Volksentscheide in Europa: Ein neues Nachschlagewerk - S. 4 Tag für die Demokratie: Aerial Art und Bürgergutachten - Mehr Demokratie eV

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Volksentscheide in Europa: Ein neues Nachschlagewerk - S. 4 Tag für die Demokratie: Aerial Art und Bürgergutachten - Mehr Demokratie eV
ausgabe 1.2020 | www.mehr-demokratie.de

Volksentscheide in Europa:
Ein neues Nachschlagewerk
S. 4

Tag für die Demokratie:
Aerial Art und Bürgergutachten
S. 18

Ankündigung der Bundes­
mitgliederversammlung
S. 40
Volksentscheide in Europa: Ein neues Nachschlagewerk - S. 4 Tag für die Demokratie: Aerial Art und Bürgergutachten - Mehr Demokratie eV
INHALT

             Aerial Art vor dem Reichstag
             Wir haben es tatsächlich geschafft!
             Ein lebendiges Demokratie-Kunst-
             werk auf der Reichstagswiese.

             ab Seite 18
                                                        REZENSION
                                                   4    VOLKSENTSCHEIDE IN EUROPA

                                                        GRUNDLAGEN
                                                   6    MEHR DEMOKRATIE IN DER KLIMAKRISE
                                                   8    SCHEINRIESEN – VON BÜRGERN UND POLITIKERN

                                                        EUROPA & INTERNATIONAL
                                                   10   DIE KONKORDANZDEMOKRATIE DER SCHWEIZ
                                                   14   KUBAS NEUE VERFASSUNG: PER VOLKSABSTIMMUNG
                                                        EINGEFÜHRT

                                                        BUNDESLÄNDER
                                                   17   TRANSPARENZGESETZ BERLIN: UNTERSCHRIFTEN
                                                        ÜBERREICHT

                                                                                                                         TITELBILD CLEMENS WRONSKI, LINKS OBEN CLEMENS WRONSKI, LINKS MITTE VERLAG BARBARA BUDRICH, LINKS UNTEN JAN HAGELSTEIN
                                                        TAG FÜR DIE DEMOKRATIE
                                                   18   AERIAL ART UND BÜRGERRAT: ZWEI MAMMUT-PROJEKTE
                                                        AN EINEM TAG
                                                   20   DIE AERIAL-AKTION IN BILDERN
                                                   24   DIE ÜBERGABE DES BÜRGERGUTACHTENS IN BILDERN
                                                   26   DIE EMPFEHLUNGEN DES BÜRGERRATS IM ÜBERBLICK
                                                   28   ZITATE VON TEILNEHMENDEN, POLITIK UND MEDIEN
Volksentscheide in Europa:
Ein neues Standardwerk
Unsere Mitarbeiter Frank Rehmet und                     BUNDESLÄNDER
Tim Weber haben zusammen mit unserer               30   MIKRO-BÜRGERINNENGUTACHTEN SYRGENSTEIN
ehemaligen Mitarbeiterin Neelke Wagner             32   DAS JAHR DER BIENEN: VOLKSINITIATIVE IN
ein neues Buch vorgelegt.                               BADEN-WÜRTTEMBERG
                                                   34   NEUES AUS DEN LANDESVERBÄNDEN
ab Seite 4

                                                        REZENSION
                                                   36   DAS VOLK REGIERT SICH SELBST – EINE GESCHICHTE
                                                        DER DEMOKRATIE
Die Übergabe der Empfehlung des Bürgerrats
Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und die
im Bundestag vertretenen Parteien haben das
                                                        MD INTERN
erste deutschlandweite Bürgergutachten             39   DIE VERGANGENE BMV IM RÜCKBLICK
entgegengenommen - Was steht drin? Und wie         40   ANKÜNDIGUNG DER BUNDESMITGLIEDERVERSAMMLUNG
kam es zu Stande?

ab Seite 22

 3                                                                           www.mehr-demokratie.de | Nr. 122 | 1/2020
Volksentscheide in Europa: Ein neues Nachschlagewerk - S. 4 Tag für die Demokratie: Aerial Art und Bürgergutachten - Mehr Demokratie eV
EDITORIAL

Liebe Lesende,

am 7. November hat Wirtschaftsminister Peter Altmaier für ein Top-Thema des Tages
gesorgt. Die Landtagswahl in Thüringen hätte ihm eingeschärft, dass es eine Parlaments-
reform geben müsse. Der Bundestag solle schrittweise verkleinert und die Wahlperiode
auf fünf Jahre ausgedehnt werden. Auch sei die Bürgerbeteiligung auszubauen. Am Tag
zuvor hatte die Bundesregierung ihre Halbzeitbilanz vorgelegt. Darin der Satz: „Wir
werden eine Expertenkommission einsetzen, die Vorschläge zur Stärkung der parlamen-
tarisch-repräsentativen Demokratie erarbeiten soll.“ Seit März 2018 warten wir auf diese
Kommission, die Vorschläge für mehr Bürgerbeteiligung und die Einführung der direk-
ten Demokratie auf Bundesebene diskutieren soll. Zwischenzeitlich sind wir mit dem
Bürgerrat Demokratie schon einmal in Vorleistung gegangen. Die Ergebnisse finden Sie
in diesem Heft. Ganz oben an steht die Einführung des bundesweiten Volksentscheids
sowie die Verzahnung von Bürgerbeteiligung mit der direkten und der parlamentari-          Ralf-Uwe Beck,
schen Demokratie. Und nur so wird auch ein Schuh draus, mit dem wir uns auf den Weg        Bundesvorstandssprecher
machen, die Kluft zwischen Bürgerinnen und Bürgern und Politik endlich überwinden          von Mehr Demokratie.

können. Hier finden sich auch die Antworten auf Altmaiers Vorschläge: Verlängerung
der Wahlperiode nur, wenn dies mit der direkten Demokratie auf Bundesebene kompen-
siert wird. Auch die Bürgerbeteiligung braucht im Hintergrund die direkte Demokratie,
damit ernst genommen wird, was die Bürgerinnen und Bürger vortragen,
    Am 15. November wurde das Bürgergutachten an den Bundestagspräsidenten in
einer sehr würdigen Veranstaltung übergeben – begleitet von einer großen Kunstaktion
mit vielen Menschen. Bis hierhin war das ein fulminanter und gelungener Prozess. Die
Seiten in dieser Ausgabe, die vielen Fotos, lassen das spüren. Ein Wort fiel bei der
Veranstaltung auffallend oft: Schublade. Die ausgelosten Bürgerinnen und Bürger
sprachen ebenso über die Gefahr, das Bürgergutachten könnte in irgendeiner Schubla-
de verschwinden wie auch die Menschen aus der Politik, dem wissenschaftlichen und
dem zivilgesellschaftlichen Beirat. Für Mehr Demokratie heißt es: An die Arbeit! Jetzt
werden wir auf die Umsetzung drängen müssen. Ist die Regierung, die sich bisher nicht
einmal auf eine Expertenkommission einigen konnte, jetzt wach? Gelingen interfrakti-
onelle Initiativen? Kann das Bürgergutachten helfen, damit die Politik über den Koali-
tionsvertrag hinauswächst? Dabei könnte uns und die Politik ermutigen, was es bereits
gibt, hier und andernorts in Europa, was gelingt, was die Menschen bewegt. Davon
findet sich in diesem Heft so einiges. Ach, und die Expertenkommission soll nun doch
noch kommen. Das jedenfalls verkündete der Unionsvertreter vom Podium unserer
Festveranstaltung aus hinunter in den Saal. Wir werden sehen.

Eine ertragreiche Lektüre wünscht

                                                                                           Korrigendum
                                                                                           Daniel Wittig ist Mitarbeiter
                                                                                           von Mehr Demokratie im Be-
Ralf-Uwe Beck
                                                                                           reich Fundraising und IT und
Bundesvorstandssprecher
                                                                                           Mitglied im Arbeitskreis Di-
                                                                                           gitalisierung und nicht, wie in
                                                                                           der letzten Ausgabe geschrie-
                                                                                           ben, Vorstandsmitglied im
                                                                                           Landesverband Bremen und
                                                                                           Leiter des AK Digitalisie-
                                                                                           rung. Wir bitten, dies zu ent-
                                                                                           schuldigen.

                                                                                                                        3
Volksentscheide in Europa: Ein neues Nachschlagewerk - S. 4 Tag für die Demokratie: Aerial Art und Bürgergutachten - Mehr Demokratie eV
REZENSION

VOLKSENTSCHEIDE
IN EUROPA
Eine Rezension

VON DR. PAUL TIEFENBACH

Zwei Mitarbeiter von Mehr Demokratie,                                                          n   Von oben, durch den Präsidenten, das
Frank Rehmet und Tim Weber, sowie                                                                  Parlament oder die Regierung ange-
eine ehemalige Mitarbeiterin, Neelke                                                               ordnet. Interessant ist das besonders
Wagner, haben ein Buch vorgelegt, das                                                              dann, wenn auch eine Minderheit im
alle europäischen Volksentscheide, die                                                             Parlament ausreicht, um einen Volks-
unter demokratischen Verhältnissen                                                                 entscheid zu starten. Ein Sonderfall
stattfanden, auflistet. Es ist nicht nur als                                                       sind die sog. „unverbindlichen Volks-
Nachschlagewerk interessant, die Lektü-                                                            befragungen“. Die Regierung oder
re bietet auch einige Überraschungen.                                                              das Parlament fragen die Bevölkerung
    Zunächst: Es geht der Autorin und                                                              nach ihrer Meinung, ohne rechtliche
den Autoren nur um Volksentscheide auf                                                             Bindung. Trotzdem wird in der Regel
nationaler Ebene, also nicht um Bürge-                                                             das Votum der Bevölkerung auch um-
rentscheide in Kommunen oder Volksent-             Frank Rehmet, Neelke Wagner,                    gesetzt. Beispiel dafür ist etwa die Bre-
scheide in Bundesländern. Untersucht               Tim Willy Weber:                                xit-Abstimmung in Großbritannien.
werden Sachabstimmungen, nicht Direkt-             „Volksabstimmungen in Europa“,              n Mischsysteme: die Bürgerinnen und
                                                   Verlag Barbara Budrich,
wahlverfahren, wie zum Beispiel die                                                                Bürger sammeln Unterschriften, das
                                                   ISBN: 9783847422754, 26 Euro.
Wahl des französischen Präsidenten. Lan-                                                           Parlament berät das Anliegen, letztlich
desweite Volksentscheide in Europa?                                                                entscheiden Parlament und Staatpräsi-
Man neigt zu der Auffassung, dass es da                                                            dent, ob ein Volksentscheid stattfinden
außerhalb der Schweiz doch nicht viel          ischen Volksentscheide statt. Auf dem               soll. Oder: die Opposition im Parla-
gibt. Aber weit gefehlt. Sage und schreibe     dritten Platz folgt Italien mit 70 Volksent-        ment fordert einen Volksentscheid, er
1050 Volksentscheide und weitere 50            scheiden, dann Slowenien, Litauen und               findet aber nur statt, wenn sie auch eine
Volksbefragungen haben bislang in den          das kleine San Marino, das es auf immer-            Reihe von Unterschriften sammelt.
untersuchten 43 europäischen Staaten           hin 25 Entscheide brachte. Aber auch die        Worüber wird eigentlich so abgestimmt?
stattgefunden! In 41 der 43 Staaten kann       Wege zum Volksentscheid sind sehr un-           Offensichtlich beschäftigt die Frage der
die Bevölkerung wenigstens ab und zu           terschiedlich. Die Autorin und die Auto-        staatlichen Souveränität die Bürgerinnen
über landesweite Themen abstimmen.             ren unterscheiden vier Möglichkeiten:           und Bürger. Den eindeutigsten Volksent-
Die einzigen europäischen Staaten, in de-      n Von unten, per Volksinitiative oder fa-       scheid dazu gab es 1944 in Island, wo
nen es das gar nicht gibt, sind das Fürsten-      kultativem Referendum. Das kennt             99,5 Prozent für die Unabhängigkeit von
tum Monaco und die Bundesrepublik                 man natürlich aus der Schweiz. Aber          Dänemark stimmten, bei einer Beteili-
Deutschland.                                      auch in der Slowakei, Ungarn und Li-         gung von 98 Prozent. 1961 ließ der fran-
    Die Unterschiede zwischen den Län-            tauen gab es zahlreiche Volksinitiati-       zösische Staatspräsident die Franzosen
dern sind allerdings enorm, sowohl was            ven. Beim fakultativen Referendum            darüber abstimmen, ob Algerien unab-
die Zahl, als auch was die Art der Volks-         dagegen liegt Italien (nach der              hängig werden solle – drei Viertel waren
entscheide angeht. Die Schweiz liegt              Schweiz) auf dem zweiten Platz.              dafür. In zahlreichen Ländern gab es auch
überall klar vorn, gefolgt vom Fürsten-        n Automatisch, etwa bei einer Verfas-           Abstimmungen für oder gegen den Bei-
tum Liechtenstein. In diesen beiden Län-          sungsänderung. Hier liegt Irland nach        tritt zur Europäischen Union. Zwei Mal
dern fanden etwa drei Viertel der europä-         der Schweiz auf dem zweiten Platz            stimmten die Spanier über den Verbleib in

4                                                                                             www.mehr-demokratie.de | Nr. 122 | 1/2020
Volksentscheide in Europa: Ein neues Nachschlagewerk - S. 4 Tag für die Demokratie: Aerial Art und Bürgergutachten - Mehr Demokratie eV
REZENSION

    Legende

             Ländergruppe 1
             Direktdemokratische Verfahren als
             politische Routineverfahren
             vorhanden.

             Ländergruppe 2
             Direktdemokratische Verfahren
             mit einiger Praxis vorhanden.

             Ländergruppe 3
             Direktdemokratische Verfahren
             mit wenig Praxis vorhanden.

             Ländergruppe 4
             Direktdemokratische Verfahren als
             Ausnahmeverfahren vorhanden.

             Ländergruppen 5-7
             Keine direktdemokratischen
             Verfahren vorhanden.

             Nicht betrachtete Staaten
             Keine demokratischen Verhältnisse /
             nicht oder nur zu einem Teil in
             Europa liegend.

 Grafik_Europa.indd 1                                                                                                        26.09.19 11:42
Direkte Demokratie in Europa: Wo geht was?

der Nato ab. Litauen hat die Regelung,             eher niedrigeren Beteiligung zu führen.      schlossenes Gesetz verlangen. Gäbe es
dass ein Volksentscheid bei der Übertra-           Bis 2012 gab es in Slowenien kein Ab-        nicht das hohe Beteiligungsquorum beim
gung von Souveränitätsrechten auf inter-           stimmungsquorum, die durchschnittliche       Volksentscheid, wären das keine schlech-
nationale Organisationen stattfinden               Beteiligung betrug 31,9 Prozent. Seit        ten Bedingungen. Schon 65 Mal haben
muss. Andere Themen, die immer wieder              2013 gibt es ein Abstimmungsquorum           die Italiener das fakultative Referendum
vorkommen, sind das Abtreibungsrecht               von 20 Prozent und die Beteiligung sank      genutzt. Natürlich bleiben die dänischen
und Änderungen am Wahlrecht.                       auf durchschnittlich 20,9 Prozent. Man-      und italienischen Regelungen meilenweit
    Die Anwendungsfreundlichkeit des               che gehen nicht mehr hin, weil die Ab-       hinter der Schweiz zurück. Aber sie könn-
Verfahrens ist ganz entscheidend für die           stimmung möglicherweise ohnehin un-          ten vielleicht als Türöffner dienen um
Zahl der gültigen Volksentscheide. Be-             gültig sein wird.                            neue Bewegung in die eingefrorene De-
sonders das Abstimmungsquorum spielt                    Das Buch bringt einen auf neue Ideen.   batte um den bundesweiten Volksent-
in vielen Ländern eine fatale Rolle. Be-           Obligatorische Volksentscheide bei Über-     scheid zu bringen. /
kanntlich gibt es in der Schweiz gar kein          tragung von Hoheitsrechten, wie in Litau-
Abstimmungsquorum, und das ist ein                 en, sollte es auch in Deutschland geben.
wichtiger Grund für das gute Funktionie-           Anregend fand ich auch das dänische Op-
ren der direkten Demokratie dort. Auch             positionsreferendum. Ein Drittel des Par-
in Irland gibt es kein Quorum. In Litauen          laments kann einen Volksentscheid zu
dagegen scheiterten alle zehn Volksiniti-          beschlossenen Gesetzen beantragen. Da-
ativen am Abstimmungsquorum von 50                 für müssten doch eigentlich die Oppositi-
                                                                                                       Dr. Paul Tiefenbach
Prozent. Und das, obwohl wegen der ho-             onsparteien im Bundestag zu gewinnen
                                                                                                       war Vertrauensperson des
hen Unterschriftenhürde von zwölf Pro-             sein? Oder das fakultative Referendum               Volksbegehrens für ein neues
zent nur Initiativen zur Abstimmung ka-            Italiens: Ein Prozent der wahlberechtigen           Wahlrecht in Bremen und
men, die breite Unterstützung haben. Ein           Bürgerinnen und Bürger können eine                  koordiniert den Arbeitskreis
hohes Quorum scheint übrigens zu einer             Abtimmung über ein vom Parlament be-                Wahlrecht bei Mehr Demokratie.

                                                                                                                                              5
Volksentscheide in Europa: Ein neues Nachschlagewerk - S. 4 Tag für die Demokratie: Aerial Art und Bürgergutachten - Mehr Demokratie eV
GRUNDLAGEN

MEHR DEMOKRATIE IN DER
KLIMAKRISE – DURCH LOSBASIER-
TE BÜRGERRÄTE!
In Europa erwacht eine alte demokratische Idee zu neuem Leben: Bürgerbeteiligung per Losver-
fahren. Immer mehr Kommunen und Staaten, Zivilgesellschaft wie Politik sehen in Bürgerräten
(engl. citizens‘ assemblies) einen geeigneten Weg, um festgefahrene politische Themen anzugehen
– allen voran die Klimakrise.

VON DR. PERCY VOGEL

Auslöser dieses Trends ist eindeutig Irland. Dessen Regierung spirierte Fridays for Future-Bewegung globalisierte sich inner-
stand 2011 vor der Herausforderung, überfällige Verfassungs- halb von wenigen Monaten genauso wie die in Großbritannien
reformen auf den Weg zu bringen, ohne das ohnehin krisenge- entstandene Bewegung „Extinction Rebellion“ (XR). Mit ihren
plagte Land zu spalten. In dieser Lage nahm sie den Vorschlag gezielten Gesetzesübertretungen und beindruckenden Teilneh-
des Politologen David Farrell                                                                  mendenzahlen setzen sie seither
dankend an, die Reformen                                                                       die Regierungen vieler Länder
                                        Weil auch XR sich inzwischen auf
durch (im Wesentlichen) ausge-                                                                 unter Druck.
loste Bürgergremien beratschla-       fast   alle Kontinente      ausgebreitet         hat,        XR hat sich – als eine ihrer
gen zu lassen. Es ging dabei u.a.       dürfte die Bewegung zum weltweit                       drei Forderungen – auch eine de-
um die gleichgeschlechtliche           stärksten Advokaten für Bürgerräte mokratische Idee auf die Fahnen
Ehe (Einführung), das Recht                                                                    geschrieben: Die Rebellen wol-
                                                      geworden sein.
auf Schwangerschaftsabbruch                                                                    len sich nicht selbst an die Macht
(Einführung) und das Blasphe-                                                                  putschen, sondern fordern die
mie-Verbot (Abschaffung) – also um Themen, die im katholisch Einsetzung einer losbasierten „Bürger:innenversammlung“, die
geprägten Irland als besonders konflikthaft galten. Doch die mit der ökologischen Transformation von Wirtschaft und Gesell-
beiden Bürgergremien schafften den Durchbruch und sprachen schaft befasst werden soll. Schließlich hätten die letzten dreißig
sich mehrheitlich für die jeweiligen Reformen aus. Dies spie- Jahre gezeigt, dass der herkömmliche Parlamentarismus nicht in
gelte sich dann auch in den anschließenden Referenden wider. der Lage sei, diese Aufgabe aus sich heraus zu bewältigen.
Das letzte – zur Blasphemie-Frage – fand im Oktober 2018 statt.    Weil auch XR sich inzwischen auf fast alle Kontinente aus-
Was ist seither passiert?                                       gebreitet hat, dürfte die Bewegung zum weltweit stärksten Ad-
Im Jahr 2018 gab es einen Hitzesommer, der die Gefahren der vokaten für Bürgerräte geworden sein. Und immerhin hat XR
Erderwärmung erlebbar machte, während die Klimapolitik den in seinem Ursprungsland den ersten Erfolg zu verzeichnen:
selbst gesetzten Zielen weiterhin hinterherhinkte. In Schwe- Bereits im Sommer 2019 beschlossen sechs Ausschüsse des
den, Großbritannien und Frankreich entstanden Bewegungen, britischen Parlaments, noch in diesem Jahr einen Klima-Bür-
die auf die Klimafrage reagierten: Die von Greta Thunberg in- gerrat einzusetzen.

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Die dritte Forderung von Extinction Rebellion: eine geloste Bürger:innenversammlung, die mit der ökologischen Transformation
von Wirtschaft und Gesellschaft befasst werden soll. | Foto: CC-BY 4.0 Extinction Rebellion.

Doch der bislang wohl ehrgeizigste Bürgerrat auf nationaler            geboten, einen dreimonatigen Bürgerdialog („grand débat na-
Ebene ist der Klima-Bürgerrat „CCC“ (Convention Citoyenne              tional“) zu veranstalten. Daraus ging schließlich die Forde-
pour le Climat) in Frankreich. Im Auftrag (aber unabhängig)            rung nach einem nationalen Klima-Bürgerrat hervor, der Ma-
von der Regierung Macron arbeitend, soll er Wege aufzeigen,            cron nachgab. Neben der Not waren es aber scheinbar auch die
Frankreichs Treibhausgas-Emissionen bis 2040 um wenigstens             guten Argumente für das losbasierte Verfahren, die Macron
40 Prozent zu reduzieren (gegenüber 1990) und zwar möglichst           überzeugten.
sozial gerecht. Die folgenden fünf Themenfelder sollen bearbei-             Und in Deutschland? Auch hier regiert Kanzlerin Merkel
tet werden: Wohnen, Ernährung, Mobilität, Konsum sowie Ar-             weiterhin an den Klimazielen und den Bürgerinnen und Bürgern
beit und Produktion. Hierfür wurden die 150 Ausgelosten auf            vorbei. Teils geschieht dies aus Angst vor Protesten wie in Frank-
fünf Gruppen à 30 Personen verteilt, die untereinander in en-          reich, denn diese hatten sich an Macrons „von oben“ verordneter
gem Austausch stehen und sich gemeinsam auch finanziellen              CO2-Steuer entzündet, für die es keinen sozialen Ausgleich gab;
und steuerlichen Aspekten annehmen. Der Bürgerrat sammelt              teils fühlen sich die GroKo-Parteien ihrer jeweiligen Klientel
also nicht nur Ideen, sondern trifft auch Grundsatzentscheidun-        mehr verpflichtet, als dem Gemeinwohl. Auch hier könnte ein
gen, stimmt die ausgewählten Maßnahmen aufeinander ab und              Bürgerrat helfen, vor allem dann, wenn alle ihn wollen, Bürge-
macht Vorschläge für deren Finanzierung. Sogar die Ausarbei-           rinnen und Bürger, Zivilgesellschaft und Politik. Mehr Demo-
tung von Gesetzestexten wird ihm ermöglicht. Für all dies ste-         kratie bereitet mit Bündnispartnern daher einen Bürgerrat Kli-
hen ganze vier Monate mit sechs dreitägigen Sitzungswochen-            maschutz vor und lädt Regierung und Bundestag ein, das
enden zur Verfügung sowie ein Stab von Fachleuten und eine             Verfahren zu unterstützen. /
Fachbibliothek. Und nicht zuletzt stellt Macron die weitgehende
Umsetzung der Ergebnisse in Aussicht, wenn nötig sogar per
Referendum.
                                                                                                  Dr. Percy Vogel
    Viele misstrauen Macron noch, denn seinen Schwenk hin
                                                                                                  setzt sich bei Mehr Demokratie für
zur Bürgerbeteiligung machte er nur unter dem Druck der                                           Bürgerräte ein und ist Gründungsvor-
Straße: Nach anhaltenden und teils gewalttätigen Proteste der                                     stand von BürgerBegehren Klima-
„Gelbwesten“-Bewegung im Herbst 2018 hielt Macron es für                                          schutz e.V.

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SCHEINRIESEN
Über das Verhältnis von Bürgern und Politikern

VON NICOLA QUARZ UND RALF-UWE BECK

„Ohne Volksabstimmung ist alles Ba-         (direkt)demokratischen Ausweg aus dem         Die Politiker hier, die Bürger dort. Die ge-
nane“, steht auf einem Großbanner, das      Dilemma zu zeigen – verbunden mit der         fühlte Wahrnehmung: Die Bürger interes-
der Künstler Thomas Baumgärtel, be-         Einladung, gemeinsam die Verhältnisse zu      sieren sich nur für sich selbst, nicht fürs
kannt auch unter dem Namen „Bana-           bessern. Ein Höhepunkt der beiden Aben-       Gemeinwohl. Auch schwierige Entschei-
nensprayer“ während der Koalitions-         de war die Lesung aus Michael Endes Kin-      dungen mitzutragen, sind sie nicht bereit.
verhandlungen Anfang 2018 für eine          derbuch „Jim Knopf und Lukas der Loko-        Wirken Bürger auf Politiker wie Schein-
Aktion von Mehr Demokratie in Berlin        motivführer“ – gelesen von einer echten       riesen? Sind ihre Widerstände unüber-
gesprüht hat. Jetzt wurde es neben vie-     Lok aus; zentrales Objekt der Ausstellung.    windbar, zahlen sie bei Wahlen gnadenlos
len anderen Plakaten und Skulpturen         Diesen Text geben wir hier wieder:            heim, wenn es ans Eingemachte geht?
bei einer Ausstellung in Köln gezeigt.           Die Bürger hier, die Politiker dort.         „ … in diesem Augenblick stieß die
Diesmal hatte Baumgärtel Mehr Demo-         Die gefühlte Wahrnehmung: Nur im              Lokomotive Emma plötzlich einen gel-
kratie eingeladen, in der riesigen Werk-    Wahlkampf suchen Politiker die Nähe           lenden Pfiff aus, der wie ein Entsetzens-
halle eine Veranstaltung zu bestreiten.     der Bürger, dann wieder das Weite. Wo-        schrei klang und zugleich machte sie ganz
    Wir haben uns von Baumgärtels Wer-      ran liegt das? Ja, die Welt ist so kom-       von selbst kehrt und raste wie verrückt
ken inspirieren lassen und eine szenische   plex, die können nur noch Ganztagspo-         davon. … Am Horizont stand ein Riese
Lesung geboten. Ausgehend von der Kli-      litiker verstehen – erst recht gestalten,     von … ungeheurer Größe.
makrise haben wir mit Statements von        oder? Wirken Politiker auf uns Bürger             ‚Nun ja’, meinte Lukas ruhig, ‚bloß
Willy Brandt, Max Frisch, Stephen           wie Scheinriesen? Übermächtig, wich-          weil er so groß ist, braucht er doch noch
Hawking u.a. sowie mit realen und erfun-    tig, unerreichbar mit ihrem vermeintli-       lange kein Ungeheuer zu sein.’ … ‚Wenn
denen Nachrichtentexten versucht, einen     chen Wissensvorsprung?                        er uns was tun wollte’, sagte Lukas, die

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Nicola Quarz und Ralf-Uwe Beck führten unter dem Titel «Ohne Volksabstimmung ist alles Banane» durch die Ausstellung
GermanUrbanPopArt des Bananensprayer-Künstlers Thomas Baumgärtel. Foto: Jan Hagelstein.

Pfeife zwischen den Zähnen, ‚dann hätte      tive zu. … Aber was nun geschah, war
er das längst gekonnt. Er scheint gutartig   so erstaunlich, dass Jim Mund und Nase
zu sein. Möchte bloß wissen, warum er        aufsperrte und Lukas an seiner Pfeife zu
nicht näher kommt. Ob er sich am Ende        ziehen vergaß. Der Riese kam Schritt für
vor uns fürchtet?’                           Schritt näher und bei jedem Schritt wurde
    ‚Oh Lukas!’ stöhnte Jim, dem vor         er ein Stückchen kleiner. Als er etwa noch        Nicola Quarz
Angst die Zähne zu klappern anfingen.        hundert Meter entfernt war, schien er nicht       Juristin bei Mehr Demokratie.
‚Jetzt is’ es aus mit uns!’ ‚Mir scheint’,   mehr viel größer zu sein als ein hoher
brummte Lukas, ‚das ist ein ganz harm-       Kirchturm. Nach weiteren fünfzig Metern
loser Riese. Er kommt mir sogar sehr nett    hatte er nur noch die Höhe eines Hauses.
vor.‘… ‚Du traust ihm nicht, bloß weil er    Und als er schließlich bei der Lokomotive
so mächtig groß ist … Aber das ist kein      Emma anlangte, war er genauso groß wie
Grund. Dafür kann er schließlich nichts.’    Lukas der Lokomotivführer. Er war sogar           Ralf-Uwe-Beck
    Jetzt ließ sich der Riese am Horizont    einen halben Kopf kleiner.“                       Bundesvorstandssprecher von
nieder und rief mit flehentlich gefalte-         Die Bürger hier, die Politiker dort.          Mehr Demokratie.

ten Händen: ‚Ach bitte, bitte, glaubt mir    Die Politiker hier, die Bürger dort. Über
doch! Ich will euch nichts tun, ich will     die Kluft zwischen Bürgern und Politik
nur mit euch reden. Ich bin so allein, so    hinweg werden sich die drängenden Pro-
schrecklich allein!’ … Der Riese machte      bleme nicht lösen lassen. Gemeinsam
vorsichtig einen Schritt auf die Lokomo-     schon eher. /

                                                                                                                               9
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EUROPA & INTERNATIONAL

DIE KONKORDANZDEMOKRATIE
DER SCHWEIZ: EINE MÖGLICH-
KEIT FÜR DIE EU?
„Das stabilste Land der Welt hat keine Regierung. Es ist nicht stabil, obwohl, sondern weil es
keine Regierung hat.“ Nassim Taleb, Antifragilität, Knaus Verlag, München 2013

VON KARL-MARTIN HENTSCHEL UND STEFAN PADBERG

Die Schweiz hat keine Regierung im üblichen Sinne, die das          zwei Vertretende der SVP (Rechtspopulisten), zwei der SP (So-
Land in die eine oder andere Richtung lenkt. Deswegen sagt          zialisten), zwei der FDP (Liberale) und eine der CVP (Katho-
Nassiv Taleb, sie habe keine Regierung, sondern eine „Nichtre-      lisch-Konservative). Die kleinen Parteien unter zehn Prozent
gierung“. An der Spitze der Exekutive steht ein siebenköpfiger      wie die Grünen, die Grünliberalen und die BDP (demokratische
Verwaltungsrat, der sog. „Bundesrat“, der überparteilich von        Bürger) sind nicht vertreten. Es gibt auch einen Proporz nach
allen größeren Parteien zusammengesetzt wird. Der Bundesrat         Sprachen und Religionen.
entscheidet im Konsens. Er beschließt Verordnungen, zu denen             Die Zauberformel steht nicht in der Verfassung, sondern
er per Gesetz ermächtigt ist, legt den Finanzplan (Haushalt) vor,   wurde in den letzten 70 Jahren zum Gewohnheitsrecht. Der Ver-
führt Gesetze und Gerichtsurteile aus, verwaltet den Haushalt       teilungsschlüssel ist nirgends festgelegt, sondern wird bei Bedarf
und vertritt die Schweiz nach außen.                                neu vereinbart. Wenn es relevante Verschiebungen bei den Stim-
    Diese Konstruktion führt neben der direkten Demokratie zu       mergebnissen gab, wurde die Formel jeweils angepasst.
einem einmalig hohen Vertrauen in die „Nicht-Regierung“ und              So ist es bei der Nationalratswahl letzten Oktober zu Ver-
zu einer völlig anderen Rolle der Parteien. Das könnte auch für     schiebungen gekommen, die eine Diskussion über eine Verän-
die EU ein geeignetes Modell sein.                                  derung der Zauberformel ausgelöst haben. Die Grüne Partei
                                                                    Schweiz hatte über sechs Prozent hinzugewonnen und ist damit
Die Wahl des Bundesrates                                            stärker als die CVP, darf aber laut Zauberformel keinen Bun-
Die sieben Bundesrats-Mitglieder werden alle vier Jahre ein-        desrat stellen. Die Debatte zeigte, dass die Funktion der Formel
zeln in der konstituierenden gemeinsamen Sitzung der Bundes-        nicht nur darin besteht, den Parteienproporz im Nationalrat in
versammlung gewählt. Diese besteht aus dem Nationalrat (200         den Bundesrat zu projizieren. Interessanterweise wird eine rein
Abgeordnete – entspricht dem Bundestag) und dem Ständerat           arithmetische Zauberformel abgelehnt, damit der Bundesrat
(46 Vertreter der Kantone). Gewählt werden können alle              nicht politisiert wird. Das könnte dazu führen, dass die „Oppo-
Schweizer Bürgerinnen und Bürger. Eine Abwahl ist nicht mög-        sition“ vermehrt über Volksinitiativen versuchen würde Politik
lich. Tritt ein Bundesrat oder eine Bundesrätin zurück, dann        zu machen. Es besteht auch augenscheinlich kein Bedürfnis, die
wird eine Nachrückerin oder ein Nachrücker der gleichen Par-        Reform so schnell wie möglich zu machen. Eine neue Formel
tei gewählt.                                                        soll gut durchdacht und im Konsens gefunden werden.
     Vorsitzender ist der Bundespräsident oder die Bundespräsi-
                                                                                                                                         Foto: Seb Mooze | Unsplash

dentin. Diese und ihre Stellvertretenden werden jährlich von        Der Grund für die Zauberformel
der Bundesversammlung neu gewählt und dürfen nicht sofort           Bis 1943 saßen nur Konservative und Liberale im Bundesrat. Es
wiedergewählt werden.                                               gibt drei Gründe für die Entstehung des Konkordanzprinzips:
                                                                    Erstens ist die Schweiz sehr heterogen und hat kein Staatsvolk.
Die Zauberformel                                                    Sie war nie eine Nation. Der Zusammenschluss zu einem Staat
Seit 1943 wird nach einer vereinbarten Formel gewählt, die heu-     erfolgte 1848 nur, weil sie nach der Eroberung und Besetzung
te die „Zauberformel“ genannt wird. Gewählt werden zur Zeit         durch Napoleon dies nicht wieder erleben wollten. Die Schweiz

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EUROPA & INTERNATIONAL

                                      Die Schweiz hat keine Regierung
                                       im üblichen Sinne, die das Land
                                          in die eine oder andere Rich-
Foto: Christian Wiediger | Unsplash

                                      tung lenkt. Deswegen sagt Nassiv
                                         Taleb, sie hat keine Regierung,
                                        sondern eine „Nichtregierung“.

                                                                           11
EUROPA & INTERNATIONAL

hat vier Sprachen, eine Vielfalt an Kulturen, zwei damals zu-       Parteien sind keine Machtapparate wie in Deutschland. Nur
tiefst verfeindete Religionen, und hatte extrem unterschiedliche    bei der Benennung der Bundesrätinnen und -räte ( = Ministe-
Regierungsformen (mehrere Monarchien, Handwerkerrepubli-            rinnen und Minister) üben sie Macht aus. Da aber ihre Position
ken wie Genf, Patrizierherrschaft wie Zürich, Bauerndemokra-        sich aufgrund der Konsenspflicht wenig zur Polarisierung und
tien wie Schwyz und Uri usw.). Deswegen war der Wunsch nach         Profilierung eignet, sitzen im Bundesrat eher Vertrauensper-
Konsens schon immer wichtig. Eine polarisierende Regierung          sonen und keine polarisierenden Parteiführenden. Oft bleiben
hätte diesen Bund zerrissen.                                        die persönlich gewählten Bundesrätinnen und -räte über viele
    Der zweite und aktuelle Grund für die Zauberformel war          Jahre und Legislaturperioden für ihre Partei im Bundesrat.
das Gefühl der Bedrohung im Zweiten Weltkrieg. Der dritte                Der große Vorteil dieses Systems besteht darin, dass die po-
war die zunehmende Anzahl der Referenden gegen Gesetze.             litischen Debatten im Parlament (Legislative) und durch die Di-
Direkte Demokratie erfordert viel mehr Kommunikation, da die        rekte Demokratie in der Bevölkerung und der Zivilgesellschaft
Unterschriften von einem Prozent der Bürgerinnen und Bürger         stattfinden. Der Bundesrat – die „Nichtregierung“ – bleibt über-
eine Abstimmung erzwingen können. Die Beteiligung aller             parteilich und genießt daher ein großes Ansehen – ähnlich wie
großen Fraktionen bewirkt, dass wichtige Entscheidungen             in Deutschland das Bundesverfassungsgericht. Er führt die
meistens im Konsens getroffen werden.                               Staatsgeschäfte aus aufgrund der Gesetze, die im Parlament
    Bemerkenswert: Obwohl es schon mehrere Krisen gab, weil         oder vom Volk beschlossen wurden.
nicht die vorgeschlagenen Kandidierenden einer Partei gewählt
wurden, Bundesräte aus ihrer Partei austraten oder von dieser       Konkordanzdemokratie als Modell für Europa
ausgeschlossen wurden und mehrfach das Ende des Konkordats          Warum eignet sich das Modell der Konkordanzdemokratie be-
prognostiziert wurde, hat es sich immer wieder bewährt.             sonders für die EU? Europa und die EU als Teil davon ist ein
                                                                    extrem vielfältiger Erdteil. Man schätzt, dass noch über 250
Die Arbeitsweise des Bundesrats.                                    Muttersprachen gesprochen werden – die EU hat alleine 24
Jeder Bundesrat und und jede Bundesrätin ist zuständig für ein      Amtssprachen. Entsprechend vielfältig sind die Religionen,
Department (Ministerium) der Bundesverwaltung. Die Vergabe          Kulturen und Geschichten der Völker – obwohl diese seit Jahr-
der Departments an die Bundesrätinnen und Bundesräte erfolgt        tausenden miteinander verwoben sind, aber immer auch durch
nach Anciennität im Zugriffsverfahren. Das amtsälteste Mitglied     neue Anstöße von außen beeinflusst wurden.
wählt zuerst sein Departement, anschließend das Zweitälteste            Wenn es zu einer demokratischen Verfassung in der EU
und so weiter. Die Mitglieder des Bundesrats vertreten dessen       kommt, dann wäre eine Mehrheitsregierung geradezu gefähr-
Entscheidungen, die ihr Ressort betreffen, auch wenn sie dage-      lich. Osteuropa könnte in Opposition zu einer westlich gepräg-
gen gestimmt haben.                                                 ten Regierung treten, Südeuropa in Opposition zu einer nörd-
    Die Geschäftsführung obliegt der Bundeskanzlerin oder dem       lich geprägten. Und eine von Süden und Osten geprägte
Bundeskanzler, die nicht Mitglied des Bundesrates ist, sondern      Regierung gegen Deutschland würde erst recht massive Ver-
in einer eigenen Wahl vom Nationalrat gewählt wird.                 werfungen hervorrufen.
    Den Vorsitz hat die Bundespräsidentin oder der Bundesprä-
sident. Sie haben keine herausgehobene Funktion – vertreten         Kollegialrat statt Direktwahl des Präsidenten
die Schweiz aber protokollarisch bei Treffen der Staatspräsiden-    Dieses Problem könnte auch nicht durch eine Direktwahl der
ten. Es gibt keine Richtlinienkompetenz. Nur bei Stimmen-           Präsidentin oder des Präsidenten gelöst werden, wie es Ulrike
gleichheit im Rat entscheidet die Stimme der Präsidentin oder       Guerot vorschlägt. Es ist interessant, dass ausgerechnet Parag
des Präsidenten.                                                    Khanna, ein vertrauter außenpolitischer Berater von Obama, die
                                                                    Direktwahl des Präsidenten für den größten Fehler der US-Ver-
Auswirkungen auf die Parteien                                       fassung hält, da sie das Land spaltet und die politische Debatte
Das Konkordanzsystem führt dazu, dass es keine Koalitionen          personalisiert. Rousseau lehnte sie als „Wahlkönigtum“ ab.
zur Wahl des Bundesrates gibt. Daher gibt es auch keine Regie-          Eine Konsensdemokratie in der EU mit einem Kollegialrat
rungsfraktionen und keine Opposition in der Bundesversamm-          als Leitung der Exekutive würde die heute oft so produktiv
lung und logischerweise auch keinen Fraktionszwang.                 beschriebene offene Atmosphäre im EU-Parlament ohne
    Jede Partei arbeitet wie eine Nichtregierungsorganisation       Fraktionszwang erhalten und wäre eine große Chance, Ver-
und wirbt für ihre Ziele. Wenn sie glaubt, dass eine Position       trauen aufzubauen anstatt zu spalten. Die politischen Debat-
mehrheitsfähig ist oder breit diskutiert werden sollte, dann kann   ten würden dann zu Sachdebatten werden. Dies kann natür-
sie eine Volksinitiative starten. Meist geschieht dies im Bündnis   lich noch verstärkt werden, wenn auch in Europa
mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen.                 Volksentscheide möglich werden und so politische Debatten

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quer durch ganz Europa über die Zukunft des Kontinents            Polarisierung im obersten Verwaltungsgremium führen. Die Zau-
möglich werden.                                                   berformel müsste stattdessen für politischen Ausgleich sorgen.
                                                                      Insgesamt scheint uns, dass mit dem Konkordanzprinzip
Eine Zauberformel für die EU                                      die Gewaltenteilung viel besser beachtet wird. Die Verwaltung
Wie könnte eine Zauberformel für einen Kollegialrat der EU aus-   arbeitet ziemlich unabhängig vom politischen Getümmel im
sehen? Gegenwärtig ist das Hauptprinzip, dass jeder Mitglieds-    Rahmen der Gesetze, die das Parlament beschließt. Gleichzeitig
staat eine Kommissarin oder einen Kommissar entsendet. Dabei      führt dies zu einer Befreiung der Legislative von den Zwängen
wird noch ein Geschlechterproporz beachtet. Unseres Wissens       der politischen Machtkämpfe. Die Debatten versachlichen sich
nach wird bei der Auswahl (zumeist) auf fachliche Kompetenz       auch im Parlament, denn es gibt keine Macht mehr zu erobern. /
geachtet, wenig auf die politische Ausrichtung. Diese 28 Kom-
missare verteilen sich dann auf die 33 Generaldirektionen.
    Ob so viele Generaldirektionen eine EU-Reform überleben                                Karl-Martin Hentschel
werden, ist zweifelhaft. Es müsste somit vermutlich das Prin-                              Mitglied des Bundesvorstandes
zip, dass jeder Mitgliedsstaat eine Kommissarin oder einen                                 und dort zuständig für Europa.

Kommissar entsendet, aufgegeben werden. Ein regionaler Pro-
porz wäre aber gleichwohl wichtig, und zwar sowohl ein West-
                                                                                           Stefan Padberg
Ost als auch ein Nord-Süd-Proporz.
                                                                                           Koordinator des AK „Europa und
    Wenn man die Schweizer Erfahrung eines entpolitisierten                                Welt“ bei Mehr Demokratie.
Bundesrates ernst nimmt, dann sollte man auch nicht in Richtung
Spitzenkandidatenverfahren gehen, denn dieses würde zu einer

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EUROPA & INTERNATIONAL

KUBA HAT EINE
NEUE VERFASSUNG –
PER VOLKSABSTIMMUNG
EINGEFÜHRT
In Kuba hat in diesem Jahr ein Verfassungsreferendum stattgefunden. Da die Lage
schwer einzuschätzen ist, nähert sich der Autor dem Thema unter anderem literarisch
an – mit einem Gespräch zwischen Fidel Castro und Che Guevara.

VON RALF-UWE BECK

„Patria o Muerte“ steht noch immer an mancher Hauswand in          Barack Obamas der Würgegriff des Wirtschaftsembargos lo-
Kuba. Vaterland oder Tod – der Ruf, mit dem die Revolutionäre      ckerte, kam auch diese Frage durch die Verkrustungen des
das Land 1959 von Diktator Batista befreit hatten. Was soll wer-   kommunistischen Regimes an die Oberfläche. Nun hat sich
den aus dem Land, das nur knapp 200 Kilometer von Key West         Kuba eine neue Verfassung gegeben – per Volksabstimmung.
und damit von Florida entfernt liegt – jetzt, da es den Anschein   Festgeschrieben wird das Bekenntnis zum Sozialismus und zu
hat, als würde es sich öffnen? Je mehr sich durch die Politik      der revolutionären Tradition. Gleichzeitig werden private unter-
                                                                   nehmerische Aktivitäten zugelassen. Das könnte so etwas wie
                                                                   eine Hilfe zur Selbsthilfe für den gebeutelten Karibikstaat wer-
                                                                   den. Die Amtszeit für den Präsidenten wird auf zweimal fünf
                                                                   Jahre begrenzt. Und gestärkt werden die Rechte von Minderhei-
                                                                   ten und so vermutlich die Homo-Ehe ermöglicht.
                                                                       90,1 Prozent der 8,7 Millionen Wahlberechtigten beteiligten
                                                                   sich am 24. Februar dieses Jahres an der Volksabstimmung über
                                                                   diese neue Verfassung. Zuvor gingen zwischen August und No-
                                                                   vember 2018 mehr als 783.000 Änderungsvorschläge ein. Dar-
                                                                   aufhin wurden 60 Prozent des Textes, der dann vom Parlament
                                                                   für die Volksabstimmung freigegeben wurde, modifiziert.
                                                                   „Volksaussprache“ hat die Regierung dieses groß angelegte
                                                                   Verfassungsgespräch genannt und zur Diskussion des Entwurfs
                                                                   in der Nachbarschaft, in Schulen, Behörden, Betrieben und Ka-
                                                                   sernen aufgerufen.
                                                                       Schwer zu beurteilen, wie offen die Volksaussprache tat-
                                                                   sächlich war. Das Stichwort der „Nachbarschaft“ verweist auf
                                                                   die Commités de Defensa de la Revolución, die 779.000 Komi-
                                                                                                                                      Foto: OpenClipart-Vectors | Pixabay

                                                                   tees zur Verteidigung der Revolution, die es in jedem Stadtteil,
                                                                   in jedem großen Wohnblock gibt – Auge und Ohr der kommu-
                                                                   nistischen Partei. Hier kann wohl kaum von freien Diskussio-
                                                                   nen ausgegangen werden. Presse- und Meinungsfreiheit sind in
                                                                   Kuba mindestens eingeschränkt. In den Sozialen Medien aller-
                                                                   dings wurde offener diskutiert. 78,3 Prozent votierten schließ-
                                                                   lich für die neue Verfassung. Bei der Abstimmung über die
                                                                   Vorgänger-Verfassung waren es 1976 noch 98 Prozent. Ein
                                                                   Hoffnungsschimmer?

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Über die Zukunft des Landes (worüber sonst!) unterhal-              Fidel   Das Land könnte wieder zum Nachtclub Floridas wer-
ten sich Fidel Castro und Che Guevara – im Himmel.                          den – wie zu Batistas Zeiten. Die Revolution war dann
                                                                            nichts weiter als eine Episode.
Che     Du hast mich gesucht?                                       Che     Weil wir den Menschen nichts zugetraut haben. Wir ha-
Fidel   Und gefunden, weglaufen kannst du ja hier nicht.                    ben ihrem Leidensdruck vertraut, als wir von der Sierra
Che     Dann müsste dir das hier entgegenkommen.                            Maestra aus angegriffen haben. Kaum hatten wir Ha-
Fidel   Lass uns nicht gleich streiten.                                     vanna erobert, haben wir ihnen misstraut – je länger, je
Che     Stimmt, dafür ist immer noch Zeit.                                  mehr.
Fidel   Alle Zeit der W… na ja, die nun nicht mehr. Hast dich       Fidel   Wir konnten sie nicht frei lassen, sie wären dem Geld
        gut gehalten.                                                       nachgelaufen bis nach Florida.
Che     Kann man von dir nicht sagen.                               Che     Das haben sie auch so gemacht, in ihren Gedanken. Des-
Fidel   Ist das ein Vorwurf? Du musst ganz still sein, hattest              halb tun sie es auch, wenn sie die Gelegenheit haben –
        dich vom Acker gemacht, die Mühen der Ebene waren                   wie eben bald. Oder Florida kommt nach Cuba, dann
        nichts für dich, musstest unbedingt nach Bolivien.                  bleiben sie.
Che     Ich hab dafür teuer bezahlt, auf der Seite ging die Kugel   Fidel   Dann werden die einen reich, die meisten ärmer.
        rein, da raus – drei Tage später war ich hier.              Che     Wir haben ihnen vorgesetzt, wie sie zu leben haben –
Fidel   Wir hätten dich gebraucht, die schweren Jahre kamen                 und haben ihnen dadurch die Freiheit genommen.
        erst noch.                                                  Fidel   Die Freiheit geschenkt, die Armut genommen, Krank-
Che     Die schweren Jahre?                                                 heiten, den Analphabetismus.
Fidel   Die Hungerjahre, nachdem der Ostblock zerfallen war         Che     Verschone mich, ich kenne deine Reden. Die Freiheit,
        und die Russen uns nicht mehr unterstützt haben, du                 die ich meine …
        weißt davon, oder?                                          Fidel   Auch so ein Satz, von wem ist der?
Che     Ja, ich weiß. Und jetzt? Cuba ist nur noch Nostalgie und    Che     Lenk nicht ab, die Freiheit, die ich meine, ist nicht die
        wir beide sind Maskottchen.                                         des Reisens und Kaufens.
Fidel   Du schon immer, du mit deinem Foto, das sich die Leute      Fidel   Sondern?
        auf die Arme tätowieren lassen. Nachlass eines ganzen       Che     Diese Freiheit reicht nur soweit wie der Dispo. Ich weiß
        Lebens.                                                             wovon ich rede, ich war Bankdirektor.
Che     Hoffnung, es geht um Hoffnung. Sie suchen nach dem          Fidel   Von mir ernannt.
        Gesicht oder der Formel für den Ausweg, woraus auch         Che     Ja, du hattest alles in der Hand. Das war doch das Prob-
        immer. Und sind zu bequem, sich selbst einen Weg zu                 lem. Frei sind die Menschen nur, indem sie die Bedin-
        bahnen. Ikonen und Sprüche haben die Leute wie Gebe-                gungen, unter die sie die Gesellschaft stellt, selbst be-
        te zum Himmel geschickt. Darüber stolperst du hier                  einflussen können. Auch daraus entsteht eine
        oben dauernd: Die Amis sind da ganz groß. Den Obama                 revolutionäre Kraft.
        zitieren sie hier an jeder Wolkenecke, finden das lustig    Fidel   Sprach der Oberrevolutionär und legte die Waffe aus der
        hier oben: Yes, we can.                                             Hand.
Fidel   Ah, du führst die Amis im Munde.                            Che     Wenn dir eine Kugel durch den Kopf fliegt, macht das
Che     Du musst ganz still sein. Ich sage nur: Marilyn …                   nachdenklich.
Fidel   Was wäre das Leben ohne den Trost der Sünde. Haben          Fidel   Zu spät.
        sie für mich auch einen Satz parat, mein Gesicht wird es    Che     Für mich schon, aber Cuba ist noch nicht verloren. Es
        wohl kaum sein?                                                     könnte immer noch heißen: Venceremos. /
Che     Patria o Muerte, vielleicht.
Fidel   Das trifft es, viel mehr gab es nicht, das Vaterland und
        nun der Tod.
Che     Und dein Vermächtnis?
                                                                                                  Ralf-Uwe Beck
Fidel   Lange durchgehalten. Jetzt geht das Land den Bach run-
                                                                                                  Bundesvorstandssprecher von Mehr
        ter. Coca Cola und Mc Donalds klopfen schon an.                                           Demokratie.
Che     Immerhin haben wir das geschafft: Sie treten nicht die
        Tür ein.

                                                                                                                                   15
AKTION

 UNSER ZIEL:
 10.000!
 Vielen Dank an alle Mitglieder, Förderer,
 Spenderinnen und Spender.

 VON KATRIN    TOBER

Rund 9.500 Mitglieder und Förderer unterstützen die Arbeit        Demokratie zu gewinnen. Nutzen Sie hierfür gerne das beige-
von Mehr Demokratie mit einem regelmäßigen Beitrag. Jedes         legte Formular und vergessen Sie nicht, Ihre Wunschprämie
Mitglied stärkt unser politisches Gewicht und hilft dabei, uns    anzukreuzen.
Gehör zu verschaffen. Und: Die Mitgliedsbeiträge sind plan-       https://www.mehr-demokratie.de/mitglied-wirbt-mitglied.html
bar. Wir können zu Beginn des Jahres sagen: „Das ist dran,
das nehmen wir uns vor.“ Noch aber reichen unsere Mitglieds-      Partnermitgliedschaft
beiträge nicht aus, um die laufenden Kosten und Kampagnen-        Vielleicht liegt Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin die Demokra-
kosten zu decken. Zusätzliche Spenden helfen uns, die zahl-       tie ebenso am Herzen wie Ihnen? Sie können Ihre Einzelmit-
reichen Projekte umzusetzen. Viele von Ihnen bedenken             gliedschaft jederzeit in eine Partnermitgliedschaft (96 Euro
unsere Arbeit neben dem regelmäßigen Beitrag zusätzlich mit       jährlich) umtragen lassen. Damit stärken Sie unsere Arbeit
Spenden für einzelne Projekte. Für all diese Unterstützung        gleich doppelt.
bedanken wir uns ganz herzlich. Schön, Sie an unserer Seite       mitgliederservice@mehr-demokratie.de
zu wissen!                                                        Tel.: 07957 – 923 9050

Wie Sie Mehr Demokratie unterstützen können
Mehr Schultern schultern mehr                                                          Ansprechpartnerin:
Unsere Basis ist stark, aber nicht stark genug. 2020 wollen wir                        Katrin Tober (Tel. 0421-79 46 370)
stabil auf 10.000 Mitglieder wachsen. Sprechen Sie Freunde und                         katrin.tober@mehr-demokratie.de
Bekannte an und helfen Sie mit, ein neues Mitglied für Mehr

IHREN BEITRAG ERHÖHEN – UNSERE BASIS                              IHRE SPENDENBESCHEINIGUNG PER POST
STÄRKEN                                                           IM FEBRUAR
Die Basis für die Arbeit von Mehr Demokratie sind Sie, unsere     Mitglieder und Förderer von Mehr Demokratie können die
Mitglieder und Förderer. Mit Ihren regelmäßigen Beiträgen         Mitgliedsbeiträge und Spenden steuerlich absetzen. Wir
und Spenden ermöglichen Sie unsere Arbeit für die Weiter-         schicken Ihnen die Spendenbescheinigung in jedem Jahr
entwicklung der Demokratie. Dafür danken wir Ihnen ganz           unaufgefordert Anfang Februar zu. Die Bescheinigung finden
herzlich! Die regelmäßige Unterstützung sichert unsere            Sie in unserem ersten Brief des Jahres gemeinsam mit dem
Unabhängigkeit, erweitert unsere Möglichkeiten und erhöht         Jahresbericht. Wir vermeiden dadurch unnötigen Einsatz von
                                                                                                                                     Foto: Shane Rounce | Unsplash

unser politisches Gewicht.                                        Papier und Porto.

Daher rufen wir Sie von Zeit zu Zeit an und fragen, ob Sie        Falls Sie Ihre Steuererklärung früher fertigstellen möchten,
Ihren Beitrag erhöhen möchten. Falls Sie das nicht wünschen       schicken wir Ihnen die Bescheinigung auf Anfrage gerne
oder wenn Sie selbst aktiv erhöhen möchten, rufen Sie uns         schon im Januar zu. Melden Sie sich hierzu bitte beim
einfach an oder schicken uns eine E-Mail:                         Mitgliederservice unter:

07957–923 90 50                                                   07957–923 90 50
mitgliederservice@mehr-demokratie.de                              mitgliederservice@mehr-demokratie.de
16
ETAPPENSIEG:
                                                                                 32.827 UNTERSCHRIFTEN
                                                                                 FÜR MEHR TRANSPARENZ
                                                                                 VON OLIVER WIEDMANN

                                                                                 25. November, 16.15 Uhr. Der Digitalausschuss des Abgeordne-       zufriedenstellen. Geht es nach dem Senat, so sollen die Berline-
                                                                                 tenhauses berät über einen Entwurf der FDP für ein Transpa-        rinnen und Berliner weiterhin Gebühren für Informationsaus-
                                                                                 renzgesetz. Vier Sachverständige stehen Rede und Antwort.          künfte zahlen müssen. Entscheidungen der Landesregierung und
                                                                                 Auch wir sind mit unserem Volksbegehren vertreten. Der zu-         Gutachten sollen weiterhin zurückgehalten werden können und
Foto: CC-BY 4.0 Open Knowledge Foundation Deutschland e.V., Foto: Leonard Wolf

                                                                                 ständige Abgeordnete der SPD meldet sich zu Wort und fragt,        die Verwaltung sperrt sich gegen eine Frist für die Veröffentli-
                                                                                 wen denn ein solches Transparenzgesetz überhaupt interessiere.     chung von Informationen. Mal ein Beispiel: Für die letzte Infor-
                                                                                 In seinem Freundeskreis zumindest fiele ihm keiner ein. Eine       mationsanfrage von uns – die Herausgabe eines Vertrages mit
                                                                                 ziemlich respektlose Frage gegenüber uns und den anderen An-       einem Wohnungsbauunternehmen – hat sich der Bezirk zuerst
                                                                                 zuhörenden. Die Antwort darauf bekam er eine Woche später          gewehrt und ihn dann erst nach acht Monaten herausgerückt.
                                                                                 von uns geliefert – natürlich in einem Aktenschrank:                   Der Senat hat uns nun Gesprächsbereitschaft signalisiert.
                                                                                     32.827! So viele Berlinerinnen und Berliner haben unseren      Mit einem halbgaren Entwurf werden wir uns dabei nicht zu-
                                                                                 Volksbegehrensantrag unterschrieben und fordern mehr Trans-        frieden geben. Eigentlich stehen die Chancen gut, denn zwei
                                                                                 parenz in Politik und Verwaltung. Die Unterschriften haben wir     Partner der Dreier-Koalition stehen hinter unserem Volksbe-
                                                                                 am 3. Dezember mit einer schönen Aktion dem Senat über-            gehren. Und am Ende steht uns ja auch noch der Weg ins Volks-
                                                                                 reicht. Ein wirklich toller Etappensieg. Wir haben nochmal viel    begehren offen, sollte sich der Senat nicht bewegen. /
                                                                                 Berichterstattung für unser Volksbegehren bekommen. Das
                                                                                 Thema ist gesetzt – in Politik und Stadtgesellschaft.
                                                                                     Doch wie geht es jetzt weiter? Wie kommt Berlin zu dem
                                                                                 fortschrittlichsten Transparenzgesetz bundesweit? Noch vor
                                                                                 Weihnachten werden die Unterschriften ausgezählt sein. Im Ja-
                                                                                 nuar geht das Volksbegehren dann in die rechtliche Zulässig-
                                                                                                                                                                                  Oliver Wiedmann
                                                                                 keitsprüfung. Schon jetzt berät der Senat über Eckpunkte eines
                                                                                                                                                                                  Sprecher des Landesvorstands von
                                                                                 Transparenzgesetzes. So sieht es auch der Koalitionsvertrag vor.                                 Mehr Demokratie Berlin/Branden-
                                                                                 Ein Entwurf wurde im November von Netzpolitik geleakt. Die                                       burg und Vertrauensperson des
                                                                                 Vorschläge, so wie sie im Papier zu lesen sind, werden uns nicht                                 Volksbegehrens.
TAG FÜR DIE DEMOKRATIE

     „Ich habe schon […] die parlamentarischen Geschäftsführer
     aller Fraktionen eingeladen, und gesagt: Guckt euch das
     an, was wir da mit dem Bürgerrat Demokratie […] haben
     werden. Ich rate dringend, dass wir das in unsere Überle-
     gungen mit einbeziehen – unabhängig davon, ob wir jetzt
     Koalition oder Opposition sind. Wir müssen darauf achten,
     dass unsere wunderbare rechtsstaatliche Demokratie
     nicht durch Ermüdung an Wirkungskraft verliert.
     Deswegen müssen wir neue Dinge machen, um das Mo-
     dell [westlicher Demokratien] zu stärken. Und da ist der
     Bürgerrat ein wirklich interessanter Ansatz und deshalb
     empfehle ich sehr, dass wir im Bundestag uns damit be-
     schäftigen und auch versuchen, das umzusetzen.“

     Wolfgang Schäuble, Bundestagspräsident

18                                                               www.mehr-demokratie.de
                                                                                     Foto:
                                                                                        | Nr.
                                                                                           Robert
                                                                                              122 | 1/2020
                                                                                                     Boden
TAG FÜR DIE DEMOKRATIE

WAS PASSIERT EIGENTLICH...
... wenn man Menschen auswählt, um die Demokratie zu stärken?

VON ANNE DÄNNER

Eine riesige Spirale, gebil-                                                                       niert. Anders gesagt: Wenn der
det von hunderten von Men-                                                                         Werkzeugkasten schlecht aus-
schen, die sich vor dem                                                                            gestattet ist, die Sägen rosten
Reichstag ent-wickelt, in                                                                          und an den Schraubenziehern
perfekter Linienführung zu                                                                         die Bits fehlen, dann wird man
den Stufen des Reichstags                                                                          auch nichts Funktionierendes
hin öffnet und dann, wenn                                                                          oder gar Schönes bauen können.
man die Menschenkette optisch verlängert, eine Brücke zur glä-      Über die Grundlagen der Politik mit ganz normalen Menschen
sernen Kuppel des Gebäudes schlägt. Dort dreht sich über den        zu diskutieren und ihnen tragbare Lösungen zuzutrauen, das
Köpfen der Abgeordneten ebenfalls eine Spirale.                     war zumindest mal…ein Wagnis. Und es hat funktioniert, es
    Eine lebendes Kunstwerk für die Demokratie – gestaltet von      hat unglaublich gut funktioniert!
und mit hunderten von Menschen. Ein Symbol für die Gestal-              Am 15.11.19, dem „Tag für die Demokratie“, haben wir die
tungskraft der Bürgerinnen und Bürger, das zugleich eine Brü-       ausgearbeitete Empfehlung der 160 Bürgerrats-Teilnehmenden
cke in den Bundestag, zu unseren Vertreterinnen und Vertre-         an den Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble übergeben.
tern schlägt. Als diese Idee vor etlichen Monaten geboren           Dieses Bürgergutachten möchten wir Ihnen auszugsweise auf
wurde, schien das alles ganz schön größenwahnsinnig.                den kommenden Seiten vorstellen, geschmückt mit Zitaten von
    Anlass war ein anderes Projekt, ebenfalls ein bisschen grö-     Menschen aus der Politik, den Medien und Teilnehmenden des
ßenwahnsinnig. Der erste bundesweite Bürgerrat, ein „Bürger-        Bürgerrats Demokratie. /
rat Demokratie“. Und zwar nicht mit den „üblichen Verdächti-
gen“, die sich ohnehin für Politik interessieren, sondern mit aus
den Einwohnermelderegistern gelosten Menschen.                        BÜRGERGUTACHTEN
    Inspiriert durch die guten Erfahrungen mit gelosten Bür-
gerräten in Irland, als Reaktion auf die im Koalitionsvertrag         Das Bürgergutachten nennt alle Details, Zahlen und Fakten
versprochene Expertenkommission zur Demokratieentwick-                zum Bürgerrat Demokratie, beschreibt den Prozess und
lung, gemeinsam mit starken Partnern (nexus, IFOK, Schöpf-            geht auf die abgestimmten Empfehlungen ein.

lin Stiftung, Stiftung Mercator und den Instituten), haben wir
                                                                                                Sie können sich das Bürgergut-
es gewagt und geschafft: Mit dem Bürgerrat Demokratie haben
                                                                                                achten über folgenden QR-Code
wir den ersten losbasierten Bürgerrat bundesweit initiiert und                                  oder über:
verwirklicht.                                                                                   www.buergerrat.de/fileadmin/
    160 Menschen, die die ganze Vielfalt der in Deutschland                                     downloads/buergergutachten.
Lebenden repräsentieren – aus dem Mini-Dorf und aus der                                         pdf herunterladen.
Großstadt, mit Hauptschulabschluss und Doktortitel, zwischen
16 und 82 Jahre alt, Frauen, Männer und Diverse, mit und ohne
Migrationshintergrund…Diese 160 Bürgerinnen und Bürger
kamen im Herbst an vier Tagen zusammen, um Vorträge von
                                                                                                 Anne Dänner
Expertinnen und Experten anzuhören und dann über ein so ab-
                                                                                                 hat die Presse- und Öffentlichkeits-
straktes Thema wie Demokratie zu diskutieren.                                                    arbeit für den Bürgerrat Demokra-
    Wie gut unser Zusammenleben funktioniert, hängt unmit-                                       tie koordiniert.
telbar damit zusammen, wie gut unsere Demokratie funktio-

                                                                                                                                    19
TAG FÜR DIE DEMOKRATIE

                         „Democracy is daily exercise. We can never take it
                         for granted. – Die Demokratie ist eine tägliche
                         Aufgabe. Wir können sie niemals für selbstverständ-
                         lich nehmen.“

                         John Quigley, Aerial Art-Künstler

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TAG FÜR DIE DEMOKRATIE

                                                                                                  Die folgende Doppelseite mit der
                                                                                                  aus der Luft fotografierten Aerial
                                                                                                  Art können Sie aus dem Heft
                                                                                                  nehmen und aufhängen.

                                                                                                                                       21
Fotos von links nach rechts: Jan Hagelstein, rechts oben: Michael von der Lohe, Jan Hagelstein.
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TAG FÜR DIE DEMOKRATIE

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     Foto: Clemens Wronski
TAG FÜR DIE DEMOKRATIE

Nach der Kunstaktion überreichten Teilnehmende
des Bürgerrats Demokratie zusammen mit dem Vorsitzen-
den des Bürgerrats Günther Beckstein das Bürgergutach-
ten an den Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble.
Dieser sprach sich in seiner Rede positiv zu den Empfeh-
lungen aus und riet dem Bundestag dringend, sich damit
auseinanderzusetzen.

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Alle wichtigen Dokumente, Filme, Fotos, Zusammen-
fassungen finden Sie hier:

https://www.buergerrat.de/dokumentation/

   Fotos: Robert Boden                                                  25
TAG FÜR DIE DEMOKRATIE

ZAHLEN, DATEN & FAKTEN

                    sechs Regionalkon-                             viertägiger Bürgerrat in Leipzig mit
                    ferenzen in ganz                               160 zufällig ausgewählten Bürgerin-
                    Deutschland mit                                nen und Bürgern aus ganz Deutsch-
                    insgesamt mehr als                             land unter Vorsitz des ehemaligen
                    250 Teilnehmenden
                                                                   bayerischen Ministerpräsidenten Dr.
                                                                   Günther Beckstein

                          REPRÄSENTATIVITÄT
   DIREKTE                                       LOBBYISMUS UND
 DEMOKRATIE                                       TRANSPARENZ
                  ONLINE­
                                 BÜRGERBETEILI
                BETEILIGUNG                   GUNG                 Politikerinnen und Politiker aller
                                                                   Fraktionen im Bundestag bei den Re-
                                                                   gionalkonferenzen dabei; Bundestags-
zentrale Themen des Bürgerrats: Bürgerbeteiligung,                 präsident Dr. Wolfgang Schäuble un-
direkte Demokratie, Kombination von Bürgerbeteiligung              terstützt den Bürgerrat und nimmt das
und direkter Demokratie, Online-Beteiligung, Lobby-                Bürgergutachten beim Tag für die De-
ismus und Transparenz, Repräsentativität.                          mokratie entgegen.

                                                     mehr als 50 Stunden Diskussionen in Kleingruppen,
                                                     tausende beschriebene Moderationskarten, hunderte
                                                     Gedanken und Ideen münden in 22 Bürger-Empfeh-
                                                     lungen zur Stärkung der Demokratie

Beirat sichert die Anbindung
des Bürgerrat Demokratie an            Wissenschaftliche Begleitung des Bürgerrat Demokratie durch
die Zivilgesellschaft, u.a. mit        13 wissenschaftliche Beiräte sowie die Forschungsstelle ‚Demo-
Bund der Steuerzahler, Bund            kratische Innovationen‘ der Johann Wolfgang Goethe-Univer-
für Umwelt und Naturschutz             sität Frankfurt am Main
Deutschland (BUND) und
Deutscher Städte- und Ge-
                                                        ein Planungs-, Organisations- und Durchfüh-
meindetag
                                                        rungsteam von über 50 Menschen

              über 450 Presse-Resonanzen, zahl-                       Entstehung eines Dokumentarfilms
              reiche Online- und Printberich-                         über den Bürgerrat Demokratie,
              te sowie jeweils 15 Hörfunk- und                        die Bürgerinnen und Bürger und
              TV-Beiträge (u.a. F.A.Z., Süddeut-                      zentralen Akteure, der im Fernse-
              sche, MDR, WDR)                                         hen ausgestrahlt wird
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