5.5 Wasserknappheit in Megastädten am Beispiel Lima
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León C. & H. Kosow (2019): Wasserknappheit in Megastädten am Beispiel Lima. In: Lozán J. L. S.-W. Breckle,
H. Grassl, W. Kuttler & A. Matzarakis (Hrsg.). Warnsignal Klima: Die Städte. pp. 182-187. Online: www.klima-
warnsignale.uni-hamburg.de. DOI:10.2312/warnsignal-klima.die-staedte.27.
5.5 Wasserknappheit in Megastädten am Beispiel Lima
Christian D. León & Hannah Kosow
Lima, die Hauptstadt Perus, ist eine typische Megastadt, in der die Ursachen der Wasserkrise zugleich in
den natürlichen (klimatischen und demographischen) Gegebenheiten und den politisch-institutionellen Rah-
menbedingungen liegen. Zuwanderung und Wirtschaftswachstum fallen mit einer nicht-nachhaltigen Nutzung
von Wasser zusammen. Knapper werdende Wasserressourcen und häufiger auftretende Dürren als Folgen
des Klimawandels verschärfen die Lage. Szenarien, die Klima-Projektionen mit verschiedenen gesellschaft-
lichen und technischen Annahmen über mögliche Wasserzukünfte kombinieren, zeigen auf, dass die zukünftige
Wasserversorgung Limas stärker als vom Klimawandel selbst von Faktoren aus den Bereichen Governance,
Management und Planung abhängig ist. Um die Wasserversorgung von Lima langfristig zu sichern, sind
integrierte Maßnahmen-Mixe notwendig. Diese Maßnahmen müssen technische, gesellschaftliche und ökolo-
gische Aspekte gemeinsam betrachten. Ihre Umsetzung bedarf nicht nur Investitionen, sondern auch starker
Leitbilder und Institutionen sowie der Kooperation aller Akteure des Wassersektors.
Water scarcity in megacities – the example of Lima: Lima, the capital of Peru, is a typical megacity, in
which a (potential) water crisis is caused at the same time by natural (climatic and demographic) as well as
by political-institutional conditions. Migration and economic growth coincide with non-sustainable water
use patterns. Climate change impacts, as increasing scarcity of water resources and more frequent droughts,
exacerbate the situation. Scenarios combining climate projections with alternative societal and technical as-
sumptions on possible water futures show that the future water supply of Lima depends more directly from
factors regarding governance, management and planning – than from climate change itself. To assure the long
term water supply of Lima, integrated policy-mixes are required. These policy-mixes need to jointly consider
technical, societal and ecological aspects. Their realization requires not only investments, but also strong
visions and institutions as well as the cooperation of all actors of the water sector.
Wassersituation in Lima für eine Megastadt, in der die Ursachen der Wasserkri-
Überall auf der Welt sind menschliche Siedlungen meist se zugleich in den natürlichen (klimatisch-demogra-
in der Nähe von Wasserquellen entstanden. Der Zusam- phischen) Gegebenheiten einerseits und den politisch-
menhang zwischen der Verfügbarkeit von Wasser und institutionellen Rahmenbedingungen andererseits zu
der Entwicklung von Städten scheint auf der Hand zu finden sind. An der durch die Wüste geprägten West-
liegen. Umgekehrt müssten knappe Wasserressourcen küste des pazifischen Ozeans gelegen, beherbergt Lima
demnach ein Hemmfaktor sein, so dass Städte gar nicht heute mittlerweile die Hälfte der Bevölkerung Perus
entstehen bzw. nicht weiterwachsen sollten. Dieser Zu- (insgesamt leben in der Metropolregion von Lima und
sammenhang besteht heute jedoch nicht mehr. Weltweit Callao rund 10,6 Mio. Menschen) und zieht weiterhin
steigt die Anzahl der Städte weiter an und es entstehen Menschen aus dem gesamten Land an. Ungeachtet
Megastädte, d.h. Städte mit mehr als 10 Mio. Einwoh- unterschiedlich erfolgreicher politischer Bemühungen
ner*innen, unabhängig von den vorhandenen Wasser- zur Dezentralisierung des Landes bleibt Lima das po-
ressourcen. Das Weiterwachsen der Städte, auch z. B. litische, kulturelle und wirtschaftliche Zentrum Perus.
in Wüstengegenden, hat einerseits mit der Anpassungs- Wie ein Vergleich der Wasserreserven mit der Metropo-
fähigkeit des Menschen an knappe Ressourcen zu tun, lregion Santiago de Chile zeigt, ist die Wassersituation
andererseits mit der Kreativität und Innovationsfähig- in Lima besonders kritisch: Santiago de Chile hält für
keit menschlicher Kulturen, Wasser tief aus dem Un- 7,5 Mio. Menschen ein Angebot von ca. 880 Mio. km³
tergrund oder aus weiten Entfernungen zu beschaffen. Wasser vor (Daten von 2015 aus CEPALSTAT); Lima
Viele dieser in Wüsten gelegenen Städte stoßen jedoch mit 10,6 Mio. Einwohnern dagegen nur 361 Mio. km³
an ihre Grenzen, wenn Zuwanderung und Wirtschafts- (Autoridad Nacional del Agua 2018, S. 26).
wachstum zeitlich und örtlich mit einer nicht-nachhal- Neben der verfügbaren Wassermenge insgesamt
tigen Nutzung von Wasser zusammenfallen. Knapper stellt bei genauerem Hinsehen vor allem auch die
werdende Wasserressourcen und häufiger auftretende räumliche und zeitliche Verteilung des Wassers eine
Dürren als Folgen des Klimawandels sind weitere Fak- große Herausforderung für Planung und Management
toren, die Wasserkrisen verschärfen. Dass zur Lösung der Wasserressourcen dar. Da es in Lima praktisch
dieser Problematik nicht nur Ingenieure gefragt, son- nicht regnet, ist die Wasserversorgung hauptsächlich
dern auch Politik und Gesellschaft zunehmend gefor- von den Niederschlägen und der Gletscherschmelze in
dert sind, zeigt sich darin, dass bei Wasserkrisen oft den Anden abhängig. Diese werden größtenteils über
von einer »Governance-Krise« (siehe z. B. Taylor & drei Flüsse (Río Rímac, Río Lurin und Río Chillón)
Sonnenfeld 2018) gesprochen wird. in die Stadt geleitet und in drei Wasserwerken (2 im
Lima, die Hauptstadt Perus, ist ein typischer Fall Río Rímac und 1 im Río Chillón) mit einer Produkti-
1825 Veränderungen städtischer Ökosysteme
onskapazität insgesamt 25 m³/s (La Atarjea: 17,5 m³/s; der Gesamtwasserreserven für die Stadt Lima. Damit
Huachipa: 5 m³/s und Chillón: 2,5 m³/s) zu Trinkwasser wurde der natürliche Wasserlauf des Río Rímac so ver-
aufbereitet. Die Regenzeit im Hochland dauert jedoch ändert, dass der Fluss das ganze Jahr über Wasser führt.
nur wenige Monate an; sie beginnt im November-De- Neben technischen Herausforderungen, die durch
zember und endet bereits in den Monaten März-April. Investitionen in graue Infrastruktur (d. h. der Bau von
Folglich führen die Flüsse natürlicherweise nur wäh- z. B. Stauseen, Kanäle, Wasserleitungen, Aufberei-
rend knapp sechs Monaten Wasser und können im Rest tungsanlagen) und entsprechende Betreibermodelle ge-
des Jahres nicht als Trinkwasserquelle genutzt werden. löst werden könnten, sind die politisch-institutionellen
So muss beispielsweise das Wasserwerk im Río Chillón Rahmenbedingungen eine weitere – wenn nicht eine
aufgrund des niedrigen Wasserstandes in 6 Monaten im größere – Herausforderung für die Wassergovernance
Jahr abgeschaltet werden. Wasser aus schmelzenden von Lima. Knackpunkt dieses bislang nicht zufrieden-
Gletschern kann dies nicht ersetzen. Zudem zeigen Stu- stellend gelösten Problems ist, dass das Flusswasser
dien, dass die Gletscher in Äquatornähe in den letzten aus den Anden noch weiteren Zwecken als allein der
Jahrzehnten stark zurückgegangen sind und der »Ma- Trinkwasserversorgung Limas dient. Das in den Anden
ximum Peak«, also der Zeitpunkt, ab dem aufgrund in Stauseen gespeicherte Wasser wird gleichzeitig er-
der geschrumpften Gletscherfläche der Gesamtabfluss stens für die Stromerzeugung genutzt, zweitens nutzt
abnimmt, bereits überschritten sein könnte (Mishra et die Landwirtschaft das Wasser für die Bewässerung
al. 2017). Der Beitrag der Gletscherschmelze in den ihrer Felder zur Nahrungsmittelproduktion, drittens
Flüssen wird immer kleiner und beträgt mittlerweile stellen die Flüsse für Bergbauunternehmen und Kom-
weniger als 10 Prozent in der Trockenzeit (School- munen im Oberlauf des Flusses gleichzeitig eine Was-
meester & Verbist 2018, S. 56). Über die Förderung serquelle für Prozess- bzw. Trinkwasser und Senken für
von Grundwasser kann dies nur begrenzt aufgefangen ihre Abwässer dar. Ein Blick auf die Akteurslandschaft,
werden, so dass bereits in den 60er Jahren des letzten die mit Wassernutzungen in Lima in den Wasserein-
Jahrhunderts mit dem Bau von Stauseen, Kanälen und zugsgebieten der Flüsse Chillón, Rímac und Lurín eine
Tunneln im Andenhochland begonnen wurde. Von Be- Rolle spielen, verdeutlicht die Komplexität und Viel-
deutung für die Trinkwasserversorgung sind die Stau- zahl möglicher Nutzungskonkurrenzen um die Wasser-
seen in der Region Marcapomacocha, die natürlicher- ressourcen (Abb. 5.5-1).
weise in das Einzugsgebiet des Río Mantaro auf die Die verschiedenen Wassernutzer stimmen sich
Seite des Amazonasbeckens entwässern würden, nun bisher in Bezug auf ihre Wassernutzungen kaum ab.
aber über den Transandino-Tunnel in das Rímac-Tal Gleichzeitig sind auf staatlicher Seite eine Vielzahl
umgeleitet werden. In den Marca-Stauseen sind rund unterschiedlicher Ministerien, nachgeordneten Be-
236 Mio. km³ Wasser gespeichert, das sind 65 Prozent hörden und Instituten auf den verschiedenen Ebenen
Abb. 5.5-1: Akteure im Wassersektor Perus (eigene Darstellung).
1835.5 Chrisrian D. León & Hannah Kosow
(national, regional, lokal) für Planung, Regulierung, d.h. der Beitrag der Gletscherschmelze als immer we-
Überwachung und Monitoring zuständig. Eine im Was- niger bedeutend angenommen werden kann. Eine Sze-
sergesetz vom Jahr 2009 (»Ley de Recursos Hídricos«) nariorechnung hat jedoch überraschend ergeben, dass
für die Lösung dieser Aufgabe vorgesehene akteurs die Niederschläge und somit auch der Abfluss ggf. auch
übergreifende Plattform (»Consejo de Recursos Hídri- steigen könnten. Dies verweist auf die Unsicherheit,
cos de Cuenca Interregional Chillón-Rímac-Lurín, die mit den Abflussprojektionen für längere Zeiträume
CRCH ChiRiLu«) wurde im Jahr 2016 eingerichtet, verbunden ist. Für die weitere Arbeit wurden daher un-
hat ihre Aktivitäten aber erst im Jahr 2018 aufgenom- terschiedliche Varianten eines »trockenen« Klimawan-
men. Aufgabe dieser neuen Plattform soll es sein, die dels (d. h. mit einer Abnahme der Niederschläge bzw.
Wasserbedarfe der unterschiedlichen Nutzer in einen Abflüsse) und eines »nassen« Klimawandels (d.h. mit
Wasserbewirtschaftungsplan im Sinne eines integrier- einer Zunahme der Niederschläge bzw. Abflüsse) ange-
ten Wasserressourcenmanagements aufzunehmen und nommen (Tab. 5.5-1).
die bisher zersplitterte Wassergovernance stärker zu Im nächsten Schritt wurden mittels eines partizi-
bündeln. pativen Prozesses unter Beteiligung von Akteuren, die
im Wassersektor Limas eine wichtige Rolle spielen,
Was sind die Folgen für die die möglichen Folgen des Klimawandels mit weiteren
zukünftige Wassersituation in Lima? 12 sozio-politischen und wasserrelevanten Faktoren
Bei einer bereits schwierigen Ausgangslage stellt sich untereinander in Beziehung gesetzt. Mithilfe einer in
die Frage, welche Folgen sich für die zukünftige Situa- der Wissenschaft als »Cross-Impact Balance (CIB)«
tion der Wasserressourcen in Lima ergeben. Eine Ant- bezeichneten Analysemethode (Weimer-Jehle 2006)
wort dazu hat das vom Bundesministerium für Bildung wurden als Ergebnis fünf integrierte Szenarien entwi-
und Forschung in den Jahren 2008 bis 2014 geförderte ckelt, die mögliche alternative Zukünfte der Stadt Lima
Forschungsprojekt »Lima-Water« in Form von Zu- im Jahr 2040 beschreiben (Schütze et al. 2019, Ko-
kunftsszenarien gegeben. Im Rahmen von Lima-Wa- sow & León 2015) (Abb. 5.5-2)
ter wurden die Folgen globaler Klimaszenarien auf Szenarien stellen definitionsgemäß keine Progno-
die Wasserverfügbarkeit in den drei Flüssen (Chillón, sen dar, sondern zeigen mehrere mögliche, alternative
Rímac, Lurín) modelliert. Dazu wurden drei unter- Zukunftsentwicklungen auf, in der keine der Entwick-
schiedliche Klimaszenarien des IPCC ausgewählt und lungen wahrscheinlicher als die andere ist (zur Defi-
für den Zeitraum bis zum Jahr 2050 die Änderungen in nition von Szenarien s. Kosow & Gassner 2008). Die
den Niederschlagsmengen modelliert (Schütze et al. Ergebnisse dieser Szenarioanalyse zeigen verschiedene
2019). Die Ergebnisse zeigen, dass die Niederschläge mögliche zukünftige Wassersituationen für Lima im
in den meisten Fällen insgesamt abnehmen werden, Jahr 2040. Augenfällig erscheint bei einer Betrachtung
durchschnittlich um etwa 10 Prozent. Mit einem hy- der obigen Szenarien der Einfluss des Klimawandels.
drologischen Abflussmodell wurde errechnet, dass der Entgegen der Erwartungen kann die Situation der Was-
jährliche Abfluss, genauso wie die Niederschläge, im serversorgung in Lima im Jahr 2040 sowohl bei einem
Durchschnitt ebenfalls abnehmen wird (s. Tab, 5.5-1) besonders »trockenen« (d.h. weniger Niederschläge) als
Dies wird auch vor dem Hintergrund erwartet, dass der auch einem »nassen« Klimawandel (d. h. mit stärkeren
»Maximum Peak« vermutlich bereits erreicht wurde, Niederschlägen) insgesamt eher negativ (Szenario A),
Tab. 5.5-1: Durchschnittliche monatliche Änderung im Abfluss für den Zeitraum 2011-2050 im Vergleich zum Durch-
schnitt der Jahre 1999-2008, berechnet mit dem hydrologischen Modell HBV und den Globalen Klimamodellen (GCM)
Echam und Hadley für die SRES Klimaszenarien A1B, A2 und B1. Quelle: Institut für Wasser- und Umweltsystemmo-
dellierung der Universität Stuttgart, verändert nach http://www.lima-water.de/en/pp1.html.
1845 Veränderungen städtischer Ökosysteme
mittel (Szenarien B und C) oder positiv (Szenario D) Erfolgt keine integrierte Betrachtung, sind die Wirk-
sein. Bei genauer Analyse der Einflussbeziehungen samkeit und v.a. die Langfristigkeit von durchgeführten
zwischen den Faktoren wird erstens deutlich, dass bei- Maßnahmen nicht gewährleistet: Technische Lösungen
de Varianten der Klimaveränderung negative Auswir- wie z. B. Kläranlagen für die sichere Entsorgung und
kungen auf die Verfügbarkeit von Wasserressourcen Aufbereitung von Haushaltsabwasser, denen geschultes
haben können. Zweitens zeigt sich, dass die zukünftige Betriebspersonal, öffentliche Aufmerksamkeit und po-
Wasserversorgung stärker als vom Klimawandel selbst, litische Priorität sowie effektive Kontrollen und Durch-
von Faktoren aus dem Bereich der Governance abhän- setzung von z. B. Grenzwerten fehlen, werden weder
gig ist. Dies betrifft v. a. eine auf langfristige Planung effektiv noch nachhaltig betrieben. Außerdem kann
ausgerichtete Politik, die u. a. eine integrierte Bewirt- es kurz- und mittelfristig zu Konflikten zwischen ver-
schaftungsweise der Wasserressourcen und eine nach- schiedenen Wassernutzern kommen, wenn deren unter-
haltige Tarifgestaltung durchsetzt und ein auf Effizienz schiedliche Bedarfe und Perspektiven nicht bei der Ent-
ausgelegtes Wasserunternehmen umfasst. wicklung von Antworten einbezogen wurden. In einem
In Anbetracht dieser Szenarien können verschie- von 2017 bis 2020 laufenden BMBF-Verbundprojekt
dene technische und nicht-technische Lösungen analy- (»Trinkwasserversorgung in prosperierenden Wasser-
siert und die Möglichkeiten ihrer Umsetzung kritisch mangelregionen nachhaltig, gerecht und ökologisch
diskutiert werden. verträglich - Entwicklung von Lösungs- und Planungs-
werkzeugen zur Erreichung der nachhaltigen Entwick-
Wie kann die Wassersituation lungsziele am Beispiel des Wassereinzugsgebiets der
Limas sichergestellt werden? Region Lima/Perú – TRUST«) (für einen Überblick
Um mögliche Antworten zu finden, wie die zukünf- s. León et al. 2019, Krauss et al. 2019) werden die
tige Wasserversorgung von Lima sichergestellt wer- Ziele der verschiedenen Wassernutzer und mögliche
den kann, reicht es nicht, allein technische Lösungen Maßnahmen zur Erreichung der verschiedenen Ziele
zu betrachten, sondern diese müssten gemeinsam mit zusammen berücksichtigt und mögliche konfliktfreie
politisch-institutionellen Lösungen bewertet werden. Maßnahmenpakete entwickelt. Die untersuchten Was-
Abb. 5.5-2: Szenarien »Lima 2040« (eigene Darstellung).
1855.5 Chrisrian D. León & Hannah Kosow
sernutzer sind Haushalte, Tourismus, Landwirtschaft, nen alle Wassernutzer nicht nur kurzfristig, sondern
Industrie sowie die wasserverbundenen Ökosysteme auch mittelfristig zu ihrem Recht auf Wasser kommen
jeweils im ländlich geprägten oberen wie im städtisch können. Zweitens zeigen diese potentiell wirksamen
geprägten unteren Einzugsgebiet. Ihre Ziele betreffen Maßnahmen-Mixe, dass eine »Weiter so« Politik eher
v. a. die sichere Versorgung mit Trinkwasser für den nicht erfolgreich sein kann. Stattdessen macht eine ef-
menschlichen Bedarf, mit Bewässerungswasser für fektive und nachhaltige Wasserversorgung deutliche
Landwirtschaft und Grünflächen sowie mit Prozess- Veränderungen notwendig. Dies betrifft die Wahl und
wasser für die Industrie, sowie die sichere Entsorgung Umsetzung von technischen Optionen, z. B. eine deut-
von kommunalen und industriellen Abwässern. Für liche Verbesserung in der Entsorgung und Klärung von
jedes Ziel werden alternative zentrale Maßnahmenop- Abwässern, sowie das Nutzen von sämtlichen verfüg-
tionen untersucht, die geeignet sein könnten, das jewei- baren Wasserressourcen über Fluss- und Grundwasser
lige Ziel zu erreichen. So werden in Wissenschaft und hinaus, wie z. B. aufbereitete Abwässer zur Bewässe-
Praxis beispielsweise die folgenden Optionen zur Ver- rung oder zur Anreicherung des Grundwasserkörpers,
sorgung der wachsenden städtischen Bevölkerung mit und ggf. auch die Zuleitung von Wasser aus anderen
Trinkwasser vorgebracht und diskutiert: Einzugsgebieten.
• Versorgung über Grundwasser, d. h. über tiefe Grund- Hierzu sind zweitens bestimmte Bedingungen not-
wasserbrunnen, ggf. unterstützt durch künstliche wendig, wie ein hohes Wissen und Bewusstsein für
Grundwasseranreicherung (MAR-Management Aqui die (gesamte) Wassersituation und die verschiedenen
fer Recharge), möglichen Lösungen bei den verschiedenen lokalen,
regionalen und nationalen Akteuren. Darüber hinaus
• Versorgung über aufbereitetes Flusswasser, eine generelle Wasser(spar)kultur, die sich nicht nur auf
• Versorgung über einen Transfer von Wasser aus ande- die Bevölkerung und ihre Privathaushalte beschränkt,
ren Flusseinzugsgebieten, sondern genauso von der öffentlichen Hand, der Indus-
• Versorgung über unkonventionelle Wasserquellen: trie und der Landwirtschaft gelebt wird. Außerdem er-
a) Meerwasserentsalzung fordern komplexe Maßnahmen, wie die Zuleitung von
b) Abwasseraufbereitung zu Trinkwasserqualität. Wasser aus anderen Einzugsgebieten oder auch die An-
reicherung von Grundwasser mit geklärten Abwässern,
Insgesamt werden 14 Ziele mit insgesamt 47 zentralen
Mechanismen und Strukturen des Risiko- und Konflikt-
Maßnahmen auf Ihre Wechselwirkungen, d. h. Syner-
managements.
gien und Vorbedingungen bzw. konflikthafte und sich
Diese Veränderungen betreffen schließlich auch
ausschließende Kombinationen, hin untersucht (vgl.
die Verbesserung der Governance-Situation auf vier
Kosow et al. 2019). Hierzu wurden 30 Expert*innen, Dimensionen: Erstens eine verstärkte Entwicklung ge-
wie u. a. Hydrolog*innen, Ingenieur*innen, Politik-und meinsamer Vision und Planung (z. B. über Wasserwirt-
Sozialwissenschaftler*innen, sowie lokale Stakeholder, schaftspläne und Raumplanung); zweitens das Stär-
wie Vertrete*innen des Wasserversorgers SEDAPAL, ken von Autorität (u.a. von der Stärkung der lokalen
der lokalen, regionalen und nationalen Verwaltung Wasserselbstverwaltung im andinen Hochland bis hin
und Behörden, der Landwirtschaft und der Industrie, zur Stärkung staatlicher Regulierungs- und Kontroll-
sowie von im Umwelt- oder Sozialbereich engagierten behörden), drittens die vermehrte Zusammenarbeit und
NGOs interviewt. Zusätzlich haben die Experten den Übernahme von Verantwortung durch die verschie-
möglichen Einfluss von Governance-Kontexten und denen Akteure (z. B. durch eine erweitertes Mandat
Klimaszenarien auf die Wirksamkeit der Maßnahmen der akteursübergreifenden Plattform CRHC ChiRiLu)
bewertet sowie den Beitrag der einzelnen Maßnahmen und schließlich einen Fokus auf die Erhöhung der In-
auf das Erreichen des Nachhaltigen Entwicklungsziels vestitionen im Wassersektor (dies betrifft sowohl das
Nr. 6 der Vereinten Nationen »Verfügbarkeit und nach- Erschließen von neuen bzw. erweiterten Finanzierungs-
haltige Bewirtschaftung von Wasser und Sanitärversor- quellen wie auch eine sinnvolle Verwendung dieser
gung für alle« bis zum Jahr 2030 eingeschätzt (Verein- Gelder über eine von allen akzeptierte Instanz). Insge-
te Nationen 2015). samt zeigen die Ergebnisse auf: Es gibt verschiedene
Anschließend konnten verschiedene in sich wi- Optionen, um integrierte und nachhaltige Lösungen
derspruchsfreie, wirksame und nachhaltige Maßnah- zu entwickeln. Hierzu gilt es, politische Visionen zu
men-Mixe identifiziert werden, welche die Ziele aller entwickeln, Mehrheiten auszuloten und Allianzen zu
Nutzer auf einmal erfüllen könnten. Dies bedeutet bilden sowie gesellschaftliche Akzeptanz und Finan-
erstens: Es gibt theoretisch Lösungen für Lima, in de- zierungsmöglichkeiten zu schaffen.
1865 Veränderungen städtischer Ökosysteme
Fazit TAC Background paper No 4, Global Water Partnership- Tech-
nical Advisory Commitee Stockholm, Sweden.
Die Wasserversorgung der Megastadt Lima stellt eine LEÓN C. & H. KOSOW (2000): Integrated Water Ressource
Herausforderung dar, die unter den Bedingungen des Management. TAC Background paper No 4, Global Water
Klimawandels sich noch verschärfen könnte. Es gibt Partnership-Technial Advisory Commitee Stockholm, Sweden.
KOSOW H., C. LEÓN & Y. ZAHUMENSKY (2019): Water con-
mögliche Lösungsansätze – diese sind jedoch keines- flict and policy analysis: A new methodology to identify con-
wegs einfach, sondern komplex und erfordern einen im flict free policy-mixes, GRoW- Mid-term Conference: Global
analysis and local solutions for sustainable water resources
dreifachen Sinne integrierten Ansatz: management, 20-21.02.2019, Frankfurt am Main.
• Lösungen sollten technische, soziale, politisch-insti- KOSOW H. & C. LEÓN (2015): Die Szenariotechnik als Metho
de der Experten- und Stakeholdereinbindung. In: Niederber
tutionelle und ökologische Dimensionen gemeinsam ger M. & S. Wassermann (Eds.): Methoden der Experten- und
betrachten - die beste technische Lösung nützt nur Stakeholdereinbindung in der sozialwissenschaftlichen For-
schung. Springer VS, 217-242.
wenig, wenn sie nicht akzeptiert wird, nicht korrekt KOSOW H. & R. GASSNER (2008): Methoden der Zukunfts- und
betrieben werden kann oder nicht nachhaltig ist. Szenarioanalyse. Überblick, Bewertung und Auswahlkriterien.
WerkstattBericht Nr. 103, IZT – Institut für Zukunftsstudien
• Akteure, wie verschiedene Nutzergruppen mit ih- und Technologiebewertung, Berlin.
ren unterschiedlichen Zielen und Prioritäten sowie KRAUSS M., M. HÜGLER, H. KOSOW, S. WASIELEWS-
Entscheider aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft, KI, Y. ZAHUMENSKY, S. STAUDER, J. WIENHÖFER, R.
MINKE & C. LEÓN (2019): Entwicklung von Trink- und
sollten bei der Entwicklung von Lösungsstrategien Abwasserkonzepten in der Metropolregion Lima/Peru zur Un-
und ihrer Umsetzung beteiligt werden. terstützung der Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten
Nationen. In: Wasser und Abfall 07-08/2019, 42-48.
• Im Sinne eines integrierten Einzugsgebietsmanage- LEÓN C., H. KOSOW, Y. ZAHUMENSKY, M. KRAUSS M, S.
ments (»Integrated Water Ressources Management WASIELEWSKI, R. MINKE, J. WIENHÖFER, F. RIESE, S.
F. STURM, F. BRAUER, M. HÜGLER, J. GOTTWALT & D.
IWRM«) (dazu z. B. GWP-TAC 2000) sollten Fluss RIEPL (2019): Solutions and planning tools for water supply
einzugsgebiete von den Quellen, dem Ursprung der and wastewater management in prosperous regions with wa-
Flüsse in den Bergen, bis hin zur Mündung ins Meer ter shortage. In: GRoW - Water as a Global Resource: Global
Analyses and local solutions for sustainable water resources
betrachtet werden. management; Conference proceedings, 28-31.
MISHRA A., K. VERBIST, J. DECKER, M. VERSCHUEREN &
Ein Blick über Lima hinaus zeigt, dass ein integrierter B. AVILA (2017): The Impact of glacier retreat in the Andes:
Ansatz zentral ist, um die Wasserkrise wachsender Me- international multidisciplinary network for adaptation strate-
gastädte in Wüstenregionen generell zu meistern. Die- gies; accomplishment report, UNESCO (https://unesdoc.une-
sco.org/ark:/48223/pf0000258168).
ser integrierte Ansatz ist gleichzeitig umso wichtiger SCHOOLMEESTER T. & K. VERBIST (Ed.) (2018): The An-
und umso herausfordernder, wenn Megastädte über dean Glacier and Water Atlas. UNESCO and GRID-Arendal.
(https://www.grida.no/publications/407).
Flusseinzugsgebiete versorgt werden, die sich über die SCHÜTZE M., J. SEIDEL, A. CHAMORRO & C. LEÓN
Territorien verschiedener politischer Einheiten oder so- (2019): Integrated modelling of a megacity water system – The
gar Staaten erstrecken. application of a transdisciplinary approach to the Lima met-
ropolitan area. In: Journal of Hydrology 573, 983-993. DOI:
Die hier dargestellten Ergebnisse beruhen auf For- 10.1016/j.jhydrol.2018.03.045 (https://doi.org/10.1016/j.jhy-
schungsarbeiten, die im Rahmen von zwei Forschungs- drol.2018.03.045).
TAYLOR P. L.& D. A. SONNENFELD (2018): Water crisis and
projekten durchgeführt und vom Bundesministerium governance. Reinventing collaborative institutions in an era of
für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wurden: uncertainty, Routledge: London and New York.
1) Lima-Water, Förderkennzeichen 01LG0512A-E, VEREINTE NATIONEN (2015): Transforming our world: the
2030 Agenda for Sustainable Development. Resolution adopt-
im Rahmen der Fördermaßnahme Future Megaci- ed by the General Assembly on 25 September 2015.
ties (2008-2014), und 2) TRUST, Förderkennzeichen WEIMER-JEHLE W. (2006): Cross-Impact Balances: A Sys-
tem-Theoretical Approach to Cross-Impact Analysis. Techno-
02WGR1426A-G, im Rahmen der Fördermaßnahme logical Forecasting and Social Change, 73:4, 334-361.
Globale Ressource Wasser (2017-2020). Weitere In-
formationen auf den Webseiten www.lima-water.de und
Kontakt:
www.trust-grow.de.
Dipl.-Ing. Christian D. León
christian.leon@zirius.uni-stuttgart.de
Literatur Dr. Hannah Kosow
AUTORIDAD NACIONAL DEL AGUA (2018): Estado situ-
acional de los recursos hídricos en las cuencas Chillón, Rí- hannah.kosow@zirius.uni-stuttgart.de
mac y Lurín 2016/2017 (http://repositorio.ana.gob.pe/han- Universität Stuttgart
dle/20.500.12543/2902). Zentrum für Interdisziplinäre Risiko- und Innovations-
GWP-TAC (2000): Integrated Water Resources Management. forschung (ZIRIUS)
León C. & H. Kosow (2019): Wasserknappheit in Megastädten am Beispiel Lima. In: Lozán J. L. S.-W. Breckle,
H. Grassl, W. Kuttler & A. Matzarakis (Hrsg.). Warnsignal Klima: Die Städte. pp. 182-187. Online: www.klima-
warnsignale.uni-hamburg.de. DOI:10.2312/warnsignal-klima.die-staedte.27.
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