Die Prinzessin und der Pjär - Materialien zur Uraufführung Ein Theaterstück von Milena Baisch für Menschen ab 8 Jahren
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Materialien zur Uraufführung Die Prinzessin und der Pjär Ein Theaterstück von Milena Baisch für Menschen ab 8 Jahren
»Die Prinzessin und der Pjär« Liebe Leserin, lieber Leser, zu jedem Halbjahreszeugnis erscheinen Berichte über verstörte, gefährdete Schüler in den Medien, zu jedem Schuljahresbeginn über Schwierigkeiten der Schulanfänger. Der Theater-‐ autor Lutz Hübner beschreibt in seinem Stück ‚Frau Müller muss weg’ einen eskalierenden Elternabend im Übergang von Grund-‐ auf Oberschule. Dies gestaltet er höchst komödiantisch, kommentiert aber: „Alle ungelösten Probleme der Gesellschaft werden in die Schule durchge-‐ reicht.“ Milena Baisch hat nun die Geschichte aus Kinderperspektive geschrieben: Wie fühlt es sich an, wenn man immer schlechte Noten hat, wenn man sieht, wie die Anderen alles gleich verstehen und man selbst nicht mitkommt. Kann wiederum ständiges Lob auch Druck aus-‐ üben? Die Eltern von Lisasophie und Pierre wollen sicher das Beste für ihr Kind, aber kann das Kind dem gerecht werden? Und was ist, wenn nicht? Wann darf Pierre einfach Pierre sein oder Lisasophie einfach spielen? Wir haben weiterführende Texte für Sie zusammengestellt zur Sicht auf Kindheit, zum Verhal-‐ ten Erwachsener in der Beziehung zu Kindern und zum gesellschaftsrelevanten Aspekt dieser Fragen. Wie wir das ‚Lernen’ definieren, wie wir Bildungsangebote gestalten wird mitentschei-‐ den über die Frage, wohin sich unsere Gemeinschaft entwickelt. Um mit Gruppen von Kindern und/ oder Erwachsenen einen Vorstellungsbesuch vorzuberei-‐ ten oder zu reflektieren finden Sie außerdem theaterpädagogische Spielangebote. Viel Freude beim Lesen und Ausprobieren! Laura Klatt Kirstin Hess Theaterpädagogin Dramaturgin 2
»Die Prinzessin und der Pjär«
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Besetzung
der
Uraufführung
6
Rund
ums
Stück
7
Kapitel
1:
KINDHEIT
8
Bespaßt,
verwöhnt
und
übersehen:
Das
Kind
Felicitas
Römer
11
Wie
man
ein
Kind
lieben
soll
Janusz
Korczak
12
Sich
seiner
selbst
bewusst
werden
Jesper
Juul
13
Mensch
und
Bildung
Vanessa-‐Isabelle
Reinwand
14
Kapitel
2:
ERWACHSENE
15
Eure
Kinder
sind
nicht
eure
Kinder
Khalil
Gibran
17
Arme
Superkinder
Felicitas
Römer
18
Müssen
nur
wollen
Wir
sind
Helden
19
Über
die
Wurzeln
von
Wut
und
Hass
Götz
Eisenberg
20
Kapitel
3:
GESELLSCHAFT
21
Vision
einer
demokratischen
Revolution
Hans-‐Joachim
Maaz
23
Warum
Bildung
wichtig
ist
Max
Fuchs
24
Kleine
Menschen,
große
Not
Felicitas
Römer
26
Die
Schule
überleben
Dieter
Baacke
27
Sechs
Milliarden
Wege
zum
Glück
Stefan
Klein
28
Kapitel
4:
SPIELERISCHE
ANREGUNGEN
28
Fragen
zum
Stück
31
Spiele
und
Übungen
zum
Stück
• Einstieg
32
• Hauptteil
35
• Abschluss
36
Die
Klage
–
Ernst
Jandl
37
Literaturverzeichnis
38
Dank/Impressum
39
4»Die Prinzessin und der Pjär«
Besetzung der Uraufführung
Prinzessin und der Pjär
Ein Theaterstück von Milena Baisch für Menschen ab 8 Jahren
Ausgezeichnet mit dem Berliner Kindertheaterpreis 2013, dem
Autorenwettbewerb von GRIPS und GASAG.
Alessa
Kordeck
Lisasophie
Roland
Wolf
Pierre
Regie
Grete
Pagan
Musik
David
Pagan
Bühne
und
Kostüm
Lena
Hinz
Dramaturgie
Kirstin
Hess
Theaterpädagogik
Laura
Klatt
Regieassistenz
Janina
Reinsbach
Licht
Klaus
Reinke
Ton
Lennart
Bogade,
Merlin
Rothe
Bühnenbau
Mark
Eichelbaum,
Moses
Wachsmann
Requisite
Oliver
Rose,
Tobias
Schmidt
Schneiderei
Anne
Rennekamp,
Sabine
Winge
Maske
Sedija
Husak,
Sarah-‐Jane
Ruhnow
Aufführungsrechte
Verlag
der
Autoren
GmbH
&
Co
KG,
Frankfurt
Premiere
06.10.2013
5»Die Prinzessin und der Pjär« Rund ums Stück Zum Stück Lisasophie und Pierre gehen in die gleiche Grundschulklasse, was nicht heißt, dass sie sich deswegen mögen. Bei Lisasophie läuft scheinbar alles rund, sie schreibt sehr gute Noten, spielt hervorragend Geige und gilt generell als Musterkind. Pierre ist das genaue Gegenteil, nichts klappt bei ihm, selbst Nachhilfe, Logopädie und Ergotherapie verhelfen ihm nicht zu besseren Noten. Eben hat er auch noch eine entscheidende Mathe-‐Arbeit vergeigt. Ausgerechnet diese beiden werden versehentlich im Mädchenklo der Schule eingeschlossen! In dieser Situation erkennen sie, dass sie beide auf ihre Weise unter dem Druck, den Wünschen von Schule und Eltern gerecht zu werden leiden. Über Streit, Spiel und allmählicher Annähe-‐ rung erkennen sie, dass sie mehr Gemeinsamkeiten haben als gedacht und das es gut tut zu spüren, dass man mit seinen Gedanken, Gefühlen und Ängsten, nicht alleine ist... Die preisgekrönte Kinderbuchautorin Milena Baisch hatte sehr klar vor Augen, worüber sie ihr erstes Theaterstück für Kinder schreiben wollte: über Leistungsdruck in der Schule -‐ und zwar aus der Perspektive von Kindern! Während des Schreibworkshops im Rahmen des "berliner kindertheaterpreises", dem Nachwuchs-‐Autorenwettbewerb von GRIPS und GASAG, schloss sie sich mit zwei Schauspielern und einer Dramaturgin in der Toilette des Podewils ein und im-‐ provisierte mutig drauf los. Auf Basis des Erlebten schrieb sie ein Theaterstück -‐ und gewann prompt mit "Die Prinzessin und der Pjär" den berliner kindertheaterpreis 2013! Und das nicht nur wegen des ungewöhnlichen Schauplatzes. „Milena Baisch erzählt ein ernstes Thema ganz leicht, dennoch voller Spannung, mit viel Situationskomik und mit Hilfe schneller, pointierter Dialoge. Nicht ‚Warten auf Godot’. Sondern ‚Warten auf dem Klo’.“, begründete die Preisjury. Zur Autorin Die 1976 in Wuppertal geborene Milena Baisch studierte „Drehbuch“ an der Deutschen Film-‐ und Fernsehakademie Berlin (dffb) und lebt hier als freie Autorin. Neben Drehbüchern hat sie Kinderbücher und einen Jugendroman veröffentlicht. Für ihren Kinderroman "Anton taucht ab" erhielt sie den Deutschen Jugendliteraturpreis, ihre Hörspielfassung des Romans wurde mit dem "Deutschen Kinderhörspielpreis" ausgezeichnet. „Die Prinzessin und der Pjär“ ist ihr erstes Theaterstück. Zur Regisseurin: Grete Pagan ist 1983 in Stuttgart geboren. Sie assistierte drei Jahre am Jungen Ensemble Stutt-‐ gart bevor sie ihr Regiestudium an der Theaterakademie in Hamburg aufnahm, dass sie 2012 abschloß. Ihre Bachelorarbeit war die Ensembleproduktion „Und woher weiß ich, wer ich bin?“, ein Theaterabend über Gedächtnis und Identität, in Kooperation mit Kampnagel Hamburg. Sie wurde mit ihren Arbeiten zur Young Actors Week, Salzburg und dem Kaltstart-‐Festival Ham-‐ burg, sowie zum Kiezstürmer! Festival Hamburg eingeladen. Sie inszeniert am Jungen Schau-‐ spielhaus Hamburg, dem Jungen Ensemble Stuttgart und dem moks Bremen. Mit ihrem Team, der Bühnen-‐ und Kostümbildnerin Lena Hinz und dem Musiker David Pagan, arbeitet sie zum ersten Mal am GRIPS Theater. 6
»Die Prinzessin und der Pjär«
7»Die Prinzessin und der Pjär«
Kapitel 1:
Kindheit
Ro-
lan
d
Wol
f,
Ales
sa
Kor
dec
k
Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin,
weder von der Macht der anderen,
noch von der eigenen Ohnmacht
sich dumm machen zu lassen.
8
Theodor W. Adorno»Die Prinzessin und der Pjär«
Aus Szene 4
LISASOPHIE Du kriegst sicher noch eine Chance. Wenn du dich gut im Unterricht beteiligst.
Vielleicht kannst du eine extra Aufgabe machen. Was basteln...
PIERRE Es sind jetzt einfach zu viele Fünfen!
Lisasophie glotzt ihn fasziniert an.
LISASOPHIE Oh my God. Sitzenbleiben.
PIERRE Wollen wir mal was anderes machen?
LISASOPHIE Dann kommst du in eine neue Klasse.
PIERRE Vielleicht was spielen oder so? Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist ...
grün.
LISASOPHIE Die Wand?
PIERRE Mist.
LISASOPHIE Lag es wirklich nur an der einen Mathearbeit? Vielleicht kannst du sie nochmal
schreiben.
PIERRE Schiffe versenken? Tic Tac Toe? Was ist?
LISASOPHIE Nix.
PIERRE Wir spielen einfach ... wir sind eingesperrt.
LISASOPHIE Was?
PIERRE Ja, von Cyberrittern. Die haben uns mit einem Raumschiff entführt und in diesen
Turm gesperrt.
LISASOPHIE Nein, danke.
PIERRE Du bist die Prinzessin. Du sitzt am Fenster und spielst traurige Lieder auf deiner
Leier. Schade, dass wir nicht in unser Klassenzimmer können, da liegen ja noch
die Kostüme.
LISASOPHIE Bist du dann wieder der Bär?
PIERRE Heute nicht.
LISASOPHIE Das passt aber so gut, wegen der großen Füße.
PIERRE Ich bin ein Ritter. Nee, ein Retter!
9»Die Prinzessin und der Pjär«
Bei der Geburt verfügt unser Gehirn über 100 Milliarden Neuronen,
das sind so viele Nervenzellen, wie unsere Milchstraße Sterne hat.
Hartmut Kasten, Frühpädagoge, Entwicklungspsychologe, Familienforscher
Bespaßt, verwöhnt und übersehen: Das Kind
Von Felicitas Römer
Dass
das
Kind
ein
zwar
unreifes,
aber
den-‐ tertitel
des
Bestsellers
„Kinderjahre“
von
noch
vollwertiges
und
stets
zu
respektieren-‐ Remo
Largo
aus
dem
Jahr
1999.
Die
darin
des
Wesen
ist,
halten
wir
heute
für
einiger-‐ beschriebene
Grundannahme:
Der
Erwach-‐
maßen
selbstverständlich.
Dabei
sind
unsere
sene
habe
sich
in
seinem
Erziehungsverhal-‐
Vorstellungen
vom
Kind
als
Person
mit
eige-‐ ten
an
den
individuellen
Bedürfnissen
und
nen
Rechten
sehr
neu.
Immerhin
entschieden
dem
Entwicklungstempo
des
jeweiligen
Kin-‐
deutsche
Gerichte
erst
1968,
dass
die
Artikel
des
zu
orientieren.
Das
Kind
wird
nicht
mehr
1
und
2
des
Grundgesetzes,
die
da
lauten:
als
Knetmasse
betrachtet,
die
der
Erwachse-‐
„Die
Würde
des
Menschen
ist
unantastbar“,
ne
nach
Belieben
formen
kann.
Oder
als
lee-‐
„Jeder
hat
das
Recht
auf
die
freie
Entfaltung
res
Gefäß,
das
wir
mit
Wissen
und
Weishei-‐
seiner
Persönlichkeit“,
und
„Jeder
hat
das
ten
zu
füllen
hätten.
Erst
wenn
wir
das
Indi-‐
Recht
auf
ein
Leben
und
körperliche
Unver-‐ viduelle,
das
Einzigartige
des
Kindes
berück-‐
sehrtheit“,
uneingeschränkt
auch
für
Kinder
sichtigen
–
so
die
neue
Maxime
–,
können
wir
gelten.
Ein
allgemeines
Züchtigungsverbot
dem
Kind
das
geben,
was
es
für
seine
Ent-‐
konnte
in
Deutschland
sogar
erst
1998(!)
wicklung
braucht.
In
diesem
Sinne
sind
alle
durchgesetzt
werden
[...].
verallgemeinernden
Erziehungstipps
nutz-‐
Das
Kind
wird
nunmehr
als
Individuum
be-‐ los.
So
formuliert
der
Psychiater
Wilhelm
trachtet,
das
ernst
genommen,
in
seiner
Inte-‐ Rotthaus
einleuchtend:
„Es
gibt
[...]
keine
grität
geschützt
und
respektiert
werden
»richtige«
oder
»falsche«
Erziehung.
Es
gibt
muss.
Das
erscheint
als
Ausdruck
einer
fort-‐ [...]
jedoch
die
aufmerksame
Erzieherin,
die
schreitenden
Individualisierung
der
post-‐ das
Kind
sensibel
beobachtet
und
ihre
modernen
Gesellschaft
logisch
und
richtig.
Wahrnehmungen
dieses
einen,
in
seiner
Art
Und
weil
wir
eine
veränderte
Vorstellung
einzigartigen
Kindes
zum
Ausgangspunkt
vom
Kind
haben,
haben
sich
auch
unsere
ihrer
erzieherischen
Beeinflussungsversuche
Erziehungsvorstellungen
verändert.
„Die
macht.“
Individualität
des
Kindes
als
erzieherische
Aus:
Römer,
Felicitas.
Arme
Superkinder.
Herausforderung“
lautet
dann
auch
der
Un-‐ Weinheim
/
Basel,
2011
10»Die Prinzessin und der Pjär«
Wie man ein Kind lieben soll
von Janusz Korczak
• Wie,
wann,
wieviel
–
warum?
3.
Das
Recht
des
Kindes,
so
zu
sein,
wie
es
ist.
Ich
ahne
viele
Fragen,
die
auf
eine
Antwort
Man
muss
die
Kinder
kennen,
um
bei
der
warten,
Zweifel,
die
Erklärung
suchen.
Gewährung
dieser
Rechte
möglichst
wenig
Und
ich
antworte:
Ich
weiß
nicht.
falsch
zu
machen.
Irrtümer
müssen
sein.
[…]
Seien
wir
nicht
ängstlich:
das
Kind
wird
sie
• Ein
gutes
Kind.
mit
erstaunlicher
Wachsamkeit
korrigieren,
Man
soll
sich
davor
hüten,
gut
mit
bequem
zu
wenn
wir
seine
unschätzbaren
Fähigkeiten
verwechseln.
Es
weint
kaum,
weckt
uns
in
und
mächtigen
Abwehrkräfte
nicht
schwä-‐
der
Nacht
nicht
auf,
ist
zutraulich,
heiter
–
chen.
also
gutartig.
Es
ist
bösartig
–
launisch,
[…]
schreit
ohne
sichtbaren
Grund,
löst
bei
der
•
Aus
Furcht,
der
Tod
könnte
uns
das
Kind
Mutter
mehr
verdrießliche
als
liebevolle
entreißen,
entziehen
wir
es
dem
Leben;
um
Empfindungen
aus.
Unabhängig
von
ihrem
seinen
Tod
zu
verhindern,
lassen
wir
es
nicht
Befinden
sind
Neugeborene
von
ihren
ererb-‐ richtig
leben.
Selbst
in
der
verderblichen
ten
Eigenschaften
her
mehr
oder
weniger
Atmosphäre
lähmenden
Wartens
auf
das,
geduldig.
[…]
was
kommen
soll,
aufgewachsen,
eilen
wir
Das
eine
ist
verschlafen,
bewegt
sich
träge,
ständig
einer
Zukunft
voller
Wunder
entge-‐
saugt
langsam,
schreit
ohne
lebendige
Span-‐ gen.
Träge
wie
wir
sind,
wollen
wir
das
nung,
ohne
deutlich
spürbaren
Affekt.
Schöne
nicht
heute
und
hier
suchen,
um
uns
Das
andere
ist
reizbar,
von
lebhaften
Bewe-‐ zum
würdigen
Empfang
des
morgigen
Tages
gungen,
leichtem
Schlaf,
es
saugt
heftig
und
zu
rüsten:
Sondern
das
Morgen
selbst
soll
schreit,
bis
es
bläulich
anläuft.
[…]
uns
neuen
Aufschwung
bringen.
Bedeutet
Die
ganze
moderne
Pädagogik
trachtet
da-‐ denn
jenes:
„Ach,
wenn
es
doch
schon
laufen
nach,
bequeme
Kinder
heranzubilden,
sie
und
sprechen
könnte“
etwas
anderes
als
strebt
konsequent
und
Schritt
für
Schritt
hysterisches
Warten?
danach,
alles
einzuschläfern,
zu
unterdrüc-‐ Es
wird
laufen,
es
wird
sich
an
den
harten
ken
und
auszumerzen,
was
Willen
und
Frei-‐ Kanten
von
Eichenholzstühlen
stoßen.
Es
heit
des
Kindes
ausmacht,
seine
Seelenstär-‐ wird
sprechen,
es
wird
mit
seiner
Sprache
ke,
die
Kraft
seines
Verlangens
und
seiner
das
Stroh
des
grauen
Alltags
dreschen.
War-‐
Absichten.
Artig,
gehorsam,
gut,
bequem,
um
sollte
denn
das
„Heute“
des
Kindes
aber
ohne
einen
Gedanken
daran,
dass
es
schlechter
und
wertloser
als
sein
„Morgen“
innerlich
unfrei
und
lebensuntüchtig
sein
sein?
Wenn
es
um
die
Mühen
geht
–
das
wird.
Morgen
wird
noch
mehr
davon
bringen.
[…]
Und
wenn
dieses
Morgen
endlich
da
ist,
war-‐
• Achtung!
Entweder
wir
verständigen
uns
ten
wir
erneut;
denn
die
grundsätzliche
Mei-‐
jetzt,
oder
wir
trennen
uns
für
immer.
Jeder
nung,
das
Kind
sei
noch
nichts,
sondern
es
Gedanke,
der
sich
heimlich
davonstehlen
und
werde
erst
etwas,
es
wisse
noch
nichts,
son-‐
verbergen
will,
jedes
sich
selbst
überlassene,
dern
es
werde
erst
etwas
wissen,
es
könne
ungebundene
Gefühl
sollte
zur
Ordnung
ge-‐ noch
nichts,
sondern
werde
erst
etwas
kön-‐
rufen
und
durch
den
gebietenden
Willen
nen,
zwingt
uns
ja
zu
ständigem
Warten.
gezügelt
werden.
Die
Hälfte
der
Menschheit
ist
nicht
im
vollen
Ich
fordere
die
Magna
Charta
Libertatis,
als
Sinne
existent;
ihr
Leben
ist
ein
Geschwätz,
ein
Grundgesetz
für
das
Kind.
Vielleicht
gibt
ihre
Bestrebungen
sind
naiv,
ihre
Gefühle
es
noch
andere
–
aber
diese
drei
Grundrech-‐ vergänglich,
ihre
Ansichten
lächerlich.
Kin-‐
te
habe
ich
herausgefunden:
der
unterscheiden
sich
von
den
Erwachse-‐
1.
Das
Recht
des
Kindes
auf
seinen
Tod,
nen;
es
fehlt
etwas
in
ihrem
Leben,
und
doch
2.
Das
Recht
des
Kindes
auf
den
heutigen
ist
in
ihrem
Dasein
ein
unbestimmbares
Tag.
„Mehr“
als
in
unserem,
aber
dieses
von
unse-‐
11»Die Prinzessin und der Pjär«
rem
Dasein
unterschiedene
Leben
ist
Wirk-‐ Aus:
Korcazk,
Janusz.
Hg.
Heimpel
/
Roos.
„Das
Kind
in
der
Familie“
in
„Wie
man
ein
Kind
lieben
soll“.Göttingen,
1987
lichkeit,
nicht
Vorausschau.
Sich seiner selbst bewusst werden
Von Jesper Juul
Was
ist
denn
nur
mit
der
Aggression
gesche-‐ persönlichen
oder
sozialen
Beziehungen
hen?
Warum
ist
sie
zum
Tabu
geworden?
geführt.
Um
ein
gesundes
Selbstwertgefühl
Meine
Antwort:
Allein
die
Tatsache,
dass
wir
zu
entwickeln,
muss
ein
Kind
sich
wertvoll
uns
unsere
Emotionen
sowie
unsere
inneren
für
seine
Eltern
fühlen
und
folglich
ihrer
Zu-‐
und
äußeren
Reaktionsmuster
bewusstma-‐ neigung
und
Liebe
wert
sein‘.
Ausgehend
chen
und
sie
akzeptieren,
stattet
uns
mit
davon
entwickelt
sich
das
Selbstwertgefühl
dem
Selbstwertgefühl
aus,
das
wir
brauchen,
auf
zwei
Ebenen:
einer
quantitativen
und
um
ja
oder
nein
zu
sagen,
wenn
es
für
unsere
einer
qualitativen.
Die
quantitative
Entwick-‐
geistige
Gesundheit
und
unser
soziales
lung
vollzieht
sich
täglich
im
Minutentakt:
Wohlergehen
angemessen
und
notwendig
Während
sich
das
Kind
selbst
kennenlernt,
ist.
Kinder
lernen
zunächst
nicht
mittels
Un-‐ sein
Potential,
seine
Begrenzungen,
Gedan-‐
terweisung,
sondern
durch
Erfahrung.
Wie
ken,
Gefühle
und
Reaktionen
entdeckt
und
echte
Wissenschaftler,
so
lernen
auch
Kin-‐ erfasst.
Diese
Entwicklung
bestimmt
uns,
der:
Sie
denken
sich
eine
Theorie
aus,
testen
solange
wir
leben,
solange
wir
uns
entfalten
sie
mit
Hilfe
von
Experimenten
und
lernen
und
verwandeln;
das
Maß
an
Selbsterkennt-‐
von
ihrem
Scheitern
genauso
viel
wie
von
nis
vergrößert
sich
immer
mehr.
Entschei-‐
ihren
Erfolgen.
So
verhält
es
sich,
wenn
Kin-‐ dend
bleibt
sich
seines
Selbst
stets
bewusst
der
versuchen,
auf
den
Stuhl
zu
klettern
oder
zu
sein.
Klavier
zu
spielen,
wenn
ein
Jugendlicher
der
Die
qualitative
Ebene
hängt
fast
gänzlich
beste
Fußballspieler
werden
will
oder
ver-‐ vom
verbalen
und
nonverbalen
Feedback
ab,
liebt
ist,
wenn
er
Sex
hat
oder
lernt,
die
im-‐ das
Eltern,
andere
wichtige
Erwachsene
oder
pulsive
Aggression
in
kreatives
und
kon-‐ Geschwister
(in
dieser
Reihenfolge)
dem
struktives
Verhalten
zu
verwandeln.
Kind
zuteilwerden
lassen.
Es
tut
mit
leid,
wenn
ich
den
enttäuschen
So
kommt
es,
dass
kritische
Eltern
und
Leh-‐
muss,
der
meint,
sein
Kind
müsse
all
das
lei-‐ rer
in
einem
Circulus
vitiosus
(Teufelskreis)
sten,
bevor
es
fünf
Jahre
alt
ist.
Das
Kind
landen,
wo
sie
dauernd
frustriert
und
wü-‐
braucht
dafür
eine
ganze
Kindheit,
unter
der
tend
sind,
da
sie
alles
zigmal
wiederholen
Voraussetzung,
es
erhält
liebevolle,
empathi-‐ müssen,
und
Kinder
sich
dabei
immer
sche
Feedbacks
und
ist
von
Eltern
umgeben,
schlecht,
dumm
und
keines
Respekts
würdig
die
sich
zumindest
einigermaßen
ihres
per-‐ empfinden.
Der
andere
Grund
ist
die
allge-‐
sönlichen
Werts
und
ihrer
Grenzen
bewusst
mein
bekannte,
emotionale
Reaktion
aller
sind.
Kinder:
Wenn
meine
Eltern
nicht
glücklich
Gibt
es
wirklich
nur
diesen
einen
Weg?
–
sind,
muss
etwas
mit
mir
–
mit
dem,
der
ich
Nein,
es
gibt
noch
einen
anderen.
Wir
kön-‐ bin
–
nicht
in
Ordnung
sein.
nen
strenge
moralische
und
/oder
religiöse
Dieser
Mechanismus
ist
in
jedem
Kind
zu
Regeln
für
Kinder
aufstellen,
die
sogar
kör-‐ jeder
Zeit
aktiv.
Deshalb
hängt
das
Selbst-‐
perliche
Züchtigung
vorsehen,
und
wir
kön-‐ wertgefühl
eines
Kindes
und
seine
geistige
nen
mit
sozialem
Ausschluss
drohen,
um
wie
soziale
Gesundheit
fast
ausschließlich
möglichst
effektiv
zu
sein.
Dies
ist
in
kleinen,
vom
Feedback
seiner
Eltern
ab.
Das
ist
so
–
abgesonderten
Gruppen
noch
immer
mög-‐ egal,
in
welchem
emotionalen
Zustand
das
lich,
doch
immer
seltener
in
der
Welt,
in
der
Kind
ist,
ob
es
glücklich,
enthusiastisch,
spie-‐
Kinder
heute
aufwachsen
–
in
einer
Welt,
in
lerisch,
traurig,
unglücklich,
leidend
oder
der
es
den
strengen
moralischen
Konsens
eben
wütend
und
aggressiv
ist.
der
Gesellschaft
nicht
mehr
gibt.
Diesen,
hier
Während
es
aufwächst,
geht
ein
Kind
durch
bloß
gestreiften
Weg
schließe
ich
von
meiner
Myriaden
von
Lernprozessen
hindurch.
In
Betrachtung
aus,
denn
er
hat
noch
nie
zu
den
ersten
Jahren
führen
diese
Prozesse
individuellem
Wohlergehen
und
wertvollen
meist
zu
Frustration
–
einem
Cocktail
von
12»Die Prinzessin und der Pjär«
Traurigkeit
und
Wut.
Wird
dem
Kind
Zeit
Wenn
dies
nämlich
geschieht
–
im
Moment
gegönnt,
sowie
Akzeptanz
zuteil,
lernt
es,
die
geschieht
es
viel
zu
oft,
landen
wir
bei
einem
beiden
Gefühle
zu
unterscheiden
und
zu
in-‐ ethischen
Problem,
das
die
Vitalität
und
Le-‐
tegrieren.
Mit
acht
bis
zehn
Jahren
wird
es
benslust
jener
einschränkt,
die
Opfer
sind,
wissen,
wie
es
über
seine
Begrenzungen
und
das
wiederum
wirkt
sich
negativ
auf
die
traurig
sein
und
wie
es
seine
Wut
in
zielori-‐ Fähigkeit
aus,
gesund
zu
sein
und
zu
bleiben.
entierte
Ambition
verwandeln
kann.
Ähnlich
Die
Moral
ist
eine
Ansammlung
von
persönli-‐
wird
es
lernen,
wie
man
sich
anderen
Kin-‐ chen
Glaubenssätzen
und
Werten,
die
das
dern
auf
unterschiedliche
Weise
nähert,
und
Verhalten
jedes
Einzelnen
in
einer
Instituti-‐
in
der
Folge
entwickelt
sich
seine
soziale
on
bestimmen
–
damit
kommt
die
Beleg-‐
Kompetenz.
Diese
Lernprozesse
prägen
sich
schaft
jeder
pädagogischen
Einrichtung
klar.
in
sein
Gehirn
ein
und
werden
zu
Verhal-‐ Das
ist
nicht
nur
unvermeidbar,
sondern
tensmustern,
die
dazu
beitragen,
dass
das
auch
eine
gute
Sache,
solange
jeder
Einzelne
Kind
ein
gesundes
Selbstwertgefühl
entwic-‐ ermutigt
wird,
gleichzeitig
seine
persönli-‐
kelt.
Ein
gesundes
Selbstwertgefühl
kann
als
chen
Grenzen
zu
bestimmen
und
zu
vertre-‐
ein
besonnenes,
nuancenreiches
und
bejahen- ten.
Hierhin
liegt
der
Schlüssel
zum
Umgang
des
Selbstbild
definiert
werden
–
es
ist
der
mit
jeder
Art
aggressiven
Verhaltens,
zum
Schlüssel
zur
geistigen
Gesundheit
und
zu
Schutz
der
individuellen
Integrität
und
zur
einem
starken
psychosozialen
Immunsy-‐ Hilfestellung
für
den
Aggressor,
der
auf
diese
stem.
Das
soll
nicht
heißen,
dass
ich
die
Mo-‐ Weise
lernt,
seine
Aggressionen
zu
integrie-‐
ral
als
einen
wichtigen
Teil
unserer
Gesell-‐ ren.
schaft
ablehne,
sondern
bloß
das
Recht
von
Aus:
Juul,
Jesper.
Aggression.
Frankfurt,
2012
Therapeuten,
Sozialarbeitern,
Erziehern,
Lehrern
und
Pädagogen,
ihre
beruflichen
Erkenntnisse
zu
missachten
und
sie
durch
eine
private
Moral
zu
ersetzen
–
ungeachtet
dessen,
wie
akzeptiert
diese
Moral
sein
mag.
Mensch und Bildung
Von Vanessa–Isabelle Reinwand
Bildung
findet
[...]
nicht
im
„luftleeren“
Raum
dungspraxis
notwendigerweise
an
den
le-‐
statt:
Sie
steht
immer
im
Spannungsfeld
zwi-‐ benslangen
und
biografischen
Erfahrungen
schen
individuellen
Gestaltungswünschen
ihrer
Akteure
orientieren
muss,
aber
auch
und
gesellschaftlichen
Macht-‐
und
Herr-‐ Potential
zur
Veränderung
und
zum
Über-‐
schaftsverhältnissen.
Dieses
Spannungsfeld
schreiten
von
gewohnten
Sicht-‐
und
Hand-‐
entsteht
notwendigerweise
aus
der
doppel-‐ lungsweisen
bieten
sollte,
um
individuelle
ten
Bezüglichkeit
von
Kultur
und
Bildung:
Entwicklung
und
damit
Bildung
zu
ermögli-‐
Der
Mensch
wird
durch
Kultur,
durch
die
chen.
Dabei
geht
es
nicht
nur
um
kognitive
symbolische
Form
[...]
und
die
Bearbeitung
und
intellektuelle
Möglichkeiten,
sondern
dieser
gebildet,
bringt
aber
dadurch
selbst
Bildungsprozesse
sind
immer
leibgebunden
immer
wieder
neu
Kultur
hervor
und
gestal-‐ und
sinnes-‐
bzw.
wahrnehmungsbasiert.
tet
diese.
Enkulturation,
also
Verinner-‐ Bildung,
besonders
Kulturelle
Bildung,
lichung
von
Kultur,
formt
damit
in
ganz
spe-‐ kommt
durch
dieses
implizite,
intuitive,
ima-‐
zifischer
Weise
den
Menschen
und
bestimmt
ginative
und
inkorporierte
Körperwissen
die
weiteren
Vorraussetzungen
und
indivi-‐ erst
vollständig
zum
Ausdruck.
Das
Erlebnis
duell
erkennbaren
Möglichkeiten
seiner
Bil-‐ ästhetischer
Erfahrungen
stellt
daher
ein
dungs-‐
und
Reflexionstätigkeit.
Das
heißt,
Grundprinzip
Kultureller
Bildung
dar,
denn
dass
sich
eine
gelingende
kulturelle
Bil-‐ es
ermöglicht
eine
Differenzerfahrung,
einen
13»Die Prinzessin und der Pjär«
anderen
und
auch
verfremdenden
Blick
auf
sönlichkeit
zu
bilden:
Bildung
als
Transfor-‐
die
Welt,
einen
Perspektivwechsel,
der
wie-‐ mation.
derum
einlädt,
sich
zu
reiben,
umzusortie-‐ Aus:
Bockhorst,
Reinwand,
Zacharias
(Hrsg.).
Handbuch
Kulturelle
Bildung.
München,
2012
ren,
neu
zu
strukturieren,
sich
und
seine
Umwelt
zu
formen
und
dabei
die
eigene
Per-‐
Kapitel 2:
Erwachsene
33
Das Kind wird nicht erst zum Menschen, es ist schon einer!
14
Janusz Korczak
Alessa Kordeck»Die Prinzessin und der Pjär«
Aus Szene 9
PIERRE Aber du bist die Prinzessin. Und zu Weihnachten kriegen Oma und Opa
eine CD mit deinem Geigespielen.
LISASOPHIE Ja, und? Sie freuen sich darüber.
PIERRE Weil sie stolz sind auf dich.
LISASOPHIE Genau. Das ist nicht angeben. Das ist stolz sein.
PIERRE Mein Onkel ist auch stolz auf sein Auto.
LISASOPHIE Was soll das heißen?
PIERRE Nix.
LISASOPHIE Hee! Was soll das heißen? Willst du damit sagen, dass ich wie ein Auto
bin?
PIERRE Du bist die Prinzessin.
LISASOPHIE Das war ein Theaterstück!
PIERRE Ist ja nicht schlimm, wenn die Eltern stolz auf einen sind.
LISASOPHIE Aber ich bin keine Angebersache! Meine Eltern sind keine Angeber.
PIERRE Dann ist mein Onkel auch keiner.
LISASOPHIE Meine Eltern, die lieben mich nämlich!
PIERRE Meine lieben mich auch.
LISASOPHIE Meine würden alles für mich tun.
PIERRE Meine auch!
LISASOPHIE Meine lieben mich, egal wie bescheuert ich bin. Oder wie hässlich. Das ist
ganz egal.
PIERRE Egal, wie hässlich?
LISASOPHIE Sogar, wenn ich aussehen würde wie Gollum.
Sie zieht Fratzen.
15»Die Prinzessin und der Pjär«
Eure Kinder sind nicht eure Kinder
Von Khalil Gibran
Eure
Kinder
sind
nicht
eure
Kinder.
Sie
sind
die
Söhne
und
Töchter
der
Sehnsucht
des
Lebens
nach
sich
selber.
Sie
kommen
durch
euch,
aber
nicht
von
euch,
Und
obwohl
sie
mit
euch
sind,
gehören
sie
euch
doch
nicht.
Ihr
dürft
ihnen
eure
Liebe
geben,
aber
nicht
eure
Gedanken,
Denn
sie
haben
ihre
eigenen
Gedanken.
Ihr
dürft
ihren
Körpern
ein
Haus
geben,
aber
nicht
ihren
Seelen,
Denn
ihre
Seelen
wohnen
im
Haus
von
morgen,
das
ihr
nicht
besuchen
könnt,
nicht
einmal
in
euren
Träumen.
Ihr
dürft
euch
bemühen,
wie
sie
zu
sein,
aber
versucht
nicht,
sie
euch
ähnlich
zu
machen.
Denn
das
Leben
läuft
nicht
rückwärts,
noch
verweilt
es
im
Gestern.
Ihr
seid
die
Bogen,
von
denen
eure
Kinder
als
lebende
Pfeile
ausgeschickt
werden.
Der
Schütze
sieht
das
Ziel
auf
dem
Pfad
der
Unendlichkeit,
und
er
spannt
euch
mit
seiner
Macht,
damit
seine
Pfeile
schnell
und
weit
fliegen.
Laßt
euren
Bogen
von
der
Hand
des
Schützen
auf
Freude
gerichtet
sein;
Denn
so
wie
er
den
Pfeil
liebt,
der
fliegt,
so
liebt
er
auch
den
Bogen,
der
fest
ist.
Aus:
Gibran,
Khalil.
Der
Prophet.
München,
2002
539
oder
586
(falls
nicht
in
Kap
1)
16 Roland Wolf, Alessa KordeckSie können auch lesen