Maison Relais im Spannungsfeld zwischen Familie, Schule und or- ganisierter Freizeit
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Institut für Regionale Sozialforschung Dr. Manfred Schenk
Maison Relais
im Spannungsfeld zwischen Familie, Schule und or-
ganisierter Freizeit
Versammlung der Einrichtungsleitungen am 7.3.2007
Dr. Manfred Schenk
Qualitätsentwicklung 20072007 MRC Qualitätsentwicklung
Arbeitspapiere des Instituts für Regionale Sozialforschung
Arbeitspapier 02.07
Alle Rechte bei den Autorinnen und Autoren
Weitere Informationen zur Arbeit des Instituts unter
www.foreg.de, E-Mail: kontakt@foreg.de
Gusterath, im Februar 2007
Institut für Regionale Sozialforschung Dr. Manfred Schenk 22007 MRC Qualitätsentwicklung
Übersicht
Was ist derzeit gut?
Welche Situation finden wir vor?
Welche Bedürfnislagen finden wir vor?
Für welche Betreuungseinheiten sind wir zuständig?
Was bedeutet das für Pädagogik?
Was können wir optimieren?
Institut für Regionale Sozialforschung Dr. Manfred Schenk 32007 MRC Qualitätsentwicklung
Was ist derzeit gut?
Best-Practice
WAS? WO?
Bester Spielplatz für die 0-3jährigen: Niederanven
Bester Bewegungsraum: Niederanven und Mertzig
Beste Architektur: Munsbach
Beste Belegung: Bastendorf, Niederanven
Beste Ausstattung: Mertzig und Niederanven
Bester Spielplatz: Es ist der Spielplatz der Precose, der von der MRC mitbenutzt wird. Er
enthält ein hohes Anregungspotential. Leider ist er räumlich zu weit von der MRC entfernt.
Bester Bewegungsraum: Beide MRC haben jeweils einen eigenen größeren Raum, indem
sich die Kinder auf unterschiedlichen Bodenbelägen bewegen können. Dicke bunte und große
Matratzen sorgen dafür, dass das Toben möglich aber ungefährlich ist.
Beste Architektur: Es ist ein flaches Gebäude mit viel Platz außen herum. Aus dieser Archi-
tektur ließe sich eine für Kinder überschaubare Einrichtung gestalten. Leider steht sie der
MRC nicht ganz und nur vorübergehend zur Verfügung.
Beste Belegung: Die beiden Einrichtungen haben über die Woche und tagsüber eine relativ
konstante Belegung. Die Fluktuation ist gering.
Beste Ausstattung: Die Raumaufteilung ist an Funktionen orientiert, die Ausstattung enthält
viele funktionale und anregende Elemente. Niederanven hat den Speisesaal bereits begonnen
umzugestalten.
Institut für Regionale Sozialforschung Dr. Manfred Schenk 42007 MRC Qualitätsentwicklung
Welche Situation finden wir vor?
Unsere Zielgruppen
Altersgruppe Unser Auftrag Andere
0 – 3 Jahre Vollauftrag
3 Jahre Teilauftrag Precose
4 - 7 Jahre Teilauftrag Vorschule
6- 12 Jahre Teilauftrag Schule
Organisierte Freizeit
Unser Auftrag ist gegenüber der Schule zeitlich unterrepräsentiert. Sozialpädagogische Ein-
richtungen sind von ihrem Denkansatz her nicht selbständige sondern schulergänzende Ein-
richtungen.
Gegenüber der organisierten Freizeit in Vereinen, der Freizeit im Jugendhaus oder den von
den Eltern für ihre Kinder organisierten Aktivitäten stehen wir einerseits in einem Konkur-
renzverhältnis, andererseits helfen wir bei der Wahrnehmung dieser Angebote.
Speziell die Maison Relais will darüber hinaus auch noch elternorientiert sein und den Fami-
lien ein besonders hohes Maß an Flexibilität bieten.
Diese Faktoren haben, wie das spätere Schaubild zur Belegung zeigt, Einfluss auf die Bele-
gung über den Tag und über die Woche.
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Betreuungskette I - Schultag
Wie die folgenden Bilder zeigen, ist der Tageslauf der Kinder hoch strukturiert. Während des
Schultages lassen sich 16 voneinander unterscheidbare Einheiten erkennen. Die institutionelle
außerschulische Tagesbetreuung der MRC nimmt dabei den geringsten Teil ein.
ORT PERSON ZEIT MINUTEN
01 Wohnung Eltern vor 8 Uhr Morgens
02 Weg zur MRC Eltern, Peers 7 - 8 Uhr 10-20
03 MRC Erzieher 7:30 - 8 Uhr 10-30
04 Weg zur Schule Erzieher, Peers 7:45 - 8 Uhr 5
05 Schule Lehrer 8 - 12 Uhr 240
06 Weg zur MRC Erzieher, Peers 12 - 12:15 15
07 MRC Empfang Erzieher 12:15 - 12:30 Uhr 15
08 MRC Mittagessen Erzieher 12:30 - 13:30 Uhr 60
09 MRC Freizeit Erzieher 13:30 - 13:45 Uhr 15-20
90
10 Schule Lehrer 14 - 16 Uhr 120
11 Weg zur MRC Erzieher, Peers 16 - 16:15 Uhr 15
12 MRC Empfang Erzieher 16:15 - 16:30 15
13 MRC Hausaufgaben Erzieher 16:30 - 17:15 45-75
14 MRC Freizeit Erzieher 17:00 - 17:30 10-30
90
15 Weg zur Wohnung Eltern 17:30 - 18 Uhr 10-20
16 Wohnung Eltern Nach 18 Uhr Abend
MRC ZEIT 180
Betreuungskette für ein Kind (4-12 Jahre) in der Maison Relais am Schultag
Ø Von den 180 Minuten entfallen je ca. 60 auf Mittagessen, Hausaufgaben und Freizeit.
Ø Die Freizeit besteht dabei aus fünf Einheiten zwischen 10 und 30 Minuten.
Es lassen sich zwei Szenarien unterscheiden:
1. Kinder essen zu Mittag und verlassen danach sofort die Einrichtung. Die
Zwischenzeit bis zum Schulbeginn gestalten sie selbst.
2. Kinder essen zu Mittag und bleiben bis zum Schulbeginn in der Einrich-
tung.
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Betreuungskette II – schulfreie Nahmittage
ORT PERSON ZEIT MINUTEN
01 Wohnung Eltern vor 8 Uhr Morgens
02 Weg zur MRC Eltern, Peers 7 - 8 Uhr 10-20
03 MRC Erzieher 7:30 - 8 Uhr 10-30
04 Weg zur Schule Erzieher, Peers 7:45 - 8 Uhr 5
05 Schule Lehrer 8 - 12 Uhr 240
06 Weg zur MRC Erzieher, Peers 12 - 12:15 15
07 MRC Empfang Erzieher 12:15 - 12:30 Uhr 15
08 MRC Mittagessen Erzieher 12:30 - 13:30 Uhr 60
09 MRC Freizeit Erzieher 13:30 - 13:45 Uhr 15-20
10 MRC Hausaufgaben Erzieher 14:00 - 15:15 60-75
11 MRC Freizeit Erzieher 15:15 - 17:30 0 - 120
oder Ca. 180 - 300
Weg zur organisierten Freizeit Erzieher, Peers 15:15 – 16 Uhr 15
Organisierte Freizeit Vereine etc. 16 - 17:30 60-90
Weg zur MRC Erzieher, Peers 17 – 17:15 15
MRC Erzieher 17:00 – 17:30 15 - 30
12 Weg zur Wohnung Eltern 17:30 - 18 Uhr 10-20
13 Wohnung Eltern Nach 18 Uhr Abend
MRC ZEIT 180-300
Betreuungskette für ein Kind (4-12 Jahre) in der Maison Relais mit schulfreiem Nachmittag
An den schulfreien Nachmittagen lassen sich mehrere Szenarien unterscheiden:
1. Kinder essen zu Mittag und gehen anschließend nach Hause. Hausaufga-
benbetreuung ist Sache der Eltern.
2. Kinder essen zu Mittag, machen die Hausaufgaben in der Einrichtung und
verbringen ihre Freizeit anderswo oder gehen nach Hause.
3. Kinder essen zu Mittag, machen die Hausaufgaben in der Einrichtung und
verbringen einen Teil ihrer Freizeit anderswo und kommen nochmals in
die Einrichtung zurück.
4. Kinder verbringen den gesamten schulfreien Nachmittag in der Einrich-
tung.
Für diese verschiedenen Szenarien müssen wir pädagogische Antworten finden. Es sind
nicht Probleme sondern Herausforderungen.
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Belegung
Exemplarisches Beispiel einer typischen Belegung über den Tag und die Woche und den dar-
aus zu ziehenden Schlüssen in einer Einrichtung mit Kindern zwischen 3 und 12 Jahren.
Uhrzeit Montag Dienstag Mittwoch Donners- Freitag Samstag
tag
vor 7.00
7.00 – 8.0 5 7 7 7 9
8.00 – 9.30
1 Vormittags
9.30 – 11.00
11.00 – 12.30 60 71 45 65 73
12.30 – 14.00 60 71 45 65 73 2 Mittags
14.00 – 15.30 12 9 8
15.30 – 17.00 4 4 8 4 12
3 Nachmittags
17.00 – 18.00 2 3 6 2 8
nach 18.00 2 1
Verteilung der anwesenden Kinder nach Tageszeit und Wochentag
Was können wir erkennen?
Hypothesen
Ø Hauptzeit ist die Mittagszeit und damit die Kantine
Ø Die Kantine wird besonders bevorzugt wenn auch nachmittags Unterricht ist
Ø An schulfreien Nachmittagen besuchen viele Kinder die Maison Relais nicht
Ø Nach 17 Uhr sind nur noch wenige Kinder anwesend (Randzeit mit eher Betreuungs-
schwerpunkt genauso wie vor 8 Uhr)
Ø Geht man von einem Potenzial im obigen Beispiel von 73 Kindern aus, so besuchen
ca. 1/5 bis 1/3 an den schulfreien Nachmittagen die MRC.
Ø Kleinkinder bis 3 Jahre besuchen kaum die MRC, angeschlossene Krippen sind eher
die Ausnahme.
Quantitative Aspekte
• Diskontinuität der anwesenden Kinder über den Tag und die Woche als Folge der
Betreuungskette
• Nicht in allen Zeiteinheiten sind jeweils dieselben Kinder anwesend
• Mittags sind überproportional viele Kinder da, nachmittags zwischen 20% und 30%
Wie die Betreuungsketten zeigen, liegt diese Diskontinuität im Charakter einer nachrangi-
gen, schulergänzenden und elternorientierten Einrichtung
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Welche Bedürfnislagen finden wir vor?
Außerschulischer Kontext Schulischer Kontext
Entspannung, Rekreation denn Schule ist Anspannung
Unverregelter Raum denn Schule ist ein verregelter Raum
Bewegung denn Schule bedeutet Stillsitzen
Kindorientierung, Peerorientierung denn Schule ist Lehrerorientiert
Selbstbestimmung denn Schule ist fremdbestimmt
Entdeckendes Lernen denn Schule ist lehrplanorientiertes
Lernen
Institut für Regionale Sozialforschung Dr. Manfred Schenk 92007 MRC Qualitätsentwicklung
Für welche Betreuungs- und Arbeitseinheiten sind wir zuständig?
Betreuungseinheiten
Mittagessen
Hausaufgaben
Freizeit
Zwischenzeiten
Sonstige Arbeitseinheiten
Elternarbeit
Schulkontakte
Gemeinwesenkontakte
Im Vordergrund stehen
das Mittagessen und die
Hausaufgabenbetreuung
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Was bedeutet das für unsere Pädagogik?
Mittagessen
Quantitativ ist das Mittagessen für das Personal eine besondere Herausforderung. In den
meisten Maison Relais sind zu diesem Zeitpunkt zwischen 80 und 100 Kindern anwesend. In
den großen Einrichtungen wie z.B. Betzdorf sind es erheblich mehr. Im Gegensatz zu den Fo-
yers de Jour essen hier auch Kinder, die das weitere Angebot nicht wahrnehmen. Gerade
durch das zusätzliche Angebot Hausaufgabenbetreuung und Freizeitmöglichkeiten unter-
scheiden sie sich von den früheren Schulkantinen.
Zur Mittagszeit wird aufgrund dieser Situation neben den Erziehern Hilfspersonal eingesetzt.
Zum Teil haben diese keine oder eine Ausbildung unterhalb der Erzieher.
Raumanforderungen
Aufgrund der großen Differenz zwischen den zu Mittag essenden Kindern und der Nachtmit-
tagsbetreuung ist das klassische Gruppenkonzept mit einem Gruppenraum und Einnahme der
Mahlzeiten im Gruppenraum nicht zu verwirklichen. Das Merkmal „Gruppe“ fehlt in den
Maison Relais. Es sind daher ein oder mehrere Speiseräume erforderlich. Mahlzeiten und pä-
dagogische Aktivitäten müssen von daher getrennt werden.
Einige Einrichtungen haben diese Trennung nicht und haben auch nicht das dafür notwendige
Platzangebot. Einige Einrichtungen verfügen überhaupt nicht über geeignete Räume. Sie
nehmen die Mahlzeit außerhalb im Kulturzentrum ein. Dies führt dazu, dass das Erschei-
nungsbild am Mittagessen orientiert ist. Die „Freizeitaktivitäten“ müssen also in einem Raum
stattfinden, der weitgehend mit Tischen und Stühlen belegt ist. Viele Einrichtungen haben
derzeit Speisesäle im wörtlichen Sinne. Die Folge ist Unübersichtlichkeit für Erzieher und
Kinder, hoher Geräuschpegel, häufige Konflikte, insgesamt ein hohes Maß an Unruhe. Zu be-
denken ist, dass die Schule eine Phase der Anspannung ist, wonach nunmehr eine Phase der
Entspannung1 folgen sollte. Damit ist die Essenssituation ebenfalls eher wiederum Anspan-
nung und Stress. Ziel ist das „gesunde Mittagessen“. „Gesund“ ist aber nicht nur auf die Le-
bensmittel bezogen zu verstehen, sondern der gesamte Kontext muss „gesund“ sein.
Gestaltung des Mittagessens
Wie lässt sich die Essenssituation gestalten, damit diese Forderung erfüllt werden kann? Kön-
nen pädagogische Ziele in der Essenssituation verfolgt werden?
Mögliche Ziele könnten sein:
• Förderung der Selbstständigkeit
• Förderung der Kommunikation
• Interkulturelles Lernen
Nicht zu unterschätzen ist die Möglichkeit der Übernahme von Ämtern. Dies ist bei kleinen
Inseln leichter als im großen anonymen Speisesaal. Der Speisesaal erinnert nicht nur im Äu-
ßeren an eine Kantine, er provoziert auch einerseits ein Konsumverhalten der Kinder (sich
bedienen lassen) und das komplementäre Verhalten des Personals.
1
Elisabeth Blochmann spricht vom "Rhythmus des Lebens, d.h. der natürliche Wechsel zwischen Bewegung
und Ruhe, Anspannung und Entspannung, Aufnehmen und Schlafen, der die Tagesordnung durchzieht" Bloch-
mann, E.: Der Kindergarten. In: Nohl, H./Pallat, L. (Hrsg.): Handbuch der Pädagogik. Band IV, Langensalza
1928, S. 75-90, wenig veränderter Abdruck in: Bittner, G./ Schmidt-Cords, E. (Hrsg.): Erziehung in früher Kind-
heit. München 1968, S. 323 – 343
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Statt eines Speisesaales ließen sich „Kommunikationsinseln“ schaffen. Dazu wären Einheiten
mit ca. je sechs Kindern denkbar, die durch eine Trennwand von den anderen Einheiten abge-
grenzt wären. Das Essen befindet sich in Schüsseln auf dem Tisch, die Kinder nehmen sich
selbst. Die Trennwände können bepflanzt sein. Der Raum wird kindgerecht und ansprechend
gestaltet. Diese Maßnahme würde für Überschaubarkeit sorgen, den häufig anzutreffenden
hohen Geräuschpegel reduzieren, die Selbständigkeit fördern und die Konflikte reduzieren.
Eine Einrichtung hat dies im Zuge der Konzeptimplementierung ausprobiert und über spürba-
re Verbesserungen berichtet.
Einer Insel wird für eine gewisse Zeit (z.B. für vier Wochen) eine Erzieherin fest zugeordnet.
Damit könnte sie die Kinder kennenlernen, unterstützend wirken, soziale Ziele wie gegensei-
tige Hilfe verfolgen und die Kommunikation fördern.
In der Regel sind in den Einrichtungen Kinder vieler verschiedener Nationen. Die Kinder
können in die Gestaltung des Speiseplans einbezogen werden. Einige Einrichtungen versu-
chen dies bereits z.B. indem monatlich wechselnd ein typisches Gericht aus den vertretenen
Nationen gereicht wird. Der Speiseplan ließe sich in verschiedenen Sprachen aushängen. Dies
sind durchaus Elemente von interkulturellem Lernen.
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Hausaufgaben
Die zentrale Frage ist: Was sollen die sozialpädagogischen Einrichtungen hierbei leisten?
Um was geht es?
Eltern, Erzieher und Schule haben hier durchaus unterschiedliche Erwartungen. Primär bezie-
hen die Einrichtungen ihren Auftrag wohl von den Eltern. Die Mehrzahl erwartet wohl, dass
die Aufgaben gemacht sind, wenn die Kinder nach Hause kommen. Doch wie die Belegung
über die Woche zeigt, nehmen die meisten Eltern zwar die Mahlzeiten aber deutlich weniger
das kostenpflichtige Hausaufgabenangebot in Anspruch.
Es kann unterschieden werden zwischen:
• Hausaufgabenüberwachung
• Hausaufgabenunterstützung
• Hausaufgabenhilfe/Nachhilfe
Hausaufgabenunterstützung wird teilweise in einigen Gemeinden von Lehrern angeboten in-
nerhalb der Räumlichkeiten der Schule. In diesem Fall hat die Maison Relais eher die Aufga-
be für die Organisation zu sorgen, etwa Bringen und Abholen der Hausaufgabenkinder. In ei-
ner Einrichtung leisten Erzieher und Lehrer gemeinsam diese Hausaufgabenbetreuung. Wei-
terhin besteht die Möglichkeit, beim Vorliegen bestimmter Voraussetzungen Nachhilfe über
die Schule zu organisieren.
Der Bedarf ist sehr unterschiedlich. Welche Unterstützung notwendig ist, kann nur im Einzel-
fall beantwortet werden. Sicher genügt es bei einigen Kindern, dass sie ihre Aufgaben unter
Aufsicht machen und gelegentlich rückfragen können. Bei anderen ist es nötig, in einem grö-
ßeren Umfang Hilfestellungen zu geben, und einige haben einen ganz besonderen Förderbe-
darf.
Da nicht alle Kinder von der schulischen Hausaufgabenunterstützung profitieren können,
muss die Maison Relais ebenfalls diese Aufgabe übernehmen. Bei einigen Kindern wird es
mehr als eine reine Hausaufgabenüberwachung sein müssen. Viele Kinder haben aufgrund der
Sprachproblematik erhebliche Probleme in der Schule und damit Unterstützungsbedarf. Zum
anderen gibt es eine Reihe von Eltern, die diese Unterstützung selbst nicht genügend leisten
können. Manche Einrichtungen identifizieren 80% der Kinder mit einem besonderen Unter-
stützungsbedarf, andere Einrichtungen haben eher Kinder, bei denen es mehr um die Überwa-
chung geht.
Bei den Erziehern herrscht angesichts dieser Situation Unsicherheit vor, welche Funktion sie
ausüben sollen. Außerdem sehen sie bei sich Grenzen in den Unterstützungsmöglichkeiten.
Die vorhandenen Personalressourcen beeinflussen sehr die Möglichkeiten. Es ist daher not-
wendig, für jede einzelne Einrichtung die Angebotssituation mit der Schule zu klären.
Pädagogische Grundsätze
Von Psychologen der Universität Bielefeld werden folgende Merkmale als förderlich identifi-
ziert:
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1. Emotionale Unterstützung: „Feinfühliges Eingehen“
- Interesse an schulischen Belangen der Kinder zeigen
- dem Kind das Gefühl vermitteln, dass es akzeptiert und wertgeschätzt wird
- das Kind bei Misserfolgen (z.B. bei schlechten Noten) trösten und ihm Mut für das
nächste Mal machen
2. Autonomieunterstützende Hilfe: „So wenig Unterstützung wie möglich, so
viel wie nötig“
- Ermutigung, Probleme selbstständig zu lösen
- Verzicht auf kleinschrittige Anweisungen
- bei Leistungsproblemen: gemeinsam mit dem Kind Gründe herausfinden und Lö-
sungsmöglichkeiten suchen
3. Strukturgebende Aktivitäten: „Lernumgebung so strukturieren, dass das
Kind nicht mit Wahlmöglichkeiten überfordert wird“
- Transparenz von Regeln und Standards schaffen
- Konsistentes Vertreten von Regeln
4. Verzicht auf leistungsorientierten Druck:
- die kindlichen Anstrengungen und Leistungen nicht ständig kontrollieren
- das schulbezogene Verhalten von Kindern nicht über den kontinuierlichen Einsatz von
Belohnungen bzw. Bestrafungen zu steuern versuchen
Die Bielefelder Psychologen kommen zu dem Schluss2:
„Im Einklang mit den theoretischen Überlegungen zeigen die Befunde, dass Kinder umso e-
her selbstbestimmte Formen der Lernmotivation entwickeln und sich umso stärker im Unter-
richtsfach Mathematik anstrengen, je mehr sie ihre Eltern als emotional unterstützend und
autonomieunterstützend wahrnehmen. Darüber hinaus entwickeln Schüler umso eher Interes-
se für Mathematik, je emotional unterstützender sie das schulbezogene Erziehungsverhalten
der Eltern erleben.
Auch das Ausmaß an strukturgebenden Aktivitäten von Eltern (Schaffung von Regeln und
Standards) steht in einem positiven Zusammenhang zur Lernmotivation von Schülern und ih-
rer Bereitschaft, sich in Mathematik anzustrengen. Elterlicher leistungsorientierter Druck ist
hingegen mit einer geringeren mathematikbezogenen Anstrengungsbereitschaft der Kinder
und einer erhöhten Abneigung gegenüber dem Unterrichtsfach Mathematik verbunden.“
Was hier für Eltern gilt, gilt sinngemäß auch für die Erzieher.
Hausaufgabenbetreuung: Stoff für Konflikte
Da sich die Maison Relais als eine Einrichtung des Familienministeriums und damit im sozia-
len Sektor angesiedelt sieht, die Hausaufgaben aber trotzdem erledigt werden müssen, sind
Konflikte vorprogrammiert. Trotz der Idealvorstellung, dass Hausaufgaben so gestellt sein
2
Prof. Dr. Elke Wild: Die Förderung selbstbestimmter Formen der Lernmotivation in Elternhaus und Schule
Forschungsprojekt innerhalb des DFG-Schwerpunktprogramms BIQUA, Bielefeld 2006
Institut für Regionale Sozialforschung Dr. Manfred Schenk 142007 MRC Qualitätsentwicklung
sollten, dass die Kinder sie ohne fremde Hilfe erledigen können, ist dies häufig nicht der Fall.
Viele Kinder und gerade die, die unter Lernstörungen (wie Rechenstörung (Dyskalkulie) oder/
und Lese- und Rechtschreibschwäche (Legasthenie)) zu leiden haben, benötigen enorm viel
Zeit und Hilfe. Diese wird seitens der Eltern von den Erziehern mit dem Blick auf die weitere
Schullaufbahn auch erwartet. Auch seitens der Schule wird die saubere und möglichst perfek-
te Erledigung der Hausaufgaben erwartet. Damit geraten die Erzieher automatisch in eine
konflikthafte Rolle, denn schon aus Zeit- und Personalgründen kann nicht mehr als eine "Hil-
fe zur Selbsthilfe" stattfinden. Wege aus dem Dilemma bietet nur ein guter Kontakt der Erzie-
herinnen zu Eltern und Schule. Im Gespräch können die Möglichkeiten und Grenzen der
Hausaufgabenbetreuung in der Maison Relais dargestellt werden. Optimal kann diese Aufga-
be also nur in enger Zusammenarbeit mit Lehrern und Eltern erfüllt werden.
Zusammenarbeit mit Eltern
Hauptproblem der Erzieherinnen in der Elternarbeit ist die oft fehlende Kontaktmöglichkeit
zu den Eltern. Da die meisten Eltern berufstätig sind und gerade größere Kinder allein nach
Hause gehen, ergibt sich der Kontakt zum Austausch von Informationen, Fragen etc. nicht
zwangsläufig, sondern muss gezielt hergestellt werden. Dies kann geschehen durch: Eltern-
briefe, Sprechstunden, Stammtische, Feste und Feiern, sowie Fragebögen, um die Wünsche
der Eltern auszuloten. Die wichtigste Form der Zusammenarbeit ist und bleibt jedoch der El-
ternabend. Dieser greift entweder bestimmte Themenbereiche auf und hat somit informativen
Charakter oder er dient dem gegenseitigen Kennenlernen und der Abklärung der gegenseiti-
gen Erwartungen. Bei den Eltern können Erwartungen entstehen, die die Maison Relais nicht
erfüllen kann oder will, weshalb eine gelungene Kommunikation der Schlüssel zum besseren
beiderseitigen Verständnis ist.
Zusammenarbeit mit Schule
Damit die Zusammenarbeit mit der Schule funktioniert, müssen Lehrer und Erzieher gegen-
seitig Einblick in ihre Arbeitsbereiche haben und damit Möglichkeiten für ein Verständnis
sowohl ihres gemeinsamen Erziehungsauftrages als auch ihrer unterschiedlichen Ansätze
schaffen. Dies funktioniert bei einigen Einrichtungen bereits recht gut, bei anderen weniger.
So stellen viele Erzieherinnen fest, dass Kontakt nur dann stattfindet, wenn er von den Erzie-
herinnen selbst hergestellt wird. Der Austausch der beiden "Seiten" wäre jedoch wichtig, um
jeder Seite ein möglichst vollständiges und "rundes" Bild über die einzelnen Kinder zu er-
möglichen. So kann die Schule z. B. erfahren, dass ein in der Schule langsames Kind dafür in
der Maison Relais zu den Phantasievollen und Kreativen gehört. Günstig wäre, wenn die Er-
zieherinnen einmal wöchentlich zu "zwanglosen" Gesprächen mit dem Lehrpersonal die Pau-
se aufsuchen. Auch empfiehlt sich die Hospitation von Erzieherinnen bei den jeweiligen Leh-
rern ihrer Kinder und den Austausch per Mitteilungsheft.
Institut für Regionale Sozialforschung Dr. Manfred Schenk 152007 MRC Qualitätsentwicklung
Freizeit
Die schulergänzende Tagesbetreuung als Teil einer inszenierten Kindheit?
Ein Erziehungswissenschaftler stellt die These auf, dass "Kinder (...) von Erwachsenen un-
verplante und unkontrollierte Freiräume" brauchen. Für Kinder in Tageseinrichtungen sind
diese nicht so ohne weiteres vorhanden, was folgendes Beispiel zeigt:
Die Kinder einer Tagesstätte spielten, so berichteten die ErzieherInnen am liebsten bei den
Mülltonnen. Nach einigem Überlegen kamen sie zu dem Schluss, dass es wohl daran liegen
müsse, dass die Kinder sich hier unbeobachtet und unter sich wähnten. Dieses Beispiel bestä-
tigt, dass Kinder Freiräume zur Entwicklung benötigen, auf die die Erwachsenen keinen stän-
digen Zugriff haben. Dabei haben es Kinder, die keine Einrichtungen aufsuchen noch leich-
ter, sich diese Freiräume zu erobern, da ihre Eltern ihnen diese leichter zugestehen können.
Die ErzieherInnen hingegen sind stärker damit beschäftigt ihre Aufsichtspflicht zu erfüllen,
da sie die Verantwortung für viele Kinder tragen (vgl. Kellermann in Hössl u. a., Hrsg.,
1999)3.
Der amerikanische Sozialwissenschaftler Neil Postman spricht in diesem Zusammenhang
vom Begriff der "inszenierten Kindheit". Das heißt: Gerade Großstadtkinder haben wenig
Möglichkeit zu spontanem Spiel ohne Beaufsichtigung Erwachsener, sondern verbringen ihre
Zeit in eigens für sie geschaffenen "Reservaten" (z. B. auf Spielplätzen und in Organisatio-
nen), mit einem eigens für sie "hergestellten" Programm.
Eine Einrichtungsleiterin einer schulergänzenden Tagesstätte beschreibt eine gelungene Maß-
nahme ihrer Einrichtung, um auf dieses Bedürfnis der Kinder zu reagieren:
Ursprünglich als Ergänzung zu den vorhandenen Räumen im Hort gedacht, wurde ein zufäl-
lig erworbener Bauwagen schnell von den Kindern zur "erzieherfreien Zone" erklärt. Die
Kinder bestimmten selbst über die Nutzung des Bauwagens, der im Garten aufgestellt wurde
und schufen sich so den benötigten Freiraum selbst (vgl. Schratt, 1999)4.
Eine sicherlich nachahmenswerte Idee, die auch der Aufsichtspflicht nicht im Wege steht!
Empfehlenswert ist jedoch auf jeden Fall, dass Kindern, die Tageseinrichtungen besuchen,
abends, am Wochenende und in den Ferien von ihren Eltern Zeit für das
"Unverplante",
"Unbeobachtete" und
"Uninszenierte"
gewährt wird.
Der Freizeitforscher Opaschowski versteht "Freizeit" nicht mehr in begrifflicher Abhängigkeit
von "Arbeit", sondern als "freie Zeit", die durch freie Wahlmöglichkeiten, bewusste Entschei-
3
Kevin lieber im Hort oder zu Hause? Eine Studie zur Nachmittagsbetreuung von Schulkindern von Alfred Hössl, Doris Keller-
mann, Jens Lipski, Susanne Pelzer VS-Verlag 1999
Schratt, Gabriele: Hort hat Zukunft, pädagogische Konzepte und sozialwirtschaftliche Herausforderungen, München 1999
Horst W. Opaschowski: Einführung in die Freizeitwissenschaft. 3. Auflage. Leske und Budrich, Opladen 1997, ISBN 3-8100-1968-2
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dungen und soziales Handeln charakterisiert ist. Davon ausgehend entwickelte er ein Kon-
zept, das die Lebenszeit in drei Zeitabschnitte, je nach dem vorhandenen Grad an freier Ver-
fügbarkeit über die Zeit, aufteilt:
• Determinationszeit (fremdbestimmte Zeit, z. B. Arbeit, Schule)
• Obligationszeit (zweckgebundene Tätigkeiten wie z. B. essen, schlafen)
• Dispositionszeit (freie verfügbare/selbstbestimmte Zeit)
In Anlehnung an Opaschowski sollte die Freizeit in der Einrichtung als Dispositionszeit für
die Kinder verstanden werden. Die Aktivitäten würden damit einen Angebotscharakter und
keinen Verpflichtungscharakter bekommen müssen. Damit würde man auch der wechselnden
Gruppenzusammensetzung entgegen kommen.
Bewegung
Kinder brauchen für ihre gesunde Entwicklung ausreichende Spiel- und Bewegungsräume. In
einer für sie idealen Welt bewegen sie sich entsprechend ihren Bedürfnissen, ohne besondere
Anregungen und verschaffen sich die für ihre Entwicklung notwendige Bewegung. Allerdings
sind in der realen Welt die Bewegungsmöglichkeiten der Kinder oft eingeschränkt, müssen
sogar von verantwortungsbewussten Erwachsenen z.B. aus Sicherheitsgründen eingeschränkt
werden. Auch viele für Kinder attraktive Angebote (wie Fernsehen, Video, Computerspiele)
halten sie von ausreichenden motorischen Aktivitäten fern. Daher gewinnen die Fragen: "Wie
viel Bewegung benötigen Kinder?", "Was können wir tun, um der Einschränkung der kindli-
chen Bewegungsmöglichkeiten entgegenzuwirken?" und "Welche Bewegungs- und Sportan-
gebote sind für Kinder geeignet?" an Bedeutung. Gerade in den Zwischenzeiten bietet sich
Bewegung in vielfältiger Form an.
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Was können wir optimieren?
Mittagessen entspannender machen, Organisation überdenken
Mittagessen als Kommunikation und soziale Lernsituation begreifen, statt
Versorgungssituation (kleine Ämter)
Die Massensituation zugunsten von überschaubaren Inseln verändern
Umwelt anregender machen:
§ Räume gestalten
§ Ausstattung überdenken, an Zielen und Bedürfnissen orien-
tieren
Eltern aktiv einbeziehen
Lehrer einbeziehen
Öffentlichkeitsarbeit
Für die einzelnen Betreuungseinheiten Konzepte machen: Ziele, Mittel,
Umwelt, Organisation
Bei der Personalorganisation Stabilitätsfaktor beachten vor allem bei der
Freizeit und den Hausaufgaben
Für Neuplanungen Basics überlegen
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