Die Zukunft der Langlebigkeit in der Schweiz

 
Die Zukunft der Langlebigkeit
in der Schweiz

                                Neuchâtel, 2009
Die vom Bundesamt für Statistik (BFS)
herausgegebene Reihe «Statistik der Schweiz»
gliedert sich in folgende Fachbereiche:

 0   Statistische Grundlagen und Übersichten

 1   Bevölkerung

 2   Raum und Umwelt

 3   Arbeit und Erwerb

 4   Volkswirtschaft

 5   Preise

 6   Industrie und Dienstleistungen

 7   Land- und Forstwirtschaft

 8   Energie

 9   Bau- und Wohnungswesen

10   Tourismus

11   Mobilität und Verkehr

12   Geld, Banken, Versicherungen

13   Soziale Sicherheit

14   Gesundheit

15   Bildung und Wissenschaft

16   Medien, Informationsgesellschaft, Sport

17   Politik

18   Öffentliche Verwaltung und Finanzen

19   Kriminalität und Strafrecht

20   Wirtschaftliche und soziale Situation der Bevölkerung

21   Nachhaltige Entwicklung und Disparitäten auf regionaler und internationaler Ebene
Statistik der Schweiz

Die Zukunft der Langlebigkeit
in der Schweiz

  Bearbeitung                         Laurence Seematter-Bagnoud, IUMSP, Lausanne
		                                    Fred Paccaud, IUMSP, Lausanne
		                                    Jean-Marie Robine, INSERM, Montpellier

                        Herausgeber   Bundesamt für Statistik (BFS)

                                      Office fédéral de la statistique (OFS)
                                      Neuchâtel, 2009
IMpressum

        Herausgeber:     Bundesamt für Statistik (BFS)
 Auskunft:               Informationszentrum, Sektion Demografie und Migration, BFS,
		                       Tel. 032 713 67 11, E-Mail: info.dem@bfs.admin.ch
        Realisierung:    Sektion Demografie und Migration, BFS
 Vertrieb:               Bundesamt für Statistik, CH-2010 Neuchâtel
		                       Tel. 032 713 60 60 / Fax 032 713 60 61 / E-Mail: order@bfs.admin.ch
      Bestellnummer:     1043-0901
               Preis:    Fr. 5.– (exkl. MWST)
              Reihe:     Statistik der Schweiz
        Fachbereich:     1 Bevölkerung
        Originaltext:    Französisch
        Übersetzung:     Sprachdienste BFS
          Titelgrafik:   typisch gmbh, Bern
       Grafik/Layout:    BFS
 Copyright:              BFS, Neuchâtel 2009
		                       Abdruck – ausser für kommerzielle Nutzung –
		                       unter Angabe der Quelle gestattet
               ISBN:     978-3-303-01247-5
INHALTSVERZEICHNIS

Inhaltsverzeichnis

1     Einleitung                                         5   3.2   Demografische Methoden: Voraus-
                                                                   schätzungen auf der Grundlage
1.1   Definitionen                                       5         einer Grenzverteilung                   17

1.2   Langlebigkeit und Sterblichkeit in der Schweiz     5   3.3   Epidemiologische Methoden: Voraus-
                                                                   schätzungen auf der Basis von Gesund-
1.3   Die Lebenserwartung in anderen                               heitsinformationen                      18
      Industrieländern                                   9
                                                             3.4   Studien, die demografische und epide-
                                                                   miologische Methoden verbinden          19
2     Lebenserwartung in guter Gesundheit
      gestern und heute                                 11   3.5   Determinanten der Lebenserwartung
                                                                   in guter Gesundheit                     21
2.1   Die Entwicklung in der Schweiz                    11

2.2   Die Entwicklung in anderen Ländern                13   4     Schlussfolgerung                        22

2.3   Zusammenfassung:
                                                             5     Bibliografische Hinweise                23
      die Lehren aus der Geschichte                     14

3     Künftige Entwicklung der Langlebigkeit und
      der Lebenserwartung in guter Gesundheit           16

3.1   Demografische Methoden: Fortschreibung
      der vergangenen Entwicklung
      der Sterblichkeit bzw. Lebenserwartung            16

2009 BFS DIE ZUKUNFT DER LANGLEBIGKEIT IN DER SCHWEIZ                                                       3
EINLEITUNG

1 Einleitung

Die derzeitige Zunahme der Lebenserwartung in der              modalen Sterbealter misst: Dieser Indikator steigt mit zu-
Schweiz und in den meisten industrialisierten Ländern ist      nehmender Rektangularisierung der Überlebenskurve.
im Wesentlichen auf den Rückgang der Sterblichkeit bei
den älteren und hoch betagten Personen zurückzuführen.
Haupttodesursachen sind heute langsam verlaufende de-          1.2 Langlebigkeit und Sterblichkeit
generative Erkrankungen (Herzkreislauf-Krankheiten und             in der Schweiz
Krebserkrankungen sind für 60% der Sterbefälle bei über
60-Jährigen verantwortlich) und die Determinanten              Die Mehrzahl der verfügbaren Studien beruht auf den
­dieser Erkrankungen liegen bereits zu Beginn des Erwach-      Volkszählungen und den Statistiken der natürlichen Be-
 senenalters oder noch früher vor.                             völkerungsbewegung, d.h. auf Informationen, die in den
    Vor diesem Hintergrund hat das Bundesamt für Statis-       derzeit am höchsten entwickelten Ländern erst seit Mitte
tik (BFS) ein kleines Expertenteam beauftragt, die ver-        des 19. Jahrhunderts vorliegen.
fügbaren Informationen über die vergangene und zu-                 Die Lebenserwartung bei der Geburt ist kein aussage-
künftige Entwicklung der Langlebigkeit in der Schweiz          kräftiger Indikator in Bevölkerungen mit geringer Kinder-
und in anderen industrialisierten Ländern zu analysieren.      und Jugendsterblichkeit. Er wird aber weiterhin häufig
                                                               verwendet, da er leicht verfügbar und allgemein ver-
                                                               ständlich ist.
1.1 Definitionen                                                   Grafik G1 zeigt, dass die Lebenserwartung in der
                                                               Schweiz seit 1876 praktisch ununterbrochen gestiegen
Langlebigkeit wird hier als die in der Bevölkerung oder        ist, von 40 Jahren auf derzeit über 80 Jahre (79 für Män-
bei Einzelpersonen beobachtete Lebensdauer definiert.          ner, 84 für Frauen). Mit anderen Worten, die Lebenser-
Klassische Indikatoren dafür sind die Lebenserwartung          wartung hat sich in diesem Zeitraum verdoppelt, wobei
bei der Geburt (auf der Bevölkerungsebene) und das             der jährliche Zuwachs zwischen 1876 und1950 im Schnitt
maximale Sterbealter (auf individueller Ebene).                4–5 Monate betrug und bei den Frauen etwas rascher
   Weitere Indikatoren stehen zur Diskussion, darunter         verlief als bei den Männern. Von 1950 bis 2000 fiel der
das mediane Sterbealter (das Alter, welches die in einer       Anstieg mit rund 3 Monaten pro Jahr etwas geringer aus.
bestimmten Zeitperiode verstorbenen Personen in zwei               Der Lebenserwartungsgewinn bei der Geburt war zu-
gleich grosse Gruppen, d. h. eine jüngere und eine ältere      nächst vor allem eine Folge der rückläufigen Säuglings-
Hälfte, trennt), das modale Sterbealter (das in einer be-      und Kindersterblichkeit. Seit 1950 ist bei beiden Ge-
stimmten Zeitperiode häufigste Alter von verstorbenen          schlechtern ein Anstieg der Lebenserwartung im Alter
Personen) und die Hundertjährigenquote (der Anteil der         von 60 und 80 Jahren zu beobachten. Gleichzeitig ver-
Hundertjährigen in einem bestimmten Geburtsjahrgang).          grösserte sich die Geschlechterdifferenz der Lebenser-
   Seit einigen Jahren werden Indikatoren zur Beschrei-        wartung bei der Geburt zu Ungunsten der Männer,
bung des Sterblichkeitsregimes herangezogen. Dazu ge-          bedingt zum Teil durch Unterschiede im Bereich der
hören namentlich Indikatoren der Rektangularisierung           Herzkreislauf-Krankheiten und der Krebserkrankungen.
der Überlebenskurve (diese misst den Anteil Überlebende        Seit 1990 hat sich die Differenz zwischen der durch-
bis in ein fortgeschrittenes Alter und den Zeitabschnitt, in   schnittlichen Lebenserwartung der Frauen und jener der
dem sich die Todesfälle ereignen). Zum gleichen Zweck          Männer allerdings wieder verringert. Ein Grund dafür ist
wird der Standardfehler jenseits des modalen Sterbealters      die Lungenkrebssterblichkeit, die bei den Frauen zu-
verwendet, der die Verteilung der Sterbefälle nach dem         nimmt, bei den Männern hingegen abnimmt.

2009 BFS DIE ZUKUNFT DER LANGLEBIGKEIT IN DER SCHWEIZ                                                                   5
EINLEITUNG

 Lebenserwartung bei der Geburt (LE0), mit 60 Jahren (LE60)
 und mit 80 Jahren (LE80), nach Geschlecht. Schweiz, 1876–2000                                                            G1

                90                                                                                                      30                                       LE(0) Männer
                80                                                                                                                                               LE(0) Frauen
                                                                                                                        25                                       LE(60) Männer
                70                                                                                                                                               LE(60) Frauen

                                                                                                                             Jahre (LE(60) und LE(80))
                                                                                                                                                                 LE(80) Männer
                60                                                                                                      20
                                                                                                                                                                 LE(80) Frauen
Jahre (LE(0))

                50
                                                                                                                        15
                40

                30                                                                                                      10

                20
                                                                                                                         5
                10

                 0                                                                                                     0                                 Quelle: Robine et al., 2005
                 1870   1880   1890   1900   1910   1920   1930   1940   1950     1960    1970   1980     1990     2000

                                                                                                 © Bundesamt für Statistik (BFS)

     Grafik G2 zeigt die Entwicklung des maximalen Ster-                                 Bei den Männern stieg das modale Sterbealter zunächst
 bealters und des modalen Sterbealters. Beide Indikatoren                                langsamer an (weniger als einen halben Monat pro Jahr
 tendieren weniger stark aufwärts als die Lebenserwar-                                   im Zeitraum 1920 bis 1946–50). In der Folge ist der Auf-
 tung bei der Geburt. Das modale Sterbealter erhöhte                                     wärtstrend vergleichbar mit jenem bei den Frauen.
 sich zwischen 1876–80 und 2001–02 von 70 auf                                               Bei beiden Geschlechtern verringert sich die Differenz
 84 Jahre bei den Männern und von 70 auf 88 Jahre bei                                    zwischen dem modalen Sterbealter und der Lebenser-
 den Frauen. Der Anstieg des Indikators setzte allerdings                                wartung bei der Geburt im Langzeitvergleich über ein
 viel später ein als jener der Lebenserwartung bei der                                   Jahrhundert von 30 auf 6 Jahre. So lag die Lebenserwar-
 ­Geburt. Vor 1920 blieb er – innerhalb einer Bandbreite                                 tung bei der Geburt für die Frauen im Zeitraum 1876–80
  von 70–75 Jahren – praktisch konstant. Anschliessend ist                               bei 42 Jahren und das modale Sterbealter bei 70 Jahren,
  bei den Frauen ein Zuwachs um 2 Monate pro Jahr zu                                     was einer Differenz von 28 Jahren entspricht. Rund
  beobachten, von 75 (1921–25) auf 90 Jahre (2001–05).                                   60 Jahre später (Zeitraum 1941–45), erreichte die

 Entwicklung des modalen Sterbealters (M) und des maximalen
 Sterbealters (MLS), nach Geschlecht. Schweiz, 1876–2002                                                                  G2

                110
                                                                                                                                                                Männer M
                105                                                                                                                                             Männer MLS
                                                                                                                                                                Frauen M
                100
                                                                                                                                                                Frauen MLS
                 95

                 90
Alter

                 85

                 80

                 75

                 70

                 65
                                                                                                                                                         Quelle: Cheung, Robine, Paccaud et al.,
                 60                                                                                                                                      persönliche Mitteilung
                    81 0
                  18 –85

                         0
                  96 –95

                    01 0
                  19 –05

                    11 0
                  19 –15
                  19 –20

                    26 5
                  19 –30

                    36 5

                    81 0
                  19 –85

                          0
                  96 –95
                  19 –40

                    46 5
                  19 –50

                    56 5
                  19 –60
                  19 –65

                    71 0
                  19 –75

                    01 0
                          2
                  18 –8

                  18 –9

                  19 90

                  19 –1

                  19 –2

                  19 –3

                  19 –4

                  19 –5

                  19 –7

                  19 –8

                  19 –9

                  20 00
                       –0
                    76

                    86

                18 91

                    06

                    16
                    21

                    31

                    41

                    61

                    86
                    51

                    66

                    76

                19 1
                    –1

                    –2
                    9
                18

                                                           Beobachtungszeitraum

                                                                                                 © Bundesamt für Statistik (BFS)

 6                                                                                           DIE ZUKUNFT DER LANGLEBIGKEIT IN DER SCHWEIZ BFS 2009
EINLEITUNG

   L­ ebenserwartung der Frauen 67 Jahre und das modale                      110 Jahre, mit höheren Werten bei den Frauen als bei
    Sterbealter 78 Jahre, die Differenz betrug also noch                     den Männern. Der Anstieg verlief bei beiden Geschlech-
    11 Jahre. Gegenwärtig (2001–2002) liegt der Wert                         tern in ähnlichem Tempo.
    ­dieser Indikatoren bei 83 bzw. 88 Jahren, d.h. die Diffe-                   Ein weiterer Indikator für die Verringerung der Sterb-
     renz ist auf 5 Jahre gesunken. Diese Angleichung ist im                 lichkeit bei älteren Personen ist die Anzahl Todesfälle von
     Wesentlichen auf die Abnahme der Säuglings- und                         Personen ab 100 Jahren. Wie aus der Grafik G3 hervor-
     ­Kindersterblichkeit zurückzuführen.                                    geht, nimmt diese Zahl seit den 1950er-Jahren zu. Trotz
         Die Grafik G2 dokumentiert ferner den Anstieg des                   des beträchtlichen Unterschieds zwischen den ge-
      maximalen Sterbealters, der sich seit den 1950er-Jahren                schlechtsspezifischen Fallzahlen, verlief der Zuwachs bei
      deutlich beschleunigt hat. Das Höchstalter, das zwischen               Männern und Frauen ähnlich, wie der Grafik G4 zu ent-
      1880 und 1920 bei 102 Jahren lag, erhöhte sich zwi-                    nehmen ist.
      schen 1920 und 1960 auf 104 Jahre und beträgt derzeit

    Anzahl Todesfälle ab dem 100. Altersjahr, nach Geschlecht.
    Schweiz, 1940–2000                                                                                      G3

                                        300                                                                          Männer
                                                                                                                     Frauen
                                        250

                                        200
Todesfälle (n)

                                        150

                                        100

                                         50

                                          0
                                          1940   1950   1960   1970   1980             1990                 2000

                                                                                   © Bundesamt für Statistik (BFS)

     Anzahl Todesfälle ab dem 100. Altersjahr, nach Geschlecht.
     Schweiz, 1940–2000                                                                                     G4

                                        300                                                                          Männer
                                                                                                                     Frauen
Todesfälle (n) (logarithmische Skala)

                                        100

                                         10

                                         1
                                         1940    1950   1960   1970   1980             1990                2000

                                                                                   © Bundesamt für Statistik (BFS)

   2009 BFS DIE ZUKUNFT DER LANGLEBIGKEIT IN DER SCHWEIZ                                                                               7
EINLEITUNG

   Die Tabelle T1 identifiziert die Komponenten der                                         Grafik G5 zeigt die Entwicklung der Anzahl Hundert-
Zunahme der Anzahl Hundertjähriger anhand eines                                          jähriger von 1860–2000.
Vergleichs zwischen den Geburtsjahrgängen 1870 und                                          Die Tabelle T2 zeigt die Hundertjährigenquote in fünf
1900. Bei den Frauen ist die Zahl der Hundertjährigen                                    Geburtsjahrgängen zu zwei unterschiedlichen Zeitpunk-
um den Faktor 12,5 angestiegen. Ein Teil dieser Zu-                                      ten: bei der Geburt und im Alter von 60 Jahren. In bei-
nahme ist der Erhöhung der Geburtenzahlen zuzuschrei-                                    den Fällen hat sich der Anteil der Hundertjährigen bei
ben (Faktor 1,2). Ein weiterer Teil ist durch den Rückgang                               beiden Geschlechtern erhöht, von 1,5 Hundertjährigen je
der Sterblichkeit – egal ob im Bereich der vorzeitigen                                   10’000 Geborene im Geburtsjahrgang 1860 (0,8 bei den
Sterblichkeit (Geburt bis 80. Altersjahr) oder der Spät­                                 Männern, 2,2 bei den Frauen) auf 38,6 im Geburtsjahr-
sterblichkeit (zwischen 80 und 100 Jahren) – bedingt.                                    gang 1900 (11,6 bei den Männern, 66,8 bei den Frauen).

T1 Determinanten der Zunahme der Anzahl Hundertjähriger: Grösse des Geburtsjahrgangs (Anzahl Personen)
    in einem bestimmten Alter und Wachstumsfaktoren
    Geburtsjahrgang                    Männer                                                              Frauen
                                       1870                     1900                  Faktor               1870                      1900               Faktor

Bei der Geburt                                40 570                   48 223                  1,2                38 638                    46 093                1,2
Mit 80 Jahren                                  4 086                    9 065                  2,2                  6 185                   17 304                2,8
Mit 100 Jahren                                       9                    53                   6,2                           23               294                12,5

Quelle: Robine et al., 2005

Das multiplikative Modell zur Erklärung der Zunahme der                                      Im Alter von 60 Jahren sind die Anteile erwartungsge-
Anzahl Hundertjähriger enthält somit drei Faktoren                                       mäss gestiegen, folgen jedoch einem ähnlichen Verlauf.
­(Grösse des Geburtsjahrgangs, vorzeitige Sterblichkeit                                  Die Hundertjährigenquote ist in diesem Zeitraum bei den
 und Spätsterblichkeit). Nach diesem Modell ist die Ab-                                  Männern von 2 auf 22, bei den Frauen von 5 auf 100 (je
 nahme der Sterblichkeit ab 80 Jahren für mehr als die                                   10’000 Überlebende) geklettert. Ab den 1980er-Jahren
 Hälfte der Zunahme der Anzahl Hundertjähriger verant-                                   ist eine gewisse Verlangsamung der Entwicklung zu
 wortlich. Ein weiteres Drittel ist auf die Verringerung der                             ­beobachten.
 Sterblichkeit zwischen der Geburt und dem 80. Altersjahr                                    Der Vorteil der Frauen gegenüber den Männern ist
 zurückzuführen.                                                                          frappant. Die Frauen weisen bei der Geburt durchwegs
    Bei den Männern ist der Beitrag der drei Komponen-                                    eine höhere Quote auf und dieser Vorteil weitet sich
 ten ähnlich, wie aus Tabelle T1 hervorgeht.                                              während der gesamten Beobachtungsperiode aus.

Anzahl der 100-jährigen und älteren Personen, nach Geschlecht.
Schweiz, 1860–2000.                                                                                                            G5

700
                                                                                                                             677               Männer
                                                                                                                                               Frauen
600

500

400
                                                                                                                       329
300

200
                                                                                                           136
                                                                                                                             119
100                                                                                                               84
                                                                                                   45 43
         3 7     7 6    0 2    0 0    0 2      0 2       1 2     3 4     6 11   3 9      4 19 16
     0                                                                                                                                 Quelle: BFS/VZ
         1860    1870   1880   1888   1900    1910       1920   1930     1941   1950    1960   1970   1980        1990        2000

                                                                                                © Bundesamt für Statistik (BFS)

8                                                                                              DIE ZUKUNFT DER LANGLEBIGKEIT IN DER SCHWEIZ BFS 2009
EINLEITUNG

T2 Hundertjährigenquote in fünf Geburtsjahrgängen (1860, 1870, 1880, 1890 und 1900): Anzahl Hundertjährige je
    10’000 Lebendgeborene (CR0) und je 10’000 Überlebende im Alter von 60 Jahren (CR60). Schweiz
 Geburtsjahrgang           Anteil Hundertjähriger (je 10’000 Geburten)   Anteil Hundertjähriger (je 10’000 Überle-       Verhältnis CR60/CR0
                           bei der Geburt (CR0)                          bende) im Alter von 60 Jahren (CR60)
                           Männer                  Frauen                Männer                  Frauen                  Männer                 Frauen

 1860                             0,8                        2,2                 2,2                       4,8                    2,8                    2,2
 1870                             2,2                        6,5                 5,7                      13,7                    2,6                    2,1
 1880                             5,6                       16,3                13,5                      32,1                    2,4                    2,0
 1890                             6,2                       38,2                13,0                      62,6                    2,1                    1,6
 1900                            11,6                       66,8                21,6                      99,3                    1,9                    1,5

Quelle: BFS/VZ 1960–2000

    Aus derselben Tabelle T2 geht hervor, dass das Ver-                           1.3 Die Lebenserwartung in anderen
hältnis zwischen den Quoten im Alter von 60 Jahren und                                Industrieländern
denjenigen bei der Geburt bei den Männern stets grösser
ist als bei den Frauen. Dies steht im Einklang mit dem                            In den USA verzeichnet die Lebenserwartung seit 1900
Befund, dass die vorzeitige Sterblichkeit Männer in                               ­einen regelmässigen Zuwachs, wobei sich dieser seit den
­höherem Masse trifft als Frauen.                                                  1980er-Jahren etwas verlangsamt hat (Kramarow et al.,
    Schliesslich ist festzustellen, dass das Verhältnis zwi-                       2007). Zwischen 1950 und 2004 erhöhte sich die Lebens­
 schen den Quoten im Alter von 60 Jahren und denjeni-                              erwartung bei der Geburt von 68,2 auf 77,8 Jahre. Die
 gen bei der Geburt zurückgeht je jünger der untersuchte                           Lebenserwartung im Alter von 65 und 85 Jahren stieg im
 Geburtsjahrgang ist, was wiederum im Einklang steht mit                           gleichen Zeitraum von 13,8 auf 18,7 Jahre bzw. von
 dem Rückgang der Sterblichkeit, der nach 60 Jahren aus-                           4,7 auf 6,8 Jahre (Wilmoth, 2000).
 geprägter ist als vorher.                                                            In Europa war die Entwicklung der Lebenserwartung
    Mehrere Studien befassen sich mit der Entwicklung der                         bis in den 1940er- und 1960er-Jahren überall vergleich-
Sterblichkeit von älteren Personen in der Schweiz. Die ge-                        bar. Anschliessend lassen sich nach ihrem weiteren
machten Beobachtungen sind im Grossen und Ganzen mit                              Verlauf drei Ländergruppen unterscheiden:
einer Kompression der Sterblichkeit, d. h. ­einer Konzentra-                      • Eine Gruppe von Ländern mit «hoher Konvergenz»
tion der Sterbefälle auf eine einzige sehr kurze Phase am                           (darunter die Schweiz), die einen regelmässigen An-
Ende des Lebens, vereinbar. Letztere ist aus der Grafik G6                          stieg der Lebenserwartung (ohne Verlangsamung in
ersichtlich, welche die Verteilung des Sterbealters bei                             den 1960er-Jahren) und eine derzeitige Lebenserwar-
Frauen in vier verschiedenen Zeiträumen widerspiegelt.                              tung bei der Geburt von 83–84 Jahren für die Frauen
                                                                                    und von 78–79 Jahren für die Männer aufweisen;

Verteilung des Sterbealters: Beobachtete Verteilung (Punkte)
und geglättete Verteilung (Linien). Frauen, Schweiz.                                                                 G6

5000                                                                                                                                    1876–1880
                                                                                                                                        1906–1910
                                                                                                                                        1956–1960
4000
                                                                                                                                        2001–2002

3000

2000

1000

                                                                                                                               Quelle: Cheung, Robine, Paccaud et al.,
   0                                                                                                                           persönliche Mitteilung
       60           70                80                    90              100                  110                 120

                                                                                           © Bundesamt für Statistik (BFS)

2009 BFS DIE ZUKUNFT DER LANGLEBIGKEIT IN DER SCHWEIZ                                                                                                                    9
EINLEITUNG

• Eine Gruppe von Ländern mit «tiefer Konvergenz»                 Der Anstieg der Lebenserwartung mit 65 Jahren
  (darunter das Vereinigte Königreich und Belgien), die      scheint europaweit in den 1950er-Jahren eingesetzt zu
  sich durch abflauende Lebenserwartungsgewinne in           haben. 1996 belief sich der Unterschied zwischen den
  den 1960er-Jahren und eine derzeitige Lebenserwar-         europäischen Ländern bei beiden Geschlechtern auf
  tung bei der Geburt auszeichnen, die rund zwei Jahre       ­maximal fünf Jahre. Der jährliche Gewinn an Lebens­
  niedriger ist als in den Ländern mit «hoher Konver-         erwartung zwischen 1996 und 2000 betrug generell ein
  genz».                                                      Jahr.
• Eine Gruppe von Ländern mit uneinheitlicher Entwick-            Das modale Sterbealter schwankte in diesen Ländern
  lung (darunter Dänemark, Norwegen und die Nieder-           im 18. und 19. Jahrhundert zwischen 65 und 75 Jahren.
  lande), die durch lange Phasen stagnierender oder           Ende des 19. Jahrhunderts setzte ein kontinuierlicher An-
  vorübergehend sogar rückläufiger Lebenserwartung            stieg ein. Dieser Aufwärtstrend beschleunigte sich ab
  geprägt sind.                                               den 1960er-Jahren und gipfelte in einem modalen
                                                              Sterbe­alter von 90 Jahren bei den Frauen. Höhere Werte
     Die Folge dieser drei Entwicklungsmuster sind erheb­
                                                              für die Frauen sind ab Anfang 20. Jahrhundert zu ver­
liche Unterschiede bezüglich der Lebenserwartung zwi­
                                                              zeichnen, der Höchststand wurde in den 1970er-Jahren
schen den europäischen Ländern. Vergleicht man ge­
                                                              erreicht. In dieser Zeit stieg auch das modale Sterbealter
wisse osteuropäische Länder mit der Schweiz oder
                                                              der Männer an, allerdings ohne dass sich der Unter­
Frankreich betrugen diese im Jahr 2002–2003 maximal
                                                              schied zwischen den Geschlechtern verringert hätte.
zwölf Jahre bei den Männern und sieben Jahre bei den
                                                                  Für Schweden sind Daten über das maximale Sterbe-
Frauen. Diese ungleichen Entwicklungstrends scheinen
                                                              alter seit 1861 verfügbar. Diese zeigen einen Aufwärts-
fortzubestehen. In den Niederlanden zum Beispiel wurde
                                                              trend, der sich nach 1969 noch verstärkt, mit einer Zu-
gegen 1980 eine plötzliche Umkehrung der Sterblich-
                                                              nahme von 1,1 Jahren pro Jahrzehnt. Ähnliche
keitstrends notiert, mit einer Erhöhung der Sterblichkeit
                                                              Entwicklungen sind in anderen europäischen Ländern
bei den Männern und einer Stagnation bei den Frauen.
                                                              und in Japan zu beobachten.
     Die Ursachen dieser unterschiedlichen Entwicklungen
sind bisher wenig erforscht. Vermutlich stehen sie im
­Zusammenhang mit Krisen im physischen und/oder so­
 zialen Umfeld, die sich in den Staaten in den gleichen
 oben genannten Ländergruppen möglicherweise in ähn-
 licher Form ereignet haben. Ein guter Teil der Sterblich-
 keitsdifferenzen dürfte mit dem Rauchen zusammenhän-
 gen. Zumindest scheint dies die Ursache für die Situation
 in den Niederlanden zu sein.

10                                                               DIE ZUKUNFT DER LANGLEBIGKEIT IN DER SCHWEIZ BFS 2009
Lebenserwartung in guter Gesundheit gestern und heute

2 Lebenserwartung in guter Gesundheit
  gestern und heute

Folgende Definitionen werden in diesem Bereich ver-         die nicht tödlich sind. Zudem leidet ein erheblicher Teil
wendet:                                                     der Bevölkerung als Folge dieser degenerativen Erkran-
• Lebenserwartung in guter Gesundheit (healthy life         kungen an Behinderungen.
  expectancy, abgekürzt HLE): durchschnittliche An-            Den Zusammenhang zwischen steigender Lebenser-
  zahl Jahre, die in einem bestimmten Gesundheitszu-        wartung und Gesundheit hat insbesondere Fries (2005)
  stand verbracht werden. Gesundheit hat verschiedene       erforscht, der drei Entwicklungsszenarien betrachtet (vgl.
  Dimensionen, deshalb existieren verschiedene Kon-         Grafik G7). Gemäss dem Paradigma der Kompression der
  zepte einer Lebenserwartung in guter Gesundheit. In       Morbidität wird das durchschnittliche Alter zum Zeit-
  der Praxis wird die Lebenserwartung in guter Gesund-      punkt des Auftretens der ersten chronischen Krankheit
  heit oft als Überbegriff für Indikatoren verwendet, die   bzw. der ersten Behinderung zeitlich hinausgeschoben
  Daten zur Sterblichkeit und zur Krankheitshäufigkeit      (Szenario III in der Grafik G7). Ist dieser Aufschub grös­
  (Morbidität) in einer einzigen Kennzahl verbinden.        ser als der Zuwachs an Lebenserwartung, gewinnt die
                                                            Bevölkerung Lebensjahre bei guter Gesundheit – oder
• Gesundheitsbereinigte Lebenserwartung (health-­
                                                            anders ausgedrückt – die Phase der chronischen Morbi-
  adjusted life expectancy, HALE): Dieser Indikator
  misst die bei guter Gesundheit verbrachten Lebens-        dität wird auf einen kurzen Abschnitt vor dem Tod kom-
  jahre. Dabei werden die nicht gänzlich behinderungs-      primiert.
  oder krankheitsfreien Lebensjahre von der gesamten           Ein weiteres Szenario geht davon aus, dass die Le-
  ­Lebenserwartung abgezogen.                               benserwartung weiter zunimmt, das durchschnittliche
                                                            Alter zum Zeitpunkt des Auftretens von Morbidität
• Behinderungsfreie Lebenserwartung (disability-free
                                                            jedoch unverändert bleibt (Szenario I in der Grafik G7).
  life expectancy, DFLE): Dieser Indikator ist ein Mass
                                                            Dies kommt einer Expansion der Morbidität gleich.
  für die Zahl der Lebensjahre, die gänzlich ohne spezi-
                                                               Das Szenario II schliesslich postuliert, dass sich das
  fische Einschränkungen im Alltag (z.B. Beispiel beim
                                                            Sterbealter in gleichem Masse verlagert wie das Alter, in
  Baden, Ankleiden, Gehen) verbracht werden. Diese
                                                            dem die degenerativen Erkrankungen auftreten: Die Le-
  Masszahl kombiniert Daten zur altersspezifischen
                                                            bensdauer würde dadurch verlängert, der Anteil Lebens-
  Sterblichkeit und zur altersspezifischen Häufigkeit be-
                                                            jahre bei schlechter Gesundheit bliebe jedoch stabil.
  stimmter Behinderungen.
• Lebenserwartung mit Behinderung (disabled life
  ­expectancy, DLE): durchschnittliche Anzahl Jahre, die
                                                            2.1 Die Entwicklung in der Schweiz
   mit gesundheitlichen Einschränkungen im Alltag
   (z. B. Beispiel beim Baden, Ankleiden, Gehen) ver-
                                                            Die seit Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelten Indika-
   bracht werden.
                                                            toren verbinden Daten aus querschnittbasierten Bevölke-
• Verhältnis zwischen behinderungsfreier Lebenserwar-       rungsbefragungen (bei denen Informationen über die
  tung und gesamter Lebenserwartung: dieser Quoti-          Häufigkeit von Gesundheitszuständen erhoben werden)
  ent drückt den Anteil der behinderungsfrei verbrach-      mit Daten zur Sterblichkeit. Der am häufigsten verwen-
  ten Lebensjahre aus.                                      dete Indikator ist die behinderungsfreie Lebenserwartung
   Als Gesundheitsindikator ist die Lebenserwartung bei     (DFLE), die sich gewöhnlich aus der Lebenserwartung für
der Geburt aussagekräftig im Hinblick auf vorzeitige und    jede Altersklasse und dem Anteil an behinderungsfreien
rasch tödlich verlaufende Erkrankungen. Die ständige        Personen in jeder Altersklasse errechnet. Allerdings ist
Zunahme von chronischen und degenerativen Erkran-           der Einsatz des Indikators nicht unproblematisch: Die
kungen bedeutet, dass man heute an Krankheiten leidet,      ­behinderungsfreie Lebenserwartung wird erst seit den

2009 BFS DIE ZUKUNFT DER LANGLEBIGKEIT IN DER SCHWEIZ                                                               11
Lebenserwartung in guter Gesundheit gestern und heute

Szenarien zur künftigen Entwicklung von Morbidität und Langlebigkeit                             G7

                                       Morbidität                                   Todesfälle

     Aktuelle Morbidität

                                            55                                          76

 I. Verlängerung des Lebens

                                            55                                                    80

II. Verschiebung nach rechts

                                                    60                                            80

III. Kompression der Morbidität

                                                            65                               78

                                                                       © Bundesamt für Statistik (BFS)

1980er-Jahren ermittelt. Zudem sind infolge eines Wech-          Tabelle T3). Die simultane Erhöhung der beiden Indika-
sels der Berechnungsmethode in jüngerer Zeit verschie-           toren deutet darauf hin, dass die 65-jährige und ältere
dene Skalen im Einsatz, was Vergleiche erschwert. Ein            Bevölkerung in der Schweiz bei guter Gesundheit altert.
weiteres Problem sind die unterschiedlichen Verfahren                Die gesamte Lebenserwartung und die Lebenserwar-
zur Auswahl der Bevölkerungsstichproben: Die behinde-            tung in guter Gesundheit der 65-Jährigen sind ebenfalls
rungsfreie Lebenserwartung wird unterschätzt, wenn sie           gestiegen, mit einer deutlicheren Differenz zwischen den
lediglich bei den Personen in Privathaushalten erhoben           Geschlechtern. Zwischen 1981 und 2002 ist eine Kom-
wird, also unter Ausklammerung der Personen in Institu-          pression der Morbidität bei Männern und Frauen zu be-
tionen (die ein hohes Risiko aufweisen, an einer Behinde-        obachten: der Anteil der behinderungsfreien Lebenser-
rung zu leiden). Anzufügen ist, dass die Schweizerische          wartung an der Gesamtlebenserwartung stieg bei den
Gesundheitsbefragung 2007–08 erstmals Daten zu den               Männern von 79 auf 83% und bei den Frauen von 66
Personen in Institutionen umfasst.                               auf 75%. Dieser Zuwachs fand vor dem Hintergrund
    Grafik G8 zeigt die behinderungsfreie Lebenserwar-           ­eines starken Anstiegs der gesamten Lebenserwartung
tung bei der Geburt in ausgewählten Ländern für das               im Alter von 65 Jahren statt. Letztere kletterte bei den
Jahr 2001. Die behinderungsfreie Lebenserwartung der              Männern von 14,6 auf 17,5 Jahre und bei den Frauen
Frauen ist im Allgemeinen höher als jene der Männer.              von 18, 5 auf 21, 1 Jahre.
Die Differenz ist jedoch weniger ausgeprägt als jene der             Zwischen 1981/82 und 1997/99 haben die Frauen
Lebenserwartung bei der Geburt.                                   behinderungsfreie Lebensjahre hinzugewonnen
    In der Schweiz verlief der Gewinn an behinderungs-            (+ 4,1 Jahre), während die Zeitspanne mit Behinderun-
freier Lebenserwartung mit 65 Jahren von 1981–1997                gen um 2 Jahre abnahm. Der Anteil der mit Behinderun-
parallel zu derjenigen der Lebenserwartung in dieser              gen verbrachten Lebensjahre hat sich bei den Frauen so-
­Altersklasse, und zwar bei beiden Geschlechtern (siehe           mit substanziell verringert.

12                                                                   DIE ZUKUNFT DER LANGLEBIGKEIT IN DER SCHWEIZ BFS 2009
Lebenserwartung in guter Gesundheit gestern und heute

Lebenserwartung bei der Geburt mit und ohne Behinderung
(DLE0 respektive DFLE0) in ausgewählten Ländern, nach Geschlecht, 2001                                                                                              G8

90
                                                                                                                                                                                    DFLE = Lebenserwartung bei
                                                                                                                                                                                    Geburt ohne Behinderung
80
                                                                                                                                                                                    DLE = Lebenserwartung bei
70                                                                                                                                                                                  Geburt mit Behinderung

60

50

40

30

20

10

 0
     Frauen

                       Frauen

                                         Frauen

                                                               Frauen

                                                                                    Frauen

                                                                                                              Frauen

                                                                                                                                 Frauen

                                                                                                                                                     Frauen
              Männer

                                Männer

                                                     Männer

                                                                          Männer

                                                                                               Männer

                                                                                                                        Männer

                                                                                                                                          Männer

                                                                                                                                                                    Männer
                                                                                                                                  Vereinigtes
          Japan           Schweiz          Frankreich               Italien          Schweden                 Niederlande         Königreich                  USA

                                                                                                                                 © Bundesamt für Statistik (BFS)

   Die Männer haben im gleichen Zeitraum 15 Monate                                                                     2.2 Die Entwicklung in anderen Ländern
an behinderungsfreier Lebenserwartung und 6 Monate
an solcher mit Behinderung hinzugewonnen. Die Kom-                                                                     Obschon es schwierig ist, Ländervergleiche der Lebens-
pression der Morbidität ist bei den Männern demnach                                                                    erwartung in guter Gesundheit durchzuführen, unter-
weniger ausgeprägt: Drei Viertel des Gewinns an Le-                                                                    sucht eine Studie der OECD die Entwicklung der Behin-
benserwartung erfolgt ohne, ein Viertel jedoch mit Be-                                                                 derungen ab 65 Jahren in 12 Ländern (ohne die Schweiz).
hinderung.                                                                                                             Diese zeigt ein uneinheitliches Bild: In einigen Ländern
   Obschon die Frauen eine längere behinderungsfreie                                                                   nehmen die Behinderungen zu, in anderen ab. In der
Lebenserwartung und mehr behinderungsfreie Lebens-                                                                     Mehrzahl der europäischen Länder entwickelte sich die
jahre hinzugewonnen haben als die Männer, verbringen                                                                   behinderungsfreie Lebenserwartung mit 65 Jahren im
sie absolut gesehen eine längere Lebensspanne mit Be-                                                                  Grossen und Ganzen parallel zu derjenigen der gesamten
hinderungen. Die gesamte Lebenserwartung bei der Ge-                                                                   Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren. Auch hier
burt betrug 2002 für die Männer 77,8 Jahre und für die                                                                 ­unterscheidet sich die Situation jedoch nach Geschlecht
Frauen 83,1 Jahre, die behinderungsfreie Lebenserwar-                                                                   und Land, wie aus Tabelle T4 hervorgeht.
tung 73,7 respektive 76,8 Jahre. Damit verbringen die                                                                      Weiterführende Informationen zu den ausländischen
Männer im Schnitt 4 Jahre, die Frauen dagegen 6 Jahre                                                                   Studien finden sich im Originalbericht (unter: www.bfs.
ihres Lebens mit Behinderungen.                                                                                         admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/01.html).

T3 Entwicklung der Lebenserwartung mit 65 Jahren (LE65), der behinderungsfreien Lebenserwartung mit 65 Jahren
    (DFLE65) und der Lebenserwartung mit Behinderung mit 65 Jahren (DLE65), nach Geschlecht
                                                  Männer                                                                                  Frauen
                                                  LE65                  DFLE65               DLE65                     DFLE65/LE65        LE65                        DFLE65        DLE65       DFLE65/LE65

1981/82                                             14,6                  11,5                          3,1                 79%                    18,5                      12,2       6,3         66%
Veränderung 1981–1997                                    2,1                  1,5                       0,6                                         2,1                       4,1      -2,0
1997/99                                             16,7                  13,0                          3,7                 78%                    20,6                      16,3       4,3         79%
Veränderung 1981–2002                                    3,5                  3,1                 -0,2                                              2,6                       3,7      -1,1
2002                                                17,5                  14,6                          2,9                 83%                    21,1                      15,9       5,2         75%

Quelle: Höpflinger et al., 2003 und Berechnungen der Autoren

2009 BFS DIE ZUKUNFT DER LANGLEBIGKEIT IN DER SCHWEIZ                                                                                                                                                         13
Lebenserwartung in guter Gesundheit gestern und heute

2.3 Zusammenfassung: die Lehren                                                 Demgegenüber hat sich die Geschlechterdifferenz in
    aus der Geschichte                                                      der durchschnittlichen Lebenserwartung bei der Geburt
                                                                            seit 1900 erhöht. Die Differenz besteht immer noch, sie
Die Lebenserwartung in der Schweiz steigt weiterhin kon-                    ist aber seit Anfang der 1990er-Jahre stark rückläufig.
tinuierlich an und folgt dabei einem Trend, der für die Le-                     Eine weitere deutliche und zunehmende Ungleichheit
benserwartung bei der Geburt vor Ende des 19. Jahrhun-                      betrifft die unterschiedlichen Lebenserwartungen nach
derts und für die Lebenserwartung mit 65 Jahren Mitte                       dem sozioökonomischen Status, auf die hier nicht einge-
des 20. Jahrhunderts eingesetzt hat. Letztere verzeichnete                  gangen wird (Bopp et al., 2003).
in den 1990er-Jahren einen Zuwachs um 1–1,5 Monate                              Die 1950er-Jahre markierten in der Schweiz das Ende
pro Jahr. Es gibt keinen eindeutigen Hinweis, wonach                        des epidemiologischen Übergangs (Periode der Verdrän-
­dieser Anstieg in Zukunft zum Erliegen kommen dürfte,                      gung der Infektionskrankheiten als vorherrschendes Pro-
 auch wenn das Wachstumstempo seit den 1980er-Jahren                        blem der Volksgesundheit) und den Beginn einer Nach-
 etwas abgeflaut ist.                                                       Transformationsphase, die durch einen starken Rückgang
    Das modale Sterbealter, das als «normale» Lebens-                       der Sterblichkeit im dritten und vierten Alter geprägt war.
dauer zu einem bestimmten Zeitpunkt interpretiert wer-                      Die Faktoren hinter diesen Veränderungen in den
den kann, schwankte bis in den 1920er-Jahren und                            1950er-Jahren hängen mit der damaligen Verbesserung
erhöht sich seither um rund 2–3 Monate pro Jahr. Die                        der Lebensbedingungen zusammen (z. B. Fortschritte in
ehemals breite Streuung des Sterbealters der Erwachse-                      der medizinischen Versorgung dank Antibiotika, Verbes-
nen hat sich in den letzten fünfzig Jahren in einer Art                     serung des sozialen Umfelds durch die Einführung der
und Weise verringert, die mit einer Kompression der                         staatlichen Altersvorsorge), oder Verbesserungen im
Sterblichkeit vereinbar ist.                                                Laufe des Lebens der betroffenen Geburtsjahrgänge
                                                                            (bessere Verhältnisse in der Perinatalphase, der Kindheit

T4 Gliederung ausgewählter Länder nach der Langzeitentwicklung des Verhältnisses zwischen behinderungsfreier
    Lebenserwartung mit 65 Jahren (DFLE65) und Lebenserwartung mit 65 Jahren (LE65), in %, nach Geschlecht.
    Länder der Europäischen Union, 1995–2001
 Entwicklung des Verhältnisses DFLE65/LE65 (%) …     Männer                                          Frauen

… Abnahme um 5% und mehr                                                 Dänemark                                      Deutschland
(vgl. Szenario I in G7)                                                 Niederlande                                   Griechenland
                                                                           Portugal                                           Irland
                                                                         Schweden                                       Niederlande
                                                              Vereinigtes Königreich                                       Portugal

… konstant                                                               Frankreich                                      Österreich
(vgl. Szenario II in G7)                                              Griechenland                                       Dänemark
                                                                              Irland                                       Finnland
                                                                            Spanien                                      Frankreich
                                                                                                                            Spanien
                                                                                                              Vereinigtes Königreich
                                                                                                                            Schweiz

… Zunahme um 5% und mehr                                                 Österreich                                         Belgien
(vgl. Szenario III in G7)                                                   Belgien                                          Italien
                                                                           Finnland                                      Schweden
                                                                       Deutschland
                                                                             Italien
                                                                            Schweiz

Quelle: Jagger C. und «European Health Expectancy Monitoring Unit» www.ehemu.org) und Schweiz (1997/99–2002) (hinzugefügt durch die Autoren).

14                                                                                DIE ZUKUNFT DER LANGLEBIGKEIT IN DER SCHWEIZ BFS 2009
Lebenserwartung in guter Gesundheit gestern und heute

und im jungen Erwachsenenalter für die Geburtsjahr-            Obschon nichts auf eine Verlangsamung des Anstiegs
gänge, die in den 1950er-Jahren das 65. Altersjahr er-      des Sterbealters hindeutet, besteht auch kein Grund zur
reichten).                                                  Annahme, dass die Lebenserwartung in der Schweiz un-
    Obschon zahlreiche Untersuchungen zu diesen Deter-      begrenzt steigen wird. Gewisse europäische Länder wie
minanten im Gange sind, liegen derzeit noch keine voll-     die Niederlande und mehrere osteuropäische Staaten
ständigen und schlüssigen Antworten vor. Die Verbesse-      verzeichnen in jüngster Zeit einen Stillstand oder sogar
rung des sozioökonomischen Umfelds in der Schweiz           eine rückläufige Entwicklung der Lebenserwartung.
nach dem 2. Weltkrieg ist augenscheinlich und kam den          Schliesslich ist zu bemerken, dass die günstige Ent-
heute älteren Generationen direkt zu Gute. Eine schwe-      wicklung der Lebenserwartung in der Regel einherging
dische Studie über den Zeitraum 1861–1999 legt nahe,        mit einer positiven Entwicklung der Lebenserwartung in
dass die Sterblichkeit der 90–94-jährigen Personen direkt   guter Gesundheit. Mit anderen Worten: Die behinde-
mit dem Lohnniveau in der Industrie korreliert (das hier    rungsfreie Lebenserwartung mit 65 Jahren hat in den
als Indikator des Wohlbefindens verwendet wird). Dem        letzten zwanzig Jahren ebenso zugenommen wie der
könnte man allerdings entgegenhalten, dass die Geburts-     Anteil der behinderungsfrei verbrachten Lebensjahre.
jahrgänge, die in den 1950er-Jahren 65 Jahre alt wurden,    Diese Entwicklung steht im Einklang mit einer Kompres-
zwei Weltkriege und die grosse Wirtschaftskrise der         sion der Morbidität auf eine kurze Phase am Ende des
1930er-Jahre erlebt haben.                                  Lebens. Der Anteil der Lebensjahre mit Behinderung ist
    Gewisse Studien befassen sich auch mit den Ursachen     bei den Frauen in der Regel grösser und die Differenz
erhöhter Sterblichkeit. Bekannt sind z.B. die Auswirkun-    zwischen der behinderungsfreien Lebenserwartung von
gen einer Verwitwung auf die Sterblichkeit des überleben-   Frauen und Männern in der Regel kleiner als die Diffe-
den Ehegatten. Demnach könnte ein Rückgang der Sterb-       renz zwischen der Lebenserwartung insgesamt.
lichkeit, der die Verwitwungshäufigkeit schwinden lässt,
zu einem Rückgang der Sterblichkeit bei (Ehe-)Paaren
führen.

2009 BFS DIE ZUKUNFT DER LANGLEBIGKEIT IN DER SCHWEIZ                                                             15
Künftige Entwicklung der Lang­lebigkeit und der Lebenserwartung in guter Gesundheit

3 Künftige Entwicklung der Lang­
  lebigkeit und der Lebenserwartung
  in guter Gesundheit
Um die künftige Entwicklung der Sterblichkeit und der             Kurzfristige Vorausschätzungen basieren auf einer
Morbidität modellieren zu können, müssen deren wich-         ­linearen Trendextrapolation der vergangenen Sterblich-
tigste Determinanten in der Vergangenheit, Gegenwart          keits- bzw. Lebenserwartungsniveaus. Dabei wird häufig
und Zukunft bekannt sein. Dafür sind diverse Methoden         mit Grenzwerten der Sterblichkeit bzw. der Lebensdauer
gebräuchlich, die sich in zwei grosse Gruppen gliedern        gearbeitet, da Hochrechnungen ohne jede Einschränkung
lassen:                                                       in der Regel langfristig unplausible Ergebnisse liefern. So
• Demografische Methoden, bei denen die Trends der            würde zum Beispiel eine Trendextrapolation der Lebens-
  Vergangenheit bezüglich Sterblichkeit, Lebenserwar-         erwartungen bei der Geburt in Dänemark und in Japan
  tung oder Grenzwertverteilung in die Zukunft fortge-        aufgrund unterschiedlicher Vergangenheitswerte zu äus­
  schrieben werden;                                           serst verschiedenen Ergebnissen für die Zukunft führen.
• Epidemiologische Methoden, die auf der Entwicklung              Dasselbe gilt für die Trendextrapolation bei Männern
  der Erkrankungen und ihrer Determinanten gründen;           und Frauen. Obschon in den meisten Ländern eine An-
  mit diesen Methoden wird die Entwicklung der Lebens-        näherung der Lebenserwartung der beiden Geschlechter
  erwartung in guter Gesundheit ermittelt.                    zu beobachten ist, resultiert die Fortschreibung der ver-
In den folgenden Abschnitten werden die beiden metho-         gangenen Trends in einer Lebenserwartung der Männer,
dischen Ansätze getrennt vorgestellt und anschliessend        die jene der Frauen bei weitem übersteigt.
Modelle für deren Kombination erörtert.                           Die Festlegung einer oberen Grenze der Lebensdauer
                                                              ergibt sich aus der biomedizinischen Beobachtung, dass
                                                              die physiologischen Leistungen mit dem Alter abneh-
3.1 Demografische Methoden:                                   men. Ein weiteres – diesmal demografisches – Argument
    Fortschreibung der vergangenen                            ist die in mehreren Ländern beobachtete Verlangsamung
    Entwicklung der Sterblichkeit bzw.                        des Anstiegs der Lebenserwartung. Diese Verlangsamung
    der Lebenserwartung                                       ist allerdings mit einem raschen Rückgang der Sterblich-
                                                              keit der Personen in sehr fortgeschrittenem Alter verbun-
Die Tabelle T6 zeigt ausgewählte Werte für die Voraus-        den; ausserdem ist die Abnahme der Sterblichkeit dort
schätzung der Lebenserwartung bei der Geburt. Im Jahr         am dynamischsten, wo die Sterberaten der älteren Per-
2050 dürfte die Lebenserwartung Neugeborener laut            sonen sehr niedrig sind.
BFS 85 Jahre für Männer (zwischen 82,5–87,5 Jahren)               Die Bestimmung einer Obergrenze der Lebensdauer
und 89,5 Jahre für Frauen (zwischen 87,5–91,5 Jahren)        ist auf jeden Fall ein strittiges Unterfangen. In der Litera-
betragen. Dies würde einem jährlichen Gewinn an              tur finden sich Vorschläge für maximale Lebenserwartun-
Lebens­erwartung bei der Geburt von 4–10 Wochen bei          gen bei der Geburt, welche zwischen 65 Jahren (Vor-
den Männern und von 4–9 Wochen bei den Frauen ab             schlag aus dem Jahr 1928) und 85 Jahren variieren. In
2005 entsprechen.                                            jüngerer Zeit postulierte Olshansky, dessen Schätzungen
   Bei diesen Methoden werden die Trends der Vergan-         auf der Entwicklung der Sterberaten gründen, eine
genheit direkt hochgerechnet oder in die Sterblichkeits-     Obergrenze von 82 Jahren bei den Männern und von
modelle integriert. In der Regel werden mehrere Ent-         88 Jahren bei den Frauen (Olshansky et al., 1990).
wicklungsszenarien verfolgt, die sich im Wesentlichen             Ein weiteres Problem ist die Wahl der Referenzperiode
durch die Langzeitentwicklung der Sterblichkeit oder         für das lineare Extrapolationsmodell. Ob beispielsweise
durch die Zugrundelegung verschiedener Referenzzeit-         eine Referenzperiode von 25 Jahren oder von 50 Jahren
räume unterscheiden, auf welche sich die Analyse der         zu Grunde gelegt wird, kann erhebliche Auswirkungen
historischen Trends bezieht.                                 auf die Projektionen haben. Andere Vorausschätzungen

16                                                                DIE ZUKUNFT DER LANGLEBIGKEIT IN DER SCHWEIZ BFS 2009
Künftige Entwicklung der Lang­lebigkeit und der Lebenserwartung in guter Gesundheit

verwenden zudem Daten zur Sterblichkeit von Bevölke-                                      Im Referenzdokument finden sich weiterführende Er-
rungsgruppen mit niedrigem Risiko, beispielsweise Nicht-                              klärungen und sachdienliche Literaturhinweise (vgl.
rauchern.                                                                             ­Kapitel ««Demographic» approaches: Projections of the
    Am gebräuchlichsten ist derzeit die Lee-Carter-­                                   past trends of mortality or life expectancy» im vollständi-
Methode, bei der die altersspezifische Sterbewahrschein-                               gen Bericht, der einsehbar ist unter: www.bfs.admin.ch/
lichkeit linear in eine zeitperiodenabhängige Hauptkompo-                              bfs/portal/de/index/themen/01.html).
nente und eine altersspezifische zeitperiodenunabhängige
Nebenkomponente zerlegt wird. Diese Methode wird in
den USA und von den Vereinten Nationen benutzt. Da das                                3.2 Demografische Methoden:
Modell dazu tendiert, die Unterschiede zwischen den be-                                   Vorausschätzungen auf der Grundlage
trachteten Gruppen zu vergrössern, wurde eine Anpassung                                   einer Grenzverteilung
vorgeschlagen, die den Einbezug einer geburtsjahrgangs-
spezifischen Mortalitätskomponente vorsieht.                                          Gewisse Projektionen basieren auf der Hypothese einer
    Die Lee-Carter-Methode ist nicht geeignet zur Model-                              unteren Sterblichkeitsgrenze. Diese Methoden kombinie-
lierung einer Entwicklung, die derzeit in den meisten ent-                            ren die beobachteten geringsten geschlechtsspezifischen
wickelten Ländern zu beobachten ist: dass nämlich die                                 Sterbeziffern in den verschiedenen Alterskategorien, be-
Sterblichkeit bei den jüngeren Personen weniger rasch                                 rücksichtigen die Unterschiede zwischen den Ländern
abnimmt als im hohen und höchsten Erwachsenenalter.                                   oder beinhalten Schätzungen der geringsten Sterbezif-

T5 Lebenserwartung bei der Geburt nach verschiedenen Berechnungsmethoden
                                     Nusselder et al. 1996*   Uemura 1989*               Vallin & Meslé            Olshansky 2005*          Mathers et al. 2006*
                                                                                         (unveröffentlicht)*

Projektionsmethode                        Ausschluss                 Weltweit             Weltweit nied-             Auswirkungen                  Spezifische
                                            gewisser                niedrigste              rigste Sterb-                       der                Sterbeziffer
                                       Erkrankungen             Sterblichkeits-              lichkeitsrate            Fettleibigkeit
                                                                     rate nach              nach Alters-
                                                                 Altersklassen               klassen und
                                                                                          Todesursachen

                                                               Potenzielle Veränderung zum Zeitpunkt der Analyse                            2030

                                     M/F                      M/F                        M/F                       M+F                      M/F

Zunahme der Lebens-                      Ausschluss der             +2,5/+3,0 J.               +5,4/+ 5,0 J.                         USA:    Reichste Länder:
erwartung bei der Geburt                 Herzkreislauf-                                                                                            79.7/85.0
                                          Krankheiten:
                                           + 3,1/+ 2,7 J.                                                              - 3– 4 Monate

                                         Ausschluss der
                                          Krebserkran-
                                              kungen:
                                           + 2,7/+ 1,9 J.
*   siehe bibliografische Hinweise

Durch die Einführung einer Wechselwirkung zwischen                                    fern für einzelne Todesursachen. In der Tabelle T5 sind
der altersspezifischen Sterblichkeit und der Zeitperiode                              einige Ergebnisse aufgeführt.
konnten diesbezüglich Verbesserungen erzielt werden.                                     Eine Schätzung der Obergrenze der Lebenserwartung
   Neben dem Lee-Carter-Modell bieten andere Verfah-                                  erstellte Uemura durch Kombination der weltweit nied-
ren Lösungsansätze, um beispielsweise die Unsicherhei-                                rigsten Sterbeziffern, die in einer bestimmten Periode
ten in Sterblichkeitsvorhersagen besser einzuschätzen.                                (1950 –1980) beobachtet wurden. So errechnete sich für
Dazu werden Bayessche Modelle verwendet oder Mo-                                      die Männer eine maximale Lebensdauer von 76,2 Jahren,
delle, welche die altersspezifische Mortalitätsentwicklung                            für die Frauen von 82,1 Jahren. Erwähnenswert ist, dass
berücksichtigen.                                                                      die Lebenserwartung in der Schweiz 1980 72,4 Jahre für

2009 BFS DIE ZUKUNFT DER LANGLEBIGKEIT IN DER SCHWEIZ                                                                                                              17
Künftige Entwicklung der Lang­lebigkeit und der Lebenserwartung in guter Gesundheit

  die Männer und 79,1 Jahre für die Frauen betrug und seit        Gestützt auf die inverse Beziehung zwischen dem mo-
  1999 über den von Uemura berechneten Werten liegt.           dalen Sterbealter und der Standardabweichung des Ster-
     In jüngerer Zeit haben Vallin und Meslé nach einem        bealters jenseits des Modalwerts hat Kannisto die Hypo-
ähnlichen Verfahren die niedrigsten im Zeitraum                these entwickelt, wonach eine «unsichtbare Mauer» die
1950–2000 beobachteten Sterbeziffern in jeder Alters-,         weitere Ausdehnung des menschlichen Lebens verhin-
Geschlechts-, und Todesursachenkategorie kombiniert.           dert. Mit anderen Worten: die Verteilung der Sterbefälle
So errechneten sie für die Männer eine maximale                zur Rechten des mittleren Sterbealters vertikalisiert sich
Lebens­erwartung bei der Geburt von 84,4 Jahren, für die       in dem Masse, wie das modale Sterbealter ansteigt.
Frauen von 88,9 Jahren. Diese Ergebnisse liegen im             Noch liegen wenige Studien vor, die diese Hypothese er-
Werteintervall gemäss den Vorausschätzungen des BFS            härten, vor allem wegen der beschränkten Verfügbarkeit
für die Schweiz im Jahr 2050, das sich von 82,5 bis            benötigter Daten bis in die höchsten Altersstufen.
87,5 Jahren bei den Männern und von 87,5 bis 91,5 Jah-
ren bei den Frauen erstreckt.
     Der Ausschluss einer oder mehrerer Todesursachen          3.3 Epidemiologische Methoden:
dient zur Schätzung möglicher Lebenserwartungsge-                  Vorausschätzungen auf der Basis von
winne. In den USA wurden in den 1970er-Jahren die po-              Gesundheitsinformationen
tenziellen Auswirkungen einer vollständigen oder teil-
weisen Beseitigung der drei wichtigsten Todesursachen
                                                               Diese Modelle berücksichtigen systematisch Informatio-
berechnet (Tsai et al., 1978). Demnach würde eine Ver-
                                                               nen zur künftigen Entwicklung der degenerativen Er-
ringerung der Sterblichkeit aufgrund von Herzkreislauf-
                                                               krankungen, den Haupttodesursachen in alten Bevölke-
Erkrankungen um 30% einen Zuwachs an Lebenserwar-
                                                               rungen (in den industrialisierten Ländern gehen 60% der
tung bei der Geburt von 1,98 Jahren bewirken. Eine
                                                               Todesfälle in der Bevölkerung ab 65 Jahren auf das
30-prozentige Senkung der Krebssterblichkeit hätte
                                                               Konto von Herzkreislauf-Erkrankungen, Krebserkrankun-
­einen Gewinn von 0,71 Jahren, eine entsprechende Sen-
                                                               gen und Hirngefäss-Erkrankungen).
 kung der verkehrsunfallbedingten Sterblichkeit einen Ge-
                                                                   Die Glaubwürdigkeit der Projektionen beruht auf den
 winn von 0,21 Jahren zur Folge.
                                                               vorhandenen Kenntnissen über die Entwicklung der
     In jüngerer Zeit hat ein holländisches Team die
                                                               ­Risiko- und Schutzfaktoren im physischen bzw. sozialen
 Lebens­erwartungsgewinne unter Ausschluss gewisser
                                                                Umfeld, der Lebensweisen, der Gesundheitsversorgung
 chronischer Erkrankungen berechnet. Im Alter von
                                                                und sogar der Bevölkerungsgenetik. Die künftige Ent-
 65 Jahren beträgt der Gewinn an Lebenserwartung bei
                                                                wicklung des Klimas, der gesundheitlichen Ungleichhei-
 Ausschluss der Herzkreislauf-Erkrankungen 3,1 Jahre
                                                                ten, der Ernährung, der technologischen Innovationen
 (Männer) respektive 2,7 Jahre (Frauen), bei Ausschluss
                                                                oder auch der Migrationen sind Determinanten, die klas-
 der Krebsleiden 2,7 respektive 1,9 Jahre. Der Ausschluss
                                                                sischerweise in die Prognosen einfliessen.
 von Diabetes verlängert die Lebensdauer um 0,1 bis
                                                                   Herzkreislauf-Erkrankungen sind aufgrund ihrer Häu-
 0,3 Jahre. Der Ausschluss weiterer Erkrankungen hat
                                                                figkeit die wichtigste Determinante der künftigen Ent-
 ­lediglich geringe Auswirkungen auf die Lebenserwar-
                                                                wicklung der Langlebigkeit. Eine Analyse der Sterblich-
  tung. Neuere Schätzungen der Lebenserwartungsge-
                                                                keit der 75- bis 84-jährigen Bevölkerung in Europa
  winne von Neugeborenen unter Ausschluss gewisser Er-
                                                                zwischen 1970 und 1996 hat ergeben, dass die Verringe-
  krankungen sind auch für die Schweiz verfügbar (Kohli,
                                                                rung der Gesamtsterblichkeit fast ausschliesslich auf die
  2007). Sie bestätigen die herausragende Bedeutung der
                                                                Abnahme der Sterblichkeit bei Herzkreislauf-Erkrankun-
  Herzkreislauf-Erkrankungen und der Krebsleiden.
                                                                gen und insbesondere bei Hirngefäss-Erkrankungen zu-
     Eine andere Methode, die ebenfalls auf der Begren-
                                                                rückzuführen ist.
  zung der Sterblichkeit beruht, integriert direkt die beob-
                                                                   In der Schweiz und in den meisten entwickelten Län-
  achteten Unterschiede zwischen den Ländern und Regi-
                                                                dern beschleunigt sich der Rückgang der Herzkreislauf-
  onen. Die Idee besteht darin, dass die höchste
                                                                Sterblichkeit seit Anfang der 1980er-Jahre. Dieser Rück-
  beobachtete Lebenserwartung eine für alle erreichbare
                                                                gang intensiviert sich mit zunehmendem Alter, weshalb
  Grenze darstellt. Dieses Verfahren ist jedoch für die
                                                                die Folgen in den höheren Altersklassen entsprechend
  Schweiz mit ihrer bereits sehr hohen Lebenserwartung
                                                                stärker spürbar sind. Zahlreiche empirische und experi-
  von wenig Interesse.
                                                                mentelle Befunde zeigen, dass eine weitere Abnahme

18                                                                 DIE ZUKUNFT DER LANGLEBIGKEIT IN DER SCHWEIZ BFS 2009
Künftige Entwicklung der Lang­lebigkeit und der Lebenserwartung in guter Gesundheit

der Sterblichkeit möglich ist. Voraussetzung dafür sind           einen scheint der Einfluss von Übergewicht auf die Langle-
Fortschritte in Bereichen wie Ernährung, körperliche              bigkeit über die ganze Bevölkerung hinweg betrachtet
­Aktivität und Tabakkonsum sowie eine bevölkerungsweit            ­gering zu sein. Zum anderen ist der Zusammenhang zwi-
 verbesserte Behandlungssituation bei Bluthochdruck                schen Adipositas und Herzkreislauf-Erkrankungen kom­
 (Hypertonie) und zu hohem Cholesterinspiegel im Blut              plexer als ursprünglich angenommen. In den USA etwa
 (Hypercholesterinämie).                                           hat die Verbreitung von Adipositas zwischen 1970 und
      Die Herzkreislauf-Sterblichkeit ist auch ein wichtiger       2000 stark zugenommen, dennoch ist die Herzkreislauf-
 Erklärungsfaktor für die Geschlechterdifferenz in der Ge-         Sterblichkeit weiterhin stark rückläufig.
 samtsterblichkeit. Diese Differenz nimmt mit dem Alter               Die Ernährung hat somit via ihren Einfluss auf die Ent-
 rasch zu. Das Sterblichkeitsniveau der Frauen entspricht       stehung von Herzkreislauf- Erkrankungen und Krebser-
 demjenigen 5–10 Jahre jüngerer Männer.                         krankungen nicht unerhebliche Auswirkungen auf das
      Die Verringerung der Krebssterblichkeit trug zwischen     Überleben.
 1960 und 2002 weniger als ein Jahr zum Gewinn an                     Die grosse Streuung der Lebensdauer innerhalb eines
 ­Lebenserwartung bei, dies im Vergleich zum Beitrag der        einzelnen Geburtsjahrgangs deutet darauf hin, dass die
  Herzkreislauf-Erkrankungen, der auf 3 Jahre veranschlagt      Gene einen substanziellen Einfluss haben könnten. Stu-
  wird. Allerdings lässt der anhaltende Rückgang der Herz-      dien bei Zwillingen haben gezeigt, dass ein Viertel der
  kreislauf-Sterblichkeit den Einfluss der Krebssterblichkeit   Gesamtunterschiede in der Lebensdauer auf genetische
  auf die Gesamtsterblichkeit steigen, und zwar mindes-         Faktoren zurückzuführen sein dürfte.
  tens seit Anfang der 1990er-Jahre.                                  Der (gegenwärtige und künftige) Einfluss der Gesund-
      Die Entwicklung der Geschlechterdifferenz in der Ge-      heitsversorgung auf die Langlebigkeit wird recht breit
  samtsterblichkeit deckt sich mit der Entwicklung des Ta­      ­diskutiert. Gewisse Fachleute rechnen mit mehreren
  bakkonsums. Dieser hat sich in jüngerer Zeit so gewan-         ­bedeutenden Entdeckungen in den kommenden 2–3 Jahr-
  delt, dass in den kommenden Jahrzehnten eine weitere            zehnten, die erhebliche Auswirkungen auf die Lebenser-
  Annäherung der Gesamtsterblichkeit der beiden Ge-               wartung haben werden. Andere sind skeptischer. Jeden­
  schlechter zu erwarten ist. Eine neuere Schätzung der           falls steht ausser Frage, dass Lebenserwartungsgewinne
  Entwicklung der Lebenserwartung und des Tabakkon-               infolge einer verbesserten Behandlung weiterhin möglich
  sums in mehreren europäischen Ländern (Bongaarts,               sind, etwa indem der Schutz der älteren Bevölkerung im
  2006) zeigt, dass sich die Lebenserwartung der Frauen           Bereich der klassischen Impfungen erhöht wird.
  im Jahr 2000 als Folge des Rauchens um 1 Jahr, jene der             Verschiedene Studien haben versucht, die Lebenser-
  Männer um 2,4 Jahre verringert hat. Die entsprechenden          wartungsgewinne genau zu quantifizieren, die den mo-
  Zahlen für die Schweiz lauten 0,5 und 1,9 Jahre.                dernen Errungenschaften der Chirurgie wie z.B. Gelenk-
      Das Übergewicht dürfte wegen seines Zusammen-               prothesen, kardialen Revaskularisationsverfahren usw.
  hangs mit den Herzkreislauf-Erkrankungen, Diabetes              zuzuschreiben sind. Diese Ansätze sind in der Regel je-
  und (bestimmten) Krebserkrankungen bei der Entwick-             doch ziemlich theoretisch und schwer von einem Land
  lung der Langlebigkeit in den kommenden Jahren eine             auf das andere übertragbar.
  Schlüsselrolle spielen. Neuere Schätzungen aus den USA
  für das Jahr 2000 legen nahe, dass sich die Lebenserwar-
  tung bei der Geburt als Folge der derzeitigen Verbrei-        3.4 Studien, die demografische und
  tung der Fettleibigkeit um 4-9 Monate verringert hat              epidemiologische Methoden verbinden
  (Olshansky et al., 2005). Laut neueren Vorausschätzun-
  gen zur künftigen Entwicklung in den USA dürfte die           Solche Studien kombinieren demografische und epide-
  ­Lebenserwartung bei der Geburt in den kommenden              miologische Methoden, indem sie z.B. die Sterbewahr-
   Jahren als Folge des Übergewichts um 2–5 Jahre sinken        scheinlichkeit und die todesursachenspezifische Morbidi-
   (vgl. Tabelle T5).                                           tät ­berücksichtigen, wobei sich die Verfahren gegenseitig
      In der Schweiz hat zurzeit jeder zehnte Erwachsene        ­ergänzen. Diese kombinierten Studien sind vorwiegend
   die Schwelle zu krankhaftem Übergewicht (Adipositas)          analytischer Natur und werden selten für Projektions­
   überschritten, jede zweite Person ist übergewichtig           zwecke verwendet. Jede dieser Methoden gründet auf
   (Body-Mass-Index von 25–30 kg/m2).                            ­einer Theorie des Alterns als eines komplexen, multifak-
      Hierzu ist jedoch zu sagen, dass der Einfluss des Ge-       toriell bedingten Phänomens. Eine dieser Theorien
   wichts auf die Langlebigkeit schwer nachzuweisen ist. Zum      ­betrachtet das Altern als einen kumulativen Prozess,

2009 BFS DIE ZUKUNFT DER LANGLEBIGKEIT IN DER SCHWEIZ                                                                      19
Sie können auch lesen
NÄCHSTE FOLIEN ... Stornieren