Menschen eine Vielzahl an unter-
                                                          und Wohlbefinden umfasst sexuelle Gesundheit auch die              schiedlichen Quellen und Instanzen zur Vermittlung von
Die sexuelle Orientierung einer Person beschreibt,
                                                          Möglichkeit, eine sexuelle Identität zu entwickeln und zu          Gesundheitsinformationen in diesem Bereich nutzen. Dazu
ob sie sich von dem eigenen Geschlecht (Homo-
sexualität), dem jeweils anderen Geschlecht               leben [4].                                                         zählen die Wissens- und Handlungsvermittlung in der
(Heterosexualität), beiden Geschlechtern (Bisexu-            Sexualität wird in den verschiedenen Lebensphasen               Schule, persönliche Gespräche, das Internet oder die pro-
alität) oder keinem Geschlecht (Asexualität) roman-
tisch und sexuell angezogen fühlt [15].
                                                          unterschiedlich gelebt [5]. In der Pubertät zählen Sexualität      fessionelle Beratung in gynäkologischen Praxen und aner-
Zu den drei Dimensionen der sexuellen Orientie-           und sexuelle Erfahrungen neben der Auseinandersetzung              kannten Beratungsstellen [11].
rung gehören die sexuelle Attraktion oder Anzie-          mit dem eigenen Körper, der Abgrenzung von den Eltern                  Sexualität wird in allen Altergruppen überwiegend in
hung (zu welchem Geschlecht sich eine Person
hingezogen fühlt), das sexuelle Verhalten (mit wel-       und der Gestaltung sozialer Beziehungen zu den Entwick-            festen Beziehungen gelebt. In Studien wurde gezeigt, dass
chem Geschlecht sie sexuelle Kontakte hat) und            lungsaufgaben [6]. Die Pubertät geht mit körperlichen, psy-        bereits im Jugendalter Beziehungen häufig eng, romantisch
die sexuelle Identität [15]. Die sexuelle Identität ist   chologischen und emotionalen Veränderungen einher.                 und durch die Ideale Liebe und Treue geprägt sind [12].
das grundlegende Selbstverständnis der Menschen
davon, wer sie als geschlechtliche Wesen sind, wie        Dabei wirken sich die biologischen Prozesse in Wechsel-            Knapp ein Fünftel der Mädchen und Jungen in Deutsch-
sie sich selbst wahrnehmen und wie sie von ande-          wirkung mit dem sozialen Kontext auf die emotionale und            land, die in der Studie Health Behaviour in School-aged
ren wahrgenommen werden wollen [18]. Die drei
                                                          soziale Entwicklung der beziehungsweise des Einzelnen              Children (HBSC) 2017/18 befragt wurden, hatten mit etwa
Dimensionen müssen nicht übereinstimmen,
zudem können sie sich über die Lebenszeit verän-          aus [7]. In der Pubertät müssen sich Mädchen und Jungen            15 Jahren mindestens einmal Geschlechtsverkehr [13]. Im
dern [17].                                                mit alterstypischen Verhaltenserwartungen auseinander-             Durchschnitt sind Mädchen in einem früheren Alter als
Unter der Abkürzung LSBTIQ werden unterschied-
liche sexuelle Orientierungen und Lebensweisen
                                                          setzen und entsprechende Strategien des Umgangs mit                Jungen sexuell aktiv [14]. Ergebnisse der Studie Gesundheit
sowie geschlechtliche Identitäten zusammenge-             diesen finden, dies gilt auch für die Sexualität [8].              und Sexualität in Deutschland (GeSiD), die von 2018 bis
fasst: lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und            Sexualaufklärung, Sexualerziehung und sexuelle Bildung          2019 vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf durch-
intergeschlechtliche sowie queere Menschen.
Queer ist ein Sammelbegriff, der geschlechtliche          werden zunehmend als gesellschaftliche Querschnittauf-             geführt wurde, zeigten, dass Geschlechterunterschiede
Identitäten und sexuelle Orientierungen umfasst,          gabe verstanden. Neben Schule und Familie sind unter               auch hinsichtlich der Anzahl an gegengeschlechtlichen
die sich nicht an einer heterosexuellen Zweige-           anderem die Gesundheits- und Sozialdienste, die Medien             Sexualkontakten bestehen. Heterosexuelle Männer geben
schlechtlichkeit orientieren. Gerade jüngere LSBTI-
Personen bezeichnen sich eher als queer [17].             und die Erwachsenenbildung daran beteiligt [9]. Die Bun-           höhere Zahlen an Partnerinnen an als heterosexuelle
                                                          deszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat den          Frauen. Dies zeigt sich bereits für Jugendliche und junge
                                                          gesetzlichen Auftrag, Konzepte und Medien für Sexualauf-           Erwachsene [15, 16].
                                                          klärung zu entwickeln und Informationen zur Verhütung                  Nach dem aktuellen Forschungsstand werden drei
                                                          bereitzustellen. Dies geschieht unter Beteiligung der Län-         Dimensionen der sexuellen Orientierung (Infobox) unter-
                                                          der und in Zusammenarbeit mit Vertretern der Familien-             schieden, die nicht übereinstimmen müssen: die sexuelle
                                                          beratungseinrichtungen aller Träger [10]. Der Beitrag Sexu-        Identität, die sexuelle Attraktion oder Anziehung sowie das
                                                          alaufklärung junger Menschen in Deutschland in dieser              sexuelle Verhalten [15]. Zum Beispiel muss sich eine Frau,

           Journal of Health Monitoring 2022 7(2)                                                                                                                             8
Journal of Health Monitoring    Sexual- und Verhütungsverhalten von jungen Erwachsenen in Deutschland – Ergebnisse aus KiGGS Welle 2                    FOCUS

                                                    die Sex mit Frauen hat, nicht unbedingt als lesbisch oder          an, der unter anderem ein Fokus-Kapitel zur sexuellen und
KiGGS Welle 2                                       bisexuell begreifen [17]. Bei den verschiedenen Dimensio-          reproduktiven Gesundheit sowie eines zur Mädchenge-
Zweite Folgeerhebung der Studie zur                 nen der sexuellen Orientierung handelt es sich nicht um            sundheit enthält [17]. In KiGGS Welle 2 wurden die Teilneh-
Gesundheit von Kindern und Jugendlichen             starre Kategorien, sondern um wandelbare und über die              menden der KiGGS-Kohorte, die in der zweiten Nachbefra-
in Deutschland
                                                    Lebenszeit veränderliche Phänomene [19].                           gung bereits volljährig waren (zwischen 18 und 31 Jahren),
Datenhalter: Robert Koch-Institut
                                                        Auch das Verhütungsverhalten gehört zur Sexualität.            auch zu ihrem Sexualverhalten befragt. Neben Fragen zum
Ziele: Bereitstellung zuverlässiger Informationen   Der Zugang zur Empfängnisverhütung ist ein wichtiger               Alter beim ersten Geschlechtsverkehr wurde auch die
über Gesundheitszustand, Gesundheitsverhalten,
Lebensbedingungen, Schutz- und Risikofaktoren       Faktor, damit Menschen frei entscheiden können, ob,                Anzahl an Sexualpartnerinnen beziehungsweise -partnern
und gesundheitliche Versorgung der in Deutsch-      wann und wie viele Kinder sie haben möchten [20]. Zu               erfragt, und es wurden Fragen zu Verhütungsmitteln sowie
land lebenden Kinder, Jugendlichen und jungen
                                                    den Verhütungsmitteln zählen beispielweise hormonelle              zur Notfallverhütung gestellt.
Erwachsenen mit der Möglichkeit von Trend-
und Längsschnitt­analysen                           Verhütungsmittel wie die Pille, Barrieremethoden wie das               Die Ergebnisse können dazu beitragen, Präventions-
Studiendesign: Kombinierte Querschnitt- und         Kondom oder das Diaphragma, die Spirale sowie soge-                und Aufklärungskampagnen zur sexuellen und reproduk-
Kohortenstudie                                      nannte natürliche Methoden der Empfängnisverhütung.                tiven Gesundheit zu unterstützen, beispielsweise zur
Querschnitt in KiGGS Welle 2                        Das Kondom bietet neben dem Verhütungsaspekt auch                  Anpassung von Informationsmaterialien zu Sexualaufklä-
Alter: 0 – 17 Jahre                                 Schutz vor STI [21].                                               rung und Verhütung an bestimmte Zielgruppen. Zudem
Grundgesamtheit: Kinder und Jugendliche
mit ständigem Wohnsitz in Deutschland                   Mehr als 70 % der sexuell aktiven erwachsenen Bevöl-           können sie einen Beitrag zur Evaluation von Maßnahmen
Stichprobenziehung: Einwohnermeldeamt-              kerung nutzt bei sexuellen Kontakten ein Verhütungsmittel          leisten, die Ergebnisse bereits vorhandener Studien in die-
Stichproben – Einladung zufällig aus­gewählter
                                                    [22]. Gründe nicht zu verhüten sind unter anderem ein Kin-         sem Bereich ergänzen und damit zum wissenschaftlichen
Kinder und Jugendlicher aus den 167 Städten
und Gemeinden der KiGGS-Basiserhebung               derwunsch oder eine Schwangerschaft [23]. Daneben gibt             Diskurs beitragen.
Stichprobenumfang: 15.023 Teilnehmende              es Paare, die trotz fehlender Schwangerschaftsabsicht keine
KiGGS-Kohorte in KiGGS Welle 2                      Verhütungsmittel verwenden [24]. Die „Pille danach“ ist             2. Methode
Alter: 10 – 31 Jahre                                ein Notfallverhütungsmittel, das vorwiegend nach Verhü-             2.1 Stichprobendesign und Studiendurchführung
Stichprobengewinnung: Erneute Einladung aller
wiederbefragungsbereiten Teilnehmenden der          tungspannen oder dem Vergessen von Verhütungsmitteln
KiGGS-Basiserhebung                                 eingesetzt wird. Seit März 2015 ist sie in Apotheken rezept-       Grundlage für die Auswertungen in diesem Beitrag sind
Stichprobenumfang: 10.853 Teilnehmende
                                                    frei erhältlich. Hier wird auch eine Beratung angeboten [25].      die Daten der KiGGS-Kohorte. Die KiGGS-Basiserhebung,
KiGGS-Erhebungswellen:                                  Der vorliegende Beitrag stellt Ergebnisse zum Sexual-          die von 2003 bis 2006 vom RKI durchgeführt wurde, lie-
▶ KiGGS-Basis­erhebung (2003 – 2006)
  Untersuchungs- und Befragungssurvey               und Verhütungsverhalten von jungen Erwachsenen vor, die            ferte erstmals bevölkerungsbezogene, bundesweit reprä-
▶ KiGGS Welle 1 (2009 – 2012)                       im Rahmen der zweiten Folgeerhebung der Studie zur                 sentative Ergebnisse zur gesundheitlichen Lage der 0- bis
  Befragungssurvey
                                                    Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland             17-jährigen Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Im
▶ KiGGS Welle 2 (2014 – 2017)
  Untersuchungs- und Befragungssurvey               (KiGGS Welle 2) erhoben wurden. Damit knüpft er an den             Rahmen der KiGGS-Kohorte werden diese Kinder und
Mehr Informationen unter                            Ende 2020 veröffentlichten Bericht Gesundheitliche Lage            Jugendlichen weiterbeobachtet. Auf die KiGGS-Basiserhe-
www.kiggs-studie.de                                 der Frauen in Deutschland des Robert Koch-Instituts (RKI)          bung folgten zwei weitere Erhebungen. Nach KiGGS Welle 1

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Journal of Health Monitoring    Sexual- und Verhütungsverhalten von jungen Erwachsenen in Deutschland – Ergebnisse aus KiGGS Welle 2                     FOCUS

                                         (2009 – 2012) liefert KiGGS Welle 2 (2014 – 2017) die bis-          oder anderen Geschlechts in den letzten zwölf Monaten
                                         lang aktuellsten Daten [26]. Teilnehmende der KiGGS-                generiert werden.
                                         Basiserhebung, die noch erreichbar und wiederteilnahme-                Zum Verhütungsverhalten kamen folgende Fragen zum
                                         bereit waren, wurden erneut zur Studie eingeladen. Zum              Einsatz: „Verwenden Sie zurzeit Verhütungsmittel?“ (Ant-
                                         Zeitpunkt von KiGGS Welle 2 konnten insgesamt 10.853                wortkategorien: „Ja“, „Nein“), „Welche Verhütungsmittel
                                         Kohortenteilnehmende im Alter von 10 bis 31 Jahren wie-             haben Sie bzw. Ihre Partnerin/Ihr Partner beim letzten
                                         derbefragt werden; die Wiederteilnahmequote lag bei 62 %.           Geschlechtsverkehr verwendet?“ („Antibaby-Pille“, „Kon-
                                         Eine ausführliche Beschreibung der KiGGS-Kohorte findet             dome“, „Diaphragma“, „Chemische Verhütungsmittel“,
                                         sich an anderen Stellen [27, 28].                                  „Spirale“, „Natürliche Methoden“, „Sonstiges“, „Keine“),
                                             Die vorliegenden Auswertungen basieren auf Daten von           „Verwenden Sie beim Geschlechtsverkehr Kondome?“ (Ant-
                                         5.172 jungen Erwachsenen (2.966 Frauen und 2.206 Män-               wortkategorien: „Ja“, „Nein“), „Haben Sie jemals die Anti-
                                         nern), die in KiGGS Welle 2 zwischen 18 und 31 Jahre alt            baby-Pille eingenommen?“ (Antwortkategorien: „Ja“,
                                         waren und gültige Angaben zum Sexual- und Verhütungs-              „Nein“) und „Haben Sie schon einmal die „Pille danach“
                                         verhalten gemacht hatten.                                           eingenommen?“ (Antwortkategorien: „Ja“, „Nein“).

                                         2.2 Operationalisierung der Variablen                              Bildung, migrationsbezogene Merkmale und Familienform
                                                                                                            In KiGGS Welle 2 gaben die Befragten ihren höchsten Bil-
                                          Sexual- und Verhütungsverhalten                                   dungsabschluss an. Um die Angaben zu klassifizieren, wur-
                                          In KiGGS Welle 2 wurden den volljährigen Teilnehmenden            de die International Standard Classification of Education
                                          der KiGGS-Kohorte erstmals Fragen zum Sexual- und Ver-            (ISCED-11) verwendet. Es erfolgte eine Einteilung der Bil-
                                          hütungsverhalten gestellt. Folgende Fragestellungen zum           dungskategorien in eine untere, mittlere und obere Bil-
                                          Sexualverhalten sind Bestandteil der Analysen: „Wie alt           dungsgruppe [29].
                                          waren Sie, als Sie zum ersten Mal mit jemandem geschla-              Der Migrationsstatus wurde anhand der Angaben zum
                                          fen haben?“ (offenes Antwortfeld zur Altersangabe) und            Geburtsland der Teilnehmenden sowie zum Geburtsland
                                         „Wie viele Sexualpartner bzw. -partnerinnen hatten Sie in          und der Staatsangehörigkeit der Eltern bestimmt. Teilneh-
                                          den letzten 12 Monaten?“. Als Antwort auf die letzte Fra-         mende, die selbst nach Deutschland migriert sind oder
                                          ge sollte sowohl die Anzahl der Frauen als auch der Män-          deren beiden Elternteile nicht in Deutschland geboren sind
                                          ner angegeben werden. Neben der Anzahl an Sexualpart-             beziehungsweise nicht deutsche Staatsangehörige sind,
                                          nerinnen und -partnern in den letzten zwölf Monaten               gelten als Migrantinnen beziehungsweise Migranten. Als
                                         („keine“, „ein/e“, „zwei“, „drei“ und „mehr als drei“) konnte      weiteres migrationsbezogenes Merkmal wurde die zu Hause
                                          hieraus der Anteil der Befragten mit mindestens einer             gesprochene Sprache betrachtet (ausschließlich Deutsch,
                                          Sexualpartnerin/einem Sexualpartner des gleichen und/             andere Sprache/n) [30]. Bezüglich einer Partnerschaft wurde

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Journal of Health Monitoring    Sexual- und Verhütungsverhalten von jungen Erwachsenen in Deutschland – Ergebnisse aus KiGGS Welle 2                       FOCUS

                                             in KiGGS Welle 2 die Frage gestellt, ob die Befragten mit          statistisch signifikanten Unterschied ausgegangen, wenn
                                             einer Partnerin/einem Partner in einem gemeinsamen                 der p-Wert kleiner als 0,05 ist.
                                             Haushalt wohnen (Antwortkategorien: „Ja“, „Nein“).                    Die Analysen wurden mit den Survey-Prozeduren von
                                                                                                                Stata 17.0 durchgeführt (Stata Corp., College Station, TX,
                                             2.3 Statistische Methoden                                          USA, 2015), um das Clusterdesign von KiGGS und die
                                                                                                                Gewichtung angemessen bei der Berechnung der Konfi-
                                             Für die deskriptiven Analysen wurden jeweils Prävalenzen           denzintervalle und p-Werte zu berücksichtigen. Die Analy-
                                             mit 95 %-Konfidenzintervallen berechnet. Die Frage zum             sen zum ersten Geschlechtsverkehr wurden mit SAS 9.4
                                             Alter beim ersten Geschlechtsverkehr wurde bereits allen           (SAS Institute, Cary, NC, USA) durchgeführt.
                                             Kohortenteilnehmenden ab 14 Jahren gestellt. Aus diesem
                                             Grund bezieht sich die Datenbasis für diese Auswertung              3. Ergebnisse
Mehr als die Hälfte der                      auf alle Personen zwischen 14 und 31 Jahren (n = 4.639
Befragten hatte vor Erreichen                Mädchen und Frauen, n = 3.870 Jungen und Männer). Um               Zunächst werden die Auswertungen zum Alter des ersten
der Volljährigkeit den ersten                bei der Altersangabe beim ersten Geschlechtsverkehr die            Geschlechtsverkehrs betrachtet. Hierfür wurden Personen
Geschlechtsverkehr, bei den                  Rechtszensierung der Daten zu berücksichtigen, also das            zwischen 14 und 31 Jahren berücksichtigt. Von den befrag-
                                             unterschiedliche Alter der Teilnehmenden zum Zeitpunkt             ten Jugendlichen und jungen Erwachsenen berichtet etwa
Frauen sind es 61 %, bei den
                                             von KiGGS Welle 2, wurden Überlebenszeitmodelle (Sur-              jedes vierte Mädchen beziehungsweise jede vierte Frau
Männern etwa 53 %.                           vivalanalysen) herangezogen. Survivalanalysen berücksich-          (26,6 %) und jeder fünfte Junge beziehungsweise Mann
                                             tigen, dass eine Person, die zum Beispiel erst 17 Jahre alt        (20,6 %), bis zum Alter von 15 Jahren den ersten Geschlechts-
                                             ist, keine Angabe über ein vielleicht in der Zukunft stattfin-     verkehr erlebt zu haben. Mehr als die Hälfte der Befragten
                                             dendes Ereignis im Alter von 19 oder 20 Jahren machen              gibt den ersten Geschlechtsverkehr vor Erreichen der Voll-
                                             kann. Die Angaben zum Alter beim ersten Geschlechtsver-            jährigkeit an (61,0 % der Mädchen und Frauen, 53,3 % der
                                             kehr werden durch dieses Verfahren hochgerechnet auf den           Jungen und Männer). Etwa jede fünfte Person hatte bis
                                             Fall, dass die komplette KiGGS-Kohorte bis zum Alter von           zum Alter von 20 Jahren noch keinen Geschlechtsverkehr.
                                             31 Jahren nachverfolgt worden wäre. Geschlechterunter-             Im Alter von 30 Jahren sind es etwa 4 % der Frauen und
                                             schiede zwischen den Kurven wurden mithilfe eines log-             9 % der Männer (Abbildung 1). Mädchen und Frauen berich-
                                             rank-Test in SAS geprüft.                                          ten ein niedrigeres Alter beim ersten Geschlechtsverkehr
                                                 Die Auswertungen wurden mit einem Gewichtungs-                 als Jungen und Männer (der Geschlechterunterschied ist
                                             faktor durchgeführt, der sowohl den Dropout der Basiser-           statistisch signifikant, p < 0,001).
                                             hebung herausrechnet als auch die Bevölkerungszahlen                  Gefragt nach den Sexualkontakten in den letzten zwölf
                                             nach Alter, Geschlecht und Bildung an den aktuellen Erhe-          Monaten, geben etwa jeweils 10 % der Frauen und Männer
                                             bungszeitpunkt (31.12.2015) anpasst. Es wird von einem             an, keine Kontakte gehabt zu haben (Tabelle 1). Mehr als

    Journal of Health Monitoring 2022 7(2)                                                                                                                         11
Journal of Health Monitoring    Sexual- und Verhütungsverhalten von jungen Erwachsenen in Deutschland – Ergebnisse aus KiGGS Welle 2                                                                                             FOCUS

                                   Abbildung 1                Anteil (%)
                                                    100
                Berichtetes Alter beim erstem
    Geschlechtsverkehr* bei 14- bis 31-Jährigen      90
        nach Geschlecht, kumulierte Inzidenz         80
              (n = 4.639 Mädchen und Frauen,
                n = 3.870 Jungen und Männer)         70
           Quelle: KiGGS Welle 2 (2014 – 2017)       60

                                                     50

                                                     40

                                                     30

   Knapp 69 % der Frauen                             20

   und 58 % der Männer hatten                        10

   genau eine gegengeschlecht-
                                                                11       12        13       14        15       16        17        18       19        20       21        22       23        24       25        26        27         28   29   30      31
   liche Sexualpartnerin                                                                                                                                                                                                                      Alter (Jahre)
   beziehungsweise einen                                  *
                                                                     Weiblich (kumulierte Inzidenz)                           Männlich (kumulierte Inzidenz)
                                                              Berichtetes Alter beim ersten Geschlechtsverkehr, hochgerechnet auf eine Kohorte, bei der alle Teilnehmenden bis zum Alter von 31 Jahren nachverfolgt worden wären.

   -partner in den letzten
   zwölf Monaten, drei oder                         zwei Drittel der Frauen (68,8 %) und mehr als die Hälfte                                                         In Tabelle 2 wird differenziert, ob es sich um gleichge-
   mehr werden von 11 % der                         der Männer (57,8 %) berichtet von genau einem Sexual-                                                         schlechtliche oder gegengeschlechtliche Sexualpartnerinnen
   Frauen und 20 % der                              kontakt, während etwa 10 % der Frauen und 12 % Männer                                                         oder -partner handelt. Über 90 % der befragten Frauen und
                                                    zwei Kontakte angeben. Drei oder mehr Sexualkontakte                                                          Männer geben gegengeschlechtliche Sexualkontakte im letz-
   Männer berichtet.
                                                    werden von etwa 11 % der Frauen und etwa 20 % der Män-                                                        ten Jahr vor der Befragung an. Von den Frauen haben 7,4 %
                                                    ner angegeben.                                                                                                gleichgeschlechtliche und 1,4 % sowohl gleich- als auch
                                                                                                                                                                  gegengeschlechtliche Sexualkontakte. Die entsprechenden
                                                    Anzahl Sexual-                                         Frauen                           Männer                Anteile bei den Männern liegen bei 2,8 % beziehungsweise
                                        Tabelle 1   partnerinnen/-partner                          %    (95 %-KI)                %         (95 %-KI)              0,4 %. Dabei ist zu beachten, dass die Daten zu gleich- und
              Anzahl an gegengeschlechtlichen       Keine                                        10,4 (8,9 – 12,0)             10,2      (8,5 – 12,2)             gegengeschlechtlichen Partnerinnen beziehungsweise Part-
Sexualpartnerinnen bzw. -partnern in den letzten    1                                            68,8 (66,4 – 71,2)            57,8     (54,7 – 60,8)             nern auf sehr geringen Fallzahlen beruhen (Tabelle 2).
      zwölf Monaten bei 18- bis 31-Jährigen mit     2                                            10,2 (8,6 – 12,0)             11,7     (10,0 – 13,6)
 Geschlechtsverkehrerfahrung nach Geschlecht                                                                                                                         Im Hinblick auf das Verhütungsverhalten geben 76,5 %
                                                    3                                             4,8 (4,0 – 5,8)               7,9       (6,4 – 9,7)
           (n = 2.950 Frauen, n = 2.206 Männer)     >3                                            5,8 (4,6 – 7,3)              12,4     (10,4 – 14,7)             der Frauen und 59,1 % der Männer an, zum Befragungszeit-
            Quelle: KiGGS Welle 2 (2014 – 2017)     KI = Konfidenzintervall                                                                                       raum Verhütungsmittel zu verwenden. Weitere Analysen

          Journal of Health Monitoring 2022 7(2)                                                                                                                                                                                                12
Journal of Health Monitoring    Sexual- und Verhütungsverhalten von jungen Erwachsenen in Deutschland – Ergebnisse aus KiGGS Welle 2                                                        FOCUS

                                        Tabelle 2   Mindestens ein/e…                                                                                                   Frauen                              Männer
 Mindestens eine Sexualpartnerin bzw. -partner                                                                                                   %         (95 %-KI)         n      %         (95 %-KI)          n
   des gleichen und/oder anderen Geschlechts        gegengeschlechtliche/r Sexualpartner/in                                                    94,0     (92,5 – 95,1)    2.654    97,7     (96,6 – 98,4)         1.979
               in den letzten zwölf Monaten bei     gleichgeschlechtliche/r Sexualpartner/in                                                    7,4       (6,0 – 9,0)      182     2,8       (1,9 – 3,9)            55
  18- bis 31-Jährigen mit Sexualkontakten nach      gleich- und gegengeschlechtliche/r Sexualpartner/in                                         1,4       (0,8 – 2,5)       36     0,4       (0,2 – 1,1)             7
Geschlecht (n = 2.800 Frauen, n = 2.027 Männer)     KI = Konfidenzintervall
             Quelle: KiGGS Welle 2 (2014 – 2017)
                                                    zeigen, dass Frauen und Männer, die in einer festen Part-                                         als Verhütungsmethode an. Ein Kondom nutzen 44,1 % der
                                                    nerschaft leben, deutlich häufiger verhüten als Frauen und                                        Frauen und 64,2 % der Männer zur Verhütung. Die kombi-
                                                    Männer ohne feste Partnerschaft (Frauen: 79,2 % vs.                                               nierte Verwendung von Pille und Kondom berichten 23,1 %
                                                    68,2 %, p ≤ 0,001 und Männer: 63,1 % vs. 52,9 %, p ≤ 0,001).                                      der Frauen und 31,6 % der Männer. Die Spirale wird dage-
                                                    Rund zwei Drittel der Frauen (67,5 %) und etwa die Hälfte                                         gen deutlich seltener genutzt: 3,8 % der Frauen und 3,0 %
   Gleichgeschlechtliche                            der Männer (51,0 %) geben an, derzeit in einer festen Part-                                       der Männer geben diese als Verhütungsmittel an. Sonstige
   sexuelle Kontakte wurden                         nerschaft zu leben (Daten nicht gezeigt).                                                         Verhütungsmittel wie das Diaphragma, chemische Verhü-
   von 7,4 % der Frauen und                            Gefragt nach der Art der Verhütung beim letzten                                                tungsmittel oder natürliche Methoden spielen ebenfalls
   2,8 % der Männer angegeben,                      Geschlechtsverkehr zeigt sich, dass die Pille und das Kon-                                        eine eher untergeordnete Rolle. 8,9 % der Frauen und 6,8 %
                                                    dom am häufigsten verwendet werden. Mehr als die Hälfte                                           der Männer geben an, beim letzten Geschlechtsverkehr
   sowohl gleich- als auch
                                                    der Frauen (62,1 %) und Männer (57,0 %) geben die Pille                                           nicht verhütet zu haben (Abbildung 2).
   gegengeschlechtliche                                                                                                                                   Des Weiteren wurden die Teilnehmenden der KiGGS-
   Sexualkontakte hatten                                                                                                                              Kohorte danach gefragt, ob sie beim Geschlechtsverkehr
                                                                 Pille
   1,4 % der Frauen und                                                                                                                               generell Kondome verwenden. Kondome werden grund-
   0,4 % der Männer.                                        Kondom                                                                                    sätzlich von 27,3 % der Frauen beim Geschlechtsverkehr
                                                                                                                                                      verwendet, etwa ein Drittel der Frauen (32,2 %) nutzt Kon-
                                                    Pille und Kondom                                                                                  dome gelegentlich, 40,5 % der Frauen verwenden keine
                                                                                                                                                      Kondome. Bei den Männern liegen die Anteile der grund-
                                                              Spirale                                                                                 sätzlichen (41,8 %) und der gelegentlichen Verwendung
                                    Abbildung 2                                                                                                       (34,6 %) höher. Ein knappes Viertel der Männer (23,6 %)
       Art der Verhütungsmittel beim letzten
                                  *                         Sonstige
                                                                                                                                                      nutzt keine Kondome. Werden nur Männer betrachtet, die
     Geschlechtsverkehr (Angaben in Prozent,                                                                                                          nicht in einer festen Partnerschaft leben, geben 59,9 % der
                  Mehrfachantworten möglich)                    Keine
                                                                                                                                                      Männer an, dass sie Kondome grundsätzlich verwenden,
                     bei 18- bis 31-Jährigen mit                                  10        20        30       40        50        60      70
Geschlechtsverkehrerfahrung nach Geschlecht                                                                                        Anteil (%)
                                                                                                                                                      33,3 % verwenden Kondome gelegentlich und 6,7 % geben
          (n = 2.880 Frauen, n = 2.160 Männer)                               Frauen         Männer                                                    an, keine Kondome zu nutzen. Zudem wurden die Frauen
                                                                         *
                                                                          Pille und Kondom: zusammengesetzte Variable, Sonstige: Diaphragma,
           Quelle: KiGGS Welle 2 (2014 – 2017)                           Chemische Verhütungsmittel, natürliche Methoden und andere                   gefragt, ob sie jemals die Pille genommen haben. Ein

          Journal of Health Monitoring 2022 7(2)                                                                                                                                                           13
Journal of Health Monitoring    Sexual- und Verhütungsverhalten von jungen Erwachsenen in Deutschland – Ergebnisse aus KiGGS Welle 2                       FOCUS

                                      Tabelle 3                                         %        (95 %-KI)      n    Erreichen der Volljährigkeit erlebt, bei den Frauen sind es
          Verwendung von Notfallverhütung         Gesamt                              30,8    (28,4 – 33,4)   838    61 %, bei den Männern 53 %. Dieses Ergebnis deckt sich
(jemals „Pille danach“) (Angaben in Prozent)       Altersgruppe                                                      mit den Daten der achten Welle der Jugendsexualitätsstu-
            bei 18- bis 31-jährigen Frauen mit      18 – 24 Jahre                     29,0    (26,1 – 32,1)   501    die der BZgA, die auf einer Befragung von 14- bis 25-Jähri-
    Geschlechtsverkehrerfahrung (n = 2.961)         25 – 31 Jahre                     32,6    (28,8 – 36,6)   337
         Quelle: KiGGS Welle 2 (2014 – 2017)
                                                                                                                     gen aus dem Jahr 2014 basiert. Demnach sind 39 % der
                                                   Bildung
                                                    Untere Bildungsgruppe             24,5    (17,8 – 32,8)    73    Jugend­lichen im Alter von 16 Jahren erstmals sexuell aktiv,
                                                    Mittlere Bildungsgruppe           31,1    (28,1 – 34,1)   517    bei den 17-Jährigen liegt der Anteil bei 58 % [16]. Nach den
                                                    Obere Bildungsgruppe              33,6    (28,9 – 38,6)   231    Daten von KiGGS Welle 2 haben etwa jedes vierte Mädchen
                                                   Migrationsstatus                                                  und etwa jeder fünfte Junge bis zum Alter von 15 Jahren
                                                    Nein                              30,0    (27,5 – 32,5)   742
                                                                                                                     den ersten Geschlechtsverkehr. Damit sind die Anteile
                                                    Ja                                34,4    (27,0 – 42,7)    91
                                                   Zu Hause gesprochene Sprache                                      annähernd vergleichbar mit denen der HBSC-Studie, in der
Beim letzten Geschlechts­                           Ausschließlich Deutsch            30,5    (28,0 – 33,1)   728    15-Jährige Auskunft darüber geben, ob sie schon einmal
verkehr wurde am häufigsten                         Andere Sprache/n                  32,8    (25,8 – 40,6)   110    mit jemandem geschlafen haben. In der HBSC-Studie
                                                  KI = Konfidenzintervall
mit der Pille oder dem                                                                                               2013/14 traf dies auf 19,6 % der Mädchen und 22,3 % der
                                                                                                                     Jungen zu [31], 2017/18 lagen die Anteile bei 16,7 % (Mäd-
Kondom verhütet.
                                                  Großteil der befragten Frauen (92,6 %) bejaht diese Frage          chen) und 19,7 % (Jungen) [13].
Rund ein Drittel der Frauen                       (Daten nicht gezeigt).                                                 Bei dem Vergleich sollte allerdings beachtet werden,
gibt an, schon einmal die                            Neben der Einnahme der Pille wurden die Teilnehmerin-           dass die Fragen zum Alter des ersten Geschlechtsverkehrs
„Pille danach“ genommen                           nen auch nach der Notfallverhütung durch die „Pille                in KiGGS Welle 2 retrospektiv erhoben wurden, sodass ein
zu haben.                                         danach“ gefragt. Knapp ein Drittel der Frauen (30,8 %) hat         Erinnerungsbias nicht ausgeschlossen werden kann. Da
                                                  Erfahrung mit der Einnahme der „Pille danach“. Stratifi-           Daten zur Sexualität in der KiGGS-Studie bisher nur einmal
                                                  zierte Auswertungen nach Alter, Bildung und Migrations-            erhoben wurden, können keine Angaben über Trends
                                                  status zeigen keine statistisch signifikanten Unterschiede.        gemacht werden. Ergebnisse der neunten Welle der
                                                  Dies gilt auch, wenn man die zu Hause gesprochene Spra-            Jugendsexualitätsstudie aus dem Jahr 2019 zeigen, dass
                                                  che als weiteres migrationsbezogenes Merkmal betrachtet            der Anteil der Jugendlichen, die beim ersten Geschlechts-
                                                  (Tabelle 3).                                                       verkehr jünger als 17 Jahre sind, seit einigen Jahren rück-
                                                                                                                     läufig ist. Damit setzt sich der Trend fort, dass Jugendliche
                                                  4. Diskussion                                                      immer später sexuell aktiv werden [32]. Etwa 20 % der
                                                                                                                     Befragten hatten bis zum Alter von 20 Jahren noch keinen
                                                  Die Daten zum Sexual- und Verhütungsverhalten junger               Geschlechtsverkehr – dieser Anteil ist höher als in der
                                                  Erwachsener aus KiGGS Welle 2 zeigen, dass etwa die                Jugendsexualitätsstudie mit 16 % [16], im Alter von 30 Jah-
                                                  Hälfte der Befragten den ersten Geschlechtsverkehr vor             ren sind es etwa 4 % der Frauen und knapp 9 % der Männer.

       Journal of Health Monitoring 2022 7(2)                                                                                                                           14
Journal of Health Monitoring    Sexual- und Verhütungsverhalten von jungen Erwachsenen in Deutschland – Ergebnisse aus KiGGS Welle 2                     FOCUS

                                         Für eine sexuelle Zurückhaltung könnten das Fehlen der             1 % zehn bis 15 Sexualkontakte in den letzten zwölf Mona-
                                         richtigen Partnerin beziehungsweise des richtigen Partners         ten an [34]. Mit der Jugendsexualitätsstudie sind diese
                                         oder kulturelle Gründe eine Rolle spielen [16].                    Auswertungen nur eingeschränkt vergleichbar, da sich
                                            Die Mehrzahl der 18- bis 31-jährigen Befragten aus              diese auf die Gesamtzahl der bisherigen Sexualpartnerin-
                                         KiGGS Welle 2 (knapp 69 % der Frauen und 58 % der Män-             nen und -partner bezieht [16].
                                         ner) hatte im Laufe von zwölf Monaten mit genau einer                  Dass Männer über eine höhere Anzahl an Sexualkon-
                                         Person gegengeschlechtliche Sexualkontakte. Dies weist             takten berichten als Frauen, wurde auch in verschiedenen
                                         darauf hin, dass ein hoher Anteil der jungen Erwachsenen           europäischen Sex-Surveys gefunden [35, 36]. Heterosexu-
                                         in einer festen Beziehung lebt. In der Studie gaben rund           elle Männer berichten deutlich höhere Zahlen an Partne­
                                         zwei Drittel der jungen Frauen und etwa die Hälfte der jun-        rinnen als heterosexuelle Frauen [15]. Als Grund wird unter
                                         gen Männer an, derzeit eine feste Partnerschaft zu haben.          anderem ein anderes Antwortverhalten angeführt. Männer
                                         Dies steht im Einklang mit Studien, in denen gezeigt wurde,        haben aufgrund sozialer Erwartungen eher die Tendenz,
                                         dass bereits im Jugendalter Sexualität überwiegend in fes-         sich als sexuell erfahren und aktiv darzustellen. Sie geben
                                         ten Beziehungen gelebt wird. Die Beziehungen sind häufig           daher möglicherweise eine höhere Zahl an Partnerinnen
                                         eng, romantisch und durch die Ideale Liebe und Treue               an. Auch Schätzfehler bei Männern mit vielen Sexualpart-
                                         geprägt [33]. Single-Sein ist meist als temporäre Phase zwi-       nerinnen könnten eine Rolle spielen. Des Weiteren wird als
                                         schen zwei Beziehungen anzusehen, die oftmals sexuell              Grund angeführt, dass Männer möglicherweise häufiger
                                         eher zurückhaltend verbracht wird. Bei einem seriell mono-         Sex mit Frauen haben, die systematisch nicht an Surveys
                                         gamen Beziehungsmuster werden immer neue, feste und                teilnehmen, also beispielsweise Sexarbeiterinnen [15].
                                         treue Beziehungen eingegangen [14].                                    Gleichgeschlechtliche Sexualkontakte in den letzten
                                             Jeweils etwa 10 % der befragten jungen Frauen und              zwölf Monaten hatten, so zeigen die Daten aus KiGGS
                                         Männer hatten in den letzten zwölf Monaten vor der Befra-          Welle 2, 7,4 % der jungen Frauen und 2,8 % der jungen
                                         gung keine sexuellen Kontakte, etwa 10 % der Frauen und            Männer. Sowohl gleich- als auch gegengeschlechtliche
                                         knapp 12 % der Männer hatten sexuelle Kontakte mit zwei            Sexualkontakte wurden von 1,4 % der weiblichen und 0,4 %
                                         Personen. Etwa 20 % der Männer – und damit fast dop-               der männlichen Befragten berichtet. Ergebnisse der
                                         pelt so viele wie Frauen (etwa 11 %) – gaben an, mit drei          GeSiD-Studie von 2018 bis 2019 zeigen, dass 15 % der
                                         oder mehr Personen Sexualkontakte gehabt zu haben. Ein             18- bis 35-jährigen Frauen schon mindestens einmal ein
                                         ähnliches Bild zeigt eine Querschnittstudie mit 654 Stu-           sexuelles Erlebnis mit einer anderen Frau hatten. Bei den
                                         dierenden der Technischen Universität Dresden von 2012,            gleichaltrigen Männern sind es 7,4 % [15]. Auch hier ist zu
                                         in der unter anderem das sexuelle Risikoverhalten unter-           beachten, dass sich diese Ergebnisse auf jemals gemachte
                                         sucht wurde: Von den sexuell aktiven Studierenden gaben            Erfahrungen beziehen. Im Gegensatz dazu bezieht sich die
                                         4 % keinen, 53 % einen, 14 % zwei, 10 % drei bis neun und          KiGGS-Studie auf die letzten zwölf Monate.

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Journal of Health Monitoring    Sexual- und Verhütungsverhalten von jungen Erwachsenen in Deutschland – Ergebnisse aus KiGGS Welle 2                     FOCUS

                                             Bei der Interpretation der Daten muss berücksichtigt           gab es insgesamt einen Anstieg von 37 % auf 46 %. In die-
                                         werden, dass gleichgeschlechtliche Sexualkontakte nicht            ser Zeit ging der Anteil der Frauen, die die Pille nehmen,
                                         unbedingt mit einer homosexuellen Identität einhergehen            von 53 % auf 47 % zurück. Vor allem bei den 18- bis 29-Jäh-
                                         müssen (Infobox Sexuelle Orientierung). Insgesamt defi-            rigen zeigt sich ein starker Rückgang bei der Nutzung der
                                         nieren sich nach Daten der GeSiD-Studie 0,9 % der Frauen           Pille, von 72 % auf 56 % [22]. Eine rückläufige Anwendung
                                         und 1,8 % der Männer als homosexuell und 1,8 % der Frauen          der Pille wurde auch in den Wiederholungsbefragungen
                                         und 0,9 % der Männer als bisexuell [15]. Etwas höhere Anga-        der Jugendsexualitätstudie 2015 [16] und 2021 [32] berich-
                                         ben finden sich in der Studie Jugendsexualität aus dem Jahr        tet. Vor allem bei den sexuell aktiven Mädchen zwischen
                                         2019. Eine andere als eine rein heterosexuelle Orientierung        14 und 17 Jahren ist diese zu beobachten. Als Grund wird
                                         wird eher von weiblichen als von männlichen Befragten              eine eher kritische Einstellung zu hormonellen Verhütungs-
                                         berichtet: 2 % der 14- bis 25-jährigen Frauen geben an,            methoden angeführt. Diese könnte mit allgemein gewan-
                                         homosexuell zu sein, 8 % identifizierten sich als bisexuell,       delten Normvorstellungen wie zum Beispiel einem gestie-
                                         bei den Männern sind es jeweils 3 % [32]. Dass vor allem           genen Gesundheitsbewusstsein in Zusammenhang stehen
                                         (junge) Frauen vergleichsweise häufig von mindestens einer         [32]. Vor allem in den sozialen Medien wird das Anliegen,
                                         gleichgeschlechtlichen sexuellen Erfahrung berichten,              gesünder und natürlicher zu leben, auch im Hinblick auf das
                                         könnte auf eine zumeist größere gesellschaftliche Offen-           Verhütungsverhalten, thematisiert [38]. In KiGGS Welle 2
                                         heit gegenüber gleichgeschlechtlicher Intimität und Sexu-          gaben etwa 93 % der Frauen an, jemals die Pille genom-
                                         alität von Frauen zurückzuführen sein, die zu einem grö-           men zu haben. Dagegen liegt der Anteil der Frauen, die
                                         ßeren Erlebens- und damit auch Antwortspielraum bei                beim letzten Geschlechtsverkehr mit der Pille verhütet
                                         Befragungen beiträgt [37].                                         haben, bei 62 %. Dieses Ergebnis könnte ebenfalls auf einen
                                             Zur Verhütung beim letzten Geschlechtsverkehr nutz-            Rückgang der Pillennutzung hindeuten. Hinsichtlich der
                                         ten die in KiGGS Welle 2 Befragten am häufigsten die Pille         Verhütung beim letzten Geschlechtsverkehr spielt die Spi-
                                         und das Kondom (Pille: Frauen 62 %, Männer 57 %; Kon-              rale in der vorliegenden Studie eine untergeordnete Rolle.
                                         dom: Frauen 44 %, Männer 64 %). Dass die Pille und das             Dieser Befund wurde auch in der Studie „frauen leben 3“
                                         Kondom die wichtigsten Verhütungsmittel in Deutschland             gezeigt. Demnach nimmt die Nutzung der Spirale im
                                         sind, wurde auch in der Studie zum Verhütungsverhalten             Lebensverlauf zu. Mit der Spirale verhüten vor allem Frauen
                                         Erwachsener der BZgA aus dem Jahr 2018 gezeigt: Die Nut-           ab einem Alter von 40 Jahren [39].
                                         zung der Pille als derzeitiges Verhütungsmittel nennen                 Etwa 42 % der befragten Männer verwenden beim
                                         47 % der Frauen und 48 % der Männer. Beim Kondom sind              Geschlechtsverkehr grundsätzlich Kondome, etwa ein Drit-
                                         es 37 % der Frauen und 56 % der Männer. Im Vergleich zu            tel nutzt Kondome gelegentlich. Ein knappes Viertel der
                                         den Vorgängerstudien wird das Kondom dabei deutlich                Männer gibt an, keine Kondome zu nutzen. Unter den
                                         häufiger als Verhütungsmittel genutzt. Von 2011 bis 2018           Männern ohne feste Partnerschaft berichten knapp 7 %,

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Journal of Health Monitoring    Sexual- und Verhütungsverhalten von jungen Erwachsenen in Deutschland – Ergebnisse aus KiGGS Welle 2                     FOCUS

                                         dass sie grundsätzlich keine Kondome verwenden. Dieser             einer vertrauten Partnerin/einem vertrauten Partner hatten
                                         Wert ist niedriger als der in der GeSiD-Studie berichtete          oder bei denen Verhütung ausführlich im Elternhaus the-
                                         Wert, wonach 22 % der 18- bis 79-jährigen Männer, die              matisiert wurde, die „Pille danach“ verwendet haben (ein-
                                         aktuell Single sind, im vergangenen Jahr beim Geschlechts-         malige Anwendung 15 %, mehrfache Anwendung 6 %) [16].
                                         verkehr nie ein Kondom verwendet haben [40]. Bei diesem            Daran schließen die Ergebnisse der Jugendsexualitätsstu-
                                         Vergleich sollten jedoch die unterschiedlichen Erhebungs-          die 2019 an, die zeigen, dass das Wissen über die „Pille
                                         zeitpunkte, Fragestellungen und betrachteten Altersgrup-           danach“ bei den befragten Mädchen und jungen Frauen
                                         pen beachtet werden.                                               fast flächendeckend vorhanden ist [32]. Die Verschreibungs-
                                             Auch die Verwendung von Notfallverhütung konnte mit            pflicht der „Pille danach“ wurde im März 2015 aufgehoben,
                                         den Daten von KiGGS Welle 2 untersucht werden. Dem-                um den Zugang zu dieser Notfallmaßnahme zu erleichtern.
                                         nach haben 30,8 % der 18- bis 31-jährigen Frauen jemals            Seitdem ist ein deutlicher Anstieg der Nutzung zu verzeich-
                                         die „Pille danach“ eingenommen. Dieses Ergebnis ist ver-           nen. Nach Daten der Bundesvereinigung Deutscher Apo-
                                         gleichbar mit den Daten der Studie zur Jugendsexualität            thekerverbände sind die Absatzzahlen in der Selbstmedi-
                                         2019, in der 27 % der 14- bis 25-Jährigen angaben, die „Pille      kation seit 2015 stark angestiegen, bei den ärztlichen
                                         danach“ schon einmal verwendet zu haben, darunter 9 %              Verordnungen der „Pille danach“ gab es dagegen einen
                                         mehrfach. Unter den 18- bis 25-Jährigen sind es 29 % (20 %         deutlichen Rückgang. Seit dem Jahr 2015, in dem 662.000
                                         geben eine einmalige, 9 % eine mehrfache Anwendung                 Packungen abgegeben wurden, stieg die Zahl kontinuier-
                                         an) [32]. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen keine signi-          lich an, bis auf insgesamt 877.000 Packungen im Jahr 2019.
                                         fikanten Unterschiede nach Alter, Bildung oder Migrati-            Im Jahr 2020 gab es einen Rückgang auf 848.000 Packun-
                                         onsstatus. Als weiteres migrationsbezogenes Merkmal                gen [41]. Die vorliegenden Daten weisen auf eine Nutzung
                                         wurde die zu Hause gesprochene Sprache in die Auswer-              in allen gesellschaftlichen Gruppen hin und betonen die
                                         tungen einbezogen, um mögliche sprachliche Barrieren               Notwendigkeit, niedrigschwellige Zugangsmöglichkeiten
                                         zu Informationsmaterialien abzubilden. Auch für diese              zu gewährleisten.
                                         Variable zeigen sich keine signifikanten Unterschiede. Die             Als Einschränkung zu den vorliegenden Analysen muss
                                         Anteile der Teilnehmenden mit migrationsbezogenen                  bei der Interpretation berücksichtigt werden, dass es sich
                                         Merkmalen sind jedoch im Verhältnis zu den Vergleichs-             um retrospektiv erhobene Selbstangaben handelt. Es kann
                                         gruppen relativ klein.                                             nicht ausgeschlossen werden, dass die Ergebnisse durch
                                             Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Inanspruch-         ein sozial erwünschtes Antwortverhalten verzerrt sein kön-
                                         nahme von Notfallverhütung unabhängig von soziodemo-               nen oder ein Erinnerungsbias vorliegt, dass sich also Teil-
                                         grafischen Faktoren ist. Die Studie Jugendsexualität 2015          nehmende nicht mehr korrekt an Begebenheiten erinnern
                                         weist in die gleiche Richtung, indem gezeigt wurde, dass           oder Ereignissen im Nachhinein mehr oder weniger Bedeu-
                                         auch Befragte, die ihren ersten Geschlechtsverkehr mit             tung als ursprünglich beimessen.

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Journal of Health Monitoring    Sexual- und Verhütungsverhalten von jungen Erwachsenen in Deutschland – Ergebnisse aus KiGGS Welle 2                             FOCUS

                                             Insgesamt bieten die Daten zum Sexual- und Verhü-              auf die sexuelle Gesundheit eine Rolle spielen, zum
                                         tungsverhalten aus KiGGS Welle 2 neben den etablierten             Beispiel im Hinblick auf Folgen für partnerschaftliche Bezie-
                                         Monitoringdaten der BZgA, den Daten zum Sexual- und                hungen und sexuelle Kontakte. Mediale Narrative zu sexu-
                                         Verhütungsverhalten der HBSC-Studie sowie den Daten                alitätsbezogenen Veränderungen durch die COVID-19-
                                         der GeSiD-Studie eine weitere Datengrundlage, deren                Pandemie konnten herausgearbeitet werden, allerdings
                                         Fokus auf dem jungen Erwachsenenalter liegt. Die vorlie-           fehlen bisher empirische Daten [44].
                                         genden Auswertungen bestätigen und ergänzen Ergeb-
                                                                                                                                                         Korrespondenzadresse
                                         nisse der genannten Studien, etwa durch die Berechnun-
                                                                                                                                                            Dr. Birte Hintzpeter
                                         gen kumulierter Inzidenzen zum ersten Geschlechtsverkehr                                                           Robert Koch-Institut
                                         oder die Auswertungen zu soziodemografischen Einfluss-                         Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring
                                         faktoren zur Anwendung der „Pille danach“. Hier konnte                                                        General-Pape-Str. 62–66
                                                                                                                                                                    12101 Berlin
                                         gezeigt werden, dass die Anwendung in allen gesellschaft-
                                                                                                                                                    E-Mail: HintzpeterB@rki.de
                                         lichen Gruppen stattfindet, die Zugehörigkeit zu einer
                                         bestimmten Bildungs- oder Bevölkerungsgruppe scheint                                                                        Zitierweise
                                         keinen Einfluss zu haben. Dies lässt vermuten, dass die                           Hintzpeter B, Krause L, Vogelgesang F, Prütz F (2022)
                                                                                                                       Sexual- und Verhütungsverhalten von jungen Erwachsenen
                                         Informationen zur Aufklärung die jungen Erwachsenen
                                                                                                                                 in Deutschland – Ergebnisse aus KiGGS Welle 2.
                                         erreichen.                                                                                                    J Health Monit 7(2): 7–22.
                                             Die Daten zum Sexual- und Verhütungsverhalten aus                                                              DOI 10.25646/9872
                                         KiGGS Welle 2 weisen darüber hinaus Potenzial für weiter-
                                         gehende Analysen auf, da umfangreiche Co-Variablen im              Die englische Version des Artikels ist verfügbar unter:
                                         Kohortenansatz vorhanden sind. So sind Zusammen-                   www.rki.de/journalhealthmonitoring-en
                                         hangsanalysen mit verschiedenen demografischen Merk-
                                         malen möglich, wie exemplarisch in einem Beitrag zur Inan-         Datenschutz und Ethik
                                         spruchnahme von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten              KiGGS Welle 2 unterliegt der strikten Einhaltung der daten-
                                         für Frauenheilkunde [42] dargestellt. Im Hinblick auf Längs-       schutzrechtlichen Bestimmungen der EU-Datenschutz-
                                         schnittauswertungen können die Indikatoren der sexuellen           grundverordnung (DSGVO) und des Bundesdatenschutz-
                                         und reproduktiven Gesundheit im jungen Erwachsenenal-              gesetzes (BDSG). Die Ethikkommission der Medizinischen
                                         ter auch als Outcome-Variablen einbezogen werden, zum              Hochschule Hannover hat die Studie unter ethischen
                                         Beispiel in Zusammenhang mit psychischen Auffälligkeiten           Gesichtspunkten geprüft und ihr zugestimmt (Nr. 2275-
                                         in Kindheit oder Jugend [43]. Für zukünftige Erhebungen            2014). Die Teilnahme an der Studie war freiwillig. Die Teil-
                                         und Auswertungen wird auch der Einfluss der COVID-19-Pan-          nehmenden beziehungsweise ihre Sorgeberechtigten wur-
                                         demie – einschließlich der Eindämmungsmaßnahmen –                  den über die Ziele und Inhalte der Studie sowie über den

Journal of Health Monitoring 2022 7(2)                                                                                                                               18
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