10 Jahre Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig

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10 Jahre Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig
10
     Jahre
     Gesunde Städte-
     Netzwerk Leipzig
10 Jahre Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig
10 Jahre Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig
10 Jahre Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig

Inhalt

                                           05   Vorwort

                                           06   Grußwort

                                           08   Aus dem Leben eines Dinosauriers

                                           11   Es hat immer etwas mit Vertrauen zu tun

                                           14   Meilensteine auf dem Weg zur gesunden Stadt Leipzig

                                           16   Mit dem Gesunde Städte-Netzwerk zum „Gesunden Leipzig“

                                           21   Chapeau und weiter so!

                                           22   Spiegelbilder

                                           24   Eine gesunde Stadt braucht engagierte Menschen

                                           25   Gesundheitsfördernde Stadtentwicklung

                                           28   Fehler, Ungemach, Chaos & Kollaps – F.U.C.K.

                                           30   Neue Leitlinien für ein „Gesundes Leipzig“

                                           32   Meine Vision für unsere Stadt

                                           34   10 Jahre in Zahlen

                                           35   Impressum

                                                                                                         03
10 Jahre Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig
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Vorwort

                                           Sehr geehrte Damen und Herren,                  gerade allerorts die Diskussion, nicht nur
                                                                                           im Bereich der Gesundheitsförderung.
                                            Leipzig ist seit 10 Jahren Mitglied im Ge-    Vor diesem Hintergrund rückt die große
                                            sunde Städte-Netzwerk der Bundesrepu-         Bedeutung des bürgerschaftlichen Mitei-
                                            blik Deutschland. Bereits 2010 hatte sich      nanders und Füreinanders einmal mehr
                                            der Stadtrat per Ratsbeschluss für den         in den Fokus und damit auch die zahlrei-
                                            Beitritt in das Netzwerk ausgesprochen         chen Bürgerinitiativen und Selbsthilfe-
                                            und damit den Weg bereitet, dass Gesund-       gruppen, die sich in der Krise engagiert
                                            heit im Sinne von ‚Health in All Policies‘     für ihre Mitmenschen eingesetzt haben.
                                            im kommunalen Denken und Handeln                   Pandemiebedingt verzichtet das ‚Ge-
                                            eine wichtige und wachsende Rolle spielt.      sunde Leipzig‘ auch in diesem Jahr auf
                                                 Seither wurde viel erreicht! Wir ge-      die traditionelle und immer gut besuch-
                                            hören heute deutschlandweit zu den             te Jahrestagung. Stattdessen wollen wir,
                                           „Leuchttürmen der Gesundheitsförde-             gemeinsam mit vielen Weggefährtinnen
                                            rung“. Leipzig unterhält im Rahmen der         und -gefährten, die in der Broschüre zu
                                            bundesweiten Gesunde Städte-Bewegung          Wort kommen, Bilanz ziehen, Danke sa-
                                            ein Kompetenzzentrum für integrierte           gen und mit Ihnen nach vorn schauen.
                                            kommunale Strategien und berät andere              In diesem Sinne wünsche ich Ihnen
                                            Mitgliedskommunen.                            – gemeinsam mit dem Team der Gesund-
                                                 All das war und ist nur möglich, weil     heitsförderung des Gesundheitsamtes –
                                            viele Partner/-innen aus der Wissenschaft,     eine interessante Lektüre und freue mich
                                            von Seiten der Krankenkassen, aus der          auf eine weitere gute Zusammenarbeit.
                                            Stadtverwaltung und der Kommunalpo-
                                            litik, die gemeinschaftliche Selbsthilfe      Mit freundlichen Grüßen
                                            sowie weitere kommunal tätige Akteu-
                                            rinnen und Akteure den Aufbau eines
                                           ‚Gesunden Leipzigs‘ unermüdlich und tat-
                                            kräftig unterstützen.                         Dr. med. Regine Krause-Döring
                                                 Ein entscheidender Meilenstein der       Leiterin des Gesundheitsamtes
                                            vergangenen 10 Jahre ist die Aufnahme
                                            des Querschnittsthemas Gesundheit in
                                            das Integrierte Stadtentwicklungskonzept,
                                            das die Zukunftsstrategie für die Entwick-
                                            lung Leipzigs bis 2030 beschreibt. Die
                                            Schaffung und Sicherung gesunder Le-
                                            bensverhältnisse unter Berücksichtigung
                                            der gesundheitlichen Chancengerechtig-
                                            keit wurde dort als zentrales kommunales
                                            Handlungsfeld verankert.
                                                 Die Bedeutung von Gesundheit für
                                            Leipzig und das Leben in der Stadt wurde
                                            und wird in der letzten Zeit vor allem auch
                                            bezüglich der Auswirkungen von Corona
                                            deutlich. Fragen nach der Krisenfestig-
                                            keit von Städten gegenüber der Pandemie
                                            aber auch des Klimawandels bestimmen

                                                                                                                                        05
10 Jahre Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig
Grußwort

     Wir gratulieren der Stadt Leipzig herzlich     Städte-Initiativen in der Kommunalpoli- und Handeln verankert werden. Das „In-
     zum 10. Jubiläum ihrer Mitgliedschaft im       tik und den immer wichtiger werdenden tegrierte Stadtentwicklungskonzept Leip-
     Gesunde Städte-Netzwerk der Bundesre-         ‚Health in All Policies‘-Ansatz.             zig 2030“ wurde im Mai 2018 als ressort-
     publik Deutschland. Das Gesunde Städte-            Leipzig hat sich in den letzten zehn übergreifendes Handlungskonzept der
     Vorhaben der Stadt war und ist – auch im      Jahren mit großem Engagement und Lei- Stadt beschlossen. Die Förderung einer
     bundesweiten Vergleich – äußerst erfolg-       denschaft dem Leitbild der ‚Gesunden gesunden Entwicklung und die Sicherung
     reich.                                         Stadt‘ verpflichtet und ist heute einer der von gesundheitlicher Chancengerechtig-
     Es ist kein Zufall, dass die Autoren dieser    bundesweit wahrgenommenen Leucht- keit werden seither als gesamtstädtische,
     Zeilen schon etliche Jahre vor dem Bei-        türme der kommunalen Gesundheitsför- fachübergreifende Herausforderungen
     tritt zum Gesunde Städte-Netzwerk mit          derung. Die klare Absicht und der Gestal- betrachtet. Aber auch in Stadtteilentwick-
     Leipzigerinnen und Leipzigern einen en-        tungswille der Stadt spiegeln sich auch in lungsplänen und verschiedenen Fachpla-
     gen kollegialen und fachpolitischen Aus-       den „Leitlinien Gesundes Leipzig“ wider, nungen wird Gesundheit inzwischen kon-
     tausch pflegten. Dieser betraf vor allem       die in ihrer Form Vorbildcharakter für an- sequent mitgedacht.
     Fragen der Selbsthilfeförderung und Bür-       dere Kommunen haben.                            Aber nicht nur auf gesamtstädtischer
     gerbeteiligung.                                    Schon früh setzte die Stadt in Fragen Ebene wurde Gesundheit weiter voran-
         Denn bereits in jener Zeit zeigte sich     der Gesundheitsförderung mehr auf die gebracht, sondern auch in den Stadtquar-
     eine besondere Stärke der Stadt und der       Veränderungen der Lebensverhältnisse tieren – also dort, wo Menschen leben,
     Menschen, die in ihr leben und arbeiten:       als auf individuelle Verhaltensänderun- spielen, lernen und arbeiten. Besonde-
     Gute Grundlagen schaffen für anspruchs-        gen und schaffte damit im Austausch mit re Leuchtkraft über Leipzigs Stadtgren-
     volle Ziele, Prozesse in Gang setzen und       Dezernaten und Ämtern eine gemeinsa- zen hinaus entfaltete unter anderem die
     dabei möglichst viele mitnehmen. Kom-          me Wissensbasis, die sich später noch „Koordinierungsstelle kommunale Ge-
     munale Gesundheitsförderung ist ein            auszahlen sollte.                           sundheit“ in Verbindung mit dem „Verfü-
     anspruchsvolles Ziel. Die Weltgesund-              So konnte Gesundheitsförderung – gungsfonds Gesundheit“. Leipzig gelang
     heitsorganisation (WHO) verfolgt dafür         ganz im Sinne der WHO – schrittweise als damit etwas, das zwar im Bundespräven-
     die wirksame Strategie durch Gesunde           Querschnittsthema im städtischen Planen tionsgesetz gefordert wird, aber vieler-

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10 Jahre Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig
10 Jahre Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig

                                           v.l.n.r. Dr. Hans Wolter, Marion Wolf, Reiner Stock (Team GSN-Sekretariat)

orts kaum umsetzbar scheint; Kranken- ren kommunal tätigen Akteuren. Es geht tigen Beiträge zur Weiterentwicklung der
kassen schließen sich auf lokaler Ebene in Leipzig ganz augenscheinlich nicht um kommunalen Gesundheitsförderung. Wir
zusammen, um gemeinsam und zielge- schnelle, häufig nur kurzlebige Gesund- wünschen Leipzig und seinen engagier-
richtet gesundheitsförderliche (Mikro) heitsprojekte, sondern um den nachhalti- ten Menschen weiterhin Erfolg auf dem
Projekte in deprivierten Quartieren zu un- gen Aufbau selbsttragender Gesundheits- Weg zu einer ‚Gesunden Stadt‘. Wir freuen
terstützen. Begleitet und koordiniert wird förderungsstrukturen.                     uns auf den Erfahrungsaustausch auch
das Engagement der Krankenkassen von          Mit diesem ‚Leipziger Ansatz‘ hat sich in der Zukunft und hoffen auf eine nie
der Koordinierungsstelle im Leipziger Ge- die Stadt auch im bundesdeutschen Ge- nachlassende Motivation in Leipzig, im-
sundheitsamt.                              sunde Städte-Netzwerk verdient gemacht. mer auch für andere Mitgliedskommunen
    Eine afrikanische Lebensweisheit be- Das Netzwerk mit seinen insgesamt 90 Vorbild zu sein.
sagt, dass, wer schnell gehen will, allein Mitgliedskommunen ist stolz darauf, mit
gehen muss und wer weit gehen will, mit der Stadt Leipzig und seinem Gesund-
anderen gemeinsam gehen muss. In Leip- heitsamt seit 2018 auf ein Kompetenzzen-
zig sind vertrauensvolle Partnerschaften trum für integrierte kommunale Strategi-
und Zusammenarbeit Erfolgsfaktoren en verweisen zu können, das sich für den Dr. Hans Wolter
der kommunalen Gesundheitsförderung fachpolitischen und wissenschaftlichen Bundesweiter Koordinator Gesunde
der letzten zehn Jahre! Das zeigt sich auf Austausch innerhalb des Netzwerks und Städte-Netzwerk
Quartiersebene in verschiedenen Gesund- in ganz Deutschland einsetzt. Für die Inte-
heitsnetzwerken, Bürgerinitiativen und ressen und Bedarfe der Mitgliedskommu-
Selbsthilfeaktivitäten und auf gesamtstäd- nen setzt sich Leipzig seit dem Jahr 2015
tischer Ebene im „Koordinierungskreis auch im Sprecher*innenrat des bundes-
Gesundes Leipzig“, dem ressortübergrei- deutschen Netzwerks ein.
fenden Gremium von Ämtern und Refe-           Vor dem Hintergrund dieser Erfolgs- Reiner Stock
raten der Stadtverwaltung, Fraktionen, story dankt das Gesunde Städte-Sekreta- Vertretung der Gesundheits- und Selbst-
Krankenkassen, Hochschulen und weite- riat der Stadt sehr herzlich für ihre wich- hilfeinitativen in der Geschäftsführung

                                                                                                                               07
10 Jahre Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig
Aus dem Leben
     eines Dinosauriers
     Ein Rückblick auf 22 Jahre
     Gesundheitsförderung                                            Wie alles begann
                                                                     Als ich am 1. Juni 1999, aus dem Bereich
     Manchmal möchte ich es mir selbst kaum eingestehen, seit        der Umweltsoziologie der Universität Hal-
     22 Jahren bin ich im Gesundheitsamt für das Thema Gesund-       le-Wittenberg kommend, im Amt begon-
     heitsförderung zuständig, das heißt, ich war schon im letzten   nen habe, hatte ich wenig bis gar keine
     Jahrhundert hier … aber zumindest hoffe ich, dass ich einen     Ahnung von Gesundheitsförderung. Da-
     Satz nicht sagen werde: „Das haben wir schon immer so ge-       her wusste ich auch nicht, dass das Gesetz
     macht und das hat immer gut funktioniert.“ Denn, fast alles     über den Öffentlichen Gesundheitsdienst
     hat sich geändert und das ist auch gut so.                      im Freistaat Sachsen meinen Handlungs-
                                                                     rahmen im § 11 ‚Gesundheitliche Aufklä-
                                                                     rung und Beratung‘ beschreibt. Dort heißt
                                                                     es (leider) immer noch: „Die Gesundheits-
                                                                     ämter klären die Bevölkerung in Fragen
                                                                     der körperlichen, geistig-seelischen und
                                                                     sozialen Gesundheit (Gesundheitshilfe)
                                                                     auf und beraten sie über die Gesunder-
                                                                     haltung und Krankheitsverhütung. […]
                                                                     Die Gesundheitsämter [bieten …] insbe-
                                                                     sondere folgende Dienste an: […] Beratun-
                                                                     gen zu Fragen einer gesundheitsbewuss-
                                                                     ten und altersgerechten Lebensweise
                                                                     und Aufklärung über die Folgen falscher
                                                                     Ernährung, des Rauchens und des Alko-
                                                                     holmissbrauchs […].“
                                                                         Ganz im Sinne dieses Wortlautes habe
                                                                     ich mich am Anfang mit der Gestaltung
                                                                     von Ausstellungstafeln zum Nichtrauchen
                                                                     und zur gesunden Ernährung, der (Mit-)
                                                                     Organisation von größeren Veranstaltun-
                                                                     gen auf dem Markt oder im Festsaal des
                                                                     Neuen Rathauses beschäftigt. Außerdem
                                                                     gab es da noch den ‚Guten Rat am Telefon‘.
                                                                     Für diese Bandansage musste wöchent-
                                                                     lich ein Gesundheitsthema von Fußpilz
                                                                     über Schlaganfall, Frühjahrsmüdigkeit
                                                                     bis Grippeimpfung auf 1,5 bis 2 Seiten
                                                                     ausgearbeitet werden.

                                                                     Leipziger Gesundheitskon-
                                                                     ferenzen – ein erster Blick
                                                                     über den Tellerrand des indi-
                                                                     viduellen Ansatzes
                                                                         Anfang der 2000er waren Gesund-
                                                                      heitskonferenzen auch sachsenweit en
                                                                      vogue. Allerdings verstand man unter
                                                                     ‚Gesundheitskonferenz‘ eine klassische

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10 Jahre Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig
10 Jahre Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig

Fachtagung und nicht, wie in anderen         kumentiert. Folgende positive Verände- Blick genommen und Vertreter/-innen
Bundesländern, ein beratendes und koor-      rungen konnten zu Projektende in allen unterschiedlicher Professionen an einen
dinierendes Gremium.                         Kitas erzielt werden:                       Tisch gebracht.
    Im Januar 2001 fand die 1. Leipziger    ȣȣ Auch außerhalb der Mahlzeiten wur-
Gesundheitskonferenz zum Thema ‚Ge-              den nun Getränke angeboten.             Nach dem Projekt ist vor dem
sundheit von Kindern und Jugendlichen‘      ȣȣ Der Anteil süßen Gebäcks reduzierte Projekt – ein Hoch auf die
mit Fokus auf somatische Erkrankun-              sich vor allem beim Frühstück deut- Projektitis und immer neue
gen statt. 2003 folgte die zweite mit dem        lich.                                   Möglichkeiten
Schwerpunkt ‚Seelische Gesundheit von       ȣȣ Die wöchentliche ‚Sportstunde‘ wurde          2005 schrieb das Bundesministerium
Vorschulkindern‘. Diese Konferenzen wi-          von täglichen aktiven Bewegungsein- für Verbraucherschutz, Ernährung und
derspiegelten mit mehr als 100 bzw. fast         heiten abgelöst.                        Landwirtschaft den Wettbewerb ‚Besser
200 Teilnehmenden das große Interesse            Eine weitere wichtige Erkenntnis war essen. Mehr bewegen.‘ aus. Leipzig gehör-
am Thema.                                    die Aufgeschlossenheit der Erzieherin- te mit ‚optiSTART – eine optimaler Ernäh-
    Im Nachgang zur 1. Konferenz ent-        nen (damals gab es in den teilnehmenden rungs- und Bewegungsstart in die Schul-
stand in Kooperation mit der Universität     Kitas noch keine männliche Fachkraft) karriere‘ zu den 24 Modellregionen (im
Leipzig, dem Umweltforschungszentrum         gegenüber Gesundheitsthemen. Dass es Übrigen die einzige in Sachsen), die über
Leipzig-Halle, der Deutschen Gesellschaft    in allen Fortbildungen auch Tipps zur Er- zwei Projektphasen von Sommer 2006 bis
für Ernährung, Sektion Sachsen, dem Ju-      zieherinnengesundheit gab, war für fast 2011 gefördert wurden. In den ersten drei
gendamt, mehreren Krankenkassen und          alle Teilnehmerinnen ein neuer und un- Jahren wurden neun Kitas, sechs Grund-
Sponsoren das erste Leipziger – wahr-        erwarteter Mehrwert, der dankend ange- schulen und Horte und zwei Förderschu-
scheinlich sogar das erste sächsische –      nommen wurde.                               len einbezogen.
Settingprojekt.                                  Anders als heute gab es damals im          An der Erziehungswissenschaftlichen
                                            Vorfeld nur eine relativ grobe Zielstellung. Fakultät wurde über Projektmittel eine
Projekt „Gesunde Kinder-                     Die neun Themen standen zu Beginn fest, zusätzliche Stelle geschaffen und so 11
tagesstätte Leipzig“ – mehr                  dann folgten zwei Jahre Projektarbeit umfangreiche Bewegungsmodule erar-
als nur ein Gesundheitstag                   nach dem Motto ‚learning by doing‘. Eben- beitet, die von zwei Ernährungsmodulen
    Im Mai 2002 startete das Projekt „Ge-    falls kaum noch vorstellbar ist, dass das ergänzt wurden. Zu diesen Modulen wur-
sunde Kindertagesstätte Leipzig“, in das     Projekt ohne Finanzierung auskam. Die den pädagogischen Fachkräfte aus Schu-
zehn Kitas mit ca. 650 Kindern über einen    Partner/-innen unterstützten unentgelt- le, Hort und Kita fortgebildet. Pro Klasse
Zeitraum von zwei Jahren eingebunden         lich und der guten Sache willens.           gab es wöchentlich zwei zusätzliche opti-
waren. Dieses wendete sich an drei Ziel-         Dieser Projektauftakt weckte die Lust START-Stunden zum Beispiel zur Ernäh-
gruppen:                                     auf mehr. Blieb allein die Frage, wie das rungspyramide, Lebensmitteilerzeugung
ȣȣ Pädagogische Fachkräfte, die als Mul-    ‚kleine Kita-Projekt‘ möglichst vielen Leip- und -verarbeitung, ausdauerorientierten
    tiplikatorinnen und Multiplikatoren      ziger Kitas weiter zugutekommen konn- Spielen, Psychomotorik, Haltungsschu-
    praxisnah fortgebildet wurden,           te. Eine erste Antwort waren zwei Hand- lung/Kinderzirkus; in den Kitas pro Grup-
ȣȣ Eltern, die über Elternabende und/        bücher für Erzieher/-innen, eines zum Ge- pe eine. Außerdem konnten für die Mo-
    oder Broschüren und Faltblätter er-      samtprojekt und ein zweites zur Sprach- dulumsetzung benötigte Materialien wie
    reicht wurden,                           förderung mit einem großen Spielteil.       Küchenutensilien, Lebensmittel, kleine
ȣȣ Kita-Kinder, deren Alltag sich mit            Parallel zur ‚Gesunden Kita‘ entstand Sportgeräte über Fördermittel beschafft
    Hilfe der geschulten pädagogischen       der Arbeitskreis für Bewegungsförderung, und die zusätzlichen Stunden der pädago-
    Fachkräfte und den Informationen an      welches sich erstmals auch mit verhält- gischen Fachkräfte extra vergütet werden.
    die Elternhäuser gesünder gestalten      nispräventiven Fragestellungen beschäf-         Diese paradiesischen Zustände führ-
    sollte.                                  tigte. Wie bringt man Kinder in Bewe- ten dazu, dass die Einrichtungen opti-
    Das Projekt beinhaltete die Themen-      gung? Was müssen die verschiedenen START mit großem Engagement und vie-
komplexe Ernährung, Bewegung, Sprach-        Lebenswelten der Kinder (Familie, Kita, len eigenen kreativen Ideen umgesetzt
förderung, Lebenskompetenzförderung,         Schule/Hort und auch die Kommune) haben.
Sexualerziehung, Unfall- und Lärmprä-        dazu beitragen, dass sich
vention, Allergie und Umwelt sowie För-      Kinder ausreichend – das Anfang der 2000er waren Gesundheits-
derung der Teilnahme an den U-Untersu-       heißt in der Regel mehr – konferenzen auch sachsenweit en vogue.
chungen sowie Schutzimpfungen.               bewegen und in ihrer Um-
                                                                            Allerdings verstand man unter ‚Gesund-
    Ein Novum der ‚Gesunden Kita‘ war        gebung vielfältige Bewe-
die Messung der Wirksamkeit einzelner        gungsanreize finden? Mit
                                                                            heitskonferenz‘ eine klassische Fach-
Maßnahmen. Bis dato wurden Erfolge von       dem Arbeitskreis wurden tagung und nicht, wie in anderen Bundes-
Veranstaltungen vor allem durch Fotos,       erstmals die Lebensver- ländern, ein beratendes und koordinie-
z. B. mit glücklich lachenden Kindern do-    hältnisse bewusst in den rendes Gremium.

                                                                                                                                     09
10 Jahre Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig
Die zweite Projektphase widmete sich     sige Ladenbetreibende mit einbezogen
      der Implementierung der Module in die        wurden. So gaben zum Beispiel Friseur-
      Ganztagsangebote und erreichte weitere       salons und Nagelstudios niedrigschwellig
     19 Horte und Grundschulen. Gleichzeitig       Informationen zu den Vorsorgeuntersu-
      entstand für Kitas in Kooperation mit der    chungen im Kindesalter (U-Untersuchun-
      Gutenbergschule – Berufliches Schulzen-      gen) weiter. Außerdem wurde ein breites
      trum der Stadt Leipzig – ein sogenanntes     Gesundheitsnetzwerk im Leipziger Osten
     Knie-Buch „In unserer Kita ist was los! Mit   aufgebaut.
     Tina und Leo bewegt und lecker durch              Das Gesundheitsamt unterstützte die-
      das Jahr“. Ein Buch voller gesundheitsför-   se Projekte von Anfang an. Gemeinsam
      derlicher Geschichten und Ideen, dessen      gelang es, das Thema Gesundheit erst-
      liebevoll gestalteten ausklappbaren Bilder   mals in die Stadtentwicklung „zu tragen“
     – über das Knie des Vorlesenden hängend       und Anfang 2013 im „Integrierten Stadt-
     – von Kindern besonders gut betrachtet        teilentwicklungskonzept Leipziger Osten“
     werden können.                                als extra Kapitel zu verankern.
                                                       Nach Ende der Projekte zeigte sich,
     Perspektiverweiterung durch                   dass es für die langfristige Fortführung
     noch mehr (sozial)wissen-                     und Begleitung der aufgebauten Struk-
     schaftliche Expertise – der                   turen einen ‚festen Kümmererʻ in der
     Stadtteil rückt in den Fokus                  Stadtverwaltung braucht. Und so wurde
          2009 startete die Forschungsgruppe       die Idee der ‚Koordinierungsstelle Ge-
     „Soziales und Gesundheit“ der Hochschu-       sundheitʻ geboren, die von 2012 bis 2017
      le für Technik, Wirtschaft und Kultur        als Modellprojekt der HTWK gemeinsam
      Leipzig (HTWK) zwei vom Bundesminis-         mit der AOK PLUS, der ikk classic und der
      terium für Bildung und Forschung für je      Stadt Leipzig umgesetzt wurde und da-
      drei Jahre geförderte Modellprojekte im      nach als feste Personalstelle am Gesund-
      Leipziger Osten, einem Stadtteil mit be-     heitsamt etabliert werden konnte.
      sonderem Handlungsbedarf:                        Seit 2011 bin ich im Bereich Gesund-
     ȣȣ Das Projekt „GO – Gesund im Leipzi-        heitsförderung keine Einzelkämpferin
          ger Osten. Stadtteilbezogene Präven-     mehr, da eine zusätzliche halbe Stelle
          tion für sozial benachteiligte Mütter    für die Koordination der Gesunde Städte-
          mit Migrationshintergrund“, welches      Arbeit geschaffen werden konnte. Bis
          über die Mütter die gesamte Familie      heute hat sich das Team der kommunalen
          erreichen wollte und zusätzlich von      Gesundheitsförderung weiter vergrößert
          der AOK PLUS unterstützt wurde           und weitere Aufgabenschwerpunkte sind
     ȣȣ sowie das Projekt „AGNES – Aktivie-        hinzugekommen.
          rende Gesundheitsförderung durch             Vieles hat und wird sich auch in Zu-
          nachbarschaftliches Engagement im        kunft ändern, nur eines nicht, ich beken-
          Stadtteil“ mit dem Hauptaugenmerk        ne mich dazu, meinen Traumjob schon
          auf Seniorinnen und Senioren.            vor vielen Jahren gefunden zu haben. Und
          Beide Projekte verfolgten das Ziel,      daran sind nicht zuletzt Sie, liebe Leserin-
      partizipativ mit Stadtteilakteurinnen und    nen und Leser dieser Broschüre „schuld“!
     -akteuren sowie den Bewohnerinnen und
      Bewohnern die Problemlagen, aber vor         Dr. Karoline Schubert
      allem vielfältige Potentiale zu erkennen     Sachgebietsleiterin Gesundheitsförde-
      und gemeinsam passende Ansätze für           rung und Gesundheitsberichterstattung,
      mehr Gesundheitsförderung auf Stadtteil-     Gesundheitsamt
      ebene zu finden.
          Neben der Etablierung zahlreicher an-
      wendungsorientierter Angebote im Quar-
      tier wie Info-Cafés und Angeboten zum
      kulturspezifischen gesunden Kochen wur-
      den ehrenamtliche Gesundheitsmittler-
      innen und -mittler geschult. Besonders
      beeindruckend fand ich, dass auch ansäs-

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10 Jahre Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig

Es hat immer etwas mit
Vertrauen zu tun
Ein Interview mit Frau Prof. Dr. Gesine Grande

Frau Prof. Dr. Grande war langjährige       Wenn Sie an die Anfangszeit 2009 zu-       ten, sehr vertrauensvollen Beziehung, die
Leiterin der Forschungsgruppe „Soziales     rückdenken: Wie würden Sie Ihre Vision     immer mehr möglich gemacht hat.
und Gesundheit“ der Hochschule für          beschreiben, die Sie damals als Leiterin
Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig      der Forschungsgruppe „Soziales und Ge-     Mit dem Leipziger Beitritt zum Gesunde
(HTWK), ab 2014 war sie Rektorin dieser     sundheit“ der HTWK mit kommunaler Ge-      Städte-Netzwerk hat der Aufbau der kom-
Hochschule. Seit Oktober 2020 ist           sundheitsförderung verbunden haben?        munalen   Gesundheitsförderungsstruktu-
Frau Prof. Grande als neue Präsidentin            Ich weiß gar nicht, ob ich das so in ren damals an Fahrt aufgenommen. Sie
der Brandenburgischen Technischen            ein Bild bringen kann. Wir haben damals haben dabei auch ganz kräftig mitge-
Universität Cottbus-Senftenberg (BTU)        ein großes Projekt eingeworben, das hieß mischt und die Gespräche mit den ver-
tätig. Der Leipziger Stadtverwaltung        „GO – Gesund im Osten“. Wir waren total schiedenen Fachämtern und Dezernaten
ist sie seit 2009 eine enge Kooperations-    glücklich, dass wir uns bei einer so har- geführt. Können Sie sich an eine Episode
partnerin und wichtige Ansprechpartnerin     ten Konkurrenz mit unserem Projektan- erinnern, die typisch war für diese aufre-
in verschiedenen stadtteilbezogenen          trag durchgesetzt hatten. Aber wir haben gende Zeit?
Gesundheitsförderungsprojekten (z. B.        schon so ziemlich bei Null angefangen.       Wir saßen zum Beispiel mit dem
„Gesund im Osten“, „AGNES – Aktivieren-      Das betraf unsere eigene Erfahrung in Sportamt zur Frage von Bewegungsför-
de Gesundheitsförderung durch nachbar-       diesem Feld, unsere Kenntnis des Leipzi- derung im öffentlichen Raum zusammen.
schaftliches Engagement im Stadtteil“,       ger Ostens und unsere Haltung zu sozialer Ich glaube, was so wichtig war, dass ich
„GRÜNAU BEWEGT sich“). Als Leiterin          und gesundheitlicher Benachteiligung. immer ein gutes Gefühl dafür hatte, wie
des Projektes „Etablierung einer Koordi-     Da waren für mich sehr viele Aha-Effekte schwierig es ist, die Perspektive zu än-
nierungsstelle Gesundheit“ hat sie nicht     dabei. Ich habe dabei unglaublich viel dern. Das weiß ich natürlich auch aus
nur einzelne Stadtteile, sondern auch die    gelernt; meine Sensibilität für Diskrimi- eigener Erfahrung. Wenn man bisher
Stadtverwaltung und -politik für die Vi-     nierung – auch völlig ungewollte Diskri- immer in seiner beruflichen Verantwor-
sion eines ‚Gesunden Leipzig‘ gewinnen       minierung – ist extrem geschärft worden. tung von der anderen Seite hergedacht
können. Aufgrund ihrer Initiative bildete    Und ich denke auch, dass wir das Feld hat, dann ist das ja logisch so und es ist
sich der „Koordinierungskreis Gesundes       damals ganz neu beackern mussten. Das erstmal überhaupt nicht naheliegend, ei-
Leipzig“, den sie bis heute moderiert.       ist für mich rückblickend sehr berührend. nen ganz neuen Ansatz zu verfolgen. Dass
                                             Die Stadt machte damals schon etwas man öffentlichen Raum zum Beispiel als
                                             Prävention und ein bisschen Gesund- Raum für Bewegungsförderung versteht.
                                             heitsförderung. Das waren schon eher Da gehören ja ganz andere Konzepte dazu.
                                             randständige Themen und dann kamen Ich glaube aber, dass wir die Offenheit für
                                             wir so angewalzt mit all unseren Ansprü- andere Perspektiven und Ansätze schon
                                             chen. Wir waren ja auch nicht zu bremsen auch unterstützen konnten, weil wir eben
                                             und daraus entwickelte sich dann, wenn immer versucht haben zu werben, zu
                                             man so will, über viele, viele Jahre eine diskutieren und weil wir uns nie als bes-
                                             Dynamik. Aber wir brauchten dafür eben serwissende Expertinnen und Experten
                                             auch Leute wie Frau Dr. Schubert, wie die verstanden haben. Wir wollten vor allem
                                             Leute bei der Stadt. Extrem wichtig waren hören, was die anderen beitragen können,
                                             damals auch die Krankenkassen. Wir hat- was deren Positionen und Ideen sind und
                                             ten einfach auch so gute und nachhaltige wie man sich da verständigen kann.
                                             Unterstützer gehabt, sonst wäre es auch      Ich glaube, das war auch am Anfang
                                             mit der „Koordinierungsstelle kommu- mit der „Koordinierungsstelle kommuna-
                                             nale Gesundheit“ im Anschluss und auch le Gesundheit“ ein sehr ungewöhnlicher
                                             mit dem Projekt „GRÜNAU BEWEGT sich“ Ansatz. Dass wir nicht dagesessen und
                                             nichts geworden. Es ist alles im Grunde referiert haben, sondern dass wir dage-
                                             das Ergebnis einer nachhaltig erarbeite- sessen und gefragt haben „Was stellen

                                                                                                                                   11
© Kirsten Nijhof
     Prof. Dr. Gesine Grande

     Sie sich denn vor?“ und alle „Wie jetzt?“ worden. Wie die Stadt sich einbringt und          wenn es nur in einem Stadtteilkonzept
     Und dann haben wir Kolleginnen und Kol- mitdenkt und dass Gesundheit wirklich zu            steht. Man braucht unterschiedliche For-
     legen einfach eineinhalb Stunden damit einem Querschnittsthema geworden ist.                mate, um die Umsetzung in konkretes
     beschäftigt, nachzudenken und Modera- Auch das Verständnis von Gesundheit hat               Handeln zu begleiten. Es braucht Arbeits-
     tionskarten vollzuschreiben. Zum Schluss sich gewandelt, weil wir bei Gesundheit            gremien, die Gesundheit mitdenken. Man
     hatten wir dann den ganzen Raum voller nicht nur an Gesundheitsversorgung den-              braucht Leute, die Gesundheit in Erinne-
     Karten. Das hat manchmal auch zu Irrita- ken, sondern vor allem an Lebensqualität,          rung bringen. Zum Beispiel ist der „Ko-
     tionen geführt. Aber wir hatten das große Aktivität, Bildung. Nein, das kann man            ordinierungskreis Gesundes Leipzig“ ein
     Glück, dass unsere Art nicht zu Zerwürf- wirklich beim besten Willen nicht be-              wichtiges Gremium, obwohl wir dort gar
     nissen geführt hat, sondern einen gewis- dauern. Und Sie dürfen auch nicht unter-           nichts beschließen dürfen. Aber wir brin-
     sen Nachahmungseffekt entwickelte.        schätzen, wir haben ja Phasen gehabt, da          gen Gesundheit und Gesundheitsförde-
                                               waren wir wirklich ein sehr großes Team.          rung immer wieder bei sehr unterschied-
     Das war doch sicher auch mitunter ein Wir hatten parallel mehrere Projekte zum              lichen Akteuren ins Bewusstsein, worum
     aufreibendes Geschäft, nicht immer ein Beispiel mit den Angehörigen Demenzer-               es uns geht und was sich auch schon wie-
     Zuckerschlecken, nicht immer sprach krankter, mit sozial benachteiligten älte-              der alles entwickelt hat. Also ich denke
     man eine Sprache. Haben Sie es schon ren Bürgern und so. Wir kamen quasi von                immer, wenn man Gesundheitsförderung
     mal bereut, dass Sie sich das vor die allen Seiten.                                         ernst nimmt, dann müssen wir bei den
     Brust genommen haben?                                                                       gesetzlichen Grundlagen, bei den Ver-
         Nein, überhaupt nicht. Dafür gibt es         Sie haben gerade schon erwähnt, dass ordnungen, bei den Strukturen, bei den
     auch überhaupt keinen Grund. Dazu muss          ‚Gesundheit‘ im Integrierten Stadtent- Verhältnissen anfangen, damit man eine
     man sagen, dass sich Leipzig inzwischen          wicklungskonzept ein Querschnittsthema Nachhaltigkeit erreicht. Dass Gesundheit
     zu einem Leuchtturm der kommunalen               geworden ist. Das ist natürlich ein riesen als Querschnittaufgabe im Stadtentwick-
     Gesundheitsförderung entwickelt hat. Da          Erfolg. Arbeit getan?                      lungskonzept verankert ist, ist eine wich-
     kann man wirklich nur extrem stolz dar-              Naja. Der erste Schritt war damals, tige Voraussetzung, aber das allein ist
     auf sein und das beglückt mich auch. Da          dass Gesundheit im Leipziger Osten als nicht hinreichend.
     wird inzwischen so viel Energie und Kre-         eigenständiges Thema gesetzt wurde.
     ativität freigesetzt und so vieles ist inzwi-    Das war schon ein bisschen sensationell. Ein Jahr Corona. Die öffentliche Aufmerk-
     schen für die Stadt selbstverständlich ge-      Wirklich. Aber natürlich reicht es nicht, samkeit ist in Bezug auf Gesundheitsvor-

12
10 Jahre Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig

Da wird inzwischen so viel Energie und Krea-                   ich Gedanken, Ideen, geschafft. Aber durch die Breite der Ge-
tivität freigesetzt und so vieles ist inzwischen               Kooperationen     und sundheitsprojekte und durch die lange
für die Stadt selbstverständlich geworden.                     Teamgeist investieren zeitliche Dimension haben wir eine hohe
                                                               konnte. Für mich ist Stabilität in Unterstützernetzwerken be-
Wie die Stadt sich einbringt und mitdenkt
                                                               es eine große Chance, kommen. Aber auch in der strategischen
und dass Gesundheit wirklich zu einem Quer-                    dass ich die Möglich- Entwicklung des Themas für Leipzig. Ich
schnittsthema geworden ist.                                    keit habe diesen Pro- glaube, das ist für mich einer der ganz
                                                               zess noch ein Stück zentralen Faktoren. Dann braucht man an
sorge doch sehr auf Infektionskrankheiten zu begleiten. Natürlich verschieben sich den verschiedenen Stellen Personen, die
verengt. Was bedeutet das aus Ihrer Sicht die Gewichte und ich bin jetzt nicht mehr sich das Thema selbst zu eigen machen.
für die Gesundheitsförderung in den Kom- regelmäßig vor Ort. Aber ich glaube, dass Am Anfang reicht vielleicht ein Zugpferd,
munen?                                      es für den Koordinierungskreis vielleicht aber irgendwann wird man lahm, und es
    Man könnte das so sehen, dass Corona doch noch ganz gut ist, wenn es jemanden müssen auch andere ein Teil dieser Ver-
den Blick auf Pandemie und Ansteckung gibt, der das Koordinieren, das Moderie- antwortung in ihren Feldern ganz alleine
verengt hat. Aber ich sehe das nicht so. ren, das Inspirieren zu seiner Herzens- übernehmen und dann kann daraus eine
Eigentlich hat die Pandemie vor allem aufgabe gemacht hat. Es wird bestimmt breite Bewegung entstehen. Das ist übri-
einen Blick darauf gelenkt, wie wichtig irgendwann jemand geben, der das bes- gens auch eine Frage von Nachhaltigkeit,
bestimmte Verhaltensweisen sind und ser kann als ich und mehr verbunden ist Reichweite und von der Vielschichtigkeit
auf unsere Lebensweise. Sie hat auch mit der Leipziger Gesundheitsförderung. eines solchen Prozesses.
unser Bewusstsein für Dinge geschärft, Aber im Moment mache ich das gerne
die uns gar nicht mehr bewusst waren. noch ein Stück weiter.                          Sodass viel vom Miteinander und vom
Die Anfänge von ‚Public Health‘ waren                                                 partnerschaftlichen Arbeiten abhängig
doch Hygiene, sodass wir also eher eine Und darüber freuen wir uns sehr!              ist?
Stärkung des öffentlichen Gesundheits-          Danke!                                    Ja, genau. Und es hat immer etwas
dienstes erreicht haben. Auch die Rolle,                                              mit Vertrauen zu tun. Mit einer guten Ba-
die die Gesundheitsämter jetzt gespielt Wir feiern in diesem Jahr den zehnten sis und mit guten Erfahrungen, die man
haben. Die Gesundheitsämter werden ge- Jahrestag des Beitritts der Stadt Leipzig miteinander gemacht hat. Wenn man
stärkt werden, bekommen Personal, weil zum Gesunde Städte-Netzwerk der Bun- das nächste Mal ein Anliegen hat, dann
man verstanden hat, wie wichtig diese desrepublik Deutschland. In diesen zehn werden die Türen schon offenstehen,
kommunale Aufgabe ist. Und wir reden Jahren hat das Netzwerk manche Hochs während man beim ersten Mal noch viel
nicht nur über Gesundheitsatteste oder und Tiefs erlebt. Haben Sie einen guten klopfen musste. Aus meiner Sicht war in
Kariesprophylaxe, sondern wir sprechen Rat für andere Kommunen auf dem Weg Leipzig die langjährige vertrauensvolle
über ein ganz breites Spektrum von Ge- zur ‚Gesunden Kommune‘?                        Zusammenarbeit mit zahlreichen Akteu-
sundheitsthemen. Die Pandemie hat den           So eine Art Erfolgsrezept?! Darü- ren über verschiedene Förderphasen hin-
Blick auf Gesundheitsbelange gestärkt. ber habe ich noch nie nachgedacht. Ich weg einer der zentralen Erfolgsfaktoren.
Jetzt braucht es eine gemeinsame An- glaube, es braucht Mehreres. Ein Faktor Natürlich auch der Beitritt zum Gesunde
strengung, um die Folgen der Pandemie allein reicht nicht aus. Es braucht eine Städte-Netzwerk und die Verankerung
zu bewältigen. In Leipzig haben wir dafür coole Stadt wie Leipzig. Ganz sicher. Die der kommunalen Gesundheitsförderung
super Voraussetzungen und Konzepte.         einfach auch viel Offenheit hat und sich als Querschnittsaufgabe in der gesamten
                                            selbst so dynamisch entwickelt. Man Stadtverwaltung. Auch die Krankenkas-
Seit dem 1. Oktober letzten Jahres sind braucht manchmal auch Zufall, so zum sen, die sich in besonderer Weise in Leip-
Sie die neue Präsidentin der BTU in Cott- Beispiel, dass wir damals mit diesem zig zusammengetan haben, was anderswo
bus. Trotz der neuen Aufgaben halten Sie großen Projekt „Gesund im Osten“ star- ganz schwierig war. In der Wissenschaft.
dem Netzwerk „Gesundes Leipzig“ und ten konnten. Dass wir mit der AOK eine Selbst in der Stadtpolitik war das Thema
dem Koordinierungskreis die Treue und Unterstützerin hatten, die auch langfris- dann irgendwann eines, das eine gewis-
wollen sich auch weiterhin aktiv darin ein- tig an Gesundheitsförderung in Leipzig sen Fürsorge erfahren hat.
bringen. Warum so viel Herzblut?            interessiert war. Die waren wirklich vor-
    Wenn man mal so alt ist wie ich, da bildlich. Die haben einfach unglaublich Frau Grande, ich bedanke mich für das
ist man sehr vorsichtig damit, Dinge viel investiert, auch in die Stadt Leipzig. Gespräch!
über Bord zu werfen, die einem viel be- Damit hatten wir eine Nachhaltigkeit, die
deuten und in die man viel investiert hat. man sonst in der Regel nicht hat. Wissen
Die Gesundheitsförderung in Leipzig ist Sie, wenn wir nur das eine Projekt gehabt Das Interview wurde am 17. Juni 2021
ein wichtiger Teil meines Schaffens, der hätten, plus vielleicht einer Verlänge- von Markus Heckenhahn, Koordinator
mich fünfzehn, zwanzig Jahre meines rung, dann wäre nach vier Jahren Schluss Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig,
Lebens intensiv beschäftigt hat und wo gewesen. Dann hätten wir das niemals geführt.

                                                                                                                                  13
Meilensteine auf dem Weg
     zur gesunden Stadt Leipzig

                                                                          2012
                                                                          ȣȣ Auftaktveranstaltung und
                                                                             1. Jahrestagung
                                                                          ȣȣ 1. „Infobrief Leipziger
                                                                             Gesunde Städte-Netzwerk“
                                                                          ȣȣ Beginn des HTWK-Projek-
     2010                             2011                                   tes „Koordinierungsstelle
     ȣȣ Stadtratsbeschluss zum        ȣȣ Betritt Leipzigs zum                Gesundheit“ (2012 – 2014)
        Beitritt Leipzigs zum            Gesunde Städte-Netzwerk             in Kooperation mit der
        Gesunde Städte-Netzwerk       ȣȣ Leipziger Selbsthilfe- und          AOK PLUS und der Stadt
        Deutschland                      Angehörigentag                      Leipzig

                                      2017
     2016                             ȣȣ Selbsthilfe-Aktionstag
     ȣȣ Bewegungskiste mit            ȣȣ Dauerhafte Etablierung der
        Schulung                         „Koordinierungsstelle kommu-     2018
     ȣȣ Projektstart von „Selbst-         nale Gesundheit“ im Gesund-     ȣȣ Unterzeichnung 1. Sammel-
        hilfegruppen in der Nach-         heitsamt                           vertrag „Verfügungsfonds
        barschaft“ und „Selbsthilfe   ȣȣ Kompetenzforum „Interkultu-         Gesundheit“ mit 6 gesetz-
        in Bewegung“                      relle Gesundheitsförderung“        lichen Krankenkassen
     ȣȣ 1. „Stadtteilbewegungsplan        in Leipzig                      ȣȣ Verankerung von Gesund-
        Leipziger Osten“              ȣȣ Begleitbeirat wird „Koordinie-      heit als Querschnittsthema
     ȣȣ Listung „Koordinierungs-          rungskreis Gesundes Leipzig“       im INSEK
        stelle kommunale              ȣȣ „Kinderstadtplan Georg Schu-     ȣȣ Leipzig wird Kompetenz-
        Gesundheit“ als Projekt           mann-Straße“                       zentrum für integrierte
        im Rahmen der Landes-         ȣȣ Beginn Projekt „Kultursensible      kommunale Strategien im
        rahmenvereinbarung                Gesundheitslotsen Leipzig –        Gesunde Städte-Netzwerk
        Prävention Sachsen                KuGeL“ (2017–2022)                 Deutschland

14
10 Jahre Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig

2013
ȣȣ Beschlussfassung der
  „Leitlinien Gesunde Städte-                                            2015
   Netzwerk Leipzig“                                                     ȣȣ Veranstaltung „Selbsthilfe
ȣȣ 1. Sitzung des Begleitbeira-            2014                             bewegt“
   tes „Koordinierungsstelle               ȣȣ Arbeitsprogramm 2020 mit   ȣȣ Start der Kampagne „Werden
   Gesundheit“                                Unterziel „Gesunde und        Sie ein Aufsteiger – Nutzen
ȣȣ Stadtteilentwicklungskon-                  sichere Stadt“                Sie die Treppe!“
   zept Leipziger Osten (STEK              ȣȣ 1. Kampagne „Familie in    ȣȣ Leipzig im Sprecher*innen-
   LeO) mit ‚Fachbeitrag                      Bewegung“ im Leipziger        rat des bundesdeutschen
   Gesundheit‘                                Osten                         Gesunde Städte-Netzwerks
ȣȣ Projektstart „STARTPILOT                ȣȣ Beginn Etablierung         ȣȣ Etablierung des „Verfügungs-
   Selbsthilfe“                              „Koordinierungsstelle          fonds Gesundheit“
ȣȣ 1. Leipziger Schulgesund-                  kommunale Gesundheit“      ȣȣ Projektauftakt „GRÜNAU
   heitstag                                   (2014 –2016)                  BEWEGT sich“ (2015–2019)

2019
ȣȣ Verleihung Carola Gold-
   Preis für gesundheitliche
   Chancengleichheit an
   Dr. Karoline Schubert
ȣȣ Beginn von Vorlesungen                  2020
   und Seminaren bei                       ȣȣ Beginn des GKV-Projektes   2021
   Medizinstudierenden zu                    „Aufbau von Gesundheits-    ȣȣ Inklusive Bewegungskiste
   Selbsthilfethemen durch                    förderungsstrukturen in    ȣȣ „Leitlinien Gesunde Städte-
   die Arbeitsgruppe Selbst-                  neuen Schwerpunkt- und         Netzwerk“ werden über-
   hilfefreundlichkeit der                    Aufmerksamkeitsgebieten        arbeitet und zu „Leitlinien
   Leipziger Selbsthilfe                      des INSEK“ (2020– 2023)        Gesundes Leipzig“

                                                                                                           15
Mit dem Gesunde Städte-Netzwerk
     zum „Gesunden Leipzig“

     Die Zeit war überreif und die Vorzeichen     wurde. Somit entstand ein gewisser kom-      Form einer halben Stelle mussten aus
     standen gut. Trotzdem war die Etablie-       munaler Handlungsdruck, Gesundheit           dem Stellenpool des Gesundheitsamtes
     rung von Gesundheit als Querschnittsthe-     über Ämtergrenzen hinweg neu zu den-         beigesteuert werden. Nur so konnten die
     ma der Stadtverwaltung kein Selbstläufer     ken. Auf diesem Weg floss das Thema          zwei Säulen aus der Vertretung der Selbst-
     und auch die folgenden Jahre nicht im-       Gesundheit in das erste Leipziger Stadt-     hilfe und der kommunalen Vertretung
     mer stolperfallenfrei. Deshalb hätte sich    entwicklungskonzept (SEKO) 2009 ein und      geschaffen werden, die Voraussetzung für
     damals wirklich niemand träumen lassen,      fand sich – wenn auch etwas versteckt –      die Mitgliedschaft im bundesdeutschen
     dass sich Leipzig einmal zum Kompetenz-      in den Bereichen Umwelt, Bildung, Sport      Netzwerk waren.
     zentrum für integrierte kommunale Strate-    und Wirtschaft wieder. Diese ressortüber-
     gien mausern würde.                          greifende Perspektiverweiterung war für      Startschuss
                                                  alle Beteiligten ein Lernprozess, was sich       Noch im Dezember 2010 stellte die
     Aufwärmübung                                 anekdotisch auch in der Wortschöpfung        Stadt Leipzig mit Stadtratsbeschluss den
        Leipzig ging es bis 2007 wie wohl je-    ‚Gesundheitspräventionʻ (prevenire [lat.]     Antrag zur Aufnahme und wurde zum 1.
     der anderen Stadt: Gesundheit wurde in       verhindern, vorbeugen; hier wortwörtlich     Januar 2011 Mitglied im Gesunde Städte-
     der Stadtverwaltung vor allem mit den        somit Gesundheitsvermeidung) zeigte,         Netzwerk der Bundesrepublik Deutsch-
     klassischen Aufgaben des Gesundheits-        die sich unbemerkt ins SEKO einschlich.      land. Damit verpflichtete sich Leipzig, Ge-
     amtes wie Impfen, Hygienekontrollen,             Relativ parallel dazu rückte das The-    sundheit als übergreifendes Thema in der
     Schulaufnahmeuntersuchungen bis hin          ma der ‚Gesunden Stadtʻ auch in den Fo-      Stadtverwaltung zu etablieren (‚Health in
     zu kleineren Projekten oder einem Ge-        kus des Stadtrates und mündete in einen      All Policies‘). Zu Beginn stand vor allem
     sundheitstag assoziiert. Ein Wendepunkt      Fraktionsantrag, den Beitritt Leipzigs       das Lernen von anderen Mitgliedsstädten
     kam, als die Forderung der „Leipzig Char-    zum Gesunde Städte-Netzwerk (GSN) zu         im Mittelpunkt der Arbeit. Parallel dazu
     ta zur nachhaltigen europäischen Stadt“      prüfen. So verwundert es nicht, dass ein     ging es um die Vernetzung innerhalb
     nach einer integrierten Stadtentwicklung,    diesbezügliches Schreiben des Gesunde        Leipzigs, die mit der ersten Jahrestagung
     die neben wirtschaftlicher Prosperität       Städte-Sekretariats im Jahr 2010 in Leip-    im Januar 2012 Fahrt aufnahm. Bei dieser
     auch Aspekte des sozialen Austauschs         zig auf offene Ohren stieß. Die Beitritts-   Auftaktveranstaltung konnten sowohl der
     und gesunder Umwelt gleichermaßen            vorbereitung wurde zu einer der ersten       erste Leipziger Gesunde Städte-Koordina-
     berücksichtigen müsse, zur allgemeinen      Aufgaben der neuen Amtsleiterin. Die          tor als auch die geplante Arbeitsstruktur
     Fördervoraussetzung für Städtebaumittel      notwendigen personellen Ressourcen in        des Leipziger GSN präsentiert werden.

16
10 Jahre Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig

Geplant war, dass eine Steuerungsgruppe
die Zielbestimmung des GSN erarbeitet,              Koordinierung                  Selbsthilfe Kontakt-
während eine Koordinierungsgruppe die               (0,5 VzÄ)                      und Informationsstelle
Leipziger ‚Gesundheitslandschaftʻ analy-                                           (anteilig)
sieren sowie konkrete Maßnahmen und
Projekte auf den Weg bringen sollte. Über
die Arbeitsfortschritte, gesundheitsbezo-
                                                                    Steuerungsgruppe
gene Neuerungen und relevante Themen
                                                                    (befristet bis Ziel-
des Leipziger Netzwerks sollte ein Info-
                                                                    bestimmung)
brief berichten, der seitdem regelmäßig
erscheint.                                                          Koordinierungsgruppe
                                                                    (Maßnahmenplanung)
Hochfahren auf Arbeits-
temperatur
    Jene Steuerungsgruppe (zusammen-                                                             UAG Gesundheitsför-
gesetzt aus Vertreter/-innen der Fachäm-                                                         derliche Umwelt
ter und je einem Mitglied der städtischen       Jahrestagung
Beiräte und Ausschüsse) beauftragte das                                                          UAG Gesundheitliche
Gesundheitsamt mit der Erarbeitung von         Infobrief                                         Chancengerechtigkeit
Leitlinien, die nach einem kurzen ge-
meinsamen Diskussionsprozess zur zwei-                                                           UAG Gesundheitliche
ten GSN-Jahrestagung 2013 verabschiedet                                                          Versorgung
wurden. Nach getaner Arbeit löste sich
diese Steuerungsgruppe auf.                  Gründungsstruktur des Leipziger GSN 2012
    Aus der Koordinierungsgruppe mit
Interessierten aus Selbsthilfe, Stadtgesell-
schaft und Verwaltung entstanden drei schnittsaufgabe in der Stadtverwaltung zu der HTWK mit der Arbeit des GSN ver-
Unterarbeitsgruppen („Gesundheitliche verankern. Es folgten viele sorgfältig vor- schränkt. Peu à peu konnte so das Thema
Chancengerechtigkeit“, „Gesundheitsför- bereitete Sondierungsgespräche mit den Gesundheit in städtischen Strategiepapie-
derliche Umwelt“ und „Gesundheitliche verschiedenen Dezernaten der Stadtver- ren und Planungen platziert werden, so
Versorgung“), die sich i. d. R. vierteljähr- waltung über vorhandene Schnittstellen z. B. als „Fachbeitrag Gesundheit“ im
lich über ihre Arbeitsschwerpunkte ver- zum Thema Gesundheit. Im März 2013 Stadtteilentwicklungskonzept Leipziger
ständigten. Aus den Unterarbeitsgruppen tagte der erste Begleitbeirat „Gesundes Osten oder im Arbeitsprogramm des
gingen u. a. die Schulgesundheitstage Leipzig“ mit 18 Teilnehmenden aus ver- Oberbürgermeisters – Leipzig 2020 unter
(2013–2017), die Kampagne „Werden Sie schiedenen Ressorts. Der fachliche Input dem Label „Gesunde und sichere Stadt“.
ein Aufsteiger – nutzen Sie die Treppe“ mit dem Thema ‚Wohnumgebung und Ge-              Mit diesen ersten gemeinsamen Zwi-
(2015–2017) oder die Gesundheitswerk- sundheit – Ansatzpunkte für kommunale schenerfolgen wuchs auch das Selbst-
statt zum Thema ‚Pflege und Demenz‘ Strategien’ unterstützte die Entwicklung bewusstsein und das Interesse anderer
(2016) hervor.                               eines gemeinsam geteilten ganzheitli- Städte an der Leipziger Entwicklung.
    Damit zusammenwachsen konnte, was chen Gesundheitsverständnisses. Als 2015 wurde Leipzig das erste Mal in den
zusammengehört, beteiligte sich die Stadt Handlungsschwerpunkte priorisierte der ‚Sprecher*innenrat‘ des bundesdeutschen
Leipzig per Ratsbeschluss auch finanziell Begleitbeirat in der Folgesitzung die The- Gesunde Städte-Netzwerks gewählt und
am Modellprojekt „Etablierung einer Ko- men                                           vertritt seither die Interessen aller derzeit
ordinierungsstelle kommunale Gesund- 1. Gesundheitsförderliche Stadtentwick- ca. 90 Mitgliedskommunen nach außen.
heit“ (2012 – 2017) der HTWK Leipzig zu-         lung und -planung,                   Parallel dazu wurden Teile der Koordinie-
sammen mit der AOK PLUS. Ziel war es, 2. Bewegungsförderung im öffentlichen rungsstelle bereits in den Strukturen des
u. a. ressortübergreifende Partnerschaf-         Raum sowie                           Gesundheitsamtes verankert und somit in
ten aufzubauen, um Gesundheit als Quer- 3. verbesserter Zugang zur Gesundheits- kommunale Verantwortung überführt.
                                                        versorgung von Geflüchteten
                                                         und Menschen mit Migrations- Erste kooperative Leucht-
Es folgten viele sorgfältig vorbereitete
                                                         hintergrund.                 effekte
Sondierungsgespräche mit den ver-                            Somit war die gemeinsame    Etwa zeitgleich konnten weitere Maß-
schiedenen Dezernaten der Stadtver-                      Zielrichtung für die kommen- nahmen und Projekte verwirklicht wer-
waltung über vorhandene Schnittstel-                     den Arbeitsjahre bestimmt den. Im Rahmen der Kampagne „Familie
len zum Thema Gesundheit.                                und das Forschungsvorhaben in Bewegung“ (2014 – 2015) schlossen sich

                                                                                                                                      17
Teamgeist und Ausdauer waren u. a.                     BEWEGT sich“ (2015 – 2019) mit     instrument für Muliplikator/-innen
     auch im Handlungsschwerpunkt zur                       der AOK PLUS, der HTWK Leip-       konzipiert ist und alle öffentlich zu-
     Bewegungsförderung im öffentlichen                     zig und dem Universitätskli-       gänglichen wie auch organisierten
                                                            nikum Leipzig zur stadtteilbe-     Bewegungsangebote im Quartier samt
     Raum gefragt.
                                                            zogenen Gesundheitsförderung       Kontaktdaten darstellt. Diese Pläne
     erstmals drei Krankenkassen zusammen, von Kindern in Leipzig-Grünau mit ein-              gibt es mittlerweile für fünf weitere
     um gemeinsam ein Setting-Vorhaben im bringen konnten. Daher verwundert es                 Leipziger Stadtteile mit besonderem
     Leipziger Osten zu unterstützen. Die hier auch nicht, dass sowohl dieses Leipziger        Handlungsbedarf.
     gesammelten guten Erfahrungen bildeten Projekt als auch die Koordinierungsstelle ȣȣ Die erste Bewegungskiste (2016), die
     die Vertrauensbasis für den deutschland- zu den ersten Projekten zählten, die von         sich an Stadtteilakteur/-innen richtet,
     weit ersten von Krankenkassen poolfinan- der Geschäftsstelle der Sächsischen Lan-         die so eine Vielzahl von Bewegungs-
     zierten „Verfügungsfonds Gesundheit“. desrahmenvereinbarung zum Präventi-                 und Sportmaterialien kostenfrei aus-
     Dieser ging im April 2015 im Rahmen onsgesetz offiziell zur kassenübergreifen-            leihen können, flankiert von dement-
     des Forschungsprojektes zur Koordinie- den Finanzierung empfohlen wurden.                 sprechend kostenfreier Fortbildung
     rungsstelle mit zwei beteiligten Kassen                                                   zur Nutzung der Materialien im (pä-
     an den Start. Flankiert durch kommunale Mit gebündelter Kraft                             dagogischen Arbeits-)Alltag. Mittler-
     Beratung, Qualifizierung und Vernetzung        Eine interdisziplinäre und ressortüber-    weile gibt es drei Ausleih-Orte in der
     können Stadtteilakteur/-innen seitdem greifende Zusammenarbeit birgt manch-               Stadt und die Projektidee inspirierte
     relativ unbürokratisch Fördergelder be- mal auch nicht wenige (Fach)Sprach- und           sachsenweit zur Nachahmung.
     antragen, um bedarfsorientierte (Mikro) Verständigungsbarrieren, insbesondere ȣȣ Den ersten Kinderstadtteilplan (2017)
     Projekte umzusetzen, durch die ihre Le- dann, wenn die Handlungslogiken un-               mit Bewegungskängurus, Kulturra-
     benswelten vor Ort gesundheitsförderlich terschiedlicher Disziplinen miteinander          ben und Erdmännchentreffs, die für
     mitgestaltet werden. Um Projektideen aus konkurrieren. Das zeigte sich auch im            Kinder relevante Orte und Zugänge
     den Stadtteilen entsprechend der stren- von 2015 bis 2018 andauernden verwal-             ins Grüne im Quartier aufzeigen und
     gen Förderrichtlinien der Krankenkassen tungsinternen Erarbeitungsprozess des             hierzu erstmalig durch eine gemein-
     durch fundierte Vorschläge weiterentwi- zweiten Stadtentwicklungskonzeptes. Da-           same anteilige Finanzierung aus Städ-
     ckeln zu können, wurde ein ‚kurzer Drahtʻ bei unterstützten insbesondere die Ämter        tebau- und Gesundheitsförderungs-
     zwischen Krankenkassen und Koordi- und Referate, die im Begleitbeirat vertre-             mitteln realisiert werden konnte. Der
     nierungsstelle vereinbart und zu Beginn ten waren (konform des dort priorisierten         Kinderstadtplan für einen fünften
     mitunter auch noch weit nach Feierabend Handlungsschwerpunktes zur gesund-                Stadtteil wird aktuell mit den Kindern
     zusammen beraten. Dieser gemeinsame heitsförderlichen Stadtentwicklung), im-              und Akteur/-innen vor Ort erarbeitet.
     Geist des konstruktiven Austauschs setzte mer wieder den Grundgedanken, dass              Der dritte Handlungsschwerpunkt
     sich im Qualitätszirkel mit allen beteilig- Gesundheit nicht nur schwerpunktmäßig des verbesserten Zugangs zur Gesund-
     ten Krankenkassen fort, wobei die Runde in einzelnen Fachkonzepten berücksich- heitsversorgung von Geflüchteten und
     der Beteiligten bis 2018 schnell auf sechs tigt, sondern auch als Querschnittsthema Menschen mit Migrationshintergrund er-
     Kassen anwuchs. Aufgrund der positiven verankert sein sollte.                          langte mit der starken Zuwanderung von
     Erfahrungen mit diesem neuen inno-             Teamgeist und Ausdauer waren u. a. Geflüchteten 2015/2016 eine besondere
     vativen Förderformat soll der Leipziger auch im Handlungsschwerpunkt zur Be- Priorität. Zum Teil konnten im Begleitbei-
     Ansatz des Verfügungsfonds nun sach- wegungsförderung im öffentlichen Raum rat „Gesundes Leipzig“ schnelle alterna-
     senweit unter dem Label „Gesundheit im gefragt, da die Planung von Maßnahmen tive Lösungswege gefunden werden. Das
     Quartier“ über das kommunale Förder- auch auf kommunal unterschiedlichen betraf beispielsweise die Kostenübernah-
     programm des GKV-Bündnisses für Ge- Ebenen ansetzt. Einerseits wurden Hand- me von Sprachmittler/-innen bei Schwan-
     sundheit etabliert werden.                  lungsbedarfe top-down berücksichtigt, gerschaftskonfliktberatungen (2016) oder
         Während 2015 das lang ersehnte Prä- indem beispielsweise Fitnessparcours zahlreiche Verfügungsfonds Gesundheit-
     ventionsgesetz mit seiner Empfehlung zur für unterschiedliche Stadtteile in das Projekte und Workshops auf Stadtteil-
     kassenübergreifenden Zusammenarbeit Sportprogramm 2024 aufgenommen ebene gemeinsam mit Geflüchteten und
     auf Bundesebene in Kraft trat und auf die wurden. Flankierend dazu wurden an- Menschen mit Migrationshintergrund,
     ausgestaltete Rahmenvereinbarung auf dererseits bottom-up gemeinsam mit bis hin zur Mitinitiierung des Modellpro-
     Landesebene wartete (in Sachsen wurde Stadtteilakteur/-innen gesundheitsbezo- jektes zur Etablierung von „Kultursensib-
     diese 2016 verabschiedet), wurde diese gene Strukturen und Kenntnisse vor Ort len Gesundheitslotsen in Leipzig – KuGeL“
     Zusammenarbeit in Leipzig bereits gelebt. durch bedarfsgerechte (Mikro-)Projekte (2017–2022), das von der Techniker Kran-
     So stand es im Sinne der etablierten Betei- gestärkt. In diesem Zusammenhang ent- kenkasse im Rahmen der Förderung des
     ligungskultur außer Frage, dass sich wei- standen unter anderem:                       Gesunde Städte-Netzwerks der Bundesre-
     tere Krankenkassen in das große kommu- ȣȣ Der erste Stadtteilbewegungsplan publik finanziert wird. In diesem Kontext
     nale Praxis-Forschungsprojekt „GRÜNAU          (2016), der vor allem als Beratungs- übernahm Leipzig auch die Gastgeberrol-

18
10 Jahre Gesunde Städte-Netzwerk Leipzig

                                                                                  LE STEUERUNGS
                                                                            UNA                   EB
                                                                       MM                              EN                       Interessen-
                                                                  KO                                        E
  Strategie-                                                                                                                    vertretung
                                                                        is
  entwicklung
                                                                sk
                                                                   re                    Gesu Stra
                                                              g                              nd te
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                                                                                                            gi förd
  Projekte

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                                                                                                                he erung
                                                                                                                                Öffentlichkeits-

                                               rdi
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  Vernetzung                                                                                                                    arbeit

                                                                            Gesundes
                                                                             Leipzig
                                           Koo
                                            kom

                                                                                                                     -
                                                                                                                                Jahrestagung

                                                                                                            Le ädte
  Projektförderung
                                               rd i

                                                                                                                  ig
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 Schulung                                                       g                                 nd                            Fachforum

                                                                                                       e

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                                                        EB                                                EU                    Arbeitsgruppen
                                                           E                                           KT
 Netzwerke und                                               NE                                                 A

 Kooperation

Aktuelle Struktur: Netzwerk „Gesundes Leipzig“ seit 2020

le für das bundesweite GSN-Kompetenzfo-    (INSEK) durch die Aufnahme des Quer- oder weniger frühzeitigen Einbeziehung
rum zum Thema „Interkulturelle Gesund-     schnittsthemas Gesundheit verwirklicht in unterschiedliche Fachplanungsverfah-
heitsförderung“ (2017).                    und ausformuliert. Deshalb findet Ge- ren. Diese Prozesse gewähren einerseits
                                           sundheit(sförderung) in diesem zentralen interessante und detaillierte Einblicke in
 In feste Bahnen                           Strategiepapier der Stadt explizit seinen die Arbeit der Fachämter und zeigen eine
     Die vollständige Überführung des Niederschlag in acht der elf Fachkonzep- Vielzahl von Schnittstellen auf. Anderer-
 HTWK-Modellprojektes „Koordinierungs- te bzw. implizit als ‚Lebensqualität‘ in den seits nehmen diese Prozesse viel Zeit in
 stelle kommunale Gesundheit“ in die Konzepten ‚Wohnen‘, ‚Kultur‘ sowie ‚Wirt- Anspruch.
 Strukturen des Gesundheitsamtes wur- schaft und Arbeit‘. Dies ist auch richtungs-       Darüber hinaus wurden im INSEK
 de planmäßig 2016 vorbereitet. Wegen weisend für alle zukünftigen Fachplanun- weitere Gebiete als ‚Stadtteile mit beson-
 nicht vorhersehbarer Hürden, die dank gen.                                          derem Handlungsbedarfʻ definiert. War
 einer unbürokratischen kostenneutra-                                                die „Koordinierungsstelle kommunale
 len Verlängerung der Projektförderung Nach dem Ziel ist vor                         Gesundheit“ ursprünglich vor allem für
 überbrückt werden konnten, wurde die dem Ziel                                       den Leipziger Osten und Grünau verant-
 Koordinierungsstelle letztlich 2017 als       Der Strukturaufbau war mit vereinten wortlich, gibt es nun fünf Schwerpunkt-
 volle, unbefristete Personalstelle im Ge- Kräften damit tatsächlich auf allen Ebe- stadtteile. Hier kam für Leipzig das bun-
 sundheitsamt, mit samt den durch sie auf- nen gelungen. Im Jahr 2018 wurde Leipzig desweite Förderprogramm „Kommunaler
 gebauten Strukturen, gesichert. Im Zuge vom Gesunde Städte-Netzwerk der Bun- Strukturaufbau“ des „GKV-Bündnisses für
 dessen wurde der Begleitbeirat „Gesun- desrepublik Deutschland zum „Kompe- Gesundheit“ genau zur richtigen Zeit. So-
 des Leipzig“ aus dem Forschungsprojekt tenzzentrum für integrierte kommunale mit bestand die Möglichkeit, eine weitere
 unter neuem Namen: „Koordinierungs- Strategien“ ernannt und steht seither mit Personalstelle für drei Jahre (mit Verlän-
 kreis Gesundes Leipzig“ in den kommu- seinen Erfahrungen zu Gelingensbedin- gerungsoption für weitere zwei Jahre) zu
 nalen Gesundheitsförderungsstrukturen gungen und Stolpersteinen anderen Mit- schaffen. Diese nahm nach erfolgreicher
 fest integriert. Kurze Zeit später zeigte gliedskommunen beratend zur Seite.        Antragstellung, einschließlich Stadtrats-
 sich dies auch optisch im neuen Logo          Gesundheit auf dem Papier als eines beschluss Anfang 2020 ihre Arbeit auf. Da-
„Gesundes Leipzig“.                        der Querschnittsthemen im Integrier- mit gibt es aktuell 3,5 Planstellen im Be-
     Das zentrale Vorhaben des Leipziger ten Stadtentwicklungskonzept zu veran- reich der Gesundheitsförderung. Anlass
 GSN wie auch der Koordinierungsstelle, kern, war ein erster, wenn auch zentraler genug, um auch die Arbeitsstrukturen des
 Gesundheit als Handlungsschwerpunkt Schritt. Seitdem gilt es, diese Vorgabe mit „Gesunden Leipzigs“ auf den Prüfstand zu
 in der Stadtverwaltung zu etablieren, Leben zu füllen. Dies erfolgt durch zahl- stellen und neu auszuloten.
 wurde ein Jahr später im Integrierten reiche fachämterübergreifende Work-               Die Corona-Pandemie stellte ab März
 Stadtentwicklungskonzept Leipzig 2030 shops bzw. Arbeitsgruppen und der mehr 2020 auch die Stadt Leipzig vor giganti-

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