Über den Glauben sprechen - Refbejuso
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SPRECHEN, ZUHÖREN,
STARK IM GLAUBEN
La Gazette SPRECHEN, ZUHÖREN,
NEUES ENTDECKEN
Über den Glauben
sprechen
gedanken | liturgien | anregungen
tagungsunterlagen zum
kirchensonntag 2020Inhalt
KIRCHENSONNTAG 2020 – ÜBER DEN GLAUBEN SPRECHEN
4 Vorwort zum Kirchensonntag 2020 28 Ablauf einer Liturgie
28 Die Liturgie im Überblick
6 Vielfalt und Profil – wie geht das?
28 Gleichgewicht der Elemente
8 Befreit glauben – befreit reden 28 Hinweise zur Umsetzung
11 Anleitung: Worum geht es? 31 Umsetzungen: Diskussionen und Dialoge
31 Form und Gewinn
12 Sieben Glaubensfragen 31 Vorbereitung
12 Einleitung 31 Standpunkte
12 Bibel 32 Umsetzungen: In Szene setzen
13 Schöpfung
14 Gott 32 Erklärungen im Mass
15 Jesus 32 Visualisierungen
16 Theodizee 32 Verschiedene Stimmen
18 Ethik 32 Schulklasse im Gottesdienst
18 Eschatologie 32 Die eigene Präsenz
21 Was würdest du antworten? 33 Umsetzungen: Ein Markt in der Kirche
33 Der Gewinn
24 Lieder zum Kirchensonntag 33 Vorbereitung und Durchführung
24 Einleitung 34 Einleitung zu den Liturgien
24 Glauben allgemein / Gott
24 Schöpfung 36 Liturgievorschlag 1: Anders glauben
25 Nachfolge Jesu 36 Grusswort
25 Theodizee / Klage 36 Predigttext
27 Ethik 36 Gespräch über die Begegnung Jesu
27 Eschatologie mit der Kanaanitischen Frau
27 Zum Einsatz von Liedern am
Kirchensonntag 40 Liturgievorschlag 2: Quelle des Glaubens
40 Grusswort
40 Predigttext
41 Gespräch über die Begegnung
am Jakobsbrunnen
45 Tipp zur Umsetzung
47 Liturgievorschlag 3: Glauben und Zweifeln
47 Gespräch über den ungläubigen Thomas
50 Gebete, Fürbitten, Segen
50 Gebete
51 Fürbitten
53 Segen
54 Zu den Illustrationen in diesem Heft
55 Impressum
2vorwort
Zum Kirchensonntag 2020
ÜBER MEINEN GLAUBEN SPRECHEN / UELI BURKHALTER, SYNODALRAT
Es fällt den meisten von uns nicht leicht, über den Letztes Jahr war ich in einem Weiterbildungs-
eigenen Glauben zu sprechen. „Das ist doch et- urlaub in Bolivien. Dort habe ich an einem theo-
was Persönliches, Intimes. Das geht niemanden logischen Institut (ISEAT) in La Paz studiert. In
etwas an!“ Vielleicht haben wir auch die Erfah- einem Seminar über Christologie hat unser Pro-
rung gemacht, dass jemand auf uns zugekom- fessor uns zwei Fragen gestellt: „Was ist Chris-
men ist und ganz klar gesagt hat, was „richtig“ tus für dich?“ und „Was bist du für Christus?“
glauben heisst … Dann sind wir peinlich berührt, Zuerst waren wir alle irritiert, aber dann entstand
vielleicht auch verunsichert. ein angeregter Austausch und ich war erstaunt
zu hören, wie vielfältig und persönlich die Aus-
Im Gespräch mit Leuten in der Gemeinde mache sagen und Gedanken waren. Und vor allem: Alle
ich oft die Erfahrung, dass viele unsicher werden, haben die Antworten der andern einfach gelten
wenn wir auf den Glauben zu sprechen kommen. lassen! Eine vielfältige, sehr persönliche Christo-
„Ich glaube schon etwas, aber ich kenne die Bibel logie (Verständnis von Christus) wurde sichtbar.
nicht gut …“ In dieser Aussage spüre ich eine Ver- Einige Aussagen meiner Mitstudierenden haben
unsicherung, ob mein Gegenüber mich mit „mei- mich zum Denken angeregt, bei andern habe ich
nem“ Glauben ernst nimmt, mit dem, was mir gedacht: Das ist mir fremd.
wichtig ist, worauf ich vertraue, woran ich glaube
… Dann schweige ich lieber. Für mich zeigt sich in diesem Beispiel, dass Glau-
benswahrheit dialogisch ist. Ich kann die Vielfalt
Wir sind nicht mehr gewohnt, über den Glauben so stehen lassen, ohne dass es mich verunsichert
zu sprechen. Oder wann haben Sie das letzte Mal oder bedroht. Erst wenn wir uns auf solche Ge-
mit Freunden und Kollegen über Ihren Glauben, spräche einlassen, erfahren wir etwas vom Reich-
über das, was Ihnen wichtig ist, gesprochen? tum des Glaubens, der erst im Mitteilen und im
Manchmal habe ich den Eindruck, dass das für Aufeinander-Hören sichtbar und erfahrbar wird.
viele heute ein Tabu ist.
„Vielfältig glauben – Profil zeigen.“ So lautet der
Aber ich mache auch die Erfahrung, wenn diese Visionssatz, der uns durchs Jahr 2020 begleitet.
erste Verunsicherung überwunden ist, wenn Leu- Nur wenn ich meinen Glauben formuliere, wenn
te Vertrauen fassen, dann sind tiefgründige Ge- ich mich mitteile, spüre ich etwas von der Vielfalt
spräche möglich. Ich bin immer wieder berührt, und dem Reichtum des Glaubens. Und das auf-
was Menschen bewegt, was sie glauben, was merksame Hinhören hilft mir, weiter über mei-
ihnen wichtig ist und was ihnen Vertrauen und nen Glauben nachzudenken. Mein Glaube wird so
Hoffnung gibt. bereichert und gewinnt Profil.
Ich wünsche mir, dass viele Menschen in der Vor-
bereitung auf den Kirchensonntag diese Erfah-
rung machen: Mein Glaube gewinnt Profil, wenn
ich ihn formuliere und mitteile, und wenn ich
mich einlasse auf die ganze Vielfalt, die mir be-
gegnet im Dialog mit anderen!
4zur vertiefung
Vielfalt und Profil – wie geht das?
THEOLOGISCHES ZUM LEITSATZ 2 DER VISION 21 / MATTHIAS ZEINDLER
„VIELFÄLTIG GLAUBEN“: GANZ SCHÖN Die innere Vielfalt der Reformierten kann ganz
ANSTRENGEND schön anstrengend sein. Und regelmässig wird
gefragt, ob es nicht Grenzen der Vielfalt gebe.
Kürzlich kamen in derselben Woche gleich zwei Bloss: Wer entscheidet über die Grenzen, wenn
Briefe von Menschen auf meinen Tisch, die aus alle selber denken?
der Kirche austreten wollten. Eine Person aus
dem Oberland teilte mit, dass die jüngste Oster- IM GESPRÄCH BLEIBEN
predigt einer bekannten Pfarrerin das Fass zum
Überlaufen gebracht habe. Die Pfarrerin hatte Vom preussischen König Friedrich II. ist der Satz
am Radio verkündigt, an Ostern würde „das Le- überliefert, in seinem Staat solle „jeder nach
ben in voller Fülle“ gefeiert. Ein anderes Kirchen- seiner Façon selig werden“. Ist das auch bei den
mitglied dagegen denkt über einen Austritt nach, Reformierten so – leben und leben lassen? Was
weil die Pfarrpersonen in seiner Gemeinde für aber hält uns dann noch zusammen, was macht
seinen Geschmack zu einseitig evangelikal sind. uns zur Kirche?
Zweimal empfinden Menschen unsere Kirche als Im 12. Kapitel des ersten Briefes an die christliche
zu tolerant, einmal, weil sie zu liberal, das an- Gemeinde in Korinth vergleicht der Apostel Pau-
dere Mal, weil sie zu „fromm“ ist. Das ist „viel- lus die Kirche mit einem Leib. Ein bekanntes Bild,
fältig glauben“ konkret. Wir Reformierten sind mit dem Paulus zeigen will, dass in der Kirche
stolz auf unsere innere Vielfalt. Und wir sind die verschiedenen Teile aufeinander angewiesen
stolz, dass uns kein Lehramt vorgibt, was wir zu sind wie die Glieder eines Körpers. Die vielfälti-
glauben haben. „Selber denken“ heisst die Devi- gen Sichtweisen sind also nicht bloss etwas, was
se. Aber eben, diese Vielfalt kann auch wehtun. man ertragen muss. Sie sind etwas, was Gott sei-
Denn „vielfältig glauben“ meint ja nicht bloss, ner Kirche gegeben hat, weil es ihr guttut. Denn
dass wir eine bunte Kirche mit ganz vielen Glau- in den verschiedenen Sichtweisen spiegelt sich
bensfarben sind. Es meint auch, dass zu dersel- die Vielfalt der Menschen, ihrer Herkunft, ihrer
ben Kirche Menschen gehören, deren Art zu glau- Geschichte, ihrer Erfahrungen und Wünsche. Soll
ben uns sehr fremd vorkommt. die Kirche eine echte Gemeinschaft sein, müssen
sich diese verschiedenen Menschen mit ihren
In der reformierten Kirche gibt es solche, die glau- manchmal widersprechenden Einstellungen ver-
ben, dass die Bibel vom Heiligen Geist diktiert binden.
und deshalb wortwörtlich zu verstehen ist. An-
dere in dieser Kirche sind fassungslos, wenn sie Um im Bild des Leibes zu bleiben: Was sind die
das hören. Manche begrüssen die Ehe für homo- Bänder und Sehnen, die die Teile des Körpers
sexuelle Paare und können sich vorstellen, einst zusammenhalten? Nun, wir sind Personen, die
mit Exit zu sterben. Dies ist für andere nur schwer hören, verstehen und sprechen können. Was uns
tolerierbar. Als im Kanton Bern im Mai 2019 über verbindet, ist der Austausch, das Gespräch. „Viel-
die Kürzung der Sozialhilfe abgestimmt wurde, fältig glauben“ gibt es deshalb nur im Gespräch.
beriefen sich Befürworter und Gegner der Vorlage Das Gespräch, die Diskussion, manchmal der
auf die Bibel. Streit ist das Medium, in welchem die Kirche die
Vielfalt ihrer Glaubenshaltungen lebt. Wir wollen
nichts idealisieren, auch das Gespräch kann an-
strengend sein. Aber auch sehr bereichernd.
6UND DAS PROFIL?
„Vielfältig glauben“ darf freilich nicht verwech-
selt werden mit anything goes. Immerhin soll in
aller Vielfalt noch sichtbar werden, dass es sich
dabei um die Vielfalt des christlichen Glaubens
handelt. Aber wieder stellt sich die Frage: Wie
soll ein reformiertes Profil zustande kommen?
Wer definiert es in einer Kirche, wo jede und jeder
über den eigenen Glauben entscheidet? Und wer
organisiert es in einer Kirche, die ganz und gar
„von unten“, von der Basis her aufgebaut ist? Die
Soziologie jedenfalls ist der Meinung, dass die
reformierten Kirchen schlecht in der Lage sind,
in der heutigen Gesellschaft eine klare Identität
auszubilden.
Aber vielleicht meint „Profil zeigen“ auch nicht:
mehr Einheit und klare Kante. „Profil zeigen“
fordert von uns nicht die unmögliche Aufgabe,
ein Profil zu entwickeln. Daran wären wir noch
beim Jüngsten Gericht. Nein, wichtiger ist, dass
wir innerhalb der Kirche die Möglichkeit lassen,
Profil zu zeigen. Als Reformierte wollen wir nicht
einen „Normalglauben“. Unsere unterschiedli-
chen Sichtweisen sollen nicht nivelliert werden,
bis sich alle einig sind, aber nichts mehr gesagt
wird. Wir sind dann keine Kirche mit einem Profil,
aber mit Profilen. Eine Kirche, in welcher jede und
jeder die Freiheit hat, den Glauben zu vertreten,
der ihm oder ihr einleuchtet. In einer Kirche der
Profile gibt es echte Vielfalt. Spannende, aber
manchmal auch schmerzhafte Vielfalt. Eine sol-
che Kirche braucht eine starke innere Toleranz.
Sie erfordert Menschen, die zuhören und verste-
hen können. Sie konkretisiert sich im respekt-
vollen, lernbereiten Gespräch.
Das ist eine anspruchsvolle Form der Kirche. Aber
eines ist eine solche Kirche ganz bestimmt nicht:
langweilig. Matthias Zeindler; Titularprofessor für Systematische Theo-
logie / Dogmatik an der Universität Bern und Leiter Bereich
Theologie der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn
7zum geleit
Befreit glauben – befreit reden
EINFÜHRENDE THEOLOGISCHE GEDANKEN / DOMINIK VON ALLMEN-MÄDER
Pfarrpersonen und Theologiestudierende in ganz EINEN WORT-SCHATZ FÜR DEN
Europa haben eines gemeinsam: Sie müssen an GLAUBEN ANHÄUFEN
Partys, Geburtstagsfesten und an der Bar die glei-
chen Fragen beantworten, sobald das Gespräch Wenn ich über meinen Glauben spreche, ist es
auf ihren Beruf kommt. (Was manche deswe- also nicht damit getan, dass ich einfach „das“
gen zu vermeiden versuchen.) So geht es auch Evangelium in drei, vier Punkten zusammenfas-
mir regelmässig. Für viele dieser Fragen habe ich sen kann. Die Inhalte des Glaubens kristallisieren
inzwischen eine standardisierte Antwort parat: sich zwar in solchen „Zusammenfassungen“. Be-
„Darfst du denn heiraten?“ – „Das dürfen wir kenntnisse, Bibelverse, ja auch ganze Bücher über
protestantischen Pfarrer schon seit 500 Jahren.“ den christlichen Glauben sind letztlich nichts an-
„Du trinkst ja Alkohol?!“ – „Das tat Jesus auch.“ deres als das. Und es ist wichtig, diese Inhalte
Aber eine Frage bringt mich regelmässig ins Stol- immer besser kennenzulernen. Das geschieht bei
pern: „Dann glaubst du also an Gott?“ der persönlichen Bibellektüre und im Austausch
mit anderen, seien sie gläubig oder nicht. Das ge-
DIE ZWEI DIMENSIONEN DES schieht im Gottesdienst und beim Singen. Beim
GLAUBENS Podcast-Hören, Youtube-Schauen, Zeitunglesen.
So häufen wir einen Wort-Schatz für unseren
Es sind gleich zwei grosse Worte, die in die- Glauben an. Dieser Glaubenswortschatz gibt uns
ser Frage stecken. Sie führen mitten hinein in eine Sprache für den Glauben. Und wer reden will
die grosse Herausforderung, die mein Sprechen (oder muss), braucht Sprache.
über meinen Glauben für mich immer wieder ist.
„Gott“ – was und wen meine ich, wenn ich dieses „ICH GLAUBE, HILF MEINEM
Wort ausspreche? Und „glauben“ – ja, glaube ich UNGLAUBEN!“
denn, und wie äussert sich das?
Lebendig wird dieser inhaltliche Wort-Schatz
Glaube hat zwei Dimensionen, und über die eine aber erst, wenn er sich in meinem Leben „ver-
kann man nicht ohne die andere sprechen. Es flüssigt“, wenn ich nicht bloss davon weiss, son-
gibt den Inhalt des Glaubens und es gibt den Akt dern in meinem Leben darauf vertraue. Aber da-
des Glaubens. Ein Beispiel: Die biblische Lehre, mit ist es so eine Sache: Mir geht es nicht selten
dass Gott Liebe ist (1. Joh 4,8), sagt mir persön- wie dem verzweifelten Vater eines Jungen, der
lich nichts, solange ich sie nicht glaubend als et- offenbar an Epilepsie litt. Der Evangelist Markus
was verstehe und erlebe, was mein Leben in ein berichtet, wie Jesus ihm sagte: „Alle Dinge sind
anderes Licht rückt. Gleichzeitig kann ich nicht möglich dem, der da glaubt.“ Der Vater schrie da-
glauben, ohne an etwas zu glauben. Auf mein raufhin: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“
Leben würde kein neues Licht fallen, gäbe es kei- (Mk 9,23 f.) Glauben bedeutet manchmal, auf Zu-
ne Worte, Bilder, Lieder, die mir mitteilen, dass sagen zu vertrauen, die allem entgegenstehen,
Gott Liebe ist. was ich selbst erlebe, in meinem Umfeld sehe, in
der Zeitung lese. Über seinen Glauben sprechen
heisst deshalb: Spannungen nicht ausblenden,
sondern aussprechen und aushalten. Glauben
heisst auch zweifeln. Es liegt deshalb in der Na-
tur der Sache, dass mich die Frage nach meinem
Glauben an Gott regelmässig ins Stolpern bringt.
8WIR SIND ALLE LAIEN „SOLANGE DU NICHT MISSIONIERST …“
Ich vermute, dass ich längst nicht der einzige bin, Damals wurde auch mehr und mehr Menschen
der immer wieder mit dieser Frage ringt. Über den bewusst, wie problematisch „Mission“ ist, wenn
Glauben sprechen, das können wir nicht einfach sie sich mit Machtgefällen, Bevormundung,
an einige Expertinnen und Experten delegieren. Fundamentalismus, kolonialistischer und ras-
In dieser Sache sind wir alle Laien, die lebenslang sistischer Unterdrückung verbindet. Spätestens
lernen. Gerade die protestantischen Kirchen und seit dann hat das Wort einen negativen Beige-
Bewegungen haben deshalb von Anfang an dar- schmack. Wer allzu eifrig über seinen Glauben
auf hingearbeitet, dass jeder und jede Gläubige spricht, läuft Gefahr, „missionarisch“ zu wir-
selbst über seinen bzw. ihren Glauben sprechen ken. Dazu kommt, dass seit den Aufbrüchen der
kann. Die Bibel wurde übersetzt, die zentralen „68er“ feste Überzeugungen zunehmend als ei-
Inhalte des Glaubens in Bekenntnissen, Liedern, nengend gelten. Ich glaube, was „im Moment für
Katechismen zusammengetragen und schon mit mich so stimmt“. Der Anspruch des Heidelberger
den Kindern gepaukt – oder mit ihnen gesungen Katechismus, dass Christus mein „Trost im Le-
(was sicher die bessere Variante war). ben und im Sterben“ sei, kommt einem da über-
rissen vor. Geht es nicht auch kleiner, bescheide-
DER GLAUBE ALS FREMDSPRACHE ner, flexibler?
Die Zeiten, in denen fast alle diesen christlichen FREI SPRECHEN
Wort-Schatz und Glauben teilten, sind definitiv
vorbei. Für viele unserer Zeitgenossinnen und Ich habe den Eindruck, wir reformierten Christin-
Zeitgenossen ist der christliche Glaube zu einer nen und Christen lernen gegenwärtig ganz neu,
Fremdsprache geworden. Sie können in seinen unseren Glauben zu buchstabieren. Spätestens
Worten, Bildern, Tönen nicht ausdrücken, was durch die Entwicklungen der letzten fünfzig,
sie zutiefst bewegt. Sie fühlen sich von manchen sechzig Jahre haben wir gelernt, unseren Glauben
seiner Geschichten und Lehren mehr irritiert als nicht mehr als Beweis für unsere konfessionel-
ermutigt. Diese Entwicklung hat nicht erst ges- le, kulturelle oder moralische Überlegenheit zu
tern eingesetzt. Spätestens seit der Aufklärung sehen. Das ist eine Befreiung. Nicht unser Glau-
deutete sich an, dass wir nicht mehr ungebro- be muss die Welt in Leben und Sterben zusam-
chen über unseren Glauben sprechen können. menhalten, sondern Christus tut es. Nicht un-
Ende der 1960er-Jahre ist das dann unübersehbar ser Missionseifer rettet die Menschen, sondern
deutlich geworden. In ganz Europa haben sich Gott ist mit allen, gläubig oder nicht, schon jetzt
damals gerade junge Menschen vom christlichen unterwegs. Wir sind frei, „Mission“ wieder im
Glauben abgewendet, weil sie ihn vor allem als wörtlichen Sinn zu verstehen, nämlich als „Sen-
moralgeladenes Korsett erlebten. Leider oft zu dung“, als Bewegungsimpuls Gottes in der Welt.
Recht. Die Menschen um uns herum sind nicht Bekeh-
rungsobjekte, sondern wie wir Teil der Bewegung
Gottes in der Welt – Mitmenschen. Im Wissen
darum können wir befreit über unseren Glauben
sprechen. So, wie wir eben gerade glauben: zö-
gernd, leichtfüssig, zweifelnd, verwegen.
9GLÄUBIGE EINHÖRNER gebrauchsanleitung
Mitunter werden wir als Gläubige ein bisschen
exotisch wirken. Gläubige sind in unseren Brei-
tengraden zwar weit häufiger als Einhörner, erre-
Worum geht es?
gen aber kaum weniger Neugier. Sie müssen sich ZUM GEBRAUCH DER GLAUBENSFRAGEN /
meist klugen, manchmal kritischen, hier und da
blöden Fragen stellen. Diese Neugier kann he- ANNEMARIE BIERI
rausfordernd sein, weil sie sich auf etwas sehr
Persönliches, Intimes in uns richtet. Und weil sie Um über unseren Glauben miteinander ins
uns zwingt, unseren Glauben immer wieder neu Gespräch zu kommen, hat das Vorbereitungs-
in Worte und Taten zu fassen. Das ist eine grosse team zu einigen Glaubensthemen je eine Fra-
Chance für alle Beteiligten. Denn je grösser der ge für Erwachsene und für Kinder formuliert.
Wort-Schatz des Glaubens wird, desto mehr er- Diese exemplarischen Glaubensfragen mögen
schliesst er eine neue Welt – in uns, in anderen, zum Nachdenken anregen und den Einstieg
in Gott. ins Gespräch erleichtern. Für den Kirchensonn-
tag geht es keineswegs darum, alle Fragen zu
Dominik von Allmen-Mäder; Assistent am Institut für Her- behandeln. Vielleicht können Sie als Vorbe-
meneutik und Religionsphilosophie, Universität Zürich reitungsgruppe ein Glaubensthema oder eine
Frage auswählen, die Sie speziell anspricht,
schon lange interessiert oder besonders her-
ausfordert:
BIBEL
Frage: Wie wahr sind die biblischen Geschich-
ten?
Kinderfrage: Konnte Mose das Meer wirklich
teilen?
SCHÖPFUNG
Haben wir mit der künstlichen Intelligenz Gott
als Schöpfer bald abgelöst?
Kinderfrage: Wer hat mich gemacht?
GOTT
Frage: Glauben alle Religionen eigentlich an
den gleichen Gott?
Kinderfrage: Amin hat gesagt, sein Gott heisst
Allah. Ist das der gleiche wie meiner?
JESUS
Frage: Bin ich ein Nachfolger / eine Nachfolge-
rin Jesu – und wenn ja, wie?
Kinderfrage: Wer war Jesus und ist er heute
noch da?
THEODIZEE
Frage: Warum lässt der gute Gott so viel Leid
in der Welt zu?
Kinderfrage: Warum macht Gott denn nicht,
dass der Krieg einfach aufhört?
10ETHIK Mit Hilfe der Einführungstexte zu den Glaubens-
Frage: Macht mein Glaube mich zu einem besse- fragen (vgl. Text von B. Berger ab Seite 12) kom-
ren Menschen? men Sie in einem zweiten Schritt möglicherwei-
Kinderfrage: Gell, Gott will nicht, dass wir lügen? se zu weiterführenden Überlegungen. Versuchen
Sie diesen in Worten oder in einem Bild / Symbol
ESCHATOLOGIE Ausdruck zu geben.
Frage: Kommt ein Mörder auch in den Himmel?
Kinderfrage: Hat Gott mich auch lieb, wenn ich Danach fallen Ihnen bestimmt passende
etwas Böses getan habe? biblische Texte und kreative gestalterische For-
men für den Kirchensonntag ein (vgl. auch Ab-
Sicher werden Sie bereits in der Gruppe je nach schnitt „Umsetzungen“)!
persönlichem Glauben und eigenen Erfahrungen
ganz unterschiedliche Zugänge zur betreffenden
Frage haben – und aus diesen Lebenssituationen Pfr. Annemarie Bieri; Beauftragte Erwachsenenbildung, Re-
und Perspektiven heraus zu anderen Überlegun- formierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn
gen und Antworten kommen. Und genau darum
geht es: uns selbst zu überlegen und in Worte zu
fassen, was wir eigentlich glauben, was uns per-
sönlich am Glauben wichtig ist und wie das un-
sere Lebenshaltung beeinflusst. Und dann mit
anderen, ähnlich Denkenden oder ganz anders
Gesinnten, ins Gespräch zu kommen und un-
terschiedliche Sichtweisen nebeneinander ste-
hen zu lassen – wie dies der Leitsatz „Vielfältig
glauben – Profil zeigen“ der Vision Kirche 21 aus-
drückt.
Ganz praktisch kann es in der Vorbereitung hilf-
reich sein, sich zu den Glaubensthemen / Glau-
bensfragen zunächst eigene Gedanken zu ma-
chen, aber auch andere dazu zu befragen.
• Welche Gedanken und Vorstellungen habe ich
– welche haben andere dazu?
• Was ist mir daran besonders wichtig – was an-
deren?
• Zu welchen Antwortversuchen komme ich –
welche Antworten geben andere?
Vielleicht hilft beim ersten Sammeln der Gedan-
ken in der Gruppe ein Mindmap.
11thema
Sieben Glaubensfragen
EINFÜHRUNGEN UND GEDANKENANSTÖSSE / BERND BERGER
EINLEITUNG Darum gehört zum Glauben der Kirche, dass wir
miteinander über unseren Glauben sprechen.
Wer Antworten auf Glaubensfragen sucht, muss Wenn „Glauben“ ein Vertrauen und eine inne-
sich zuerst einmal darüber verständigen, was mit re Gewissheit ist, dann gibt es prinzipiell kein
„Glauben“ gemeint ist. Umgangssprachlich wird „glauben müssen“, nichts, was ich zuerst glau-
„Glauben“ oft als Gegenbegriff zu „Wissen“ ver- ben muss, damit ich zur Kirche gehöre. Aber es
wendet. „Ich glaube“ bedeutet dann: „Ich weiss kann für die Einzelne sehr wohl Glaubenswahr-
es zwar nicht, aber ich vermute es“, „ich nehme heiten geben, die für den eigenen Glauben unver-
es an“. Ein solches Verständnis von „Glauben“ zichtbar sind. Es braucht einen liebevollen und
wäre aber doch etwas dürftig, um den christ- sorgsamen Umgang miteinander, der auch kri-
lichen Glauben zu beschreiben. Denn ein solcher tische Auseinandersetzung ermöglicht. Ich darf
Glaube ist da zuständig, wo das Wissen noch den anderen nicht auf meine Glaubenswahrhei-
nicht ganz hinreicht (zumindest mein Wissen), ten verpflichten und die Kritik daran nicht zum
und er ist dem Wissen auf jeden Fall unterge- Unglauben erklären.
ordnet und muss ihm Platz machen. Und je mehr
wir wissen, desto weniger Platz wäre dann für BIBEL
den Glauben. Deshalb kritisiert z.B. der Theologe
Dietrich Bonhoeffer einen Glauben, der Gott zum Frage: Wie wahr sind die biblischen Ge-
schichten?
Lückenbüsser macht für das, was wir (noch) nicht
Kinderfrage: Konnte Mose das Meer wirk-
wissen.
lich teilen?
Biblisch wird „Glauben“ anders verstanden. Das Die Frage nach der Wahrheit biblischer Geschich-
hebräische Wort für Glauben im Alten Testament ten meint oft, ob das, was da erzählt wird, wirk-
(„aman“) bedeutet „sich festmachen“, „vertrau- lich so passiert ist. Es ist die Frage nach der
en“. Auch das griechische Wort „pistis“, das im Wahrheit der Fakten. Die Frage, was damals
Neuen Testament für den Glauben verwendet wirklich geschehen ist, ist legitim und nicht ohne
wird, bedeutet „Vertrauen“. Glauben lässt sich Bedeutung für unseren Glauben. Hätte Jesus von
nicht trennen von Fakten. Aber er geht darin Nazareth z.B. niemals gelebt, stünde der christ-
nicht auf. Der Glaube hat seinen Ort, wo es um liche Glaube auf einem schwachen Fundament.
das geht, was „höher ist als alle Vernunft“ (Phil Die historisch-kritische Auslegung der Bibel stellt
4,7). „Glauben“ ist nichts Abstraktes, keine An- u.a. die Frage, wie es wirklich gewesen sein könn-
sammlung von Lehrsätzen, die zu glauben sind. te, und sie wendet dazu die Methoden profaner
„Glauben“ ist ein Beziehungsbegriff und setzt ein historischer Forschung an. Ihre Ergebnisse müs-
göttliches Gegenüber voraus, das für mein Leben sen überprüfbar und nachvollziehbar sein und
von Bedeutung ist. Glaube ist keine Leistung, die sie darf nicht Behauptungen zu Fakten erklären,
wir erbringen, sondern ein Geschenk Gottes. Und bloss weil sie vermeintlich für den Glauben wich-
er ist immer mein Glaube, den ich mit anderen tig sind. Historisch-kritische Auslegung nimmt
teile, der aber nicht mit dem der anderen iden- die Bibel und den Glauben durchaus wohlwol-
tisch ist. lend, aber auch kritisch in den Blick. Und das ist
gut so! Denn der Glaube darf sich nicht seine ei-
genen Fakten schaffen. Unser Glaube sucht nach
Erkenntnis, und wer glaubt, muss seine Vernunft
nicht opfern – im Gegenteil.
12Die Kinderfrage, ob Mose das Meer wirklich tei- stimmig ist. Niemand hat das Recht, anderen
len konnte, beantwortet die historisch-kritische eine bestimmte Sicht der Wirklichkeit als glau-
Forschung mit einem klaren Nein. Diese kann bensnotwendig zuzumuten. Historisch-kritische
Vermutungen anstellen, welche Naturphäno- Forschung hilft uns, Faktenwahrheit und Glau-
mene allenfalls als Teilung des Meeres gedeutet benswahrheit sorgfältig zu unterscheiden. Die
werden könnten, und damit mögliche Fakten Wahrheit des Glaubens ist immer eine Wahrheit,
hinter der Geschichte erschliessen, mehr aber die mich trifft, die mich berührt, die für mich
nicht. Und sie kann den „Sitz im Leben“ einer bedeutsam wird, die mir einleuchtet, oder eine
biblischen Geschichte erschliessen. Sie kann bei- Wahrheit, die mir andere als für sie einleuchtend
spielsweise feststellen, dass der Glaube an den und berührend bezeugen. Solche Wahrheit lässt
Gott, der Israel aus der Sklaverei in Ägypten be- sich nie von der glaubenden Person trennen und
freit hat, sich wie ein roter Faden durch die Ge- kann nicht eingefordert werden. Sie bedarf aber
schichte des Glaubens Israels zieht und in neuen des Gesprächs miteinander, des Gesprächs über
Situationen immer wieder Trost und Halt gibt den Glauben.
und seine befreiende Kraft entfaltet. Was ur-
sprünglich die Befreiungserfahrung einer Grup- SCHÖPFUNG
pe hebräischer Sklaven in Ägypten war, die – so
deuteten sie es – mit Gottes Hilfe der Sklaverei Frage: Haben wir mit der künstlichen Intel-
ligenz Gott als Schöpfer bald abgelöst?
entfliehen konnten, ist zur Grunderfahrung und
Kinderfrage: Wer hat mich gemacht?
zum Glaubensgrund eines ganzen Volkes gewor-
den. So wie Gott uns aus Ägypten befreit hat, so Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Gott
wird er uns auch aus dem Exil in Babylon befrei- als Schöpfer reden? Hoffentlich nicht eine Erklä-
en, von der Herrschaft der Römer, von unseren rung der Entstehung der Welt, die gegen wissen-
inneren und äusseren Gefangenschaften. Und schaftliche Hypothesen ins Feld geführt werden
diese Befreiungserfahrung ist so wunderbar, wie müsste. Der Glaube ist nicht dazu da, alternati-
wenn das Meer sich teilt und uns den Weg in die ve Welterklärungsmodelle zu liefern und dafür
Freiheit freigibt und die verschlingt, die uns be- Glauben einzufordern. Die Evolutionstheorie mag
drängen. Diese Bilder der Befreiung sind Bilder eines Tages durch ein anderes Konzept überwun-
des Glaubens und keine historischen Fakten oder den werden, bisher ist sie aber nicht widerlegt
Beschreibungen naturwissenschaftlicher Phä- worden. Die Rede von Gott als Schöpfer verfolgt
nomene. Als solche sind sie aber wahr, weil sie eine andere Absicht.
uns Erkenntnisse über uns selbst und über Gott
vermitteln. Es gibt nicht nur die Wahrheit der Wenn jemand eine Rose züchten möchte, wird er
Fakten, sondern auch Wahrheit, die uns im Le- die Biologie befragen. Will er mit der Rose eine
ben trägt. Solche Wahrheit lässt sich oft nur in Liebeserklärung machen, wird er eher die Poe-
Bildern und Geschichten ausdrücken. sie zurate ziehen. Die Biologie hilft da wenig.
Ähnlich ist es mit den biblischen Schöpfungs-
In Zeiten von Fake News ist ein seriöser Umgang berichten und der Rede von Gott als Schöpfer.
mit Fakten unverzichtbar. Wie es wirklich war, Sie wollen nicht erklären, wie die Welt entstan-
ist keine Ermessensfrage, sondern eine Frage in- den ist, sondern was die Entstehung der Welt
tersubjektiv nachvollziehbarer Gründe. Wir dür- bedeutet. Alles, was ist, ist nicht nur eine Lau-
fen uns die Wirklichkeit nicht so zurechtlegen, ne des Zufalls, sondern gut, gewollt und bejaht.
dass sie zu unserem Glauben passt und für uns Der Mensch, dem die Schöpfung anvertraut ist,
13hat ein Gegenüber und eine Verantwortung. Er noch einmal neu. Einige Pioniere der KI haben
soll bebauen und bewahren und dem Leben die- das Ziel ausgerufen, den Tod zu überwinden. Der
nen. Als Menschen leben wir nicht jeder für sich Tod soll nicht mehr eine unabänderliche Reali-
selbst. Wir sind Beziehungswesen, aufeinander, tät sein, sondern ein zu lösendes Problem. Die
auf die nichtmenschliche Schöpfung und auf Frage, ob wir damit Gott als Schöpfer bald abge-
Gott angewiesen. Wir haben uns nicht selbst ins löst haben, liegt bei solchen Perspektiven nahe.
Leben gerufen und sind auch nicht nur uns selbst Trotzdem sollten wir uns daran erinnern lassen,
gegenüber verantwortlich. Wir sind begabt und dass KI nicht nur eine bedrohliche Entwicklung
fähig, das Leben zu gestalten zum Wohle aller darstellt. Sie kann auch vieles erleichtern, Men-
Geschöpfe. schen verbinden und Kommunikation ermögli-
chen. Den Allmachtsphantasien der Technokra-
Die Bewahrung der Schöpfung gehört zum christ- ten sollten wir dennoch mit Skepsis begegnen.
lichen Auftrag. Allerdings ist diese Formulierung Vor allem aber sollten wir fragen, wem die neuen
auch missverständlich. Sie suggeriert einen ur- Möglichkeiten nützen und wer damit wen kon-
sprünglichen Naturzustand, den es zu bewahren trolliert und beeinflusst. Wir müssen uns unter
gilt. Wir sollen aber nicht nur bewahren, sondern neuen Voraussetzungen verständigen, wie wir
auch gestalten. Fortschrittsfeindlichkeit ist kein leben wollen und was den Menschen als Men-
Wesensmerkmal des christlichen Glaubens. Neu- schen ausmacht. Vielleicht können Maschinen
gier, Forschergeist, die Suche nach Lösungen, die in Zukunft die Gedanken, Gefühle und Empfin-
das Leben einfacher und humaner machen und dungen von Menschen immer besser imitieren.
den Menschen Lasten abnehmen und erfüllen- Aber sie imitieren sie nur und werden damit
de Tätigkeiten ermöglichen, sind erstrebenswert nicht menschlicher. Aus christlicher Sicht sind
und Ausdruck der von Gott geschenkten Gestal- Menschen keine Algorithmen, sondern leben-
tungsmacht des Menschen. Und sogar die oft dige, denkende, fühlende, empfindende Wesen,
verpönte Selbstoptimierung hat zwei Seiten. die Gott – in der Sprache des Glaubens – zu sei-
Auch Bildung ist eine Form der Selbstoptimie- nem Gegenüber, nach seinem Bilde geschaffen
rung, jede Form des Trainings oder auch der The- hat. Die Gefahr dürfte weniger sein, dass wir Gott
rapie. Sollten wir sie deshalb ablehnen? als Schöpfer ablösen, sondern eher, dass immer
mehr Menschen unter die Kontrolle weniger und
Die entscheidende Frage ist, welcher Fortschritt ihrer Maschinen kommen. Nicht auszuschliessen
menschen- und sachgerecht ist und welcher ist, dass die KI dereinst den Menschen überlegen
nicht. Entscheidende Kriterien sind dabei der sein wird und autonom Entscheidungen trifft,
Umgang mit unserer Mitwelt, mit den natürli- die in letzter Konsequenz zur Überwindung des
chen Ressourcen und die möglichen Folgen für Menschen führen könnten.
die Menschen, insbesondere für die Schwächs-
ten. Was können wir auf die Kinderfrage antworten?
Gott hat dich gemacht. Du bist auf der Welt, weil
Schwierige Fragen stellen sich besonders am Le- Gott will, dass es dich gibt, und weil Papa und
bensanfang und am Lebensende. Am Lebens- Mama dich gewollt haben. Und weil es dich nur
ende geht es zum Beispiel längst nicht mehr al- einmal gibt und du wunderbar bist.
lein darum, wie Leben erhalten, sondern wie wür-
diges Sterben ermöglicht werden kann. Der Glau- GOTT
be an den Schöpfer bedeutet, dass wir uns auch
am Ende unseres Lebens gehalten und getragen Frage: Glauben alle Religionen eigentlich
an den gleichen Gott?
wissen und loslassen können. Er verpflichtet
Kinderfrage: Amin hat gesagt, sein Gott
uns, Menschen am Lebensende zu halten und zu
heisst Allah. Ist das der gleiche wie meiner?
tragen und ihnen nahe zu sein, als Einzelne und
als Gesellschaft. So können wir ihnen helfen, das Angesichts all der Kriege und Konflikte, die im
Sterben zuzulassen und nicht den Tod zu suchen. Namen Gottes geführt wurden und werden, nei-
gen wir heute dazu, diese Frage mit Ja zu beant-
Mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz (KI) worten. Dieses Ja dient uns auch als Grundlage
stellt sich die Frage nach der Geschöpflichkeit für einen interreligiösen Dialog, der in einer Welt,
14in der die Religionen einander näher gerückt er gerade für die Schwachen, die Bedürftigen und
sind, unverzichtbar ist. Das Zusammenleben von Fehlerhaften eintritt und sie annimmt, darf und
Menschen unterschiedlicher Religionen kann nur soll unser Beitrag zum Dialog sein und nicht ein-
funktionieren, wenn wir die Religion des anderen geebnet werden. Offen und ehrlich den eigenen
ernst nehmen und ihr nicht von vornherein jeden Glauben bezeugen und gleichzeitig neugierig,
Wahrheitsanspruch absprechen. Der Friede zwi- wohlwollend, aber auch kritisch dem Glauben der
schen den Religionen und der religiöse Friede in anderen begegnen – das scheint mir der einzig
unserer Gesellschaft erfordern gegenseitigen Re- gangbare Weg zu sein. Dabei lassen wir uns lei-
spekt und religiöse Toleranz. ten von der Annahme, dass wir im Gespräch Ge-
meinsames entdecken, aber auch Unterschiede,
Aber rechtfertigt die gute Absicht des Dialogs die uns bereichern und die uns ebenso trennen
zwischen den Religionen wirklich die Aussage, können. Wir lassen uns leiten von der Hoffnung,
dass alle Religionen an den gleichen Gott glau- dass die Religionen unterschiedliche mensch-
ben? Problematisch ist an dieser Aussage zu- liche Annäherungen an die eine göttliche Wirk-
nächst, dass wir damit so tun, als könnten wir lichkeit sind, fehlerhaft und korrekturbedürftig,
einen Standpunkt jenseits der Religionen ein- und bitten darum, dass wir im Dialog wachsen in
nehmen – gewissermassen den Standpunkt der Einsicht, im Glauben, in der Hoffnung und in
Gottes. Zweitens verfügen wir damit über ande- der Liebe.
re Religionen („euer Gott ist ja eigentlich auch
unser Gott“). Und wenn sie diese Einschätzung Was antworten wir dann auf die Kinderfrage?
nicht teilen? Zudem besteht dann die Gefahr, Ich würde sagen, dass wir das nicht sicher wis-
dass Gott gewissermassen zum kleinsten ge- sen können, aber annehmen dürfen. Und dass es
meinsamen Nenner der Religionen wird – aber schön ist, wenn wir uns dafür interessieren, wie
ist Gott oder das Göttliche nicht grösser als alle andere glauben und von Gott reden, wenn wir
Religionen? uns freuen am Gemeinsamen und staunen über
die Unterschiede.
Sollten wir also doch lieber von einer Vielzahl
von Göttern ausgehen und jeder soll nach sei- JESUS
ner Façon selig werden? Es gibt durchaus ernst
zu nehmende Stimmen, die den Polytheismus Frage: Bin ich ein Nachfolger / eine Nach-
folgerin Jesu – und wenn ja, wie?
für grundsätzlich friedliebender halten als den
Kinderfrage: Wer war Jesus und ist er heute
Monotheismus. Aber überzeugend finde ich die-
noch da?
se Stimmen nicht, und ein schiedlich-friedlicher
Götterkosmos widerspricht unserem Glauben an Jede Kirche, jede Gemeinschaft von Menschen,
den dreieinen Gott. die sich christlich nennt, hat ihren Grund in Jesus
Christus. Ohne den Glauben, dass uns in Jesus
Wenn wir vorher schon zu wissen meinen, dass von Nazareth Gott begegnet, ohne den Glauben,
letztlich alle an denselben Gott glauben, wo dass er heute noch da ist, kann es keine christ-
bleibt dann der Raum für Verschiedenheit im liche Kirche geben. Christinnen und Christen
interreligiösen Dialog, für die kritische Ausein- sind Menschen, die Jesus nachfolgen oder sich
andersetzung und für neue und überraschende zumindest darum bemühen.
Einsichten und Erfahrungen? Wenn wir von einer
Vielfalt von Göttern ausgehen, wozu braucht es Warum aber tun wir uns dann mit dem Begriff
dann noch einen Dialog? der Nachfolge so schwer? Es hat wohl damit zu
tun, dass wir uns heute viel darauf einbilden, un-
Wer anderen Religionen offen und lernbereit seren eigenen Weg zu gehen, unser eigenes Ding
begegnet, sollte nicht das Ergebnis des Dialogs zu machen. Wir wollen selbstbestimmt leben
schon vorwegnehmen und sollte auch nicht ver- und manche auch selbstbestimmt sterben. Dabei
suchen, einen Standpunkt über den Religionen vergessen wir oft, dass wir gar nicht so selbstbe-
einzunehmen. Das Spezifische unserer Glau- stimmt handeln, sondern vielen Einflüssen aus-
benstradition, dass Gott sich in Jesus Christus gesetzt sind. Und vor allem vergessen wir, dass
gezeigt hat und uns Menschen nahekommt, dass wir Beziehungswesen sind und Selbstbestim-
15mung nicht allein der höchste Wert sein sollte, THEODIZEE
weil sie – absolut gesetzt – uns isoliert und auf Frage: Warum lässt der gute Gott so viel
uns selbst zurückwirft. Leid in der Welt zu?
Kinderfrage: Warum macht Gott denn
Das Wort „Nachfolge“ lässt uns vielleicht auch nicht, dass der Krieg einfach aufhört?
zögern, weil wir es mit blinder Gefolgschaft asso-
ziieren. Vor allem aber ist Nachfolge in den Evan- Diese Frage gehört wohl zu den meistgestellten:
gelien radikal gedacht. Besonders in der Berg- Wenn Gott das Leiden und die Kriege verhindern
predigt bedeutet Nachfolge, selbst die Feinde könnte und es nicht tut, dann ist er nicht gut.
zu lieben und dem, der dich schlägt, die andere Und wenn er es nicht kann, wozu brauchen wir
Wange hinzuhalten. Und dem Reichen, der Jesus ihn dann?
nachfolgen will, wird beschieden, dass er zuerst
allen seinen Besitz verkaufen und das Geld den Kriege werden von Menschen geführt, Gewalt
Armen geben müsse. „Eher geht ein Kamel durch von Menschen ausgeübt, Leiden von Menschen
ein Nadelöhr als ein Reicher in das Reich Gottes“, verursacht. Die erste Aufgabe ist es dann, die
heisst es im Markusevangelium (Mk 10,25). Diese Stimme dagegen zu erheben und die Verant-
Radikalität der Nachfolge lässt sich nicht einfach wortlichen an ihre Verantwortung zu erinnern.
verharmlosen und relativieren. Aber es gibt auch Leid, für das kein Mensch ver-
antwortlich gemacht werden kann, Unfälle, Na-
Nachfolge Jesu – so wie ich sie verstehe – heisst: turkatastrophen und Schicksalsschläge. Und
die Botschaft Jesu weiterzutragen, in seinem auch wo Menschen für das Leid verantwortlich
Geist unterwegs zu sein und sich von ihm ins- sind, leiden sie ja oft nicht selber, sondern fügen
pirieren zu lassen. Dazu braucht es keinen blin- andern Leid zu. Ist da nicht die Frage erlaubt, wie
den Gehorsam und keine ständige Berufung auf Gott das zulassen kann?
Bibelzitate und Jesusworte, sondern kreatives
und eigenverantwortliches Handeln. Dabei soll- In der Bibel wird die Frage nach Gott und dem
ten uns Jesu Solidarität mit den Armen, den Lei- Leid vor allem im Buch Hiob gestellt. Hiob, ein
denden und Bedrängten, seine Vergebungs- und frommer und rechtschaffener Mensch, erfährt
Versöhnungsbereitschaft und seine bedingungs- unsägliches Leid. Es geht also nicht um das Leid
lose Liebe Richtschnur sein. Seine Botschaft vom der Welt, sondern um persönliches Leiden. Die
Reich Gottes mitten unter uns ist eine stete Er- gängige Vorstellung war, dass Leiden – trotz aller
mutigung, am je eigenen Ort zum Wachsen des äusserlichen Rechtschaffenheit – Strafe Gottes
Reiches Gottes beizutragen. Und der Ruf in die für menschliche Schuld sei. Das Hiobbuch wider-
Nachfolge ist ja nicht nur und nicht einmal zuerst spricht dieser Vorstellung. Wir sollen damit auf-
Forderung und Auftrag, sondern eine Einladung hören, Leiden als Strafe Gottes zu interpretieren.
und eine Zusage: Ich traue dir etwas zu und ich Die Antwort des Hiobbuchs auf die Frage nach
bin bei dir. Wer im Geist Jesu unterwegs ist, ist dem Leid ist der Verweis auf die Schöpfung und
mit ihm verbunden und mit vielen anderen, die die Belehrung, dass das Geschöpf den Schöpfer
auch in seinem Geist leben wollen. nicht zur Rechenschaft ziehen kann. Hiob kann
diese Antwort annehmen. Für viele von uns dürf-
Auf die Kinderfrage würde ich antworten: Jesus te sie unbefriedigend sein. Wir sind es gewohnt,
hat den Menschen von Gott erzählt und ist Gott für alles eine Erklärung und Rechenschaft zu for-
ganz nahe gewesen. Er ist wie ein guter Freund, dern. Aber könnte es nicht sein, dass es auf die
der alles für sie getan hat. Sein ganz besonderer Frage nach dem Leid oftmals keine Antwort gibt?
Geist ist auch heute noch da, in unseren Herzen. Dass – ausser dem Protest gegen die menschli-
Er ist spürbar, wo wir einander helfen. Er zeigt chen Verursacher – nur das Aushalten des Leides
uns, dass Gott uns gern hat und dass jedes von und das solidarische Mittragen bleibt?
uns wichtig ist.
Nicht nur im Hiobbuch wird die Theodizeefrage
gestellt. Auch die Geschichte Jesu gibt eine Ant-
wort auf diese Frage. Und sie beantwortet sie mit
einer Revolution des Gottesbildes. Denn Jesus
1617
zeigt uns Gott nicht als den, der mit mächtiger erbringen müssen, um angenommen zu sein,
Hand eingreift und das Leiden überwindet, son- sie gilt uneingeschränkt. Es gibt niemand, der
dern als einen, der unsere Ohnmacht annimmt, Gottes Gnade mehr oder weniger verdient hätte.
unser Leiden teilt und solidarisch ist mit den Zugleich gilt aber, dass der Glaube an diese be-
Leidenden. Er nimmt selbst das Leiden auf sich, dingungslose Gnade Gottes sich darin ausdrückt,
wird zum Opfer von Macht und Gewalt. Denn mit dass wir aus Dankbarkeit uns bemühen, Gottes
Macht und Gewalt lässt sich Leiden nicht über- Willen zu tun. Für den Heidelberger Katechismus
winden. So entsteht nur neues Leid. An die Stel- sind die guten Werke Kennzeichen des neuen Le-
le des allmächtigen Gottes tritt der ohnmächtige bens, Früchte des Glaubens. Glaube ist nicht al-
Jesus am Kreuz, der selbst von Gott verlassen ist. lein eine innere Haltung (und noch viel weniger
Er tritt für uns ein, ist uns nahe in Erfahrungen ein Bejahen von Glaubenssätzen). Glaube ist Er-
von Ohnmacht und Leid. Insofern lässt Gott das neuerung des Lebens und findet seinen Ausdruck
Leiden nicht zu, sondern trägt es mit und über- im Bemühen um ein gutes Handeln, das Tun des
windet es durch Liebe und Solidarität. Wer ihm Willens Gottes. Dieser tätige Glaube führt uns
nachfolgt, ist solidarisch mit den Leidenden und zum Miteinander, zu tätiger Liebe, zur Verant-
wird zur Friedensstifterin oder zum Friedensstif- wortung füreinander. Christinnen und Christen
ter. Sie/er gibt den Glauben nicht auf, dass Leid fragen nach dem Willen Gottes in ihrem persön-
und Gewalt nicht das letzte Wort haben und dass lichen Leben und als Teil ihrer Gesellschaft. Des-
das Leid nur mit Friedfertigkeit zu überwinden halb lassen sich Glaube und Politik auch nicht
ist. Und sie/er findet die Kraft, das Leid anzu- trennen, weil wir als Christinnen und Christen in
nehmen, wenn es nicht zu überwinden ist. allen Bereichen unseres Lebens verantwortlich
handeln sollen.
Und die Kinderfrage? Ich würde antworten, dass
wir das nicht verstehen können, aber dass Gott Auch als Glaubende bleiben wir fehlerhafte Men-
auf jeden Fall den Krieg nicht will und sich freut, schen – „zugleich Sünder und Gerechter“ hat Mar-
wenn wir uns für Frieden einsetzen und Men- tin Luther das genannt. Das Wissen um unsere
schen helfen. Fehlerhaftigkeit und unser Angewiesensein auf
die Barmherzigkeit Gottes kann uns barmherzi-
ETHIK ger mit anderen und mit uns selbst machen. Es
kann uns befreien von dem Druck, immer besser
Frage: Macht mein Glaube mich zu einem und perfekter zu werden. Mit Blick auf die Kin-
besseren Menschen?
derfrage: Ja, Gott will, dass wir nicht lügen, aber
Kinderfrage: Gell, Gott will nicht, dass wir
er verurteilt uns nicht, wenn uns das nicht ge-
lügen?
lingt, und er hat uns deshalb nicht weniger gern.
Spontan würde ich die Frage aus mehreren Grün-
den verneinen: Sollten wir überhaupt von einem ESCHATOLOGIE
„besseren Menschen“ reden oder ist das schon
Ausdruck eines problematischen Richtgeistes? Frage: Kommt ein Mörder auch in den Him-
mel?
„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet wer-
Kinderfrage: Hat Gott mich auch lieb, wenn
det“ (Mt 7,1). Zumindest sollten wir vorsichtig
ich etwas Böses getan habe?
sein mit Aussagen über bessere und schlechtere
Menschen. Im Zusammenhang mit dem Glau- Es gibt Fragen, die wir gar nicht zu beantworten
ben tönt das schnell nach christlicher Überheb- versuchen sollten, weil wir uns damit an Gottes
lichkeit. Zudem ist es nicht der Glaube, sondern Stelle setzen würden. Die Frage, wer denn in den
bestenfalls das aus dem Glauben erwachsende Himmel kommt, gehört auf jeden Fall dazu.
Handeln, welches jemand zu einem „besseren“
Menschen machen könnte. In der Bibel finden sich eine ganze Reihe von Tex-
ten, die uns das Bild eines „Jüngsten Gerichts“ vor
Auf den zweiten Blick muss ich sie aber bejahen. Augen führen, bei dem den einen das ewige Le-
Die grosse reformatorische Entdeckung, dass wir ben und den anderen die ewige Verdammnis zu-
allein aus Gnade gerechtfertigt werden ohne alle geteilt wird. Zahlreiche Darstellungen der Kunst
Werke und dass wir vor Gott keine Leistungen zeigen uns diese Szene, besonders eindrücklich
18am Portal des Berner Münsters. Aber war es
nicht gerade die reformatorische Entdeckung,
dass Gott uns seine Gerechtigkeit allein aus Gna-
de schenkt und uns nicht nach unseren Werken
beurteilt, dass wir allein aus Glauben gerecht-
fertigt sind? Wenn aber Glaube oder Unglaube im
Gericht entscheiden, wird dann nicht der Glaube
wieder zu einem seligmachenden Werk – der
Glaube, der nach reformatorischer Überzeugung
ein Geschenk Gottes ist? Sollten wir besser die
Vorstellung eines „Jüngsten Gerichts“ ganz auf-
geben, weil sie ausweglos in Missverständnis-
se hineinführt? Ich denke, die Vorstellung eines
„Jüngsten Gerichts“ lässt sich besser als Versöh-
nungsgeschehen verstehen, in dem Gott seine
Schöpfung zurechtbringt und heilt.
Zum christlichen Bekenntnis gehören der Glaube
an die Vergebung der Sünden, die Auferweckung
der Toten und das ewige Leben. Die Vorstellung,
dass irgendjemand seine gerechte Strafe in Ge-
stalt ewiger Verdammnis erhalten müsse, gehört
nicht dazu. Es steht uns nicht zu, irgendjeman-
den vom Himmelreich auszuschliessen. Wir soll-
ten nicht einmal darauf hoffen, auch wenn unser
menschliches Bedürfnis nach einer ausgleichen-
den Gerechtigkeit oder einer Bestrafung für das
Böse durchaus verständlich ist. Wir dürfen auf
Gottes Gerechtigkeit vertrauen, sollten aber
nicht unsere Gerechtigkeitsvorstellungen zum
Massstab machen.
In der Bibel gibt es neben den Gerichtstexten
auch zahlreiche Aussagen, die Gottes Heilswillen
für alle Menschen zur Sprache bringen und da-
ran erinnern, dass uns nichts von Gottes Liebe
trennen kann. Deshalb scheint mir die Hoffnung,
dass bei Gott nichts und niemand verlorengeht,
am ehesten dem biblischen Zeugnis zu entspre-
chen. Ich hoffe darauf, dass er bei jedem von uns
Schuld vergeben kann und heilen wird, was der
Heilung bedarf. Die Kinderfrage ist zweifellos mit
einem uneingeschränkten Ja zu beantworten!
Pfr. Bernd Berger; Leiter Weiterbildung pwb, Reformierte
Kirchen Bern-Jura-Solothurn
1920
atelier
Was würdest du antworten?
FRAGEN UND ANTWORTEN AUS DEM INTERNATIONALEN KONTEXT / HEIDI ZINGG KNÖPFLI
HINTERGRUNDINFORMATIONEN GLAUBST DU ...?
Mission 21 als internationales christliches Werk Die Antworten der Auskunftspersonen auf diese
ist mit Menschen aus 70 Partnerkirchen und Part- Frage fielen sehr unterschiedlich aus:
nerorganisationen in 20 Ländern Afrikas, Asiens
und Lateinamerikas unterwegs. Das bringt es mit ... da musst du einen Theologen / eine Theologin
sich, dass nicht nur Fragen um wer kann wen wie fragen ... Warum sollte ich das so spontan be-
unterstützen besprochen werden, sondern auch antworten können, wenn sich Theologinnen und
Fragen darüber, wer was glaubt und wie dieser Philosophen seit Jahrhunderten damit beschäf-
Glaube im Alltag und in den unterschiedlichen tigen? ...
Kulturen gelebt wird.
... Ich würde immer zurückfragen, was glaubst
Für das Kirchensonntags-Thema „Über unseren du? Und das, was du glaubst, ist richtig. ...
Glauben sprechen“ konnte dieses grosse Netz-
werk von Mission 21 genutzt werden, indem Frau- ... Kinder in unserer Kultur fragen nicht nach ...
en und Männern aus verschiedenen Ländern die Unsere Tradition ist: Kinder sieht man, hört man
Kinderfragen zugesandt wurden. Die Antworten aber nicht! (Erklärung: Kinder sind Empfänger
per Mail oder Telefon sind spannend und führten von Informationen, ohne diese zu hinterfragen,
sofort zu offenen Gesprächen über den persönli- weil die Informationen von Respektspersonen
chen Glauben. Meistens wurde der kulturelle Hin- (Eltern, Lehrerinnen und Lehrer) kommen.
tergrund spürbar bzw. in welchem erzieherischen
und gesellschaftlichen Umfeld die Menschen ... Als Kinder stellten wir das, was von den Re-
aufwuchsen oder heute leben. Entscheidend für spektspersonen gesagt wurde, nicht in Frage.
die Antworten ist aber auch, ob die Menschen in Wir nahmen es als gegeben entgegen. ... Ich aber
ländlichem Gebiet, in einer nicht sehr religiösen war sehr wissbegierig und ich hatte Glück. Mei-
Gemeinschaft oder in einer Diktatur leben, wo ne Mutter hat mir alle Fragen beantwortet, die
ehrliche Antworten gefährlich sein können. Ob ich von klein auf hatte. Aber das war in unserer
sie in einem Land mit überwiegend muslimischer patriarchalen Umgebung vor 40 Jahren eine Aus-
Bevölkerung leben oder ob das Zusammenleben nahme. ...
zwischen den Religionsgemeinschaften schwie-
rig ist oder eher nicht. ANTWORTEN AUF DIE KINDERFRAGEN
Und noch etwas: Die Antworten sind hier kurz ge- THEMA BIBEL – KONNTE MOSE DAS MEER
halten und bezüglich Alter der Kinder / Jugend- WIRKLICH TEILEN?
lichen differenziert (fünfjähriges Kind, das kurz Antworten an 5-Jährige:
vor dem Mittagessen in die Küche kommt und • Ja, weil Gott ihn mit diesem Wissen gesegnet
die Frage stellt; 15-jähriger Jugendlicher, der kurz hat.
vor dem Schlafengehen die gleiche Frage stellt).
• Nein, es ist einfach eine schöne Geschichte, die
zeigt, wie Gott den Menschen geholfen hat.
• Ich weiss es nicht, aber Moses hat Gott ver-
traut.
21Antworten an 15-Jährige: • Auf diese Frage kann nicht mit einem glatten
„Ja“ oder „Nein“ geantwortet werden. Natür-
• Ich glaube es, weil Gott es durch Mose bewirk- lich gibt es nur den einen Gott und das beken-
te. nen sowohl Juden und Christen wie auch Mus-
• Nein, er wusste einfach nur, wo das Schilfmeer lime, aber es gibt halt verschiedene Religionen
nicht tief war. und so auch verschiedene Namen.
• Nur Moses hätte das Meer nicht in zwei Teile • Ich weiss es nicht. Niemand kann das wissen.
teilen können, sondern er tat es mit der Kraft • Wir können Gott mit verschiedenen Namen
des Geistes Gottes. Mose war ein Werkzeug benennen. Amin sagt Allah, wir sagen Jahwe
Gottes, um den Israeliten zu zeigen, dass er oder Gott. Für mich persönlich ist es dasselbe.
tun kann, was niemand tun kann. Wir geben Gott unterschiedliche Namen, aber
das Ziel ist dasselbe.
THEMA SCHÖPFUNG – WER HAT MICH
GEMACHT?
Antworten an 5-Jährige: THEMA JESUS – WER WAR JESUS UND IST ER
• Vater und Mutter haben dich gezeugt und Gott HEUTE NOCH DA?
hat das Gedeihen gegeben. Antworten an 5-Jährige:
• Gott hat dich im Bauch deiner Mutter gemacht. • Ein guter Mensch und ein grosses Vorbild für
uns.
• Das waren deine Eltern, weil sie eine enge Be-
ziehung haben, hatten sie Sex miteinander • Jesus ist mein Retter und er ist auch heute mit
und so bist du entstanden. dir.
• Gott via deine Eltern. • Der Sohn Gottes im Himmel.
• Wir, deine Eltern. Und wir freuen uns über dich. • Jesus war sehr engagiert und hat sich für Ge-
rechtigkeit eingesetzt. Er ist auch heute da.
Antworten an 15-Jährige: • Jesus war ein Wanderprediger mit einem gros-
sen Glauben an Gott.
• Ich glaube, dass es eine schöpferische Kraft
gibt und dass sie mitgeholfen hat, dass wir
dich bekommen haben. Antworten an 15-Jährige:
• Wir wollten dich so gerne und die göttliche • Ein Vorbild für uns alle, weil er besonders eng
Energie hat es zugelassen. mit Gott verbunden war.
• Natur und Menschen wurden von Gott geschaf- • Ich glaube, Jesus ist hier in unserem Leben prä-
fen. Gott gab den Menschen auch die Möglich- sent. Wir können Jesus in verschiedenen Per-
keit, technische Geräte und andere Dinge zu sonen sehen: in den Kindern, in der Natur, in
entwickeln, die Menschen tun können. den Menschen, die wenig haben, und denen,
die genug haben und vielleicht ein grosses
THEMA GOTT – AMIN HAT GESAGT, SEIN GOTT Herz haben.
HEISST ALLAH. IST DAS DER GLEICHE WIE
MEINER? THEMA THEODIZEE – WARUM MACHT GOTT
Antworten an 5-Jährige: DENN NICHT, DASS DER KRIEG EINFACH
• Ja, es ist der gleiche Gott. AUFHÖRT?
Antworten an 5-Jährige:
• Nein, unser Gott ist der Vater von Jesus. Amins
Gott hat den Mohammed. • Ich weiss es nicht, habe mich auch schon ge-
fragt.
• Ja, so ungefähr. Wir sagen ihm halt so.
• Gott versucht, die Kriege zu stoppen, aber die
• Ja, Gott hat verschiedene Namen. Menschen wehren sich dagegen.
Antworten an 15-jährige: • Gott möchte schon, aber die Menschen wollen
• Ja, die Menschen anderer Kulturen und Reli- oft nicht.
gionen geben Gott verschiedene Namen. • Gott wird es tun, aber er bestimmt, wann.
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