Superman und Barbie In Worten sichtbar machen - Geschlechtergerechte Sprache im INFO

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Superman und Barbie In Worten sichtbar machen - Geschlechtergerechte Sprache im INFO
Thema

     Superman und Barbie

     In Worten sichtbar machen
     Geschlechtergerechte Sprache im INFO
     Geschlechtergerechte Sprache – ein               ein großes Fragezeichen auf: nur die Män- lebauer und -bauerinnen! Oder auch: Wie
     heißes Eisen. INFO hat es sich bereits           ner nennen? Nur die Frauen? Oder beide? wichtig sind außerschulische Partnerinnen
     seit Jahren zur Aufgabe gemacht, bei-            Was ist noch lesbar, was nur noch bloße und Partner?
     de Geschlechter in gleichem Maße zu              Zumutung?
     Wort kommen zu lassen. Und dafür
     viel Lob, aber auch Kritik geerntet.             Geschlechtergerecht schreiben ist eine Grat-   Sprachliche Stolpersteine
                                                      wanderung – keine Frage. Oberstes Gebot        Unglücklich gewählte Doppelformen, die
     Für alle, die mit Sprache zu tun haben, stellt   einer Journalistin oder eines Journalisten     Mann und Frau nur pro forma und wenig
     sich früher oder später die Frage, wie sie       etwa sind die Lesbarkeit und Verständlich-     ernsthaft berücksichtigen, können Texten viel
     es mit der geschlechtergerechten Sprache         keit ihrer Texte. Sie wollen die Dinge auf     von ihrer Wirkung und Pointiertheit weg-
     halten. Dies gilt für das schreibende Gewer-     den Punkt bringen und formulieren des-         nehmen, zum Leidwesen der Autorin oder
     be, also die Schriftstellerei und den Journa-    halb knapp und präzise. Da wundert es          des Autors und natürlich der Leserinnen und
     lismus ebenso wie für das Verlags- und das       nicht, dass geschlechtergerechte Formu-        Leser. Da liest man, Pardon: lesen man und
     Bildungswesen. Und natürlich für alle, die       lierungen in den Printmedien selten anzu-      frau von Mitarbeiter/inne/n, von SchülerIn-
     publizieren, auch wenn sie nur einen Leser-      treffen sind und in Titeln und Untertiteln     nen, von Frau/Herrn Direktor/in, von Frau
     brief verfassen. Spätestens bei der ersten       praktisch gar nicht vorkommen. Oder wie        Dr.in, von Ärzt(e)/inne(n), Berater(inne)n
     Benennung einer Berufskategorie tut sich         liest sich: Achtung Schuldenfalle für Häus-    und anderem mehr.

10    Februar 2007
Superman und Barbie In Worten sichtbar machen - Geschlechtergerechte Sprache im INFO
Geschlechtergerechte Sprache – also ein                                                            allerdings in unseren Sprachgebrauch ein-
Ding der Unmöglichkeit? Nein. Zum Glück         Geschlechtergerecht                                gebürgert hat) oder ganz einfach Lehrende,
bietet die Sprache doch einige Mittel, ein      formulieren                                        die Zuhörerinnen und Zuhörer sind schlicht
Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern        Der K(r)ampf der verschiedenen Schrei-             das Publikum, die Antragstellerin und der An-
herzustellen. Nicht dazu gehören jedenfalls     bungen offenbart die Unsicherheit in der           tragsteller die Antragstellenden. Und Schüle-
visuelle Stolpersteine wie der Schrägstrich     Anwendung geschlechtergerechter Spra-              rinnen und Schüler sind für uns irgendwo
im Inneren oder am Ende eines Wortes.           che. Das INFO bemüht sich seit jeher, auf          auch Kinder und Jugendliche geblieben.
Er vergrößert die verbale Kluft zwischen        akrobatische Wort- und Satzverrenkungen            Sprache ist ein Spiegel der Gesellschaft, kei-
den Geschlechtern nur, anstatt sie aufzu-       zu verzichten. Überall dort, wo es möglich         ne Frage. Und als solcher gibt sie auch den
heben. So werden in Lehrer/innen oder           ist, werden in der Informationsschrift von         Wandel der Geschlechterrollen wieder. Die
Lehrer/Lehrerinnen fein säuberlich die ei-      Deutschem Schulamt und Pädagogischem               Vielzahl an mehr oder weniger geschlech-
nen von den anderen getrennt. Wobei in          Institut vollständige Paarformen angewandt:        tergerechten Schreibungen deutet auf eine
den meisten Fällen doch wieder die Män-         Schülerinnen und Schüler ebenso wie Direkto-       Übergangsphase hin, auf einen Wettbewerb
ner voranschreiten und die Frauen sich          rinnen und Direktoren, die auch mal zu Schul-      zwischen den verschiedenen Ausdrucksmög-
brav hinten anstellen müssen. Gar zu ei-        führungskräften gebündelt werden dürfen.           lichkeiten. Am Ende dieser Phase werden
nem kleingedruckten Anhängsel verkom-           Grammatik und Rechtschreibung bleiben              wir – so hoffen wir – die besten Lösungen
men Akademikerinnen in Bezeichnungen            für die INFO-Redaktion maßgebend, kein             gefunden haben, beide Geschlechter in der
wie Doz.in, Dr.in und Univ.-Prof.in. Auch das   Binnen-I und auch kein Schrägstrich sollen         Sprache gut sichtbar zu machen. Wir von
sogenannte Binnen-I scheint keine proba-        die Freude am Lesen trüben, ausgenom-              der INFO-Redaktion jedenfalls halten an
te Lösung zu sein, Stichwort TeilnehmerIn-      men in Tabellen und Schaukästen. Neutra-           unserer Linie fest und sind unseren Lese-
nen und BewerberInnen. Ein großes I, das        le Formulierungen werden von uns über-             rinnen und Lesern für allfällige Anregungen
so unvermittelt im Wort aufragt, verstößt       all dort eingesetzt, wo Frau und Mann aus          und Kritik dankbar.
nicht nur empfindlich gegen die Regeln der      stilistischen Gründen nicht immer sichtbar
Rechtschreibung, sondern tut auch dem           gemacht werden können: So sind Lehrerin- Thomas Summerer
Lesefluss keinen Dienst. Und schließlich        nen und Lehrer schließlich auch Lehrperso- Leiter der Servicestelle Öffentlichkeitsarbeit am Schulamt
kommt es auch darauf an, oder?                  nen (ein unschöner Ausdruck zwar, der sich und inhaltlicher Koordinator des INFO

                                                                                                                                    Februar 2007        11
Superman und Barbie In Worten sichtbar machen - Geschlechtergerechte Sprache im INFO
Vom Superman zum Mann-Sein
     Körperarbeit mit Buben
     Die Prävention und Gesundheitsför- gespielt wird, verwechselt. Heilung für die               Männern“, die ihre Schwäche leben und ge-
     derungspraxis muss sich zunehmend Buben liegt im Satz: „Ich darf ich sein“.                  rade dadurch den sich ständig verändern-
     mit dem Anspruch auseinanderset-                                                             den Anforderungen des Lebens gewachsen
     zen, geschlechtergerechte Konzepte                                                           sind. Starke Männer, die sich und die Welt
     zu entwickeln. Neben vielen anderen Wie kann eine gesunde                                    ruinieren, gibt es schon genug.
     Inhalten spielt die kreative Körper- männliche Identitätsbildung                             Das folgende Spiel kann als Angebot zur Kör-
     arbeit im Erziehungsprozess eine erfolgen?                                                   perarbeit mit Buben dienen und anregen.
     wesentliche Rolle.                            Es braucht ältere Männer, die für die jünge-
                                                   ren da sind sowie Rituale, die den Übergang    „Blinde“ unter sich
     Die Identitätsbildung bei Kindern und Jugend- vom Buben zum Mann feiern. Viele Buben,        Zwei Buben werden die Augen verbunden. Al-
     lichen erfolgt in erster Linie über den Kör- häufig die „Wilden der Klasse“, empfinden       le anderen Buben stehen im Kreis und halten
     per. Buben haben entgegen dem zentralen neue Körpererfahrungen als sehr angenehm             sich an den Händen. Die beiden „Blinden“
     Rollengebot der körperlichen Überlegen- und bewerten Massagen, Entspannungsü-                befinden sich innerhalb des Kreises. Einer der
     heit eine im Schnitt schwächere körperliche bungen, Phantasiereisen,Yoga und Koopera-        „Blinden“ hat die Aufgabe, den anderen zu
     Konstitution als Mädchen. Sie sind nicht nur tionsspiele durchwegs positiv. Besonders die    fangen. Die anderen Buben sind still und ach-
     krankheitsanfälliger, sondern auch im Alltag Jüngeren sind sehr aufgeschlossen für solche    ten darauf, dass keiner der beiden den Kreis
     gefährdeter durch ihren geschlechtsspezifi- Angebote. Hier wäre es nötig, in einem ge-       verlassen kann. Da sich die Kinder einzig und
     schen Leichtsinn beziehungsweise ihr rollen- schützten Rahmen Angebote zu schaffen, in       allein auf ihr Gehör verlassen müssen, muss
     konformes Unvermögen, gefährliche Situa- denen sich Buben authentisch geben kön-             es im Raum ganz leise sein.
     tionen angemessen einzuschätzen.              nen, um den wirklichen inneren Kontakt zu
     Selbstverteidigungskurse und Kletterange- sich selbst und zu ihrem Körper herzustellen       Brigitte Regele
     bote dienen dazu, den Bewegungsspielraum und um eigene Bedürfnisse und Ansprüche             Mitarbeiterin an der Dienststelle für Gesundheitserziehung,
     von Mädchen zu erweitern und körperliche ungestört wahrnehmen und äußern zu kön-             Integration, Schulberatung und Supervision
     Grenzen auszutesten. Für Buben hingegen nen, ohne sofort als
     gibt es bislang kaum akzeptable Modelle, unmännlich oder ver-
     wie sie ihr Körperbewusstsein in dieser weichlicht aufzufallen.
     computerorientierten Sitzgesellschaft neu Ein geschützter Rah-
     definieren können. Buben dürfen weder in men ist notwendig,
     ihren Körper hineinhorchen noch ihrer Ver- der die Möglichkeit
     letzlichkeit viel Beachtung schenken. Raufe- bietet, über sensible
     reien und gewalttätige Äußerungen gehö- Themen zu sprechen,
     ren nach wie vor zu den Mitteln, mit denen und in dem Buben
     sie sich körperlich ausdrücken. Ihre größte nicht fürchten müs-
     Angst besteht darin, Schwächen zuzulassen; sen, für ihre Gefühle
     dies führt oft zu einer Überforderung. „Ich von Mädchen ausge-
     leiste, also bin ich“, so wird Leistung zum lacht zu werden. Bu-
     wichtigsten Wertmaßstab männlichen Le- ben brauchen Vorbil-
     bens, und Identität wird mit der Rolle, die der von „schwachen

12    Februar 2007
Frauen in der Bildungsarbeit
Starke Mädchen kommen überall hin
Frauen sind in Südtirol zahlenmäßig • Ansetzen bei den Stärken: Nur so kön-                   gen und ihn nutzen können, beeinflusst ihr
stärker vertreten, haben eine höhe-     nen Mädchen ermutigt werden, ihren                    Selbstwertgefühl sowie das Bewusstsein
re Lebenserwartung und erreichen        Weg und ihre Art der Lebensgestaltung                 ihrer Fähigkeiten.
ein höheres Bildungsniveau. Demge-      selbst zu suchen und zu finden. In der
genüber steht, dass Frauen in der Ar-   Mädchenförderung geht es um eine Um-
beitswelt niedrigere Löhne beziehen,    und Neubewertung von Verhaltensweisen                 Prävention und
weniger hohe Positionen einnehmen       und Fähigkeiten. Die Mädchen sollen ihre              Öffentlichkeitsarbeit
und vor allem in spezifischen Berei-    Fähigkeiten und Eigenschaften als positiv             Die Unterstützung der Mädchen in ihrer Au-
chen wie zum Beispiel im Bildungs-      erleben, ihre Stärken und Schwächen be-               tonomie, ihrem Selbstvertrauen und ihrem
wesen zu finden sind. Dies kann nicht   wusst definieren, um eine eigene Identität            Widerstand wirkt sich langfristig präventiv
allein auf die statistischen Abweichun- und ein starkes Selbstvertrauen zu ent-               auf sexuelle Gewalt und materielle Ausbeu-
gen im mathematischen Bereich der       wickeln.                                              tung aus. Eine breite Öffentlichkeitsarbeit ist
Mädchen zurückzuführen sein.                                                                  erforderlich mit dem Ziel, Lebensrealitäten
                                                                                              von Mädchen in ihren gesellschaftlichen Zu-
Die feministische Pädagogik zielt auf die       Weibliche Vorbilder                           sammenhängen sichtbar zu machen.
Verwirklichung von selbstbestimmtem Le-         als Identifikationsfigur                      Die Beschäftigung mit der Geschlechterfra-
ben der Mädchen und jungen Frauen. Dies         Mädchen brauchen alternative weibliche        ge kann Abwehr auslösen, darum bedarf es
heißt, dass die in der Bildung tätigen Frauen   Vorbilder in den verschiedenen Unterrichts-   einer geschlechtssensiblen Arbeitsgruppe in
sich mit weiblichen Ideen, Problemen und        gegenständen. Mädchen und junge Frauen        Bildungseinrichtungen. Geschlechterbewuss-
Zukunftsvorstellungen ernsthaft auseinan-       sind, um ihre gesamte Lebenssituation zu      te Erziehung braucht zunächst eine gezielte
dersetzen und diese unterstützen, ohne ih-      begreifen, auf Fremderfahrungen angewie-      Sensibilisierung von Kolleginnen und Kolle-
nen ein gesellschaftliches „Aufholen“ aufzu-    sen. Diese Vermittlungsarbeit leisten hier    gen, von Jungen und Mädchen sowie den
zwingen. Eine Fokusveränderung weg vom          Frauen im Bewusstsein ihrer symbolischen      Eltern durch eine Ent-Emotionalisierung. Ein
Defizitblick hin zur Öffnung für die Stärken    Handlung. Frauen, die in ihrer Arbeit ihre    erster Schritt ist die Bereitstellung von Sach-
der Mädchen ermöglicht es, diese nicht nur      eigene Betroffenheit, Widersprüche und        information (Theorie, Statistik). Fördernde
in der Opferrolle, sondern als Subjekte ih-     Widerstandsformen erkennen lassen. Die        Frauen müssen sich ihrer Funktion gewahr
rer eigenen Situation zu sehen.                 Mädchen erleben so, wie die bestehende        werden, sich anerkennen, ihre Erfolge fei-
Jede Form von Mädchenförderung soll auf         Situation kritisierbar und langfristig verän- ern und auch konstruktive Kritik unterein-
folgenden Grundsätzen beruhen:                  derbar ist.                                   ander zulassen.
• Geschlechtersensibles Bewusstsein der         Bedürfnisgerechte Räume: Räume enthal-        Zusammenfassend gilt es, in der Mädchen-
   Erzieherinnen: Förderung von Mädchen         ten Bedeutungen, Festlegungen, Besitz- und    förderung die Ressourcen der Erzieherinnen
   im Bildungsbereich beinhaltet bewusste       Machtansprüche. Beginnend beim Pausen-        und der Mädchen in der Bildung wertzu-
   und offene Parteinahme für die Interes-      hof können auch andere Raumordnungen          schätzen, Kompetenzen anzuerkennen, um
   sen und Bedürfnisse der Mädchen, sie so      neu überdacht werden. Mädchen und jun-        das Recht als Mädchen und Frau auf eine
   zu nehmen, wie sie sind, mit allen ihren     ge Frauen brauchen Räume, in denen sie        autonome Identität einzufordern.
   Widersprüchen. Erst aus der Erfahrung,       wahrgenommen werden, öffentliche Räu-
   ernst genommen zu werden, kann sich          me, die ihnen gleichzeitig Schutz bieten. Ingrid Ninz, Lehrerin an der Landesfachschule für
   der Mut zu Veränderung entwickeln.           Wie Mädchen sich in einem Raum bewe- Sozialberufe „Hannah Arendt“, Bozen

                                                                                                                             Februar 2007       13
Glück gehabt?
     Erklärungsmuster für die eigenen Leistungen
     Viele Schülerinnen und Schüler ha-              die Erfolgserwartung und den Wert zu-             sie häufig ihre Leistungen unterschätzen, ein
     ben eine unrealistische Vorstellung             künftigen Lernens ist jedoch die Zuschrei-        niedrigeres Vertrauen in ihre Fähigkeiten ha-
     von den Ursachen ihrer schulischen              bung meines Erfolges bzw. Misserfolges auf        ben und vor allem in höheren Altersstufen
     Erfolge bzw. Misserfolge. Deren an-             bestimmte Ursachen.                               von einer geringeren schulischen Erfolgs-
     gemessene Einschätzung ist jedoch                                                                 erwartung berichten. Mit dieser schlechten
     unverzichtbar, wenn beispielsweise er-          Diese Ursachenerklärung nennt man                 motivationalen Ausgangsvoraussetzung ist es
     folgreiche Lernstrategien aufgebaut             Attribution. Warum ist sie für das                nicht verwunderlich, dass immer noch weni-
     und ineffektives Lernen reduziert               Leistungsverhalten von Schülerinnen               ge junge Frauen diese Bereiche für sich als
     werden sollen. Falsche Ursachener-              und Schülern derart wichtig?                      Betätigungsfelder wählen. Und dies vor dem
     klärungen können somit langfristig              Monika Finsterwald: Ursachen für das ei-          Hintergrund, dass Mädchen und Jungen vor
     nicht nur das Lernen, sondern auch              gene Verhalten sowie das anderer Personen         Eintritt in die Pubertät in diesen Bereichen
     die schulische Motivation und den               zu verstehen, ist ein natürliches, menschliches   nahezu gleiche Fähigkeiten und Leistungen
     Selbstwert massiv beeinträchtigen.              Bedürfnis. In der Schule bestimmen Kinder         zeigen und kaum nennenswerte Interes-
     INFO hat mit der Psychologin Mo-                und Jugendliche immer wieder für sich, was        sensunterschiede auffindbar sind!
     nika Finsterwald ein Gespräch dar-              die Ursachen für ihre Leistungen sind, zum
     über geführt.                                   Beispiel richtig gelernt zu haben, die Inhalte    Wie können Kinder und Jugendli-
                                                     verstanden zu haben, einen guten Tag gehabt       che mit geringer Motivation und ge-
     Was ist Motivation und wie kann sie             zu haben. Worauf ich es zurückführe, dass         ringem Selbstwertgefühl gefördert
     bei Schülerinnen und Schülern geför-            ich erfolgreich bzw. nicht erfolgreich war, ist   werden?
     dert werden?                                    deshalb so zentral, weil dies Einfluss darauf     Monika Finsterwald: Zahlreiche em-
     Monika Finsterwald: Nach neuerem                hat, ob ich in Zukunft erwarte, in einer ähn-     pirische Studien belegen, dass Erfolge vor
     Verständnis ist Motivation nicht mehr Ei-       lichen Situation wieder (nicht) erfolgreich zu    allem auf in der Person liegende Ursachen
     genschaft einer Person, sondern entsteht in     sein. Als Folge geringer Erfolgserwartungen       zurückgeführt werden sollten (zum Beispiel
     der Interaktion mit der Umwelt. Motivation      können wir immer wieder beobachten, dass          auf Fähigkeit, Anstrengung) und Misserfolge
     ist ein Prozess, der zielgerechte Handlun-      Schülerinnen und Schüler nur halbherzig oder      auf veränderbare Ursachen (zum Beispiel
     gen einleitet und diese auch aufrechterhält.    gar nicht in den Lernprozess einsteigen oder      auf mangelnde Anstrengung und Pech). Die-
     Die Gründe, etwas zu tun, können unter-         Leistung verweigern.                              se Ursachenerklärungen führen zu einer
     schiedlich sein. Grundsätzlich gilt: Je höher                                                     günstigen Bewertung des Ergebnisses und
     das Interesse an einem Inhalt, desto größer     Erklären sich Mädchen Erfolge und                 erhöhen die Erwartung, in Zukunft in ähn-
     ist auch die Motivation. Auch das Interesse     Misserfolge anders als Buben?                     lichen Situationen angemessen handeln zu
     vonseiten der Lehrkraft für ein Themen-         Monika Finsterwald: Wird die Motivation           können. Grundsätzlich gilt für die Motiva-
     gebiet wirkt ansteckend. Wichtig ist, dass      von Mädchen und Jungen in den mathema-            tionsförderung die Merkregel, dass Erfolge
     Schülerinnen und Schüler wissen, dass sich      tisch-naturwissenschaftlichen Fächern und         hauptsächlich in der Person verursacht ge-
     ihre Fähigkeiten verändern können und dass      in der Informatik genauer betrachtet, trifft      sehen werden sollten, das heißt, die Schü-
     dies wesentlich von ihrem Einsatz abhängt.      dies zu, und zwar stets zuungunsten von           lerinnen und Schüler haben diese in der
     Außerdem müssen die Ziele, die in einem         Mädchen. Schülerinnen führen ihre Erfolge         Hand. Misserfolge hingegen sind veränder-
     zeitlich festgesetzten Rahmen erreicht wer-     verstärkt auf Glück oder die Leichtigkeit der     bar, das heißt auf einen Misserfolg folgt nicht
     den sollen, klar sein. Ausschlaggebend für      Aufgabenstellung zurück. Hinzu kommt, dass        zwangsweise wieder ein Misserfolg.

14    Februar 2007
re Leistun-     wenn dies nötig ist und nicht aufzugeben,
                                                                                 gen in Ma-      da man „das ja noch nie konnte und auch
                                                                                 thematik        nicht lernen wird“.
                                                                                 zu verbes-
                                                                                 sern. Sie sa-   Erklärungsmuster für (Miss-)Erfolge
                                                                                 gen schnel-     können also verändert werden. Wie
                                                                                 ler : „Ich      geschieht das am effizientesten?
                                                                                 kann Ma-        Monika Finsterwald: Zur täglichen Ar-
                                                                                 the nicht.“     beit von Lehrkräften gehört es, mündli-
                                                                                 Die Fol-        ches und schriftliches Feedback zu geben.
                                                                                 ge ist, dass    Mündliche Feedbacks haben den Vor-
                                                                                 sie sich von    teil der Unmittelbarkeit: Einem Schüler
                                                                                 vornherein      oder einer Schülerin kann sofor t nach
                                                                                 weniger an-     dem Ergebnis eine motivational günsti-
                                                                                 strengen        ge Erklärung nahe gelegt werden. Zum
                                                                                 und infol-      Beispiel bei Erfolg kann man sagen: „Du
                                                                                 gedessen        hast dich gut vorbereitet.“ „Du hast das
                                                                                 Misserfol-      schnell begriffen.“ Bei Misserfolg könn-
                                                                                 ge erzielen.    te das Feedback folgendermaßen lauten:
Bei Schülerinnen und Schülern mit einem         Das Gefühl, versagt zu haben, stellt sich ein,   „Bei dieser Aufgabe haben die meisten
geringen Selbstwertgefühl ist es wichtig, Er-   die Folge davon ist, dass sie sich noch we-      ihre Schwierigkeiten.“ „Das musst du dir
folge auf ihre Fähigkeiten zurückzuführen.      niger anstrengen. Dieser Teufelskreis muss       noch einmal anschauen.“ Schriftliches
Dies erhöht den Selbstwert. Misserfolge         und kann aufgebrochen werden.                    Feedback bei Hausübungen, Schulaufga-
sollten in diesem Fall eher mit dem Lernen                                                       ben oder Hefteinträgen hat den Vor teil,
(zum Beispiel falsche Vorbereitung, zu wenig    Welche Begabungstheorien seitens                 dass es differenzier t und gut durchdacht
Aufwand) erklärt werden. Wenn gute Leis-        der Eltern und Lehrkräfte sind für               ist. Das Feedback muss stets konstruktiv
tungen auf äußere Umstände (zum Beispiel        ein gutes Selbstwertgefühl und für               und sachlich sein. Abwertende Rückmel-
Glück oder leichte Aufgaben) und schlechte      gute Leistungen förderlich?                      dungen vonseiten der Mitschülerinnen und
Leistungen auf mangelnde Fähigkeiten zu-        Monika Finsterwald: Kindern und Ju-              Mitschüler sollten nicht unkommentier t
rückgeführt werden, wirkt sich dies negativ     gendlichen sollte vermittelt werden, dass        stehen gelassen werden. Insgesamt ist es
sowohl auf die Motivation als auch auf das      Fähigkeiten erweiterbar sind und Anstren-        für das Unterrichtsklima, für die Motiva-
Selbstwertgefühl aus.                           gungen sich lohnen. Sich für Inhalte einzu-      tion und den Selbstwer t der Kinder und
                                                setzen und zu lernen ergibt somit einen          Jugendlichen äußerst hilfreich, mit ihnen
Was wird unter „erlernter Hilflosig-            Sinn. Diese Einstellung gilt es sowohl von-      zusammen eine Feedbackkultur für den
keit“ verstanden?                               seiten der Lehrpersonen als auch der El-         eigenen Unterricht zu erarbeiten.
Monika Finsterwald: Nehmen wir das              tern zu unterstützen, da ein flexibles Bild
Beispiel Mathematik. Mädchen glauben eher,      von Fähigkeiten Schülerinnen und Schü- Interview: Christine Plieger, Mitarbeiterin des
dass sie keinen Einfluss darauf haben, ih-      ler motiviert, sich auch dann anzustrengen, Pädagogischen Instituts in der Begabungsförderung

                                                                                                                             Februar 2007       15
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