"Man braucht ein perfektes Bild" - DIE SELBSTINSZENIERUNG VON MÄDCHEN AUF INSTAGRAM

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"Man braucht ein perfektes Bild" - DIE SELBSTINSZENIERUNG VON MÄDCHEN AUF INSTAGRAM
FORSCHUNG

                                           »Man braucht ein perfektes Bild«
                                            DIE SELBSTINSZENIERUNG VON MÄDCHEN AUF INSTAGRAM
                                           Maya Götz

                                           »People come to Instagram to express                   wöchentlich, Mädchen noch einmal         fentlicht werden und was sie von ihrer
                                           themselves and share their diverse,                    mehr als Jungen. Sie folgen Menschen,    Identität zeigen wollen (Vincent, 2011;
                                           unique perspectives every day«,                        die sie persönlich kennen, sowie Stars   2012). Sie folgen dabei bestimmten
                                           so eine Pressemitteilung von Insta-                    und Prominenten (Influencer*innen)       sozialen Ritualen des »impression
                                           gram.1 Mit weltweit einer Milliarde                    und posten selbst Fotos und Videos       management«, vollziehen Lernprozes-
                                           Nutzer*innen ist Instagram eines der                   (Feierabend et al., 2018, 38 ff.).       se in der Interaktion mit Peers und
                                           in den letzten Jahren am schnellsten                   Insbesondere für Mädchen und junge       arbeiten an ihrer Rolle (boyd, 2014;
                                           wachsenden sozialen Netzwerke                          Frauen ergeben sich hier Chancen,        Livingston, 2008).
                                           (Brandt, 2018). Auch bei Jugendli-                     sich im Sinne Goffmans (1959) in ihren   In der wissenschaftlichen Diskussion
                                           chen in Deutschland steht es hoch                      Identitätsfacetten zu präsentieren.      richtete die psychologische Forschung
                                           im Kurs und war nach WhatsApp                          Aus der subjektiven Perspektive sind     den Blick auf die Bedeutung von Insta-
                                           das meistgenutzte Netzwerk 2018:                       es Formen des Empowerment und            gram auch im Kontext von Anorexie
                                           67 % der 12- bis 19-Jährigen nutzen                    Jugendliche haben die Kontrolle da-      (Tanner, 2015), Depression (Reece &
                                           es täglich oder zumindest mehrmals                     rüber, welche Bilder von ihnen veröf-    Danforth, 2017) und einem kritischen
                                                                                                                                           Selbstbild (u. a. Brown & Tiggermann,
                                                                                                                                           2016). Wissenschaftler*innen aus dem
                                                                                                                                           Bereich Pädagogik und Massenkom-
                                                                                                                                           munikation untersuchten besonders
                                                                                                                                           die Bedeutung der Selbstinszenierung
                                                                                                                                           für die Identitätsarbeit (Mascheroni et
                                                                                                                                           al., 2015) und die Selfie-Kultur (u. a.
                                                                                                                                           Chua & Chang 2016; Barbovschi et al.,
                                                                                                                                           2017). In Qualifikationsarbeiten wur-
                                                                                                                                           de u. a. der Frage der Ausgestaltung
                                                                                                                                           weiblicher Identität (Fitzsimmons,
                                                                                                                                           2017) und des Frauenkörpers in Ka-
                                                                                                                                           nada (Rassi, 2016) oder in Südafrika
                                                                                                                                           der Bedeutung von Selfies als Teil der
                                                                                                                                           Selbstinszenierung nachgegangen (de
                                                                                                                                           Aguiar Pereira, 2016). Dabei deuten
                                                                                                                                           sich immer wieder Spannungen an
                                                                                                                                           zwischen einem selbstbestimmten
Screenshot von Instagram © Instagram-Userin10

                                                                                                                                           Empowerment und der im Werbeslo-
                                                                                                                                           gan von Instagram so hochgehaltenen
                                                                                                                                           diversen und einzigartigen Perspek-
                                                                                                                                           tive.
                                                                                                                                           Was hier konkret geschieht und
                                                                                                                                           welche typischen Merkmale die
                                                                                                                                           Selbstinszenierung von Mädchen auf
                                                Abb. 1: Instagramfotos als Möglichkeit der selbstbestimmten Inszenierung (hier: Alisa,     Instagram aufweist, untersuchte eine
                                                16 Jahre)                                                                                  Kooperationsstudie des IZI und der
                                                                                                                                           MaLisa Stiftung.

                                                                                                                                                2019/1                          9
FORSCHUNG

                                                meinschaft zu sein. Zum Teil beschrei-       »Man braucht ein perfektes Bild und dafür
STUDIE 1: FALLSTUDIEN ZUR                       ben sie es als Gefühl, »Mitglied [zu]        braucht man manchmal 20 Anläufe.« (Lilly,
                                                sein«, und, so Lilly (14 Jahre), »weil das   14 Jahre)
SELBSTINSZENIERUNG VON
MÄDCHEN (14 BIS 16 JAHRE)                       einfach viele Freunde haben, will man        Um die Grundlage für das perfekte
                                                halt Teil sein«. Zum Teil haben sie nicht    Bild zu haben, nehmen sich die
AUF INSTAGRAM2
                                                gleich Bilder von sich gepostet, sondern     Mädchen Zeit und inszenieren sich
Eine erste Annäherung an die Fragen,            sind zunächst Freund*innen gefolgt,          viele Male, bis alles so passt, wie sie
wie Mädchen ihre Posts auf Instagram            haben andere beobachtet und haben            es sich innerlich vorgestellt haben.
gestalten, was ihnen dabei wichtig ist          dann angefangen, Bilder von sich selbst      Der Prozess selbst wird dabei nicht
und was sie vermeiden, fand anhand              einzustellen. Manchmal haben sie den         immer als angenehm empfunden.
von sieben Einzelfallstudien von                Mut zum ersten Posten erst durch die         Lilly (14 Jahre) beispielsweise findet es
jungen Frauen im Alter zwischen 14              Freundinnen bekommen, die ihnen              nicht unbedingt angenehm, so lange
und 16 Jahren statt, die sich selbst            rückmeldeten: »Das Bild ist voll schön,      geschminkt zu sein, »weil man einfach
regelmäßig auf Instagram inszenieren            komm, poste das doch mal!« (Maria,           nur 20 Bilder machen möchte«. Sie ist
(Abb. 1).3 Sie erzählten im Gespräch            15 Jahre)                                    eigentlich genervt: »Immer dasselbe
mit einer jugendlichen Interviewerin                                                         Grinsen, immer dieselbe Zeit, so lang
in Cafés in lockerer Atmosphäre von             Welche Arten von Bildern                     zu gucken«. Sie kennt es auch, dass es
ihren Erfahrungen und Strategien. Das                                                        richtig frustrierend sein kann, »wenn
                                                werden auf Instagram gestellt?
an den Forschungsfragen orientierte                                                          man dann so 50 Bilder macht, und
Leitfadengespräch wurde durch das ge-           Mascheroni und Kolleg*innen (2015)           es ist einfach keins dabei.« Dennoch
meinsame Ansehen von Fotos ergänzt.             stellen in ihrer Studie fest: Fotos sind     nehmen die Mädchen diesen Aufwand
Hierbei kam neben dem qualitativen              in der Digitalisierung Bausteine der         auf sich und können sich über ein ge-
Interview verdeckt die Methode des              Selbstdarstellung, in der eine Person das    lungenes Bild richtig freuen.
nachträglichen »Lauten Denkens«                 von sich präsentiert, was andere von
zum Einsatz (Eccles & Arsal, 2017), bei         ihr sehen sollen. Insofern stellt sich die   Was an den Bildern wichtig ist
der sich die Mädchen an den Entste-             Frage, welche Bilder die befragten Mäd-
hungsprozess und ihre Gedanken bei              chen von sich auf Instagram hochladen.       Werden die Mädchen explizit danach
der Produktion und Auswahl der Bilder           In den Interviews wird sehr deutlich:        gefragt oder beschreiben implizit beim
erinnerten.                                     Bei der Auswahl stehen in erster Li-         Betrachten der Fotos, was ihnen an
In der Auswertung wurden zunächst               nie die ästhetische Qualität und die         den Bildern wichtig ist, ist dies zum
alle Interviews transkribiert und von           Frage im Vordergrund, ob die Bilder          einen der Gesichtsausdruck in der
einem Forschungsteam von vier Aus-              »gut genug für Instagram sind« (Alisa,       Selbstinszenierung, denn der »strahlt
werterinnen im Alter von Anfang 20              16 Jahre), was meist bedeutet, ob die        halt Emotionen aus, wie man sich
sowie der Autorin gesichtet und ent-            Fotos subjektiv als angemessen und           gerade fühlt, ob man happy ist oder
lang der forschungsleitenden Fragen             schön empfunden werden. Instagram            traurig« (Maria, 15 Jahre). Dabei ist es
ausgewertet.                                    wird dabei als Plattform angesehen, auf      allen Mädchen wichtig, fröhlich und
                                                der die Mädchen, wie Mala (15 Jahre)         gut gelaunt zu erscheinen.
Warum Instagram?                                es beschreibt, eine »Visitenkarte« von       Im Detail sind ihnen die Haare wichtig:
                                                sich zeigen, mit der sie sich auch z. B.     »Wenn meine Haare nicht gescheit
Die befragten Mädchen sind meist                einer Praktikumsleiterin gegenüber           sind, dann ist alles kaputt.« (Maria,
schon länger als ein Jahr auf Instagram.        zeigen würden.                               15 Jahre) Damit meint sie konkret,
Angeregt durch Peers haben sie vor              Die Fotos selbst können aus der Situ-        dass die Haare nicht »verwuschelt«
zwei bis drei Jahren angefangen, Bilder         ation heraus entstehen: »Man ist halt        sein sollen, oder es würde stören,
von sich auf Instagram hochzuladen. So          einfach draußen und drückt jeman-            wenn »eine Strähne runterhängen
lassen sich Momente aus dem Leben               dem ein Handy in die Hand und sagt:          würde«, und würde nicht »modisch
beispielhaft festhalten:                        ›Mach mal ein Bild‹.« (Lilly, 14 Jahre)      aussehen«.
»Alle sind zusammen und posten Bilder aus       Wenn sie sich die Ausbeute des Tages         Auch die Körperhaltung bekommt be-
ihrem Leben. (…) Man kann Teil in ihrem         ansehen und das Gefühl haben, ein Bild       sondere Aufmerksamkeit und aus den
Leben sein und man kann selber von sich         sei »total schön« (Anna, 15 Jahre) und       Aussagen der Mädchen lässt sich ein
auch etwas preisgeben. (…) Ich finde das voll   genüge den Ansprüchen, dann posten           hohes Bewusstsein wie auch die Kom-
schön.« (Lina, 15 Jahre)
                                                sie es. Oft sind es aber auch gezielte       petenz herauslesen, sich so in Stellung
Durch Instagram haben die Mädchen               Inszenierungen, für die die Mädchen          zu bringen, dass die Abbildung ihren
das Gefühl, Teil einer größeren Ge-             sich Zeit nehmen. Denn:                      inneren Vorstellungen entspricht:

10                          2019/1
FORSCHUNG

                                                                                                                     erzählt, sie hasse           und gute Laune vermittelt, Haaren,
                                                                                                                     »diese Zufallsbilder.        die geordnet sind, einem gepflegten
                                                                                                                     Da sehe ich immer so         Make-up, welches die Unreinheiten
                                                                                                                     schlimm aus«:                der Haut überdeckt und Gesichts-
                                                                                                                     »Da hocke ich dann           formen betont, gezielt ausgewählter
                                                                                                                     meistens so richtig breit-   Kleidung und einem Körper, der
                                                                                                                     beinig da und nach vorne     gestrafft, d. h. ohne Körperröllchen,
                                                                                                                     gelehnt mit dem Ober-
                                                                                                                                                  inszeniert ist.
                                                                                                                     körper. Die sind meistens
                                                                                                                     richtig schlimm.« (Lara,     Der zweite nahezu durchgängig ge-
                                                                                                                     15 Jahre)                    nannte Moment ist die Ablehnung der
                                                                                                                                                  Selbstsexualisierung und Selbsterotisie-
                                                                                                                      Eine im Sinne               rung durch das Zeigen von viel Haut
                                                                                                                      Bourdieus (1982)            oder erotisierten Gesten:
Screenshot von Instagram © Instagram-Userin10

                                                                                                                      raumeinnehmende             »Also ich mag das nicht, wenn man irgend-
                                                                                                                      männliche Sitzhal-          wie, wenn ich da irgendwelche Fotos im Bikini
                                                                                                                      tung, in der der Kör-       habe, (…) so etwas, finde ich, muss man nicht
                                                                                                                      per nicht gestreckt         auf sozialen Netzwerken posten. (…) Es wäre
                                                                                                                                                  mir auch mega unangenehm, wenn ich da
                                                                                                                      ist und durch die
                                                                                                                                                  irgendwelche aufreizenden Fotos posten
                                                                                                                      Körperhaltung eine          würde.« (Alisa, 16 Jahre)
                                                                                                                      »Mords-Wampe«
                                                Abb. 2: Lara achtet bei ihren Fotos auf eine gute Körperhaltung       entsteht, kann Lara         Nur Lara inszeniert sich auf mehreren
                                                                                                                      für sich nur als unan-      Bildern im Bikini. Doch für alle gilt:
                                                                                                                      gemessen beurteilen.        »Nacktbilder gehen gar nicht« (Mala,
                                                                                                                      Entsprechend ist sie        15 Jahre). Die Mädchen verfügen also
                                                »Bei mir ist es so, also ich achte immer darauf     auf ihren Bildern immer in gestreckter        über eine hohe Bewusstheit und ein
                                                bei Bildern, wo ich stehe, dass die Beine dünn      Sitz- und Standhaltung zu sehen.              Schamgefühl, was die Präsentation von
                                                und hübsch aussehen. Darauf lege ich halt                                                         viel Haut angeht. Oftmals können sie
                                                besonders wert. Oder wenn ich sitze, dass der
                                                Bauch flach aussieht. Also ich würde jetzt nie-   Was niemals auf Instagram                       anhand der Bilder sehr genau beschrei-
                                                                                                                                                  ben, was noch in Ordnung ist und wo
                                                mals ein Bild posten, wo ich aussehe, als hätte   gestellt wird
                                                ich eine Mords-Wampe.« (Lara, 15 Jahre)                                                           Grenzen überschritten oder nahezu
                                                                                                  Die Mädchen wählen die Bilder, die sie          überschritten werden. Ähnlich wie in
                                                Dabei sind sie sich selbst durchaus be-           auf Instagram hochladen, gezielt aus            der Studie von Mascheroni et al. (2015)
                                                wusst, dass es eher »so Kleinigkeiten             und sehen dies als Form der Inszenie-           haben die Mädchen einerseits einen
                                                [sind], die nur einem selber auffallen,           rung vor anderen, »ob man das wirklich          hohen Anspruch hinsichtlich ihrer
                                                weil man sich so darauf fixiert, dass da          so jedem zeigen will, wie man aussieht«         Selbstoptimierung und präsentieren
                                                alles perfekt sein muss« (Anna, 15 Jah-           (Mala, 15 Jahre). Die eigene Erscheinung        ihren Körper, andererseits gibt es für
                                                re), und anderen das wahrscheinlich               ist dabei das zentrale Kriterium zur            sie bestimmte Grenzen der Selbstse-
                                                gar nicht auffallen würde. Sie erzählen           Auswahl. Dabei wäre es undenkbar, sich          xualisierung, die sie nicht überschreiten
                                                auch nicht von Erlebnissen, in denen sie          nicht optimiert zu präsentieren:                wollen. Hier nehmen sie auch durchaus
                                                negative Rückmeldungen von anderen                                                                einen Unterschied zwischen ihrer Prä-
                                                                                                  »Haare verwuschelt oder Make-up ver-
                                                wegen ihrer Bilder bekommen haben.                laufen oder nicht passend angezogen,            sentation und der von Influencerinnen
                                                Es ist ihre eigene innere Instanz, die sie        das geht gar nicht. Wenn man jetzt (…)          wahr, die aus ihrer Perspektive deutlich
                                                dazu antreibt, ausschließlich aus ihren           im Schlabberlook draußen rumrennt, dass         weiter gehen:
                                                Augen »perfekte« Bilder zu posten:                man dann ein Bild davon postet, (…) mit         »Da denk ich schon so, ›Okay, du hast einen
                                                                                                  unordentlichen oder fettigen Haaren und         Bikini an, mach doch wenigstens deine Arme
                                                »Für mich selber halt perfekt, aber vielleicht
                                                                                                  Jogginghose, Oberteil, und wenn die Sachen      runter oder deine Beine zusammen oder ir-
                                                gefällt es auch anderen Leuten so gar nicht,
                                                                                                  halt dreckig sind, das geht auch gar nicht.«    gendetwas‹. (…) Diese ganzen Stars, (…) dann
                                                ich weiß es ja nicht. Aber für mich selber
                                                                                                  (Lilly, 14 Jahre)                               immer Arsch raus und Brüste zusammen,
                                                eigentlich schon perfekt.« (Lina, 15 Jahre)
                                                                                                                                                  und das will ich einfach nicht, weil das (…)
                                                Bereits im Prozess des Fotografiertwer-           Die notwendige Qualität eines Bildes,           finde ich auch nicht schön.« (Alisa, 16 Jahre)
                                                dens achten sie auf ihre Körperhaltung            das auf Instagram gestellt werden
                                                (Abb. 2) und sehen sich selbst von außen.         kann, ergibt sich aus der Perspektive           Die Ablehnung der Erotisierung ist
                                                Sehen sie später dann die Fotos, achten           der Mädchen aus einem Gesichts-                 dabei auch in einer Gefahrenwahr-
                                                sie auf kleine Details. Lara zum Beispiel         ausdruck, der positive Stimmung                 nehmung begründet, die Bilder

                                                                                                                                                         2019/1                             11
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könnten von anderen als ein falsch            Likes sie bekomme. Für die anderen               neben einem gelungenen Porträt von
verstandenes Signal gesehen wer-              sind Likes und Kommentare wichtig:               Alisa auf ihrem Account zu finden, das
den, sodass dann »irgendwelche                »Da sieht man auch, dass es denen                beispielsweise neben 122 Likes auch
notgeilen Typen [einen] anschreiben           gefällt«, erklärt Maria (15 Jahre). Sie          36 Kommentare bekam – alle kurz,
oder so« (Alisa, 16 Jahre). Aus einem         verfolgt nach dem Posten die Ent-                positiv und mit einem Emoji versehen
ähnlichen Grund posten einige der             wicklung der Likes, wobei sie betont:            oder aus diesem bestehend.
Mädchen keine Ausschnitte aus dem             »Ich bin jetzt nicht der Suchti, der da          Kommentare zu seinen Bildern zu
Privatleben. Lilly ist beispielsweise sehr    die ganze Zeit darauf schauen muss.«             bekommen, steigert das Selbstwert-
darauf bedacht, nicht den Wohnort             Dennoch schaut sie regelmäßig auf ihr            gefühl. Lilly berichtet zum Beispiel von
erkennbar werden zu lassen, »dass             Handy in Erwartung von Feedback und              einem besonderen Erlebnis, bei dem
nicht irgendjemand X-Beliebiges zu            mit der Hoffnung, ein Like bekommen              dann jemand schrieb, dass es insgesamt
meinem Briefkasten gehen kann und             zu haben. Geschieht dies dann und                echt tolle Bilder seien:
mir einen Brief reinlegen kann« (Lilly,       übertrifft sogar die Erwartungen, gibt           »Und das ist halt so ein kleiner Erfolg für sein
14 Jahre). Die Mädchen haben also in          das ein gutes Gefühl und wird von al-            Ego und für sein Selbstbewusstsein, einfach
vielen Bereichen eine ausgesprochen           len Befragten als »Mega-Erfolg« (Lilly,          zu zeigen, ja, ich bin schön. Und wenn einem
hohe Medienkompetenz und gehen                14 Jahre) empfunden.                             dann immer mehr Leute sagen, ja, du bist
sorgsam mit der Veröffentlichung der          Likes stehen für quantifizierbaren               schön, ist das so ein Kick fürs Selbstbewusst-
                                                                                               sein.« (Lilly, 14 Jahre)
Bilder von sich um.                           Erfolg und gehen mit Glücksgefühlen
                                              und Stolz einher, denn sie sind nach             Positive Kommentare sind ein »Kick
Bedeutung von Likes und                       außen dauerhaft sichtbar:                        fürs Selbstbewusstsein«, ein Dopa-
Kommentaren                                   »Es wäre auch für mich selber ein bisschen       minstoß, der das Selbstwertgefühl
                                              peinlich, wenn da jetzt gar keiner liken würde   hebt. Negative Kommentare finden
In der Studie von boyd (2014) wird            oder kommentieren.« (Anna, 15 Jahre)
                                                                                               sich auf keinem Account der befrag-
deutlich, dass die Selbstpräsentation         Anna beschreibt das Gefühl von                   ten Mädchen und keines hat bisher
auf sozialen Netzwerken immer auch            Peinlichkeit bei fehlenden Likes, eine           etwas Entsprechendes erlebt. Es sind
im Kontext einer (gedachten) Peer-            Emotion, die unter anderem auftritt,             die kurzen positiven Feedbacks durch
group und deren Regeln stattfindet.           wenn ein Individuum verinnerlicht,               Likes, die, noch einmal gesteigert durch
In der Selbstpräsentation nehmen              sozialen Normen nicht entsprochen                Kommentare, zu einer positiven Be-
die Jugendlichen die Reaktionen               zu haben (Glasenapp, 2013). Peinlich             stärkung in eine bestimmte Richtung
von Peers vorweg und gehen bei der            wäre dies vor allem vor Dritten:                 führen. Hierbei ist es allen befragten
Auswahl und Gestaltung auf sie ein.           »Vielleicht denkt er [die Person, die ihren      Mädchen wichtig zu betonen, dass sie
Wie ist das bei den hier befragten            Instagram-Account sieht] dann so: ›Boah,         sich nicht zu sehr von Likes und Kom-
Mädchen?                                      die ist ja voll unbeliebt‹ oder so.« (Antonia,
                                                                                               mentaren beeinflussen lassen.
                                              15 Jahre)
Die Befragten haben alle einen privaten
                                                                                               »Also ja, [ich lass mich da] schon ein bisschen
Account und wählen sehr gezielt aus,          Liken ist ein Ausdruck von Beliebtheit
                                                                                               beeinflussen, aber ich denke mir da immer,
wen sie als Abonnent*innen zulassen.          und entsprechend dieser Logik ist ein            ja, es muss ja mir gefallen und nicht denen.
Gleichzeitig, so erklärt Mala (15 Jahre),     Bild, das nicht gelikt wird, im Umkehr-          Und wem es nicht gefällt, die sollen es halt
ist die Anzahl an Followern »irgendwie        schluss ein Zeichen für Unbeliebtheit.           nicht liken.« (Maria, 15 Jahre)
so eine Art Beliebtheitsgefühl«. Sie          Doch unbeliebt möchte Anna auf kei-
kann sich noch sehr gut daran erin-           nen Fall erscheinen, nicht etwa, weil            Gleichzeitig nehmen sie eine Span-
nern, wie es war, in der sechsten Klasse      sie sich dadurch z. B. abgewertet oder           nung zwischen offensichtlichem Erfolg
das erste Mal 150 Abonnent*innen zu           einsam fühlen würde oder Ähnliches,              durch Anerkennung des Bildes durch
haben: »Damals war das so: ›Boah, ich         sondern weil es einen unguten Eindruck           andere und dem eigenen ästhetischen
habe 150 Abonnenten.‹« Sie beschreibt         gegenüber einem imaginären Dritten               Empfinden wahr – und haben dabei
auch, wie sich dies mit der Zeit norma-       machen würde, was für einen tief in-             stets die Wirkung ihres Feeds als Visi-
lisiert hat.                                  ternalisierten Blick von außen spricht.          tenkarte von sich und ihre Beliebtheit
Den befragten Mädchen ist es wichtig          Manchmal, wenn auch deutlich seltener            im Blick.
herauszustellen, dass sie ihre Bilder         als mit einem Like versehen zu werden,
nach ihren eigenen Normen bewerten.           werden die Fotos auch kommentiert:               Entwicklung des Postens
Gleichzeitig nehmen sie die Likes und         Ein »Danke« mit einem Herz, »Liebe
Kommentare, die ein Bild bekommt,             dich« mit einem Kuss-Emoji oder                  Vor diesem Hintergrund wird auch eine
sehr genau wahr. Eine der Befragten           »voll hübsch« mit Herzaugen-Emoji                durchgängige Ähnlichkeit in der Ent-
betont explizit, ihr sei es egal, wie viele   sind dann jeweils mit Absender*in                wicklung der Posts gut nachvollziehbar.

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Denn zunächst hatten alle eine                                                                           fluencerinnen herausnehmen,
deutlich größere Bandbreite an                                                                           die sie für sich nutzen können.
Bildern hochgeladen:                                                                                     Mit diesen ausgewählten und
»Am Anfang ist man ja noch beim                                                                          interpretierten Medienspuren
Ausprobieren, so ein bisschen, ja,                                                                       stellen die Mädchen dann wie-
wie kommt es dann an und so.«                                                                            der selbst Bedeutung her. Wie
(Maria, 15 Jahre)
                                                                                                         diese Bedeutungskonstitution
Es waren stets schöne Bilder,                                                                            im Detail aussieht, lässt sich
aber es waren eben auch noch                                                                             durch die rezipientenorientier-
Spaßbilder, Selfies und Bilder,                                                                          te Medienanalyse ermitteln,
auf denen sie mit Freundinnen                                                                            bei der Medienspuren im
zu sehen waren. Zunehmend                                                                                Text erfasst und im Original
veränderte sich dies. Zum Teil                                                                           identifiziert werden und
aus einem Bewusstsein von                                                                                dann aus der Sinnperspektive
                                   Screenshot von Instagram © Instagram-Userin10

Problemen mit dem Bildrecht                                                                              der Rezipient*innen heraus
heraus, meist ist es aber eine                                                                           interpretiert werden (u. a.
grundsätzliche Bewegung hin                                                                              Bachmair, 1996; Götz, 2014).
zu »schönen« Bildern. Ältere                                                                             Deutliche Gemeinsamkeiten
Bilder beschreiben sie jetzt als                                                                         in der Selbstinszenierung der
peinlich:                                                                                                Mädchen und Instagramme-
»Oh mein Gott, was habe ich                                                                              rinnen zeigen sich in den Posen
                                      Abb. 3: Rückenaufnahmen sind ein häufig gewählter Ver-
damals bloß angestellt! Und dann
                                      meidungsweg, wenn der Gesichtsausdruck als nicht perfekt
                                                                                                         und Orten.
löscht man sie dann doch lieber, be- empfunden wird                                                      Die Mädchen inszenieren sich
vor es irgendjemand sieht. (…) Weil                                                                      in Posen, die auch bei Insta-
man irgendwie kindischer aussieht
oder es halt einfach kindisch rüber-
                                                                                                         grammerinnen häufiger zu
kommt.« (Lilly, 14 Jahre)                                                                                finden sind, wie beispielsweise
                                                Vorbildern für die Selbstinszenierung »das ›zufällig‹ überkreuzte Bein« oder
Anna beschreibt beispielsweise, wie werden:                                                    die »Hand wie zufällig im Haar« (Götz
peinlich ihr jetzt ein Video ist, bei »Bei so wahnsinnig vielen Influencern schaut & Becker, 2019). Die Mädchen betonen
dem sie mit ihrer Freundin herumal- man sich dann einfach bestimmte Posen ab. in ihren Begründungen vor allem die
bert. Diese Selbstpräsentation findet Und denkt sich: ›So würde ich auch gerne bessere Bodyshape-Wirkung:
sie jetzt nicht mehr angemessen für aussehen auf den Bildern.‹« (Lara, 15 Jahre)               »Ich stelle immer das eine Bein vor das
ihren Feed. Die Mädchen beschreiben Entsprechend schaut Lara sich im andere. Dann wirken die Beine wesentlich
die Entwicklung als Lernprozess, bei Detail an, wie sich Influencerinnen länger und auch viel dünner, finde ich.« (Lara,
                                                                                               15 Jahre)
dem sie nun nur noch perfekte Bilder inszenieren, und hat dabei eine Tech-
von sich posten.                                nik der Selbstinszenierung in Posen Bestimmte Dinge fallen den Mädchen
                                                entdeckt, mit denen sie optisch einen dabei im Posing leicht, wie das »zu-
Welche Inspirationen genutzt                    bestimmten Eindruck erzeugen und fällig überkreuzte Bein«, bei dem das
                                                so ihrem inneren Ideal genügen kann:           Standbein in den Ballstand geht und
werden
                                                                                               das Spielbein wie zufällig davor gesetzt
Auf die Frage, woher sie die Ideen und »Ich habe das bei vielen Influencern gesehen, wird, ganz wie Lara es oben im Detail
                                                dass man sich auf die Zehenspitzen stellt
Details für ihre Selbstinszenierung und ein Bein vor das andere tut. Weil die beschreibt.
bekommen, geben die Mädchen an, dann einfach viel, viel schlanker aussehen Andere Posen, die Influencerinnen
sie ließen sich von anderen Fotos in- die Beine. Und man sieht einfach allgemein häufig zeigen, setzen die Mädchen
spirieren.                                      größer aus.« (Lara, 15 Jahre)                  nur in leichten Ansätzen ein, wie zum
»Bei den Leuten, denen man folgt, sieht man                                                    Beispiel die »S-Kurve«, bei der der
ja jeden Tag, was die so machen. Und das ist    Die  Mädchen     verweisen    auf mediale      Oberkörper ins Hohlkreuz gedrückt
dann schon extrem praktisch, so zu sagen:       Persönlichkeiten, die sie sich als Vor- und die Hüfte übermäßig zur Seite
›Ah ja, okay, das macht der also‹, und ach,     bild nehmen. Dies sind Medienspuren oder nach hinten gekippt wird. Durch
dann guckt man bei Freunden, was die so
                                                (Bachmair, 1996) in ihrem eigenen Me- diese Pose ist der Bauch angespannt
posten.« (Lilly, 14 Jahre)
                                                dienhandeln, für das sie sich Momente und wirkt dadurch flach, Brust und
Neben Freund*innen sind es vor allem aus den professionell produzierten Auf- Gesäß sind herausgedrückt und wirken
Influencer*innen, die zu konkreten tritten der kommerziell finanzierten In- optisch größer (Götz & Becker, 2019).

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FORSCHUNG

                                                                                                                                                                                                                                          schaut. Weil die Augen machen ja schon viel
                                                                                                                                                                                                                                          aus.« (Lina, 15 Jahre)

                                                                                                                                                                                                                                          Noch deutlicher als bei Körperhal-
                                                                                                                                                                                                                                          tungen und Gesten finden sich die
                                                                                                                                                                                                                                          Gemeinsamkeiten zwischen Influen-
                                                                                                                                                                                                                                          cerinnen und den befragten Mädchen
                                                                                                                                                                                                                                          bei den Orten und Hintergrund-
                                                                                                                                                                                                                                          motiven der Bilder. Beide Gruppen
                                                                                                                                                                                                                                          posten regelmäßig unterschiedliche
                                                                                                                                                                                                                                          und facettenreiche Hintergründe, die
Abb. 4 + 6 (li.): Screenshot von Instagram © Instagram-Userin10; Abb. 5 + 7 (re.): Screenshot von Instagram © ohhcouture/Leonie Hanne

                                                                                                                                                                                                                                          bestimmte Merkmale aufzeigen. Es
                                                                                                                                                                                                                                          sollte ein Hintergrund sein, der sich
                                                                                                                                                                                                                                          optisch von alltäglichen Orten ab-
                                                                                                                                                                                                                                          setzt. Zum Beispiel eine bedeutende
                                                                                                                                                                                                                                          Sehenswürdigkeit, ein paradiesischer
                                                                                                                                                                                                                                          Strand, ein beschaulicher Urlaubsort,
                                                                                                                                                                                                                                          ein Hotspot oder die Skyline einer
                                                                                                                                                                                                                                          bekannten Großstadt. Sowohl Land
                                                                                                                                                                                                                                          und Stadt als auch der genaue Ort sind
                                                                                                                                                                                                                                          dabei oft von den entsprechenden
                                                                                                                                                                                                                                          Influencerinnen inspiriert.
                                                                                                                                                                                                                                          »Wir waren in Venedig und dann haben wir
                                                                                                                                                                                                                                          geschaut, wo ohhcouture war, und sie war
                                                                                                                                                                                                                                          auf diesem bestimmten Turm oben. Dann
                                                                                                                                                                                                                                          haben wir die Polizei gefragt, wo der ist, weil
                                                                                                                                                                                                                                          wir da auch unbedingt hinwollten, weil das
                                                                                                                                                                                                                                          Foto so toll aussah. (…) Es ist nachgemacht,
                                                                                                                                                                                                                                          also ich habe meine Arme nicht, wie sie sie
                                                                                                                                                                                                                                          hält.« (Mala, 15 Jahre, Abb. 4-7)

                                                                                                                                                                                                                                          So wie bei Mala finden sich auch bei an-
                                                                                                                                                                                                                                          deren Mädchen mehrere Beispiele, wo
                                                                                                                                        Abb. 4-7: Die befragten Mädchen (li.) suchen Orte und Sehenswürdigkeiten auf, die                 nicht nur der Ort für den Kurzurlaub
                                                                                                                                        Influencerinnen wie Leonie Hanne (ohhcouture, re.) auf ihren Bildern besucht haben
                                                                                                                                                                                                                                          gezielt nach dem Vorbild der Influence-
                                                                                                                                                                                                                                          rin ausgewählt wird, sondern auch die
                                                                                                                                                                                                                                          konkreten Spots aufgesucht werden.
                                                                                                                                                                                                                                          Zum Teil sind es explizite Vorstellun-
                                                                                                                                        Im Vergleich zu den Profis ­drücken die          mehrjährige genaue Beobachtung                   gen und Anregungen, zum Teil eher
                                                                                                                                        Mädchen Gesäß und Brust nur leicht               von Influencerinnen die Defizite in              implizite Inspirationen, wie und wo ein
                                                                                                                                        heraus, was angesichts ihrer Vorsicht            ihren eigenen Bildern. Wenn sie in die           guter Ort zur Selbstinszenierung ist.
                                                                                                                                        vor einer Selbstsexualisierung gut               Kamera blicken oder lachen, gefällt              Die Mädchen nehmen durchaus Mühe
                                                                                                                                        nachvollziehbar ist.                             ihnen der Ausdruck meist nicht und               auf sich, indem sie diese Orte vorher
                                                                                                                                        Eine weitere Pose, die die Mädchen in            sie nutzen das Foto nicht weiter.                schon heraussuchen und planen, an
                                                                                                                                        ihrer Selbstinszenierung häufiger ein-           Als konstruktiven Vermeidungsweg                 welchem Tag sie dort hinreisen, um
                                                                                                                                        nehmen, ist die Rückenansicht. Doch              haben sie die Rückenaufnahme für                 sich dort zu inszenieren, sie recherchie-
                                                                                                                                        während die Profis dies häufig als               sich entdeckt (Abb. 3), bei denen sie            ren auf Pinterest oder fragen – wie
                                                                                                                                        »zufälliger Blick über die Schulter«             »nur« auf die Perfektheit der Haare              Mala ‒ Polizisten etc., um diese Plätze
                                                                                                                                        inszenieren, drehen die Mädchen                  achten müssen, oder den Blick in die             zu finden. Manchmal treffen sie exakt
                                                                                                                                        ihr Gesicht nicht in die Kamera.                 Ferne.                                           den Spot und die Perspektive wie bei
                                                                                                                                        Sie selbst haben hierfür eine gute               »Ich finde es ist einfacher, als direkt in die
                                                                                                                                                                                                                                          Malas Selbstinszenierung auf der Fi-
                                                                                                                                        Erklärung, denn den meisten Mäd-                 Kamera zu gucken. Man kann so viel falsch        scherinsel Burano bei Venedig (Abb.
                                                                                                                                        chen fällt die Kontrolle der Mimik               machen, (…) wenn man in die Kamera guckt         6 und 7), manchmal ist es eine leicht
                                                                                                                                        schwer. Hier erkennen sie durch ihre             und der Blick dann irgendwie komisch aus-        andere Perspektive.

                                                                                                                                        14                          2019/1
FORSCHUNG

Werden Instrumente genutzt,                     den eigenen Ansprüchen genügt.             ihrem Leben für andere präsentieren.
um wahrgenommene Defizite                       Hierbei nutzen sie regelmäßig Apps,        Sie sind sich sehr bewusst, dass es eine
auszugleichen?                                  um Haare und Gesicht zu korrigieren,       Selbstinszenierung ist. Sie wissen, wo,
                                                aber auch um Körperproportionen            wann und wie sie sich positionieren
Die Mädchen gehen mit einem                     zu verändern:                              müssen, um Bilder herzustellen, die
hohen Anspruch an die Bilder, die               »Ich habe auch so eine App, mit der kann   sie als schön empfinden. Sie können
sie hochladen. Da die Handybilder               ich auch meine Beine verlängern, was ich   mit den entsprechenden Filtern ver-
diesen Ansprüchen oft noch nicht                manchmal mache.« (Lara, 15 Jahre)          ändern, was ihnen an Farbtönen und
genügen, benutzen sie Filter, die sich          Lara hat ein Bild davon, wie sie ausse-    Lichtverhältnissen noch nicht optimal
unproblematisch und meist kostenfrei            hen möchte, und sieht auf den Bildern      erscheint, und an ihren Haaren, dem
herunterladen lassen, um die Realität           ihren eigenen Körper dann kritisch         Gesicht und Körper nachbessern, was
an das perfekte innere Bild anzupas-            und distanziert an. Dieses Phänomen        sie als nicht perfekt identifizieren.
sen. Zum einen sind dies Licht- und             der Selbstobjektivierung wurde z. B.       Vorbilder, wie sie am liebsten aussehen
Farbeffekte: »Man schaut halt schon,            auch für Mädchen und Frauen, die           wollen, gewinnen sie bei Peers und vor
dass man Helligkeit, Kontrast und so            Facebook nutzen, nachgewiesen.             allem bei Influencerinnen, die sie bis ins
etwas anpasst.« (Mala, 15 Jahre) Häu-           Sie sehen die eigene körperliche Er-       Detail in deren Selbstinszenierung ana-
figer erzählen Mädchen auch davon,              scheinung distanziert als Objekt und       lysieren und nachahmen. Insgesamt ist
wie sie die Umgebung verändern und              richten ihren Blick auf Details, was zu    ihre Mediennutzung selbstbestimmt,
die Menschen aus dem Hintergrund                einem gesteigerten Unwohlsein mit          kompetent und ihre Selbstinszenierung
entfernen.                                      dem eigenen Aussehen führt (Far-           und ihr Postverhalten Teil einer Selbst-
Zum anderen werden Filter dazu ge-              douly et al., 2015a; 2015b; Fardouly &     wirksamkeitserfahrung. Diese selbstbe-
nutzt, wahrgenommene Defizite des               Vartanian, 2015; Kim & Chock, 2015).       stimmte Inszenierung auf Instagram
eigenen Körpers auszugleichen ‒ von             Entsprechend geht die vermehrte            ist dabei gleichzeitig von einer vollen
»einfach nur so ein bisschen den Haut-          Nutzung von Instagram z. B. bei jun-       Anerkennung des Systems geprägt.
ton schöner [machen]« (Alisa, 16 Jahre)         gen Frauen in den USA und Australien       Kritische Fragen, ob es beispielswiese
bis zur Korrektur von Pickeln:                  mit vermehrter Selbstobjektivation         überhaupt sinnvoll und ihrer Identität
»[Mein] Gesicht ist eigentlich auch ganz in     einher (Fardouly et al., 2018). Auch bei   zuträglich ist, einem so stereotypen
Ordnung, es sei denn, man hat einen super-      den sieben Mädchen der Fallstudien         Schönheitsideal genügen zu wollen,
fiesen Pickel. Aber dafür gibt es dann ja (…)   lässt sich genau dieser überkritische      werden nicht gestellt. Auf die Idee, dass
die Bildbearbeitungs-Apps. Aber Samsung         Blick auf die kleinsten Details finden,    es eigentlich frauenfeindlich ist, aus-
hat ja selber auch schon so einen Filter, den
                                                wobei sie sich gleichzeitig im Gespräch    schließlich das Aussehen in den Fokus
man drüberlegen kann, zum Glück.« (Lilly,
14 Jahre)                                       immer wieder auch mit Stolz auf ihren      zu stellen und traditionelle weibliche
                                                eigenen Körper präsentieren. Zum           Körperpraktiken, wie stets gerade zu
Lilly hat eine gewisse Akzeptanz gegen-         Beispiel macht Mala Kampfsport und         sitzen, als notwendig anzuerkennen,
über ihrem eigenen Gesicht, die aber            ist stolz, ihren trainierten Körper zu     kommen sie nicht. Die Mädchen sind
dann endet, wenn ein Pickel zu sehen            zeigen. Lilly fotografiert sich gerne      perfekt angepasst und formulieren
ist. »Zum Glück« gibt es aber Filter, so-       auch in Ganzkörperbildern, »um das         ihre Selbstinszenierung ausgesprochen
dass trotz dieses inakzeptablen Makels          Kleid zu zeigen und meine Figur, wo        kompetent im Sinne eines neoliberalen
ein Bild erstellt werden kann. Dass es in       ich stolz drauf bin, dass ich sie halten   Frauenbildes, bei dem die Selbstopti-
ihrem Alter völlig natürlich und normal         kann« (Lilly, 14 Jahre). Den Mädchen       mierung und das sich und anderen
ist, dass die Haut Pickel entwickelt, und       ist es gelungen, sich zu optimieren,       Gefallen im Mittelpunkt stehen. In der
diese auch zu ihr gehören, ist aus ihrer        und darauf sind sie stolz.                 Entwicklung lässt sich dabei eine sich
Perspektive nicht relevant. Der Pickel                                                     immer enger ziehende Schraubbewe-
muss entfernt werden. Dies sind medi-                                                      gung rekonstruieren: Eigentlich wollen
ale Körperpraktiken, mit denen Frauen           DEUTUNG DER ERGEBNISSE                     sich Mädchen in ihrer Identität zeigen
empfundene Defizite ausgleichen.                DER FALLSTUDIEN                            und dafür Anerkennung bekommen.
Schon in der Beurteilung der eigenen                                                       Zunächst tun sie dies über Selfies,
Bilder fiel die Detailsorgsamkeit auf,          Die Mädchen präsentieren sich als          Videos aus ihrem Alltag und außerge-
mit der die Mädchen die eigenen                 medienkompetente Userinnen, die            wöhnliche, »verrückte« Dinge, die sie
Bilder beurteilen. Mit diesem Detail-           sorgsam mit sich und ihren Abbildern       tun. Durch ihr inneres Wertungssys-
blick betrachten sie auch ihren eige-           umgehen, sich gezielt inszenieren, Bil-    tem, das gnadenlos mit Abweichungen
nen Körper und arbeiten nach, wo                der gezielt auswählen und mit ihrem        vom dominanten Schönheitsideal
das Bildnis des eigenen Körpers nicht           Feed eine Visitenkarte von sich und        umgeht, und den Vergleich mit den

                                                                                                 2019/1                          15
Grafik: © IZI; Foto: Screenshot von Instagram © Instagram-Userin10   FORSCHUNG

                                                                     Abb. 8: Die Entwicklung der Selbstinszenierung in zunehmend stereotyperen Ausprägungen

                                                                     professionellen Instagramerinnen neh-          inneren Bild gleichen. Das Ergebnis: Ihre   dien mit ihren Grundtendenzen der
                                                                     men sie Defizite in ihrer Selbstinszenie-      Posts werden immer perfekter, aber          Selbstinszenierung auf Instagram,
                                                                     rung wahr. Sie bekommen Likes und              eben auch einheitlicher und denen           den Idealen, die sie im Kopf haben,
                                                                     Rückmeldungen, die sich vor allem auf          der Influencerinnen ähnlicher. Andere       ihren Optimierungsstrategien und
                                                                     ihr Aussehen beziehen. Erfolgreich sind        Aspekte, die sie als Individuum und in      Vorbildern eine Ausnahme? Und ist
                                                                     vor allem die Inszenierungen, die den          ihrer Einzigartigkeit ausmachen, wer-       es eigentlich ein geschlechterspezifi-
                                                                     Vorgaben der professionellen Schön-            den (zumindest auf Instagram) nicht         sches Phänomen oder machen sich
                                                                     heits- und Modeindustrie entsprechen.          mehr gezeigt.                               Jungen im Grunde ganz ähnliche
                                                                     Dies führt vorbewusst dazu, dass alle          Was sich hier zeigt, ist ein typisches      Gedanken über ihren männlichen
                                                                     anderen Bilder zunehmend seltener              Kennzeichen weiblicher Individu-            Körper und seine Inszenierung?
                                                                     hochgeladen werden. Was früher das             alisierungsprozesse, wie sie Angela         Um diesen Fragen nachzugehen,
                                                                     Besondere war (Humor, Erlebnisse               McRobbie in ihrem Buch Top Girls            war es notwendig, Jugendliche auf
                                                                     mit Freundinnen etc.), ist ihnen nun           beschreibt. Mädchen wird die Verant-        repräsentativem Niveau in ganz
                                                                     peinlich. Entsprechend löschen sie             wortung für ihre eigene Selbstinsze-        Deutschland zu befragen, was wir
                                                                     (fast) alle Bilder dieser Art aus ihrem        nierung in die Hand gegeben. Parallel       in der zweiten Studie getan haben.
                                                                     Feed (Abb. 8).                                 wirken Mode- und Schönheitsindus-
                                                                     Im ständigen Vergleich mit den Influ-          trie und verweisen die Mädchen auf
                                                                     encerinnen nehmen sie ihren Körper             den Körper als Zentrum ihrer Identi-        STUDIE 2:
                                                                     als weniger perfekt wahr, was bereits          tät und die Betonung des Weiblichen         EINE REPRÄSENTATIV-
                                                                     durch den aktuellen Forschungsstand            als einzigen anerkannten Weg. Es ent-       BEFRAGUNG4
                                                                     gut belegt ist, und versuchen, die             steht eine postfeministsche Maskera-
                                                                     »Unperfektheiten« an ihrem eigenen             de, in der die Mädchen sich bewusst         Um die in den Einzelfällen gefundenen
                                                                     Körper in ihrer Selbstinszenierung             als weiblich inszenieren, aber nicht        typischen Momente der Selbstinsze-
                                                                     möglichst zu überdecken. Sie beginnen,         um männliche Anerkennung zu be-             nierung auf repräsentativem Niveau
                                                                     sich noch mehr zu inszenieren, und mit         kommen oder negative Rückmeldung            abzufragen, wurde eine standardi-
                                                                     Schminke und Filter zu optimieren. Sie         zu vermeiden. Die Mädchen selbst            sierte Befragung entwickelt und von
                                                                     nehmen selbst wahr, dass dies vermut-          werden zur maßregelnden Struktur,           IconKids & Youth empirisch in einer
                                                                     lich ein übertriebenes Nachbessern im          zu gnadenlosen Richterinnen ihrer           Face-to-Face-Untersuchung im Rah-
                                                                     Detail ist, können es aber nicht lassen,       selbst (McRobbie, 2010, 101 ff.).           men einer Mehrthemenbefragung
                                                                     denn ihre Selbstinszenierung soll dem          Sind die Mädchen aus den Fallstu-           durchgeführt.

                                                                     16                         2019/1
FORSCHUNG

                                                          Worauf achten                     verändern?« stimmt ein gutes Drittel
                                                          Jugendliche bei den               der Jugendlichen, die Bilder von sich
                                                          Bildern, die sie                  hochladen, zu. Dabei verwenden sig-
                                                                                            nifikant mehr Mädchen (49 %) Filter
                                                          hochladen?
                                                                                            als Jungen (27 %).
                                                                Auf die Frage, was ihnen
                                                                an den Fotos besonders Was wird optimiert oder verändert?
                                                                wichtig ist, wurde den Ju- Jugendliche, die Filter oder Apps zur
                                                                gendlichen eine Liste von Veränderung ihrer Bilder verwenden,
                                                                zehn Aspekten vorgelegt, wurden nun gefragt, was sie an ihren
                                                                denen sie auf einer Vie- Bildern optimieren, und es wurde ihnen
                                                                rerskala zustimmen oder hierfür eine Liste mit 14 allgemeinen
                                                                die sie ablehnen konnten. sowie fünf geschlechterspezifischen
                                                                Die höchste Zustimmung Ansatzpunkten vorgelesen. Es zeigt
                                                                bekam »sich gut gelaunt sich: Jugendliche optimieren an den
                                                                zeigen« (87 %), gefolgt von Bildern diverse Dinge ihres Körpers.
                                                                »sich auf den Bildern von Hierbei zeigen sich signifikante Unter-
                                                                der besten Seite zeigen« schiede zwischen den Geschlechtern
                                                                (82 %) und dabei »möglichst (p
FORSCHUNG

Haut (70 %) oder Haare (69 %), färben       liegender Hintergrund könnte die         geschlechterspezifische Begrenzung
die Haut etwas gebräunter (47 %),           Masse an verzerrten Körperbildern        von Frauen auf Beauty, Lifestyle
bessern das Make-up nach (38 %)             sein, die Kinder schon im Zeichen-       und Mode deutlich wurde, während
und machen ihre Zähne heller (38 %).        trickfernsehen zu sehen bekommen.        sich bei den Männern eine deutlich
Ein Drittel (je 33 %) zieht den Bauch       Im deutschen Kinderfernsehen ist         größere Bandbreite findet (Linke
regelmäßig flacher, verändert die Au-       rund die Hälfte der Frauenfiguren um     et al., 2019). Dieses eingeschränkte
genfarbe und -größe.                        die Taille unnatürlich dünn (Linke et    Angebot findet sich dann auch auf
Jungen, die einen Filter verwenden,         al., 2017), im internationalen Markt     der Nutzungsseite wieder.
verändern an sich die Breite ihrer          haben sogar drei Viertel der Mäd-
Schultern (40 %) und gestalten ihre         chenfiguren einen unnatürlich dün-       Gibt es einen Zusammenhang zwi-
Arme muskulöser (39 %) (Abb. 10).           nen Körper (Götz & Herche, 2013).        schen Bildoptimierung und dem
Einige nutzen Filter, um sich ein Sixpack   Hinzu kommen die vielen Bilder von       Folgen von Influencerinnen?
zu ergänzen (23 %) oder um die Beine        Fotomodels in Magazinen, auf Plaka-      Für alle Mädchen, die einem/einer
muskulöser aussehen zu lassen (22 %).       ten und bei Germany’s Next Topmodel      Youtuber*in oder einem Model folgen,
Insgesamt sind es nur halb so viele         (Götz & Mendel, 2016). Statistisch       ist es wichtig, schlank auszusehen.
Jungen wie Mädchen, die auf Instagram       hat nur eine von 40.000 Frauen die       Unter denjenigen, die keiner/keinem
Bilder posten und Filter nutzen, aber       Körpermaße eines Laufsteg-Models         Influencer*in folgen, sind es etwa drei
wenn, dann u. a. um typische Merk-          (Hawkins et al., 2004), dennoch sind     Viertel der Mädchen, die schlank aus-
male des männlichen Schönheitsideals        sie visuell für Jugendliche die domi-    sehen wollen, und ein Viertel, denen
zu verstärken.                              nante Erscheinungsform von Frauen        dies nicht wichtig ist.7
                                            und nicht zuletzt auf Instagram als      Ein weiterer statistisch signifikanter
Filter und der Wunsch, »natürlich«          Influencerinnen diejenigen, denen sie    Zusammenhang zeigt sich zwischen
auszusehen                                  folgen. Insofern gingen wir im nächs-    dem Nutzen von Filtern und dem
Jugendliche wollen nach eigenen             ten Schritt der Frage nach, ob sich      Folgen von Beauty-Influencerinnen:
Angaben natürlich aussehen (82 %).          Zusammenhänge zu Influencer*innen        Mädchen, die mindestens einer
Laut Wortdefinition heißt das, in der       herstellen lassen, denen die Jugendli-   Beauty-Influencerin folgen, ver-
Natur vorkommend und nicht vom              chen folgen.                             wenden häufiger Filter (59 %) als
Menschen künstlich hergestellt oder                                                  die Mädchen, die keiner Beauty-
nachgebildet (Duden6). Damit würden         Folgen von bekannten                     Influencerin auf sozialen Netzwerken
sich das Ziel, »natürlich« auf dem Bild                                              folgen (45 %). 8
                                            Persönlichkeiten
auszusehen, und eine Filternutzung ei-                                               Noch einmal weiter ausdifferenziert
gentlich ausschließen. Empirisch zeigt      Jede/r zweite Jugendliche folgt be-      zeigt sich die statistische Auswertung
sich jedoch, dass es Jugendlichen, die      kannten Personen wie Stars oder          nach einzelnen Influencerinnen. So
Filter verwenden, genauso wichtig ist,      Blogger*innen, die Mädchen etwas         optimieren alle Mädchen (n=62), die
auf ihren Bildern natürlich auszusehen,     mehr als die Jungen (51 % der Mäd-       Dagi Bee folgen, regelmäßig ihre Haut
wie Jugendlichen, die keine Filter ver-     chen und 46 % der Jungen). Bei den       auf den Bildern mit Filtern, machen
wenden.                                     offenen Namensnennungen zeigt            sie ebenmäßiger und gebräunter und
Es ist eine Verschiebung des Begriffs       sich dabei ein deutlicher Geschlech-     arbeiten das Make-up nach. Acht von
»natürlich«, die auch schon in der          terunterschied. Während bei den          zehn Mädchen machen ihr Gesicht
Studie von Kleemans et al. (2018)           Mädchen Beauty-YouTuberinnen             schmaler, eine mediale Körperpraktik,
deutlich wurde. Hier wurden Mäd-            wie Dagi Bee (15 %), Bibi (von Bibis     die sonst deutlich seltener vorkommt
chen (14 bis 18 Jahre) Bilder von Peers     BeautyPalace; 8 %) und Shirin David      (27 %). Wie all diese Selbstoptimierun-
gezeigt, die durch Filter manipuliert       (4 %) sowie Stars wie Heidi Klum und     gen am Bild im Detail gehen, erklärt
und schlanker gemacht wurden.               Rihanna (beide 4 %) am häufigsten        Dagi Bee in einem Tutorial, inklusive
Die veränderten Bilder werden als           unter den Top 5 Influencer*innen         der zu nutzenden Filter.
»schöner« und »natürlicher« beur-           angeführt werden, waren es bei den       Auch alle Mädchen, die Heidi Klum
teilt, selbst wenn die Manipulation         Jungen YouTuber wie Gronkh (7 %),        folgen, bessern ihre Haut nach. Zu-
bekannt ist. Parallel sinkt spontan das     LeFloid (6 %) und iBlali (5 %) sowie     dem hellen sie signifikant häufiger
Selbstwertgefühl der Mädchen. Das           DieLochis und Crow (beide 4 %) aus       auf Bildern ihre Zähne mithilfe von
innere Bild der Mädchen von einem           den Bereichen Gaming, Nachrichten/       Filtern auf. Körperpraktiken, die Heidi
Frauenkörper ist hier vermutlich            Politik, Comedy und Musik. Dies ent-     Klum auch den Kandidatinnen von
schnell bereit, sich einem verzerrten       spricht den Analysen des Angebots        Germany’s Next Topmodel regelmäßig
neueren Ideal anzupassen. Ein nahe-         an YouTuber*innen, bei denen die         als Selbstoptimierung verordnet.

18                        2019/1
FORSCHUNG

                                         der Prozentsatz mit dem Alter deut-         Psychoedukation würde dabei unter-
FAZIT AUS STUDIE 2                       lich steigt. Auch bei Jungen gibt es        stützen, einzuordnen, welche sponta-
                                         dieses Phänomen, es ist aber deutlich       nen und dauerhaften Wirkungen diese
Die Mädchen aus den Fallstudien          seltener (12,5 %9) und eher auf eine        Abbildungen für viele Frauen haben.
waren keine Ausnahmen in ihrer           muskuläre Vermehrung des Körpers            Informationen über Grundgedanken,
Selbstinszenierung auf Instagram. Es     angelegt als auf eine Verdünnung des        wie sie Angela McRobbie in Top Girls
betrifft nicht alle Mädchen, denn, wie   Körpers und Glättung von Haut wie           formuliert, könnten verdeutlichen:
die Repräsentativuntersuchung zeigt,     bei den Mädchen.                            Den Zwang zur Selbstbeschränkung,
bei den 14- bis 16-Jährigen sind nur                                                 den früher das Patriachat ausübte, hat
etwa die Hälfte der Mädchen aktiv                                                    heute die Mode- und Schönheitsindus-
beim Posten auf Instagram engagiert.     SCHLUSSFOLGERUNGEN                          trie übernommen, und Mädchen (und
Wenn sie dies tun, haben sie in die-                                                 Frauen) fügen sich heute diesen Zwang
ser Selbstinszenierung ganz ähnliche     Die Studie zeigt, dass Mädchen, die         freiwillig selbst zu.
Qualitätsvorstellungen von einem         sich auf Instagram selbst darstellen,       Vor allem aber muss es darum gehen,
Bild von sich, wie die Mädchen aus       dies mit einem sehr kritischen Blick        Räume zu schaffen, in denen Mädchen
den Fallstudien. Sie möchten sich        auf ihre natürliche Erscheinung tun.        sich mit ihren vielen Facetten erfahren
»gut gelaunt« von ihrer besten Seite     Influencerinnen haben für Mädchen           und als wertgeschätzt erleben können.
zeigen und dabei möglichst »natür-       eine nachweisbare Bedeutung als             Projekte wie »Klang meines Körpers«,
lich« und »schlank« aussehen. Um         Vorbild in der Selbstinszenierung. Sie      in denen Räume zur Selbstdarstellung
dies zu erreichen, nutzt jede Zweite     erkennen sie unhinterfragt als Ideal        geschaffen werden, wären gute Schritte
regelmäßig Filter-Software, ohne         an und versuchen, ihnen in Aussehen,        in diese Richtung (Lahusen & Hilde-
dass dies im Widerspruch zu dem          Gestik, Mimik, Orten etc. zu folgen.        brandt, 2014).
Wunsch, »natürlich« auszusehen,          Hierbei wird die immer wieder gleiche       Innerhalb des Instagram-Universums
stehen würde. Dabei gehören das          posenhafte Maskerade repetiert. Da          wäre es wichtig, dass sich gerade die
Ausgleichen von Hautunreinheiten,        im Normalfall die eigene Erscheinung        Influencerinnen ihrer Rolle bei der
das Optimieren von Haaren und das        der Mädchen für die Erreichung des          Verengung des Selbstbildes bewusst
Flachergestalten des Bauches zu den      Standards nicht reicht, helfen sie mit      werden und (wieder) mehr Facetten
häufigsten medialen Körperpraktiken,     Inszenierungstricks und Filtern nach.       eines individuellen Lebens, vielfälti-
die sie an ihren Bildern vornehmen.      Es kommt zu einer Verzerrung des            gere Emotionen und »nicht perfekte«
Sich für Influencerinnen zu begeis-      Verständnisses von »natürlich« und          Selbstinszenierungsbilder posten, die
tern, geht dabei mit einem signifikant   »spontan«. Die Maskerade wird zum           sie in ihrer ganz eigenen, besonderen
höheren Wunsch einher, auf den           unhinterfragten Standard und lässt          Identität zeigen. Dies würde auch
Bildern schlank auszusehen. Sind die     keine Abweichung zu. Das nachbear-          Mädchen dazu inspirieren, nach ihren
Mädchen Fans von Influencerinnen         beitete Bild erscheint natürlicher als      eigenen Facetten zu suchen, und ihnen
wie Dagi Bee oder Heidi Klum, geht       die wirkliche Erscheinung (Kleemans         Mut geben, sie zu posten. Eine gezielte
dies mit einer erhöhten Veränderung      et al., 2018). Die eigentliche natürliche   Wertschätzung dieser »Ausnahme-
bestimmter Körperpartien mit Filtern     Erscheinung und die vielfältigen Iden-      bilder« der Selbstinszenierung durch
einher.                                  titätsfacetten der Mädchen werden           Likes und Kommentare wäre hierbei
Die repräsentative Überprüfung zeigt     abgewertet und verborgen – und das in       vermutlich besonders wirksam.
dabei auch: Die hohe Selbstoptimie-      einer Lebensphase, in der Anerkennung       Nicht zuletzt in der Medienindustrie
rung durch Inszenierungstricks, Filter   so wichtig wäre.                            sollte es darum gehen, Gegenbeispiele
etc. ist ein geschlechterspezifisches    Zurzeit lassen wir Mädchen mit diesem       und eine Erweiterung des Frauenbildes
Thema, betrifft aber auch einige Jun-    Thema allein. Sinnvolle pädagogische        gezielt zu fördern, Erfahrungen von
gen. Mädchen sind dabei im Vergleich     Maßnahmen wären zum einen Psycho-           Frauen mit der »postfeministischen
beim Posten aktiver, haben mehr          edukation, in der die Mädchen, z. B.        Maskerade« (McRobbie, 2010) zu
Idealvorstellungen von ihrer Selbstin-   am Beispiel von Studienergebnissen,         thematisieren und Wege aus der selbst-
szenierung und nutzen häufiger Filter,   erfahren, wie unnatürlich die Körper        gewählten Begrenzung aufzuzeigen.
um ihren Körper auf Abbildungen zu       von weiblichen Zeichentrickfiguren          Aufgabe sollte es sein, Mädchen heute
verändern. Bei den 12- bis 19-jährigen   oftmals sind, wie sehr Filter in der        vom Perfektionsdruck, der auf ihrer
Mädchen verändern etwa vier von          Mode- und Selbstinszenierungsindus-         Selbstinszenierung liegt, mehr zu
zehn Mädchen regelmäßig mit Filtern      trie eingesetzt werden und welche           entlasten und sie in der Entwicklung
ihre Erscheinung auf Bildern, die sie    Ausnahmekörper die Kandidatinnen            ihrer eigenen Individualität zu unter-
auf Instagram veröffentlichen, wobei     bei Germany’s Next Topmodel haben.          stützen.

                                                                                          2019/1                         19
FORSCHUNG

                                                             dia. Computers in Human Behavior, 55, 190-197. Ver-          Linke, C., Stüwe, J. & Eisenbeis, S. (2017). Überwiegend
ANMERKUNGEN                                                  fügbar unter: https://www.sciencedirect.com/science/         unnatürlich, sexualisiert und realitätsfern. Eine Studie
                                                             article/pii/S0747563215301424?via%3Dihub [10.1.2019].        zu animierten Körpern im deutschen Kinderfernsehen.
                                                                                                                          TelevIZIon 30(2), 14-17.
1
     instagram-press.com [12.2.2019]                         de Aguiar Pereira, J. (2016). Believe in Yourself(ie):
                                                             A study of young, ordinary, South African women              Linke, C., Wegener, C., Prommer, E. & Hannemann, M.
2
     Die Interviews führte Anne-Kathrin Lux, die Grund-
                                                             who share selfies on Instagram. MA dissertation.             (2019). Zur Sichtbarkeit von Gender in YouTube. Im
     auswertung der Interviews übernahm Josephine
                                                             Verfügbar unter: http://wiredspace.wits.ac.za/hand-          Auftrag der Film- und Medienstiftung NRW und der
     Becker mit Unterstützung von Pamela Tumba und
                                                             le/10539/22628 [11.1.2019]                                   MaLisa Stiftung. In: Weibliche Selbstinszenierung in
     Maren Toepler.
                                                                                                                          den neuen Medien. Verfügbar unter: https://malisa­
                                                             Eccles D. & Arsal G. (2017). The think aloud method:
3
     Die Rekrutierung verlief per Schneeballsystem und                                                                    stiftung.org/wp-content/uploads/Selbstinzenierung-
                                                             what is it and how do I use it? Qualitative Research in
     die Stichprobe kann keinerlei Anspruch auf Allge-                                                                    in-den-neuen-Medien.pdf [5.3.19]
                                                             Sport, Exercise and Health, 9(4). 514-531.
     meingültigkeit erheben. Die Namen der Mädchen
                                                                                                                          Livingston, S. (2008). Taking risk opportunities in youth-
     wurden verändert.                                       Fardouly, J. & Vartanian, L.R. (2015). Negative compari-
                                                                                                                          ful content creation: Teenagers’ use of social networking
                                                             son about one’s appearance mediated the relationship
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     In Zusammenarbeit mit Lisa Kammerer                                                                                  sites for intimacy, privacy and self-expression. New
                                                             between Facebook usage and body image concerns.
                                                                                                                          Media & Society, 10, 393-411.
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     Durchgeführt von Iconkids & Youth. Die Stichprobe,      Body Image, 12, 82-88.
     ausgewählt an 150 BIK-Sample-Points, ist quotiert                                                                    Mascheroni, G., Vincent, J. & Jimenez, E. (2015). »Girls
                                                             Fardouly, J., Diedrichs P.C. & Vartanian, L.R. (2015a).
     nach Alter, Geschlecht und Migrationshintergrund                                                                     are addicted to likes so they post semi-naked selfies«:
                                                             Social comparison on social media: the impact of Face­
     der befragten Jugendlichen, Schulbesuch/-abschluss,                                                                  peer mediation, normativity and the construction
                                                             book on young women’s body image concerns and
     Verteilung nach Bundesländern und Gemeindegrö-                                                                       of identity online. Cyberpsychology: Journal of Psy-
                                                             mood. Body Image, 13, 38-45.
     ßenklassen sowie dem Familienstand der Mutter und                                                                    chosocial Research on Cyberspace, 9(1), Artikel 5.
     ist für die Grundgesamtheit aller 12- bis 19-Jährigen   Fardouly, J., Diedrichs P.C. & Vartanian, L.R. (2015b).      Verfügbar unter: https://cyberpsychology.eu/article/
     in Privathaushalten in Deutschland repräsentativ:       The mediating role of appearance comparisons in              view/4329/3391 [10.1.2019]
     6,1 Millionen, davon 5,29 Mio. in ABL und 0,81 Mio.     the relationship between media usage and self-ob-
                                                                                                                          McRobbie, A. (2010). Top Girls. Feminismus und der
     in NBL. Repräsentativität der befragten Jugendli-       jectification in young women. Psychology of Women
                                                                                                                          Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes. Wies-
     chen entspricht einer Wahrscheinlichkeitsstichpro-      Quarterly, 39, 447-457.
                                                                                                                          baden: VS Verlag.
     be gleicher Größenordnung, der Vertrauensbereich
                                                             Fardouly, J., Willburger, B. K. & Vartanian, L. R. (2018).
     bei einem Signifikanzniveau von 90 % beträgt im                                                                      Rassi, N. (2016). Empowerment, Control & The Fe-
                                                             Instagram use and young women’s body image con-
     ungünstigsten Fall für n=846 ± 3,99 % als Stichpro-                                                                  male Body: Is Instagram a Platform for Change? A
                                                             cerns and self-objectification: Testing mediational
     benfehler. Feldzeit: 2. bis 31. März 2018.                                                                           Research Project submitted to the Faculty of Graduate
                                                             pathways. New Media & Society, 20(4), 1380-1395.
                                                                                                                          and Postdoctoral Studies in partial fulfillment of the
6
     https://www.duden.de/rechtschreibung/natuer-
                                                             Feierabend, S., Rathgeb, T. & Reutter, T. (2018). JIM        requirements for the Degree of Master of Arts Sociology
     lich_folgerichtig_zwanglos_echt [5.3.19]
                                                             2018. Stuttgart: Medienpädagogischer Forschungs-             Faculty of Social Science. University of Ottawa.
7
     Unterschiede zwischen den Gruppen auf dem Signi-        verband Südwest.
                                                                                                                          Reece, A. G. & Danforth C.M. (2017). Instagram pho-
     fikanzniveau p
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