Was Auen für uns leisten - und wir für sie - Plattform ...

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Was Auen für uns leisten - und wir für sie - Plattform ...
Was Auen für uns leisten –
und wir für sie
Michelle Lehmann, Franziska Witschi, Stephan Lussi

                                                                                         Einleitung
                                  Zusammenfassung
 Auen gehören zu den artenreichsten Lebensräumen überhaupt. Sie bilden zusam­            Da, wo Wasser mit seiner ganzen Kraft wir­
 men mit dem übrigen Gewässernetz einen wichtigen Teil der ökologischen Infra­           ken, sich vordrängen und wieder zurück­
 struk­tur. Bezogen auf die Landesfläche, machen die Auengebiete von nationaler          ziehen, Geschiebe transportieren und an­
 Bedeutung heute jedoch nur rund 0,7 Prozent aus. Im Vergleich zu 1850 ist dies ein      dernorts wieder ablagern kann, entstehen
 Rückgang von rund 90 Prozent. Der Zustand der heutigen Auen ist davon abhängig,         Auen. Am Übergang zwischen Wasser und
 wie stark wir uns für sie einsetzen. Vier Personen aus der Praxis berichten von ihren   Land gibt es so viele Strukturen und Le­
 Pro­jekten, von Erfolgserlebnissen und Herausforderungen und der Motivation für         bensräume in unterschiedlichen Ent­wick­
 ihre Arbeit. Wie wichtig jeder einzelne Einsatz für die Auen ist, zeigt ein Rückblick   lungs­stadien, dass Auen zu den arten­
 auf die letzten rund dreissig Jahre, seit Auen in der Schweiz unter Schutz stehen.      reichsten Gebieten überhaupt gehören.
 Um den ökologischen Zu­stand dieser wertvollen Lebensräume zu erhalten be­              Sie bilden zusammen mit dem übrigen
 ziehungsweise zu verbes­sern, bleibt nach wie vor viel zu tun: Bei 39 Prozent aller     Gewässernetz einen wichtigen Teil der
 Auenobjekte des Bundes­inventars besteht gemäss einer aktuellen BAFU-Studie ein         ökologischen Infrastruktur. In der Schweiz,
 hoher Handlungs­bedarf. Im Fokus stehen neben dem juristisch-planerischen Schutz        wo Auen von nationaler Bedeutung nur
 hauptsächlich die Sa­nie­rung von Wasserkraftanlagen, Revitalisierungen und die         noch rund 0,7 Prozent der Landesfläche
 Festlegung des Gewäs­ser­raums.                                                         ausmachen, ist der Druck auf diese Le­
                                                                                         bens­räume sehr gross. Seit 1850 hat sich

Bild 1: Die Baumaschinen sind abgezogen, die Thur kann die Gestaltung der Aue übernehmen: die revitalisierte Mündung
der Thur in den Rhein (Foto: Robert Bänziger).

«Wasser Energie Luft» – 112. Jahrgang, 2020, Heft 4, CH-5401 Baden                                                              271
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die Fläche der Auengebiete in der Schweiz       wortung wahrgenommen und den ihnen               Andererseits zeigt sich aber auch, dass der
um rund 90 Prozent verringert.                  zustehenden Handlungsspielraum genutzt           bisher geleistete Effort noch nicht aus­
      Wie gut die natürliche Dynamik von        haben. Ein allgemeingültiges Re­zept, wie        reicht. Der Druck auf die Auenlebensräume
Auen funktioniert, wird vielerorts in der       man ein Projekt zum Erfolg bringen kann,         ist gross, da die bestehenden Flusskorrek­
Schweiz durch menschliche Tätigkeiten           gibt es nicht. Doch die Erfah­rung hat Petra     tionen und Eingriffe oder Nutzungen wie
beeinflusst. Sie ist negativ beeinflusst,       Graf vom Amt für Land­wirtschaft und Natur       Wasserkraft oder intensive Landwirtschaft
wenn ein Gewässer durch Verbauungen             des Kantons Bern zu folgender Einsicht           weiterhin negativ auf die Qualität der
eingeengt ist, die Abflussmengen unna­          gebracht: «Damit der Funke überspringt,          Auenlebensräume einwirken. Der Druck
tür­lich tief oder monoton sind und der Ge­     braucht es genügend Zeit. Es ist eine Art        steigt noch, indem sich die aquatischen
schiebetrieb weitgehend fehlt, wenn Fische      Reife­pro­zess. Die verschiedenen Akteure        Ökosysteme zunehmend verändern, vor
und andere Lebewesen nicht mehr frei            müssen ein Projekt kennenlernen, müssen          allem durch Auswirkungen des Klima­wan­
wan­dern und die unterschiedlichen Lebens­      sich mit Ideen und Forderungen aus­              dels wie steigende Temperaturen oder
räume nicht miteinander interagieren kön­       einandersetzen können und das Projekt            Trockenperioden. Zugenommen haben
nen. Positiv beeinflusst ist die Dynamik        als ihr ei­genes adoptieren.»                    auch Probleme mit invasiven, gebietsfrem­
übe­rall da, wo sich Menschen für einen              Dass der Einsatz für Auen dringend          den Arten und Störungen durch Aktivitä­
besseren Zustand eines Gewässers ein­           nötig ist, zeigt ein Rückblick auf die letzten   ten der Naherholung. All diese Faktoren
setzen. Wie Bruno Schelbert, Programm­          rund dreissig Jahre, seit Auen in der            führen dazu, dass der ökologische Zustand
leiter des Auenschutzparks Aargau weiss,        Schweiz unter Schutz stehen. Der Bericht         der Auengebiete insgesamt unbefriedi­gend
geht Auenschutz oft mit grossen Anstren­        des Bun­des­amts für Umwelt (BAFU) über          ist.
gun­gen einher: «Es gibt keine heile, intak­    die Auen­gebiete von nationaler Bedeutung             Bei der Ermittlung des Handlungs­be­
te Welt mehr, die wir schützen können. Wir      (Bun­ des­ amt für Umwelt, 2020/ 1) zeigt        darfs pro Auengebiet hat das BAFU den
müssen zum Teil massiv in die Landschaft        dabei ein durchzogenes Bild: Einerseits          Fokus auf zwei Parameter gelegt: den öko­
eingreifen, mit Baggern auffahren, Ver­         bestä­tigen bereits umgesetzte Projekte,         logischen Zustand und den Stand der ju­
bau­ungen entfernen und Land umschich­          dass der ökologische Zustand der Auen            ristischen und planerischen Umsetzung.
ten, um überhaupt wieder eine auenähn­          verbessert werden kann. Damit konnte             Auen mit grosser ökologischer Bedeutung,
liche Landschaft zu ermöglichen.»               immer­  hin eine erste Trendumkehr der           deren Umsetzungsstand und/ oder öko­
      1992 entschied sich die Schweiz mit       Auen­situ­ation eingeleitet werden.              logischer Zustand noch ungenügend ist,
der Auenverordnung zu einem umfas­sen­
den, gesetzlich verankerten Schutz der
letzten noch verbleibenden Auen. Mit die­
sem wichtigen Schritt konnte der massive
Flächenrückgang gestoppt werden. Doch
der Rückgang der auentypischen Bio­
diver­sität hat sich weiter fortgesetzt. Der
Bundesrat hat 2017 den Aktionsplan zur
Strategie Biodiversität Schweiz verab­schie­
det, mit dem er über ein Bündel von Mass­
nahmen und finanzielle Unter­stützung ein
Zeichen für die Biodiversität setzt. Eine der
Mass­nahmen legt fest, dass die nationalen
Bio­tope, darunter die Auengebiete, rasch
saniert werden müssen. Nur intakte Auen
kön­  nen ihre bedeutenden Ökosystem­       ­
leistun­­gen wie zum Beispiel Sicherheit
durch Puf­­ferung von Hochwassern und
Ge­­schie­be­­massen, Biodiversität und Er­
holungs­­raum für den Menschen erfüllen.
      Eine Sanierung bedeutet in erster Li­
nie, dass der Mensch im Sinne der Natur
ein­greift und Dynamik wieder ermöglicht.
Was im Sandkasten einfach geübt werden
kann, ist in der Realität um ein Vielfaches
schwieriger, denn sobald es um Gewässer
geht, werden die unterschiedlichsten Inte­
ressen tangiert. Will man eine für alle Be­
teiligten akzeptable Lösung finden, müs­
sen die Interessen aufeinander abgestim­        Bild 2: Gesamt-Handlungsbedarf für die Auen von nationaler Bedeutung als
mt oder gegeneinander abgewogen wer­            Kombination des Handlungsbedarfs für ökologische Sanierung und juristisch-
den. Dies ist eine grosse Herausforderung,      planerische Umsetzung (Anzahl Objekte pro Kategorie): dunkelgrün: kein, hell-
die viel Geschick, Verständnis und Aus­         grün: geringer, gelb: mittlerer, orange: hoher, rot: sehr hoher Handlungsbedarf.
dauer verlangt. Hinter jedem erfolgreichen      Die Fläche der Kreise ist proportional zur Anzahl Objekte in der betreffenden
Projekt stehen Personen, die ihre Verant­       Kategorie.

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haben einen entsprechend hohen Hand­            Bäche durch die Entnahme von Was­ser           also kein Luxus – fehlt sie, ist die Biodi­ver­
lungs­bedarf. Bild 2 zeigt das Gesamtbild       kaum mehr Restwasser führen oder wo sie        sität in den Gewässern in Gefahr.
des Handlungsbedarfs. Für ein Viertel der       extreme Abflussschwankungen (Schwall                Die Inhaber von sanierungspflichtigen
Auengebiete von nationaler Bedeutung            und Sunk) erfahren. Bei Abflussspitzen         Anlagen planen seit 2011 laufend geeig­
(85 Objekte) besteht kein oder nur gerin­       (Schwallabfluss) können Tiere wegge­           nete Massnahmen. Ziel ist es, die Sa­nie­
ger Handlungsbedarf (dunkel- und hell­          schwemmt werden, bei Niedrigwasser             rung bis zur gesetzlichen Frist im Jahr
grüne Felder). Sie sind in einem guten Zu­      (Sunk­abfluss) besteht ein Strandungsrisiko    2030 abzuschliessen. Umgesetzt waren
stand und weitgehend gemäss gesetz­             in der Wasserwechselzone. Vielerorts ver­      bis Ende 2018 ca. 2 Prozent der Mass­
lichem Auftrag umgesetzt. Wobei mit Um­         hindern Wehre, dass Fische ungehindert         nahmen. Ebenfalls noch nicht vollständig
setzung ein guter rechtlicher Schutz und        auf- oder absteigen können, und in den         umgesetzt sind die gesetzlich geforderten
eine klare Regelung von Nutzung und             Stauräumen lagert sich Geschiebe ab,           Restwassersanierungen. 2018, rund fünf
Unter­halt zu verstehen ist. Demgegenüber       das dann unterhalb des Wehrs beispiels­        Jahre nach Ende der gesetzten Frist, war
zeigen 39 Prozent der Objekte (135 Objekte)     weise den Fischen als Laichsubstrat und        bei über 10 Prozent der Anlagen die Sa­
einen hohen bis sehr hohen Handlungs­           dem Fluss als Gestaltungsmaterial fehlt.       nierung noch ausstehend.
bedarf (orange und rote Felder): Sie wei­            Das Wissen um diese Beeinträchti­              Wie kann begründet werden, dass die
sen in einem der Bereiche «Umsetzung»           gung der natürlichen Funktionen von Ge­        geforderten Restwassersanierungen noch
respektive «Ökologie» hohe oder aber in         wässern floss 2011 in das revidierte Ge­       nicht abgeschlossen sind? Darauf ange­
beiden Bereichen mittlere Defizite auf.         wäs­serschutzgesetz ein. Für die Wasser­       sprochen, meint Petra Graf: «Die grosse
     Wer ist aufgefordert, aktiv zu werden?     kraft bedeutet dies, dass negative Aus­        Frage ist: Wie viel Wasser braucht es in
Der Vollzug der Auenverordnung obliegt          wirkungen auf die Gewässer reduziert wer­      einer Aue? Dazu wissen wir noch nicht sehr
hauptsächlich den Kantonen und damit            den müssen. Rund 28 Prozent der Auen           viel, vor allem, wenn man die Anforde­run­
den am Gewässer tätigen Fachstellen. Für        von nationaler Bedeutung sind von Wasser­      gen an das Grundwasser mit einbezieht.
die technisch und ökologisch anspruchs­         ausleitungen aus Kraftwerken betroffen.        Dazu kommt die Frage der Finanzierung.
volle Aufgabe ist die Unterstützung der         Schweizweit wurden durch die Kantone           Bund und Kanton bezahlen zwar den Ver­
kantonalen Fachstellen durch weitere Ex­        rund 1600 Wasserkraftanlagen identifi­ziert,   lust für das Kraftwerk, der bei einer Sa­nie­
perten wichtig. Der Bund stellt die fachli­     welche saniert werden müssen. Bei rund         rung entsteht, die über das von den Kraft­
chen Grundlagen für die Entwicklung des         1000 Anlagen gilt es, die Fischwanderung       werken gesetzlich geforderte Minimum bei
Aueninventars zur Verfügung, berät die          zu verbessern. Bei 500 Anlagen muss das        Auen hinausgeht. Aber den Verlust zu be­
Kantone und entschädigt Leistungen im           Geschiebedefizit behoben werden, und           rechnen, ist eine Knacknuss.»
Rahmen von Subventionen. Die Auenver­           bei weiteren 100 Anlagen stehen Mass­
ordnung verlangt, dass die Auengebiete          nah­men zur Dämpfung von Schwall-Sunk
ungeschmälert erhalten bleiben, dass ihre       an (Bundesamt für Umwelt, 2020/ 2). Die
Pflanzen- und Tierwelt erhalten und ge­         Inhaber von bestehenden Wasserkraft­an­
fördert wird und dass die natürliche Ge­        lagen werden für die Kostenfolgen der not­
wässerdynamik wiederhergestellt wird.           wendigen Sanierungsmassnahmen in den
Da­zu braucht es für die Gewässer genü­         Bereichen Schwall-Sunk, Geschiebe und
gend Raum und eine möglichst naturnahe          Fischgängigkeit entschädigt (Bundesamt
Ab­fluss- und Geschiebedynamik. Das re­         für Umwelt, 2016).
vidierte Gewässerschutzgesetz von 2011               Doch es ist kompliziert. Beeinträchti­    Eine Vorreiterrolle bei der Sanierung der
unterstützt diese Aufträge in drei wichti­      gungen können häufig nicht einer einzel­       Wasserkraft nimmt die Kraftwerke Ober­
gen Punkten: der Sanierung von Wasser­          nen sanierungspflichtigen Anlage zu­           hasli AG (KWO) ein. Im Gespräch äussert
kraftanlagen, den Revitalisierungen sowie       geordnet werden. Oft sind ganze Anlagen­       sich Steffen Schweizer, Leiter der Fach­
der Festlegung und Sicherung des Ge­            ketten oder mehrere Anlagen in einem           stel­
                                                                                                   le Ökologie bei der KWO¹, zu den
wäs­ser­raums.                                  Teileinzugsgebiet involviert. Auen von na­     Schwie­­rigkeiten, aber auch zu den Chancen
                                                tionaler Bedeutung sind dabei oft nur ein      der Sanierung von Wasserkraftanlagen.
Wasserkraft: Die Kraft des                      kleines Teilstück in diesen Strecken. Dies
Wassers nutzen, ohne die Natur                  macht eine wirkungsvolle Sanierung der         Die Kraftwerke Oberhasli AG hat mit der
auszubremsen                                    Auengebiete zu einer höchst komplexen          Schwall-Sunk- und Restwasser­sanie­rung
                                                Auf­ gabe. Erfahrung damit hat Bruno           zahlreiche Massnahmen für den Schutz
Wasserkraft hat gegenüber anderen Ener­         Schel­bert aus der Perspektive des Kan­        von Fischen und Kleinstlebewesen in der
giequellen zahlreiche Vorteile. Ihre Nut­zung   tons Aargau: «Auen kann man nicht iso­         Aare vorgenommen und damit Pionier­
hat in der Schweiz eine lange Tradition, und    liert betrachten. Es ist entscheidend, was     ar­beit geleistet. Was macht Sie zu Pio­
viele Werke liefern seit mehr als 100 Jah­      alles flussaufwärts gemacht wird.»             nie­ren?
ren zuverlässig klimafreundlichen Strom.             Die Auen von nationaler Bedeutung sind    «Pioniere sind wir, da wir die Heraus­for­
Für Steffen Schweizer, Leiter der Fach­stel­    Kerngebiete der ökologischen Infrastruk­       derung nicht scheuen, fachliches Neuland
le Ökologie bei der Kraftwerke Oberhasli        tur und zentral wichtig als Orte, wo sich      zu betreten. Wir untersuchten zum Bei­
AG (KWO), ist die Wasserkraft eine «sehr        Quellpopulationen von Tier- und Pflanzen­      spiel bereits 2008, wie langsam das Was­
saubere Energieform, sofern den aquati­         arten entwickeln und sich anschliessend        ser ansteigen muss, damit sich Wasser­
schen Lebewesen ausreichend Wasser              in die anderen Flussabschnitte ausbreiten      insekten rechtzeitig in Sicherheit bringen
zur Verfügung steht». Damit spricht er die      können. Damit Auen diese Funktion wahr­        können und nicht einfach weggespült wer­
Kehrseite an, welche die Nutzung der Was­       nehmen können, müssen sie in bestem            den. Mit solchen Untersuchungen waren
­serkraft überall dort hat, wo Flüsse und       Zustand sein. Die Sanierung von Auen ist       wir der Zeit voraus.»

«Wasser Energie Luft» – 112. Jahrgang, 2020, Heft 4, CH-5401 Baden                                                                       273
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Was war der Auslöser für die Sanierung          kraftwerken, aber auch von Kantonen ist                     Welche Personen müssen aktiv werden,
Schwall-Sunk bei der KWO?                       aus meiner Sicht verständlich. Die Kosten                   damit sich der Auenschutz verbessert?
«Auslöser war das Projekt ‹Tandem›, das         und allenfalls die Energieverluste können                   «Je nach Einzugsgebiet gibt es andere
einen Ausbau des Kraftwerkdurchflusses          hoch sein, und die ökologische Wirksam­                     Akteure mit Handlungskompetenz. Wer
von 70 auf 95 Kubikmeter pro Sekunde und        keit von Massnahmen ist häufig nicht so                     aber etwas umsetzen will, muss zu Kom­
damit einhergehend einen grösseren Unter­       klar. Eine Kosten-Nutzen-Abwägung ist                       promissen bereit sein. Das gilt wohl fast
schied in den Abflussmengen bedeutete.          also äusserst schwierig. Zudem wollen                       überall. Ohne diese Bereitschaft besteht
Wir mussten uns überlegen, wie wir das          Betriebe kein Präjudiz schaffen bei der                     die Gefahr, dass Revitalisierungsprojekte
Abflussregime analysieren und schliess­         Festlegung von Restwassermengen im                          scheitern.»
lich so gestalten können, dass sich der         Rah­­men einer späteren Konzessions­er­
ökologische Zustand deutlich ver­bessert.       neue­  rung. Und hinzu kommt, dass die                      Revitalisierung: Leben,
Methodisch war das damals noch gar nicht        Kantone, welche sich zu einem gewissen                      leben lassen und neues Leben
geregelt. Erst das revidierte Ge­wässer­        Teil an den Kosten beteiligen, unterschied­                 ermöglichen
schutzgesetz von 2011 schaffte dies­be­         lich finanzstark sind und teilweise eigene
züglich etwas Klarheit.»                        kantonale Energiestrategien verfolgen.»                     Auengebiete haben durch ihre Fülle an Ar­
                                                                                                            ten und Lebensräumen eine grosse Be­
Gab es bestimmte Schlüsselmomente?              Welche Herausforderungen stellen sich                       deutung für die Biodiversität. Unter an­de­
«Ich erinnere mich gut an ein Treffen mit       bei Restwassersanierungen?                                  rem auch aufgrund von ökologischen De­fi­
zahlreichen Expertinnen und Experten, an        «Ein Problem sehe ich darin, dass es Ein­                   ­ziten der Gewässer ist diese in der Schweiz
dem unser Projekt fast gekippt wäre. Ex­        griffe in wohl erworbene Rechte sind. Es                     stark unter Druck. Etwa 18 Pro­zent der
perten von uns, extern mandatierte Fach­        gab lange Zeit keine klare Regelung der                      un­­mittelbar auf Gewässer angewiesenen
leute von Umweltbüros und Forschungs­           wirtschaftlichen Tragbarkeit. Die Spielregeln                Arten sind vom Aussterben bedroht, 4 Pro­
ein­richtungen, Vertreter von Kanton und        sind nun – seit dem Bundesgerichts­ent­                      zent sind bereits aus­ge­storben (Bundes­­
Bund waren dabei. Da kam die Diskussion         scheid zum Fall der Misoxer Kraftwerke3 –                    amt für Um­welt, 2011). Bei den Fischen
auf, dass der Lebensraum für Jungfische         aber um einiges klarer.»                                     sind beispiels­weise 62 Pro­­zent der Arten
auch ohne Kraftwerksbetrieb fehlen würde.
Die Hasliaare ist aus Gründen des Hoch­
wasserschutzes und der Landgewinnung
verbaut und kann nicht natürlich wieder­
hergestellt werden. Ein schwieriges Span­
nungsfeld zwischen Hochwasserschutz und
der Sanierung von Schwall und Sunk. Glück­
licherweise gab es dann einige entschei­
dende Voten zugunsten unseres Pro­jekts.»

Bis 2030 haben bestehende Wasser­kraft­
­anlagen Zeit, Sanierungen vorzunehmen.
 Bis Ende 2018 waren erst ca. 2 Pro­zent der
 Massnahmen umgesetzt. Woran harzt es?
 «Ich würde hier nicht unbedingt von ‹har­
 zen› reden. Es liegt eher daran, dass bei
 allen Sanierungen, egal ob Schwall-Sunk,
 Fisch­gängigkeit oder Geschiebe, zuerst
 wichtige Grundlagen erarbeitet werden
 müssen. Es ist ziemlich viel Detailwissen
 nötig, und die angewandte Forschung kam
 mit Blick auf die vielen noch offenen Fragen
 bis heute nicht ausreichend in Gang. Ich
 den­ke aber, dass es langsam, aber sicher
 vorwärts geht.»
                                                Bild 3: Durch ein Aufwertungsprojekt in der kleinen Aue Jägglisglunte am
Warum wurden weitergehende Rest­was­            Brienzersee wurde die Wasserzuleitung und die Verbindung mit dem See
­ser­­sanierungen gemäss Artikel 80 Ab­         verbessert, so dass die Hechte wieder im Gebiet laichen können. Mehrere
 satz 2 GSchG² nur selten verfolgt?             Partner waren am Projekt beteiligt, auch die Kraftwerke Oberhasli
 «Im Rahmen des Artikels 80 Absatz 2 Ge­        (Foto: K. Reuther, KWO).
 wässerschutzgesetz übersteigen die Rest­
                                                ¹ www.grimselstrom.ch > Gewässerschutz
 wassermengen die wirtschaftliche Trag­
                                                ² Art. 80 Abs. 2 GSchG: Die Behörde ordnet weiter­ge­hende Sanierungsmassnahmen an, wenn es sich um Fliess­-
 barkeit für den Kraftwerksbetreiber. Daher
                                                   gewässer in Landschaften oder Lebens­räumen handelt, die in nationalen oder kantonalen Inventaren aufgeführt
 wird dem Kraftwerksbetreiber ein Teil der         sind, oder wenn dies andere überwiegend öffentliche Interessen fordern. Das Verfahren für die Feststellung der
 Produktionseinbussen finanziell vom Kan­          Entschädigungspflicht und die Fest­setzung der Entschädigung richtet sich nach dem Enteignungsgesetz vom
 ton entschädigt und vom Bund subven­tio­          20. Juni 1930.
 niert. Die zögerliche Haltung von Wasser­      ³ Bundesgerichtsentscheid BGE 139 II 28

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Was Auen für uns leisten - und wir für sie - Plattform ...
Bild 4: Um Auen­dynamik wieder­zu­erlangen, sind oft grosse bauliche Ein­griffe notwendig. Schaffung eines dynamischen
Seiten­arms in der Aue Aarau-Wildegg (Foto: Stephan Lussi).

gefähr­det, vom Aus­ster­ben bedroht oder      mehr Raum und eine eigendynamische
ausgestor­ben.                                 Entwicklung zuzugestehen und Verbau­un­
    Eine weitverbreitete Beeinträchtigung      gen zu entfernen. Im Sinne von Initial­mass­
von Auen sind flussnahe Dämme. Die Dy­         nahmen werden einzelne Wasserläufe ge­
namik wird stark eingeschränkt oder fehlt.     zielt strukturiert und frühere Seitenarme
Gleichzeitig senkt sich durch die Ein­         wieder aktiviert. Ob sich Arten in einem
engung längerfristig die Flusssohle ab,        Lebensraum wohlfühlen oder nicht, hängt
wo­durch auch der Grundwasserspiegel           jedoch, wie Bruno Schelbert betont, von
sinkt. Die Auenterrassen im äusseren Auen­     vielen Faktoren ab. «Für gewisse Tiere und     Zu den bekanntesten Auen der Schweiz
bereich werden nicht mehr ausreichend          Pflanzen können wir geeignete Lebens­          zählt das Mündungsgebiet der Thur in den
mit Grundwasser versorgt, was zu einer         räume schaffen. Aber störungsanfällige         Rhein. Beim Grossprojekt «Hochwasser­
schleichenden Veränderung der Vegeta­          Ar­ten haben im Mittelland praktisch keine     schutz und Auenlandschaft Thurmün­dung»
tion führt: Von auentypischen Auenwäl­         Chance. Der Druck auf die einzelnen Ge­        hat Robert Bänziger die externe Projekt­lei­
dern hin zu häufigen und «banalen» Le­         biete ist sehr hoch, denn auch die Men­        tung im Auftrag des Kantons Zürich wahr­
bens­raumtypen, die nicht flusstypisch sind.   schen schätzen renaturierte Gebiete.» Und      genommen.
Im Mittelland sind das etwa Buchen­wälder,     er fügt an: «Für mich ist das eigentlich nur
die sich oft bis direkt an den verbauten       ein Zeichen, dass es noch viel mehr solche     Das Projekt an der Thurmündung wurde
Fluss entwickelt haben. Auch Flach­moore       Gebiete bräuchte. Dann wäre der Druck          ein Erfolg. Warum?
oder Amphibientümpel, die sich ur­sprüng­      pro Gebiet wieder kleiner.» Durch Revita­      «Eine Kernqualität des Projekts ist sicher,
lich dank der ehemaligen Aue bil­de­ten,       li­sierungen können Auen nicht nur ihre        dass man einen Kompromiss zwischen
trocknen aus.                                  Funktion als Hotspot der Biodiversität wie­    den verschiedenen Interessen gefunden
    Zu den wichtigsten Massnahmen ei­ner       der wahrnehmen, sondern sind auch für          hat. Hinzu kommen ein paar Glücksfälle,
Auen-Revitalisierung gehört, dem Fluss         die Menschen attraktiver.                      etwa, dass es im betroffenen Gebiet kaum

«Wasser Energie Luft» – 112. Jahrgang, 2020, Heft 4, CH-5401 Baden                                                                    275
Infrastruktur gab und dass die Gegend für      Teil des Materials wurde eingesetzt, um      «Das lässt sich nicht so einfach beant­wor­
Schweizer Verhältnisse nicht dicht be­         die landwirtschaftlichen Flächen aufzu­      ten. Die Frage ist, ob bei den Vollzugsbe­
siedelt ist. Und auf der Seite der Bauherr­    werten. Die Landwirtschaft hat dies sehr     hörden genügend Personal und die nötige
schaft wurde der Schutz der Auen stets         begrüsst.»                                   Begeisterung da sind, ob die vom Bund
hochgehalten, das Projekt über die gan­                                                     gesteckten Termine realistisch sind, ob es
zen langen Jahre stets wirkungsvoll unter­     Welches primäre Ziel wurde mit dem           Konsequenzen gibt, wenn man etwas
stützt. Es ist ein fachlich ausgezeichnetes    Projekt an der Thurmündung verfolgt?         nicht tut. Und es reicht nicht, jemandem
Projekt, das in einem günstigen Umfeld         «Für die Landwirte aus Flaach ging es si­    Geld zu geben für etwas, das er gar nicht
verwirklicht werden konnte. Vieles wurde       cher primär um den Hochwasserschutz.         kaufen will.»
richtig gut gemacht.»                          Anderen Interessensvertretern stand hin­
                                               gegen der Auenschutz an erster Stelle. Es
Zum Beispiel?                                  kommt also darauf an, in welchen Schuhen
«Die Begleitgruppe, in welcher die zahl­       man steckt.»
reichen externen Stakeholder vertreten
waren, wurde durch einen verwaltungs­          Bei 39 Prozent aller Auenobjekte der
externen ‹Delegierten des Regierungsrats›      Schweiz besteht noch ein sehr hoher
geleitet. Er kannte die Bedürfnisse der        oder hoher Handlungsbedarf (Sanie­
Landwirtschaft gut und hat mit seiner          rungs­bedarf, Stand Umsetzung). Über­
Kompetenz und seiner gewinnenden Art           rascht Sie das?                              Der Kanton Aargau hat rund 1 Prozent der
viel dazu beigetragen, dass Konflikte nicht    «Nein, das überrascht mich nicht. Als Kul­   Kantonsfläche in einem Auenschutz­park
eskaliert sind.»                               turingenieur sehe und anerkenne ich durch­   gesichert. Bruno Schelbert ist der zustän­
                                               aus die Arbeit, welche frühere Genera­tio­   dige Programmleiter.
Wie ist man mit den verschiedenen Inte­        nen geleistet haben. Sie haben die An­for­
ressen umgegangen?                             derungen der damaligen Gesellschaft er­      Der Auenschutz ist im Aargau als bisher
«Es gab nicht nur viele Interessen, sondern    füllt – doch nun haben sich diese verän­     einzigem Kanton der Schweiz auf Verfas­
auch für alle etwas zu gewinnen. Bei­spiels­   dert. Sich den neuen Anforderungen an­       sungs­stufe verankert. Ist der Auen­schutz­
weise wurde Material, welches für die Re­      zupassen, braucht Zeit.»                     park ein Vorzeigemodell?
vitalisierung ausgebaggert wurde, direkt                                                    «Der Begriff ‹Park› ist eigentlich etwas irre­
für Dämme wieder verwendet. Damit konn­        Warum ist der Auenschutz in der Schweiz      führend. Es sind rund zwei Dutzend Fluss­
ten Kos­ten eingespart werden. Und ein         noch nicht weiter?                           abschnitte, in denen noch Rest-Auen vor­

Bild 5: Das Projekt «Hochwasserschutz und Revitalisierung Alte Aare» gilt als Vorzeigebeispiel für modernen Hoch­
wasser­schutz, bei dem der Schutz vor Überschwemmung nicht auf Kosten der Natur geht. Vielmehr ist es gelungen, die
landschaft­liche und ökologische Vielfalt stark zu erhöhen (Foto: Tanja Schweizer, Basler & Hofmann).

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kamen oder die ein grosses Potenzial zur        nur die zweitbeste Lösung realisiert wer­       Flüs­sen, Seen) bis Ende 2018 behörden­
Aufwertung aufwiesen. Der Auen­schutz­          den kann, bin ich überzeugt, dass wir im        verbindlich festgelegt haben. Diese Fest­
park ist das Revitalisierungs­pro­gramm des     Aargau einen Weg gefunden haben, der            legung erfolgt über die Nutzungsplanun­
Kantons Aargau und weist insgesamt eine         beidem dient.»                                  gen der Gemein­den.
Fläche von 16 km2 auf.»                                                                               Einem Gewässer wieder mehr Raum
                                                Wie gut akzeptiert die Bevölkerung den          zuzugestehen, ist vielerorts herausfor­dernd.
Eine beachtliche Grösse!                        Auenschutz?                                     Durch Verbauungen und Trockenlegungen
«Ja, auf jeden Fall. Aber in den letzten 25     «Da wir seit Beginn sofort Projekte reali­      haben sich entlang der Gewässer viele
Jahren wurden im Kanton Aargau 18 km2           sieren konnten, haben wir schnell eine          Nutzungen etabliert. Das birgt zahlreiche
zusätzlich überbaut. Um das Verhältnis          breite Akzeptanz erreichen können. Ein­         Konflikte, und entsprechend sind die Ge­
irgendwie zu wahren, müsste man also für        gebrachte Forderungen aus der Be­völ­           meinden mit der eigentümerverbindlichen
die Natur noch viel mehr tun.»                  kerung rufen mehrheitlich nach mehr Park­       Festlegung noch nicht weit vorange­schrit­
                                                plätzen, neuen Radwegen oder Feuer­             ten. Doch Gewässer benötigen Raum, um
Welche konkreten Widerstände gab es             stellen. Und natürlich hört die Begeiste­rung   ihre natürlichen Funktionen erfüllen zu kön­
bei der Umsetzung und Sicherung der             auf, sobald Privateigentum direkt be­trof­      nen: Transport von Wasser und Geschiebe,
Auen?                                           fen ist. Man darf aber nicht über­sehen,        die Ausbildung einer naturnahen Struktur­
«Die Probleme sind bei jedem Projekt an­        dass der Kanton viel Geld investiert, das       viel­falt der angrenzenden Lebensräume und
ders gelagert. Bei einem Vorhaben kam es        letztlich der lokalen Wirt­schaft in Form       deren Vernetzung, die Entwicklung stand­
zu einer sehr langen Planungsphase, weil        von Planungs- und Bauauf­trägen zugute­         orttypischer Lebensgemeinschaften sowie
sich mitten im Projektperimeter ein Grund­      kommt.»                                         die dynamische Entwicklung der Gewäs­ser.
­wasserpumpwerk befand, welches die Ge­                                                         Mit diesem Raum ausgestattet, können
 ­meinde nicht ersatzlos aufgeben wollte.       Gewässerraum: Raum geben und                    Ge­wässer auch ihre Leistungen erbringen,
  An einem anderen Ort lagen der Fussball­      ökologische Infrastruktur schaffen              sogenannte Ökosystemdienstleistungen:
  platz und das Clubhäuschen im Auenge­                                                         neben bereits oben genannten wie Hoch­
  biet. Für diese galt es, zuerst einen neuen   Auen sind vor allem dort noch funktions­        was­serschutz, Erholung und Biodiversität
  Standort zu finden. Und nicht selten kommt    fähig und ökologisch wertvoll, wo sie viel      zum Beispiel auch eine gute Selbst­reini­
  es zu Diskussionen mit Fischern.»             Platz haben. Auen gelten als Kern­gebiete       gungskraft des Fliessgewässers und die
                                                der ökologischen Infrastruktur. Er­halten       An­reicherung des Grundwassers.
Welche Einwände äussern Fischer?                auch die anderen Flussabschnitte einen                Wie gross der Gewässerraum sein soll­
«Alle reden von Dynamik. Aber wenn die          ausreichend grossen Gewässer­raum ge­           te, hängt von Art und Grösse des Ge­wäs­
Prozesse im Fluss tatsächlich dynamischer       mäss revidiertem Gewässer­schutz­ge­setz,       sers ab. Bei grösseren Gewässern, an
werden, kommt aus Fischereikreisen oft          setzt allmählich wieder eine naturnahe Ver­     denen sich die meisten Auen befinden,
Widerstand. Ein Kolk ist dann beispiels­        netzung von Fauna und Flora ein. Die Kan­       muss die Breite des Gewässerraums ein­
weise nicht mehr am herkömmlichen Ort           tone sollten den Gewässerraum entlang           zelfallweise bestimmt werden, wobei es
oder eine Wasserrinne fällt periodisch tro­     von oberirdischen Gewässern (Bächen,            auch ge­setzliche Mindestvorgaben gibt,
cken. Wenn dann Forderungen nach bau­
lichen Massnahmen zur Eindämmung der
Dynamik kommen, habe ich kein Ver­ständ­
­nis. Hier einzugreifen, wäre ein schwerer
 Fehler.»

Warum geht der Auenschutz nicht schnel-
ler voran?
«Auen brauchen Platz – und das ist der li­
mitierende Faktor. Der Nutzungsdruck in
den Flusstälern durch Siedlungen, Stras­
sen, Kraftwerke oder Kläranlagen, aber
auch für den Erholungsbetrieb ist gross
und der Spielraum bei uns praktisch aus­
geschöpft. Neue Flächen dafür zu gene­
rieren, ist zeitaufwendig.»

Der Kanton Aargau ist nicht nur Wasser-,
sondern auch Energiekanton. Was be-
deutet das für den Auenschutzpark?
«Die Energiegewinnung durch Wasserkraft
ist bei uns tatsächlich sehr wichtig. Zwei
Drittel des Parks liegen in Konzessions­
strecken. Das prägt auch unsere Projekte.       Bild 6: Die Gewässer brauchen Raum, um Ökosystemleistungen erbringen zu
Wir bemühen uns stets, auch zu rena­tu­         können. Wo genug Platz ist, entfaltet sich einzigartiges Leben. Fleischers
rieren, wo die Wasserkraft bereits genutzt      Weidenröschen in der Derborence, einem Auengebiet von nationaler Bedeutung
wird. Wenn aus Sicht der Natur manchmal         (Foto: Kasper Ammann).

«Wasser Energie Luft» – 112. Jahrgang, 2020, Heft 4, CH-5401 Baden                                                                      277
die nicht unterschritten werden dürfen. Es             Ein Wegrecht für den Fluss – was muss
ist zentral, dass nicht nur das Wasser, son­           man sich darunter vorstellen?                                 Bericht des Bundesamts für
dern da­rüber hinaus die zahlreichen Auen­             «Der Fluss erhält dabei ein Recht auf eine                        Umwelt, Bern, 2020:
­lebens­räume genug Raum für ihre Ent­                 definierte Breite. Dort darf er machen, was er              Bundesinventar der Auengebiete
 faltung und die Verzahnung miteinan­der               will. Die Landwirte gaben hierfür ihr Land –                von nationaler Bedeutung – Stand
 haben. Es braucht Platz für terrestrische             mehr, als gesetzlich gefordert ist –, bleiben                    und Handlungsbedarf
 Arten, die für ihre Ernährung oder für einen          aber Eigentümer. In diesem Gewässer­raum                  Ziel der Auenverordnung ist der Schutz
 Teil ihres Lebenszyklus auf Wasser an­                kann der Bach nun weiter erodieren, es                    und die Aufwertung der wertvollsten
 gewiesen sind wie Libellen oder Eis­vögel.            wurden Hecken gepflanzt und Flachge­                      Auen der Schweiz. Das Bundesamt für
 Auch die Auenverordnung unterstreicht                 wäs­ser angelegt, der Biber trägt das Sei­                Umwelt (BAFU) hat dazu eine Bilanz
 dieses An­lie­gen durch die Pflicht zur Aus­          nige zur Gestaltung bei. Die Interven­tions­              gezogen: Welche Entwicklung hat seit
 scheidung von ausreichenden Puf­ferzonen.             linie ist mit einer Dienstbarkeit im Grund­               der Inkraftsetzung im Jahr 1992 statt­
      Damit in möglichst vielen Projekten das          buch eingetragen.»                                        gefunden, und wie sieht der Hand­lungs­
 vorhandene Raumpotenzial optimal ge­                                                                            ­bedarf pro Objekt aus?
 nutzt wird, subventioniert der Bund Re­vi­            Und wie war es bei der Alten Aare?                             Die Auswertung erfolgte anhand der
 talisie­rungsprojekte an Flüssen mit 35 bis           «Beim Auengebiet der Alten Aare war es                     verfügbaren Daten und berücksichtigt
 80 Prozent.                                           ähnlich mit dieser ‹Aneignung›, da wollte                  die zwei Aspekte Sa­­ nierungsbedarf
                                                       der Wasserbauverband Alte Aare auf ein­                    und rechtlicher Schutz.
                                                       mal aktiv werden, entsprechend eng war
                                                       dann die Zusammenarbeit zwischen Ver­
                                                       band und Kanton. Der Präsident des Was­                  haben auch zu einem verstärkten Dialog
                                                       serbauverbands Alte Aare macht nun in                    zwischen Akteuren geführt, zwischen In­
                                                       seiner Freizeit Führungen und geht Neophy­               ge­nieuren und Ökologen beispielsweise.
                                                       ten zupfen – er machte das Hoch­was­ser­                 Schutz und Nutzen – beides fliesst in die
                                                       schutz- und Revitalisierungsprojekt rich­                Diskussionen ein. Weiter haben erste Kon­
                                                       tig­­gehend zu seinem Kind.»                             zessionser­neue­rungen von Wasser­kraft­
Petra Graf vom Amt für Landwirtschaft und                                                                       werken dazu geführt, dass das Wasser­
Natur des Kantons Bern begleitet als Ver­              Wie ist Ihre Erfahrung im Zusammen-                      regime in den be­troffenen Auengebieten
tre­terin der Abteilung Naturförderung ver­            hang mit dem Ausscheiden von Puffer­                     verbessert wird. Es bleibt aber nach wie
schiedenste Revitalisierungsprojekte an                zonen?                                                   vor viel zu tun. Und am Ende, so ist sich
Gewässern, unter anderem die Umsetzung                 «Erfolge hatten wir da, wo wir betroffenen               Petra Graf sicher, dreht sich alles um den
der Revitalisierung Alte Aare.                         Landwirten Land im Tausch gegen eine                     Wert, den wir einer Aue beimessen. «Wir
                                                       Pufferzone an einem Gewässer geben                       müssen uns darüber klar werden, welchen
Gibt es bei der Ausscheidung des Ge­                   konn­ten. Wir arrondierten also Land so,                 ökologischen, ästhetischen und sozio­
wäs­ser­raums gute Beispiele?                          dass alle einen Gewinn davontrugen. Das                  kulturellen Wert eine Aue hat. Eine funktio­
«An der Önz haben wir etwas erlebt, was                scheint mir ein wichtiges und zukunfts­                  nierende Aue ist so unglaublich viel mehr
natürlich auch für Auenprojekte gelten kann.           weisendes Vorgehen.»                                     als ein ‹Wässerchen› in einem dafür defi­
Teils beachtliche Erosionsstellen führ­ten                                                                      nierten Abflusskorridor.»
zu zahlreichen Diskussionen mit den be­                Ausblick. Auenaufwertung als
troffenen Landwirten. Solange der Ge­wäs­              lohnende gemeinsame Aufgabe
­ser­raum als eine Idee ‹vo Bärn› wahrge­
 nommen wurde, war es kaum mög­lich,                   Es ist ermutigend, dass in den letzten Jahr­
 eine Lösung zu finden. Doch dann mach­                zehnten eine Reihe von bedeutenden Auen
 ten sich die Landwirte das Thema so­                  revitalisiert worden sind. Anhand dieser
 zusagen ‹zu eigen›, und ein Bauer brachte             Pro­jekte zeigt sich, was wir für diesen ein­
 den Vorschlag, dem Fluss eine Art Weg­                zigartigen Lebensraum leisten können.
 recht – also Fluss­recht – zuzugestehen.»             Die verschiedenen Sanierungs­akti­vitäten

Quellen:                                               Bundesamt für Umwelt, BAFU. (2020). Bundesinventar       Autorinnen und Autor:
Bundesamt für Umwelt, BAFU. (2011). Synthese Rote      der Auengebiete von nationaler Bedeutung – Stand und     Michelle Lehmann, naturaqua PBK AG /
Listen, Stand 2010. https://www.bafu.admin.ch/bafu/    Handlungsbedarf.                                         Infohabitat GmbH, m.lehmann@naturaqua.ch
de/home/themen/biodiversitaet/publikationen-studien/   Bundesamt für Umwelt, BAFU. (2020). Renaturierung        Franziska Witschi, naturaqua PBK AG /
publikationen/gefaehrdete-arten-schweiz.html           der Schweizer Gewässer: Stand ökologische Sanierung      Infohabitat GmbH, f.witschi@naturaqua.ch
Bundesamt für Umwelt, BAFU. (2016). Ökologische        Wasserkraft 2018, https://bafu.admin.ch/ renaturierung   Stephan Lussi, Bundesamt für Umwelt,
Sanierung bestehender Wasserkraftanlagen:              Restwassersanierung nach Art. 80 ff. GSchG – Stand       Abteilung Biodiversität und Landschaft,
Finanzierung der Massnahmen. https://www.bafu.         Ende 2018 und Entwicklung seit Ende 2016 (BAFU 2019),    stephan.lussi@bafu.admin.ch
admin.ch/bafu/de/home/themen/wasser/publikationen-     https://www.bafu.admin.ch/dam/bafu/de/dokumente/
studien/publikationen-wasser/oekologische-sanierung-   wasser/fachinfo-daten/Restwassersanierung-nach-
bestehender-wasserkraftanlagen-finanzierung-der-       artikel-80ff-gschgstand-in-den-kantonen-ende-2018.
massnahmen.html                                        pdf.download.pdf/Restwassersanierung-nach-artikel-
                                                       80ff-gschgstand-in-den-kantonen-ende-2018.pdf

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