REISEN Das Übliche, bitte - Corona löst keine nachhaltige Wende im Reiseverhalten aus. Der Massentourismus dürfte sogar noch zunehmen - Fair ...

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REISEN Das Übliche, bitte - Corona löst keine nachhaltige Wende im Reiseverhalten aus. Der Massentourismus dürfte sogar noch zunehmen - Fair ...
FOTO: ALFREDO ESTRELLA/AFP VIA GETTY IMAGES

TITELTHEMA

REISEN
Das Übliche,
bitte
Corona löst keine nachhaltige Wende im Reiseverhalten aus.
Der Massentourismus dürfte sogar noch zunehmen.
TEXT: CAROLINE FREIGANG

18 Beobachter 13/2021
REISEN Das Übliche, bitte - Corona löst keine nachhaltige Wende im Reiseverhalten aus. Der Massentourismus dürfte sogar noch zunehmen - Fair ...
Acapulco, Mexiko,
       März 2021
REISEN Das Übliche, bitte - Corona löst keine nachhaltige Wende im Reiseverhalten aus. Der Massentourismus dürfte sogar noch zunehmen - Fair ...
Tulum, Mexiko,
                                                                                                                     Januar 2021

                           T
                                           ürkisblaue Wellen schlagen sanft     Natur. Das durch Sonnencreme und Abfall ver-
                                           auf schneeweissen Sand. Ein paar     schmutzte Wasser der Cenoten war plötzlich
                                           Hundewelpen tollen zwischen          klarer. Nicht nur in Mexiko keimte Hoffnung auf,
                                           Palmen. Im Hintergrund klimpert      dass Corona den Tourismus verändern könnte.
                                           eine Gitarre. Sie sei im Paradies    Er hatte zuletzt vor allem mit überfüllten Publi-
                                           gelandet, dachte Marietta M.*, als   kumsmagneten, Naturzerstörung und genervter
                           sie 2012 zum ersten Mal ins mexikanische Tulum       Lokalbevölkerung für Schlagzeilen gesorgt.
                           reiste. Der Ort mit seinen Künstlerinnen, Yogis         Nie gesehene Bilder weckten nun Hoffnungen
                           und naturnahen Unterkünften bezauberte sie.          auf einen nachhaltigen Wandel: Plötzlich war der
                           Marietta spürte: Eines Tages wird sie hier leben.    Markusplatz in Venedig leer, die Flaniermeile
                               2017 macht die Zürcherin ihren Traum wahr.       Ramblas in Barcelona wie ausgestorben. Im Ha-

                                                                                                                                     FOTOS: EMILIO ESPEJEL/AP/KEYSTONE, ALBERTO VALDEZ/EYEPIX GROUP/BARCROFT MEDIA VIA GETTY IMAGES
                           Sie zieht auf die Yucatán-Halbinsel. Kurz darauf     fen der sardischen Hauptstadt Cagliari wurden
                           geht der Bauboom so richtig los. Das Paradies        Delfine gesichtet – eine Seltenheit. In Thailand
                           wird zubetoniert. Hotelblock an Hotelblock reiht     legten Schildkröten Eier an verwaisten Stränden.
                           sich an der einst palmengesäumten Sandstrasse
                           durch den Dschungel zum Strand. Auf dem              Ein plötzlicher Sinneswandel? Würde die Pande-
                           Asphalt stauen sich fette SUVs und Lastwagen.        mie nicht nur der Natur eine Verschnaufpause
                           Am Rand liegen überfahrene Wildtiere.                bringen, sondern auch unsere zerstörerische
«Sogar im                      Tulum hat sich in den vergangenen Jahren zu      Reisewut bremsen? Würden wir uns an die Ruhe
Lockdown                   einem Hotspot des gehobenen Massentouris-
                           mus entwickelt. Auch bei Leuten aus der Schweiz
                                                                                gewöhnen, weniger und nachhaltiger reisen?
                                                                                Und würden die vom Übertourismus geplagten
wurden                     ist der Ort beliebt. Edelweiss bietet Direktflüge    Städte endlich Lösungen für einen sanfteren
neue Hotel-                ins benachbarte Cancún. Neben Mayaruinen,            Tourismus entwickeln?
burgen                     Urwald und dem zweitgrössten Korallenriff der           Manche Umweltschützer und Touristikerin-

hochgezo-                  Welt locken dort die berühmten Cenoten. Die
                           riesigen Unterwasserhöhlen eignen sich vor-
                                                                                nen schürten diese Hoffnungen. Die Leute könn-
                                                                                ten sich während der Pandemie an den neuen
gen, Urwald                trefflich für Instagram-Fotos. Zur Hochsaison        Lifestyle mit Velotouren im Umland oder Wan-
wurde                      stehen die Touristen hier Schlange.                  dern in den Bergen gewöhnen. Die Klimakrise
abgeholzt.»                    Das änderte sich mit Corona. Die Pandemie        und eine wachsende Flugscham sollten die
                           brachte den internationalen Reiseverkehr zum         Entwicklung begünstigen. Wir stünden an der
Marietta M.*, Schweizer    Erliegen. Auch in Tulum stand für ein paar           Schwelle zu einem ökologischen Zeitalter, sagte
Alternativ-Reiseführerin
                           Wochen alles still. Während die Hoteliers über       gar der Zukunftsforscher Matthias Horx am dies-
in Tulum, Mexiko
                           fehlende Einnahmen klagten, erholte sich die         jährigen World Tourism Forum in Luzern.

20 Beobachter 13/2021                                                                                  *Name der Redaktion bekannt
REISEN Das Übliche, bitte - Corona löst keine nachhaltige Wende im Reiseverhalten aus. Der Massentourismus dürfte sogar noch zunehmen - Fair ...
Cancún, Mexiko,
Dezember 2020

    Doch Studien und Befragungen sprechen           doppelt so viel wie in normalen Zeiten. Im zwei-
eine andere Sprache. Viele Leute dürften wieder     ten, weniger restriktiven Lockdown waren es
in ihr altes Reisemuster zurückfallen und sogar     880 Franken zusätzlich. Einen grossen Teil die-
aufholen, was ihnen in den knapp zwei Jahren        ser Ersparnisse dürften die Schweizerinnen und
Pandemie entgangen ist. «Die Sehnsucht, zu ver-     Schweizer nach Corona wieder ausgeben. Den
reisen, andere Länder und Kulturen zu erleben,      CS-Fachleuten zufolge verbrächten sie je nach
ist nicht weg», sagt Urs Wagenseil, Tourismus-      Beschränkungen bereits die Sommer- und
experte an der Hochschule Luzern. Umfragen          Herbstferien wieder vermehrt im Ausland.
belegen das (siehe Grafik, Seite 22). «Sehr gros-
se» oder «eher grosse» Sehnsucht nach Reisen        Der Sturm auf Mallorca. Schon während der Pan-
ins Ausland meldete im Februar 2021 fast die        demie ging es trotz massiven Einschränkungen
Hälfte der Befragten in einer Studie des Tou-       weiter in die Ferne. Mehr als die Hälfte der
ring-Clubs Schweiz an. Ähnliches zeigte eine        Schweizer Reisenden verbrachte laut TCS-Stu-
Umfrage von Hotelplan Suisse im April: 47 Pro-      die im vergangenen Jahr mindestens drei Nächte
zent gaben an, sie würden wieder ins Ausland        im Ausland. Als Mallorca an Ostern wieder für
reisen, sobald sie gegen Covid-19 geimpft seien.    Touristen öffnete, löste das innerhalb weniger
    Auch Kreuzfahrten sind wieder hoch im Kurs.     Stunden einen kleinen Buchungssturm aus. Air-
Trotz frühen Corona-Massenausbrüchen und            lines erhöhten ihre Kontingente. Mexiko oder die
verpöntem CO2-Ausstoss. Anbieter freuen sich        tansanische Ferieninsel Sansibar wurden zu          «Die Sehn-
über Rekordbuchungen aus der Schweiz. «Unser
Buchungsstand ist so gut, wie er noch nie zu die-
                                                    beliebten Orten für Partywütige. Die Destinatio-
                                                    nen verlangten bei der Einreise weder einen
                                                                                                        sucht, zu
sem Zeitpunkt des Jahres für zukünftige Jahre       Coronatest, noch mussten Touristen in Quaran-       verreisen,
war», liess sich Anbieter Norwegian Cruise Line     täne. Sansibar gab sogar vor, coronafrei zu sein.   andere
in den CH-Media-Zeitungen zitieren. Schwei-            Diese Hotspots stehen sinnbildlich dafür, wie    Länder und
zerinnen und Schweizer buchten für dieses Jahr
vermehrt Abfahrten aus Europa. Für die nächs-
                                                    es nach der Krise weitergehen könnte. Hoffnun-
                                                    gen auf einen anderen, nachhaltigeren Touris-
                                                                                                        Kulturen
ten zwei Jahre gebe es viele Buchungen für Fern-    mus werden hier zerschlagen. Im mexikanischen       zu erleben,
ziele, etwa Südsee, Panamakanal oder Karibik.       Tulum etwa ging nach einem kurzen Lockdown          ist nicht
                                                    alles weiter wie bisher – wenn nicht schlimmer.     weg.»
Ein Plus von 4000 Franken. Das Geld für zusätz-     Besuchende berichteten, dass es im Frühjahr
liche Reisen hat man in der Schweiz. Im ersten,     2021 noch voller war als vor der Pandemie. Leute
                                                                                                        Urs Wagenseil,
                                                                                                        Tourismusexperte an
zweimonatigen Lockdown sparte jeder Haushalt        aus aller Welt machten Party. Trotz hohen Fall-
                                                                                                        der Hochschule Luzern
6000 Franken, meldet die Credit Suisse. Das ist     zahlen. Oft ohne die vorgeschriebene Maske.

                                                                                                          Beobachter 13/2021   21
REISEN Das Übliche, bitte - Corona löst keine nachhaltige Wende im Reiseverhalten aus. Der Massentourismus dürfte sogar noch zunehmen - Fair ...
Das Fernweh ist noch da
INFOGRAFIK: ANNE SEEGER UND ANDREA KLAIBER | TEXT: CAROLINE FREIGANG

Nicht alle blieben zu Hause                                  Das Reissen nach Reisen
  So viele Schweizer Reisende verbrachten                    So gross ist die Sehnsucht der Schweizer Bevölkerung
im jeweils vorangehenden Jahr mindestens
drei Nächte im Ausland.
  So viele blieben in der Schweiz.
                                                             nach Reisen ins Ausland (Februar 2021).

                                                                                                                             68%
                                                                                                                             aller Erwachsenen geben
100%                                                                                                                         an, dass Corona ihre
                                                                           27%                      22%
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                                                                                                                             Reisepläne beeinflusst
                                                                        sehr klein
                                                                                                                             hat. 45 Prozent mussten
80%                                                                                                                          eine Reise stornieren.

                                                                                                                             51%
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                                                   45%
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                                                                        eher klein             eher gross                    Pandemie mit dem
20%                                                                                                                          Auto statt dem
                                             12%                                                                             Flugzeug verreist.
                                                                                                                             43 Prozent sind vom Zug
                                                                                          1%
 0% Feb. 17     Jan. 18   Jan. 19      Feb. 20     Feb. 21                            weiss nicht                            aufs Auto umgestiegen.

10 Tipps für nachhaltiges Reisen

                                                    Labels                                                Zeitpunkt
                                        Sich vor der Reise über                                Antizyklisch reisen, um
                                      das Zielland einlesen, Videos                         Übertourismus an beliebten
                                     ansehen, Labels von Reisever-                         Reisezielen zu vermeiden. Oft
                                    anstaltern und Hotels beachten.                       ist das preislich günstiger, und
                                    Informationen und Einordnung                          man kann Sehenswürdigkeiten
                                     gibt es etwa beim Labelführer                         geniessen, ohne sich gegen-
                                        von Fairunterwegs.org.                            seitig auf die Zehen zu treten.

                    Flüge                                                  Buchung                                              Reiseziel
         Direktflüge buchen, da Start                            Lieber direkt vor Ort oder im                        Eher nach Genf fahren als nach
           und Landung die Umwelt                               Reisebüro buchen. Reisebüros                          Goa jetten. Wenn es trotzdem
         besonders belasten. CO2-Ver-                           können spezifisch nach nach-                             Goa sein muss: dort eher
          brauch der geplanten Reise                             haltigen Angeboten suchen.                              lokal bleiben und sich in
       überprüfen und gleich kompen-                            Vor der Buchung nachfragen,                            Gegend und Kultur einfinden,
       sieren, etwa bei Myclimate.org –                         wie das Hotel mit Mitarbeiten-                          statt die grosse Rundreise
         die paar Franken liegen drin.                             den und Umwelt umgeht.                                     zu absolvieren.

22 Beobachter 13/2021
REISEN Das Übliche, bitte - Corona löst keine nachhaltige Wende im Reiseverhalten aus. Der Massentourismus dürfte sogar noch zunehmen - Fair ...
Die beliebtesten Reiseziele vor und während der Pandemie
In diesen Ländern verbrachten Schweizerinnen und Schweizer ihre
längsten Auslandferien des vorhergehenden Jahres.                            26%

                                                                                                                                                                  QUELLEN: GFS.BERN/TCS-REISEBAROMETER 2021
Befragt wurde die reisende Bevölkerung ab 18 Jahren:
                                                                                                      21%
   im Februar 2020 und im Februar 2021.                                                                         19%
                                                     16%               15%
                                                                                                13%
                                       11%
                                             9%      9%                                                               9%

                            Spanien und Portugal Frankreich     Deutschland, Österreich          Italien    restliches Europa
                                                                  und Liechtenstein

             4%
                2%                                                                                                     6%
           Nordamerika                                                                                                      3%
                                                                                                   4% 3%               Asien
                                                                                                Naher Osten
                                                                                   9%

                                                                                        2%
                                                                                   Afrika
                                  9%

                                       4%
                            Lateinamerika

        Verkehrsmittel                                           Nachhaltigkeit                                                      Ausrüstung
    Lieber mit dem Zug oder                                Hotel ohne Pool und Zimmer                                        Auf Sonnencreme verzichten,
 Schiff statt mit dem Flugzeug                              ohne Klimaanlage buchen.                                        auch wenn diese wasserfest ist.
  anreisen. Sich vor Ort lieber                            Mit knappen Ressourcen wie                                       Sie verunreinigt Gewässer und
  mit dem öffentlichen Verkehr                            Wasser verantwortungsbewusst                                       zerstört Korallen. Stattdessen
    statt mit dem Mietwagen                               umgehen. Faire Preise zahlen.                                     eher auf lange, dünne Kleidung
fortbewegen. Wenn Mietwagen,                               Wenn es zu günstig scheint,                                         setzen, beim Schnorcheln
     nur so gross wie nötig.                                 ist es das meistens auch.                                              auf Lycrashirts.

                                             Dauer                                                    Konsumieren
                              Lieber lange und langsam                                         Lokal essen statt bei inter-
                            reisen, statt viele Kurztrips an                                 nationalen Ketten. Das unter-
                            möglichst viele Destinationen                                     stützt die lokale Wirtschaft.
                           zu unternehmen. Slow Tourism                                      Als Andenken lieber Produkte
                           hat den Vorteil, dass man sich                                     aus lokalem Handwerk mit-
                           besser erholt und in die lokale                                     bringen statt importierten
                               Kultur eintauchen kann.                                              Schnickschnack.

                                                                                                                                        Beobachter 13/2021   23
REISEN Das Übliche, bitte - Corona löst keine nachhaltige Wende im Reiseverhalten aus. Der Massentourismus dürfte sogar noch zunehmen - Fair ...
Venedig, Italien,
September 2020

                           Der Bauboom im mexikanischen Tulum habe          dern; zehnmal so oft wie der Weltdurchschnitt.
                        sich im Coronajahr noch zugespitzt, berichtet       Das dürfte sich auch durch Corona kaum ändern.
                        Marietta M., die sich unter dem Namen Tulumi-          Und nicht nur die Schweizer fliegen immer
                        niña als Reiseführerin für nachhaltige Touren       mehr. Weltweit soll sich die Zahl der Passagiere
                        etabliert hat. «Sogar während des Lockdowns         laut dem Dachverband der Fluggesellschaften
                        wurden neue Hotelburgen hochgezogen, Urwald         Iata bis im Jahr 2037 auf 8,2 Milliarden verdop-
                        wurde abgeholzt.» Nach der Lockerung der            peln. Weil sich vor allem der Flug schlecht auf
                        Massnahmen kamen neue Beachclubs dazu, mit          die Nachhaltigkeitsbilanz bei Reisen auswirkt,
                        Open-Air-Flächen für Partys und Festivals. Frü-     bleibt die grüne Wende wohl Wunschdenken.
                        her sei sie in einer halben Stunde mit dem Velo     «Es gibt keinen wirklich nachhaltigen Touris-
                        zum Strand gefahren, sagt Marietta. Heute stehe     mus, wenn man fliegt», sagt Mathias Binswan-
                        sie dafür in der Hochsaison zwei Stunden im         ger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der
                        Stau. Mit dem Velo sei die Strecke zu gefährlich.   Fachhochschule Nordwestschweiz.
                        «Die Entwicklung macht mich traurig.» Der Geist        Dass die Swiss die Flotte reduziert und Hun-
                        des einst besinnlichen Fischerdorfs sei an den      derte Angestellte entlässt, wurde zwar als Zei-
                        meisten Orten verschwunden.                         chen gedeutet, dass nach Corona weniger ge-
                                                                            flogen werde und die Preise steigen könnten.
                        Zerstören, was man sucht. Was Marietta erlebt,      Allerdings bezweifeln viele, dass die Schrumpf-
                        erfuhren in den letzten Jahren viele Reisende,      kur von Dauer ist. «Die Swiss nutzt die Krise als
                        wenn sie vermeintliche Traumdestinationen           Vorwand, um zu restrukturieren. Sie will zwar
                        besuchten. Sie erwarteten Authentizität, Erleb-     alte Flugzeuge abstossen, aber dafür auch neue
«Nachhaltig
                                                                                                                                FOTOS: ALAMY, FRANCOIS GUILLOT/AFP VIA GETTY IMAGES

                        nisse, die nur ihnen gehörten. Zugleich sind sie    kaufen», sagt Stefan Brülisauer, zuständig für
reisen                  selbst dafür verantwortlich, dass dies zuneh-       Luftfahrt beim VPOD.
                        mend kaum mehr möglich ist. Auf Instagram              Die Gewerkschaft zitiert Studien, wonach
heisst                  geteilte Geheimtipps entwickeln sich schnell zur    bereits Ende 2021 wieder ähnlich oft geflogen
weniger                 überrannten, zugemüllten Horrordestination.         wird wie vor der Krise. Auch die Europäische
reisen.                 Touristen zerstören das gesuchte und gefundene      Organisation zur Sicherung der Luftfahrt (Euro-
Punkt.»                 Paradies gleich selbst wieder.
                            Schweizerinnen und Schweizer tragen dank
                                                                            control) und der Dachverband Iata rechnen da-
                                                                            mit, dass der Flugverkehr 2024 oder spätestens
Mathias Binswanger,     ihrer Kaufkraft kräftig zu diesem Übertourismus-    2029 wieder das Niveau von 2019 erreicht.
Ökonom,                 Problem bei. Sie waren schon vor Corona Flug-          Die Swiss verzeichnet bereits für diesen
Fachhochschule
                        weltmeister, buchten laut WWF doppelt so häu-       Sommer steigende Buchungszahlen. In den
Nordwestschweiz
                        fig den Flieger wie die Leute in den Nachbarlän-    kommenden Wochen wolle man zahlreiche Ziele

24 Beobachter 13/2021
Paris, Frankreich,
                                                                                                                           Juli 2020

wiederaufnehmen und sogar neue anfliegen. Die         weniger Flugreisen. Man fliegt weiter, weil man
Swiss-Muttergesellschaft Lufthansa bietet für         ja kompensiert. Das schlechte Gewissen ist be-
den Sommer «noch mehr Flüge in die Sonne»             ruhigt. «Nachhaltig reisen heisst aber weniger
und «so viele Feriendestinationen wie nie zuvor».     reisen. Punkt», so Binswanger. Doch das wider-
   Nach der Pandemie könnten Reisen zeitweise         spreche den Interessen der Reisebranche. «Nach-
sogar noch günstiger werden. Anbieter, die auf        haltigkeit ist vor allem ein Label, mit dem man
die Masse abzielen, brauchen eine gewisse             versucht, den Tourismus moralisch akzeptabel
Grundauslastung. Sie dürften mit günstigeren          zu gestalten, damit die Leute dann noch mehr
Preisen locken, sagt Tourismusexperte Urs             reisen.» Nach Corona werden Airlines versu-
Wagenseil. Das prognostiziert auch Michael            chen, den Flugverkehr hochzufahren, besonders
O’Leary, Chef der Billigairline Ryanair. Er erwarte   bei Langstrecken. «Hier ist weiter Wachstum
bei Flügen ein massives Preisdumping.                 möglich. Die Leute wollen weiterhin reisen und
                                                      global unterwegs sein», so Binswanger.
«Umweltfreundlich» schreckt ab. Auch bei den              Das dürfte an neuralgischen Punkten zu noch
Reisewilligen dürfte die Pandemie wenig ver-          mehr Dichtestress führen. Orte wie Florenz,
ändert haben. «Die Leute reden gern über Nach-        Venedig oder Amsterdam, die besonders vom
haltigkeit, aber wenn es um konkrete Entscheide       Übertourismus betroffen sind, haben die Pande-
geht, spielt der Preis oft eine grössere Rolle», so   miepause zwar genutzt. Sie erarbeiteten Kon-
Ökonom Mathias Binswanger. Das bestätigt eine         zepte, um besser mit den Massen umzugehen.
Umfrage des Buchungsportals Booking.com:              Es gibt aber Zweifel, dass diese auch wirken.
Reisende machten einen Bogen um Angebote,                 Venedig will Besucherströme anhand von
die als «eco-friendly» gekennzeichnet waren. Sie      Kameraüberwachung und Handydaten besser               «Die Swiss
gingen davon aus, dass diese teurer wären. Und        leiten. Kreuzfahrtschiffe sollen aus der Stadt ver-   nutzt die
die Pauschalreise mit dem Billigflieger in die        bannt werden, eine Steuer für Tagestouristen          Krise als
Dominikanische Republik oder nach Thailand
ist nun mal häufig günstiger als Ferien vor der
                                                      soll Besuche verlängern. Francesco Penzo, der
                                                      sich für ein lebenswertes Venedig engagiert, ist
                                                                                                            Vorwand,
Haustür. Das Problem verschärft sich, weil die        jedoch skeptisch, dass sich etwas ändert. Er er-      um zu
besonders klimaschädlichen Umsteigeflüge oft          warte vielmehr eine «noch stärkere soziale Spal-      restruktu-
preiswerter sind als Direktflüge. Viele buchen        tung», sagte er kürzlich dem «Tages-Anzeiger».        rieren.»
solche Verbindungen, um Geld zu sparen.               Eine wirtschaftliche Krise sei zu befürchten –
    Massnahmen, um den Tourismus nachhalti-           und vieles deute darauf hin, dass sie zum Tot-
                                                                                                            Stefan Brülisauer,
                                                                                                            zuständig für Luftfahrt
ger zu gestalten, etwa CO2-Kompensationen,            schlagargument werde, um dem Massentouris-
                                                                                                            beim VPOD
führen laut Binswanger nicht zwangsläufig zu          mus sogar noch mehr Raum zu überlassen.

                                                                                                              Beobachter 13/2021   25
Rio de Janeiro,
Brasilien,
März 2020

                           Viele, die vom Tourismus leben, sind zwie-             Auf eigene Faust im Internet nachhaltige An-
                        gespalten, worauf sie nach Corona hoffen sollen.       gebote zu finden, ist oft schwierig. Viele Hotels
                        Denn das Wegbleiben von Touristen wäre eine            und Reiseanbieter schmücken sich zwar mit
                        wirtschaftliche Katastrophe. Millionen Jobs            Versprechen zu Nachhaltigkeit. Häufig steckt
                        hängen von der Branche ab. «Bei Nachhaltigkeit         aber wenig dahinter. Das sieht auch Tourguide
                        im Tourismus geht es nicht nur ums Klima,              Marietta in Tulum. Hier priesen sich viele Hotels
                        sondern auch darum, die lokale Bevölkerung fair        als «öko» an – hätten aber doch Klimaanlagen
                        zu behandeln und rücksichtsvoll mit der Natur          und Pools, liessen ihren Müll und ihr Abwasser
                        umzugehen», sagt Jon Andrea Florin von Fair-           im Urwald deponieren, bezahlten Mitarbeitende
                        unterwegs.org, einem auf nachhaltiges Reisen           schlecht. Ausflüge würden mit riesigen Jeeps
                        spezialisierten Portal.                                gemacht, auf die Natur werde wenig geachtet.
                           Man müsse eine Balance finden zwischen                 Marietta will in Mexiko eine Alternative an-
                        Fernweh und verantwortungsvollem Reisen. Das           bieten. Auf ihren Touren gibt es kein Plastik, alle
                        bedeute vor allem, langsamer, bewusster und            füllen ihre Trinkflasche an einem grossen Tank.
                        lokaler zu reisen (siehe Tipps, Seite 22). Ein lokal   Das Mietauto für die Fahrt zu den entfernten
                        geführtes Hotel sei meist besser für die Leute vor     Sehenswürdigkeiten ist nur so gross wie nötig.
                        Ort und die Umwelt, besonders wenn es genos-           Teilnehmende lernen etwas über das komplexe
                        senschaftlich oder als Stiftung funktioniere. So       Ökosystem der Region. Mariettas Philosophie:
                        bleibe ein grösserer Teil des erwirtschafteten Gel-    Wer die Natur versteht, ist gut zu ihr.
                        des im Land als bei einer internationalen Kette.          Ihr Spezialprogramm ist teurer als viele Tou-
                                                                               ren, die in Tulum angeboten werden. Dafür
                        Ein Argument fürs Reisebüro. Florin rät Reisen-        spricht sie Reisende an, die ein vertieftes Inte-
«Nach-                  den, auf Labels zu achten. Weil es davon aber zu       resse am Meer, am Urwald und an der Kultur
haltigkeit              viele gebe, brauche es ein globales Dachlabel –        mitbringen. Marietta hat sich ihr eigenes kleines
heisst auch,            ähnlich dem Max-Havelaar-Label für Lebens-             Paradies geschaffen – abseits der ausgetretenen
die lokale              mittel. An einem entsprechenden Konzept arbei-         Pfade. Damit das so bleibt, versieht sie gepostete
                                                                                                                                     FOTO: RICARDO MORAES/REUTERS

                        tet die Reiseinitiative Travelyst. Sie möchte auf      Bilder auf ihrem Instagram-Account nicht mit
Bevölke-                grossen Buchungsplattformen einen Filter für           einem Geotag – damit der Ort nicht automatisch
rung fair zu            nachhaltige Angebote einbauen. Eine vergleich-         zu finden ist. Gästen rät sie ebenfalls davon ab.
behandeln.»             bare Vorselektion können Schweizer Reisebüros          «Auch ich werbe über Instagram für meine Tou-
                        seit kurzem über das Buchungssystem Travel-            ren», sagt sie. «Aber eher indem ich auf Umwelt-
Jon Andrea Florin,
                        port anbieten. Entsprechend kann es sinnvoll           probleme aufmerksam mache. Naturschutz und
Fairunterwegs.org
                        sein, im Reisebüro statt im Internet zu buchen.        Tourismus müssen kein Gegensatz sein.»

26 Beobachter 13/2021
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