"Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am - Heinrich Heine Ende auch Menschen" ULRICH SCHNEIDER

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"Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am - Heinrich Heine Ende auch Menschen" ULRICH SCHNEIDER
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           ULRICH SCHNEIDER

              „Wo man Bücher
   verbrennt, verbrennt man am
Heinrich Heine Ende auch Menschen“

           ZUR ERINNERUNG AN DIE
           BÜCHERVERBRENNUNGEN AM 10. MAI 1933

       ZUR ERINNERUNG AN DIE BÜCHERVERBRENNUNGEN AM 10. MAI 1933
"Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am - Heinrich Heine Ende auch Menschen" ULRICH SCHNEIDER
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      Grußwort

      Die Bücherverbrennungen 1933 waren keine spontanen Aktionen. Sie wurden
      akribisch geplant und dienten der propagandistischen Inszenierung der
      nationalsozialistischen Machthaber.
      Wir gedenken der Bücherverbrennungen heute mit dem Wissen, dass sie der Auftakt
      waren, am Ende standen Völkermord und Krieg.
      Die Worte Heinrich Heines „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende
      auch Menschen“ wurden in bis dahin unvorstellbarer Weise zur Realität.

      Am 10. Mai 1933 war es der Frankfurter Römer, auf dem die Werke von Bertolt Brecht,
      Heinrich Heine, Erich Kästner, Sigmund Freud und vieler anderer brannten. Es war die
      europäische Moderne, völkerverbindender, zivilisatorischer Geist, den sich die neuen
      Machthaber – nicht ohne Grund – zum Ziel ihres Angriffs gewählt hatten.

      Unter den Augen von fünfzehntausend Menschen versammelten sich am Abend
      des 10. Mai 1933 auf dem Römerberg Horden der Frankfurter NS-Studentenschaft,
      begleitet von zahlreichen Dozenten, um die zuvor von ihnen in Frankfurter
      Universitätsinstituten und Bibliotheken geraubten Bücher unzähliger Schriftsteller,
      Publizisten und Wissenschaftler zu verbrennen.

Herausgegeben im Auftrag der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes –
Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA)

V.i.S.d.P.: Peter C. Walther, p. A. VVN-BdA Hessen, Eckenheimer Landstraße 93, 60318 Frankfurt/Main,
Frankfurt 2013 – Druck: diedruckerei.de, Schutzgebühr 2 Euro
Fotos: Eigene, Bundesarchiv

                  „WO MAN BÜCHER VERBRENNT, VERBRENNT MAN AM ENDE AUCH MENSCHEN“
"Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am - Heinrich Heine Ende auch Menschen" ULRICH SCHNEIDER
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Es ist der Initiative engagierter Frankfurterinnen und Frankfurter zu danken, dass
heute auf dem Römer eine Gedenktafel an diesen mittelalterlichen Zivilisationsbruch
erinnert.
Bei der Einweihung dieser Gedenktafel sagte der damalige Kulturdezernent unserer
Stadt, Herr Dr. Hans-Bernhard Nordhoff: „Und ein Zeichen wollen wir setzen für die
verbrannten Bücher, für das Wort des Andersdenkenden und für den freien Geist,
der hier geschändet wurde.“

Sie setzen mit Ihrer Gedenkveranstaltung zum 80igsten Jahrestag der
Bücherverbrennung in Frankfurt ein weiteres, wichtiges Zeichen gegen das Vergessen
und für eine eindringliche Mahnung an die folgenden Generationen: Nie wieder!

Die Stadt Frankfurt und ihr Oberbürgermeister stehen an Ihrer Seite und danken
Ihnen dafür.

			                    Mit solidarischen Grüßen
			                    Ihr

			                    Peter Feldmann
			                    Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main

			                    Frankfurt am Main, den 22.04.2013

                   ZUR ERINNERUNG AN DIE BÜCHERVERBRENNUNGEN AM 10. MAI 1933
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               Zur Vorgeschichte und Bedeutung
                   der Bücherverbrennung
Ausgangspunkt meiner Überlegungen ist                 1933 sollen insgesamt kurz gefasst werden.
nicht das Jahr 1933, in dem sich die öffent-          Es ist zu hoffen und zu erwarten, dass die
liche Verbrennung von „undeutscher Litera-            meisten der Leser wissen, dass und wie am
tur“ abspielte, sondern das Jahr 1821. Da-            30.Januar 1933 Adolf Hitler und die NSDAP
mals veröffentlichte Heinrich Heine sein              an die Macht gebracht wurden, dass es in-
Stück „Almansor“. Darin lässt er einen Mos-           teressierte Kreise aus Wirtschaft, Adel und
lem zu einem Bericht, dass man ein Exemp-             Junkertum, aus Militär und politischer Klas-
lar des Koran auf einen Scheiterhaufen warf,          se, also aus den herrschenden Eliten gab,
antworten: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo         die einen faschistischen Ausweg aus der
man Bücher verbrennt, verbrennt man auch              wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise
am Ende Menschen.“                                    der Weimarer Republik favorisierten, dass
Der Hintergrund dieser historisch verbürg-            Antikommunismus und Antisemitismus von
ten Geschichte war die Christianisierung              Anfang an grundlegende ideologische Fun-
mit Feuer und Schwert in Spanien im Mittel-           damente dieser faschistischen Orientierung
alter. Heinrich Heine bezog sich dabei aber           darstellten und sich in Formen terroristischer
auch auf die historischen Erinnerung an die           Herrschaftsausübung durch Massenver-
Zeit der Ketzer- und Hexenverfolgung in               haftungen nach dem inszenierten Reichs-
Deutschland, in der tatsächlich im Gefolge            tagsbrand, durch Sondergesetze, durch die
der Glaubensstreitigkeiten die „Ungläubi-             Wiederherstellung des Berufsbeamtentums
gen“ und „Häretiker“ mit der „heilenden Kraft         und Arier-Verordnungen schon 1933 und
des Feuers“ vernichtet wurden, wie man es             durch andere Formen der Gleichschaltung
theologisch begründend formulierte.                   durchsetzten.
Für die Betroffenen blieb die Hoffnung auf            Ein gesellschaftlicher Ort, an dem die fa-
ein besseres Leben nach dem Tode, etwas,              schistische Bewegung überproportionale
was zwar für die Opfer der Verfolgung sel-            Zustimmung erfuhr, waren die Universitäten.
ber wenig tröstlich, aber in der voraufkläreri-       Vor allem die Studentenschaft, aber auch
schen Zeit für manche vielleicht Beruhigung           zahlreiche Hochschullehrer waren von ihrer
war.                                                  Position her offen für die faschistische Ideo-
Diese Art der „Beruhigung“ kann uns heute             logie – selbst wenn sie sich von dem Stra-
nicht erfassen, wenn wir über Bücherver-              ßenterror der SA manchmal abgestoßen
brennungen sprechen. Nicht nur, weil das              fühlten. Und so verwundert es überhaupt
außerweltliche Heilsversprechen nur noch              nicht, dass seitens der „Deutschen Studen-
wenig Überzeugungskraft besitzt, sondern              tenschaft“, die schon seit 1932 mehrheitlich
vielmehr, weil wir aus der Geschichte wis-            von dem NSDStB (Nationalsozialistischer
sen, welche verheerende Bestätigung der               Deutscher Studentenbund) geführt wurde,
Satz von Heinrich Heine in der deutschen              ein Plakat unter dem Titel „Wider den un-
Zeitgeschichte des 20.Jahrhunderts erfuhr.            deutschen Geist“ verbreitet wurde. Einige
Das Stichwort Auschwitz mag an dieser Stel-           Zitate:
le genügen, um die Dimensionen der rassis-            „Der Jude kann nur jüdisch denken. Schreibt
tischen Ausgrenzung zu beschreiben.                   er deutsch, dann lügt er. Der Deutsche, der
Auschwitz mitdenkend soll nun die Entwick-            deutsch schreibt, aber undeutsch denkt, ist
lung hin zur Bücherverbrennung des Jahres             ein Verräter! Der Student, der undeutsch
1933 aufgezeigt werden: Die Darstellung               spricht und schreibt, ist außerdem gedan-
der politischen Entwicklungen des Jahres              kenlos und wird seiner Aufgabe untreu.“

                „WO MAN BÜCHER VERBRENNT, VERBRENNT MAN AM ENDE AUCH MENSCHEN“
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„Wir fordern deshalb von
der Zensur: Jüdische
Werke erscheinen in he-
bräischer Sprache. Er-
scheinen sie in Deutsch,
sind sie als Übersetzun-
gen zu kennzeichnen.
Schärfstes Einschreiten
gegen den Mißbrauch
der deutschen Schrift.
Deutsche Schrift steht
nur Deutschen zur Ver-
fügung. Der undeut-
sche Geist wird aus öf-
fentlichen     Büchereien
ausgemerzt.“
„Wir fordern vom deut-
schen Studenten den
Willen und die Fähigkeit
zur Überwindung des jü-
dischen Intellektualismus
und der damit verbun-
denen liberalen Verfalls-
erscheinungen im deut-
schen Geistesleben.“
Es mag uns heute absurd
anmuten, was hier formu-
liert wurde, aber es ent-
sprach der Meinung der
überwiegenden Mehrheit
der Studenten.
Schon im April 1933 wur-
de also von der „Deut-
schen Studentenschaft“
die „Säuberung der öf-
fentlichen Büchereien“ gefordert. Sie befand        politische Morde von rechts mit 31 Jahren, 3
sich damit in einer unrühmlichen Tradition,         Monaten und einer lebenslangen Festungs-
die sich schon in der Weimarer Zeit gegen           haft bestraft wurden, während 16 politische
kritische Wissenschaftler und Literaten rich-       Morde von links mit 8 Todesurteilen und 239
tete. Genannt werden sollen an dieser Stel-         Jahren Haft bestraft wurden.
le nur die drei Beispiele Emil Julius Gumbel,       Seit 1923 war Gumbel Dozent an der Univer-
Erich Maria Remarque und Friedrich Wolf.            sität Heidelberg. Immer wieder wurde er von
Berühmt wurde Emil J. Gumbel mit dem                den Korporationen und der Studentenschaft
1921 erschienenen Buch „Zwei Jahre Mord“,           angegriffen, seine Vorlesungen gestört und
in dem er über alle politischen Morde berich-       verhindert.
tete, die seit Januar 1919 in Deutschland           Schließlich wurde ihm am 5. August 1932
verübt worden waren. Er unterschied die             die Lehrberechtigung entzogen und er ge-
Morde nach Morden von rechts und Morden             zwungen die Universität zu verlassen, „weil
von links und konnte nachweisen, das 318            ihn seine national gesinnten Kollegen nicht

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ertrugen“, wie es in der Universitätschronik        brennungen in Düsseldorf und Wuppertal,
heißt.                                              machten propagandistisch deutlich, wie eine
Erich Maria Remarque Anti-Kriegsroman „Im           Säuberung stattfinden könne.
Westen nichts Neues“ erlebte zwar Ende              Ausgehend von der Zentrale des NSDStB in
der 20er Jahre eine Millionen Auflage, rech-        Berlin, verbunden mit dem „Kampfbund für
te Kreise – auch in der Studentenschaft –           deutsche Kultur“ wurde seit Ende April eine
sahen darin jedoch eine „Beleidigung der            reichsweite Aktion vor allem in den Universi-
Frontsoldaten“ und gingen mit Randale               tätsstädten vorbereitet, bei der „undeutsche
gegen Buch und Verfilmung vor. Der Ber-             Literatur“ öffentlich vernichtet werden sollte.
liner NSDAP-Gauleiter Dr. Joseph Goeb-              Ausgestattet mit provisorischen Listen, auf
bels spielte sich zum „Bewahrer deutscher           denen vor allem prominente linke und jüdi-
Kultur“ auf und ließ im Dezember 1930 die           sche Autoren und ihre Werke standen, zo-
Aufführungen der Remarque-Verfilmung „Im            gen in der ersten Mai-Tagen SA-Studenten
Westen nichts Neues“ in Berlin massiv durch         durch Buchhandlungen und Bibliotheken,
Straßenkrawalle stören.                             und forschten nach, welche Bücher sich in
Auf einer anderen Ebene lag die Kampag-             dortigen Beständen befänden, die für eine
ne gegen den Arzt und Schriftsteller Fried-         Vernichtung auszusondern seien.
rich Wolf. Er nahm 1929 mit seinem Drama            So vorbereitet, wurde am Abend des 10. Mai
„Cyankali“ engagiert Stellung zum Elend der         1933 in über 20 Städten im Deutschen Reich
Frauen, das sich aus der Realität des Abtrei-       die Aktion durchgeführt. Die Bücherverbren-
bungsparagraphen 218 ergab. Nach mas-               nungen fanden an zentralen öffentlichen
siver öffentlicher Auseinandersetzung wird          Plätzen statt: In Berlin auf dem Opernplatz,
das Stück verboten und Wolf verhaftet und           in Braunschweig auf dem Schlossplatz, in
der „gewerbsmäßigen Abtreibung“ beschul-            Dresden auf dem Wettiner Platz, in Göttin-
digt. Erst 1931 bewirken Massenproteste             gen auf dem Adolf-Hitler-Platz, in München
seine Freilassung.                                  auf dem damaligen Königsplatz, in Marburg
                                                    auf dem Festplatz an den Lahnwiesen und in
                                                    Frankfurt/M. auf dem Römerberg.
                                                    Unter aktiver Beteiligung der Studenten-
                                                    schaft wurden aus den Bibliotheken und
                                                    Buchhandlungen die indizierten Werke he-
                                                    rausgeholt, auf Karren zum zentralen Platz
                                                    gefahren und dort auf Scheiterhaufen ge-
                                                    schichtet angezündet.
                                                    Dieses Veranstaltungsschema glich sich in
                                                    fast allen Städten. Exemplarisch soll hier
                                                    der Bericht über die Bücherverbrennung
                                                    in Erlangen stehen, die zwei Tage später
                                                    stattfand:
                                                    „Erlangen, 12. Mai 1933, abends um neun:
                                                    Ein Fackelzug nähert sich dem Schloss-
                                                    platz. Vorne spielt die Reichswehrmusik,
Was bereits in der Weimarer Zeit verein-            dahinter marschieren die studentischen
zelt gegen engagierte Schriftsteller prakti-        Korporationen, SA, SS und Hitlerjugend.
ziert worden war, das sollte nun – nach der         Im Zentrum des Zuges: ein Pferdewagen
Machtübertragung an die NSDAP – gesamt-             voller Bücher. Am Schlossplatz erwarten
gesellschaftlich durchgesetzt werden. Ein-          schon Tausende Erlanger das nächtliche
zelne Aktionen, wie ein „Schandpfahl“ an der        Spektakel. Ein Scheiterhaufen wird entzün-
Marburger Universität oder erste Bücherver-         det, das Deutschlandlied gesungen, Brand-

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reden gehalten. Dann übergeben SA-Män-               statt. Neben den örtlichen NSDAP- und SA
ner die Bücher den Flammen: Bücher aus               – Organisationen, wie dem „Kampfbund für
Wohnzimmern und Bibliotheken, Bücher von             deutsche Kultur“ wurden diese Aktionen dort
Erich Maria Remarque, Heinrich Mann, Lion            von Vertretern der Bibliothekare und Buch-
Feuchtwanger, Heinrich Heine und ande-               händler unterstützt.
ren.“ Hier – wie auch an anderen Orten – wa-         Es mag etwas überraschen, dass Buchhänd-
ren Dozenten der Erlanger Universität aktiv          ler bereit waren, sich in solcher Form gegen-
bei der Vernichtungsaktion. Und der damali-          über ihrem eigentliches Handelsgut, was sie
ge Rektor stand neben dem Scheiterhaufen.            immer auch als Kulturgut begriffen, zu ver-
Da diese Aktionen ja nicht von jenen oft be-         halten. Aber die ideologische Grundhaltung
schworenen „kleinen braunen Männchen,                der eigenen Interessenvertretung, des Bör-
die 1933 über Deutschland kamen und 1945             senvereins der Deutschen Buchhändler zu
spurlos wieder verschwanden“, veranstaltet           Leipzig, hatte der Gesamtvorstand schon
wurde, lohnt sich noch einmal ein genauerer          am 11./12. April 1933 in einem „Sofortpro-
Blick auf die eigentlichen Akteure.                  gramm des deutschen Buchhandels“ zum
Die treibende Kraft waren sicherlich die Ver-        Ausdruck gebracht. Zuerst einmal bekräftig-
treter der „Deutschen Studentenschaften“.            te er seine Übereinstimmung mit der neuen
Über ihre informellen Wege wurde die Akti-           faschistischen Regierung, um dann auf die
on in den Universitätsstädten einheitlich vor-       wirtschaftlichen und Standesinteressen ge-
bereitet. Zu den Trägern der Aktion gehörten         gen Buchgemeinschaften und Warenhäuser
der NSDStB, aber auch die verschiedenen              zu kommen. Zum Schluss wurde betont: „In
Korporationen und Burschenschaften. Das              der Judenfrage vertraut sich der Vorstand
Beispiel Erlangen:                                   der Führung der Reichsregierung an. Ihre
„Die Aktion ging in fast allen deutschen Uni-        Anordnungen wird er für seinen Einflußbe-
versitätsstädten von der „Deutschen Studen-          reich ohne Vorbehalte durchführen.“
tenschaft” aus. In Erlangen bildete sich ein         Eine solche Formulierung überrascht nicht,
”Kampfausschuss”, der gegen pazifistische,           heißt es doch in der Erklärung:
linke und jüdische Autoren hetzte und zur            „Die Einstellung des Gesamtbuchhandels
Bücherverbrennung mit den Worten aufrief:            zu seinen Aufgaben führte von jeher zur Be-
”Raus mit allem, was undeutsch und unger-            setzung seiner Vorstandsämter mit national-
manisch, was niedrig und gemein ist, was im          gesinnten Männern. Rassenfremde gehören
Schmutz und Sumpf versinkt.”                         seit einem halben Jahrhundert dem Vor-
Dem Erlanger Kampfausschuss gehörten                 stand nicht an.“
mehrere Vertreter der Universität an, dar-           Von solch „national-gesinnten Männern“ war
unter der Historiker Helmut Weigel und der           nichts anderes zu erwarten als jene Erklä-
Theologe Hans Preuß. Weigel war Privat-              rung, die der Gesamtvorstand des Börsen-
dozent für mittlere und neuere Geschichte,           vereins am 11. Mai 1933 abgab:
Preuß Professor für Kirchengeschichte und            „Der Vorstand des Börsenvereins der Deut-
Christliche Archäologie und Vorstand des             schen Buchhändler ist sich mit der Reichs-
kirchengeschichtlichen Seminars.“ (Nord-             leitung des Kampfbundes für deutsche Kul-
bayern Infonetz)                                     tur und der Zentralstelle für das deutsche
Erlangen ist dabei keine Ausnahme. Solche            Bibliothekswesen darin einig geworden, daß
professoralen und studentischen Akteure              die zwölf Schriftsteller – Lion Feuchtwan-
findet man in allen Universitätsstädten unter        ger – Ernst Glaeser – Arthur Holitscher – Al-
den Verantwortlichen.                                fred Kerr – Egon Erwin Kisch – Emil Ludwig
Auch in Städten, in denen keine Universitä-          – Heinrich Mann – Ernst Ottwald – Theo-
ten existierten (Essen, Kaiserslautern, Kas-         dor Plivier – Erich Maria Remarque – Kurt
sel, Mannheim oder Weimar), fanden in den            Tucholsky alias Theobald Tiger, Peter Pan-
folgenden Tagen Bücherverbrennungen                  ter, Ignaz Wrobel, Kaspar Hauser – Arnold

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Zweig für das deutsche Ansehen als schädi-            lich, daß … noch eine generelle Formulie-
gend zu erachten sind. Der Vorstand erwar-            rung zu erstreben ist, auf Grund deren vor
tet, daß der Buchhandel die Werke dieser              allem der erotische Schmutz und Schund
Schriftsteller nicht weiter verbreitet.“              aus dem deutschen Buchhandel grundsätz-
Damit Buchhändler und Bibliothekare wuss-             lich ferngehalten werden kann.“
ten, wie sie sich zukünftig zu verhalten hat-         Die Literatur sollte in drei verschiedene Ka-
ten, wurde im Bör-                                                               tegorien aufgeteilt
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Deutschen Buch-                                                                  fällt der Vernichtung
handel „Prinzipiel-                                                              (Autodafé) anheim,
les zur Säuberung                                                                z.B.       Remarque,
der      öffentlichen                                                            Gruppe 2 kommt
Büchereien,        von                                                           in den Giftschrank,
Dr. Wolfgang Herr-                                                               z.B. Lenin, Marx“.
mann“ abgedruckt.                                                                Was darunter zu
Bezug       nehmend                                                              verstehen war, er-
auf eine Anwei-                                                                  läuterte das Preu-
sung des Preußi-                                                                 ßische Ministerium:
schen Ministeriums                                                               „Es empfiehlt sich,
für Wissenschaft,                                                                grundsätzlich von
Kunst und Volks-                                                                 jedem, auch dem
bildung wurden die                                                               gefährlichsten Buch
Gruppen der Litera-                                                              je ein Exemplar in
tur und die Kriterien                                                            den großen Stadt-,
der Ausgrenzung                                                                  Haupt- und Studi-
für alle nachvoll-                                                               enbüchereien für
ziehbar aufgelistet.                                                             die kommende Aus-
„Ausgemerzt“         –                                                           einandersetzung
wie es im faschis-                                                               mit den Asphaltlite-
tischen      Sprach-                                                             raten und Marxis-
gebrauch          hieß                                                           ten im Giftschrank
– wurden natürlich                                                               zu behalten. Das
alle marxistischen und jüdischen Autorinnen           gilt vor allem für die wissenschaftlich-marxis-
und Autoren, wobei der Verfasser des Kom-             tische Literatur, die in Volksbüchereien na-
mentars glaubte darauf hinweisen zu müs-              türlich entbehrlich ist.“
sen, dass „nicht jeder russische Schriftsteller       Zusätzlich gab es eine Gruppe 3. Sie „ent-
… Kulturbolschewist“ sei.                             hält die zweifelhaften Fälle, die eingehend
Der Kampf richte sich gegen „die Zerset-              zu prüfen sind, ob später zu Gruppe 1 oder 2
zungserscheinungen unserer artgebunde-                gehörig, z.B. Traven.“
nen Denk- und Lebensformen, d.h. gegen                Für die reichsweite Umsetzung dieser Vor-
die Asphaltliteratur, die vorwiegend für den          schriften veröffentlichte das Börsenblatt für
großstädtischen Menschen geschrieben ist,             den Deutschen Buchhandel am 16. Mai
um ihn in seiner Beziehungslosigkeit zur              1933 eine erste „Schwarze Liste“, zusam-
Umwelt, zum Volk und zu jeder Gemein-                 mengestellt vom Preußischen Ministerium
schaft zu bestärken und völlig zu entwur-             für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung,
zeln. Es ist die Literatur des intellektuellen        von Büchern, die aus den Leihbüchereien
Nihilismus.“ Dass es sich hierbei zumeist um          entfernt werden müssen. Auch wenn die-
jüdische Autoren handele, war für den Kom-            se Liste formell nur für Preußen verbindlich
mentator unstrittig. „Es ist selbstverständ-          war, gab es keinerlei Versuche, in den üb-

                „WO MAN BÜCHER VERBRENNT, VERBRENNT MAN AM ENDE AUCH MENSCHEN“
9

rigen Teilen des Deutschen Reiches anders             zu tragen habe. Der Buchhändler, der ein
zu handeln. Diese erste schwarze Liste um-            solches Buch am Lager hat, oder der Ver-
fasste bereits über 130 Namen von Autorin-            leger, der solch einen Titel herausgegeben
nen und Autoren. Einige wenige möchte ich             hat. Dazu wurde eine klare kaufmännische
hier nennen. Dort fanden sich neben den be-           Entscheidung getroffen, „daß in dem Augen-
reits eingangs Genannten:                             blick, wo der Sortimenter fest gekauft habe,
Bertolt Brecht, Max Brod, Alfred Döblin, Os-          er natürlich derjenige sei, der den Schaden
kar Maria Graf, Jaroslav Hasek, Erich Käst-           zu tragen habe. Zudem verteilen sich die
ner, Irmgard Keun, Jack London, Klaus                 Lasten beim Sortimenter, während durch die
Mann, Ringelnatz, Anna Seghers, Bertha                Konzentration beim Verleger die Sache viel
von Suttner, Franz Werfel und die Brüder Ar-          schwieriger sei. Grundsätzlich solle festge-
nold und Stefan Zweig.                                stellt werden: das Risiko trägt der, der Eigen-
Erarbeitet wurde diese Liste, wie Otto Sei-           tümer der Ware ist.“ (Seifert, S. 141)
fert in einer Studie „Die große Säuberung             Um die Dimension der Verfolgung anschau-
des Schrifttums“ nachzeichnet, vom Börsen-            lich zu machen, soll hier einmal die Gesamt-
verein des Deutschen Buchhandels, zusam-              bilanz der Ausgrenzung – beginnend mit der
men mit dem „Kampfbund für Deutsche Kul-              Bücherverbrennung im Mai 1933 – aufgelis-
tur“ und der Deutschen Bibliothek in Leipzig.         tet werden. „Das Verzeichnis jüdischer Au-
(S. 139)                                              toren … erfasste auf 583 Seiten rund 8000
Diese Liste wurde in den Folgejahren als              Personen. Es nannte Schriftsteller, aber vor
„Liste des schädlichen und unerwünsch-                allem auch in der Mehrzahl Wissenschaftler,
ten Schrifttums“ vervollständigt. „Zur Mitar-         angefangen vom Chemiker über Mathema-
beit zogen der Börsenverein, zum Teil auch            tiker bis hin zum Mediziner, die geistige Eli-
der Kampfbund, Wissenschaftler von Hoch-              te Deutschlands. Hinzu kam ein Lexikon der
schulen heran. Akademiker und Bibliothe-              Juden in der Musik mit einem Titelverzeich-
kare stellten zwei Drittel der Kräfte, die die        nis jüdischer Werke mit fast 7500 Autoren
Schwarzen Listen mit ausarbeiteten. Hinzu             und Komponisten, die ebenso wie die an-
kamen Verleger … sowie Schriftsteller …,              deren aus dem Buch- und Musikalienhandel
von denen einige als Gutachter der Listen             herausfielen. Insgesamt, so die Planung des
wirkten.“ (S. 140)                                    RMVP (Reichsministeriums für Volksaufklä-
Die größte Zahl der Verfasser fand sich letzt-        rung und Propaganda – Goebbels-Ministe-
lich nicht im Bereich der Belletristik, sondern       rium, d. Verf.) in Zusammenarbeit mit der
vor allem im Bereich der wissenschaftlichen           Deutschen Bücherei und vor allem der Bi-
Fachliteratur, aus der der jüdische Einfluss          bliographischen Abteilung des Börsenver-
verbannt werden sollte.                               eins, sollten 90000 jüdische Autoren, die
Eine Marginalie der Geschichte soll am Ran-           in deutscher Sprache geschrieben haben,
de nicht unerwähnt bleiben. In der Tat waren          und deren Schriften aus dem kulturellen und
sich Verleger und national-gesinnte Buch-             wissenschaftlichen Leben in Deutschland
händler einig, dass „undeutsches Schrift-             verschwinden.“ (Seifert, S. 274/75)
tum“ grundsätzlich auszumerzen sei. Doch              Diejenigen, die es ermöglichen konnten,
hatte dies natürlich auch eine wirtschaftliche        gingen ins politische Exil. Viele von ihnen
Dimension. Mochten selbst die großen Pu-              gingen nach Prag oder Paris, auch in den
blikumsverlage wie Kiepenheuer, Rowohlt               Niederlanden fanden viele bis 1940 Zu-
und S. Fischer bereit zur Anpassung sein,             flucht. Die Schriftsteller im politischen Exil
sie alle hatten jedoch Autoren und Werke im           haben sich jedoch nicht in ihr Schicksal er-
Verlagsprogramm, die nun der Ausgrenzung              geben, sondern mit ihren Möglichkeiten ge-
anheim fielen. Nun ging es darum, wer die             gen diese Ausgrenzung und die Versuche
Kosten dieser staatlicherseits forcierten Aus-        der Austilgung ihrer Werke zu reagieren.
schaltung des „unerwünschten Schrifttums“             Alfred Kantorowitz erinnerte am 10. Jahres-

                    ZUR ERINNERUNG AN DIE BÜCHERVERBRENNUNGEN AM 10. MAI 1933
10

tag der Bücherverbrennung 1943 an die-               Literaturhinweise
sen Exodus der Schriftsteller. „Das Todesur-         Bücherverbrennung 10. Mai 1933, (Pro-
teil gegen den Geist und die Kultur … war            grammheft-Reihe) Schauspiel Frankfurt
in absentia vollstreckt worden: Beide waren          1982/83
ins Exil gegangen. Sie hatten jenseits der           Kunst und Wissen, Herausgegeben vom
Grenzen ein äußeres Refugium, innerhalb              Freien Deutschen Kulturbund, London Mai
der Grenzen aber ein inneres Refugium im             1943, Faksimiledruck, hrsg. VVN-BdA 1983
Herzen und im Verstande des besseren Teils           Nordbayern Infonetz (Bericht Bücherver-
der Deutschen gefunden. Die großen Tradi-            brennung in Erlangen)
tionen der deutschen Literatur, unlösbar ver-        Otto Seifert, Die große Säuberung des
bunden mit der Geschichte der westeuropä-            Schrifttums, Schkeuditz 2001
ischen Kultur, die von Lessing zum jungen            Verbrannt und verboten, Am 10. Mai 1933,
Goethe, zu Hölderlin, Grabbe; Heine führen,          vor 60 Jahren: Die nationalsozialistische
sind übernommen worden von der Literatur             Bücherverbrennung, Ein Materialheft der
der Emigration, die die wahre deutsche Li-           VVN-BdA Hessen, Frankfurt/M. 1993
teratur ist.“
Wenn auch mit einigen Schwierigkeiten ent-
standen für diese Literatur in den Exillän-
dern neue Publikationsmöglichkeiten. In
den Niederlanden fanden sich zwei große
Verlage, die sich besonders um die deut-
schen antifaschistischen Schriftsteller be-
mühten, nämlich die Verlage Allert de Lange
und Querido. Manche später weltberühmten
Romane von aus Deutschland vertriebenen
Autorinnen und Autoren erlebten hier ihre
Erstveröffentlichung.
In einer Rundfunkrede begründete der Lite-
raturwissenschaftler Hans Mayer 1948 die
Notwendigkeit der Erinnerung an die Bü-
cherverbrennung, indem er betonte:
„Kaum ein anderes Ereignis aus der Ge-
schichte des Dritten Reiches, besonders
aus seinen Anfängen, ist gleichermaßen ge-
eignet, das Wesen dieser Hitler-Herrschaft,
nämlich den Rückfall in die Barbarei deutlich
zu machen. … Barbarei bedeutet jedoch in
unseren Zeitläufen nichts anderes als den
Rückfall in Gesellschaftsformen, in Denk-
und Lebensweisen, die geistig durch frühere
Epochen bereits überwunden waren.“
Und in diesem Sinne ist die Erinnerung an
die Bücherverbrennung vor 80 Jahren auch
heute noch von Aktualität, wenn man über
Zensur, Ausgrenzung, Rückkehr zu angeb-
lichen Normen und Werten, die eher über-
wunden geglaubten Epochen angehören,
spricht. Das ist Erinnern für die Zukunft.

               „WO MAN BÜCHER VERBRENNT, VERBRENNT MAN AM ENDE AUCH MENSCHEN“
11

                              Schwarze Listen
Die „Schwarze Liste (Schöne Literatur)“            – Frank, Leonhard: alles ausser: Räuber-
ging mit einem Begleitschreiben Dr. Herr-            bande, Ochsenfurter Männerquartett
manns vom 1. Mai 1933 am darauf fol-               – Frey: Pflasterkästen
genden Tag beim Dst (Deutsche Studen-              – Geist, Rudolf
tenschaft)-Hauptamt ein.                           – Gladkow, Fjodor
                                                   – Glaeser, Ernst
Schwarze Liste (Schöne Literatur) Die              – Goll, Iwan
vorliegende Liste nennt alle Bücher und            – Gorki: Der Spitzel, Märchen der Wirk-
alle Autoren, die bei der Säuberung der              lichkeit, Eine Beichte, Wie ein Mensch
Volksbüchereien entfernt werden können.              geboren ward, Das blaue Leben
Ob sie alle ausgemerzt werden müssen,              – Gruenberg, Karl
hängt davon ab, wie weit die Lücken durch          – Hasek, Jaroslav
gute Neuanschaffungen aufgefüllt werden.           – Hasenclever, Walter
Die Liste sagt nichts über den faktischen          – Hemingway: In einem weiten Land
Bestand der einzelnen Büchereien. Sie gilt         – Hermann, Georg: Kubinke, Schnee,
nur als allgemeines Hilfsmittel für Biblio-          Die Nacht des Dr. Herzfeld
theken und Kommissare, die mit der Säu-            – Hirsch: Vorbestraft
berung beauftragt sind.                            – Hofbauer: Der Marsch ins Chaos
– Anthologie jüngster Lyrik                        – Hoffmann: Frontsoldaten
– Anthologie jüngster Prosa                        – Holitscher, Arthur
– Asch, Nathan                                     – Hotopp, Albert
– Asch, Schalom                                    – Illes, Bela
– Babel: Budjonnys Reiterarmee                     – Jacob, Heinrich Eduard: Blut und
– Barbusse, Henri                                    Zelluloid
– Beer-Hofmann, Richard                            – Johannesen: Vier von der Infanterie
– Birkenfeld, Günther                              – Ilff: 12 Stühle
– Bobinskaja: Karbunauri                           – Inber, Vera
– Bogdanow: Das erste Mädel                        – Kaestner, Erich: alles ausser: Emil
– Bonsels: alles ausser: Biene Maja,               – Kallinikow, Josef
  Himmelsvolk                                      – Katajew
– Bley (Franz Blei)                                – Kaus, Gina
– Braune: Mädchen von der Orga Privat              – Kellermann: Der 9. November
– Brecht, Bert                                     – Kerr, Alfred
– Breitbach: Rot gegen Rot                         – Keun, Irmgard
– Brod, Max: alles ausser: Tycho Brahe             – Kesten
– Brück: Schicksale unter 			                      – Kisch, Egon Erwin
  Schreibmaschinen                                 – Klaeber, Kurt
– Carr, Robert                                     – Koeppen: Heeresbericht
– Doeblin, Alfred: alles ausser Wallenstein        – Kollontay, Alexandra
– Don Passos (John Roderigo Dos 		                 – Kurtzig: Dorfjuden
  Passos)                                          – Kusmin
– Dreissig neue Erzähler des neuen 		              – Lhatzko
  Russlands                                        – Lampel, Peter: nur: Verratene Jungen
– Dreissig neue deutsche Erzähler                  – Leitner: Hotel Amerika
– Ebermayer: Die Nacht in Warschau                 – Leonow: Aufbau
– Edschmid, Kasimir: alles ausser: Timur,          – Lernet-Holenia
  Die 6 Mündungen                                  – Lewinsohn: Das Erbe im Blut
– Ehrenburg: alles ausser: Grachus 		              – Libedinsky, Jurij
  Baboeuf                                          – Lidin, Wladimir
– Feuchtwanger, Lion                               – Liepmann, Heinz
– Fink, Georg                                      – Linck: Kameraden im Schicksal

                  ZUR ERINNERUNG AN DIE BÜCHERVERBRENNUNGEN AM 10. MAI 1933
12

– London: Martin Eden, Zwangsjacke,               – Wegner, Armin T.
  Eiserne Ferse                                   – Weiskopf
– Ludwig, Emil                                    – Werfel: alles ausser: Barbara, Verdi,
– Mann, Heinrich                                    Tod des Kleinbürgers
– Mann, Klaus                                     – Woehrle: Querschläger
– Meyer-Eckhard: nur: Das Vergehen                – Zweig, Arnold
  des Paul Wendelin                               – Zweig, Stefan
– Meyrink
– Michael, F.: Die gut empfohlene Frau            Die nachfolgenden schwarzen Listen
– Neumann, Robert: alles ausser:                  „Geschichte“, „Kunst“ sowie „Politik- und
  Mit fremden Federn                              Staatswissenschaften“ gingen mit einem
– Newerow                                         Begleitschreiben Dr. Herrmanns vom 8.
– Ognjew                                          Mai 1933 am darauf folgendem Tag beim
– Olbracht, Iwan                                  Dst-Hauptamt ein.
– Ottwald, Ernst
– Panferow                                        Schwarze Liste VII Belehrende Ab-
– Pantelejew                                      teilung: Geschichte (G und D)
– Pinthus, Kurt                                   Generell: I) Aus der Abteilung Geschich-
– Plivier                                         te des Weltkrieges sämtliche pazifistische
– Regler                                          und defaitistische Literatur entfernen.
– Remarque, Erich Maria                           II) Aus der Abteilung Geschichte Russ-
– Renn, Ludwig: nur: Nachkrieg                    lands (GR) sämtliche probolschewistische
– Ringelnatz                                      Parteiliteratur entfernen.
– Roth                                            – Astrow-Slekow: Illustrierte Geschichte
– Rubiner, Ludwig                                    der russischen Revolution
– Rümann                                          – Barbusse, Henri: 150 Millionen
– Sanzara                                         – Bauer, Otto: Die Österreichische
– Schäffer: Elli oder die sieben Treppen             Revolution
– Schirokauer, Alfred                             – Blos, Wilhelm: Von der Monarchie zum
– Schlump                                            Volksstaat
– Schnitzler, Arthur: alles ausser: Der           – Blum, Oskar: Russische Köpfe
  Weg ins Freie                                   – Cunow, H.: Der Ursprung der Religion
– Schroeder, Karl                                    und des Gottesglaubens
– Seifullina: alles ausser: Der Ausreisser        – Dan, Th.: Sowjetrussland, wie es wirklich
– Seghers, Anna                                      ist; Deutsche Einheit. Deutsche Freiheit.
– Sinclair, Upton                                    Gedenkbuch zum Verfassungstag 1929
– Sochaczewer, Hans                               – Dreiser, Th.: Sowjetrussland
– Sostschenko, Michael                            – Eisner, Kurt: alles
– Seraphimowitsch: Der eiserne Strom              – Fischer, Eugen: Die kritischen 39 Tage
– Ssologub, Fjodor                                   von Sarajewo bis zum Weltbrand
– Suttner: Die Waffen nieder                      – Fischer-Baling, E. Volksgericht, die
– Tetzner: Hans Urian                                deutsche Revolution von 1918
– Thomas, Adrienne                                – Gumpel, E.J.: alles
– Tokunaga                                        – Hahn, Paul: Erinnerungen aus der
– Toller, Ernst                                      Revolution in Württemberg
– Traven: Regierung, Der Karren                   – Hegemann, W.
– Tucholsky, Kurt                                 – Hellwald, Fr. v.: Sittenspiegel (Bd. 1-2)
– Türk                                            – Hobohm, M.: Untersuchungsausschuss
– Ulitz: Ararat, Wobs, Testament                     und Dolchstosslegende
– Unruh: alles ausser: Offiziere,                 – Holitscher, A.
  Louis Ferdinand                                 – Hurwicz, Elias: Geschichte der jüngsten
– Vanek, Karl                                        russischen Revolution
– Wassermann, Jakob                               – Kamerad im Westen
– Wedding: Ede und Unku

              „WO MAN BÜCHER VERBRENNT, VERBRENNT MAN AM ENDE AUCH MENSCHEN“
13

– Kampffmeyer-Altmann: Vor dem 		                – Wells, H.G.: Geschichte unserer Welt. –
  Sozialistengesetz                                Grundlinien der Weltgeschichte (Bd.I-3)
– Kantorowicz, H.U.: Der Geist der                 Wie würde ein neuer Krieg aussehen?
  englischen Politik und die Legende von           Untersuchung, eingel. von der Inter-
  der Einkreisung Deutschlands                     parlamentar. Union
– Kautsky, K.                                    – Wittvogel, K.A.
– Kersten, K.: Bismarck und seine Zeit
– Kisch, E. E.: alles                            Schwarze Liste VIII Belehrende Abtei-
– Kleinberg, A.: Die europäische Kultur          lung: Politik und Staatswissenschaften
  der Neuzeit                                    Vorbemerkung: Die restlose Sperrung der
– Ludwig, E.: alles                              Abteilung Sozialismus geht zu weit, in je-
– Luxemburg, R.: alles                           dem Fall ist das nicht- und vormarxistische
– Marcu, Valeriu: Schatten der Geschichte        deutsche Schrifttum zum Sozialismus
– Mehring, F.: alles                             von der Sperrung auszunehmen. Zum Er-
– Merkenschlager, Fr.: Götter, Helden            satz für die ausrangierten marxistischen
  und Günther                                    Bücher empfiehlt es sich, das parteifreie
– Mueller-Franken, H.: Die November-             Arbeiterschrifttum vor allem aus den Ab-
  Revolution                                     teilungen: Arbeiterfrage, Sozialpolitik,
– Noske, G.: Von Kiel bis Kapp                   Genossenschaftswesen, Bevölkerungsfra-
– Olberg, Oda: Briefe aus Sowjet-Russland        ge, Arbeitsdienst mehr in den Verkehr zu
– Pjanitzki: Aufzeichnungen eines 		             bringen.
  Bolschewisten                                  Außerdem ist darauf zu achten, dass
– Reed: Zehn Tage, die die Welt 		               gerade von der Literatur des wissen-
  erschütterten                                  schaftlichen Marxismus je 1 Exemplar
– Deutsche Revolution. Eine Sammlung             im Giftschrank der Studien-, Haupt- und
  zeitgen. Schriften                             Stadtbüchereien aufgehoben wird.
– Rosenberg, A.: Die Entstehung der              – Abramowitsch, M.: Hauptprobleme
  deutschen Republik                               der Soziologie
– Rühle, O.: Illustrierte Kultur- und            – Adler, Max: alles
  Sittengeschichte des Proletariats              – Asch, Käthe: Die Lehre Charles Fouriers
– Schäffer, Jul.: Die Zerstörung des             – Aufhäuser, S.: alles
  Volksgedankens durch den Rassenwahn            – Balabanoff, A.: alles
– Schapowalow: Auf dem Wege zum                  – Barbusse, H.: Die Henker, 150 Millionen
  Marxismus                                      – Bauer, L.: Morgen wieder Krieg, Die
– Schiff, F.: Die grossen Illusionen der           öffentliche Meinung
  Menschheit                                     – Bauer, O.: alles
– Schiff, V.: So war es in Versailles            – Bebel, A.: Die Frau und der Sozialismus
– Severing, C.: 1919/1920 im Wetter- und         – Bernstein, Ed.: alles
  Wetterwinkel                                   – Bernstein, F.: Der Antisemitismus als
– Sforza, C.: Gestalten und Gestalter              Gruppenerscheinung
  des neuen Europa Die europäischen              – Blos, A.: Die Frauenfrage im Lichte des
  Diktaturen                                       Sozialismus
– Slang, F.: Panzerkreuzer Potemkin              – Borchardt, J.: Einführung in den
– Sommer, Br.: Geschichte der Religionen           wissenschaftlichen Sozialismus
  (Bd.I-2), Die Bibel                            – Brupacher, N.: Marx und Lenin
– Stalin: Auf dem Weg zum Oktober                – Bucharin, N.: Das Programm der
– Trotzki, L.                                      Kommunisten
– Tschuppik, K.: Ludendorff                      – Cohnstaedt: Die Agrarfrage
– Wegener, A.T.: Fünf Finger über Dir,           – Coudenhove-Kalergi, R.N.: alles
  Wehrlos hinter der Front                       – Cunow, H.: Allgemeine Wirtschaftge-
                                                   schichte Bd. 4
                                                 – Danneberg: Zehn Jahre neues Wien
                                                 – Deutsch, Julius: Wehrmacht und
                                                   Sozialdemokratie

                 ZUR ERINNERUNG AN DIE BÜCHERVERBRENNUNGEN AM 10. MAI 1933
14

– Deutsch, Otto: Das Räderwerk des                 – Kampffmeyer, P.: Geschichte der med.
  Roten Betriebes                                    Gesellschaftsklassen in Deutschland
– Dittmann, W.: Die Marinejustizmorde.             – Kautzky, K.: ausser: Der Bolschewismus
  1917                                               in der Sackgasse
– Drehn: Lohnarbeit und Kapital                    – Kobler, F.: Gewalt und Gewaltlosigkeit
– Eckstein, G.: Kapitalismus und 		                – Korn, K.: Die Weltanschauung de
  Sozialismus                                        Sozialismus
– Ehinger: Die sozialen Ausbeutungs-               – Korsch, K.: Marxismus und Philosophie
  systeme                                          – Krakauer, S.: Die Angestellten
– Engels, F.: Sämtliche Schriften, außer:          – Krischanowski: Die Planwirtschaftsarbeit
  Der deutsche Bauernkrieg, Die Lage d.              in der Sowjetunion
  arbeitenden Klassen in England,                  – Krische, P.: alles (Freidenkerverlag)
  Ludwig Feuerbach und der Ausgang der             – Kurella, A.: Mussolini ohne Maske
  klassischen Philosophie                          – Landauer, S.: Aufruf zum Sozialismus
– Erkelenz: I0 Jahre deutsche Republik             – Lasalle: alles, ausser: Assisenreden,
– Fabian, W.: Die Kriegsschuldfrage                  Ueber den besonderen Zusammenhang
– Feiler, A.: Das Experiment des 		                  der gegenwärtigen Geschichtsperiode
  Bolschewismus                                      mit der Idee des Arbeiterstandes
– Fischer, L.: Oelimperialismus                    – Lenin: alles, ausser: Der Radikalismus,
– Foerster, F. W.: alles                             die Kinderkrankheit des Kommunismus,
– Fraenkel, E.: Soziologie der Klassen-              Die Revolution von 1917
  justiz                                           – Lepinski, Fr.: Die jungsozialistische
– Freymuth: Sozialdemokratie und 		                  Bewegung
  Beamtentum                                       – Lichtenberger, Henri: Deutschland und
– Fried, A.H.: Handbuch der 		                       Frankreich
  Friedensbewegung                                 – Liebknecht, K.: Klassenkampf gegen
– Goetz, W.: Deutsche Demokratie                     den Krieg, Reden und Aufsätze, Militaris-
– Graf, G. E.: alles                                 mus und Anti-Militarismus, Studien über
– Gumpel, E. J.: Verräter verfallen                  die Bewegungsgesetze der gesellschaft-
  der Fehme, Verschwörer, Vier Jahre                 lichen Entwicklung
  politischer Mord; Das Heidelberger               – Lindsey, B. B.: Kameradschaftsehe
  Programm                                         – Lion, Hilde: Soziologie der
– Heimann, Ed.: Kapitalismus und                     Frauenbewegung
  Sozialismus, Sozialistische Wirtschafts-         – Lipinski, R.: Die Sozialdemokratie
  und Arbeitsordnung                               – Lowitsch: Energie, Planwirtschaft,
– Hermes, G.: Die geistige Gestalt des               Sozialismus
  marxistischen Arbeiters                          – Lukacz: Geschichte und Klassen-
– Heuss, Th.: Führer aus deutscher Not,              bewusstsein
  Hitlers Weg                                      – Lunatscharski: Kulturaufgaben der
– Hifferding, R.: Das Finanzkapital, 		              Arbeiterklasse
  Die Schicksalsstunde der deutschen               – Luxemburg, R.: alles
  Wirtschaftpolitik                                – Man, H.: alles, ausser: Der Kampf um
– Hillquist, M.: Der Sozialismus                     die Arbeitsfreude
– Hobohm, M.: Dolchstoßlegende                     – Mann, H.: Macht und Mensch
– Hodann, Max: Geschlecht und Liebe                – Mann, Th.: Von deutscher Republik,
– Hoelz, Max: alles                                  Deutsche Aussprache
– Hofbauer, J.: Im roten Wien                      – Marck, Siegfried: Alles
– Ilgenstein: Die religiöse Gedankenwelt           – Marx, K.: alles
  des Sozialismus                                  – Mehrung, Fr.: alles
– Juchacz: Arbeiterwohlfahrt                       – Mennicke, Karl: Der Sozialismus
– Jugow, A.: Fünfjahresplan, Die Volkswirt-        – Naphtali, Fr.: Wirtschaftsdemokratie
  schaft der Sowjetunion                           – Nenni, P.: Todeskampf der Freiheit
                                                   – Nitti, Fr.: Bolschewismus, Faschismus
                                                     und Demokratie

             „WO MAN BÜCHER VERBRENNT, VERBRENNT MAN AM ENDE AUCH MENSCHEN“
15

– Noelting, E.: Einführung in die Theorie         – Velde, Th. H. van de: Die Abneigung
  der Volkswirtschaft                               in der Ehe
– Olberg, Oda: Der Faschismus in Italien,         – Vorländer: Kant, Fichte, Hegel und der
  Die Entartung in ihrer Kulturbedingtheit          Sozialismus
– Oppenheimer, L.: Die soziale Frage,             – Wehberg, Claus: Die Führer der
  Das Grundgesetz der marxistischen                 deutschen Friedenbewegung, Grund-
  Gesellschaft                                      probleme des Völkerbundes?
– Otto, Berthold: Mammonismus,                    – Weisengrün: Marxismus
  Militarismus, Krieg und Frieden                 – Weiss, Fr.: Politisches Handbuch
– Pannekoek: Marxismus und 		                     – Weissbuch über die Schwarze Reichs-
  Darwinismus                                       wehr (Liga für Menschenrechte)
– Pashitnow: Die Lage der arbeitenden             – Weitzsch-Lotze: Zahlen, die uns
  Klassen                                           angehen
– Piechowsky, P.: Proletarischer Glaube           – Windegg, W.: Arme und Reiche
– Popp, A.: Der Weg zur Hölle                     – Wittfogel, K. A.: alles, ausser: Das
– Preuss, Hugo: Deutschlands republika-             erwachende China
  nische Reichsverfassung, Staat, Recht           – Woker, G.: Der kommende Gift- und
  und Freiheit, Verfassungspolitische               Brandkrieg, 10 Jahre Weimarer
  Entwicklungen                                     Verfassung. 1929
– Protokolle über die Verhandlungen des           – Ziegler, A.: Schwurzeugnis des
  Parteitages der S.P.D.                            Antisemitismus, Zusammenstellung von
– Radbruch, G.: Kulturlehre des 		                  Reden zum Verfassungstag
  Sozialismus
– Rathenau, W.: Der neue Staat
– Reuer, K.: Der geistige Arbeiter in
  der gegenwärtigen Gesellschaft, Die
  Wirtschaft als Gesamtprozess …,
  Marxismus, Krieg und Internationale
– Rosenbaum: Ferdinand Lasalle
– Schoenaich; Frh. v.: alles
– Seger, G.: Arbeiterschaft und Pazifismus
– Sinclair, U.: Religion und Profit
– Sinowjew: Die Geschichte der
  kommunistischen Partei Russlands
– Stalin: Lenin und der Leninismus, Auf
  dem Wege zum Oktober
– Sternberg, Fritz: Der Imperialismus, Der
  Niedergang des deutschen Kapitalismus
– Stier-Somlo, Fr.: (Katholisch getaufter
  Jude und Separatist) alles, ausser: den
  kommunalpolitischen Schriften
– Striemer, A.: Zur Kritik der freien
  Wirtschaft
– Ströbel, H.: Steuerschande und
  Wirtschaftstrug
– Suhr, O.: Die Welt der Wirtschaft
– Suttner, B.: Die Waffen nieder
– Tichauer, Th.: Soziale Bildung
– Tillich, P.: Die sozialistische
  Entscheidung
– Toller, E.: Justiz
– Trotzki, L.: alles
– Urbantschitsch: Die Probeehe

                 ZUR ERINNERUNG AN DIE BÜCHERVERBRENNUNGEN AM 10. MAI 1933
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                             Die Feuersprüche
Während der Verbrennung der Bücher spiel-           4. Rufer: Gegen seelenzerfasernde Über-
ten SA- und SS-Kapellen vaterländische              schätzung des Trieblebens, für den Adel
Weisen und Marschlieder, bis neun Vertreter         der menschlichen Seele! Ich übergebe der
der Studentenschaft, denen die Werke nach           Flamme die Schriften des Sigmund Freud.
einzelnen Gebieten zugeteilt waren, mit mar-        5. Rufer: Gegen Verfälschung unserer Ge-
kanten Worten die Bücher des undeutschen            schichte und Herabwürdigung ihrer großen
Geistes dem Feuer übergaben.                        Gestalten, für Ehrfurcht vor unserer Vergan-
1. Rufer: Gegen Klassenkampf und Mate-              genheit! Ich übergebe der Flamme die Schrif-
rialismus, für Volksgemeinschaft und idea-          ten von Emil Ludwig und Werner Hegemann.
listische Lebenshaltung! Ich übergebe der           6. Rufer: Gegen volksfremden Journalismus
Flamme die Schriften von Marx und Kautsky.          demokratisch-jüdischer Prägung, für verant-
2. Rufer: Gegen Dekadenz und moralischen            wortungsbewußte Mitarbeit am Werk des
Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und         nationalen Aufbaus! Ich übergebe der Flam-
Staat! Ich übergebe der Flamme die Schrif-          me die Schriften von Theodor Wolff und Ge-
ten von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und            org Bernhard.
Erich Kästner.                                      7. Rufer: Gegen literarischen Verrat am Sol-
3. Rufer: Gegen Gesinnungslumperei und              daten des Weltkrieges, für Erziehung des
politischen Verrat, für Hingabe an Volk und         Volkes im Geist der Wahrhaftigkeit! Ich über-
Staat! Ich übergebe der Flamme die Schrif-          gebe der Flamme die Schriften von Erich
ten von Friedrich Wilhelm Förster.                  Maria Remarque.
                                                     8. Rufer: Gegen dünkelhafte Verhunzung
                                                     der deutschen Sprache, für Pflege des kost-
                                                     barsten Gutes unseres Volkes! Ich überge-
                                                     be der Flamme die Schriften von Alfred Kerr.
                                                     9. Rufer: Gegen Frechheit und Anma-
                                                     ßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem
                                                     Unsterblichen

               „WO MAN BÜCHER VERBRENNT, VERBRENNT MAN AM ENDE AUCH MENSCHEN“
17

    Bericht Bücherverbrennung in Frankfurt/M.
Ein nicht nur mit Büchern hoch beladener,
von zwei Ochsen bespannter Wagen zog
am Abend des 10. Mai in Begleitung von
Dozenten, Studenten, SA und SS zum Rö-
merberg, wo er gegen 21 Uhr eintraf. Der
Wagen, mit dem üblicherweise der Stallmist
auf die Felder gefahren wurde, war von ei-
nem Frankfurter Landwirt gemietet worden.
An der Spitze des Zuges spielte eine SS-
Kapelle Märsche, dann folgten NS-Dozen-
tenschaft und NSDStB in Uniform und mit
Fahnen, am Ende marschierten die studen-
tischen Korporationen in vollem Wichs und
mit ihren Fahnen. Laut Bericht des „Frank-
furter Generalanzeigers“ vom 11. Mai 1933            rungen vornehmen mussten. Die Bücher-
harrten auf dem Römerberg etwa 15.000                verbrennung feierte Fricke laut „Volksblatt“
Frankfurterinnen und Frankfurter des Er-             als „Bekenntnis zum deutschen Wesen“ und
eignisses, auf das Pressemeldungen schon             „zur von Hitler geführten Revolution“. Im An-
Tage zuvor aufmerksam gemacht hatten.                schluss an die Rede wurde die 1. Strophe
Die SS-Kapelle intonierte beim Eintref-              des alten Studentenliedes „Burschen her-
fen des Zuges auf dem Römerberg den                  aus!“ gesungen.
Chopin’schen „Trauermarsch“. Der Mistwa-             Dann sprach Hochschulgruppenführer Ge-
gen hielt neben dem Scheiterhaufen, den              org Wilhelm Müller. Er bezeichnete die an-
nationalsozialistische Studenten am Nach-            stehende Verbrennung als „symbolisches
mittag errichtet hatten. Zudem standen ei-           Bekenntnis zum neuen Staat und zum deut-
nige Kanister Benzin bereit. Dann bestieg            schen Geist“ und nannte die Namen der
Hochschulpfarrer Otto Fricke den Holzstoß.           Autorinnen und Autoren, deren Werke vom
Er verglich die anstehende Bücherverbren-            Wagen in das Feuer geworfen wurden: Karl
nung mit Luthers Verbrennung der päpstli-            Marx, Wladimir Iljitsch Lenin und Leo Trotz-
chen Bannbulle und der Verbrennung von               ki, Heinrich Mann und Stefan Zweig, Lion
als reaktionär geltender Schriften und Ge-           Feuchtwanger und Alfred Döblin, Erich Ma-
genstände durch studentische Burschen-               ria Remarque und Ludwig Renn, Jacob
schaften 1819 auf der Wartburg. Den an-              Wassermann, Emil Ludwig, Clara Zetkin,
stehenden Verbrennungsakt wollte Fricke              Erich Kästner, Franz Werfel, und, so das
als Beweis dafür verstanden wissen, dass             „Frankfurter Volksblatt“, „viele andere“. Die
„undeutscher Geist“ endgültig von der „deut-         SS-Kapelle intonierte das Horst-Wessel-
schen“ Hochschule verbannt sei und das               Lied, die Menge sang, „und mit Hochrufen
„deutsche Volk“ wieder zu sich selbst ge-            auf den Reichskanzler Hitler“ („Generalan-
funden habe. Mit einem „Heil“ auf das „deut-         zeiger“) oder „einem dreifachen Sieg-Heil
sche“ Vaterland und den „Volkskanzler Adolf          auf Hitler“ („Frankfurter Volksblatt“) endete
Hitler“ schloss der evangelische Studenten-          die Bücherverbrennung.
seelsorger die Ansprache.
Laut dem Bericht des „Frankfurter Volks-             Janine Burnicki/Jürgen Steen,
blatts“ vom 11. Mai 1933 waren bereits die           Historisches Museum © Stadt Frankfurt am
zum Römerberg führenden Straßen so über-             Main. Text erstellt 2003, aktualisiert
füllt, dass Polizei und SA frühzeitig Absper-        am 30.09.2003

                   ZUR ERINNERUNG AN DIE BÜCHERVERBRENNUNGEN AM 10. MAI 1933
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                            Alfred Kantorowicz
    Stichtag der Barbarei – Kampftag der Kultur

Der 10. Mai ist zu einem historischen Datum          war nicht nur der Widerschein der Flamme,
geworden. Hitler machte diesen Tag zum               die das kalte Gemächsel des Propaganda-
Stichtag seiner Offensive gegen die West-            chefs angezündet hatte, es war der helle Irr-
mächte: am 10. Mai überfielen seine Pan-             sinn der faschistischen Demagogie.
zerdivisionen ohne Kriegserklärung Holland,          Ein zweiter folgte: „Gegen moralischen Ver-
Belgien und Luxemburg.                               fall! Für Sitte, Familie und Staat! Ich über-
Das Datum war wohl kaum ganz zufällig ge-            gebe der Flamme die Schriften von Heinrich
wählt; wahrscheinlich ist, daß Goebbels sich         Mann!“ Und es war dem stumpfen Gesicht
da ein mephistophelisches Witzchen erlaubt           dieses Burschen anzusehen, daß er nie ein
hat. Er ist ja für symbolische Akte. Genau am        Buch von Heinrich Mann gelesen hatte.
10. Mai 1933 hatte er der Welt schamlos an-          Den Feuerreigen beschloß der Spruch: „Ge-
gekündigt, was sie vom Nationalsozialismus           gen Frechheit und Anmaßung! Für Ach-
zu erwarten hatte.                                   tung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen
An diesem Tag flammte in Berlin und al-              deutschen Volksgeist! Verschlinge auch,
len Groß- und Universitätsstädten des Rei-           Flamme, die Schriften der Tucholsky und
ches die Scheiterhaufen, auf denen die vor-          Ossietzky!“
nehmsten Erzeugnisse des europäischen                Und es war mit Händen zu greifen, daß
Geistes seit dem Zeitalter der Aufklärung im         über die schmutzige Bewußtseinsschwelle
Beisein johlenden Pöbels verbrannt wurden.           des Sprechers niemals auch nur ein flüchti-
Josef Goebbels, der in seinem autobiogra-            ger Gedanke an jenen Mann gehuscht war,
phischen Roman „Michael“ bekannt hatte:              der zur gleichen Zeit im Konzentrationslager
„Das Geistige wird mir zum Überdruß! Mich            Sonnenburg von den Hütern eben dieses
ekelt jedes gedruckte Wort“, hielt die „Fest-        „unsterblichen deutschen Volksgeistes“ ge-
rede“ auf dem Opernplatz in Berlin im Na-            quält wurde.
men seines Meisters, der in seinem Buche             „Wir sind nicht und wollen nicht sein das
„Mein Kampf“ in sehr schlechtem Deutsch              Land von Goethe und Einstein. Alles, bloß
die Werke deutscher Dichter und Denker               das nicht“, schrieb der „Kritiker“ Hussong
als „limonadige Ergüsse ästhetisierender             im „Berliner Lokalanzeiger“ als Beitrag zum
Literaten“ verhöhnt hatte. Die Lakaien der           fröhlichen Bücherbrand. Beim Gesang alter
Machthaber klatschten Beifall. So begann             Kriegslieder und beim Klang deutscher Mi-
der Wahnsinn der faschistischen Kulturbar-           litärmärsche sammelte sich der Demonstra-
barei: da standen sie in weitem Viereck um           tionszug, so weiß der „Angriff“ zu berichten.
den Scheiterhaufen, ein feuchter Frühsom-            Und als man die Bücher von Freud, Einstein,
merabend hatte sich auf die Stadt gesenkt,           Lion Feuchtwanger und hundert anderer
kriegerische Märsche erklangen im Hinter-            weltbekannter Autoren jubelnd in die Flam-
grund. Ein blasser Student mit Braunhemd             men geworfen hatte, wurde die Zeremonie
und randlosem Kneifer trat vor und sprach:           beschlossen mit dem gemeinsamen Gesang
„Gegen Klassenkampf und Materialismus!               einer Strophe von „Volk ans Gewehr“ und
Für Volksgemeinschaft und idealistische Le-          dem Horst-Wessel-Lied. Das ganze nannte
bensauffassung! Ich übergebe der Flamme              Goebbels einen symbolischen Akt von his-
die Schriften von Karl Marx!“ Und was in den         torischer Bedeutung. Er hatte Recht damit.
Augen dieses jungen Menschen flackerte,              Das war nur der Anfang gewesen. Die Bü-

               „WO MAN BÜCHER VERBRENNT, VERBRENNT MAN AM ENDE AUCH MENSCHEN“
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cher von Thomas Mann, Romain Rolland,                  unlösbar verbunden mit der Geschichte der
H.G. Wells, Upton Sinclair, Dos Passos, Sin-           westeuropäischen Kultur, die von Lessing
clair Lewis, Gorki, Ehrenburg, Scholochow,             zum jungen Goethe, zu Hölderlin, Grabbe,
Selma Lagerlöf, Karin Michaelis, Martin                Heine führen, sind übernommen worden von
Andersen-Nexö, Werfel, Thomas Masaryk                  der Literatur der Emigration, die die wahre
– ja schlechterdings fast die gesamte welt-            deutsche Literatur ist.
bedeutende zeitge-
nössische        Litera-
tur und Soziologie
wurde auf die Liste
der „Schmutz- und
Schundliteratur“ ge-
setzt,       verbrannt,
verboten, zensiert,
entstellt, de facto
unterdrückt und den
Klassikern der Welt-
literatur ging es nicht
viel besser: Lessing,
der vor nunmehr
zweihundert Jahren
das Gebot der To-
leranz in deutschen
Landen verkündet
hatte, wurde als Ju-
denknecht geächtet,
Schillers Freiheits-
dramen wurden zen-
siert oder verboten,
Heines Gedichte zu
lesen gilt als Hochverrat, Voltaire und die En-        Aus: Kunst und Wissen, London,
zyklopädisten sind auf dem Index und Tols-             Mai 1943, hrsg. vom Freien Deutschen
tois „Krieg und Frieden“ zu lesen wird wohl            Kulturbund
heutzutage eine revolutionäre Tat im Nazi-
reich sein. Das war alles keine Affekthand-
lung, sondern eine planmäßige Aktion der
nationalsozialistischen Staatsräson, die mit
allen Mitteln verhindern muß, daß die Wahr-
heit, die in allen guten Büchern enthalten ist,
auf ihre Anhänger einwirke oder zur Waffe in
den Händen ihrer Feinde werde.
Das Todesurteil gegen den Geist und die
Kultur aber war in absentia vollstreckt wor-
den: Beide waren ins Exil gegangen. Sie hat-
ten jenseits der Grenzen ein äußeres Refugi-
um, innerhalb der Grenzen aber ein inneres
Refugium im Herzen und im Verstande des
besseren Teils der Deutschen gefunden. Die
großen Traditionen der deutschen Literatur,

                    ZUR ERINNERUNG AN DIE BÜCHERVERBRENNUNGEN AM 10. MAI 1933
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