Regierung gestärkt, Populisten geschwächt? - Konrad ...

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Regierung gestärkt, Populisten geschwächt? - Konrad ...
September 2020

Auslandsbüro Italien

Regierung gestärkt,
Populisten geschwächt?

Wie Referendum und Regionalwahlen vom 20./21. September 2020
die Parteienlandschaft in Italien verändern

Dr. Nino Galetti, Silke Schmitt
Das landesweite Referendum und die Wahlen in sieben Regionen waren ein Stimmungstest für die
Regierung von Ministerpräsident Giuseppe Conte und ihr Corona-Krisenmanagement. Seine Mitte-
Links-Koalition geht stabilisiert aus der Abstimmung vom 20./21. September hervor. Aber auch die
Parteien des rechten Lagers können die Wahlen als Erfolg verbuchen. Die Fünf-Sterne-Bewegung
hingegen stagniert auf niedrigem Niveau.

Verkleinerung des Parlaments                        und damit knapp unter der Wahlbeteiligung bei
                                                    den Europawahlen 2019 (56 Prozent).
Knapp 70 Prozent der wahlberechtigten
Italienerinnen und Italiener haben beim             Die Befürworter hoffen, durch die Verkleinerung
Verfassungsreferendum vom 20./21. September         bis zu 100 Millionen Euro im Jahr einzusparen
für die Verkleinerung ihrer beiden Parlaments-      und parlamentarische Entscheidungsprozesse zu
kammern gestimmt: Damit wird die Zahl der           verschlanken. Die Gegner hingegen verweisen
Abgeordneten bei den nächsten Wahlen –              darauf, dass die Kostenersparnis lediglich einem
voraussichtlich im Jahr 2023 – von 630 auf 400      Espresso pro Bürger im Jahr entsprechen und die
und die Anzahl der Senatoren von 315 auf 200        Verminderung der Anzahl der Abgeordneten zu
sinken. Die Wahlbeteiligung lag bei 53 Prozent      einer Schwächung der Kontrollfunktion des
Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.
Länderbericht Italien                                                                    September 2020       2

Parlaments führen würde. Nicht die Zahl der          Apulien) sowie im autonomen Aosta-Tal
Parlamentarier würde den politischen                 aufgerufen.
Entscheidungsprozess in Italien immer wieder
blockieren, sondern die beiden gleich-               Unentschieden – so lautet das Ergebnis der
berechtigten Parlamentskammern. Deren                Regionalwahlen: Drei Regionen gewinnt das
Möglichkeit der gegenseitigen Blockade wurde         Mitte-Links-Bündnis (Toskana, Kampanien,
durch das Verfassungsreferendum nicht                Apulien), drei Regionen gewinnen die Mitte-
angetastet.                                          Rechts-Kandidaten (Venetien, Ligurien und den
                                                     Marken). Die Fünf-Sterne-Bewegung verliert
Die Fünf-Sterne-Bewegung verkauft die Annahme        landesweit und kommt selbst in ihren süd-
des Verfassungsreferendums in erster Linie als       italienischen Hochburgen nur mehr auf rund
ihren Sieg. Die Reduzierung der Parlamentarier       10 Prozent der Stimmen. Der Vorsitzende der
gehört seit der Gründung der Bewegung zu den         Bewegung, Außenminister Luigi Di Maio, räumte
Hauptforderungen. Unterstützt wurde das „Ja“         Fehler ein. Am Wahlabend konzentrierte er sich
von der rechtspopulistischen Lega, den national-     jedoch auf den Sieg beim Referendum. Bei den
konservativen Fratelli d’Italia und dem              Parlamentswahlen 2018 war die Fünf-Sterne-
sozialliberalen Partito Democratico (PD). Forza      Bewegung mit 32,6 Prozent noch landesweit
Italia unter der Führung von Silvio Berlusconi und   stärkste Partei geworden und in die Regierung
Italia Viva unter der Leitung von Matteo Renzi       gezogen, bei den Europawahlen 2019 erhielten
sprachen keine direkte Wahlempfehlung aus.           sie nur mehr 17,0 Prozent. Die Zustimmung der
                                                     Italiener zu der linksbürgerlichen Bewegung und
Nach dem klaren Sieg müssen die politischen          ihren populistischen Forderungen schrumpft
Kräfte nun in einem weiteren Schritt über eine       weiter.
Wahlrechtsreform diskutieren, die bei den
nächsten nationalen Wahlen zur Anwendung             Mitte-Rechts-Bündnis regiert
kommt und die beschlossene Reduzierung des           in 15 von 20 Regionen
Parlaments tatsächlich umsetzt. Die derzeitige
Mischung aus Mehrheits- und Verhältnis-              Das Mitte-Rechts-Bündnis aus der rechts-
wahlrecht soll abgeschafft werden. Uneinigkeit       bürgerlichen Forza Italia, der rechtspopulisti-
herrscht darüber, ob in Zukunft ein reines           schen Lega und den nationalkonservativen
Mehrheitswahlrecht – unterstützt von Mitte-          Fratelli d’Italia stellt künftig in 15 von 20 Regionen
Rechts – oder ein Verhältniswahlrecht –              den Regionalpräsidenten.
unterstützt von der PD und der Fünf-Sterne-
Bewegung – durchgesetzt wird.                        Im Veneto hat der amtierende Regionalpräsident
                                                     und Mitte-Rechts-Kandidat, Luca Zaia, mit 76,8
Mit Blick auf den Senat soll im Zuge der Reform      Prozent haushoch gewonnen. Der 52jährige
u.a. das Mindestalter der Wahlberechtigten von       frühere Landwirtschaftsminister wird ins-
25 auf 18 Jahre herabgesetzt werden. Derzeit         besondere für sein umsichtiges und frühzeitiges
dürfen circa 4 Millionen Wahlberechtigte unter 25    Corona-Krisenmanagement im Frühjahr gelobt.
zwar die Abgeordneten, nicht aber die Senatoren      Mit dem fulminanten Wahlsieg des rechts-
wählen. Auch das Mindestalter der Senatoren soll     konservativen Lega-Politikers Zaia wird ein
von derzeit 40 Jahren auf 25 Jahre wie in der        Alptraum von Matteo Salvini wahr: Denn Zaia gilt
Abgeordnetenkammer gesenkt werden.                   als Kritiker des rechtspopulistischen Kurses
                                                     seines Vorsitzenden. Salvini hatte sich im
Regionalwahlen: Unentschieden                        Wahlkampf voll auf die Toskana konzentriert, wo
                                                     die Lega-Kandidatin jedoch mit 8 Prozent
Gleichzeitig mit dem Verfassungsreferendum           Rückstand deutlich verloren hat. Entsprechend
waren 18 Millionen Italienerinnen und Italiener
zu Regionalwahlen in sechs Regionen (Venetien,
Ligurien, Toskana, Marken, Kampanien und
Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.
Länderbericht Italien                                                                                 September 2020   3

titelte die italienische Tageszeitung „Il Foglio“: „Es         auch der aus der Toskana stammende frühere
gibt einen weiteren Sheriff in der Stadt“. 1    0F             Premierminister Matteo Renzi, der mit seiner
                                                               2019 gegründeten Partei lediglich 4,5 Prozent
Auch in Ligurien konnte sich der amtierende                    erhielt.
Regionalpräsident und Mitte-Rechts-Kandidat,
Giovanni Toti, mit 56,1 Prozent der Stimmen                    Auch in Apulien siegte mit 48,8 Prozent der
durchsetzen. Der 52jährige frühere Europa-                     bisherige Regionalpräsident und Mitte-Links-
abgeordnete war 2019 aus der Forza Italia                      Kandidat Michele Emiliano deutlich mit zwölf
ausgetreten und hatte seine eigene Liste                       Prozentpunkten Vorsprung. In Kampanien siegte
„Cambiamo! Con Toti“ gegründet, die mit                        der bisherige Regionalpräsidenten, Vincenzo de
23 Prozent der Stimmen den Hauptanteil des                     Luca, und sein Mitte-Links-Bündnis mit
Mitte-Rechts-Bündnisses für sich verbuchen                     64,7 Prozent der Wählerstimmen.
konnte. Trotz seines Parteiaustritts hatte Forza-
Italia-Chef Silvio Berlsuconi Toti im Wahlkampf
unterstützt.                                                   Fazit

In den mittelitalienischen Marken konnte sich                  Das gewonnene Referendum verleiht den
Francesco Acquaroli von Fratelli d’Italia mit                  Regierungsparteien die notwendige Stabilität, um
49,1 Prozent der Stimmen durchsetzen und                       die Legislaturperiode gestärkt fortzusetzen und
damit eine seit 25 Jahren von Mitte-Links regierte             weitere notwendige Reformschritte einzuleiten.
Hochburg erobern. Der 46jährige ehemalige                      Die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden
Bürgermeister der 15.000-Einwohner großen                      Parlamentskammern ihre Arbeit bis zum
Stadt Potenza Picena setzte in seinen Reden vor                regulären Ende der Wahlperiode 2023 fortsetzen,
allem auf den Wiederaufbau: Durch die                          ist gestiegen.
Pandemie hatten in seiner Region rund 1000
Menschen ihr Leben und 7.000 ihre Arbeit                       Die zu den Regionalwahlen aufgerufenen
verloren. 30.000 sind nach dem Erdbeben 2016                   18 Millionen Italiener haben vor dem Hintergrund
immer noch nicht in ihr Zuhause zurückgekehrt.                 der Corona-Krise auf Beständigkeit gesetzt.
Acquaroli warb im Wahlkampf dafür, diesen                      Unabhängig von der Parteizugehörigkeit wurden
Zustand schleunigst zu ändern. 2      1F                       fünf von sechs Regionalpräsidenten mit teilweise
                                                               triumphalen Ergebnissen wiedergewählt. Dabei
Mitte-Links-Bündnis verteidigt                                 hatten die Mitte-Rechts-Parteien einen Vorteil, da
die Toskana                                                    sie in allen Regionen in einem gemeinsamen
                                                               Wahlbündnis angetreten waren. Im Unterschied
In der traditionell linken Toskana konnte sich der             dazu hatten die auf nationaler Ebene in einer
bisherige Regionalpräsident und Kandidat des                   Koalition regierenden Parteien (die sozialliberale
Mitte-Links-Bündnisses Eugenio Giani behaupten.                PD und die Fünf-Sterne-Bewegung) nur in zwei
Der 61jährige Giani konnte sich mit 48,6 Prozent               Regionen ein Wahlbündnis geschlossen. Für die
der Stimmen gegen die Europaabgeordnete der                    weitere Entwicklung der Parteienlandschaft in
Lega und Kandidatin des Mitte-Rechtsbündnisses,                Italien kann folgendes festgehalten werden:
Sabrina Ceccardi, klar durchsetzen. Diese
erreichte mit 40,4 Prozent der Stimmen zwar ein                    •    Die auf nationaler Ebene regierende
beachtliches Ergebnis – das erhoffte Kopf-an-                           sozialliberale PD kann sich in drei
Kopf-Rennen blieb jedoch aus. Die Kandidatin der                        Regionen behaupten und bleibt auf
Fünf-Sterne-Bewegung, Irene Galletti, kam auf                           mittlerem Niveau stabil. Der Sieg in der
gerade einmal 7 Prozent. Eine Schlappe erlitt                           Toskana und in Apulien gibt der PD als

1
    HTTPS://WWW.ILFOGLIO.IT/POLITICA/2020/09/21/NEWS/IL-       ricostruire-56c3dfa0-fc4a-11ea-aca9-
TRIONFO-DI-ZAIA-CHE-PRENDE-IL-TRIPLO-DEI-VOTI-DI-SALVINI-      16c79fac234d.shtml
1085173/
2   https://www.corriere.it/elezioni/notizie/regionali-2020-
marche-svolta-25-anni-trionfa-centrodestra-territorio-
Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.
 Länderbericht Italien                                                                      September 2020      4

          Regierungspartei neuen Schwung und
          eine selbstbewusstere Position gegen-               •   Die nationalkonservativen Fratelli d’Italia
          über der Fünf-Sterne-Bewegung, die auf                  sind weiter im Aufwind. Sie stellen mit
          regionaler Ebene eine herbe Niederlage                  Francesco Acquaroli erstmals einen
          einstecken musste. Der Generalsekretär                  Regionalpräsidenten. In den Marken, der
          der PD, Nicola Zingaretti, der partei-                  Toskana, Apulien und Ligurien haben sie
          intern in den letzten Wochen viel Kritik                zweistellige Ergebnisse erhalten. Die
          einstecken musste, hat durch den Sieg                   Vorsitzende Giorgia Meloni verfolgt das
          vorerst an Format und Selbstbewusst-                    Ziel, im Mitte-Rechts-Lager eine
          sein gewonnen.                                          zunehmend wichtige Rolle zu spielen.

      •   Ihr Koalitionspartner, die Fünf-Sterne-             •   Forza Italia hat in allen Regionen
          Bewegung, hat hingegen an Attraktivität                 schlechter abgeschnitten als erhofft. Die
          verloren: Nirgendwo kommt die Partei                    Partei von Silvio Berlusconi, der durch
          über 12 Prozent. Das Ergebnis der                       seine Ansteckung mit Covid19 dem
          Parlamentswahlen 2018, als sie mit                      Wahlkampf fernbleiben musste, kommt
          32,6 Prozent landesweit stärkste Partei                 in keiner Region auf ein zweistelliges
          geworden war, wird sich wohl nicht                      Ergebnis. Der Einfluss von Forza Italia
          wiederholen.                                            auf das Mitte-Rechts-Lager wird weiter
                                                                  schwinden.
      •   Auch die rechtspopulistische Lega
          stagniert auf mittlerem Niveau. Der                 •   Die vom früheren Premierminister
          Traum ihres Vorsitzenden Matteo Salvini,                Matteo Renzi 2019 gegründete politische
          die traditionell linke Toskana zu erobern,              Formation „Italia Viva“ hat sich als
          ist gescheitert. Mit dem mit 76,8 Prozent               schwach herausgestellt – sie blieb selbst
          wiedergewählten Präsidenten der                         in Renzis Heimat, in der Toskana, mit 4,5
          Region Veneto, Luca Zaia, gibt es in der                Prozent weit hinter den Erwartungen
          Lega einen starken Politiker, der für                   zurück. Sein Gewicht in der italienischen
          Salvini, dessen populistisches Auftreten                Politik wird weiter abnehmen.
          zunehmend kritisiert wird, gefährlich
          werden könnte.

Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.

Dr. Nino Galetti
Leiter des Auslandsbüros Italien
Hauptabteilung Europäische und Internationale
Zusammenarbeit

www.kas.de/italien

Nino.Galetti@kas.de

Bildquelle: pixabay geralt

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