Kein aloha für Syngenta Wie der Basler agrarkonzern versucht, den Bewohnern einer insel die demo kratie zu rauben - Amazon S3

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M ich a ë l Ja r jou r u n d J u li e Z aug g

Kein Aloha für
Syngenta
Wie der Basler
Agrarkonzern
versucht, den
Bewohnern einer
Insel die Demo­
kratie zu rauben.

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Kein Aloha für Syngenta

Bernard Carvalho greift sich den Zettel mit den Namen darauf, den
ihm seine Stabschefin reicht, fährt mit seinem Finger über die obere
Hälfte der Namen und stoppt in der Mitte. «Die untere Hälfte ist raus.»
Ersten Auszählungen nach ist die Wahl seines neuen Gemeinderates
viel besser gelaufen, als der Bürgermeister es sich gewünscht hatte.
Sein Gesicht zeigt die Freude eines Kindes, das soeben mit einem Streich
davongekommen ist. «Das wird einige schockieren», sagt er noch im­
mer grinsend und bemüht sich um staatsmännische Haltung. Er zieht
ein weisses Tuch aus seiner Tasche, wischt sich eine grosse Menge
Schweiss von der Stirn, steckt das Tuch zurück, richtet seinen Rücken
auf und wirft mit beiden Händen die Glastür zum Bürgerzentrum auf.
Seine Wahlparty ist in vollem Gange. Auf der Bühne greifen zwei Män­
ner in die Saiten und lassen spanische Gitarrenmusik erklingen. Unter
einem Dach orange- und türkisfarbener Ballons singt eine schöne, alte
Frau eine fröhliche Version des Broadway-Songs On A Clear Day You Can
See Forever. Auf einem Banner hinter ihr steht geschrieben: Carvalho
– Action with Aloha. An langen Holztischen essen Dutzende seiner
Anhänger ein spendiertes Dinner. Ein paar Köpfe drehen sich zur Tür,
wo Carvalho seinen mächtigen Körper in den Saal wuchtet. Kein Zwei­
fel: Das wird sein Abend werden.
            Die letzten 18 Monate sind aufreibend gewesen. Bürgermeister
      Carvalho hat sich mit allen Mitteln gegen eine Revolte gestemmt, wie
      sie die Hawaii-Insel Kauai noch nie zuvor gesehen hatte. Angezogen
      vom idealen Klima und einer der fruchtbarsten Erden weltweit, be­
      gannen während des letzten Jahrzehnts Firmen wie Syngenta, Dow
      oder BASF die Pazifikinsel Kauai in das grösste Gen-Pflanzen-Labor
      der USA zu verwandeln. Auf über 10 000 Hektar forschen sie nach
      neuen Sorten. An keinem andern Ort der USA führen diese Firmen
      mehr Feldversuche durch. Carvalho hat sie mit offenen Armen emp­
      fangen und bisher mit allem verteidigt, was in seiner Macht stand. Das
      wurde nötig, weil die Inselbewohner der verarmten Westseite rebel­
      lierten. In den Fokus der Volkswut geriet insbesondere Syngenta. Den
      Agro-Giganten aus Basel kennt hier jedes Kind, man ist der Meinung,
      dass er Tausende Kilometer von seiner Heimat entfernt rücksichts­
      los Pestizide spritzt und sich nicht um die Gesundheit der Bewohner
      schert und dass der Konzern mit Millionen an Spendengeldern die
      Politik zu seinen Gunsten beeinflusst. Ihre Hoffnung setzten die Bio­
      tech-Gegner in einen schillernden ehemaligen Senator aus Honolulu,
      Gary Hooser. Er wollte im Gemeinderat der Insel die Macht der Kon­
      zerne mit einem neuen Gesetz begrenzen, für das die Gemeinde von

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Landwirtschaft

      Syngenta vor Gericht gezerrt wurde. Am heutigen Wahlabend, es ist
      der 4. November 2014, wird sich zeigen, ob er im siebenköpfigen Rat
      die Macht behalten kann.
           Der Abend hat erst angefangen, die Stimmen sind noch längst
nicht fertig ausgezählt. Es strömen immer mehr Unterstützer zu Car­
valho, als wir seine Wahlparty in Kauais Hauptort Lihue durch die
Hintertür verlassen, um zur nächsten zu gehen. Der Highway 56 ist
gesäumt von Palmen und führt auf einer kurvigen Strasse am Meer
entlang in den Norden, zur Wahlveranstaltung der leidenschaftlichsten
aller Syngenta-Gegner. Noch schöner ist nur der Anblick aus der Luft:
Fliegt man von Hawaiis Hauptinsel Oahu auf Kauai, glaubt man zuerst
an eine Illusion im Pazifik. Kauai ist fast kreisrund mit dem 1598 Meter
hohen Berg Waiʼaleʼale in der Mitte. Vor sechs Millionen Jahren hat
sich Kauai als erste der hawaiianischen Inseln aus dem Meer gestemmt.
An manchen Tagen hängt ein leichter Nebel über dem Gebirge, nur um
sich in wenigen Minuten zu verziehen und den Blick auf eine tropische
Idylle freizugeben. Die hügelige Landschaft ist mit einem Teppich aus
sattem Grün überzogen, dann und wann unterbrochen von rostroten
Flecken. Es wächst Kaffee, Palmen überall, Ananas, Mangos, an man­
chen Stellen stürzen sich Wasserfälle in 900 Meter tiefe Schluchten. Kein
Wunder, nennen die Einheimischen ihre Heimat stolz die Garteninsel.
Trotz der einen Million Besucher, die jedes Jahr auf die Insel strömen,
ist sie noch nicht vom Tourismus überlaufen.
           Auf dem Highway 56 hupen sich die Menschen zu, bald kommen
      wir ganz oben im Norden an. Klippen ragen aus dem Meer, um kurz
      darauf schneeweissem Sand Platz zu machen. Das Meer hier ist sma­
      ragdgrün und wild. Surfer lieben die Gegend. Millionäre auch. Berühmt­
      heiten aus Hollywood wie Bette Midler oder Silicon-Valley-Ikonen wie
      Mark Zuckerberg liessen üppige Villen in die Hänge bauen und schufen
      sich ihr privates Paradies.
           Etwa 250 Menschen haben sich zur Wahlparty der Syngenta-
Gegner in einem grossen weissen Zelt versammelt, Lichterketten leuch­
ten, aus Lautsprechern dringt stimmungsvolle Musik. Ihr Anführer
ist Gary Hooser, ein kleiner Mann mit einem kleinen Bauch und ste­
chenden, blauen Augen. In Honolulu stieg Hooser als Senator rasch zum
Mehrheitsführer auf, erlitt aber beim Versuch, Gouverneur zu wer­
den, eine Niederlage. Hooser ist ein findiger Politiker, der nach seiner
Rückkehr auf die Insel im Gemeinderat viel erreicht hat und im Westen
Kauais mit dem wachsenden Unmut der Bevölkerung über den massi­
ven Pestizideinsatz von Syngenta eine Anti-Gentech-Protestbewegung

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Kein Aloha für Syngenta

aufbaute, die jener Europas Ende der neunziger Jahre glich. Syngenta
und den anderen Biotech-Firmen wurde Hooser zunehmend gefährlich.
          Gerade als er zur Feier stösst, wirft ein Projektor die ersten Wahl­
     resultate auf eine Leinwand. Und sie wirken, als hätte jemand eine
     feuchte Decke über ein Lagerfeuer geworfen. Die Zahlen prognosti­
     zieren einen klaren Sieg für Carvalho und eine ebenso klare Niederlage
     für Hooser.
          Dabei schien alles für die Gegner zu laufen. Nachdem ganze
Schulen nach Pestizid-Einsätzen der Biotech-Konzerne hatten evaku­
iert werden müssen und Mediziner eine ungewöhnliche Häufung von
Geburtsfehlern festgestellt hatten, war die öffentliche Meinung gegen
die Konzerne gekippt. Obwohl sich einige der mächtigsten Politiker
und stärksten Biotech-Unterstützer im Staat in die Lokalpolitik ein­
mischten, schien Hooser mit seiner Bewegung der Favorit der kleinen
Tropeninsel mit ihren 65 000 Bewohnern zu sein.
          An einem Tag Mitte November 2006 bog Matt Snowden, seine
     Haare noch nass vom morgendlichen Surfen, in den Parkplatz der
     Waimea-Canyon-Schule im Westen der Insel ein. Snowden, ein gross
     gewachsener Typ mit einem feinen Gesicht, das spitzbübisch und ernst
     zugleich wirkt, sollte gleich Englisch unterrichten. Er durchquerte den
     Campus, eine Ansammlung von kleinen, weissen Container-Häuschen
     mit blauen, flachen Dächern. Auf halbem Wege zum Klassenzimmer
     blieb Snowden kurz stehen. «Es riecht merkwürdig», dachte er sich,
     wischte den Gedanken aber wieder weg, das war in den letzten Tagen
     öfter vorgekommen. Zwanzig Kinder strömten in das Klassenzim­
     mer, es war heiss und feucht. Snowden drehte sich zur Wandtafel – da
     erwischte es ihn. Er beschrieb das Gefühl den Ermittlern später als
     «mentale Schwäche», als hätte jemand sein Hirn ausgeschaltet. «Ich
     wusste plötzlich nicht mehr, was ich an der Wandtafel wollte», gab er
     zu Protokoll. Der Geruch war stärker geworden. Im Klassenzimmer
     stank es nach Chemie, nach Benzin. «Herr Snowden», rief eine kleine
     Blonde und reckte ihre Hand in die Luft, ihre Augen weit aufgerissen.
     «Herr Snowden, mir ist schlecht.» Snowden schickte sie ins Kranken­
     zimmer, gleich darauf begannen sich weitere Schüler zu beschweren.
     Sie rieben sich die Augen, putzten sich immer wieder die Nase. Die
     kleine Blonde schaffte es nicht bis zum Krankenzimmer und übergab
     sich auf dem Weg dorthin. Auf dem Campus brach Chaos aus. In den
     Armen eines anderen Lehrers sackte eines der Kinder zusammen.
     Kinder und Lehrer rannten in die Bibliothek, den einzigen Raum auf
     dem Campus mit einer Klimaanlage.

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Landwirtschaft

«Es sah aus wie in einem Kriegsgebiet. Die halbe Schule drängte in
die Bibliothek», beschrieb Howard Hurst, ein anderer Lehrer, die Szene.
Er flüchtete mit seinen Schülern auf einen Grashügel am östlichen
Ende des Campus. So weit wie möglich weg von den Feldern hinter der
Schule – den Feldern von Syngenta.
           Immer wieder hatten Hurst und seine Klasse in den vergangenen
     Tagen aus ihrem Zimmer die Traktoren gesehen, wie sie sprühten, und
     sie hatten sie gehört: Tsssssss. Tsssssss. Nun war etwas schiefgegangen,
     daran hatte Hurst keine Zweifel. Zwei Männer von Syngenta eilten auf
     den Campus. Der eine war der Arbeiter, der kurz zuvor das Feld hinter
     der Schule mit einem Unkraut-Killer besprüht hatte. Würde man den
     Zusammenhang zwischen dem Unfall und dem Sprüheinsatz mit Che­
     mikalien beweisen können, wäre er persönlich haftbar. Der Sprüher
     von Syngenta hatte ein paar Pflanzen ausgerissen und streifte nun durch
     den Campus, um sie Kindern und Lehrern unter die Nase zu halten:
     Cleome gynandra, bekannt unter dem Namen «Stinkkraut». Ein Unkraut,
     kaum kontrollierbar, das in einigen Staaten der USA, in Indien und in
     Afrika wächst. «War es das, was ihr gerochen habt?» Die Kinder und
     Lehrer waren sich nicht einig. Kurz darauf informierte die Schulvor­
     steherin die Eltern, «dass ein Unkraut auf der Westseite der Schule
     einige Kinder krank gemacht hat. Wir rotten es aus.» Die Schule blieb
     für den Rest der Woche geschlossen.
           An den Tagen und Wochen danach war Waimea wie verkatert.
Was war passiert? Die Lehrer glaubten keine Sekunde an die Stinkkraut-
Theorie. Und sie waren nicht allein. «Ich glaube nicht, dass das Stink­
kraut war», sagte der Kinderarzt Jim Raelson. «Die Frage ‹Hatten Sie
Kontakt mit Stinkkraut?› gehört nicht mal zu den Top-200-Fragen, die
man stellt, wenn jemand mit den Symptomen dieser Kinder in einer
Praxis auftaucht.» Doch genau das stand als Grund für den Vorfall in
einem dicken Report. Wer ihn lesen will, muss offiziell in Honolulu
einen Antrag stellen, doch viele Sätze sind geschwärzt. Daraus geht
hervor, dass Syngenta am Tag vor dem Vorfall eine Menge Gift gesprüht
hatte. Knapp ein Pfund Atrazin auf einem halben Hektar, deutlich mehr
als beispielsweise in Iowa, dem US-Staat mit den höchsten Pestizid­
grenzwerten. An den Fenstern der Schule, so der Report, wurde zudem
ein viermal höherer Atrazin-Wert gemessen als an anderen Stellen.
Einige Dutzend Kinder erkrankten und mussten nach Hause geschickt
werden. Doch die Ermittler fanden «nicht genügend Beweise, dass
Syngenta Pestizide in einer Art und Weise angewendet hat, die gegen
das Pestizid-Gesetz Hawaiis verstossen».

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Kein Aloha für Syngenta

     Die Zeit verging, in den Klassenzimmern der Waimea-Canyon-Schule
     waren die Traktoren zu hören, wie sie sprühten. Tsssssss. Tsssssss. Und
     bald passierte es wieder. Am Morgen des 25. Januar 2008, über ein Jahr
     nach dem ersten Vorfall, kam Matt Snowden früher als sonst in die
     Schule. «Ich ging in mein Klassenzimmer und riss die Fenster auf und
     roch wieder diesen chemischen Geruch.» Während einer Sportstunde im
     Freien knickten Schüler ein, einige erbrachen. Die Schule wurde eva­
     kuiert, zwölf Kinder und ein Lehrer ins Krankenhaus gebracht. Die
     Ermittler identifizierten die Ursache noch am selben Tag: «Stinkkraut.»
           Nun kochte die Wut über. Es war der Moment, in dem Gary
Hooser die Chance für sein politisches Comeback witterte. Er koordi­
nierte die Biotech-Opposition und entwarf ein Gesetz, welches den
Pestizidgebrauch auf Kauai reduzieren sollte. Syngenta konterte mit
einem Deal: Um das Gesetz zu verhindern, gab der Konzern die Felder
neben der Schule auf. Ein verschmerzbarer Verlust. Schliesslich blie­
ben Syngenta und den anderen Saatgutfirmen im Westen Kauais noch
viele Tausende Hektar Land. Die Konzerne sind um die Jahrtausend­
wende dem Ruf der Regierung und der Grossgrundbesitzer gefolgt, als
der grössten Arbeitgeber der Insel, die Ananas- und Zuckerindustrie,
in den neunziger Jahren untergingen. Die alte Zuckermühle mit ihrem
Turm, der über das Dorf Kekaha ragt, erinnert an die einstige Macht
dieser Industrie. Sogar die Palmen sehen in diesem Teil der Insel ärm­
lich aus, verblasst und gelblich statt satt und grün. Das Gras vor den
Häusern ist nicht wie auf der anderen Inselseite perfekt manikürt, son­
dern mit Erdlöchern gespickt.
           Syngentas unscheinbarer Hauptsitz befindet sich in ein paar
     weissen Containern hinter einem Stahltor am Rande des Highway 50.
     Abgesperrt und mit Videokameras überwacht. NO TRESPASSING
     steht auf einem Schild. Das gilt auch für Journalisten. Doch über einen
     kleinen Landweg, der sich in den Hängen am anderen Ende der Felder
     verbirgt, kann man sich auf das abgesperrte Land stehlen. Die Felder
     lassen nicht erahnen, dass hier Hightech-Produkte wachsen. Vor dem
     Feld 212 steht ein rotes Schild. Eine Fratze in Schwarz hält darauf
     eine Hand hoch. Auf einem kleineren Schild steht gekritzelt, dass hier
     vor gut acht Stunden ein Mix aus Chemikalien gespritzt worden ist.
     Der Mix schützt den Mais vor Schädlingen. Drei, vier Felder weiter
     wächst Babymais unter dem Schutz eines weissen Tuches. Ein winzi­
     ges Feld. Es ist brennend heiss. Noch ein Schild. Dahinter totes, brau­
     nes Gewächs. 48 Stunden lang dürfe man dieses Feld nicht betreten,
     steht in Handschrift unter dem Schild.

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«Atrazin ist wie eine Bombe.»
Landwirtschaft

Als Forscher es geschafft hatten, die Genstruktur von Pflanzen so zu
verändern, dass sie neue Eigenschaften besassen, begann für die gröss­
ten Biotech-Firmen ein goldenes Zeitalter. Pflanzen konnten nun ein
Protein entwickeln, das für Schädlinge giftig war. Wenn beispielsweise
der Maiszünsler, ein brauner Schmetterling, von einem Maiskolben
ass, starb er sofort. Das Protein mit dem Namen Bacillus thuringiensis
gab der Pflanze ihren Namen: Bt-Mais. Auch neue Arten von Pflanzen,
die gegen bestimmte Chemikalien resistent waren, kamen in der Fol­
ge auf den Markt. Bauern konnten damit ihre Saat unbesorgt mit Pes­
tiziden besprühen, und während die Schädlinge vernichtet wurden,
blieben die heranwachsenden Pflanzen unbeschadet. In den USA gibt
es kaum noch ein Mais-, Baumwoll- oder Sojabohnen-Feld, das nicht
mit genetisch veränderten Samen bepflanzt ist. Auch Europa profi­
tiert stark von diesem Boom. Während genetisch veränderte Lebens­
mittel für den menschlichen Konsum noch weitgehend verboten sind,
werden Tiere mit Millionen Tonnen von importierten, genetisch ver­
änderten Lebensmitteln gefüttert. Die meisten dieser Pflanzen stam­
men ursprünglich von den Feldern hinter dem stählernen Zaun am
Highway 50.
           Wir wandern weiter durch die Felder. Zwischen den Pflanzungen
      stehen überall grüne Dixi-Klos, in der Ferne ist ein Traktor zu sehen.
      Nach einer Weile treffen wir auf ein paar Männer, die gelangweilt auf
      Klappstühlen sitzen. Einer erhebt sich, er trägt schlecht sitzende,
      löchrige Jeans und ein rotes T-Shirt. Sein Rücken ist krumm. «Ich bin
      seit sechs Uhr morgens hier. Wenn es dunkel ist, gehe ich wieder»,
      antwortet er auf unsere Frage, was denn sein Job sei. Sein Akzent
      verrät, dass er von den Philippinen stammt. «Ich bin ein Ernteschutz­
      spezialist.» – «Du schaust, dass Vögel den Mais nicht fressen?» Er lacht.
      «Genau. Ich bin eine menschliche Vogelscheuche. So nennen sie uns.»
           Was menschliche Vogelscheuchen nicht vermögen, erledigt
der Unkrautkiller S-Metolachlor. Das Gift ist eine Schweizer Erfindung.
Es wurde von Ciba-Geigy entwickelt, der Firma, aus der die heutige
Syngenta hervorging. Es gibt keinen Ort in der westlichen Welt, an
dem mehr S-Metolachlor gespritzt wird, als von Syngenta auf Kauai.
In Europa ist das Gift verboten, hier ist es Syngentas Lieblingswaffe
gegen Unkraut. 1172 Pfund pro Jahr und Quadratmeile werden durch­
schnittlich eingesetzt, fast doppelt so viel wie auf dem US-Festland. Von
keinem anderen Gift braucht Syngenta mehr. An zweiter Stelle folgt
Atrazin. Ein weiteres hauseigenes Gift, ebenfalls verboten in Europa.
563 Pfund Atrazin pro Quadratmeile sprüht Syngenta pro Jahr. Das ist

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Kein Aloha für Syngenta

mehr als in Iowa, im Mais-Staat Nummer eins der USA, und deutlich
mehr als in der Schweiz je versprüht wurde, als Atrazin dort noch
legal war; das zeigt eine Studie der Universität Lausanne. Sie unter­
suchte zwei Felder im Kanton Zürich, die für ihren hohen Atrazin-
Gehalt bekannt waren. Vergleicht man die Zahlen aus der Lausanner
Studie mit jenen von Kauai, welche durch die US-Behörden ermittelt
und durch die Washington State University erstmals veröffentlicht
wurden, so wird in Kauai bis zu 30 Mal mehr gespritzt.
           Die amerikanischen Farmer lieben Atrazin. «Atrazin ist wie eine
     Bombe», erzählte uns eine Chemikerin, die bei Syngenta und beim deut­
     schen Konkurrenten BASF auf Kauai gearbeitet hat, aber namentlich
     nicht genannt werden möchte. «Es ist ein grossartiges Werkzeug. Aber
     es gibt keinen guten Grund, es so stark einzusetzen, wie das Syngenta
     tut, ausser Faulheit», sagte sie. «Als ich bei BASF gearbeitet habe, dis­
     kutierten wir viel mehr und kritischer darüber, welche Pestizide wir
     wie oft anwenden sollten.» Auch die Einsatzmengen der hochgifti­
     gen und in der Schweiz mittlerweile ebenfalls verbotenen Insektizide
     Chlorpyrifos und Permethrin sind hier 10 Prozent höher, bei letzterem
     sogar 16 Prozent als auf dem Festland.
           Konfrontiert mit den Zahlen aus Washington, besteht Syn­
genta darauf, dass die Firma die «sichere und verantwortungsvolle»
Nutzung von Chemikalien als zentral ansieht. «Weil wir in Hawaii drei
oder vier Ernten pro Jahr pflanzen können, setzen wir sogar weniger
Produkte ein als Farmer auf dem Festland», schrieb Syngenta-Spre­
cherin Savina LaScalea.
           Bei Kauais Bevölkerung häufen sich Berichte über merkwürdige
     Krankheiten. Viele vermuten dahinter den massiven Pestizideinsatz
     der Biotechfirmen. Mütter erzählen von Kindern, die mit blutenden
     Nasen aus dem Schlaf aufwachen, junge Frauen von ungewöhnlichen
     Menstruationsbeschwerden, Männer von plötzlichen Anfällen von
     Erbrechen und Durchfall. Am schwersten aber wiegen die vielen Be­
     richte über schlimme Geburtsfehler. Weil das entsprechende Register
     seit 2005 nicht mehr geführt wird, verabreden wir uns mit Jim Raelson,
     früher Kinderarzt im Spital gleich gegenüber der Waimea-Canyon-
     Schule, heute führt er seine eigene Praxis. Auf dem Rasen vor dem
     Spital stolziert ein besonders schöner Gockel mit glänzenden, schwar­
     zen Federn. Frei herumlaufende Hühner sind auf Kauai überall anzu­
     treffen, sie sind wie andere Wildvögel gesetzlich geschützt.
           Jim Raelson hatte sofort Syngenta und Co. im Verdacht, als er
feststellte, dass etwas nicht stimmte. Er spricht mit einem Bass, sein

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Landwirtschaft

dicker Bart ist weiss, und seine Hände sind im Schoss gefaltet. «Beson­
ders besorgniserregend ist die hohe Anzahl von sehr komplexen, sehr
seltenen Herzdefekten bei der Geburt, die eine Notfalloperation in
Los Angeles oder San Diego erfordert.» Eine dieser Krankheiten: eine
Vertauschung der Lungen- mit der Hauptschlagader. Diese und drei
weitere seltene und schwerwiegende Herzdefekte sind ohne Operation
tödlich. «Als Kinderarzt in einer kleinen, ländlichen Region sollte ich
nicht mehr als einen solcher Defekte alle zehn Jahre sehen. Aber ich
hatte bereits drei Fälle, dann vier. Jedes Mal dachte ich: Was, schon wie­
der einer?» Alleine in den letzten drei Jahren zählte Raelson zehnmal
mehr Fälle der vier tödlichen Herzdefekte bei Neugeborenen, als sie im
landesweiten Durchschnitt vorkommen.
            Im Krankenhaus war Streit ausgebrochen, als ein ehemaliger
      Anwalt eines Syngenta-Konkurrenten die Führung übernahm. Dieser
      ehemalige Anwalt ist nun der Chef der Kinderärztin Mika Snyder und
      zugleich der Grund, wieso sie ihren wahren Namen nicht nennen will.
      Sie befürchtet Strafmassnahmen, wenn sie sich öffentlich äussert, doch
      sie teilt Jim Raelsons Sorgen. Sie begann, eine Liste mit überdurch­
      schnittlich oft auftretenden Geburtsfehlern zu führen: «Anomalien an
      den Ohren, Frühgeburten, Asthma, Nasenbluten, ADD, Autismus, Huf­
      eisennieren, Klumpfüsse, Gastroschisis.» Bevor die Saatgut-Experi­
      mente starteten, waren diese Krankheiten auf Kauai unbekannt, heute
      kenne sie jeder, erzählt uns Alana, eine junge Mutter. Als die heute
      29-Jährige vor fünf Jahren schwanger wurde, kam zuerst die gute Nach­
      richt – ein Mädchen – dann die schlechte: Gastroschisis. Alana erklärt:
      «Die Bauchwand des Embryos war kaputt. Die Innereien befanden sich
      ausserhalb des Körpers in meinem Bauch.» Alana entschuldigt sich
      für ihre Tränen. «Wenn ich die Ultraschallbilder anschaute, sah es fast
      so aus, als würden Korallen um mein Baby schwimmen. Die Bauch­
      wand des Mädchens war offen, und als es in mir heranwuchs, schlüpf­
      ten immer mehr Dinge raus.»
            Sidney Johnson ist ein Chirurg, der solche Fälle auf Oahu,
der Hauptinsel des Archipels, behandelt. Hier, in Hawaiis grösstem
Kinderspital, werden über die Hälfte der Geburten abgewickelt und
alle komplexen Fälle wie Gastroschisis behandelt. Die Krankheitsur­
sachen sind nicht vollständig erforscht. «Wir sind uns ziemlich sicher,
dass Gastroschisis durch Umwelteinflüsse verursacht wird. Das können
Fälle sein, in denen die Mutter raucht oder trinkt oder anderen Giften
ausgesetzt ist. Mittlerweile werden aber auch andere Umweltgifte als
mögliche Ursache für die Krankheit anerkannt.» Alana hatte nie ge­

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Kein Aloha für Syngenta

raucht, nie während der Schwangerschaft getrunken, sogar biologisch
gegessen, sagt sie. Verschiedene Studien, die eine direkte Verbindung
von Atrazin mit Gastroschisis herstellen, stiessen in Kauai natürlich
auf besonderes Interesse; denn während Alanas Tochter mittlerweile
fünf Jahre alt und gesund ist, liegen viele andere Neugeborene mit
derselben Krankheit im Krankenhaus. Auch Johnson besitzt zwar keine
genauen Zahlen, sagt aber, die Anzahl von Gastroschisis-Fällen sei im
Vergleich zu seinem früheren Arbeitsort Boston «unerwartet hoch»; sie
sei unter anderem verursacht durch Umweltgifte wie Pestizide, glaubt
Johnson. Er wagt eine Schätzung: fünfzig Fälle pro 10 000 Geburten.
Das sind über zehnmal mehr als im Rest der USA: Die Statistik der
zuständigen US-Behörde weist bloss 4,5 Fälle auf 10 000 Geburten aus.
           Diese und ähnliche Berichte verbreiteten sich auf der Insel rasch
     und verliehen Gary Hoosers Bewegung Aufschwung. Er erlangte eine
     knappe Mehrheit im Gemeinderat für ein neues Gesetz mit dem Namen
     «Das Recht zu wissen». Dieses sah vor, Syngenta und die anderen
     Saat-Konzerne zur detaillierten Bekanntgabe aller Sprühaktivitäten
     zu zwingen und sie zu verpflichten, bei ihren Sprühaktivitäten min­
     destens 150 Meter Abstand zu Schulen, Strassen und Residenzen zu
     halten. Die Reaktionen auf die Vorlage waren gewaltig. Bei öffentlichen
     Anhörungen im Sommer 2013 stellten sich Hunderte vor dem Gemein­
     deratsgebäude in Kauais Hauptstadt an. Jeder wollte seine Meinung
     kundtun. Irgendwann mussten die Anhörungen in einen grösseren
     Raum verlegt, die Polizei für Eingangskontrollen und Taschendurch­
     suchungen eingesetzt werden. Es erschienen Anwälte der Saatgutfir­
     men, auch deren lokale Mitarbeiter, doch die Unterstützer des neuen
     Gesetzes schienen die Oberhand zu behalten.
           An einem Protestmarsch mit 4000 Teilnehmern im Septem­
ber desselben Jahres erschien einer als Teufel verkleidet, mit einer
schwarzen Robe und einer feuerroten Maske mit der Aufschrift GMO
(genetically modified organism). Die Demonstranten trugen fast alle rote
T-Shirts mit der Aufschrift Pass the Bill («Verabschiedet das Gesetz»).
Es waren die grössten Proteste, die auf der Insel je stattgefunden haben.
Einen Monat später gab es die letzte und längste Anhörung, sie dau­
erte über 18 Stunden. Um 3 Uhr 30 in der Nacht verabschiedete der
Rat das Gesetz.
           Es ist stockdunkel, und wir überqueren eine kleine Brücke, fahren
     durch einen dichten Wald und biegen schliesslich zur letzten Wahlparty
     des heutigen Abends ab. Der Syngenta-Angestellte Arthur Brun kan­
     didiert ebenfalls für den Gemeinderat. Den Ort kann man leicht über­

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Kauais Bevölkerung berichtet von merkwürdigen Krankheiten.
Landwirtschaft

     sehen: eine einfache Holzhüttee mit einem heruntergekommenen Par­
     tyraum. Hier gibt es für Arthur Bruns rund 30 Anhänger Bier aus der
     Kühlbox und chinesische Fertiggerichte aus Alu-Containern. Es ist ein
     Fest für die Westseite der Insel, die vor der Ankunft der Saatgutfir­
     men völlig verarmt war und nicht nur optisch meilenweit entfernt
     ist von den Millionärsvillen im Norden und den Touristenanlagen
     im Süden der Insel. Auf der Holzterrasse und dem Kiesplatz wird ge­
     raucht, drinnen rauscht ein altes Radio, in dem jetzt der Sprecher die
     neuesten Wahlresultate verkündet. Der aktuelle Stand für den 7-köp­
     figen Gemeinderat: «Auf Platz sechs: Arthur Brun.» Carmelita, eine
     Arbeitskollegin und Wahlhelferin Bruns, springt aus dem Stuhl und
     klatscht. Brun verdrückt ein paar Freudentränen. Er ist ein grosser
     Mann mit einem dicken, dunklen Bart. Es sieht gut aus für ihn. Viel
     besser als erwartet. Nur noch eine einzige Auszählung steht an. Sei­
     nen Bossen dürfte es mehr als recht sein, wenn er es in den Gemein­
     derat schafft.
           Es war auch Mark Phillipson zu verdanken, dass Brun auf
die Liste von Syngentas Wahlempfehlungen gesetzt wurde. Mark Phil­
lipson ist Top-Manager bei Syngenta und in Kauai das Gesicht der
Industrie. Unter seiner Führung war erstmals eine solche Liste entstan­
den. Er fährt uns an einem Tag nach der Wahl durch Oahu, Hawaiis
Hauptinsel, zum Verteilzentrum von Syngenta. Eigentlich wollte der
ehemalige Pharma-Manager in Rente gehen, als ihm Syngenta einen
Job anbot. Die Welt hat Hunger. Die Nachfrage nach genetisch opti­
miertem Saatgut wächst und mit ihm Syngentas Präsenz auf der Pazi­
fikinsel. Rund 12 500 Pfund Saat werden jedes Jahr aufs US-Festland
und in die Welt geschifft. Viermal mehr als noch vor wenigen Jahren.
Der Marktwert der Industrie in Hawaii ist seit dem Jahr 2000 um 550
Prozent gewachsen. Auch Phillipson stieg schnell auf. Er war bald nicht
mehr bloss einer der wichtigsten Manager Syngentas, sondern auch
Präsident der Lobby-Gruppierung der Industrie, der Hawaiian Crop
Improvement Association. Mitglieder sind neben Syngenta Monsanto,
Dow, Pioneer und BASF.
           Wir biegen vom Highway ab, der schwarze SUV holpert über eine
     Landstrasse, vorbei an brachliegenden braunen Feldern, am Horizont
     grüne Hügel. Phillipson lässt die Fenster runter. «Da oben siehst du
     die rote Vulkanerde im Kontrast mit den frischen, grünen Guinea-
     Gräsern. Dazwischen siehst du die Farmen. Die gelben Blumenwiesen
     sind Sonnenhanf.» Phillipson parkt den SUV vor einem weissen Con­
     tainer, «unsere brandneue Station, hier kopieren wir die Produkte, so­

                                    18
Kein Aloha für Syngenta

      bald sie für den Markt zugelassen werden.» Phillipson sieht aus wie
      der jüngere Bruder von Papst Ratzinger. Seine Augen liegen in tiefen
      Höhlen, seine Haut ist gräulich, seine Haare weiss. Eine markante, tiefe
      und rundlich geschwungene Denkfalte zieht sich von seiner Nase auf
      die rechte Hälfte seiner Stirn. Er trägt gerne Hawaii-Hemden und Jeans.
      Die Vorfälle von Waimea sind für ihn nicht der Rede wert, schliess­
      lich entlaste der offizielle Bericht Syngenta. Bezüglich der «schreck­
      lichen» Geburtskrankheiten weist er die Verantwortung von sich. «Ich
      bin ein datengetriebener Mensch. Wir haben 7000 Studien, die zeigen,
      dass Atrazin sicher ist. Ich muss mich auf diese Daten verlassen kön­
      nen!» Phillipson wird fast trotzig, wenn er über seine Gegner spricht.
      «Ich kann doch keine Debatte mit Menschen führen, die Wissenschaft
      nicht verstehen.» Wie die Gentech-Gegner glaubt er sich auf einer
      Mission von globaler Wichtigkeit – und zitiert Zahlen der Uno. Wie die
      Bevölkerung bis 2050 auf neun Milliarden anwachsen werde, sich
      der Nahrungsbedarf bis dahin verdoppeln dürfte. Er spricht von den
      Unruhen in Nahost. Er hält sie für «Nahrungskriege».
            «Wir können in Kauai drei-, manchmal viermal im Jahr ern­
ten. In Iowa pflanzen wir im Mai, ernten im September und warten ein
Jahr lang.» Wenn Forscher auf dem Festland eine neue Sorte entwi­
ckelt haben, wird sie hier getestet. «Die pflanzen sie einmal in einem
Treibhaus und schicken uns anschliessend die Samen hierher auf die
Insel», sagt Phillipson.
            Das hat die Erforschung neuer Pflanzen um fast die Hälfte der
      Zeit verkürzt: Statt rund zwölf Jahre dauert es dank der vielen Ern­
      teperioden in Hawaii nur sechs Jahre, bis ein Produkt Marktreife er­
      langt. «Es kostet etwa 140 Millionen Dollar, eine neue Sorte auf den
      Markt zu bringen», sagt Phillipson. Wie gross die Ersparnisse genau
      sind, verraten die Firmen nicht. Ersparnisse, die von Gary Hooser und
      seinem Gesetz bedroht wurden. «Zwei Mitglieder des Gemeinderates
      kamen auf mich zu und sagten mir, dass diese Bewegung abhebt»,
      erinnert sich Mark Phillipson. Er rief die Syngenta-Mitarbeiter zu
      monatlichen Treffen in Town Halls zusammen. «Das war der Start unse­
      rer Grassroots-Kampagne.»
            Carmelita, Mitarbeiterin bei Syngenta und Kollegin von Ge­
meinderatskandidat Arthur Brun, eine kleine, stämmige Frau mit leder­
ner, dunkler Haut, sass an diesen Anlässen in der vordersten Reihe und
erinnert sich: «Wir werden kämpfen», sagte Mark Phillipson auf der
Bühne der Town Halls. Kritiker warfen Syngenta später vor, dass die
Firma ihren Mitarbeitern zu diesen Anlässen Angst eingejagt habe, um

                                     19
Landwirtschaft

sie für den politischen Kampf zu gewinnen. Mark Phillipson bestreitet
das. Doch ob gewollt oder nicht – die Arbeiter seien völlig eingeschüch­
tert gewesen und sicher, dass sie ihre Jobs verlören, wenn das Gesetz
angenommen würde, erzählt Carmelita. «Ich habe die blanke Angst in
ihren Augen gesehen.» An den Town Halls sprachen laut Carmelita Ex­
perten, aber auch Politiker hielten Reden, sogar Bürgermeister Carvalho
sei gekommen, behauptet Carmelita, was dieser wiederum bestreitet.
Nach den ersten dieser Town Hall Meetings tauchten in der Haupt­
stadt Līhuʼe auch Befürworter der Biotech-Firmen auf, viele von ihnen
Syngenta-Mitarbeiter wie Carmelita. Syngenta liess sie in firmeneige­
nen Trucks in die Stadt fahren, gab ihnen blaue T-Shirts und kreierte
damit eine Gegenbewegung zu Gary Hoosers rot gekleideten Aktivisten.
Carmelita versteht die Befürworter des Gesetzes noch heute nicht. Es
werde doch niemand krank hier! «Wir haben ja Mütter, die bei uns arbei­
ten, und die haben Kinder. Die Kinder sind völlig normal, die sind alle
gesund.» Sie selbst seien es auch. Dann überlegt sie kurz und sagt, dass
sie auf den Feldern manchmal Kopfschmerzen bekomme, rasende Kopf­
schmerzen. Manchmal müsse sie erbrechen. «Das ist eben das Stink­
kraut. Es ist fürchterlich.»
            Wir verlassen Bruns Party kurz vor der Bekanntgabe der letzten
      Resultate. Der Wahlabend neigt sich dem Finale zu, es fehlen lediglich
      noch die Stimmen aus dem Norden, der Bastion der Gegner der Saat­
      gutfirmen. Diese könnten Arthur Brun gefährlich werden. Der Einzige,
      der jetzt schon zu den Gewinnern gehört, ist Carvalho. Kein anderer
      Politiker wird in Kauai von den Saatgutfirmen mehr umgarnt. Syn­
      genta vertraute nicht alleine auf die Grassroots-Kampagne. Vor Gericht
      führte Syngenta eine Klage im Namen aller Biotech-Firmen auf Kauai
      an und gewann – es sei nicht Sache der Gemeinde, derartige Entschei­
      dungen zu treffen, sondern Sache des Bundesstaates. Dieses Urteil wird
      derzeit angefochten. Im Kampf um die öffentliche Meinung startete
      Syngenta zudem eine Werbekampagne unter dem Titel Rettet Kauais
      Farmen und erhöhte die Lobbyausgaben um mehr als das Doppelte. Dazu
      kamen Wahlspenden an Politiker: Insgesamt 530 000 Dollar verteilten
      Syngenta und Co., deren Lobbyisten und den Firmen nahestehende
      Landbesitzer in Hawaii gemäss Statistiken des Wahlamtes in den letzten
      vier Jahren. Die Spenden stammen von Organisationen wie der Lobby­
      gruppe CropLife, dem Council for Biotechnology Information, dem
      Hawaii Science & Technology Council – alles Organisationen, bei denen
      Syngenta und die anderen Saatgutfirmen Hawaiis Mitglied sind. Das
      Unternehmen gibt dies offen zu: Syngenta spende an Kandidaten, die

                                    20
Kein Aloha für Syngenta

     ihre Ansichten teilen, schrieb Syngenta-Sprecherin LaScalea in einer
     Stellungnahme. Einer der neuen Wahlkampffonds, ein sogenannter
     SuperPAC, wurde mit rund acht Millionen Dollar gefördert, um Vor­
     lagen wie die in Kauai in anderen Gemeinden Hawaiis zu bekämpfen.
     Die Profiteure waren oft dieselben: die Mitglieder des Parlaments und
     Neil Abercrombie, der Gouverneur Hawaiis.
          Beim Streit um Hoosers Gesetz war nebenbei herausge­
kommen, dass die Saatgutfirmen offenbar versäumt hatten, Steuern
für Pachtland an die Gemeinde zu bezahlen. Eine erste Untersuchung
deckte Versäumnisse von über einer Million Dollar auf. Wohl nur die
Spitze des Eisberges, waren doch bloss wenige kleine Flächen des von
den Firmen gepachteten Landes untersucht worden. Ein bedauerlicher
Fehler sei das, sagten uns Clarence Nishihara, Senator und damals
Vorsitzender des Agrikultur- Komitees, Jimmy Nakatani, Chef der
Agribusiness Development Corporation und Syngenta-Manager Mark
Phillipson, ohne jedoch konkrete Pläne vorzulegen, wie der Fehler
behoben werden soll. Später lehnte Syngenta eine Stellungnahme dazu
gänzlich ab. Auch im Kampf gegen das neue Gesetz selbst schlug sich
der Staat zusammen mit Carvalho auf die Seite der Saatgutfirmen und
torpedierte es mit hastig eingeführten neuen Initiativen. Clarence
Nishihara, Vorsitzender des Agrikultur- Komitees im Staat Hawaii,
forderte so eine Regelung, wonach den Gemeinden Hawaiis jegliche
Macht zur Regulierung von Farmern – und damit der der Saatgutfir­
men – genommen werden sollte. Doch zu diesem Zeitpunkt war die
Öffentlichkeit bereits aufmerksam, die Vorlagen scheiterten. Also rief
Carvalho den Gouverneur Abercrombie zu Hilfe, der daraufhin dafür
sorgte, dass dem neuen Gesetz in Kauai die Schlagkraft genommen
wurde: Abercrombie präsentierte das «Good Neighbor Program», in
dem in Partnerschaft mit den Saatgutfirmen Zahlen zur Nutzung von
Pestiziden veröffentlicht werden sollten – freiwillig. Hoosers Gesetz
hätte die Firmen dazu verpflichtet.
          Kurz darauf gab Carvalho zwei Lobbyisten den Job, auf Bundes­
     staatsebene für die Interessen der Gemeinde zu kämpfen. Zuvor hatten
     beide für Syngenta gearbeitet: Der Job war der gleiche. Die Aktivisten
     tobten. Doch für Carvalho war der Weg geebnet, um das Gesetz mit ei­
     nem seiner stärksten Mittel anzugreifen: dem ersten Veto seiner Kar­
     riere. Jetzt stellten die Aktivisten den Bürgermeister zur Rede.
          Nur einen Katzensprung vom Ort seiner heutigen Wahlparty
entfernt schritt Carvalho vor Jahresfrist die Treppe von seinem Büro
in den runden Innenhof des majestätischen Regierungssitzes hinunter.

                                    21

«Wir haben 7000 Studien, die zeigen, dass Atrazin sicher ist.»
Landwirtschaft

«Sie haben es wieder getan!», schrie ein wütender Bürger. Wieder hatte
sich die Politik auf die Seite der Saatgutfirmen geschlagen. Eine Menge
hatte sich versammelt. Buh-Rufe erfüllten den Innenhof. Auch der Teu­
fel in der schwarzen Robe und der GMO-Maske war gekommen. «Lasst
uns reden», rief der Bürgermeister. «Mir tut es wirklich leid», versuchte
Carvalho zu sagen. «Nein, tut es dir nicht», unterbrach ihn einer der
aufgebrachten Bürger. Carvalho streckte beide Arme von sich und bat
um Ruhe. «Lasst uns reden!», rief er immer wieder. «Du bist im Sack
der Konzerne!» – «Ihr könnt euch lustig machen, ihr könnt mich nen­
nen, wie immer ihr wollt. Ich bin mit euch marschiert. Ich habe stun­
denlangen Diskussionen zugehört. Ich habe mit der Wissenschaftsseite
geredet, ich …» Die Masse wurde unruhiger, rief immer wieder dazwi­
schen. Einige hielten ihre Smartphones in die Höhe wie Waffen, bis
heute dokumentiert ein Youtube-Video die Szene: «Ich habe mit den
Ärzten gesprochen», sagte Carvalho. Einer der Zuhörer lachte. «Ich habe
es vor allem mit meinem Herzen und meiner Seele angeschaut.» Jetzt
prustete einer, direkt neben dem Bürgermeister, worauf sich dieser
wutentbrannt umdrehte: «Ich bin ein Bewohner dieser Insel!» Und
schreiend: «Geboren und aufgewachsen hier!» Carvalho verlor nur kurz
die Fassung. Er betonte, dass er mit dem Gesetz einverstanden sei, aber
dass es doch rechtliche Schwächen aufweise und für die Gemeinde zu
gross sei. Dass er aber dasselbe wolle wie sie. «Shibai», sagte eine leise
Stimme. Hawaiianisch für einen, der doppelzüngig redet, etwas vor­
spielt. «Shibai!», riefen andere nun lauter. «Das Gesetz war unsere ein­
zige Hoffnung. Und du hast alles zerstört!», rief jemand. Es wurde augen­
blicklich still. Hina, eine Mutter aus Waimea, eine junge, kleine Frau,
lange schwarze Haare, runde Figur, trat näher an den Bürgermeister
heran. «Wie lange noch müssen meine Kinder leiden? Meine Neffen
und Nichten wachen nachts mit Blut auf ihren Kissen auf. Mein Sohn
hat Anfälle. Wir haben ein kleines Mädchen auf der Westseite, dem
gerade Krebs diagnostiziert wurde.» Sie zitterte und wischte sich mit
ihrem Hemd die Tränen aus dem Gesicht. «Wie lange noch?»
            Das alles ist nun fast genau ein Jahr her. Die Shibai-Rufe sind nur
      noch eine weit entfernte Erinnerung. Heute Abend schwingt Carvalho
      seine Hüften zu Twisting the Night Away und feiert seinen Wahlsieg:
      Er ist mit riesigem Vorsprung wiedergewählt worden. Doch der wahre
      Sieger heisst Syngenta. Die letzten, aus dem Norden eintreffenden
      Stimmen haben am Endresultat nicht mehr viel geändert. Gary Hooser
      hat es zwar noch in den Rat geschafft, im Gegensatz zu Syngenta-
      Mann Arthur Brun. Carvalho steht jetzt ein Gemeinderat zur Seite,

                                      22
Kein Aloha für Syngenta

     in dem die Unterstützer der Saatgutfirmen die neue Mehrheit bilden.
     4:3 zugunsten der Biotech-Industrie. Der Fotograf schiesst die ersten
     Bilder. Carvalho hat auch als Bürgermeister noch die Figur des Football-
     Spielers, der er in der Schule war. Gross, breite Schultern, jetzt bloss
     mit ein paar zusätzlichen Kilos auf den Hüften. Vor lauter Aufregung
     wirkt er wie ein Kind. Carvalho, im feinen, türkisfarbenen Hemd und
     mit einem übergrossen Kranz gelber Blumen um den Hals, bückt sich
     zu seinem Vater, der verlegen lächelt. Das Bild wird am nächsten Tag
     auf der Frontseite der lokalen Zeitung unter den Worten «Carvalho
     gewinnt» zu sehen sein. «Die wollten den Topf aufmischen. Und ich
     mag das nicht», diktiert Carvalho mit durchgestrecktem Rücken einem
     Journalisten ins Aufnahmegerät. «Das darf nicht sein auf Hawaii. Der
     Geist von Aloha erfreut sich bester Gesundheit!»

Die Schweizer Reporter Michaël Jarjour (Jahrgang 1984) und Julie Zaugg
(1979) interessieren sich für Wirtschaft, Politik und seltsame Menschen.
Beide leben und arbeiten in den USA.

Mehr zum Thema Landwirtschaft finden Sie in Reportagen #5, AML.
230849-012-G, Afrika kaufen oder 200% Bio (#14).

                                        23
TRADITIONELLE ZUCHT VON NUTZPFLANZEN
                               STAMMBAUM DES WEIZENS                                      MENDELSCHE VERERBUNGSLEHRE
      Wildgras [AA]                        AABB                       Wildgras [BB]       Der Augustinermönch Gregor Johann
                                                                                          Mendel entdeckte im 19. Jahrhundert,
  Wildes Einkorn [AA]             Wilder Emmer [AABB]                                     dass sich die körperlichen Eigen-
                                                                                          schaften von Tieren und Pflanzen ent-
                                                                                          sprechend einfachen Regeln vererben.
                                                                                          Obwohl Mendel noch nichts von der
                                                                                          Existenz der Chromosomen wissen
                                                                                          konnte, gelang ihm dieser Beleg
                                                                                          alleine durch Beobachtung – und viel
                                                                                          Zeit. Mendels Entdeckung ist heute
                                                                                          noch Grundlage für die Pflanzen-
                                                                                          und Tierzucht.
                                                                                          SELEKTIONSZÜCHTUNG
                                                                    Wildgras [DD]
       Einkorn [AA]                Vor ca. 10 000 Jahren                                  Je nach Zuchtziel werden unge-
                                      Emmer [AABB]                       AABBDD           eignete Pflanzen aussortiert und die
                                                                  Vor ca. 8000 Jahren.    verblieben vermehrt. Möglich ist
                                                                  Das D-Genom «bildet»
                                                                  Gluten und ermöglicht   auch die Kombination von Pflanzen,
                                                                    die Backfähigkeit.    um das Zuchtziel zu erreichen.
                                                                   Dinkel [AABBDD]
                                                                                          KOMBINATIONSZÜCHTUNG
                                                                                          Durch die Kreuzung verschiedener
                                                                                          Genotypen oder Linien entsteht ein
                                                                                          neuer Genotyp. Spätestens nach einer
                                                                                          Generation spalten die Kreuzungen
                                                                                          wieder auf; Erhaltungszüchtungen
                                                                                          sind deshalb notwendig.
                                   Hartweizen [AABB]
                                                                                          HYBRIDZÜCHTUNG
                                                                                          Durch Inzucht aus gemischterbigen
                                                                                          Pflanzen werden jeweils zwei rein-
                                                                Weichweizen [AABBDD]      erbige Elternteile erzeugt. Bei der
                                                                                          ersten Nachwuchsgeneration werden
                                                                                          die Eigenschaften vermischt, der
                                                                                          Nachwuchs ist gemischterbig. Dies
                                                                                          führt bei Nutzpflanzen zu einer
                                                                                          Leistungssteigerung gegenüber den
                                                                                          Eltern, da meist die vorteilhaftere
     Diploid [AA] 2n=14
                                                                                          Gen-Variante aktiv wird.
Menschliche Zellen enthalten
   46 Chromosomen, je zur                                                                 Wegen zu starker Vermischung des
                                 Tetraploid [AABB] 2n=28
Hälfte von Vater und Mutter                                                               Erbguts geht die Leistungssteigerung
 (2n=46). Bei den Urformen         Durch die Verdoppelung
   des Weizens besteht der      der Chromosomen erhöht sich                               bei späteren Generationen jedoch
    Chromosomensatz aus           die Leistungsfähigkeit der                              verloren. Das zwingt Bauern, jedes
  14 Chromosomen (2n=14).                  Pflanze.            Hexaploid [AABBDD] 2n=42
                                                                                          Jahr neues Saatgut zu kaufen.

           VON DER WILDFORM (TEOSINTEN) ZUM MODERNEN MAIS                                 MUTATIONSZÜCHTUNG
                                                                                          Werden Samen beispielsweise mit
                                                                                          Röntgen- oder Neutronenstrahlen
                                                                                          beschossen, entstehen durch gene-
                                                                                          tische Mutation neue Eigenschaften.
                                                                                          Nach dieser Behandlung weisen die
                                                                                          meisten Samen Defekte auf. Nur
                                                                                          ein Bruchteil dieser Mutanten ist für
                                                                                          die Weiterzucht geeignet. In einem
                                                                                          zweiten Schritt werden ihre positiven
                                                                                          Eigenschaften mit nicht mutierten
                                                                                          Pflanzen in eine neue Nutzpflanze
                                                                                          überführt.
GENTECHNISCHE ZUCHT VON NUTZPFLANZEN
      Die DNA aller Lebewesen besteht aus identischen chemischen Bausteinen, die in einer bestimmten Kombinationen
      immer dieselbe Funktion haben. Deshalb ist Gentransfer zwischen verschiedenen Organismen möglich und interessant.
      1 Suchen des Gens mit den gewünschten Eigenschaften («mapping»)
      2 Vermehrung des Gens mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR)
      3 Übertragen des Gens in die Zielpflanze, dafür wird eines dieser drei Verfahren angewandt:
      A Genkanone: Kleinste Goldpartikel werden mit DNA beschichtet und auf Pflanzenmaterial geschossen. Bei
        Zufallstreffern wird die DNA in das Genom der Pflanze eingebaut. Geeignet für Getreide wie Mais oder Gerste.
      B Das bodenlebende Bakterium Agrobacterium tumefaciens kann Teile seiner DNA in Pflanzen einschleusen. Bei der
        betroffenen Pflanze führt das zu Wucherungen, in denen Nährstoffe für das Bakterium produziert werden.

                                                                                                 Chromosomale DNA

                                                       T-DNA          Chromosomale DNA                           T-DNA

                                                                                —>                            —>
                                                                                                                                          Wucherung
                                                          Ti-Plasmid (ausser-                                                             (Galle)
                                                          chromosomale DNA)

                                         Agrobacterium tumefaciens                Transformierte Pflanzenzelle

                                                Eingesetzte DNA
                                                                                                                 Eingesetzte DNA

                    Im Labor           —>                                       —>                               —>
                                                                                                                             Aus den transgenen
                                                                                                                         Pflanzenzellen werden neue
                                                                                                                              Setzlinge gezogen

          In der Gentechnik wird dieser natürliche Vorgang zur gezielten Übertragung von Genmaterial genutzt.
          Geeignet für Kartoffeln, Raps, Soja, Tabak und Getreide, unter anderem Reis.
      C Protoplastenfusion: Zwei vorbehandelte Pflanzenzellen werden durch elektrische oder chemische Stimulation
        zur Verschmelzung gebracht. Es entstehen Hybrid-Kreuzungen von Organismen, die eigentlich nicht kreuzbar sind,
        zum Beispiel der «Tomoffel», ein Hybrid aus Tomate und Kartoffel.
      4 Nach der Selektion der Zellen mit erfolgreichem Gentransfer, werden daraus neue Pflanzen gezogen

      ERTRAGSSTEIGERUNG DURCH OPTIMIERTE NUTZPFLANZEN
      MAISERTRAG IN DEN USA, IN TONNEN PRO HEKTAR                               ERNÄHRTE PERSON PRO HEKTAR ACKERLAND GLOBAL

12t                                                                                                                       4.5                      5.6
10t
8t                                                                                  2.3                          3.3
6t                         1                                      4
4t                                 3
2t              2
      1920   1930   1940   1950   1960   1970   1980    1990 2000 2010               1960              1980                2000             2020
      1   «Grüne Revolution»                                                    GLEICHZEITIGES WACHSTUM DER WELTBEVÖLKERUNG
      2   Einführung von Hybridzüchtungen                                          3 MRD.          4.4 MRD.              6.0 MRD.        7.5 MRD.
      3   Verbesserte Hybride
      4   «Biotechnische Revolution»
          Durchbruch bei gentechnisch verändertem Saatgut
DIE SAATGUT-INDUSTRIE
      GLOBALER MARKT FÜR SAATGUT IN MRD. USD                                 DIE GROSSEN VIER
45
40
35
30                                                                           Entstanden 2000 aus der Fusion der Agrarsparten von
25                                                                           Novartis und AstraZeneca.
                                                                             TÄTIG IN DEN BEREICHEN: Herbizide, Pestizide, Insektizide,
20
                                                                             Saatgut, Saatgutbehandlung und Produkte für Haus und
 15
                                                                             Garten.
 10
                                                                             GESCHÄFTSSITZ: Basel
 5
                                                                             MITARBEITER: über 28 000 in 90 Ländern
 0                                                                           UMSATZ 2013: 14,7 Milliarden USD
      Konventionell gezüchtetes Saatgut Gentechnisch modifiziertes Saatgut   F&E-INVESTITIONEN 2013: 1,4 Milliarden USD
       2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012
      Die Umsätze im Handel mit Saatgut haben sich innerhalb
      von nur 10 Jahren auf 42 Mrd. USD verdreifacht.
                                                                             Gegründet 1901 als Chemiekonzern, 2002 Auslagerung
      GLOBALE ANBAUFLÄCHEN 2012, IN MIO. HEKTAR                              der landwirtschaftlichen Geschäftsteile in die Tochter-
                                                                             gesellschaft Monsanto
               SOYA                                                          TÄTIG IN DEN BEREICHEN: Saatgut, Saatgutbehandlung und
80
                                      MAIS                                   Herbizide
                                                                             GESCHÄFTSSITZ: St. Louis, USA
60                                                     BAUM-
                                                       WOLLE                 MITARBEITER: über 21 000
40                                                                           UMSATZ 2013: 14,5 Milliarden USD
                                                                  RAPS       F&E-INVESTITIONEN 2013: 1,5 Milliarden USD
20

 0
      81%                       35%                   81%        30%
      Anteil von gentechnisch modifiziertem Saatgut                          Gegründet 1897 zur Herstellung von Bromiden und
                                                                             Bleichmitteln
      GLOBALE ANBAUFLÄCHEN VON GENTECHNISCH                                  TÄTIG IN DEN BEREICHEN: Mischkonzern, u. a. Herbizide,
      VERÄNDERTEN NUTZPFLANZEN, IN MIO. HEKTAR                               Insektizide, Fungizide, genetisch modifizierte
                                                                             Nutzpflanzen und Samen, Materialien für Autoindustrie,
175
                                                                             Bauwesen, Pharmaindustrie
150                                                                          GESCHÄFTSSITZ: Midland, USA
125                                                                          MITARBEITER: über 52 000
                                                                             UMSATZ 2013: 57 Milliarden USD
100
                                                                             F&E-INVESTITIONEN 2013: keine Angaben
75

50

25

 0                                                                           Gegründet 1802 zur Produktion von Sprengstoff. Die
      USA Argentinien Brasilien Kanada China Indien Übrige Länder            Firma lieferte mehr als die Hälfte des Sprengstoffbedarfs
       2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012                     der Unionsarmee im US-Bürgerkrieg. Erweiterung auf
      Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen wurden 2012 auf                   Zellulose-Chemie, Lacke und Kunststoffe (zum Beispiel
      ungefähr 11% des globalen Ackerlands angebaut.                         erste erfolgreiche Synthetisierung von Polyester).
                                                                             1999 wurde das bis dahin weltweit grösste Saatgutunter-
                                                                             nehmen Pioneer Hi-Bred übernommen.
      FOOD FACTS                                                             TÄTIG IN DEN BEREICHEN: Mischkonzern, u. a. Saatgut und
      Nur 10% der essbaren Gentech-Pflanzen landen auf                       Herbizide, aber auch Kunst- und Sprengstoffe.
      dem Teller. Der Rest wird verfüttert oder raffiniert.                  GESCHÄFTSSITZ: Wilmington, USA
                                                                             MITARBEITER: über 58 000
      Noch immer werden 72% der Nahrungsmittel von                           UMSATZ 2013: 15 Milliarden USD
      Kleinbauern in Handarbeit oder mit Hilfe von Tieren                    F&E-INVESTITIONEN 2013: 2,2 Milliarden USD
      produziert.
      Spekulation treibt den Maispreis hoch: Im Jahr 2013
                                                                             Quellen: USDA, NASS, Syngenta
      wurden in den USA rund 300 Mio. Tonnen Mais angebaut.                  Recherche: Claude Fankhauser, Sandra Wenger
      Gehandelt wurde aber mit dem 23-Fachen dieser Menge.                   Grafik: Moiré und Claudia Blum
SAATGUTBEHANDLUNG
           VON SYNGENTA AMERIKA EMPFOHLENE STANDARDBEHANDLUNG VON MAIS

   NK Mais Samen Foundation Acre Corn                          Peak                                    Voliam Xpress
    BT-Saatgut    Primextra II                                 Herbizid                                Herbizid
                                                               Zulassung: EU: Ja / CH: Nein            Zulassung: EU: Nein / CH: Nein
Cruiser Maxx Corn Herbizid
Insektizid / Fungizid
                             Zulassung: EU: Nein / CH: Nein           Callisto                                         Quilt
Zulassung: EU: Ja / CH: Ja   OR Lumax EZ                              Herbizid                                         Fungizid
                             Herbizid                                 Zulassung: EU: Ja / CH: Ja                       Zulassung: EU: Ja
                             Zulassung: EU: Nein / CH: Nein                                                            CH: Nein
                                                                      Touchdown Total
                                                                      Herbizid, Wirkstoff Glyphosat,
                                                                      wie bei Roundup v. Monsanto
                                                                      Zulassung: EU: Ja / CH: Nein

                                                                                 Quilt
                                                                                 Fungizid
                                                                                 Zulassung: EU: Ja
                                                                                 CH: Nein

               SAMEN                                                                                                                       AUSGEREIFT
           Um Resistenzen zu verhindern, werden verschiedene Pestizide mit unterschiedlichen Wirkstoffen eingesetzt. Neue
           Pflanzenschutzmittel zu entwickeln, wird aber immer schwieriger: Syngenta beziffert die Kosten bis zur Marktein-
           führung eines neuen Herbizids mit 260 Mio. USD und einer Entwicklungszeit von rund neun Jahren.

           VON SYNGENTA IN KAUAI AUSGEBRACHTE PESTIZIDE, IN KG/KM2
          ATRAZIN                                                                        CHLORPYRIFOS
          USA 2010                                                          862          USA 2010                                                   712
          Kauai 2014                                                        730          Kauai 2014                                                 780
          Rorbach 1999                                                       43
          Mönchaltdorf 1999                                                  25          HANDELSNAMEN:   Lorsban (Dow Chemical) WIRKUNG:
                                                                                         Kontakt-, Frass- und Atemgiftwirkung auf das Nervensys-
          HANDELSNAMEN:   Weedex, Aatrex, Gesaprim (alle Syngenta)                       tem der Insekten. GIFTIGKEIT: Max. 0.01 mg pro Kilogramm
          WIRKUNG:  Hemmt die Photosynthese von Pflanzen                                 Körpergewicht und Tag gelten als ungiftig. Bei Kindern,
          GIFTIGKEIT: Weitgehend ungiftig für Vögel, Nützlinge und                       die im Mutterleib der Substanz ausgesetzt waren, wurden
          Bodenlebewesen. Reizungen der Haut, der Augen und der                          Veränderungen des Grosshirns festgestellt. Chlorpyrifos
          Atemwege sind vereinzelt beim Menschen beobachtet                              gilt als gefährlich für Bienen und andere Nützlinge.
          worden.                                                                        ZULASSUNG: Zulassung in der EU als Pflanzenschutz-
          ZULASSUNG: In der Schweiz und der EU verboten, in den                          mittel, auch in der Schweiz im Einsatz – unter anderem
          USA erlaubt.                                                                   in Herbiziden für den Hobby-Gärtner.
          Die Zahlen von Mönchaltdorf und Rorbach stammen aus einer Studie               PERMETHRIN
          von 1999. In dieser wurden Schweizer Gebiete untersucht, wo grössere
          Mengen Atrazin eingesetzt wurden.                                              USA 2010                                                   107

          S-METOLACHLOR                                                                  Kauai 2014                                                 124

          USA 2010                                                        978            HANDELSNAMEN:   Warrior, Besiege (alle Syngenta)
          Kauai 2014                                                      1516           WIRKUNG:  Kontakt und Frassgiftwirkung auf das Nerven-
                                                                                         system der Insekten.
          HANDELSNAMEN:   Force 3G, Mustang (alle Syngenta)                              GIFTIGKEIT: Für Warmblüter nur bedingt toxisch; die US-
          WIRKUNG:  In Kombination mit Atrazin hemmt Metolachlor                         Umweltbehörde EPA hat Permethrin aber als «möglicher-
          die Bildung von Wachstumshormonen bei Unkräutern.                              weise krebserregend» eingestuft. Stark toxisch für Fische
          GIFTIGKEIT: Sehr giftig für Wasserorganismen.                                  und Bienen – allerdings scheinen diese Permethrin im
          ZULASSUNG: Eines der in den USA am häufigsten einge-                           Freiland zu meiden.
          setzten Herbizide. Bis 2015 in der EU noch zugelassen;                         ZULASSUNG: In Deutschland, Österreich und der Schweiz
          in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland in                            nicht mehr als Pflanzenschutzmittel zugelassen. Restbe-
          keinem zugelassenen Herbizid enthalten.                                        stände dürfen in der Schweiz noch aufgebraucht werden.
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