Ukraine im Nato-Russland-Spannungsfeld - Einleitung - Stiftung ...

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Ukraine im Nato-Russland-Spannungsfeld - Einleitung - Stiftung ...
NR. 11 FEBRUAR 2022                        Einleitung

Ukraine im Nato-Russland-Spannungsfeld
Sicherheitsvereinbarungen und Rüstungskontrolle müssen wiederbelebt werden
Wolfgang Richter

Mit grenznahen Manövern demonstriert Moskau seine Fähigkeit, im Donbas offen
militärisch zu intervenieren. Es beschuldigt Kiew, die Lage dort zu eskalieren, und
den Westen, die Ukraine durch einseitige Parteinahme darin zu bestärken. Doch im
Westen wird geargwöhnt, Russland plane eine großangelegte Invasion der Ukraine.
Dies hat der Kreml dementiert. Mitte Dezember 2021 hat er mit zwei Vertragsentwür-
fen verdeutlicht, worum es ihm geht, nämlich eine weitere Ausdehnung der Nato nach
Osten zu verhindern und dafür eine verbindliche Zusicherung zu erhalten. Dabei be-
ruft er sich auf die Nato-Russland-Vereinbarungen der 1990er Jahre. Moskau befürch-
tet, dass vor allem ein Nato-Beitritt der Ukraine das strategische Gleichgewicht mit
den USA gefährden würde. Die USA und die Nato signalisieren Dialogbereitschaft in
Fragen der Rüstungskontrolle, sind aber nicht bereit, die Prinzipien der europäischen
Sicherheitsordnung zu revidieren. Ob Moskau dies akzeptiert, bleibt abzuwarten.
Jedenfalls sollte der neue Dialog als Chance aufgegriffen werden, um die Lage zu
deeskalieren und die militärische Berechenbarkeit durch Rüstungskontrolle wieder-
herzustellen, ohne Prinzipien preiszugeben.

Am 17. Dezember 2021 hat Moskau zwei            Truppen zurückzieht, die nach dem Mai
Vertragsentwürfe vorgelegt, um die Fort-        1997 in Osteuropa stationiert wurden.
setzung der Nato-Erweiterung nach Osten         Dabei beruft sich Moskau auf die Nato-
zu stoppen. Zugleich will es verhindern,        Russland-Grundakte von 1997.
dass das Bündnis Truppen an den Grenzen            Die Vorschläge wurden im Januar 2022
Russlands stationiert oder in europäischen      sowohl bilateral mit den USA in Genf als
Staaten weitreichende Raketen aufstellt, die    auch multilateral im Nato-Russland-Rat und
Russland bedrohen könnten. Dazu fordert         in der OSZE diskutiert. Der Westen wies
Moskau, dass die Nato ihre Gipfelerklärung      russische Forderungen nach einem Ende
von 2008 zurücknimmt, in der sie der Ukra-      der Nato-Erweiterung zurück und verlang-
ine und Georgien den Beitritt zur Allianz       te, Moskau solle seine Truppen von den
in Aussicht gestellt hat. Sie solle vielmehr    Grenzen zur Ukraine abziehen. Viele Ver-
rechtsverbindlich erklären, dass sie auf jede   bündete aber zeigten sich offen dafür,
künftige Erweiterung – besonders im             den Dialog fortzusetzen und die Rüstungs-
postsowjetischen Raum – verzichtet und          kontrolle wiederzubeleben.
Militärische Optionen Russlands                  Die ukrainischen Streitkräfte sind heute
                                                               weitaus kampfbereiter als 2014. Damals
                 Wie schon im Frühjahr 2021 führt Moskau       waren es nicht materielle Ausstattungs-
                 seit zwei Monaten Manöver östlich der Ukra-   lücken der nominell drittstärksten Armee
                 ine durch. Seit 2015 sind dort drei Motori-   Europas, welche die Abwehrbereitschaft
                 sierte (Mot) Schützendivisionen dauerhaft     hemmten, sondern ihre mangelnde Kampf-
                 stationiert: in Jelnja bei Smolensk (250 km   moral. Etwa zwei Drittel der ukrainischen
                 nordöstlich der Ukraine), Bogutschar          Land- und Seestreitkräfte auf der Krim sind
                 (50 km östlich des Donbas) und Nowotscher-    zur russischen Schwarzmeerflotte überge-
                 kassk (150 km südöstlich des Donbas). Sie     laufen, obwohl sie vor Ort überlegen waren.
                 sind zwei Armeestäben in Woronesch und        Als die neue Kiewer Führung eine »Anti-
                 in Rostow am Don unterstellt. Zusammen        terroroperation« gegen die prorussischen
                 verfügen sie über etwa 47.000 Soldaten,       Rebellen im Donbas begann, konnte sie nur
                 650 Kampfpanzer und 950 Schützenpanzer        6.000 Soldaten aufbieten. Sie musste sich
                 (siehe SWP-Aktuell 39/2021).                  vor allem auf leicht bewaffnete Freiwilligen-
                    Zu den Einheiten der Schwarzmeerflotte     verbände stützen.
                 auf der Krim gehören auch das 22. Armee-         Mittlerweile sind Kiews Streitkräfte auf
                 korps in Simferopol und die 810. Marine-      gut 250.000 aktive Soldaten und über
                 infanteriebrigade in Sewastopol. Insgesamt    900.000 Reservisten angewachsen. Die Nato
                 sind also rund 75.000 russische Soldaten      hilft, die Führungsfähigkeit zu verbessern;
                 ständig in einer Distanz von 50 bis 250 km    die USA stellten Aufklärungsergebnisse,
                 zur Ukraine stationiert.                      Artillerieradargeräte und – wie auch Groß-
                    Zusätzlich üben derzeit Truppenteile aus   britannien – Panzerabwehrraketensysteme
                 Süd- und Zentralrussland auf Schießplätzen    bereit. Von der Türkei erhielt Kiew Bayrak-
                 in einer Entfernung von 50–170 km zur         tar-TB2-Kampfdrohnen. Beim Sieg Aserbaid-
                 ukrainischen Grenze. Einige Verbände          schans über armenische Truppen in Berg-
                 befinden sich auch in Feldlagern näher am     Karabach im Herbst 2020 hatten sich Droh-
                 Donbas. Nach westlichen Schätzungen           nen dieses Typs als militärische Schlüssel-
                 beträgt die russische Truppenstärke im Um-    fähigkeit erwiesen. Kiew setzte sie im Som-
                 kreis der Ukraine etwa 100.000.               mer 2021 wirksam gegen Separatisten ein.
                    Am 26. Dezember 2021 gab Moskau eine       Kanada, Großbritannien, Polen, Litauen und
                 Reduzierung um 10.000 Soldaten bekannt.       die USA haben 470 Ausbilder in der west-
                 Nicht bestätigt haben sich damit Voraus-      ukrainischen Region Lemberg stationiert.
                 sagen von US-Geheimdiensten, Moskau              Moskau ist mit 900.000 aktiven Soldaten,
                 werde seine Truppenstärke bis Januar 2022     3.300 Kampfpanzern (Kiew: 1.000) und
                 auf etwa 175.000 anheben, um eine Invasion    1.330 Kampfflugzeugen (Kiew: 125) zwar
                 der Ukraine zu beginnen. Allerdings ist die   der Ukraine deutlich überlegen, doch für
                 russische Übungsserie noch nicht beendet.     die subregionale Bewertung ist der Vergleich
                 Eine gemeinsame Übung russischer und          nicht aussagekräftig. Russland verfügt über
                 belarussischer Truppen wird im Februar        die größte Landfläche und die zweitlängsten
                 2022 in Belarus stattfinden.                  Grenzen weltweit. Mit etwa 280.000 Heeres-
                    Moskau unterstellt, Kiew wolle den Kon-    soldaten muss es mehrere strategische Rich-
                 flikt gewaltsam lösen. In diesem Fall wäre    tungen abdecken, von der Arktis bis zum
                 Russland mit den derzeit verfügbaren Kräf-    Schwarzen Meer, vom Kaukasus bis Zentral-
                 ten in der Lage, die prorussischen Rebellen   asien und von der Ostsee bis zum Pazifik.
                 im Donbas zu unterstützen, aber nicht, die       Gleichwohl muss Moskau im Konfliktfall
                 ukrainische Armee mit einem großangeleg-      die Peripherie mit Reserven aus anderen
                 ten Angriff zu zerschlagen. Dazu wären er-    Landesteilen verstärken. Seine Fähigkeit
                 hebliche Verstärkungen nötig, die per Bahn    zu parallelen Operationen an mehreren
                 aus Zentralrussland herangeführt werden       Fronten ist begrenzt. Zwar kann es leichte
                 müssten.                                      Luftlandekräfte schnell im Lufttransport

SWP-Aktuell 11
Februar 2022

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verlegen. Für hochintensive Operationen        Strategische Ziele Moskaus
aber braucht Moskau gepanzerte Verbände
und umfangreiche Logistik, die mit der         Vor allem durch die Nato-Erweiterung nach
Eisenbahn transportiert werden müssen.         Osten sieht Russland seine Sicherheit be-
Regionale Kräftekonzentrationen schwächen      droht. Dass dabei der Ukraine eine Schlüssel-
die Truppenpräsenz an anderer Stelle.          rolle zukommt, hat Moskau bereits 2014
Bedrohungsanalysen sollten daher nicht auf     demonstriert. Bei der Annexion der Krim
operative Optionen in einer Subregion ver-     ging es weniger um den »Schutz russischer
engt werden, sondern auch die strategischen    Landsleute« als vielmehr darum, die Basen
Implikationen berücksichtigen.                 der Schwarzmeerflotte zu sichern. Im
    Ein großangelegter Angriff Moskaus auf     Donbas dagegen stärkt der Kreml zwar die
die Ukraine wäre trotz der deutlichen russi-   Rebellen, hält aber am Minsker Abkommen
schen Luftüberlegenheit mit hohen militä-      fest. Moskau nahm an, die siegreiche
rischen und politischen Risiken verbunden.     Maidan-Bewegung werde den raschen Bei-
Nach acht Kriegsjahren ist der nationale       tritt der Ukraine zur Nato anstreben – ein
Selbstbehauptungswille der Ukrainer ge-        Ziel, das inzwischen Verfassungsrang hat.
wachsen, zumal die russlandaffinen Teile           Moskau ist dabei auf die Nato-Führungs-
der Bevölkerung überwiegend auf der Krim       macht USA fixiert. Mit ihr hält Russland
und im Donbas leben. Die ukrainischen          ein nuklearstrategisches Gleichgewicht, das
Streitkräfte sind kampferfahren und mora-      auf der gegenseitigen gesicherten Vernich-
lisch gefestigter als 2014. Der Kreml müsste   tungsfähigkeit beruht. Sie ist in bilateralen
daher mit hochintensiven Gefechten, Gue-       Rüstungskontrollverträgen verankert, zu-
rillaoperationen und großen Verlusten rech-    letzt im New-Start-Vertrag, den beide Seiten
nen. Die Frage nach der politischen Ver-       im Februar 2021 um fünf Jahre verlängert
antwortung für einen Krieg unter »Bruder-      haben. Er begrenzt die Zahl jener Atom-
völkern« birgt innenpolitische Sprengkraft.    waffen und Träger mit interkontinentaler
    Außenpolitisch müsste sich die russische   Reichweite, mit denen Ziele in den Hoheits-
Führung auf weltweite Isolierung, scharfe      gebieten der beiden potentiellen Gegner
Sanktionen und weitere Stationierung von       vom eigenen Territorium oder von U-Booten
Nato-Truppen an Russlands Grenzen gefasst      aus bedroht werden können. Das verein-
machen. Mehr europäische Nachbarn Russ-        barte Gleichgewicht soll die nukleare Zweit-
lands würden sich bedroht sehen und Schutz     schlagfähigkeit beider Seiten garantieren
in der Nato suchen. Moskau würde das           und so vor einem strategischen Nuklear-
Gegenteil dessen erreichen, was es anstrebt,   angriff (»Erstschlag«) abschrecken.
nämlich die eigene Sicherheit vor einem            Die vereinbarte »strategische Stabilität«
weiteren Vordringen der Nato zu schützen.      ist durch jüngere Entwicklungen gefährdet.
    Auch US-Geheimdienste halten unter-        Dazu zählen neue Trägersysteme, die nicht
dessen eine begrenzte russische Operation      vom New-Start-Vertrag geregelt werden,
im Donbas für wahrscheinlicher als eine        weitreichende konventionelle Präzisions-
großangelegte Invasion. Sie warnen nun         und Hyperschallwaffen, strategische Rake-
vor russischen »false flag«-Operationen, die   tenabwehr und Antisatellitenwaffen. Beide
den Vorwand für ein offenes Eingreifen         Seiten befürchten, dass die kombinierte
Russlands im Donbas liefern sollen. Moskau     Anwendung dieses Potentials die nukleare
weist dies energisch zurück und befürchtet     Zweitschlagfähigkeit unterminieren und
weiterhin eine ukrainische Militäropera-       einen entwaffnenden Erstschlag ermögli-
tion, mit der Kiew den Donbas unter seine      chen könnte. Dies wird in den bilateralen
Kontrolle bringen wolle. Der Westen habe       Gesprächen über die strategische Stabilität
Kiew durch politische Parteinahme, Aus-        erörtert.
bildungshilfe und Waffenlieferungen dazu           Aus Washingtons Sicht haben zudem
ermutigt.                                      die wachsenden nuklearen Fähigkeiten
                                               Chinas das strategische Gleichgewicht und

                                                                                               SWP-Aktuell 11
                                                                                                Februar 2022

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die regionale Balance im ostasiatisch-pazi-    von Konflikten, die Achtung der Souverä-
                 fischen Raum verändert. Sie stellen die »er-   nität und der territorialen Integrität der
                 weiterte Abschreckung« der USA, die ihren      Staaten, die Nichteinmischung in deren
                 ostasiatischen Verbündeten zugute kommt,       innere Angelegenheiten und die Unverletz-
                 in Frage. Washington will Peking daher in      lichkeit der Grenzen sowie das Bekenntnis
                 die Rüstungskontrolle einbinden.               zum Selbstbestimmungsrecht der Völker.
                    Da die USA weit entfernt vom Konflikt-         Nach dem Kalten Krieg und der Vereini-
                 schauplatz Europa liegen, sieht sich Moskau    gung Deutschlands verständigten sich die
                 im Nachteil, das heißt mit zusätzlichen        KSZE-Staaten 1990 auf die Charta von Paris
                 Sicherheitsrisiken in Europa konfrontiert.     als Grundlage einer neuen europäischen
                 Dazu zählen die Atomwaffen Frankreichs         Sicherheitsordnung. Dort bekannten sie
                 und Großbritanniens sowie die Stationie-       sich zu gemeinsamen politischen Normen,
                 rung substrategischer Nuklearwaffen der        Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und
                 USA in Europa und konventioneller Kräfte       zur umfassenden Sicherheitskooperation.
                 der Nato an den Grenzen Russlands.             Die Mitglieder der Nato und des damaligen
                    Außerdem befürchtet Moskau eine             Warschauer Paktes versprachen, sich künf-
                 künftige Bedrohung durch neue US-Mittel-       tig nicht mehr als Gegner zu betrachten,
                 streckenwaffen in Europa. Sie könnten stra-    sondern die Sicherheitspartnerschaft für ein
                 tegische Ziele im europäischen Russland er-    gemeinsames Europa zu suchen.
                 reichen, sollten Washington und die Nato-         Im Zwei-plus-Vier-Vertrag vom 12. Sep-
                 Partner sich zur Stationierung entschließen.   tember 1990 wurde vereinbart, dass die
                    Die Nato-Erweiterung hat weitere Statio-    Vereinigung Deutschlands nicht zu einem
                 nierungsräume in Mittel- und Osteuropa ge-     geopolitischen Nullsummenspiel führen
                 schaffen. Für den Kreml ist die Nato daher     solle. Daher verpflichtete sich Deutschland,
                 in erster Linie ein Instrument der USA, um     keine Atomwaffen und keine ausländischen
                 geopolitische Interessen zum Nachteil der      Truppen in Berlin und den neuen Bundes-
                 Sicherheit Russlands durchzusetzen. Zu die-    ländern zu stationieren, aus denen sowje-
                 sem Zweck habe der Westen frühere Verein-      tische (russische) Truppen abziehen wür-
                 barungen gebrochen. Dies will Moskau nun       den. Es fand also keine militärische Ost-
                 mit neuen Vertragsentwürfen revidieren.        verschiebung der Nato statt. Das russische
                    Der Westen bewertet die Entwürfe als        Militär verließ Deutschland vereinbarungs-
                 Versuch Moskaus, die europäische Sicher-       gemäß bis 1994 und darüber hinaus auch
                 heitsordnung zu ändern. Er hält dem das        Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn und
                 Recht der Staaten entgegen, ihre Bündnisse     die baltischen Staaten.
                 frei zu wählen. Allerdings sind die euro-         Um die historische Wende zu erreichen,
                 päischen Sicherheitsvereinbarungen kom-        kam der Rüstungskontrolle eine Schlüssel-
                 plexer. Sie binden auch Allianzen.             rolle zu. Sie gewährleistete die Achtung der
                                                                gegenseitigen Sicherheitsinteressen durch
                                                                ein Netz verflochtener Rüstungskontroll-
                 Europäische Sicherheitsordnung                 verträge. Schon 1987 schrieben die USA
                                                                und die Sowjetunion im bilateralen Vertrag
                 In der Schlussakte der Konferenz über          über Intermediate- and Shorter-Range
                 Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa        Nuclear Forces (INF-Vertrag) fest, auf land-
                 (KSZE-Schlussakte) haben sich 1975 alle        gestützte Mittelstreckenraketen und
                 Staaten der Nato, des damaligen Warschau-      Marschflugkörper mit einer Reichweite
                 er Paktes und der neutralen und blockfrei-     zwischen 500 und 5.500 km zu verzichten.
                 en Staaten Europas auf Prinzipien geeinigt,    Bis 1991 wurden vertragsgemäß alle etwa
                 wie völkerrechtliche Verpflichtungen unter     2.700 Mittelstreckensysteme zerstört.
                 den Bedingungen des Kalten Krieges in             Auf Basis einer informellen Abstimmung
                 Europa umzusetzen sind. Dazu gehören der       reduzierten Russland und die USA zudem
                 Gewaltverzicht und die friedliche Beilegung    einen großen Teil ihrer taktischen Atom-

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waffen. Russland zog sie vollständig aus       permanente Stationierung substantieller
den Stationierungsländern ab; die USA          Kampftruppen« vornehmen. Zudem stellte
beließen einen Rest in Nato-Europa, um         die Nato fest, sie habe keinen Grund, keine
dessen »nukleare Teilhabe« zu sichern.         Absicht und keinen Plan, Atomwaffen in
   Mit dem multilateralen Vertrag über         den Beitrittsländern zu dislozieren oder dies
Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE-    logistisch vorzubereiten.
Vertrag) von 1990 verpflichteten sich die         Diese Vereinbarungen überlagerten
Mitgliedstaaten der Nato und des damaligen     mündliche Äußerungen des amerikanischen
Warschauer Paktes, ein militärisches Gleich-   Außenministers James Baker und des
gewicht auf niedrigerem Niveau herzustellen    deutschen Außenministers Hans-Dietrich
und die kollektiven Fähigkeiten zu einem       Genscher von 1990, laut denen die Nato
regionalen Überraschungsangriff oder zur       nicht beabsichtige, sich nach der deutschen
großangelegten Aggression zu eliminieren.      Vereinigung weiter Richtung Osten auszu-
Bis 1996 wurden fast 60.000 Großwaffen-        dehnen. Diese Bekundungen spiegelten die
systeme abgebaut. Damit waren die Redu-        Lage zur Zeit des Zwei-plus-Vier-Vertrags
zierungsverpflichtungen bereits weitgehend     wider, als das Ende des Warschauer Paktes
erfüllt. Die Hauptlast trug dabei wiederum     und der Sowjetunion noch nicht absehbar
Russland, gefolgt von Deutschland.             war. Russland stimmte der ersten Nato-
   Der KSE-Vertrag war erst 1992 in Kraft      Erweiterung von 1999 unter den Bedingun-
getreten, nachdem sich der Warschauer Pakt     gen zu, die in der Nato-Russland-Grundakte
und die Sowjetunion aufgelöst hatten. Doch     von 1997 festgeschrieben worden waren.
auch aus Moskauer Sicht hatte er weiterhin        Trotz der Verstimmung wegen des Koso-
strategische Bedeutung für die Stabilität      vokrieges der Nato gegen Serbien wurden
Europas, weil er die Nato auf ihren Besitz-    diese Vereinbarungen zunächst umgesetzt.
stand von 1990 begrenzte und ihre geo-         Nach kurzer Unterbrechung erörterte der
graphische Distanz zu Russland absicherte.     Ständige Gemeinsame Rat der Nato-Staaten
   Das änderte sich erst nach dem Abzug        und Russlands ein breites Themenfeld im
der russischen Truppen aus Deutschland,        gemeinsamen Sicherheitsinteresse. Bei der
als die Nato begann, über Beitrittsperspek-    Umsetzung der Dayton-Abkommen zur
tiven für Polen, Tschechien, die Slowakei      Rüstungskontrolle im früheren Jugoslawien
und Ungarn zu verhandeln. Moskau sah           arbeiteten die beiden Seiten zusammen.
darin zunächst einen Bruch früherer Ver-          Beim Istanbuler OSZE-Gipfeltreffen 1999
einbarungen und befürchtete die Rückkehr       unterzeichneten die KSE-Vertragsstaaten das
zur geopolitischen Rivalität. Die Nato de-     KSE-Anpassungsabkommen (AKSE). Parallel
mentierte dies, unterstrich die Bedeutung      dazu verabschiedeten alle OSZE-Teilnehmer-
einer stabilen politischen Verankerung der     staaten die »Europäische Sicherheitscharta«.
vier Beitrittskandidaten und bot Moskau        Darin bekennen sie sich erneut zum Ziel,
Zusicherungen an, dass die militärische        einen gemeinsamen Raum gleicher und
Zurückhaltung gewahrt bleiben würde.           unteilbarer Sicherheit zu schaffen. Kein
   In der Nato-Russland-Grundakte vom Mai      Staat und keine Organisation könne eine
1997 verpflichteten sich die Bündnispartner    vorrangige Verantwortung für die Bewah-
und Russland, ihre Sicherheitskooperation      rung der europäischen Sicherheit bean-
zu vertiefen, die OSZE als gemeinsame          spruchen oder besondere Einflusszonen
Sicherheitsorganisation zu stärken und den     geltend machen. Gleichwohl habe jeder
KSE-Vertrag an die neue geopolitische          Staat das Recht, einem Bündnis beizutreten
Lage anzupassen. Das obsolete militärische     oder neutral zu bleiben. Allerdings sollen
Blockgleichgewicht sollte durch nationale      die Staaten ihre gegenseitigen Sicherheits-
und territoriale Obergrenzen für jeden Ver-    interessen respektieren und ihre Sicherheit
tragsstaat abgelöst werden. Sie würden         nicht zu Lasten anderer Staaten stärken.
auch die Zahl stationierter Truppen begren-       Rüstungskontrolle und Vertrauens-
zen. Die Nato werde »keine zusätzliche         bildende Maßnahmen seien Kernelemente,

                                                                                               SWP-Aktuell 11
                                                                                                Februar 2022

                                                                                                           5
um Sicherheit und Stabilität im OSZE-Raum      rechtsgültigen Rüstungskontrollregeln
                 zu gewährleisten. Ihr »Eckpfeiler« sei der     unterliegen.
                 KSE-Vertrag. Seine Anpassung werde dem            Ferner verhinderten die USA, dass die
                 Wandel der Rahmenbedingungen Rech-             Zusage, keine zusätzlichen »substantiellen
                 nung tragen, den Vertragsbeitritt weiterer     Kampftruppen« dauerhaft zu stationieren,
                 europäischer Staaten ermöglichen und so        gemeinsam mit Russland definiert wurde.
                 zur Verbesserung der militärischen Stabili-    Dies wäre aber schon deshalb wichtig, weil
                 tät in Europa beitragen. Moskau wirft der      Russland gleichlautende Verpflichtungen
                 Nato vor, sie habe sich nach Osten erwei-      für die Grenzräume zu den baltischen Staa-
                 tert, ohne die Vereinbarungen einzuhalten.     ten, Polen und Finnland eingegangen ist.
                                                                   Stattdessen schufen die USA 2007 eine
                                                                ständige Militärpräsenz am Schwarzen Meer,
                 Erosion der Vereinbarungen                     ohne dies vorher im Bündnis oder im Nato-
                                                                Russland-Rat zu erörtern. Ihre »rotierenden«
                 Das KSE-Anpassungsabkommen ist nicht           Kampftruppen in Rumänien und Bulgarien
                 in Kraft getreten, obwohl Russland es 2004     bezeichneten die USA als »nicht substanti-
                 ratifiziert hat. Im Bündnis blockierten die    ell«. Beide Staaten gehören aber zum »Flan-
                 USA die Ratifizierung des AKSE, nachdem        kengebiet der östlichen Gruppe« der KSE-Ver-
                 George W. Bush 2001 sein Amt als Präsident     tragsstaaten, für die besondere Begrenzun-
                 angetreten hatte. Er wollte den Abzug ver-     gen und Konsultationspflichten gelten.
                 bliebener russischer Stationierungstruppen        Russland hat daraufhin die eigenen
                 aus Georgien und der Republik Moldau           Flankenbegrenzungen, welche den Umfang
                 erreichen, um den Nato-Beitritt der Ukraine    russischer Truppen im Hohen Norden und
                 und Georgiens vorzubereiten.                   im Kaukasus limitieren, für obsolet erklärt.
                    Die USA begründeten dies mit bilatera-      Schon seit 2002 hatte Moskau argwöhnisch
                 len Zusatzvereinbarungen Russlands mit         auf die Entwicklung der georgisch-amerika-
                 Georgien sowie mit der OSZE, die während       nischen Militärkooperation (Train and Equip
                 des OSZE-Gipfels in Istanbul den KSE-Ver-      Program) geblickt, mit der eine US-Militär-
                 tragsstaaten zur Kenntnis gegeben und in       präsenz an der instabilen russischen Kauka-
                 der KSE-Schlussakte zusammengefasst wur-       susgrenze eingerichtet wurde. Hatte Mos-
                 den. In der Nato bestand jedoch kein Kon-      kau noch 1996 Sanktionen gegen das Sepa-
                 sens darüber, ob die Abzugsverpflichtungen     ratistenregime in Abchasien veranlasst,
                 auch für russische Peacekeeper in den Kon-     begann es nun, die von Georgien abtrünni-
                 fliktgebieten Abchasien und Transnistrien      gen Republiken informell zu stützen.
                 galten, da sie über Mandate der UN und der        Den Austritt der USA aus dem Vertrag
                 OSZE verfügten. Auch als Russland 2002         über die Begrenzung strategischer Raketen-
                 zunächst alle KSE-relevanten Waffensyste-      abwehrsysteme (ABM-Vertrag) 2002 wertete
                 me aus Transnistrien und 2007 alle Statio-     Moskau als Gefahr für die strategische
                 nierungstruppen aus Georgien abgezogen         Stabilität. Sie verschärfte sich, als die USA
                 hatte, änderte sich die amerikanische Hal-     2007 mit Polen und Tschechien bilateral
                 tung zum AKSE nicht. Deutschland teilte        vereinbarten, dort Raketenabwehrsysteme
                 diese Auffassung zwar nicht, wollte aber       zu stationieren. Washingtons Begründung,
                 die Bündnissolidarität nicht brechen.          der iranischen Bedrohung begegnen zu
                    Obwohl der AKSE wegen der Blockade          müssen, zog Moskau in Zweifel.
                 durch die USA nicht in Kraft getreten war,        Den Angriff der USA gegen den Irak 2003
                 traten der Nato ab 2004 Staaten bei, die dem   kritisierte Moskau als Völkerrechtsbruch.
                 KSE-Vertragsregime nicht angehören. So         Zwar gab es in der Nato keinen Konsens für
                 entstanden an Russlands Grenzen, nämlich       den Krieg, doch Washington konnte sich auf
                 in den baltischen Staaten, potentielle Sta-    eine »Koalition der Willigen« stützen, die
                 tionierungsräume der Allianz, die keinen       vor allem aus den neuen osteuropäischen
                                                                Verbündeten bestand. Schon 1999 hatte

SWP-Aktuell 11
Februar 2022

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Moskau den Krieg der Nato gegen Serbien        der Westen als illegale Änderung von Gren-
als illegalen Angriffskrieg und Verletzung     zen durch Gewalt und als Verletzung der
des Gewaltverbots gebrandmarkt.                Souveränität Georgiens.
   Bei der Münchner Sicherheitskonferenz          Mit Moskaus völkerrechtswidriger Anne-
im Februar 2007 kritisierte Präsident Putin    xion der Krim und seiner Unterstützung für
diese Entwicklung als Bruch der Vereinba-      die Rebellen im Donbas erreichte die Erosion
rungen von 1997 und 1999 und unterstellte      der europäischen Sicherheitsordnung ihren
den USA, sie betreibe Geopolitik zum Nach-     Kulminationspunkt. Begonnen hatte sie
teil Russlands. Ende 2007 suspendierte er      aber schon 2002 mit dem wachsenden Kon-
den KSE-Vertrag, dessen Gleichgewichts-        fliktpotential zwischen Washington und
konzept obsolet geworden war.                  Moskau. Daran hatte die Geopolitik von
   Als westliche Staaten die im Februar 2008   Präsident George W. Bush beträchtlichen
ausgerufene Unabhängigkeit Kosovos an-         Anteil. Sein Nachfolger Barack Obama
erkannten, wurden erstmals seit der Charta     vermochte nicht, dies zu heilen, trotz der
von Paris Grenzen in Europa nach vorheri-      Teilerfolge seiner »Reset«-Politik.
ger Gewaltanwendung und ohne Zustim-
mung des Sicherheitsrates verändert. Mos-
kau reagierte, indem es seine informellen      Verhandlungslösungen
Beziehungen zu Abchasien und Südossetien
aufwertete. Deren politischer Status wurde     Die Erosion der Sicherheitsvereinbarungen
seit den Kriegen 1990–1994 unter Leitung       für Europa weist auf eine tiefere Wurzel
der UN und der OSZE verhandelt.                des Ukraine-Konflikts hin. Es geht Moskau
   Als Bruchpunkt in den Beziehungen der       um die strategische Parität mit den USA
Nato zu Russland erwies sich ihr Bukarester    und darum, geopolitische Nachteile zu ver-
Beschluss vom April 2008, der Ukraine und      hindern, die sich aus der Nato-Erweiterung
Georgien den Bündnisbeitritt in Aussicht zu    ergeben könnten. Vor allem ein Nato-Beitritt
stellen. Mit Unterstützung osteuropäischer     der Ukraine würde traditionelle Bindungen
Staaten wollte Präsident George W. Bush        zu prorussischen Volksteilen im Osten des
dieses Ziel zügig erreichen, aber Deutsch-     Landes zerreißen, weitere Stationierungs-
land und Frankreich verhinderten einen         räume der Nato in unmittelbarer Nähe rus-
konkreten Beitrittsplan. Sie bezweifelten,     sischer Kernregionen schaffen und die US-
dass die innenpolitischen Verhältnisse der     Militärpräsenz in der Schwarzmeerregion
Kandidaten den Nato-Standards entsprä-         bis zum Don ausweiten. Moskau sieht sein
chen. Auch befürchteten sie eine Destabili-    Vorgehen wie das der USA in der Kuba-
sierung der Ukraine, da die Bevölkerungs-      Krise von 1962 legitimiert, um strategische
mehrheit den Bündnisbeitritt ablehnte. Zu-     Sicherheitsinteressen zu schützen.
dem mahnten sie, »rote Linien« Moskaus             Diesem Zweck dienen auch die russischen
nicht zu überschreiten, um die regionale       Vertragsentwürfe vom Dezember 2021.
Stabilität und die Sicherheit Europas und      Moskau will neue Nato-Beitritte verhindern,
der Allianz nicht zu gefährden.                die es der Allianz und vor allem den USA
   Gleichwohl fühlte sich der georgische       erlauben, weitere Stationierungsräume an
Präsident Saakaschwili durch seine strate-     Russlands Grenzen zu schaffen. Auch ver-
gische Partnerschaft mit den USA ermutigt,     langt Moskau Zusicherungen, dass die Nato
am 7. August 2008 ossetische Milizen und       auf grenznahe Truppenstationierungen und
russische Peacekeeper in der südossetischen    die Dislozierung von Raketen und Atom-
Stadt Zchinwali anzugreifen. Der russische     waffen in Schlagdistanz verzichtet. Moskau
Gegenschlag vertrieb die georgische Armee      ist dabei auf das strategische Gleichgewicht
aus Südossetien und eröffnete eine zweite      mit den USA fixiert. Die geopolitische Asym-
Front in Abchasien. Dass Moskau nach dem       metrie zwischen der Insellage der USA und
Waffenstillstand die beiden abtrünnigen        der Zentrallage Russlands im eurasischen
Regionen als »Staaten« anerkannte, wertete     Kontinent stellt jedoch Verhandlungen vor

                                                                                              SWP-Aktuell 11
                                                                                               Februar 2022

                                                                                                          7
politische und konzeptionelle Herausforde-                     gegangen ist. Gerade ihre nukleare Dimen-
                               rungen. Dass der Kreml die Sicherheitsinter-                   sion und die Führungsrolle der USA legen
                               essen seiner europäischen Nachbarn dem                         ihr besondere Verantwortung für die strate-
                               eigenen Sicherheitsbedürfnis unterordnet,                      gische Stabilität in Europa auf.
                               ist aus europäischer Sicht nicht akzeptabel.                      Zu diesem Zweck wäre es sinnvoll, ein
                                   Somit stellt sich die Frage, wie die Prinzi-               Moratorium für die Stationierung neuer
                               pien der europäischen Sicherheitsordnung                       INF-Waffen in Europa zu vereinbaren, so-
                               so umgesetzt werden können, dass sowohl                        fern die Verifikation der Reichweite stritti-
                               die Sicherheit Russlands als auch die seiner                   ger Systeme sichergestellt werden kann.
                               Nachbarn und deren Recht auf freie Bünd-                          Die Nato-Russland-Grundakte rechtfertigt
© Stiftung Wissenschaft        niswahl gewahrt werden können. Dies ist in                     nicht Moskaus Forderung, aus den Nato-
und Politik, 2022              den Jahren 1990–1999 gelungen, indem                           Beitrittsländern all jene Truppen abzuzie-
Alle Rechte vorbehalten        Stationierungsbegrenzungen für die Beitritts-                  hen, die nach dem Mai 1997 dort stationiert
                               länder vereinbart wurden. Doch die Sicher-                     wurden. Vielmehr sollte die Formel »Ver-
Das Aktuell gibt die Auf-
                               heitsgarantien wurden nicht umgesetzt. So                      zicht auf die ›zusätzliche dauerhafte Statio-
fassung des Autors wieder.
                               wurde weder die Rüstungskontrolle ange-                        nierung substantieller Kampftruppen‹« nun
In der Online-Version dieser   passt noch die OSZE als Zentrum der euro-                      einvernehmlich definiert und die rezipro-
Publikation sind Verweise      päischen Sicherheitsordnung gestärkt.                          ken Verpflichtungen Russlands eingefordert
auf SWP-Schriften und              Die russischen Vertragsvorschläge legen                    werden.
wichtige Quellen anklickbar.
                               daher zwei Verhandlungskomplexe nahe,                             Moskaus Forderung an die USA, taktische
SWP-Aktuells werden intern
                               die sich in ihrer politischen Qualität grund-                  Atomwaffen aus Europa abzuziehen, ist ein
einem Begutachtungsverfah-     sätzlich unterscheiden: Eine Revision ver-                     Thema für ein New-Start-Folgeabkommen.
ren, einem Faktencheck und     einbarter Prinzipien der europäischen                          In der Grundakte hat die Nato zugesagt, sol-
einem Lektorat unterzogen.     Sicherheitsordnung, etwa der freien Bünd-                      che Waffen nicht nach Osten zu verlegen.
Weitere Informationen          niswahl, ist nicht konsensfähig. Allerdings                       Nicht nur in Moskaus, sondern auch im
zur Qualitätssicherung der
                               sind auch reziproke Sicherheitsgarantien,                      westlichen Interesse liegen die russischen
SWP finden Sie auf der SWP-
Website unter https://www.     vor allem durch Rüstungskontrolle, Teil der                    Vorschläge, ein konventionelles Stabilitäts-
swp-berlin.org/ueber-uns/      vereinbarten Sicherheitsordnung. Daher                         regime einzurichten, Zwischenfälle auf und
qualitaetssicherung/           sind Stationierungsbegrenzungen durchaus                       über der Hohen See zu vermeiden sowie
                               verhandelbar, sofern sie keine Zonen min-                      Übungen in Grenzräumen nur noch bis zur
SWP
                               derer Sicherheit schaffen.                                     maximalen Größenordnung einer Heeres-
Stiftung Wissenschaft und
Politik
                                   Unrealistisch ist hingegen Moskaus                         brigade zuzulassen und zu verifizieren. Sie
Deutsches Institut für         Forderung, die Allianz solle ihre Erklärung                    sollten im Detail verhandelt werden. Wash-
Internationale Politik und     von 2008 zurücknehmen, mit der sie der                         ington und Moskau könnten die militäri-
Sicherheit                     Ukraine und Georgien einen Nato-Beitritt in                    sche Transparenz stärken, wenn sie zum
                               Aussicht stellte. Die Bündnispartner könn-                     Open-Skies-Vertrag zurückkehrten.
Ludwigkirchplatz 3–4
                               ten aber feststellen, dass seither de facto ein                   Das Minsk-II-Abkommen bleibt ein zen-
10719 Berlin
Telefon +49 30 880 07-0        Beitrittsmoratorium gilt und dass es auf                       traler Baustein dafür, den Ukraine-Konflikt
Fax +49 30 880 07-100          absehbare Zeit weiterbestehen wird, weil                       zu beenden. Vor allem müssen dessen stra-
www.swp-berlin.org             die Beitrittskriterien – politische Reife der                  tegische Ursachen eingehegt werden, um
swp@swp-berlin.org             Kandidaten, Zuwachs an Sicherheit für das                      die europäische Stabilität wiederherzustel-
                               Bündnis und Konsens dort – nicht erfüllt                       len. Dazu ist ein strategischer Interessen-
ISSN (Print) 1611-6364
ISSN (Online) 2747-5018
                               werden. Die Allianz kann indes nicht garan-                    ausgleich zwischen den USA, der Nato und
doi: 10.18449/2022A11          tieren, dass sich diese Lage nie ändern wird.                  Russland erforderlich. Um die Eskalation zu
                               Gleichwohl begründet das Recht auf freie                       stoppen, muss die Rüstungskontrolle wie-
                               Bündniswahl kein Recht auf einen Nato-                         derbelebt werden. Scheitert dies, könnten
                               Beitritt, denn die Allianz unterliegt beson-                   zusätzliche Stationierungen und Manöver
                               deren Verpflichtungen, die sie im Rahmen                       an den Nato-Russland-Kontaktlinien in
                               des strategischen Interessenausgleichs ein-                    Osteuropa die Lage weiter destabilisieren.

                               Oberst a.D. Wolfgang Richter ist Wissenschaftler in der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik.

      SWP-Aktuell 11
      Februar 2022

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