Positive Erinnerungen an das Kinderheim in Teufen AR und dessen Leiterin Dora Wachter

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Positive Erinnerungen an das Kinderheim in Teufen AR und dessen Leiterin
Dora Wachter
Hinweise zum Buch „Tante Dora – Erinnerungen an ihr Kinderheim“ (Chur 2008) von Amrei Krug
und Jörg M. Buddensiek sowie zum Zeitungsartikel von Erika Preisig „Dora Wachter: Ein Leben
für die Kinder“ in der „Tüüfner Post“ (Dorfzeitung Teufen, Jahrgang 13, Nr. 1, Februar 2008, S.20-
22, siehe weiter unten.)
Dora Wachter leitete ihr Kinderheim in Teufen von 1930 bis 1966. Es beherbergte auch viele
Auslandschweizerkinder und wird von seinen Ehemaligen gelobt. Es kann wohl als eines der
positiven Beispiele eines Kinderheims in dieser Zeit gelten. Es bleibt abzuklären, ob es weitere
Dokumente und Rückmeldungen zu diesem Heim gibt.
Zwar wird auch aus diesem Heim, im Rückblick auf die 1940er und 1950er Jahre, von Aspekten
berichtet, die den Kindern nicht als angenehm erschienen – Sprechverbot beim Essen, Liegezwang
nach dem Essen, teilweise nicht nachvollziehbare Vorschriften beim Essen, ungeliebte Gerichte wie
Haferbrei (Porridge). Selbst einzelne Übergriffen seitens des Personals wie am Ohr ziehen (im
erwähnten Buch S.14 geschildert), oder Eintauchen des Kopfes in heissen Haferbrei (S.65)
überliefert das Buch. Dennoch überwiegen zumindest bei den Verfassern des hier zitierten
Erinnerungsbuchs die positiven Erinnerungen an ihre Heimzeit bei weiten. Dies lag vor allem auch
daran, dass sich die Heimleiterin Dora Wachter klar gegen solche Übergriffe aussprach. Im krassen
Fall mit dem Eintauchen des Kopfes eines Heimkinds in den heissen Haferbrei entliess sie die
Fehlbare umgehend. Dora Wachter selber kam ohne Strafen und Auftreten dieser Art aus, sondern
arbeitete mit transparenten und nachvollziehbaren Erklärungen ihrer Anordnungen sowie mit einer
Disziplin, die für alle galt, und sie strahlte offensichtlich eine Güte und Herzlichkeit aus, welche
auch schwierige Situationen zu meistern wusste. Etlichen Heimkindern, so auch der Autorin und
dem Autor des Buchs, war zudem klar, dass der Aufenthalt im Heim sie vor Schlimmerem
bewahrte; diese beiden (sie kamen als Geschwister ins Heim) entgingen in Teufen der materiellen
Notlage im Deutschland der Nachkriegsjahre.
Hier folgt die Schilderung der Entlassung jener Angestellten, welche den Kopf eines Heimkindes,
das seinen Haferbrei nicht essen wollte, in den Teller mit dem heissen Porridge tauchte.
Bemerkenswert ist auch, dass die Heimkinder, welche sie an der betreffenden Angestellten mit
einem argen Streich rächten, dafür nicht bestraft wurden.
„Eingestellt als Erzieherin war Fräulein F. für uns eine Plage. Wir waren nicht nur von ihrer
gewaltigen Masse beeindruckt, sondern auch von ihrer Erbarmungslosigkeit. Weiss der Teufel, was
sie dazu bewogen hatte, sich mit Kindern abzugeben, und was sie dazu gebracht hatte, in dieser Zeit
so rabiat und boshaft zu sein. Wir waren ihr hilflos ausgeliefert, aber rätschen [petzen], das tat man
nicht. Keiner wollte als Rätschbäsi [Petzer, Petzerin] gelten. So hatten wir Angst vor ihr und waren
zutiefst unglücklich in ihrer Gegenwart. Heimlich nannten wir sie Furzebach oder Pfluttere, das gab
uns eine Genugtuung. Aber Tante Dora entging nichts und die Tage der Pfluttere im Kinderheim
waren bereits gezählt.
In dieser Zeit gab es der guten Gesundheit wegen morgens als erstes einen Porridge. Uns war das
fremd, aber wir assen den Brei samt Spelzen, Rahmfetzen und Butterflöckchen ohne Murren. Aber
Johnny, der aus England gekommen war, musste sich jeden Tag überwinden, denn das war
offensichtlich nicht der richtige Porridge. Er rührte mit dem Löffel darin herum, fischte die Spelzen
und anderes heraus und legte sie an den Tellerrand; Tränen der Verzweiflung kullerten in den Brei,
der immer dicker wurde, je länger man mit dem Essen wartete.
Eines Morgens stand der heiss gefüllte Teller wieder heiss dampfend vor Johnny und er beugte sich
angewidert darüber und überlegte, wie er wohl möglichst unauffällig mit dem Fischen beginnen
konnte. Fräulein F. sah es, griff Johnnys Kopf und tunkte ihn in den heissen Brei. Zuerst lachten wir

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laut ob der Komik der Situation. Doch dann machte sich betroffenens Schweigen breit. Johnny war
unser Freund. Wir empfanden heftig, dass sie ihn erniedrigt und lächerlich gemacht und ihm
obendrein das Gesicht verbrüht hatte. Da kam Tante Dora herein, sah bestürzt, was geschehen war,
und sagte ruhig: ‚Johnny, gang di go wäsche.“ [Johnny, geh dich waschen.]
Der Rest des Frühstücks fand in eisiger Stille statt. Doch in uns brodelte es. Wir schworen Rache,
jedes für sich. Und was wir schon längst gerne getan hätten, wurde nun beschlossene Sache, ohne
dass wir darüber hätten reden müssen. In gespannter Stille folgten wir ihr ins Spielzimmer und was
wir uns schon lange wispernd und flüsternd vorgestellt hatten, geschah nun völlig selbstverständlich
und ohne grosses Kommando. Jörg, Johnny, Peter und der schlimme Paul stellten sich hinter den
Stuhl, auf den sie sich zu setzen pflegte, und ich lenkte sie von vorne ab, indem ich ihr irgendetwas
zeigte, das ich auf den Tisch legte. Im Moment, als sie sich mühsam und umständlich auf ihren
Stuhl fallen liess, war dieser nicht mehr da und Fräulein F. landete ziemlich unsanft auf dem Boden.
Empörtes Gezeter, unbeholfener Kampf mit dem Gewicht und diversen Röcken und brüllendes,
begeistertes Gelächter unsererseits. Johnny war rehabilitiert.
Die Tür flog auf, Tante Dora stand auf der Schwelle, überblickte die Situation und begriff. „Fräulein
F., chömed sie zu mir is Büro! – Und ihr spiled jetzt!“ [Fräulein F., kommen Sie zu mir ins Büro! –
Und ihr spielt jetzt!“] Oh, wie vergnügt und lieb spielten wir, wie zufrieden war unser Leben auf
einmal und jede Strafe würden wir gerne annehmen – aber es gab keine.
Fräulein F. war wie ein böser Spuk verschwunden und Tante Dora erklärte uns beim Abendessen in
aller Ruhe und der ihr eigenen Güte, was es für Folgen haben könne, dieses Stuhlwegziehen, dass
man sich etwas brechen, ja sogar gelähmt sein könne und dass wir immer gut aufeinander aufpassen
sollen, damit so etwas keinem von uns passiere!“
(Amei Krug / Jörg M. Buddensiek: Tante Dora. Erinnerungen an ihr Kinderheim. Chur 2008, S.
65ff.)
Das Heim Wachter unterschied sich auch in anderer Hinsicht von vielen anderen Kinderheimen der
damaligen Zeit. Das Heim war mitten im Dorf gelegen, die Heimkinder besuchten die Dorfschule,
sie verkehrten mit den Nachbarskindern, es wurden öfters Ausflüge durchgeführt, die Mitarbeit im
Heimbetrieb nahm nicht jene ausbeuterischen Ausmasse an, wie sie aus anderen Heimen überliefert
sind, hingegen hatte das Spiel einen wichtigen Platz im Heimleben. Das sommerliche Barfuss-
Laufen der Heimkinder war auch keine Ausnahmeregelung, um Schuhwerk zu sparen, sondern im
ländlichen Appenzell damals weit verbreitet. Wohl war auch Dora Wachter stark religiös geprägt,
doch ging es ihr nicht in erster Linie darum, ihre religiöse Prägung auch den Heimkindern
aufzuzwingen. Der Kontakt mit Eltern und Verwandten wurde gepflegt, die Eltern wussten ihre
Kinder gut aufgehoben, und seitens der Heimleitung wurde nicht schlecht über die Eltern geredet
oder geschrieben. Damit hängt wohl auch zusammen, dass sich die Heimleiterin nicht als „Mutter“
anreden liess, sondern als „Tante Dora“.

Thomas Huonker, März 2011

Auf den weiteren Seiten wird der Artikel von Erika Preisig: „Dora Wachter: Ein Leben für die
Kinder“ in der „Tüüfner Post“ (Dorfzeitung Teufen, Jahrgang 13, Nr. 1, Februar 2008, S.20-22)
wiedergegeben.

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                                                                                                                  9053 Teufen

       Tüüfner Poscht
         Die Teufner Dorfzeitung              Februar 2008         13. Jahrgang          Nr. 1

                                               2008 – Jahr der Konsolidierung
                                               Nach einem intensiven 2007 soll das neue Jahr ein ruhigeres werden.

                                               2007 war für die Gemeinde ein prall gefüll-    zu vermelden. Ausserdem teilt die Gemein-
                                               tes Jahr. 2008 soll ein ruhigeres werden –     dekanzlei mit, dass die Sammlung des Teuf-
                                               ein Jahr der Konsolidierung, der Festigung,    ner Kunstmalers Hans Zeller in das reno-
                                               wie Gemeindepräsident Gerhard Frey im          vierte Zeughaus integriert werden soll.
Schienentaxi                                   Gespräch mit der «Tüüfner Poscht» erklärt.         Weitere Themen sind die Auflösung des
Was der «Tüüfner Poscht» im Jahr 2003
                                               Im Vordergrund steht der Bezug des neuen       Verkehrsvereins, das 40-Jahr-Jubiläum von
noch ein 1.-April-Scherz wert war (Mono-       Alterszentrums im Gremm. Lichtblicke für       Plusport Behindertensport Mittelland und
rail statt «Zügli») scheint inzwischen prü-    Konsument/-innen sind Fortschritte bei der     der Senioren-Volkstanz sowie ein histori-
fenswerte Vision geworden zu sein. Eine        Planung der Migros-Erweiterung sowie           scher Beitrag über das frühere Kinderheim
private «Vordenkergruppe» um Gemein-
depräsident Gerhard Frey hat Ende 2007
                                               ein Baugesuch von Coop. Voraussichtlich        Wachter. «Tüüfner Chopf» ist die Klavierleh-
Kontakt aufgenommen mit einer öster-           dürfte auch bald mit der Überbauung des        rerin Ursula von Burg. Auf der Jugendseite
reichischen Firma, die auf Kabinenbahnen       «Ochsen»-Areals begonnen werden; unklar        wird über Alkoholtestkäufe und die Um-
auf Schienen spezialisiert war – mit dem       bleibt die Zukunft des Café Spörri (Seiten 4   wandlung eines Zivilschutzkellers in einen
Ziel, eine Grundlage für eine Machbar-
keitsstudie zu schaffen.                       und 5).                                        Musikbunker berichtet. Aktuelles Thema
Inzwischen ist die Herstellerfirma des so      In der ersten «Tüüfner Poscht» des neuen       ist die Tüüfner Fasnacht, die mit dem Mas-
genannten «Coasters» (Bild) Konkurs            Jahres werden die Monate Dezember und          kenball am 8. und dem Kinderumzug am
gegangen. Gerhard Frey ist noch immer          Januar aufgearbeitet. Hauptthemen sind         9. Februar erste Höhepunkte feiert. Meldun-
der Überzeugung, dass ein «Schienentaxi»
                                               das Silvesterklausen und die feierliche Ein-   gen aus dem Dorfleben, Gratulationen und
für die Versorgung der Appenzeller Streu-
siedlung eine gute Lösung sein könnte,         weihung des neuen Kirchgemeindehau-            Nekrologe sowie ein neuer Leser/-innen-
«weil wir damit eine gute Kombination          ses Hörli. Aus dem Gemeinderat sind die        Wettbewerb runden die vorliegende Ausgabe
zwischen öffentlichem Verkehr und mo-          Rücktritte von Gaby Bucher und Walter Nef      ab. GL                                    n
torisiertem Individualverkehr mit Markt-
chancen sehen.»
Die «Vision» von einem «Schienentaxi»
ist noch nicht gestorben – aber es dürfte
noch viel Wasser den Rotbach hinunter
fliessen, bis die Verkehrsprobleme in Teu-
fen gelöst sind. – Mehr über die Zukunft
unserer Gemeinde lesen Sie in unserem
Interview mit Gemeindepräsident Gerhard
Frey.                        Seiten 4 und 5

                                               Nach einem kurzen, aber prachtvollen Winter – unsere Aufnahme entstand bereits im November
                                               bei der Oberen Gählern – freut sich Teufen auf einen strahlenden Frühling. Foto: HS
2 INHALT                                                                                    IMPRESSUM

 Interview mit Gemeindepräsident Gerhard Frey       Gewerbe                                 Herausgeberin
 Teufen im Jahr 2008                          4/5   Praxis für Lymphologie                  Einwohnergemeinde, 9053 Teufen
                                                    Media Swiss an Ringier verkauft    23   «Tüüfner Poscht»
                                                                                            Redaktion, Postfach 152, 9053 Teufen
                                                    Tüüfner Chopf
                                                                                            Telefon 071 333 34 63
                                                    Ursula von Burg, Klavierlehrerin   25
                                                                                            (Montag bis Freitag, 7.30–11.30 Uhr)
                                                                                            Fax 071 333 51 63
                                                                                            redaktion@tuefner-poscht.ch
                                                                                            Redaktion
                                                                                            Gäbi Lutz, Chefredaktor (GL)
                                                                                            gl@tuefner-poscht.ch
                                                                                            Rosmarie Nüesch (RN)
                                                                                            rn@tuefner-poscht.ch
                                                                                            Erika Preisig-Studach (EP)
                                                                                            ep@tuefner-poscht.ch
 Evangelische Kirchgemeinde                                                                 Marlis Schaeppi-Luginbühl (MS)
 Kirchgemeindehaus eingeweiht                  7    Senioren                                ms@tuefner-poscht.ch
 Besichtigung Baustelle Kirche                 9    Tanzen erhält jung                 27   Monika Lindenmann-Leemann (ML)
                                                                                            ml@tuefner-poscht.ch
 Weihnachtszeit                                     Jugendseite 4-US                        Sepp Zurmühle (SZ)
 Rückblick in Bildern                         11    Alkoholtestkäufe: Verzeigung            sz@tuefner-poscht.ch
                                                    Luftschutzkeller wird Musikbunker 29
 Aus dem Gemeinderat                                                                        Inserate-Annahme und Abos
 Rücktritt der Gemeinderäte                         Parteien                                Claudia Looser
 Gaby Bucher und Walter Nef                  13     FDP und SP: Neujahrsbegrüssung          Steinwichslenstrasse 2, 9052 Niederteufen
 Zeller-Sammlung ins Zeughaus                17     SVP: Raclette-Abend                31   Telefon 071 333 17 30
                                                                                            (Montag–Donnerstag)
 Handänderungen                                     Dorfleben                               Fax 071 333 57 30
 September, Oktober, November                14     Nekrologe und Gratulationen             inserate@tuefner-poscht.ch
                                                    Leserinnenbrief, Zivilstand
 Vereine                                            Neuer «Bänkli»-Wettbewerb               «Tüüfner Poscht» online
 Verkehrsverein aufgelöst                    18     Erfolgreiche Aus-/Weiterbildungen       www.tuefner-poscht.ch
 40 Jahre Plusport                           19     Kultur, Veranstaltungen        32–40
                                                                                            Grafische Gestaltung, Bildbearbeitung
                                                                                            Hans Sonderegger, Unterrain 19, 9053 Teufen
                                                                                            gestaltung@tuefner-poscht.ch
                                                                                            Druck und Ausrüstung
                                                                                            Kunz Druck & Co. AG, Teufen
                                                                                            Redaktions- und Inserateschluss:
                                                                                            Ausgabe 2; März 2008:
                                                                                            15. Februar 2008
                                                                                            Erscheint monatlich
                                                                                            (Juli/August und Dezember/Januar:
 Historisches                                       Närrische Tage
                                                                                            Doppelnummern)
 Das Kinderheim Wachter                  20/21      Tüüfner Fasnachtsfieber            39   Auflage:
                                                                                            3700 Exemplare
20 HISTORISCHES

  Dora Wachter: Ein Leben für die Kinder
  Im Kinderheim Wachter an der Speicherstrasse fanden von 1930 –1966 viele Kinder Geborgenheit in turbulenten Zeiten.

  Drei Institutionen trugen den Namen un-                                                            glück widerfahren, dass sie über Nacht im
  seres Dorfes während vieler Jahre hinaus in                                                        Gesicht halbseitig gelähmt wurde. Und das
  die Welt: Das Töchterinstitut Prof. Buser, das                                                     nach ihrer Verlobung mit einem jungen
  «Spörri» und das Kinderheim Wachter. In                                                            Mann. Eine ganze Welt brach für sie zusam-
  der Kriegs- und Nachkriegszeit fanden viele                                                        men. In ihrer Not tat sie ein Gelübde: Sollte
  Auslandschweizer Kinder, aber auch solche                                                          sie genesen dürfen, so wolle sie ihr Leben ei-
  aus dem Inland, bei Dora Wachter Gebor-                                                            nem guten Zweck widmen. So kam es. Tante
  genheit, gute Ernährung und gesunde Luft.                                                          Dora erholte sich vollständig von den Läh-
  Manche weilten während einiger Wochen,                                                             mungserscheinungen, verzichtete nun auf
  andere für mehrere Jahre im Heim. Sie be-                                                          eine Heirat und lebte nur noch für die Kin-
  suchten die Dorfschulen, freundeten sich mit                                                       der. Sie und ihr Verlobter mussten sich wirk-
  den Nachbarskindern an, und Tante Dora                                                             lich sehr geliebt haben – sie blieben sich ein
  wurde zu ihrer Ersatzmutter. Amrei Krug-         Dora Wachter (rechts) mit ihrer Freundin
                                                                                                     Leben lang treu. AK
  Buddensiek hat ihre Erinnerungen an jene         Bertha Diem.
  Zeit aufgeschrieben. Einige Episoden aus                                                           Amrei Krug-Buddensiek
  diesen «Geschichten aus dem Kinderheim»          rück, dann auf den Bühl (beim Sternen), wo        Amrei kam 1946 mit ihrem Bruder Jörg
  sind hier zu lesen.                              sie bis zu 70 Kinder betreute. Im Dezember        aus der Gegend um Frankfurt a.M. ins Kin-
                                                   1930 konnte sie das Haus ihres Hausarztes         derheim. Sie war damals 21/2-, Jörg sechs-
  Dora Wachter, 1885–1972                          Dr. Dürst an der Speicherstrasse kaufen. Der      jährig. Die Eltern wollten ihre Kinder vom
  Nach dem frühen Tod ihres Vaters kam die         Betrieb wurde etwas kleiner, so dass sich         Elend der Nachkriegszeit wegbringen in die
  achtjährige Dora Wachter mit ihrer Mutter        Dora Wachter vermehrt persönlich um ihre          Schweiz, der Heimat der Mutter.
  vom Aargau nach Bühler, wo sie ihre Jugend-      kleinen Gäste kümmern konnte. Unermüd-               Die Kinder litten unter unvorstellbarem
  zeit verbrachte. Ihren Beruf als Handarbeits-    lich und liebevoll setzte sie sich für sie ein.   Heimweh. Die Liebe und Fürsorge von Tante
  lehrerin übte sie nur kurze Zeit aus, denn als   Freie Tage oder gar Ferien beanspruchte sie       Dora und ihren Angestellten konnte dieses
  ihre Mutter die Leitung des Kinderheims          kaum.                                             wohl ein bisschen lindern, jedoch stillen
  Sanitas (Zeughausstrasse 5) übernahm, war            1966 wurde das letzte Kind verabschie-        konnte es niemand. Während der fünf Jahre
  sie ihr bei der Betreuung der Kinder be-         det und Dora lebte noch einige Jahre mit ih-
  hilflich und übernahm nach dem Tod ihrer         rer Schwester Martha im grossen Haus. Mit
  Mutter selbst die Leitung.                       der Einweisung in die kantonale Heil- und
      Einige Male musste sie umziehen, von         Pflegeanstalt, Herisau, begann ihr letzter Le-
  der Sanitas ins Eggli, von dort wieder zu-       bensabschnitt und im März 1972 wurde sie
                                                   von ihren Leiden erlöst. (Quelle: Appenzeller
  1959/60: Als ihre Familie von Ägypten in die     Zeitung vom 16. 3. 1972).
  Schweiz übersiedelte, lebten Christian Julien,
  Stein, mit seinem jüngeren Bruder Max im
  «Wachter». Links das Haus Wachter an der         Eine schicksalshafte Krankheit
  Speicherstrasse 9. Bild zVg                      Als junge Frau war Dora Wachter das Un-

   TÜÜFNER POSCHT                1/2008
HISTORISCHES 21

                                                 Familie mit den vier Kindern in Afrika und       dann durfte ich nachts in Tante Doras Bett
                                                 später in Süddeutschland lebend, kaufte sie      schlafen, während sie auf einem Feldbett da-
                                                 sich ein Ferienhaus in Urnäsch. «Hier kann       neben schlief. So hatte sie mich auch nachts
                                                 ich wenigstens den Alpstein sehen», sagt sie.    «im Auge». Das war ein grosser Trost in mei-
                                                                                                  nem Elend, war ich doch am Tag isoliert und
                                                 Episoden aus dem Kinderheim                      viel allein. So empfand ich in diesen Nächten
                                                 Tante Dora und die Gesundheit                    etwas Geborgenheit.
                                                 () Doch die absolute Stunde der Gesundheit
                                                 war am Morgen nach dem Frühstück. Da             Tante Dora und der liebe Gott
                                                 stand Tante Dora im weissen Arztkittel an        Tante Dora war eine sehr gottesfürchtige
                                                 ihrem Stehpult vor dem grossen geöffneten        Frau. Sie lebte uns einen treuen, festen Glau-
                                                 Medizinbuch. Da waren die Tabellen der Be-       ben vor und ich bildete mir ein, sie habe
Amrei und Jörg Buddensiek 1945. Krieg und
                                                 findlichkeiten der Kinder eingetragen: Tem-      einen «direkten Draht» zu Gott und hatte
Angst sind vorbei, aber wir müssen ins Kinder-
heim. Foto: AK                                   peratur, Appetit, Essen und Verdauung. Mit       daher grossen Respekt vor ihr. Ihr grosses
                                                 grosser Geduld überwachte Tante Dora die         Vorbild war Pestalozzi, sie erzählte immer
wurden sie von den Eltern selten besucht,        drei Toiletten, die jeweils auf halber Treppe    wieder von ihm. Nur sah man ihn stets auf
und diese Begegnungen waren so kurz,             lagen. Man wurde aus dem morgendlichen           Bildern mit Kindern auf dem Arm. Das gab
dass der Abschiedsschmerz bereits die Be-        Spiel mit Namen aufgerufen und musste bis        es bei Tante Dora nicht. Niemals umarmte
grüssung überschattete. Amrei besuchte die       zum Ergebnis sitzen, je nach Alter auf Topf      sie ein Kind oder nahm es auf ihren Schoss.
erste bis dritte Klasse bei Lehrer Anton Luzi,   oder Toilette. Nach vollbrachter Erleichte-      Das kam bei ihr nicht vor, aus Angst, gewisse
den sie sehr liebte.                             rung hatte man zu rufen: «Tante Dooora, i bi     Kinder gegenüber andern vorzuziehen und
    Völlig überraschend, ohne sich verab-        feeertig.» Sofort kam die wohlvertraute Ant-     diese deswegen traurig zu machen. «Du
schieden zu können, wurde sie 1951 von den       wort «chome grad». Und das Ergebnis der          sollst haben als hättest du nicht», sagte sie
Eltern abgeholt. Amrei war ein Kind ohne         Sitzung wurde begutachtet und in das grosse      manchmal und das war wohl ein Grundsatz,
Wurzeln. Fortan klammerte sie sich an die        Buch eingetragen. Manchmal erklang das           der ihre freundliche, aber reservierte Hal-
feinen Würzelchen, die sie im Kinderheim         Rufen aus allen drei Lokalitäten gleichzeitig,   tung allen gegenüber erklärte.
hatte entwickeln können. So oft sie konnte,      dann eilte Tante Dora unermüdlich treppauf,
besuchte sie Tante Dora. Später, mit ihrer       treppab und ihre Zurufe wechselten dann          Die Rückkehr
                                                 zwischen «chome grad», «en Augeblick» und        Jahre später kam ich zurück zum Kinder-
Aufführung des Dornröschen, August 1941.         «tue du warte». – Ich war als rechter Sprenzel   heim. Doch das Haus war verschlossen. Ich
Foto: Gemeindearchiv                             oft krank, was sehr, sehr langweilig war, aber   wanderte durch den Garten, sass eine Weile
                                                                                                  auf der Treppe des Gartenhauses und be-
                                                                                                  trachtete das gute, alte Haus, das so lange
                                                                                                  mein Heim gewesen war. Schliesslich ging
                                                                                                  ich zum Schopf. Er war nicht verschlossen.
                                                                                                  Und hier stand ich nun mitten unter all den
                                                                                                  Dingen die meine Kindheit ausgemacht hat-
                                                                                                  ten: Ski und Schlitten, die dazu gehörenden
                                                                                                  Schuhe, Kisten mit Büchern und Heften.
                                                                                                      Darunter eine mit aufzuführenden The-
                                                                                                  aterstücken, die Rollen waren noch ange-
                                                                                                  schrieben und ich las meinen Namen. Und
                                                                                                  dort in der Ecke, ach, mein Gampiross...
                                                                                                      Sachte schloss ich die Tür. Ich musste
                                                                                                  gehen. Der Zug sollte bald fahren und mich
                                                                                                  zurück in meine Welt bringen.
                                                                                                                       Notiert: Erika Preisig n

                                                                                                   Wachter-Treffen
                                                                                                   Am Wochenende vom 7./8. Juni 2008
                                                                                                   findet ein Treffen der ehemaligen Wachter-
                                                                                                   Kinder statt. Es wäre schön, wenn auch
                                                                                                   Teufnerinnen und Teufner, die zu Dora
                                                                                                   Wachter oder zu Kindern des Heims eine
                                                                                                   Beziehung hatten, daran teilnehmen wür-
                                                                                                   den. Das genaue Programm wird anfangs
                                                                                                   Mai bekannt gegeben.

                                                                                                          1/2008         TÜÜFNER POSCHT
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