Ältere Menschen und ihre Nutzung des Internets. Folgerungen für die Corona-Krise
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DZA-Fact Sheet
Ältere Menschen und ihre Nutzung des Internets.
Folgerungen für die Corona-Krise
Cordula Endter, Christine Hagen und Frank Berner
08. April 2020
Problemaufriss
Um die Ausbreitung der Corona-Pande- nerinnen und Bewohner direkten Kon-
mie zu verlangsamen, haben der Bund takt nur noch zum Pflege- und Betreu-
und die Bundesländer Maßnahmen er- ungspersonal.
griffen, die dazu führen sollen, dass in
In dieser Situation ist es gerade für äl-
der Bevölkerung deutlich weniger un-
tere Menschen wichtig, alternative
mittelbare soziale Kontakte und direkte
Wege der Kommunikation mit Angehö-
soziale Interaktionen stattfinden. Viele
rigen, Freundinnen und Freunde, Nach-
Läden, Restaurants und Cafés müssen
barinnen und Nachbarn, aber auch
geschlossen bleiben, viele Dienstleis-
etwa mit Versorgungseinrichtungen,
tungen werden nicht mehr angeboten,
Arztpraxen und Lieferdiensten zu ha-
Veranstaltungen finden nicht statt. Im
ben. Hierbei spielen digitale Technolo-
öffentlichen Raum sollen die Menschen
gien eine wichtige Rolle: Sie bieten äl-
untereinander nach Möglichkeit einen
teren Menschen die Möglichkeit, sich
Mindestabstand von 1,5 Metern einhal-
im Internet über aktuelle Entwicklungen
ten. Weiterhin wird dringend empfohlen,
in der Krise, über Empfehlungen zu
die eigene Wohnung möglichst wenig
Verhaltensweisen oder die Erreichbar-
zu verlassen. Insbesondere alte Men-
keit beispielsweise von Gesundheits-
schen werden dazu aufgerufen, sich an
diensten und Behörden zu informieren.
diese Empfehlung zu halten, um das
Über Messenger-Dienste und Videote-
Risiko, sich mit dem Corona-Virus zu
lefonie kann sozialer Kontakt mit Fami-
infizieren, so gering wie möglich zu hal-
lienangehörigen und Freundinnen und
ten. Aus diesem Grund wird jüngeren
Freunden aufrechterhalten und auch
Menschen auch davon abgeraten, ihre
die Hausärztin oder der Hausarzt kon-
älteren Angehörigen zu besuchen.
taktiert werden. Es stellt sich jedoch die
Manche stationären Pflegeeinrichtun-
Frage, wie viele und welche älteren
gen haben ein Besuchs- und Ausgeh-
Menschen Zugang zum Internet haben,
verbot erlassen, dort haben die Bewoh-
einen PC oder ein mobiles Endgerät
besitzen und digitale Angebote nutzen.2 Ältere Menschen und ihre Nutzung des Internets. Folgerungen für die Corona-Krise
Um besser einschätzen zu können, wie Menschen haben die Erfahrung und die
„digitalisiert“ ältere Menschen in Kompetenzen, um die digitalen Mög-
Deutschland sind, gibt dieser Beitrag ei- lichkeiten zu nutzen? Dazu wird im ers-
nen Überblick über vorliegende For- ten Teil die technische Ausstattung und
schungsergebnisse über Zugang zum Nutzung digitaler Technologien durch
Internet und dessen Nutzung durch äl- ältere Menschen in privaten Haushalten
tere Menschen. Folgende Fragen ste- dargelegt, bevor im zweiten Teil auf die
hen im Mittelpunkt: Welche Gruppen besondere Situation in stationären Ein-
von älteren Menschen verfügen über richtungen eingegangen wird.
Zugang zum Internet und entsprechen-
der digitaler Technik? Wie viele ältere
Befunde
Im Folgenden geben wir einen Über- teilnehmenden Personen werden um-
blick über Befunde zum Thema Digitali- fassend zu ihrer Lebenssituation be-
sierung und Nutzung des Internets. fragt, unter anderem zu ihrer Erwerbs-
Hierbei greifen wir insbesondere auf tätigkeit oder ihrem Leben im Ruhe-
Auswertungen des Deutschen Alters- stand, zu gesellschaftlicher Teilhabe
surveys (DEAS) zurück. Der DEAS ist und Ehrenamt, zu Einkommen und Ver-
eine bundesweit repräsentative Lang- mögen, zu sozialer Integration und Ein-
zeituntersuchung von Personen, die samkeit sowie zu Gesundheit, Gesund-
sich in der zweiten Lebenshälfte befin- heitsverhalten und Lebenszufriedenheit
den (d. h. 40 Jahre und älter sind). Die (siehe u. a. Vogel u.a. 2019).
Zugang zum Internet und Nutzung von digitalen Technologien in
Privathaushalten
Huxhold und Otte (2019) zeigen mit Da- und der jüngsten hier untersuchten Al-
ten aus dem Deutschen Alterssurvey, tersgruppe mit deutlich über 50 Pro-
dass seit 2002 der Anteil der Personen zentpunkten weiterhin groß.
mit Internetzugang in allen von ihnen
Die Abbildung 1 zeigt außerdem, dass
differenzierten Altersgruppen zwischen
im Jahr 2017 der Zugang zum Internet
43 und 84 Jahren deutlich angestiegen
bei Menschen in der Lebensphase rund
ist (Abbildung 1). Der Anteil der Men-
um den Eintritt in den Ruhestand recht
schen mit Internetzugang hat sich bei
verbreitet ist: Über 80 Prozent der 67-
Menschen im mittleren Erwachsenenal-
bis 72-Jährigen haben Zugang zum In-
ter von 2002 bis 2017 fast verdoppelt.
ternet. Von den Menschen ab einem Al-
In der ältesten Altersgruppe (79-84
ter von 73 Jahren hat jedoch ein we-
Jahre) fällt der Zuwachs sogar noch
sentlich kleinerer Anteil einen Internet-
stärker aus, in dieser Gruppe stieg der
zugang, eine entscheidende Vorausset-
Anteil von 1,3 Prozent im Jahr 2002 auf
zung zur Nutzung vieler digitaler
39,4 Prozent im Jahr 2017. Dennoch ist
Dienste ist bei diesen Menschen des-
der Unterschied zwischen der ältesten
halb nicht gegeben.Ältere Menschen und ihre Nutzung des Internets. Folgerungen für die Corona-Krise 3
Abbildung 1:Anteil der Personen im Alter von 43-84 Jahren, die Zugang zum Internet
haben, in den Jahren 2002-2017, nach Alter (in Prozent)
2002 2008 2011 2014 2017
100
80
60
Prozent
96 97 95 97
91 90 94 89
84 85
40 75 79 80 81
67 70 71
64
56
50 51 51
45
20 39
34 33
28 27
17 17 19
9 6 9
0 1
43-48 49-54 55-60 61-66 67-72 73-78 79-84
Jahre Jahre Jahre Jahre Jahre Jahre Jahre
Quelle: Huxhold und Otte (2019) Datengrundlage: DEAS 2002-2017, gewichtet, (n2002= 4247, n2008= 5488, n2011=
3770, n2014= 7278, n2017= 5246). Die Altersgruppen sind so gewählt, dass jeweils sechs Geburtsjahrgänge zusam-
mengefasst werden (bei der Altersgruppe 79-84 Jahren sind dies bei der Datenerhebung 2002 die Geburtsjahrgänge
1918-1923, bei der Datenerhebung 2008 die Geburtsjahrgänge 1914-1929 etc.). Damit wird erreicht, dass über die Da-
tenerhebungen hinweg Personen aus nicht überlappenden Geburtsjahrgängen miteinander verglichen werden. Dadurch
sind Veränderungen zwischen Datenerhebungen als Kohortenunterschiede interpretierbar.
Aber nicht nur zwischen älteren und haben Personen mit niedriger Bildung
jüngeren Menschen gibt es Unter- zu einem wesentlich geringeren Anteil
schiede hinsichtlich des Internetzu- Zugang zum Internet als Personen mit
gangs und den damit verbundenen digi- hoher Bildung. Während der Bildungs-
talen Möglichkeiten, sondern auch in- unterschied beim Zugang zum Internet
nerhalb der Gruppe der älteren Men- im Jahr 2002 in allen Altersgruppen
schen gibt es diesbezüglich große Dif- gravierend war, hat er sich bis zum
ferenzen. Ältere Menschen mit vielen Jahr 2017 in den jüngeren Altersgrup-
Ressourcen nutzen digitale Technik pen deutlich verringert. In den höheren
deutlich häufiger und kompetenter als Altersgruppen, etwa ab 67 Jahren, sind
Menschen mit wenigen Ressourcen. die Unterschiede nach dem Bildungs-
Die Daten des DEAS zeigen, dass der stand allerdings nach wie vor sehr
Bildungshintergrund eine entschei- groß.
dende Rolle spielt: In allen in Abbil-
dung 2 unterschiedenen Altersgruppen4 Ältere Menschen und ihre Nutzung des Internets. Folgerungen für die Corona-Krise
Abbildung 2:Anteil der Personen im Alter von 43-84 Jahren, die Zugang zum Internet
haben, in den Jahren 2002 und 2017, nach Altersgruppen und Bildung (in
Prozent)
Niedrige Bildung Mittlere Bildung Hohe Bildung
2002 2017
100
80
60
Prozent
96100 94 96100 92
98
93 95
88 85 87
40 82 80
77 76
68 66
60 55 59
50
45
20 40 40
25 30 27
20 23
17 14
12 12
0 4 3 8 2 5 1 4
79-84
Jahre
73-78
Jahre
67-72
Jahre
61-66
Jahre
55-60
Jahre
49-54
Jahre
43-48
Jahre
79-84
Jahre
73-78
Jahre
67-72
Jahre
61-66
Jahre
55-60
Jahre
49-54
Jahre
43-48
Jahre
2002 2017
Quelle: Huxhold und Otte (2019). DEAS 2002, DEAS 2017, gewichtet, (n2002= 4247, n2017= 5246)
Beim Zugang zum Internet zeigen sich und verfügen im Alter über weniger fi-
deutliche Unterschiede zwischen den nanzielle Ressourcen als gleichaltrige
Geschlechtern: So haben ältere Frauen Männer (Frommert u.a. 2019).
zwar in den zurückliegenden zehn Jah-
Besondere Benachteiligungen beim In-
ren zunehmend mehr das Internet ge-
ternetzugang sowie bei der Nutzung
nutzt, dennoch sind von den über 80-
gelten für ältere Migrantinnen und Mig-
Jährigen, die das Internet nutzen, der-
ranten, da bei ihnen der Anteil von Per-
zeit nur knapp 40 Prozent Frauen, ob-
sonen mit einem niedrigen sozioökono-
wohl sie in dieser Altersgruppe zwei
mischen Status überdurchschnittlich
Drittel der älteren Bevölkerung ausma-
hoch ist (Ehlers et al. 2016). Zusätzlich
chen (Doh 2020). Neben traditionellen
werden Nutzungsbarrieren durch feh-
Rollenbildern tragen hierzu auch die
lende oder geringe Deutschkenntnisse
Berufsbiografien von Frauen bei: Ältere
sowie Erfahrungen von Ausgrenzung
Frauen waren während ihres Erwerbs-
und Diskriminierung verstärkt (Ehlers
lebens meist in geringerem Umfang so-
u.a. 2020).
wie in technikfernen Berufen erwerbstä-
tig, bezogen oft ein niedrigeres GehaltÄltere Menschen und ihre Nutzung des Internets. Folgerungen für die Corona-Krise 5
Bei den Internetaktivitäten älterer Men- funden, sondern auch verstanden, be-
schen, die Zugang zum Internet haben, wertet und für die eigene Situation an-
dominieren Informationssuche und das gewendet werden können. (vgl. Nor-
von Nachrichten per E-Mail, während man und Skinner 2006). In einer reprä-
bei Jüngeren vor allem die Nutzung so- sentativen Schweizer Studie von 2014
zialer Medien im Vordergrund steht. gaben über 60 Prozent der Internetnut-
Mittlerweile allerdings werden soziale zerinnen und -nutzer ab 65 Jahren an,
Medien vermehrt auch von älteren dass sie in den letzten drei Monaten im
Menschen genutzt: Der in Deutschland Internet nach Gesundheitsinformatio-
am stärksten verbreitete Messenger- nen gesucht haben (Seifert und Schel-
Dienst wird mittlerweile von 64 Prozent ling 2015). In der Stuttgarter SAMS-
der 50- bis 64-Jährigen und von 29 Pro- Studie 1 lag dieser Wert bei 70 Prozent,
zent der über 65-Jährigen verwendet wobei 15 Prozent mindestens wöchent-
(Initiative D21 2019). Im höheren Le- lich das Internet nutzen, um sich mit
bensalter besteht ein bedeutsames In- Gesundheitsthemen zu beschäftigen
teresse an gesundheitsbezogenen The- (Doh & Rupprecht 2017).
men im Internet. Dabei ist wichtig, dass
Gesundheitsinformationen nicht nur ge-
Zugang zum Internet und Nutzung von digitalen Technologien in (teil-)
stationären Wohnformen
Im Vergleich zu Privathaushalten sind gering fällt auch die Zahl der Bewohne-
der Zugang und die Nutzung des Inter- rinnen und Bewohner stationärer Ein-
nets in stationären Pflegeeinrichtungen richtungen aus, die mobile Endgeräte
deutlich weniger verbreitet, nur wenige und PCs nutzen. Dieser Anteil wird auf
Altenwohn- oder Pflegeeinrichtungen 20 bis 30 Prozent geschätzt (Isfort u.a.
bieten dafür die Voraussetzungen. Oft 2016, Seifert u.a. 2017). Insgesamt ver-
sind Internetanschlüsse nur in Gemein- fügen die Bewohnerinnen und Bewoh-
schaftseinrichtungen verfügbar – wenn ner stationärer Einrichtungen oft nur
es sie überhaupt gibt. Eine Grundaus- über eine geringe Anzahl von Medien-
stattung der Bewohnerzimmer mit Inter- geräten. Hierbei handelt es sich häufig
netanschlüssen oder WLAN ist längst um analoge Fernseh- und Radiogeräte
nicht selbstverständlich: Im Jahr 2018 sowie um CD-Spieler und Mobiltele-
verfügten nur 37 Prozent der in einer fone.
Studie befragten 575 deutschen Pflege-
Darüber hinaus sinkt mit zunehmendem
heime über WLAN, das den Bewohne-
Alter in stationären Einrichtungen der
rinnen und Bewohner zur Nutzung zur
Anteil von Bewohnerinnen und Bewoh-
Verfügung stand. 2 In 80 Prozent der
nern, die das Internet nutzen. Laut ei-
Einrichtungen mit WLAN wird die Be-
ner Studie, die im Raum Zürich durch-
reitstellung als zusätzliche Leistung be-
geführt wurde, nutzen in der Alters-
rechnet. Kostenfreies WLAN boten nur
gruppe der 65- bis 74-Jährigen nur drei
6 Prozent der Heime an. Entsprechend
von zehn Personen das Internet, bei
1 SAMS steht für „Senioren, Alltag und Me- Wohnens, die vom Wohlfahrtswerk Baden-
dien in Stuttgart“. Die Teilnehmerinnen und Württemberg unterhalten werden.
Teilnehmer der Studie lebten zum Zeitpunkt 2 https://www.pflege-
der Befragung entweder in Privathaushal- markt.com/2018/09/14/wlan-studie-zahlen-
ten oder in Einrichtungen des betreuten pflegeheime-deutschland-2018/ [letzter Zu-
griff am 02.04.2020]6 Ältere Menschen und ihre Nutzung des Internets. Folgerungen für die Corona-Krise
den ab 95-Jährigen ist es nur jeder als vielmehr darauf, dass diejenigen,
Zehnte (Seifert u.a. 2017). 3 Die Autoren die kein Internet nutzen, in ihrem Le-
betonen, dass die Internetnutzung von bensverlauf kaum mit Technik zu tun
verschiedenen Faktoren beeinflusst hatten.
wird: Neben dem Alter ist das Ge-
Trotz des niedrigen Nutzungsniveaus
schlecht, der Pflegegrad, das Erleben
bei den ab 80-Jährigen wirkt sich der
subjektiver Autonomie sowie die Le-
Zugang zum Internet positiv auf die
benszufriedenheit relevant. So nutzen
Wahrnehmung des eigenen Altersbil-
vor allem Männer, Personen ohne Pfle-
des und das Erleben des subjektiven
gebedarf sowie Personen mit hoher Le-
Alters aus. Internetnutzerinnen und -
benszufriedenheit und hoher subjektiv
nutzer schätzen sich hier deutlich posi-
erlebter Autonomie das Internet. Auch
tiver ein als gleichalte Menschen, die
die Stuttgarter SAMS-Studie zeigt, dass
das Internet nicht nutzen. Zudem be-
der Anteil der Hochbetagten unter den
werteten die ab 80-Jährigen Internet-
Internetnutzerinnen -nutzer in betreuten
nutzerinnen und -nutzer in den betreu-
Wohnanlagen gering ist (Doh und
ten Wohnanlagen ihre Kenntnisse und
Rupprecht 2017, Doh 2020). So nutzen
ihre Selbstwirksamkeit mit dem Internet
nur 25 Prozent der Befragten, die 80
ähnlich gut wie jüngere Nutzerinnen
Jahre oder älter waren und in betreuten
und Nutzer (65- bis 79-Jährige), die in
Einrichtungen leben, das Internet und
Privathaushalten leben. Es ist also
dann auch nur selten. In Privathaushal-
möglich, dass es einen Zusammenhang
ten sind es 33 Prozent bei den ab 80-
zwischen der Nutzung des Internets
Jährigen. Die Studienautoren führen die
und einem positiven Selbst- und Alters-
geringe Nutzungsrate weniger auf eine
bild gibt.
kritische Einstellung zu Technik zurück,
Implikationen
Die hier berichteten Befunde über den Innerhalb der Gruppe der älteren Men-
Zugang zum Internet und die Nutzung schen gibt es aber auch große Unter-
des Internets durch ältere Menschen schiede. Vor allem älteren Menschen
zeigen, dass vor allem in den Alters- mit wenigen Ressourcen, vulnerablen
gruppen bis etwa Mitte 70 durchaus hochbetagten Menschen, älteren
viele ältere Menschen Zugang zum In- Frauen (häufig allein lebend), älteren
ternet haben und es auch nutzen. Ins- Migrantinnen und Migranten sowie
besondere „jüngere Ältere“ (65- bis 79- Menschen in Alters- und Pflegeheimen
Jährige) sowie Ältere mit einem hohen bleiben die digitalen Möglichkeiten weit-
Bildungsstand können auf diese Weise gehend verschlossen. Sie sind während
von den Potenzialen der Digitalisierung der Corona-Pandemie auf klassische
profitieren. Diese Älteren können auch Kommunikationsmedien wie Telefon o-
während der Corona-Pandemie das In- der Briefe angewiesen, um ohne Besu-
ternet nutzen, um soziale Kontakte zu che ihre sozialen Kontakte zu pflegen.
pflegen, sich zu informieren oder
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich
Dienstleistungen in Anspruch zu neh-
die digitale Spaltung innerhalb der
men.
Gruppe der älteren Menschen, also die
unterschiedlichen Möglichkeiten ver-
schiedener älterer Menschen, digitale
3Repräsentativerhebung zu allen 24 Pfle-
geeinrichtungen in Zürich (n=1.212, 65-104
Jahre, Ø 87,8 Jahre, 75 Prozent Frauen)Ältere Menschen und ihre Nutzung des Internets. Folgerungen für die Corona-Krise 7
Technik und das Internet zu nutzen, als digital kompetent erleben, können
durch die Ausgangsbeschränkungen möglicherweise negative Effekte der
und reduzierten sozialen Kontakte ver- Pandemie auf ihre psychische Gesund-
stärkt. Dies wäre der Fall, wenn diejeni- heit abgeschwächt werden. Anders
gen, die auch vor der Corona-Pande- herum können in der Corona-Pandemie
mie Zugang zum Internet hatten und diejenigen Älteren, die das Internet
online aktiv waren, es nun verstärkt nut- nicht nutzen können, als Folge ihrer di-
zen und damit die Einschränkungen gitalen Exklusion einem erhöhten Ri-
kompensieren – und wenn gleichzeitig siko für Angst, Hilflosigkeit, Isolation o-
diejenigen, die bislang keinen Zugang der Depression ausgesetzt sein.
zum Internet hatten und von seinen
Besonders belastend ist der Wegfall
Möglichkeiten nicht profitieren können,
persönlicher Kontakte während der
nicht so schnell auf den digitalen Inter-
Corona-Pandemie für Bewohnerinnen
netzug aufspringen können.
und Bewohner von Alten- und Pflege-
Die Befunde zeigen außerdem, dass äl- heimen mit Besuchs- und Ausgehver-
tere Menschen, wenn sie online aktiv bot. Insbesondere sie sind es, die eher
sind, das Internet als Informationsquelle selten Zugang zum Internet haben und
nutzen, etwa um Antworten auf Fragen den Wegfall sozialer Kontakte nicht mit
zu einem neuen Produkt oder im Be- Hilfe digitaler Technik kompensieren
reich der Gesundheit und Ernährung zu können.
finden. Wenn sich ältere Menschen
durch die Nutzung des Internets über
die Pandemie gut informiert und zudem
Empfehlungen
Die Ausgehbeschränkungen und das net und seine Angebote allen älte-
Kontaktverbot während der Corona- ren Menschen zur Verfügung steht
Pandemie schränken die Möglichkeiten – gerade auch den schwer erreich-
für persönliche Interaktionen und für die baren und materiell schlecht gestell-
Organisation des Alltags stark ein. Die ten älteren Menschen. In diesem
Nutzung digitaler Technologien und des Zusammenhang sollten leistungs-
Internets bietet alternative Möglichkei- starke Internetzugänge, auch in
ten, mit anderen Menschen zu kommu- ländlichen Regionen, ausgebaut
nizieren und Dienstleistungen in An- werden. Zudem sollten, ähnlich wie
spruch zu nehmen. Damit alle älteren in der Kinder- und Jugendhilfe (Auf-
Menschen von diesen Möglichkeiten stockung des Kinderzuschlags), äl-
profitieren können, sollten die folgen- tere Menschen finanziell unterstützt
den Voraussetzungen geschaffen wer- werden, um sich einen Internetzu-
den: gang leisten zu können und digitale
Technologien zu erwerben.
− Zugang zum Internet und seinen
Möglichkeiten für alle älteren Men- − Informationen über klassische Me-
schen: Viele ältere Menschen nut- dien: Da bislang noch längst nicht
zen das Internet bereits; es gibt je- alle älteren Menschen Zugang zum
doch auch viele, die dazu nicht die Internet haben, müssen Informatio-
Möglichkeit haben. Auch wenn dies nen und Beratung über die Corona-
wahrscheinlich nicht kurzfristig mög- Krise weiterhin auch über klassi-
lich ist, sollte doch mittelfristig si- sche Medien bereitgestellt werden.
chergestellt werden, dass das Inter- Fernsehen, Rundfunk und Zeitun-8 Ältere Menschen und ihre Nutzung des Internets. Folgerungen für die Corona-Krise
gen stellen wichtige Informationska- Dienstleistungen unterstützt wer-
näle für ältere Menschen dar. In die- den. Auch hier wären entspre-
sen Medien müssen Angebote ge- chende Kooperationen, mit einer
macht werden, die ältere Menschen längerfristigen, also über die Krise
gezielt ansprechen und ihnen in der hinausreichenden Verankerung
aktuellen Lage Unterstützung anbie- sinnvoll.
ten.
− Hilfe bei der Bedienung von Tech-
− Nutzung von digitaler Kommunikati- nik: Zugleich muss organisiert und
onstechnik in Pflegeeinrichtungen: gewährleistet werden, dass die Be-
Träger von stationären Alten- und wohnerinnen und Bewohner in Pfle-
Pflegeeinrichtungen müssen darin geeinrichtungen darin unterstützt
unterstützt werden, für die Bewoh- werden, die Geräte zu bedienen
nerinnen und Bewohner in der und die Möglichkeiten des Internets
Corona-Krise mittels digitaler Tech- auch tatsächlich zu nutzen, sofern
nologien regelmäßigen Kontakt sie es noch nicht können.
nach außen zu ermöglichen. Hier
Trotz aller Vorteile sollten digitale Tech-
sind Bund, Länder und Kommunen
nologien nicht zum Selbstzweck wer-
gefordert, an vertretbaren schnellen
den. Auch während der Corona-Pande-
Lösungen mitzuwirken und durch fi-
mie und unter den Bedingungen von
nanzielle und organisatorische Un-
Ausgangs- und Kontaktbeschränkun-
terstützung den Zugang zum Inter-
gen sollten digitale Technologien nur
net sowie die Verfügbarkeit entspre-
eingesetzt werden, wenn ihre Qualität
chender Geräte (vor allem Tablets)
geprüft und ihr Nutzen abgewogen
sicherzustellen. Zur Anschaffung
wurde. Welche Angebote dauerhaft ei-
von mobilen Endgeräten sind Part-
nen alltäglichen Nutzen und Gewinn für
nerschaften mit Anbietern denkbar,
ältere Menschen darstellen, muss sich
die finanziell durch die Kommunen
erst noch zeigen. Hier fehlen Studien,
gefördert werden. Auch ein Angebot
die diese Aspekte evaluieren – auch
an Geräten als Leihgabe wäre
außerhalb der Krisenzeit. Insgesamt
denkbar. Zudem müssen die Ein-
gilt: Digitale Interaktion darf direkten so-
richtungen bei der Einführung und
zialen Kontakt nicht dauerhaft ersetzen.
Etablierung von Geräten und
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ger VS.Impressum Cordula Endter, Christine Hagen und Frank Berner: Ältere Menschen und ihre Nutzung des Internets. Folgerungen für die Corona- Krise Erschienen im April 2020. Das DZA-Fact Sheet ist ein Produkt der Wis- senschaftlichen Informationssysteme im Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA), Berlin. Das DZA wird gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. www.dza.de
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