Wurzelkanaldesinfektion - Spüllösungen und Aktivierungstechniken

 
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Wurzelkanaldesinfektion - Spüllösungen und Aktivierungstechniken
ENDODONTIE

Wurzelkanaldesinfektion – Spüllösungen
und Aktivierungstechniken
Tina Rödig
                                                                                                Online-Wissenstest
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  Indizes
  Desinfektion, Laser, Schall, Spülflüssigkeiten, Ultraschall

  Zusammenfassung

  Die chemomechanische Aufbereitung des Wurzelkanalsystems stellt neben der bakteriendichten
  Restauration den wichtigsten Bestandteil der Therapie dar und beeinflusst den Erfolg der Behandlung
  maßgeblich. Ein optimales Desinfektionskonzept sollte vor allem die mikrobiologische Ausgangs-
  situation berücksichtigen und zwischen nichtinfizierten und infizierten Kanalsystemen differenzieren.
  In diesem Beitrag werden die Eigenschaften, Limitationen sowie Interaktionen verschiedener
  Spüllösungen vorgestellt und die Techniken der schall-, ultraschall- und lasergestützten Aktivierung
  erläutert. Abschließend werden Spülprotokolle für verschiedene klinische Situationen abgeleitet.

Einleitung                                             Vordergrund, um die Voraussetzung für die Heilung
                                                       einer apikalen Parodontitis zu schaffen (Prinzip der
Mikroorganismen sowie deren Stoffwechselpro-           Antisepsis).
dukte stellen den entscheidenden ätiologischen Fak-
tor für die Entstehung und Persistenz pulpaler und     Mikrobiologische und anatomische
periradikulärer Erkrankungen dar7. Aus diesem
Grund sind die Reinigung und Desinfektion des Ka-
                                                       Grundlagen
nalsystems sowie die koronale Restauration die         Mithilfe moderner molekulargenetischer Methoden
wichtigsten Schritte der endodontischen Therapie.      wurden bislang mehr als 500 Mikroorganismen im
Grundsätzlich muss zwischen zwei verschiedenen         Wurzelkanalsystem identifiziert. Bei primären In-
klinischen Diagnosen differenziert werden, da sie      fektionen schwankt die Keimzahl zwischen 103
sich hinsichtlich der mikrobiologischen Ausgangs-      und 108 Mikroorganismen, wobei durchschnittlich
situation sowie der Prognose voneinander unter-        35 verschiedene Bakterienspezies mit großer inter-
scheiden. Im Fall einer Vitalexstirpation befinden     individueller Variabilität in einem Kanalsystem
sich keine Mikroorgansimen im irreversibel entzün-     vorhanden sind. Dabei handelt es sich überwiegend
deten Pulpagewebe, sodass eine iatrogene Infektion     um anaerobe gramnegative (v. a. Proteobakterien,
des sterilen Endodonts unbedingt vermieden wer-        Bacteroidetes und Fusobakterien) sowie grampositi-
den muss (Prinzip der Asepsis). Im Gegensatz dazu      ve Bakterien wie Firmicuten (z. B. Peptostreptokok-
ist bei einer Pulpanekrose nicht nur das pulpale       ken, Laktobazillen) und Aktinobakterien. In wurzel-
Gewebe, sondern auch das angrenzende Kanal-            kanalgefüllten Zähnen mit persistierender apikaler
wanddentin infiziert. In dieser Situation steht die    Parodontitis treten im Vergleich zu primären Infek-
umfangreiche Reduktion der Mikroorganismen im          tionen deutlich weniger Bakterienspezies auf, die

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Tina Rödig

sich vermehrt aus grampositiven Kokken (z. B. Strep-
tokokken, Enterokokken) zusammensetzen und eine
Subpopulation des ursprünglichen endodontischen
Mikrobioms darstellen. Die vor einigen Jahren ver-
mutete Bedeutung von Enterococcus faecalis als
wichtigster pathogener Keim bei der Entstehung
postendodontischer Erkrankungen wird mittlerweile
angezweifelt14. Ebenso wurde die ursprüngliche An-
nahme, dass Hefepilze (v. a. Candida albicans) über-
wiegend bei persistierenden Infektionen auftreten,
inzwischen revidiert. Neuere Untersuchungen bele-
gen für Candida albicans eine relativ geringe Präva-
lenz von ungefähr 8 % unabhängig von der Art der
Infektion9.
                                                           Abb. 1 Mit Biofilm bedeckte Wurzelkanalwand (20-fache
   Mikroorganismen bilden einen an der Kanalwand
                                                           Vergrößerung).
anhaftenden Biofilm (Abb. 1), wodurch sich ihre
Resis­tenz gegenüber antimikrobiellen Substanzen
im Vergleich zu planktonischen Bakterien bis um das
1.000-Fache erhöht. Die mikrobielle Kolonisation
schreitet entlang der Dentintubuli in das Kanalwand-
dentin fort, wobei die Infektion in der Regel koronal
ausgeprägter ist als apikal.
   Obwohl dieses infizierte Dentin während der me-
chanischen Präparation teilweise entfernt wird, ver-
bleiben aufgrund der anatomischen Komplexität
des Endodonts (Abb. 2) trotz Verwendung moderner
Nickel-Titan (NiTi)-Systeme große Anteile der Kanal-
oberfläche unbearbeitet. In Abhängigkeit von der
                                                           Abb. 2 Die mikrocomputertomografische Aufnahme
Morphologie werden insbesondere bei ovalen Ka-             eines Unterkiefermolaren verdeutlicht die komplexe
nalsystemen bis zu 80 % der Dentinoberfläche nicht         Anatomie mit Isthmen und Seitenkanälen.
präpariert16 (Abb. 3). Diese Bereiche können Gewe-
bereste sowie im Fall einer infizierten Pulpanekrose
Mikroorgansimen enthalten und somit die Entste-
hung oder Persistenz einer apikalen Parodontitis be-
günstigen.
   Die mechanische Präparation verringert zwar die
Anzahl der Mikroorganismen um den Faktor 100 bis
1.000, führt jedoch als alleinige Maßnahme nicht
zu einer suffizienten Desinfektion des Endodonts.
Aus diesem Grund müssen antimikrobiell wirksame
und gewebeauflösende Spülflüssigkeiten verwen-
det werden, um eine ausreichende Keimreduktion
für die Heilung einer apikalen Parodontitis zu ge-
währleisten.
   Während der mechanischen Bearbeitung des Ka-            Abb. 3 Horizontaler Querschnitt durch einen Unterkiefer-
naldentins entsteht eine Schmierschicht („Smear            molaren. Die seitlichen, nichtinstrumentierten Bereiche
layer“, Abb. 4), die neben anorganischen (Hydroxyl-        enthalten Gewebereste.

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                                                            rungen, sodass eine Kombination verschiedener
                                                            Spülflüssigkeiten unter Berücksichtigung mög­licher
                                                            Interaktionen sinnvoll erscheint.

                                                            Natriumhypochlorit
                                                            Natriumhypochlorit (NaOCl) weist einen pH-Wert
                                                            von 11 bis 12 auf und stellt die Standardspülflüssig-
                                                            keit in der modernen Endodontie dar. Sie ist die ein-
                                                            zige Spüllösung, die sowohl nekrotisches als auch
                                                            vitales Pulpagewebe auflösen und die organischen
                                                            Bestandteile der Schmierschicht entfernen kann.
                                                            Ferner besitzt es bakterizide, viruzide und fungizide
                                                            Eigenschaften und ist in der Lage, den Biofilm zu
                                                            zerstören. NaOCl verfügt über eine gute Wirksam-
Abb. 4 Die präparationsbedingte Schmierschicht bedeckt
                                                            keit gegenüber den meisten endodontisch relevan-
die Eingänge der Dentintubuli (5.000-fache Vergrößerung).
                                                            ten Keimen und ist in Konzentrationen von 0,5 bis
                                                            6 % verfügbar. Obwohl einige experimentelle Unter-
                                                            suchungen einen Zusammenhang zwischen anti-
apatit) auch organische Bestandteile (Kollagenfa-           bakterieller Wirksamkeit und Konzentration feststell-
sern, pulpale Gewebereste, Odontoblastenfortsätze,          ten, belegen klinische Daten eine vergleichbare
Bakterien) enthält. Da diese Schmierschicht durch           antimikrobielle Effektivität von niedrig- und hoch-
die Wurzelkanalinstrumente in die Dentintubuli ge-          konzentriertem NaOCl3. Darüber hinaus ist die Hei-
presst wird, verhindert sie eine Penetration des­           lung einer apikalen Parodontitis bei Primärbehand-
infizierender Substanzen in tiefere Schichten des           lungen von der Konzentration des verwendeten
Kanalwanddentins, reduziert die Adaptation der              NaOCl unabhängig17. Da mit zunehmender Konzent-
Füllmaterialien und dient den im Kanalsystem ver-           ration auch das Risiko einer Gewebeschädigung bei
bliebenen Mikroorganismen als Substrat. Aus die-            Kontakt mit den periradikulären Strukturen steigt,
sen Gründen wird nach der Wurzelkanalpräparation            wird häufig die Verwendung von 1%igem NaOCl
eine Entfernung der Schmierschicht empfohlen, ob-           empfohlen17,19.
wohl ihre klinische Relevanz für die Prognose der               Sowohl die gewebeauflösende als auch die anti-
Behandlung bislang ungeklärt ist18.                         mikrobielle Wirksamkeit des NaOCl ist von der Men-
                                                            ge an frei verfügbarem Chlor abhängig, welches je-
Spülflüssigkeiten                                           doch durch den Kontakt mit organischem Material
                                                            oder Bakterien innerhalb von 1 bis 2 Min. verbraucht
Aufgrund der zuvor genannten mikrobiologischen              wird. Daher ist es vor allem bei niedrigkonzentrier-
und anatomischen Limitationen der Wurzelkanal-              tem NaOCl sinnvoll, das Volumen der Spülflüssig-
präparation ist eine zusätzliche Anwendung gewe-            keit und die Häufigkeit des Flüssigkeitsaustausches
beauflösender und desinfizierender Spüllösungen             zu erhöhen. Für eine effektive Desinfektion sollte die
notwendig. Dabei sollte eine ideale Spülflüssigkeit         Kontaktzeit des NaOCl auf den Biofilm mindestens
sowohl biologische Merkmale wie antimikrobielle             30 Min. betragen. Hierfür kann das Kavum unmittel-
Wirksamkeit mit Desintegration des Biofilmes, gute          bar nach der Präparation der Zugangskavität mit
Biokompatibilität, keine Veränderung der Dentin­            NaOCl gefüllt werden, um die koronalen Kanalberei-
eigenschaften als auch chemische und mechanische            che bereits zu Beginn der Behandlung ausreichend
Funktionen wie Auflösung von Pulpagewebe und                zu desinfizieren. Während der weiteren Instrumen-
Schmierschicht und Abtransport von Debris, Lubri-           tierung sollten die Kanalsysteme stets mit frischem
kation der Instrumente aufweisen. Zum aktuellen             NaOCl gefüllt sein, um eine ausreichende Einwirk-
Zeitpunkt erfüllt keine Spüllösung all diese Anforde-       zeit zu gewährleisten.

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Abb. 5 Der Kontakt von Natriumhypochlorit (NaOCl) und      Abb. 6 Freigelegte Dentintubuli nach Entfernung der
Chlorhexidin (CHX) führt zur Bildung eines unlöslichen     Schmierschicht (2.000-fache Vergrößerung).
Präzipitates.

Chlorhexidindigluconat                                     Parachloranilin entsteht, ist bislang nicht abschlie-
                                                           ßend geklärt. Das Präzipitat verursacht jedoch in je-
Chlorhexidin (CHX) wird in 2%iger Konzentration            dem Fall irreversible Zahnverfärbungen und redu-
als Spüllösung oder als gelförmige intrakanaläre           ziert die Permeabilität der Dentintubuli. Es ist
Einlage verwendet. CHX besitzt ein breites anti­           fraglich, ob Zwischenspülungen mit Alkohol oder
mikrobielles Spektrum, wobei es eine bessere Wirk-         einem Chelator die Bildung dieses Präzipitates voll-
samkeit gegen grampositive Kokken als gegen                ständig verhindern können10. Aufgrund dieser ver-
gramnegative Bakterien und Hefepilze aufweist.             schiedenen Aspekte wird die Verwendung von CHX
Aufgrund der kationischen Struktur lagert sich CHX         in der Endodontologie mittlerweile angezweifelt, so-
an das Hydroxylapatit des Dentins an und verfügt           dass es in aktuellen Spülprotokollen nicht oder nur
somit über eine hohe Substantivität, d. h. eine pro-       noch mit Zurückhaltung empfohlen wird2,11.
longierte Wirkung über mehrere Wochen. Die Mehr-
zahl der klinischen Studien belegt allerdings keinen       Chelatoren
signifikanten Unterschied hinsichtlich der antimikro-      Chelatoren wie Ethylendiamintetraessigsäure (EDTA)
biellen Effektivität von CHX und NaOCl15. Aufgrund         und Zitronensäure sind in der Lage, mit den Cal­
der fehlenden gewebeauflösenden Wirkung stellt             ciumionen des Dentins stabile Komplexe zu bilden
CHX keine Alternative zu NaOCl als Standardspül-           und somit die anorganischen Bestandteile der
flüssigkeit dar.                                           Schmierschicht aufzulösen. Dabei wird EDTA in
   Darüber hinaus wurde nach CHX-Spülung eine              einer Konzentration von 17 % verwendet, während
Umstrukturierung des Biofilmes mit Veränderung             Zitronensäure in 10%iger Konzentration empfohlen
der viskoelastischen Eigenschaften festgestellt, die       wird. In Kombination mit NaOCl wird die Schmier-
in einer schlechteren Entfernbarkeit des Biofilmes         schicht bereits durch eine einminütige Spülung mit
mithilfe von Spülflüssigkeiten resultiert2.                EDTA oder Zitronensäure entfernt und die Dentin­
   Ein weiterer Nachteil besteht darin, dass eine          tubuli freigelegt (Abb. 6), wodurch die antimikro­
Mischung von CHX und NaOCl unabhängig von                  bielle Wirkung desinfizierender Substanzen in tie­
der Konzentration und der Menge beider Flüssig­            feren Dentinschichten gesteigert wird. Obwohl
keiten zur Bildung eines rotbraunen Präzipitates           Chelatoren keine nennenswerten antimikrobiellen
führt (Abb. 5). Ob und in welcher Menge bei dieser         Eigenschaften aufweisen, schwächen sie aufgrund
Reaktion das im Tierversuch kanzerogen wirkende            ihrer calciumbindenden Fähigkeit die Biofilmmatrix

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ENDODONTIE

                                                        Abb. 7 Flexible Spülkanülen aus Polypropylen mit seit­­-
                                                        licher Öffnung (oben: IrriFlex, Fa. Produits Dentaires SA,
                                                        Vevey, Schweiz) und Edelstahl mit apikaler Öffnung
                                                        (unten: NaviTip, Fa. Ultradent Products, South Jordan, UT,
                                                        USA). Die Insertionstiefe wird entweder mit Längen­
                                                        markierungen oder Stopper kontrolliert, wobei Kanülen mit
                                                        seitlicher Öffnung auf eine Arbeitslänge (AL) von 1 mm
                                                        und apikal offene Kanülen auf eine AL von 3 mm inseriert
                                                        werden sollten.

und tragen somit zur Desintegration und Auflösung       USA) verwendet werden (Abb. 7). Diese Kanülen
des Biofilmes bei.                                      können auch in gekrümmten Kanälen – apikale Prä-
   Die erneute Anwendung von NaOCl nach der             parationsgrößen von 25/.08, 30/.06 oder 40/.02 vor-
Spülung mit EDTA sollte vermieden oder auf maxi-        ausgesetzt – ohne Friktion bis auf eine Arbeitslänge
mal 30 Sek. beschränkt werden, um ausgedehnte           −1 bis −3 mm inseriert werden, um somit das Ex­
Erosionen des Wurzelkanaldentins zu vermeiden. Da       trusionsrisiko der Spülflüssigkeit zu minimieren.
EDTA das die Kollagenfasern umgebende Hydroxyl-             Die manuelle Spültechnik weist jedoch einige Li-
apatit bindet, führt eine abschließende Spülung mit     mitationen im Hinblick auf die mechanische Effekti-
NaOCl zu einer ausgeprägten Demineralisation und        vität auf. Dazu zählen beispielsweise eine vergleichs-
Schädigung des exponierten Kollagens13. Es ist          weise niedrige Fließgeschwindigkeit mit zu geringen
nicht auszuschließen, dass die damit verbundene         Scherkräften, die ein Ablösen des Biofilmes von der
Schwächung des Dentins zu einer gesteigerten Frak-      Kanalwand und das Herausspülen von Debris er-
turanfälligkeit des Zahnes beiträgt.                    schweren. Weiterhin findet nur eine unzureichende
   Da Chelatoren bei Mischung mit NaOCl die ge-         Penetration der Spüllösung in schwer zugängliche
webeauflösende und antibakterielle Wirksamkeit          Bereiche wie Isthmen, Irregularitäten und Ramifika-
des NaOCl nahezu vollständig inhibieren, sollten        tionen statt. Aus diesem Grund stehen verschiedene
die Spüllösungen nicht abwechselnd verwendet            Techniken für die Aktivierung von Spüllösungen zur
werden. Vielmehr werden Chelatoren nach der Prä-        Verfügung, die akustische Mikroströmungen und
paration als Abschlussspülung angewendet, um die        somit höhere Scherkräfte innerhalb der Flüssigkeit
anorganischen Anteile der Schmierschicht zu ent­        erzeugen. Daraus resultieren höhere Strömungs­
fernen.                                                 geschwindigkeiten als bei der Handspülung, welche
                                                        die Reinigung und Desinfektion besonders in me-
Aktivierung der Spülflüssigkeiten                       chanisch nicht zugänglichen Bereichen verbessern.
                                                            Die Aktivierung der Spülflüssigkeit kann nach
In der Regel werden Spüllösungen manuell mithilfe       Abschluss der Präparation u. a. mit schallaktivierten
einer Spritze und einer Kanüle appliziert. Abhängig     Instrumenten (EndoActivator, Fa. Dentsply Sirona,
vom Design der Spülkanüle (seitlich oder apikal         Bensheim; EDDY, Fa. VDW, München), Systemen
offen) ist jedoch der effektive Austausch der Spül-     mit Unterdruck (EndoVac, Fa. Kerr, Rastatt), Er:YAG-
flüssigkeit auf 1 bis 3 mm nach Austritt aus der Ka-    Lasern („Photon initiated photoacoustic streaming,
nüle limitiert. Für eine effektive Desinfektion des     PIPS) sowie ultraschallaktivierten Instrumenten
Apikalbereiches sollten daher möglichst dünne Spül­     (EndoUltra, Fa. Coltene, Altstätten, Schweiz ; VDW.
kanülen mit einem Außendurchmesser von 0,3 mm           Ultra, Fa. VDW) durchgeführt werden. Nachfolgend
(IrriFlex, Fa. Produits Dentaires SA, Vevey, Schweiz;   wird die schall-, ultraschall- und lasergestützte Ak­
NaviTip, Fa. Ultradent Products, South Jordan, UT,      tivie­rung kurz beschrieben und bewertet.

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Wurzelkanaldesinfektion - Spüllösungen und Aktivierungstechniken
Tina Rödig

Schallaktivierung

Der EndoActivator ist ein batteriebetriebenes Hand-
stück, das Polymerspitzen unterschiedlicher Größe
(15/.02, 25/.04, 35/.04) mit Frequenzen im Schallbe-
reich von 33 bis 166 Hz und einer Amplitude der
Spitze von ca. 1 mm in Schwingung versetzt.
   Der EDDY ist ebenfalls eine schallaktivierte In­
stru­mentenspitze aus Polyamid, die mit einem Air-
scaler und Frequenzen von bis zu 6.000 Hz sowie
einer Amplitude von ca. 350 µm betrieben wird
(Abb. 8). Da die EDDY-Spitze eine Größe von 25/.04
                                                           Abb. 8 Mikroströmungen in der Spülflüssigkeit durch
aufweist, wird für eine ungehinderte Schwingung
                                                           Schallaktivierung (EDDY, Fa. VDW, München).
eine minimale Präparationsgröße des Wurzelkanals
von 25/.06 empfohlen. Beide Systeme haben den              Abb. 9
Vorteil, dass die im Vergleich zum Dentin weicheren        Ultraschall­
Polymerspitzen keine Stufenbildungen verursachen.          aktivierung mit
Die Reinigungswirkung der schallaktivierten Spü-           einem glatten
lung wird im Vergleich zur Handspülung als über­           In­strument der
                                                           Größe 20/.02
legen beurteilt. In-vitro-Studien belegen eine ver-
                                                           (EndoUltra,
gleichbare oder sogar gesteigerte antimikrobielle          Fa. Coltene,
Wirksamkeit der schallgestützten Aktivierung im            Alt­stätten,
Vergleich zur Handspülung1. Insgesamt kann die             Schweiz).
Effek­tivität der Schallaktivierung mit dem EDDY-
Ansatz aufgrund der deutlich höheren Frequenz im
Vergleich zum EndoActivator als überlegen einge-           lung im Vergleich zur Handspülung nachgewiesen4.
schätzt und als gleichwertige Alternative zur ultra-       Klinische Daten zur Überlegenheit der Ultraschall­
schallgestützten Aktivierung eingeordnet werden1.          aktivierung im Hinblick auf eine verbesserte Heilung
                                                           periapikaler Läsionen stehen weiterhin aus4.
Ultraschallaktivierung                                        Im Hinblick auf die Entstehung postoperativer
Eine Ultraschallaktivierung der Spülflüssigkeit er-        Beschwer­den belegt eine aktuelle Metaanalyse ei-
folgt mit dünnen K-Feilen oder nichtschneidenden           nen signifikanten Vorteil maschineller Systeme
Instrumenten, z. B. IRRI K oder IRRI S, Fa. VDW der        (Schall, Ultraschall, Unterdruck) für die Aktivierung
Größen 15 bis 20, die mit Frequenzen von 25 bis            der Spülflüssigkeit im Vergleich zur konventionellen
40 kHz und einer Ampli­   tude von ca. 100 µm in           Handspülung5.
Schwingung versetzt werden (Abb. 9). Das Instru-
ment wird dabei in den präparierten Wurzelkanal bis        Laseraktivierung (PIPS)
auf eine Arbeitslänge von –2 bis –3 mm inseriert.          Im Gegensatz zu der in den 1990er-Jahren beschrie-
Ein Wandkontakt der In­     strumentenspitze sollte        benen Anwendung von Nd:YAG-Lasern im trocke-
unbe­dingt vermieden werden, um das Risiko von             nen Wurzelkanal, die aufgrund fehlender Evidenz
Stufenbildungen im Dentin zu reduzieren. Darüber           hinsichtlich der antibakteriellen Wirksamkeit sowie
hinaus führt eine Dämpfung der Schwingungen zu             u. a. der Gefahr thermischer Schädigungen des
einer geringeren Strömungsgeschwindigkeit der              Zahnhalteapparates nicht zu empfehlen ist, wird bei
Spüllösung mit reduzierter Reini­gungswirkung. Auf-        der PIPS-Technik (Fotona Lightwalker, Fa. Fotona,
grund der Ausbildung von Kavitationseffekten und           Ljubljana, Slowenien) die Spülflüssigkeit im Kanal
Mikroströmungen wurde vielfach eine gesteigerte            aktiviert. Hierfür werden Er:YAG-Laser mit einer
Reinigungswirkung der ultra­   schallaktivierten Spü-      Wellenlänge von 2.940 nm verwendet, da diese

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Wurzelkanaldesinfektion - Spüllösungen und Aktivierungstechniken
ENDODONTIE

                                     nicht infiziert                                        infiziert
         Trepanation
                                                                           NaOCl
         Präparation
                                                 NaOCl + Schall-/Ultraschallaktivierung 3 x 20 Sek. pro Kanal
                                                                                         Einwirkzeit 
       nach Präparation
                                                                                          Volumen 
                                                             Chelator (Kontaktzeit max. 60 Sek.)
      Abschlussspülung                                                         NaOCl (Kontaktzeit max. 30 Sek.)
Abb. 10 Spülprotokoll in Abhängigkeit der mikrobiologischen Ausgangssituation. Zur Vermeidung von Dentinerosionen
sollte bei vitalem Gewebe im Anschluss an den Chelator kein Natriumhypochlorit (NaOCl) verwendet werden, da die
Desinfektion hier nicht notwendig ist.

Strahlung in einem für NaOCl und EDTA optimalen                Handspülung signifikant bessere Reinigungswir-
Absorptionsmaximum liegt. Die Laserenergie wird                kung8. Im Hinblick auf die Bakterienreduktion und
dabei mit einer Spitze, die in das mit Flüssigkeit ge-         die Entfernung des Biofilmes zeigt die laseraktivierte
füllte Pulpakavum inseriert ist, und einer Pulsdauer           Spülung gute Ergebnisse12. Eine eindeutige Über­
von 50 µ-Sek. direkt auf die Spüllösung übertragen.            legenheit im Vergleich zu anderen Aktivierungs­
Die verwendeten Einstellungen (Energie: 20 mJ,                 methoden ist bisher allerdings nicht nachgewiesen.
Frequenz: 15 Hz) erzeugen eine Leistung von ledig-             Aufgrund der sehr hohen Anschaffungskosten und
lich 0,3 Watt, sodass thermische Schädigungen                  dem Fehlen klinischer Daten zur verbesserten Er-
des Dentins und des Parodonts ausgeschlossen                   folgsquote nach PIPS-Aktivierung steht eine ab-
sind6. Das schlagartige Erhitzen des NaOCl über den            schließende Bewertung dieser Technik zum gegen-
Siedepunkt hinaus führt zur Entstehung einer sich              wärtigen Zeitpunkt noch aus.
ausdehnende Dampfblase, durch deren Implosion
fotoakustische Schockwellen und Kavitations­                   Spülprotokoll
prozesse innerhalb der Spülflüssigkeit entstehen,
die mit hohen Strömungsgeschwindigkeiten ein­                  Ein optimales Spülkonzept richtet sich nach dem
hergehen.                                                      mikro­
                                                                    biologischen Ausgangsbefund, wobei v. a.
    Die bislang vorliegenden In-vitro-Studien be-              zwischen nichtinfizierten und infizierten Wurzel­
scheinigen der PIPS-Technik eine im Vergleich zur              kanalsystemen differenziert werden muss (Abb. 10).

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Wurzelkanaldesinfektion - Spüllösungen und Aktivierungstechniken
Tina Rödig

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                                 Tina Rödig                                    Poliklinik für Präventive
                                                                               Zahnmedizin, Parodontologie und
                                 Prof. Dr. med. dent.
                                                                               Kariologie
                                 E-Mail:                                       Universitätsmedizin Göttingen
                                 troedig@med.uni-goettingen.de                 Robert-Koch-Straße 40
                                                                               37075 Göttingen

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