Empfehlungen für die Prävention, Diagnostik und Therapie der Ab hängigkeitserkrankungen im Alter

 
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Originalartikel                                                                                                                           79

                                                                                                                                                                                    Empfehlungen für die Prävention,
                                                                                                                                                                                    Diagnostik und Therapie der
https://econtent.hogrefe.com/doi/pdf/10.1024/1661-8157/a003609 - Tuesday, February 02, 2021 11:02:10 PM - UZH Hauptbibliothek / Zentralbibliothek Zürich IP Address:130.60.206.74

                                                                                                                                                                                    Ab­hängigkeitserkrankungen im Alter
                                                                                                                                                                                    Recommendations for the Prevention, Diagnostics
                                                                                                                                                                                    and Therapy of Addiction Disorders in the Elderly
                                                                                                                                                                                    Egemen Savaskan1,4, Andreas Fuchs5, Ulrich Hemmeter1,5, Bernd Ibach6,
                                                                                                                                                                                    Esther Indermaur2,7, 14, Stefan Klöppel1,8, Sabrina Laimbacher2,13, 14, Thomas Leyhe1,9,
                                                                                                                                                                                    Claudia Lötscher2,10,14, Julius Popp4, Tilo Stauch8, Gerhard Wiesbeck3,10,
                                                                                                                                                                                    Alexander Wopfner3,11 und Daniele Zullino3,12
                                                                                                                                                                                    1
                                                                                                                                                                                       Schweizerische Gesellschaft für Alterspsychiatrie und -psychotherapie (SGAP), Bern
                                                                                                                                                                                    2
                                                                                                                                                                                       Schweizer Berufsverband für Pflegefachpersonal (SBK), Bern
                                                                                                                                                                                    3
                                                                                                                                                                                       Schweizerische Gesellschaft für Suchtmedizin (SSAM), Bern
                                                                                                                                                                                    4
                                                                                                                                                                                       Klinik für Alterspsychiatrie, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
                                                                                                                                                                                    5
                                                                                                                                                                                       Psychiatrie St. Gallen Nord, St. Gallen
                                                                                                                                                                                    6
                                                                                                                                                                                       Zentrum für Alterspsychiatrie und Privé, Clienia Littenheid AG, Littenheid
                                                                                                                                                                                    7
                                                                                                                                                                                       Spitex Zürich Limmat AG, Zürich
                                                                                                                                                                                    8
                                                                                                                                                                                       Universitätsklinik für Alterspsychiatrie und Psychotherapie, Universitäre Psychiatrische Dienste Bern
                                                                                                                                                                                    9
                                                                                                                                                                                       Zentrum für Alterspsychiatrie, Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel und Alterspsychiatrie,
                                                                                                                                                                                       Universitäre Altersmedizin, Felix Platter, Basel
                                                                                                                                                                                    10
                                                                                                                                                                                       Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel
                                                                                                                                                                                    11
                                                                                                                                                                                       Klinik Südhang, Kirchlindach
                                                                                                                                                                                    12
                                                                                                                                                                                       Service d'addictologie, Hôpitaux Universitaires de Genève, Genf
                                                                                                                                                                                    13
                                                                                                                                                                                       Berner Fachhochschule, Angewandte Forschung und Entwicklung Pflege
                                                                                                                                                                                    14
                                                                                                                                                                                       Akademische Fachgesellschaft Psychiatrische Pflege und Gerontologie

                                                                                                                                                                                        Zusammenfassung: Obwohl der chronische Konsum einzelner Substanzen wie z.B. Alkohol und Sedativa, sowie zunehmend
                                                                                                                                                                                        auch Opioide, im Alter ein grosses Problem mit erheblichen Folgeschäden für die Betroffenen darstellt, ist den entsprechen-
                                                                                                                                                                                        den Störungsbildern bisher wenig Beachtung geschenkt worden. Die vorliegenden Empfehlungen sind unter der Federführung
                                                                                                                                                                                        der Schweizerischen Gesellschaft für Alterspsychiatrie- und Psychotherapie (SGAP) in Zusammenarbeit mit dem Schweizer
                                                                                                                                                                                        Berufsverband für Pflegefachpersonal (SBK) und der Schweizerischen Gesellschaft für Suchtmedizin (SSAM) entstanden, mit
                                                                                                                                                                                        dem Ziel, den aktuellen Stand des Wissens über die Abhängigkeitserkrankungen im Alter sowie über die Möglichkeiten der
                                                                                                                                                                                        ­Diagnostik und Therapie zusammenzufassen und den interprofessionellen, klinischen Teams zur Verfügung zu stellen. Sie
                                                                                                                                                                                         sollen helfen, die Prävention und Frühdiagnostik zu stärken, und stellen bewusst die Psychotherapie und pflegerischen Inter-
                                                                                                                                                                                         ventionsmöglichkeiten in den Vordergrund.

                                                                                                                                                                                        Schlüsselwörter: Abhängigkeitserkrankung, Alter, Sucht, Alkohol, Benzodiazepine, Opioide

                                                                                                                                                                                        Abstract: Although the chronic consumption of alcohol and sedatives, and increasingly opioids, represents a major problem in
                                                                                                                                                                                        old age with consequential damage for those affected, little attention has been paid to the substance abuse disorders in old
                                                                                                                                                                                        age. The aim of the present recommendations, a collaboration work of the Swiss Society for Geriatric Psychiatry and Psycho-
                                                                                                                                                                                        therapy (SGAP), Swiss Nurses Association (SBK) and Swiss Society of Addiction Medicine (SSAM), is to summarize the current
                                                                                                                                                                                        state of knowledge in prevention, diagnostics and therapy of substance abuse disorders in old age for an interprofessional
                                                                                                                                                                                        clinical team. They are intended to help strengthen prevention and early diagnosis, and consciously emphasize psychotherapy
                                                                                                                                                                                        and nursing intervention options.

                                                                                                                                                                                        Keywords: Addiction, age, alcohol, benzodiazepines, opioids

                                                                                                                                                                                    © 2021 Hogrefe                                                                                                    Praxis 2021; 110 (2): 79–93
                                                                                                                                                                                                                                                                                   https://doi.org/10.1024/1661-8157/a003609
80Originalartikel

                                                                                                                                                                                     Résumé: La consommation chronique à l'âge avancé de substances comme l'alcool et les sédativfs, et plus récemment
                                                                                                                                                                                     d'opioïdes, représente un important problème avec des conséquences à court et à long terme. Malgré cela, peu d'attention a
                                                                                                                                                                                     été accordée aux troubles associés à la consommation de ces produits. Les présentes recommandations ont été formulées par
                                                                                                                                                                                     la Société Suisse de Psychiatrie et Psychothérapie de la Personne Agée (SPPA) en collaboration avec l’Association suisse des
                                                                                                                                                                                     infirmières et infirmiers (ASI) et la Société Suisse de Médedine de l'Addicition (SSMA). Elles ont comme objectif de mettre à la
https://econtent.hogrefe.com/doi/pdf/10.1024/1661-8157/a003609 - Tuesday, February 02, 2021 11:02:10 PM - UZH Hauptbibliothek / Zentralbibliothek Zürich IP Address:130.60.206.74

                                                                                                                                                                                     disposition des intervenants des connaissances au sujet des troubles addictifs à l'âge avancé et les options préventives, dia-
                                                                                                                                                                                     gnostiques et thérapeutiques. Elles sont sensées renforcer la prévention et le dépistage précoce et mettent en avant les inter-
                                                                                                                                                                                     ventions psychothérapeutiques et les soins.

                                                                                                                                                                                     Mots-clés: Dépendance, alcool, benzodiazépines, opioïdes, âge

                                                                                                                                                                                    Abhängigkeitserkrankungen bei älteren Personen sind bis­           ren diese dopaminergen Neuronen ins ventrale Striatum
                                                                                                                                                                                    her ein wenig beachtetes Gebiet der Altersmedizin, obwohl          (Nucleus accumbens) und in den präfrontalen Kortex. Do­
                                                                                                                                                                                    diese im Kontext der demographischen Alterung und dem              pamin-Ausschüttung scheint dabei für die Kodierung ver­
                                                                                                                                                                                    medizintechnischen Fortschritt eine stetig wachsende               antwortlich zu sein. Andere Neurotransmitter, wie z.B.
                                                                                                                                                                                    Gruppe darstellen. Es gibt Menschen, die mit einer subs­           GABA, und andere Hirnareale wie Hippocampus und
                                                                                                                                                                                    tanzgebundenen Abhängigkeit altern (early onset oder               Amygdala, tragen ebenfalls zur Entstehung der Abhängig­
                                                                                                                                                                                    Früheinsteiger) und Menschen, die im Alter eine Substanz­          keitserkrankung bei. Die Toleranzentwicklung für einzel­
                                                                                                                                                                                    abhängigkeit entwickeln (late onset oder Späteinsteiger).          ne Substanzen ist primär auf Veränderungen der GABA­
                                                                                                                                                                                    Substanzkonsum und Abhängigkeitserkrankungen im Al­                ergen und glutamatergen Systeme zurückzuführen. Die
                                                                                                                                                                                    ter sind mit verschiedenen Risiken und Herausforderun­             stressregulierende Wirkung einzelner Substanzen ent­
                                                                                                                                                                                    gen verbunden, dies auch vor dem Hintergrund häufiger              steht über GABAerge und serotonerge Projektionen, und
                                                                                                                                                                                    Komorbiditäten. Diese Ausgangslage erfordert eine multi­           Störungen dieser Neurotransmitter sind verantwortlich
                                                                                                                                                                                    professionelle Zusammenarbeit. Dennoch wird das Stö­               für die Entstehung affektiver Symptome.
                                                                                                                                                                                    rungsbild von Fachpersonen – aber auch von den Betroffe­
                                                                                                                                                                                    nen selbst – oftmals unterschätzt, nicht erkannt oder falsch
                                                                                                                                                                                    interpretiert. Auch wenn der Konsum von illegalen Drogen
                                                                                                                                                                                    momentan in dieser Altersgruppe nicht im Vordergrund
                                                                                                                                                                                    steht, stellt der chronische Konsum von Alkohol und Seda­
                                                                                                                                                                                                                                                       Abhängigkeitserkrankungen
                                                                                                                                                                                    tiva, sowie zunehmend auch von Opioiden, ein grosses ge­           und Komorbidität
                                                                                                                                                                                    sundheitliches Problem mit schwerwiegenden Folgen in
                                                                                                                                                                                    dieser vulnerablen Patientengruppe dar. Die Empfehlun­             Abhängigkeitserkrankungen können unmittelbare Fol­
                                                                                                                                                                                    gen liegen als umfassendes Manual vor; die vorliegende             gen der akuten Intoxikation wie Atemstillstand, mittel­
                                                                                                                                                                                    Version ist eine Zusammenfassung. Da für die meisten In­           bare Folgen wie Unfälle unter Substanzeinwirkung oder
                                                                                                                                                                                    terventionsmöglichkeiten in dieser Altersgruppe die kont­          Leberzirrhose infolge des Alkoholkonsums, und indirek­
                                                                                                                                                                                    rollierten Studien oft fehlen, wird neben der aktuellen            te Folgen wie Depression haben. Somatische Komorbidi­
                                                                                                                                                                                    ­Evidenzlage die klinische Erfahrung der Experten mitbe­           täten, gerade bei einem chronischen Konsum, sind häu­
                                                                                                                                                                                     rücksichtigt. Das Ziel der Empfehlungen ist es, die Präven­       fig, so etwa dermatologisch Hautabszesse, kardiovaskulär
                                                                                                                                                                                     tion und Frühdiagnostik dieser Erkrankungen zu stärken,           essenzielle Hypertension, Angina, Myokardinfarkte,
                                                                                                                                                                                     und für die Bedürfnisse älterer Menschen angemessene              Herzinsuffizienz, Arrhythmien, infektiöse Endokarditis
                                                                                                                                                                                     Therapieoptionen in den Vordergrund zu stellen.                   und Kardiomyopathien, respiratorisch Septum-Perforati­
                                                                                                                                                                                                                                                       on der Nase, COPD, Asthma, gastrointes­tinal virale He­
                                                                                                                                                                                                                                                       patitis, Hepatokarzinom, peptisches Ulkus, chronisch
                                                                                                                                                                                                                                                       entzündliche Darmerkrankungen, Pankrea­titis, Gastritis,
                                                                                                                                                                                                                                                       Zirrhose, zirrhotische Varizen, hämatologisch Anämie,
                                                                                                                                                                                    Neurobiologische Grundlagen                                        Thrombozytopenie und Koagulopathien, neurologisch
                                                                                                                                                                                    der Abhängigkeitserkrankungen                                      Schlaganfall, Enzephalopathie, trauma­tische Hirnverlet­
                                                                                                                                                                                                                                                       zung, Epilepsie, epidurale Abszesse, periphere Neuropa­
                                                                                                                                                                                    Abhängigkeitserkrankungen entstehen durch regelmäs­                thien und Wernicke-Korsakoff-Syndrom, endokrinolo­
                                                                                                                                                                                    siges Suchtverhalten, welches über das mesolimbische               gisch      Hypo-/Hyperthyroidismus,      Typ-2-Diabetes
                                                                                                                                                                                    Verstärkungs- und Belohnungssystem zu belohnungsasso­              mellitus und Hypogonadismus, immunologisch HIV, Im­
                                                                                                                                                                                    ziiertem Lernen und Gedächtnisbildung führt [1]. Das zu­           munsupression auf der Basis von opportunistischen In­
                                                                                                                                                                                    nächst willentlich gesteuerte Verhalten geht dabei mit der         fektionen und nekrotisierende Vaskulitis sowie metabo­
                                                                                                                                                                                    Zeit in automatisierte und schliesslich zwanghafte Sche­           lisch Elektrolytstörungen, Hypoxie und Dehydratation
                                                                                                                                                                                    mata über. Auch wenn die einzelnen Substanzen unter­               [3]. Spezifische Folgeschäden werden unten separat bei
                                                                                                                                                                                    schiedliche Wirkungsmechanismen haben, spielt das me­              der jeweiligen Substanz besprochen.
                                                                                                                                                                                    solimbische dopaminerge System eine entscheidende                     Als komorbide psychiatrische Erkrankungen treten am
                                                                                                                                                                                    Rolle [2]. Ausgehend vom ventralen Tegmentum projizie­             häufigsten Depression und Angststörungen auf, vor allem

                                                                                                                                                                                    Praxis 2021; 110 (2): 79–93                                                                                        © 2021 Hogrefe
Originalartikel81

                                                                                                                                                                                                                                                    keit infolge von Vermeidungsverhalten und zu Gesund­
                                                                                                                                                                                    Im Artikel verwendete Abkürzungen:
                                                                                                                                                                                    AUDIT-C	Alcohol Use Disorders Identification                   heitsproblemen kommen, weil die Betroffenen oft nicht
                                                                                                                                                                                                          Test-Consumption                          rechtzeitig medizinische Hilfe suchen. Motive für den
                                                                                                                                                                                    AWMF	Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen                Substanzkonsum und gleichzeitig unmittelbare Folgen ei­
                                                                                                                                                                                                          Medizinischen Fachgesellschaften e.V.
                                                                                                                                                                                                                                                    ner Substanzstörung können Trennungen, Versagen im
https://econtent.hogrefe.com/doi/pdf/10.1024/1661-8157/a003609 - Tuesday, February 02, 2021 11:02:10 PM - UZH Hauptbibliothek / Zentralbibliothek Zürich IP Address:130.60.206.74

                                                                                                                                                                                    BAG                   Bundesamt für Gesundheit
                                                                                                                                                                                    CAM                   Confusion Assessment Method               Beruf oder Privatleben, Arbeitslosigkeit, finanzielle Eng­
                                                                                                                                                                                    CANE	Camberwell Assessment of Need for                         pässe, Schulden, strafrechtliche Komplikationen sowie
                                                                                                                                                                                                          the Elderly                               Wohnungsverlust und Obdachlosigkeit sein. Vor allem
                                                                                                                                                                                    COPD	Chronic obstructive pulmonary disease/
                                                                                                                                                                                                                                                    der Alkoholkonsum kann das Risiko für Depressionen
                                                                                                                                                                                                          chronische obstruktive Lungenerkrankung
                                                                                                                                                                                    DBT                   Dialektisch-Behaviorale Therapien         und Suizidalität erhöhen. Delir, Stürze, kognitive Störun­
                                                                                                                                                                                    DOS                   Delirium Observation Screening Scale      gen, eine paranoide Entwicklung, Rückzugsverhalten,
                                                                                                                                                                                    epaPsyC	Ergebnisorientiertes Pflege Assessment                 Selbstvernachlässigung und Konflikte mit dem Umfeld
                                                                                                                                                                                                          für das psychiatrische Setting
                                                                                                                                                                                                                                                    können die Abwärtsspirale der Abhängigkeitserkrankung
                                                                                                                                                                                    GABA	Gamma-Aminobutyric acid oder
                                                                                                                                                                                                          γ-Aminobuttersäure                        verstärken und einen Ausstieg vom Substanzkonsum er­
                                                                                                                                                                                    GAST-Fragebogen	Geriatrischer Alkoholabhängigkeits-            schweren. Gesundheitliche und soziale Risiken wie Infek­
                                                                                                                                                                                                          und Missbrauch-Screening Test             tionskrankheiten, Mangelernährung, Überdosen, erhöhte
                                                                                                                                                                                    HIV                   Humanes Immundefizienz-Virus
                                                                                                                                                                                                                                                    Mortalität, Kriminalität und Prostitution können die Le­
                                                                                                                                                                                    MBS                   Marchiafava-Bignami-Syndrom
                                                                                                                                                                                    MI	Motivational Interview; die motivierende                    bensführung der Betroffenen erschweren.
                                                                                                                                                                                                          Gesprächsführung
                                                                                                                                                                                    NOSGER	Nurses Observation Scale for Geriatric
                                                                                                                                                                                                          Patients                                  Prävention
                                                                                                                                                                                    SBK	Schweizerischer Berufsverband der Pflege-
                                                                                                                                                                                                          fachfrauen und Pflegefachmänner
                                                                                                                                                                                    SMAST-G	Short Michigan Alcoholism Screening                    Präventionsmassnahmen können auf verschiedenen Ebe­
                                                                                                                                                                                                          Instrument – Geriatric Version            nen eingesetzt werden: Während universelle Massnah­
                                                                                                                                                                                    TTM                   Das Transtheoretische Modell
                                                                                                                                                                                                                                                    men ganze Populationen oder besondere Bevölkerungs­
                                                                                                                                                                                    WE                    Wernicke-Enzephalopathie
                                                                                                                                                                                    WKS                   Wernicke-Korsakoff-Syndrom                gruppen wie z.B. ältere Personen im Fokus haben können,
                                                                                                                                                                                                                                                    geht eine selektive Prävention auf die Bedürfnisse von Be­
                                                                                                                                                                                                                                                    troffenen mit erhöhtem Risiko ein. Eine Prävention kann
                                                                                                                                                                                    in Zusammenhang mit Alkoholabhängigkeit [4]. Majore             auch indiziert sein, wenn Individuen mit bestehendem,
                                                                                                                                                                                    Depressionen, bipolare Störungen, kognitive Störungen           schädlichem Konsum gezielt angegangen werden sollen.
                                                                                                                                                                                    und Demenz sind die häufigsten komorbiden psychiatri­           Wesentliche Massnahmen im Bereich der Abhängigkeits­
                                                                                                                                                                                    schen Störungsbilder, die bei Betroffenen mit einer Ab­         erkrankungen wären Früherkennung und -interventionen
                                                                                                                                                                                    hängigkeitserkrankung beobachtet werden. Sehr häufig            mit Beratungs- und therapeutischen Massnahmen. Diese
                                                                                                                                                                                    sind auch Psychosen, Schlafstörungen, sexuelle Dysfunk­         können in verschiedenen Settings wie Notaufnahmen,
                                                                                                                                                                                    tion, Delir, Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstö­         Arztpraxen, Alters- und Pflegeheimen, Gemeinde, Fami­
                                                                                                                                                                                    rung, Traumafolgestörungen sowie Belastungs- und Per­           lie, Freizeit und im öffentlichen Raum eingesetzt werden.
                                                                                                                                                                                    sönlichkeitsstörungen.                                          In diesem Zusammenhang besonders zu erwähnen ist die
                                                                                                                                                                                                                                                    vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) und Partnern aus
                                                                                                                                                                                                                                                    dem Suchtbereich 2018 ausgearbeitete «Nationale Strate­
                                                                                                                                                                                                                                                    gie Sucht», die zu den Bereichen Gesundheitsförderung,
                                                                                                                                                                                    Die psychosozialen Folgen                                       Prävention, Früherkennung, Therapie, Beratung, Scha­
                                                                                                                                                                                    der Abhängigkeitserkrankung                                     denminderung, Risikominimierung, Regulierung und
                                                                                                                                                                                                                                                    Vollzug Stellung nimmt und Massnahmen vorschlägt.
                                                                                                                                                                                    Folgen chronischen Substanzkonsums können gravieren­
                                                                                                                                                                                    der sein, wenn eine Abhängigkeit in jüngeren Jahren be­
                                                                                                                                                                                    ginnt und sich im späten Alter fortsetzt, im Unterschied zu     Alkoholabhängigkeit
                                                                                                                                                                                    einer Erkrankung, die erst spät im Alter beginnt [5]. Kon­
                                                                                                                                                                                    sumenten, die erst spät eine Abhängigkeitserkrankung            Screening-Instrumente können die Früherkennung und
                                                                                                                                                                                    entwickeln, sind in der Regel eher stabil, sozial integriert    Prävention bei älteren Personen deutlich verbessern, aber
                                                                                                                                                                                    und zeigen eine bessere Behandlungsbereitschaft. Die so­        nur wenige dieser Verfahren sind in dieser Altersgruppe
                                                                                                                                                                                    ziale Vulnerabilität erhöht sich im Alter, und Verlusterleb­    bisher evaluiert und validiert worden. Als geeignete Inst­
                                                                                                                                                                                    nisse sowie Einschränkungen durch Krankheiten können            rumente sind CAGE, AUDIT-C (Alcohol Use Disorders
                                                                                                                                                                                    zum erhöhten Substanzkonsum führen. Substanzen wie              Identification Test-Consumption) und SMAST-G (Short
                                                                                                                                                                                    Alkohol werden oft auch zur Linderung von Angst und             Michigan Alcoholism Screening Instrument – Geriatric
                                                                                                                                                                                    Schmerzen eingesetzt.                                           Version) empfohlen worden [7]. Nach der Identifikation
                                                                                                                                                                                       Die Angst vor Stigmatisierung führt oft zur Verdrän­         der Risikopatientinnen und -patienten kann eine «Kurzin­
                                                                                                                                                                                    gung der Problematik und zu Schamgefühl [6]. Deswegen           tervention» als wirksames Mittel zur Konsumreduktion
                                                                                                                                                                                    kann es zur Selbstvernachlässigung mit sozialer Einsam­         eingesetzt werden. Dabei handelt es sich um eine kurze

                                                                                                                                                                                    © 2021 HogrefePraxis 2021; 110 (2): 79–93
82Originalartikel

                                                                                                                                                                                    Frühintervention, die psychoedukative mit motivierenden          lich nur bei Schmerzen infolge von Tumorerkrankun­
                                                                                                                                                                                    Elementen in einem strukturierten Gespräch verbindet             gen indiziert.
                                                                                                                                                                                    [8]. Diese Intervention kann 15 bis 60 Minuten dauern.        yy Opiate sind bei primären Kopfschmerzen, funktionel­
                                                                                                                                                                                    Anschliessend kann der Betroffene für die weiterführende         len Störungen als Hauptursachen von Schmerzsyndro­
                                                                                                                                                                                    Abklärung, Behandlung und Beratung zu einem Spezialis­           men, Fibromyalgiesyndrom, Schmerzen infolge von
https://econtent.hogrefe.com/doi/pdf/10.1024/1661-8157/a003609 - Tuesday, February 02, 2021 11:02:10 PM - UZH Hauptbibliothek / Zentralbibliothek Zürich IP Address:130.60.206.74

                                                                                                                                                                                    ten überwiesen werden.                                           psychiatrischen Erkrankungen, affektiven Störungen/
                                                                                                                                                                                                                                                     Suizidalität, chronisch entzündlichen Darmerkrankun­
                                                                                                                                                                                                                                                     gen und Pankreatitis nicht indiziert.
                                                                                                                                                                                    Benzodiazepinabhängigkeit                                     yy Bei missbräuchlichem Konsum oder Abhängigkeitser­
                                                                                                                                                                                                                                                     krankungen in der Vorgeschichte ist die Behandlung
                                                                                                                                                                                    Zur Vorbeugung werden folgende Massnahmen empfohlen:             mit Opiaten kontraindiziert.
                                                                                                                                                                                    yy Benzodiazepine sollen grundsätzlich nicht als Schlaf­
                                                                                                                                                                                       medikation eingesetzt werden.                                 Wenn Opiate verschrieben werden gilt Folgendes:
                                                                                                                                                                                    yy Bei missbräuchlichem Konsum oder Abhängigkeitser­          yy Der Einsatz sollte nach sorgfältiger Indikationsstellung
                                                                                                                                                                                       krankung in der Vorgeschichte ist von der Behandlung          und als Teil eines Behandlungsplans erfolgen. Die Pa­
                                                                                                                                                                                       mit Benzodiazepinen abzusehen.                                tientinnen und Patienten müssen über das Abhängigkeits­
                                                                                                                                                                                    yy Bei bekannter zerebraler Vorschädigung, bei leichten          potenzial und die weiteren möglichen Nebenwirkungen
                                                                                                                                                                                       kognitiven Störungen und Demenzen sowie bei hohem             sowie über alternative Behandlungsmöglichkeiten aufge­
                                                                                                                                                                                       Delir-Risiko sollten Benzodiazepine und Analoga nicht         klärt werden.
                                                                                                                                                                                       eingesetzt werden.                                         yy Die Dosis soll dem Schweregrad der Symptome ange­
                                                                                                                                                                                                                                                     passt und möglichst niedrig gehalten werden.
                                                                                                                                                                                       Wenn Benzodiazepine oder Analoga verschrieben wer­         yy Präparate mit retardierter Galenik bzw. langer Wirk­
                                                                                                                                                                                    den, gilt Folgendes:                                             dauer sollen eingesetzt werden
                                                                                                                                                                                    yy Der Einsatz sollte nach sorgfältiger Indikationsstellung   yy Eine Tagesdosis von 120 mg Morphinäquivalent soll
                                                                                                                                                                                       und als Teil eines Behandlungsplans erfolgen. Die Pa­         nur in Ausnahmefällen überschritten werden.
                                                                                                                                                                                       tientinnen und Patienten müssen über das Abhängigkeits­    yy Eine Behandlung länger als drei Monate kann bei Thera­
                                                                                                                                                                                       potenzial und die weiteren möglichen Nebenwirkungen           pierespondern durchgeführt werden. Nach sechs Mona­
                                                                                                                                                                                       sowie über alternative Behandlungsmöglichkeiten aufge­        ten soll mit der Patientin/dem Patienten die Möglichkeit
                                                                                                                                                                                       klärt werden.                                                 einer Dosisreduktion und eines Auslassversuches be­
                                                                                                                                                                                    yy Substanzen mit kurzer Halbwertzeit (Lorazepam, Oxa­           sprochen werden.
                                                                                                                                                                                       zepam, bei Insomnien Zolpidem oder Zopiclon) sind zu       yy Die Indikation soll regelmässig unter Einbezug eines
                                                                                                                                                                                       bevorzugen.                                                   Fachspezialisten überprüft werden. Bei fehlender oder
                                                                                                                                                                                    yy Die Dosis soll dem Schweregrad der Symptome ange­             fraglicher Indikation sind Absetzversuche vorzunehmen.
                                                                                                                                                                                       passt und möglichst niedrig gehalten werden.               yy Eine Dosis von über 120 mg Morphinäquivalent soll nur
                                                                                                                                                                                    yy Die regelmässige Einnahme sollte drei bis vier Wochen         in Ausnahmefällen überschritten werden.
                                                                                                                                                                                       nicht überschreiten.
                                                                                                                                                                                    yy Die Indikation soll regelmässig überprüft werden. Bei
                                                                                                                                                                                       fehlender oder fraglicher Indikation sind Absetzver­       Andere Substanzen
                                                                                                                                                                                       suche vorzunehmen.
                                                                                                                                                                                    yy Pflegefachpersonen kommt beim Thema Medikamen­             In der Prävention und zur Vermeidung der Folgeschäden
                                                                                                                                                                                       ten-Langzeitgebrauch im Alter eine zentrale Rolle zu.      der Nikotinabhängigkeit ist ein Rauchstopp auch bei älte­
                                                                                                                                                                                       Am Anfang stehen dabei die sorgfältige Krankenbeob­        ren Personen wirksam. Hier kann auch die «Kurzinterven­
                                                                                                                                                                                       achtung und die Zuordnung unterschiedlicher Auffäl­        tion» wie oben beschrieben eingesetzt werden. Bei Medi­
                                                                                                                                                                                       ligkeiten zum Störungsbild sowie die Weiterleitung die­    kamentenabhängigkeit können die Screening-Instrumente,
                                                                                                                                                                                       ser Beobachtungen an den behandelnden Arzt.                die bei Alkoholstörungen eingesetzt werden, hilfreich sein
                                                                                                                                                                                    yy In regelmässigen (Psychotherapie-)Gesprächen sollen        und die Überführung zur Psychotherapie erleichtern. Ob­
                                                                                                                                                                                       die Erwartungen und Symptome der Patientinnen und          wohl illegale Drogen aktuell in der älteren Bevölkerung
                                                                                                                                                                                       Patienten überprüft, alternative Therapiemöglichkei­       keine grosse Rolle spielen, ist mit steigender Akzeptanz
                                                                                                                                                                                       ten besprochen und möglichst zur Reduktion oder zum        dieser Substanzen mit einer Zunahme des Konsums zu
                                                                                                                                                                                       Absetzen ermutigt werden.                                  rechnen. Rechtzeitig eingesetzte Aufklärung über die Fol­
                                                                                                                                                                                                                                                  gen dieser Substanzen und Beratungsangebote können den
                                                                                                                                                                                                                                                  Anstieg vermindern helfen.
                                                                                                                                                                                    Opiate

                                                                                                                                                                                    Generell wird empfohlen:                                      Alkohol
                                                                                                                                                                                    yy Nicht-Opioid-Therapie und nicht-pharmakologische
                                                                                                                                                                                       Ansätze sind bei chronischen Schmerzen die bevorzug­       Alkohol gehört neben Sedativa zu den am meisten konsu­
                                                                                                                                                                                       te Behandlung. Der Einsatz von Opiaten ist grundsätz­      mierten Substanzen in der Schweiz [9, 10]. Der Konsum

                                                                                                                                                                                    Praxis 2021; 110 (2): 79–93                                                                               © 2021 Hogrefe
Originalartikel83

                                                                                                                                                                                     nimmt mit zunehmendem Alter zu, auf bis zu 26,2 % Anteil          bogen, der AUDIT und der SMAST-G. Die Kurzform des
                                                                                                                                                                                     bei den über 75-Jährigen. Der Pro-Kopf-Konsum hat zwar et­        AUDIT kann bei älteren Personen gut eingesetzt wer­
                                                                                                                                                                                     was abgenommen, aber der chronisch risikoreiche Konsum            den, im deutschsprachigen Raum kommt oft der GAST-
                                                                                                                                                                                     stellt ­bei über 65-Jährigen ein grosses Problem dar. Vor allem   Fragebogen zum Einsatz.
                                                                                                                                                                                    sind Männer betroffen, physiologische Veränderungen und
https://econtent.hogrefe.com/doi/pdf/10.1024/1661-8157/a003609 - Tuesday, February 02, 2021 11:02:10 PM - UZH Hauptbibliothek / Zentralbibliothek Zürich IP Address:130.60.206.74

                                                                                                                                                                                    ­Multimorbidität führen zu einer Abnahme der Toleranz im
                                                                                                                                                                                     Alter [5, 11]. Hohe Konsummenge, kritische Lebensereignis­        Therapie
                                                                                                                                                                                     se, soziodemografische Variablen (männlich, allein lebend),
                                                                                                                                                                                     komorbide psychische Störungen (Angst, Depression, Per­           In der Therapie sollen die komorbiden Begleiterkrank­
                                                                                                                                                                                     sönlichkeitsstörung) und andere Suchterkrankungen sind            ungen und die sozialen Ressourcen der Betroffenen be­
                                                                                                                                                                                     allgemeine Risikofaktoren für Alkoholabhängigkeit [12].           rücksichtigt werden. Oft ist eine völlige Abstinenz als The­
                                                                                                                                                                                                                                                       rapieziel nicht realistisch, und niederschwellige Angebote
                                                                                                                                                                                                                                                       mit fliessenden Übergängen zwischen stationärem, teil­
                                                                                                                                                                                    Klinik                                                             stationärem und ambulantem Setting sind zu empfehlen.
                                                                                                                                                                                                                                                       Angehörige sollen wenn immer möglich miteinbezogen
                                                                                                                                                                                    Klinische Zeichen wie Alkoholgeruch, gerötete Konjunkti­           werden. Wenn schwere Entzugssymptome erwartet wer­
                                                                                                                                                                                    ven, Tremor, Hautveränderungen wie z.B. Gefässspinnen              den, ist die Therapie unbedingt stationär durchzuführen.
                                                                                                                                                                                    und Palmarerythem, Schweissneigung, Gangunsicherheit,              Ko-Konsum von anderen Substanzen, Delir in der Vorge­
                                                                                                                                                                                    Stürze, Schlafstörungen, Magen-Darm-Störungen, Kon­                schichte, Folgekrankheiten des Alkoholkonsums, kognitive
                                                                                                                                                                                    zentrationsstörung, Vergesslichkeit, reduzierter Allge­            Störungen und die Dauer des Konsums sind Risikofaktoren
                                                                                                                                                                                    meinzustand, Mangelernährung, Störungen der Potenz,                für einen schweren Entzug. In der Alkoholentzugsbehand­
                                                                                                                                                                                    Inkontinenz, Bluthochdruck, instabiler Diabetes mellitus,          lung braucht es neben der Überwachung der Vitalparame­
                                                                                                                                                                                    sozialer Rückzug, Vernachlässigung der Körperhygiene               ter und Flüssigkeits- und Elektrolytzufuhr beim Vorliegen
                                                                                                                                                                                    und emotionale Veränderungen wie Angst und Depression              von kognitiven Störungen eine Substitutionsbehandlung
                                                                                                                                                                                    können auf eine Alkohol-bedingte Störung hinweisen [11,            mit Thiamin. Magnesium, zusätzliche B- und C-Vitamine
                                                                                                                                                                                    13]. Beim plötzlichen Absetzen des Konsums kann es zu              sowie Folsäure sollten bei Mangelernährung hinzugefügt
                                                                                                                                                                                    einer zentralnervösen Erregung kommen, weil die hem­               werden. Um eine Sedierung zu erreichen und epileptischen
                                                                                                                                                                                    mende Wirkung des Alkohols über die GABA-Rezeptoren                Anfällen vorzubeugen, werden Entzugsbehandlungen in
                                                                                                                                                                                     ausbleibt [11]. Typische Entzugssymptome sind gastroin­           der Regel mit Benzodiazepinen durchgeführt. Um Kumu­
                                                                                                                                                                                     testinale Beschwerden wie Nausea, Erbrechen, Diarrhö,             lation zu vermeiden, werden Lorazepam und Oxazepam
                                                                                                                                                                                     Anorexie und Magenschmerzen, Herz-Kreislauf-Prob­                 empfohlen, die eine kürzere bis mittlere Halbwertzeit ha­
                                                                                                                                                                                    leme wie Tachykardie, Hypertonie und orthostatische                ben. Beim Vorliegen von psychotischen Symptomen kön­
                                                                                                                                                                                    ­Hypotension, vegetative Symptome wie Schwitzen, Mund­             nen auch Antipsychotika eingesetzt werden. Carbamaze­
                                                                                                                                                                                     trockenheit, Mydriasis, Gesichtsrötung, Tremor, Juckreiz,         pin und Valproat zur Anfallsprophylaxe werden aufgrund
                                                                                                                                                                                     Koordinations- und Sehstörungen, Schlafstörungen, Kopf-           ihres Nebenwirkungspotenzials bei älteren Personen eher
                                                                                                                                                                                     und Muskelschmerzen und Schwäche sowie psychische                 nicht empfohlen. Sympathikolytische Substanzen wie
                                                                                                                                                                                     Störungen wie Reizbarkeit, Unruhe, Angst, Depression,             β-Blocker und α2-Antagonisten können zur Linderung der
                                                                                                                                                                                     Konzentrations-, Gedächtnis- und Wahrnehmungsstörun­              Entzugssymptome eingesetzt werden.
                                                                                                                                                                                     gen und Halluzinationen. Schwere Alkoholentzüge kön­                 Die weitere Therapie nach dem Entzug soll psychothe­
                                                                                                                                                                                     nen mit Delir und epileptischen Anfällen einhergehen.             rapeutisch begleitet werden. Die Interventionsmöglich­
                                                                                                                                                                                     Deswegen wird generell empfohlen, Entzugsbehandlun­               keiten werden in einem anderen Kapitel diskutiert. Eine
                                                                                                                                                                                     gen bei älteren Personen stationär durchzuführen.                 sichere Umgebung bei möglicher Selbst- und Fremdge­
                                                                                                                                                                                                                                                       fährdung, Orientierungshilfen, sichere Umgebung und
                                                                                                                                                                                                                                                       Vermeidung von Reizüberflutung sind zusätzliche unter­
                                                                                                                                                                                    Diagnostik                                                         stützende Massnahmen der Therapie. In der Postakut­
                                                                                                                                                                                                                                                       behandlung können als Rückfallprophylaxe Naltrexon
                                                                                                                                                                                    Eine ausführliche Anamneseerhebung einschliesslich                 und Acamprosat eingesetzt werden. Disulfiram wird bei
                                                                                                                                                                                    der Fremdanamnese, eine klinische Untersuchung mit                 älteren Betroffenen nicht empfohlen. Bei komorbiden
                                                                                                                                                                                    Neuro­status, Labor und die Untersuchung der kogniti­              psyc­hiatrischen Erkrankungen wie Depression soll der
                                                                                                                                                                                    ven Leistungsfähigkeit sind die Basis der Diagnostik.              Ein­satz eines Antidepressivums erwogen und die Psycho­
                                                                                                                                                                                    Labor-Be­funde wie γ-Glutamyltransferase, Lebertrans­              therapie entsprechend angepasst werden.
                                                                                                                                                                                    aminasen, mittleres Erythrozytenvolumen, Carbohydrat-­
                                                                                                                                                                                    defizientes Transferrin und der Ethanolmetabolit Ethyl­
                                                                                                                                                                                    glukoronid können Hinweise über das Konsumverhalten                Folgeschäden
                                                                                                                                                                                    und Folgeschäden geben [5, 11]. Eine ausführliche neuro­
                                                                                                                                                                                    psychologische Testung wird oft notwendig. Wichtige                Verletzungen, Unfälle, Leberzirrhose und Krebserkran­
                                                                                                                                                                                    Assessment-Instrumente, die auch bei Älteren für Scree­            kungen sind die häufigsten Folgen einer Alkoholabhängig­
                                                                                                                                                                                    nings eingesetzt werden können, sind der CAGE-Frage­               keit mit erhöhter Mortalität [10]. Das Störungsbild ist

                                                                                                                                                                                    © 2021 HogrefePraxis 2021; 110 (2): 79–93
84Originalartikel

                                                                                                                                                                                    ebenfalls mit hoher Suizidalität assoziiert. Gastrointesti­   thie, Affektverflachung, Depression, Konzentrations-
                                                                                                                                                                                    nale Störungen wie Gastritis und Magenulzera, akute und       und Aufmerksamkeitsstörungen, kognitive Beeinträchti­
                                                                                                                                                                                    chronisch progressive Pankreatitis, alkoholische Kardio­      gungen, Muskelschwäche, Ataxie, Koordinations- und
                                                                                                                                                                                    myopathie, Thrombozytendepression und megaloblasti­           Gangstörungen, Delir, Stürze und Atemdepression zu
                                                                                                                                                                                    sche Anämie, Karzinome, Kleinhirnatrophie, Ataxie, Poly­      erwarten. Das Entzugssyndrom nach plötzlichem Ab­
https://econtent.hogrefe.com/doi/pdf/10.1024/1661-8157/a003609 - Tuesday, February 02, 2021 11:02:10 PM - UZH Hauptbibliothek / Zentralbibliothek Zürich IP Address:130.60.206.74

                                                                                                                                                                                    neuropathien und extrapyramidale Symptome sind häufig.        setzen verläuft mit Agitation, Angst, Schlaf-Wach-­
                                                                                                                                                                                    Aufgrund des Thiaminmangels kann das Wernicke-Korsa­          Rhythmus-Störungen und vegetativen Symptomen wie
                                                                                                                                                                                    koff-Syndrom auftreten und bleibende kognitive Schäden        Palpitation und Schwitzen [5, 15]. Zusätzlich können
                                                                                                                                                                                    können entstehen. Eine Alkoholdemenz tritt in der Regel       Muskelverspannungen, Kopfschmerzen, Appetitlosig­
                                                                                                                                                                                    bei chronisch schädlichem Konsum in jüngeren Jahren auf       keit, Depression, Koordinations- und Konzentrations­
                                                                                                                                                                                    als die Alzheimer-Demenz und äussert sich mit exekutiver      störungen, Tinnitus und Parästhesien auftreten. Schwere
                                                                                                                                                                                    Dysfunktion, Orientierungsstörungen, Enthemmung, Af­          Entzugssyndrome können von einem Delir, psycho­
                                                                                                                                                                                    fektstörungen, Persönlichkeitsveränderungen, Gereizt­         tischen Symptomen, Myoklonien und epileptischen An­
                                                                                                                                                                                    heit, Depression und Verwahrlosung.                           fällen geprägt sein.

                                                                                                                                                                                    Sedativa                                                      Diagnostik

                                                                                                                                                                                    Unter Sedativa versteht man eine Reihe von Substanzen,        Eine ausführliche Anamnese und klinische Untersuchung
                                                                                                                                                                                    die angstlösende, sedierende und Schlaf anstossende           unter Berücksichtigung einer Abhängigkeitserkrankung, der
                                                                                                                                                                                    Wirkungen haben. In diesem Text sind mit Sedativa Ben­        Symptome einer Intoxikation und eines Entzugs, sind die
                                                                                                                                                                                    zodiazepine und Benzodiazepin-Analoga wie Zopiclon,           Basis der Diagnostik. Bei jeder stationären Aufnahme soll an
                                                                                                                                                                                    Zaleplon und Zolpidem gemeint. Diese wirken auf die           einen chronischen Konsum gedacht werden, auch, um zu
                                                                                                                                                                                    post-synaptischen GABA-Rezeptoren und verstärken die          vermeiden, durch plötzliches Absetzen der Substanz ein De­
                                                                                                                                                                                    hemmende Wirkung des Neurotransmitters [15]. Laut             lir zu verursachen. In der Regel können einzelne Substanzen
                                                                                                                                                                                    Suchtmonitoring Schweiz beträgt der Anteil der Personen       und deren Metaboliten im Urin nachgewiesen werden.
                                                                                                                                                                                    mit problematischer Einnahme dieser Substanzen 18,4 %         Benzodiazepine Dependence Questionnaire-BDEPQ , Ben­
                                                                                                                                                                                    bei den über 75-Jährigen [10]. Hauptsächlich sind Frauen      zodiazepine Dependence Self Report Questionnaire-Ben­
                                                                                                                                                                                    betroffen. Diese Medikamente werden hauptsächlich bei         dep-SRQ , Benzodiazepine Withdrawal Symptom Question­
                                                                                                                                                                                    Schlaf- und Angststörungen eingesetzt. Der chronische         naire-BWSQ , Benzodiazepine Craving Questionnaire-BCQ ,
                                                                                                                                                                                    Einsatz dieser Substanzen als Schlafmittel ist unverhält­     The Severity of Dependence Scale-SDS, Phy­sician Withdra­
                                                                                                                                                                                    nismässig und soll vermieden werden.                          wal Checklist-PWC, Clinical Institute Withdrawal Assess­
                                                                                                                                                                                       Weibliches Geschlecht, chronische Schmerzen, Zu­           ment-Benzodiazepines-CIWA-B, Lippstädter BenzoCheck,
                                                                                                                                                                                    gang zur unkontrollierten Verschreibung, Polypharmazie,       Hamburger Benzodiazepin-Entzugs-Skala und Benzodiaze­
                                                                                                                                                                                    Immobilität, sozialer Rückzug, Suizidalität, schwere          pin-Entzugsskala sind gängige Assessment-Instrumente, die
                                                                                                                                                                                    Krankheiten und Multimorbidität sind Risikofaktoren für       eingesetzt werden können [5].
                                                                                                                                                                                    den Missbrauch von Sedativa. Prädiktive Faktoren für die
                                                                                                                                                                                    Entwicklung einer Abhängigkeit sind hohe durchschnitt­
                                                                                                                                                                                    liche Dosis (>15 mg Diazepam-Äquivalent), Einnahme­           Therapie
                                                                                                                                                                                    dauer (länger als drei Monate), abhängige Persönlichkeits­
                                                                                                                                                                                    struktur, anamnestisch vorhandene Substanzabhängigkeit        Eine Dosisreduktion und eine Umstellung auf eine geeigne­
                                                                                                                                                                                    und Toleranzenzwicklung [5]. Deswegen sollen, wenn der        tere Substanz sind in dieser Altersgruppe ein Behandlungs­
                                                                                                                                                                                    Einsatz dieser Medikamente notwendig ist, in erster Linie     erfolg; das Ziel einer völligen Abstinenz ist oft unrealistisch.
                                                                                                                                                                                    Substanzen wie Lorezepam und Oxazepam mit kürzerer            Der Erfolg einer Entzugsbehandlung ist abhängig von der
                                                                                                                                                                                    Halbwertzeit, zeitlich beschränkt und nicht als regelmä­      Adhärenz des Betroffenen, seinen sozialen Ressourcen und
                                                                                                                                                                                    ssige Einnahme, sondern als Bedarfsmedikation verord­         dem Fehlen einer komorbiden psychiatrischen Erkrankung.
                                                                                                                                                                                    net werden.                                                   Eine ausführliche Information ist notwendig, um Krank­
                                                                                                                                                                                                                                                  heitsverständnis und Motivation zu verbessern. Die Entzugs­
                                                                                                                                                                                                                                                  behandlung wird mit Benzodiazepinen mittlerer Halbwert­
                                                                                                                                                                                    Klinik                                                        zeit (Oxazepam, Lorazepam) durchgeführt. Dabei kann eine
                                                                                                                                                                                                                                                  semilogarithmische oder lineare Reduktion im Tages- oder
                                                                                                                                                                                    Nach dem Absetzen von Sedativa können Rückfallsymp­           Wochenrhythmus durchgeführt werden. Zur Reduktion der
                                                                                                                                                                                    tome wie Angst, Unruhe und Schlafstörungen auftreten,         Entzugssymptome und bei affektiver Verschlechterung kön­
                                                                                                                                                                                    für deren Behandlung die Substanz ursprünglich einge­         nen Serotonin-Wiederhaufnahme-Hemmer, Trazodon, Val­
                                                                                                                                                                                    setzt wurde. Diese können nach Beendigung der Einnah­         proat, Carbamazepin und Pregabalin eingesetzt werden. Mit
                                                                                                                                                                                    me als Reboundsymptome sogar noch verstärkt werden.           Hilfe der «Benzodiazepin-Entzugsskala» können Betroffene
                                                                                                                                                                                    Bei der Intoxikation mit diesen Medikamenten sind             den Verlauf der Entzugsbehandlung selbst verfolgen, wo­
                                                                                                                                                                                    Symptome wie Benommenheit, Tagesmüdigkeit, Apa­               durch das Coping verbessert wird [16]. Psychotherapeutische

                                                                                                                                                                                    Praxis 2021; 110 (2): 79–93                                                                                   © 2021 Hogrefe
Originalartikel85

                                                                                                                                                                                    Interventionen mit Fokus auf die begleitenden psychiatri­        Hohes Alter ist grundsätzlich kein Risikofaktor, aber die
                                                                                                                                                                                    schen Symptome erhöhen die Erfolgschancen und werden             Multimorbidität älterer Personen mit daraus resultieren­
                                                                                                                                                                                    ausführlich unten beschrieben.                                   der Polypharmazie sowie die altersbedingten Stoffwech­
                                                                                                                                                                                                                                                     selveränderungen erhöhen das Risiko für Medikamenten­
                                                                                                                                                                                                                                                     interaktionen und Nebenwirkungen. Opioide sollen bei
https://econtent.hogrefe.com/doi/pdf/10.1024/1661-8157/a003609 - Tuesday, February 02, 2021 11:02:10 PM - UZH Hauptbibliothek / Zentralbibliothek Zürich IP Address:130.60.206.74

                                                                                                                                                                                    Folgeschäden                                                     älteren Personen in deutlich geringerer Dosis als bei jün­
                                                                                                                                                                                                                                                     geren Erwachsenen eingesetzt und die Dosiserhöhung
                                                                                                                                                                                    Sedation, Stürze (mit Knochenbrüchen) und Delir können           muss sehr langsam vorgenommen werden.
                                                                                                                                                                                    bei älteren Personen schon bei kurzfristiger Einnahme
                                                                                                                                                                                    auftreten. Die Mortalität ist bei chronischem Konsum
                                                                                                                                                                                    deutlich erhöht. Benzodiazepine können kognitive Stö­            Klinik
                                                                                                                                                                                    rungen verursachen, und es sind Hinweise vorhanden,
                                                                                                                                                                                    dass sie die Entwicklung einer Demenz fördern können.            Bei einer Abhängigkeitserkrankung zeigen die Betroffe­
                                                                                                                                                                                    Die Schlafarchitektur wird ungünstig beeinflusst, und das        nen sozialen Rückzug, Craving, Depression, Angst, Apa­
                                                                                                                                                                                    Immunsystem kann bei chronischer Einnahme beein­                 thie, Aufmerksamkeits-, Orientierungs- und Konzentrati­
                                                                                                                                                                                    trächtigt werden.                                                onsstörungen und Störungen der exekutiven Funktionen.
                                                                                                                                                                                                                                                     Bei der Intoxikation mit diesen Substanzen kann initiale
                                                                                                                                                                                                                                                     Euphorie gefolgt von Apathie, Dysphorie, psychomoto­
                                                                                                                                                                                    Opiate und Opioide                                               rischer Unruhe oder Verlangsamung, sowie Beeinträchti­
                                                                                                                                                                                                                                                     gungen der Urteilsfähigkeit und der Alltagsfunktionen
                                                                                                                                                                                    Als Opiate werden Substanzen bezeichnet, die aus Opium           auftreten. Die Trias Koma, Miosis und Ateminsuffizienz ist
                                                                                                                                                                                    gewonnen werden und zentrale euphorisierende, tranquil­          lebensgefährlich und kann die Gabe eines Opiatantagonis­
                                                                                                                                                                                    lisierende und analgetische Wirkungen aufweisen. Unter           ten wie Naloxon notwendig machen [18].
                                                                                                                                                                                    diesem Kapitel werden nicht illegale Opium-Derivate wie             Nach Absetzen der Opiate kann es schon nach wenigen
                                                                                                                                                                                    Heroin besprochen, sondern Opiate und Opioide, die als           Stunden zu Entzugssymptomen wie Muskelschmerzen,
                                                                                                                                                                                    Schmerzmittel eingesetzt werden, wie z.B. Tramadol, Co­          Bauchkrämpfen, Diarrhö, Übelkeit, Erbrechen, verstärk­
                                                                                                                                                                                    dein, Buprenorphin, Fentanyl, Morphin und Oxycodon. Sie          ter Atmung, Tachykardie, Blutdruck- und Temperaturer­
                                                                                                                                                                                    gehören zu den am meisten verordneten Medikamenten.              höhung und Dehydratation kommen. Depression, Angst,
                                                                                                                                                                                    Laut Suchtmonitoring Schweiz nehmen 9,5 % der über               Unruhe und Dysphorie sind häufig. Niesen, Tränen, Gäh­
                                                                                                                                                                                    65-Jährigen regelmässig und fast die Hälfte (49 %) dieser        nen, Schwitzen und akute Rhinitis können auftreten [19].
                                                                                                                                                                                    Personen täglich diese Medikamente ein [10]. Vor allem           Auch wenn die Akutbeschwerden innerhalb von 5–10 Ta­
                                                                                                                                                                                    Frauen sind betroffen. Insgesamt nimmt der Konsum die­           gen abklingen, können Dysphorie und Schlafstörungen
                                                                                                                                                                                    ser Substanzen in den westlichen Ländern kontinuierlich          monatelang bestehen bleiben. Bei kardiovaskulären Vor­
                                                                                                                                                                                    zu. Opiate sind bei primären Kopfschmerzen, funktionel­          erkrankungen und Epilepsie kann der Entzug schwer­
                                                                                                                                                                                    len Störungen als Hauptursachen von Schmerzsyndromen,            wiegender verlaufen.
                                                                                                                                                                                    Fibromyalgiesyndrom, Schmerzen infolge von psychiatri­
                                                                                                                                                                                    schen Erkrankungen, affektiven Störungen/Suizidalität,
                                                                                                                                                                                    chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und Pankre­             Diagnostik
                                                                                                                                                                                    atitis nicht indiziert. Die wichtigste Indikation für den Ein­
                                                                                                                                                                                    satz von Opiaten sind tumorbedingte Schmerzen. Indika­           Grundsätzlich soll eine Opiatbehandlung alle drei Monate
                                                                                                                                                                                    tionsfremde Verschreibungen sollen vermieden werden.             hinsichtlich Therapieziele, Nebenwirkungen und Fehl­
                                                                                                                                                                                        Opiate haben eine Reihe von Nebenwirkungen wie Se­           gebrauch überprüft, bei fehlender Indikation eine Dosisre­
                                                                                                                                                                                    dation, Atemdepression, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen,          duktion und Absetzversuche vorgenommen werden. Die
                                                                                                                                                                                    Wahrnehmungsstörungen, Euphorie, Dysphorie, Appetit­             Anamnese soll neben allgemeinen Aspekten sucht- und
                                                                                                                                                                                    losigkeit, Juckreiz, Harnverhalten, orthostatische Störun­       schmerzbezogene sowie psychosoziale Faktoren berück­
                                                                                                                                                                                    gen, Obstipation und Ileus, die die Lebensführung der            sichtigen. Für die Instrumente COMM (Current Opioid
                                                                                                                                                                                    Betroffenen schwer beeinträchtigen können [17]. Bei
                                                                                                                                                                                    ­                                                                ­Misuse Measure) und SOAPP-R (Screener and Opioid As­
                                                                                                                                                                                    Langzeitanwendung kann es zur Hyperalgesie kommen.                sessment for Patients with Pain – revised) wurde eine mo­
                                                                                                                                                                                    Frakturen, Immunsuppression, Neuropathien und kogni­              derate positive und negative Voraussagekraft gezeigt [20].
                                                                                                                                                                                    tive Beeinträchtigungen können weitere Folgen des chro­           Diese Screeningtests sind für den deutschsprachigen Raum
                                                                                                                                                                                    nischen Konsums sein.                                             nicht validiert. Die DIRE-Skala wird als nützlicher Leit­
                                                                                                                                                                                        Komorbide Suchterkrankungen, Depression, Angst,               faden zur strukturierten Anamneseerhebung empfohlen [5].
                                                                                                                                                                                    Persönlichkeitsstörungen, somatoforme Schmerzstörun­
                                                                                                                                                                                    gen, Psychosen und psychosozialer Stress sind die wich­
                                                                                                                                                                                    tigsten Risikofaktoren für eine Opioid-Abhängigkeit. Das         Therapie
                                                                                                                                                                                    Risiko für eine Abhängigkeit steigt, wenn die Substanz
                                                                                                                                                                                    kurzwirksam ist, länger als 30 Tage verordnet wird und die       Opiatkarenz ist zwar das langfristige Ziel einer Therapie,
                                                                                                                                                                                    tägliche Dosis 120 mg Morphinäquivalente übersteigt.             aber der Schwerpunkt liegt bei der Vermeidung und Re­

                                                                                                                                                                                    © 2021 HogrefePraxis 2021; 110 (2): 79–93
86Originalartikel

                                                                                                                                                                                    duktion der Folgeschäden [19]. Es lohnt sich, klare Regeln     zentrationsstörungen, Angst, Schlafstörungen, Appetitstei­
                                                                                                                                                                                    für die weitere Behandlung festzulegen: Es muss ein orga­      gerung und Depression mit Suizidalität.
                                                                                                                                                                                    nisches Schmerzsyndrom vorliegen, Opiatbezug gibt es
                                                                                                                                                                                    nur von einem Arzt, reguläre Einnahme und keine andere
                                                                                                                                                                                    Abhängigkeit. Die strukturierte Behandlung umfasst dann        Diagnostik
https://econtent.hogrefe.com/doi/pdf/10.1024/1661-8157/a003609 - Tuesday, February 02, 2021 11:02:10 PM - UZH Hauptbibliothek / Zentralbibliothek Zürich IP Address:130.60.206.74

                                                                                                                                                                                    ein schrittweises Abdosieren, kurze Ausgabenintervalle,
                                                                                                                                                                                    regelmässiges Urin-Drogenscreening (1–4×/Monat), Kon­          In der Anamnese sollen das Rauchverhalten (Beginn,
                                                                                                                                                                                    trolle der Tablettenzahl, retardierte Präparate (ggf. mit      tägliche Menge, Frequenz und Art des Rauchens, Ent­
                                                                                                                                                                                    Naloxon kombiniert), Einbezug des sozialen Umfelds und         zugssymptome, Passivrauchen), andere Suchtmittel, Mo­
                                                                                                                                                                                    psychosoziale Betreuungsangebote.                              tivation für das Absetzen und Symptome möglicher Fol­
                                                                                                                                                                                       Für gesunde Personen stellt ein Entzugssyndrom              geerkrankungen erfasst werden [22]. In der klinischen
                                                                                                                                                                                    grundsätzlich kein Problem dar, aber die Symptome sind         Untersuchung sind Symptome wie Husten, Auswurf,
                                                                                                                                                                                    belastend. Bei älteren Personen soll von einem plötzlichen     Dyspnoe, Keuchen, Brustschmerzen, Palpitationen,
                                                                                                                                                                                    Absetzen abgesehen werden. Für den Entzug wird die ein­        Schwindel, aktuell konsumierte Medikamente, Komorbi­
                                                                                                                                                                                    genommene Substanz durch ein retardiertes Präparat (z.B.       ditäten, Allergien und Familiengeschichte zu erfassen.
                                                                                                                                                                                    retardiertes Morphin) ersetzt und schrittweise abgebaut.       Nikotin kann im Urin, Speichel und Serum nachgewiesen
                                                                                                                                                                                    Psychotherapie soll begleitend angeboten werden. Cloni­        werden. Zur Erfassung des Schweregrads der Abhängig­
                                                                                                                                                                                    din und Doxepin (inzwischen vom Markt genommen) kön­           keit wird der Fagerström-Test empfohlen, oder dessen
                                                                                                                                                                                    nen bei schweren Symptomen eingesetzt werden. Eine             Kurzform «Heaviness Smoking Index».
                                                                                                                                                                                    Substitutionsbehandlung kann nach Scheitern der struktu­
                                                                                                                                                                                    rierten Therapie in Erwägung gezogen werden. Methadon
                                                                                                                                                                                    und Buprenorphin reduzieren Craving, erhöhen die The­          Therapie
                                                                                                                                                                                    rapieadhärenz und können als Rückfallprophylaxe und zur
                                                                                                                                                                                    Unterstützung der Genesung einen Beitrag leisten. Eine         Die psychotherapeutischen Interventionen sollen darauf
                                                                                                                                                                                    multimodale Therapie beinhaltet zusätzliche psychosozia­       abzielen, die Betroffenen und deren Angehörige zu infor­
                                                                                                                                                                                    le Betreuung (Drogenberatung, Selbsthilfegruppen) und          mieren, die Motivation aufzubauen und zu stärken, Bewäl­
                                                                                                                                                                                    allgemeine Massnahmen der Schmerztherapie wie Phy­             tigungsressourcen zu aktivieren, Problemlösekompeten­
                                                                                                                                                                                    sio- und Ergotherapie und Sport.                               zen zu stärken und die Selbststeuerung zu verbessern. In
                                                                                                                                                                                                                                                   der Pharmakotherapie können Nikotinersatztherapie, Va­
                                                                                                                                                                                                                                                   reniclin oder Bupropion angeboten werden [21, 22].

                                                                                                                                                                                    Nikotin
                                                                                                                                                                                                                                                   Folgeschäden
                                                                                                                                                                                    In der Schweiz rauchen ca. 18 % der Bevölkerung täglich
                                                                                                                                                                                    [10]. Auch wenn das Rauchen primär ein Problem der jünge­      Die wichtigsten Folgeschäden mit hohem Mortalitätsrisi­
                                                                                                                                                                                    ren Erwachsenen ist, treten die Folgeerkrankungen im spä­      ko sind Lungenkrebs, chronisch-obstruktive Lungen­
                                                                                                                                                                                    ten Alter auf. Der Tabakkonsum ist die wichtigste vermeid­     krankheit und koronare Herzkrankheiten. Glaukom,
                                                                                                                                                                                    bare Todesursache. Nikotin ist im Tabak die wichtigste         Katarakt, Makuladegeneration, Typ-2-Diabetes, Athero­
                                                                                                                                                                                    Substanz, die durch Rauchen über die Alveolen aufgenom­        sklerose, rheumatoide Arthritis, Asthma, Krampanfälle,
                                                                                                                                                                                    men wird und zur Abhängigkeit führt [21]. Nikotin wirkt auf    Psoriasis, Impotenz, entzündliche Darmerkrankungen,
                                                                                                                                                                                    die präsynaptischen nikotinergen Acetylcholin-Rezeptoren       Magengeschwüre, Beeinträchtigung des Immunsystems
                                                                                                                                                                                    und hat dosisabhängig sedierende, anxiolytische, Kognition     und Karies können durch Tabakrauchen gefördert werden
                                                                                                                                                                                    fördernde und antidepressive sowie eine Reihe von physio­      [21]. Es sind Hinweise vorhanden, dass starker Nikotin-
                                                                                                                                                                                    logischen Effekten. Das Zusammenleben mit einer rauchen­       Konsum das Risiko für Alzheimer-Demenz, M. Parkinson
                                                                                                                                                                                    den Person, Alkoholabhängigkeit, Arbeitslosigkeit, man­        und Multiple Sklerose erhöht.
                                                                                                                                                                                    gelnde Beschäftigung, wenige soziale Beziehungen und
                                                                                                                                                                                    schlechte Lebensqualität gelten als Risikofaktoren [22].

                                                                                                                                                                                                                                                   Cannabis
                                                                                                                                                                                    Klinik
                                                                                                                                                                                                                                                   In der Schweiz und in anderen westlichen Ländern ist der
                                                                                                                                                                                    Häufige Nebenwirkungen des Nikotins sind Kopfschmer­           chronische Konsum von Cannabis vorwiegend ein Phäno­
                                                                                                                                                                                    zen, Schwindel und Übelkeit. Bei einer Überdosierung           men der Jugend [10]. Die 30-Tage- und 12-Monatspräva­
                                                                                                                                                                                    ­können zusätzlich Tachykardie und Kreislaufregulations­       lenzen sinken bei über 65-Jährigen auf ≤0,5 % und errei­
                                                                                                                                                                                     störungen auftreten [21]. Eine Intoxikation kann zu Atemin­   chen bei den über 75-Jährigen 0 %. Cannabis ist die am
                                                                                                                                                                                     suffizienz, epileptischen Anfällen, bradykarder Arrhythmie,   häufigsten konsumierte illegale erste Droge. Die Canna­
                                                                                                                                                                                     Koma und Herz-Kreislaufversagen führen. Entzugssympto­        bis-Pflanze enthält über 480 Wirkstoffe, in erster Linie
                                                                                                                                                                                     me umfassen Reizbarkeit, Unruhe, starkes Verlangen, Kon­      Cannabinoide, Terpene und Terpenoide [23]. Trans-Δ9-

                                                                                                                                                                                    Praxis 2021; 110 (2): 79–93                                                                               © 2021 Hogrefe
Originalartikel87

                                                                                                                                                                                    Tetrahydro­cannabinol (THC) ist die hauptsächliche psy­        pressiva notwendig. Bis zu mittelschweren Störungen
                                                                                                                                                                                    choaktive Substanz. Die psychoaktiven Wirkungen sind:          kann die Therapie ambulant angeboten werden. Es gibt
                                                                                                                                                                                    gesteigertes Wohlbefinden, erhöhte Sensibilität, Eupho­        bisher keine wirksame medikamentöse Therapie. Psycho­
                                                                                                                                                                                    rie, Entspannung und Veränderungen bei Emotionen,              therapeutische Verfahren sind wirksam in der Behandlung
                                                                                                                                                                                    Zeitempfinden und Wahrnehmungen. Halluzinationen               der Abhängigkeitserkrankung.
https://econtent.hogrefe.com/doi/pdf/10.1024/1661-8157/a003609 - Tuesday, February 02, 2021 11:02:10 PM - UZH Hauptbibliothek / Zentralbibliothek Zürich IP Address:130.60.206.74

                                                                                                                                                                                    können auftreten. Wegen ihrer analgetischen, entzün­
                                                                                                                                                                                    dungshemmenden, antioxidativen und antitumoralen Ei­
                                                                                                                                                                                    genschaften werden Cannabis-haltige ­Medikamente bei           Stimulanzien
                                                                                                                                                                                    chronischen Schmerzen, als Antiemetika bei Chemothera­
                                                                                                                                                                                    pie und bei Spastizität eingesetzt.                            Amphetamin und seine Derivate Methamphetamin und
                                                                                                                                                                                        Bei der Cannabis-Intoxikation können Tachykardie,          3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin (Ecstasy) wirken
                                                                                                                                                                                     erhöhte Herzrate, Mundtrockenheit, konjunktivale Injek­       über die Freisetzung von Katecholaminen und die Steige­
                                                                                                                                                                                    tionen und Angina pectoris auftreten. Typische Sympto­         rung der Serotoninproduktion. Schlaf, Müdigkeit, Hunger
                                                                                                                                                                                    me eines Entzugs sind Schlafstörungen, Albträume, Reiz­        und Durst werden unterdrückt und die Leistungsfähigkeit
                                                                                                                                                                                    barkeit, Aggressivität, Depression, Craving, Schmerzen,        steigt. Blutdruck und Herzfrequenz werden erhöht. Nach
                                                                                                                                                                                    Konzentrationsstörungen, Schwitzen, Tremor, Kälte­             Abklingen der Wirkung können Angst, Depression und Te­
                                                                                                                                                                                    gefühl und Appetitstörungen [23]. Bei chronischem              tanie auftreten. Beim chronischen Konsum kann es zu Man­
                                                                                                                                                                                    K­ onsum können kognitive Störungen bei Gedächtnis,            gelernährung, Verschlechterung des Allgemeinzustandes,
                                                                                                                                                                                    ­Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit auf­          kognitiven Störungen, Krampfanfällen, Hyperthermie und
                                                                                                                                                                                     treten, die Schwierigkeiten beim Lernen und bei sozialen      kardialen Störungen kommen. In der Therapie wird wie bei
                                                                                                                                                                                     Interaktionen zur Folge haben. Verminderung des IQ ,          der Kokainabhängigkeit vorgegangen.
                                                                                                                                                                                     Schulabbruch und Arbeitslosigkeit sind mögliche Folge­
                                                                                                                                                                                     erscheinungen. Das Risiko für Herzinfarkte, Bronchi­
                                                                                                                                                                                     tiden, Pneumonien und schizophrene Erkrankungen ist           Halluzinogene
                                                                                                                                                                                     erhöht. Ambulante psychosoziale Interventionen sind
                                                                                                                                                                                     gefragt. Das CANDIS-Programm mit psychoedukativen             D-Lysergsäurediethylamid (LSD), Meskalin, Ketamin, Psi­
                                                                                                                                                                                     und motivationalen Ansätzen ist für die Psychotherapie        locybin und Psilocin gehören zu den Halluzinogenen, die
                                                                                                                                                                                     geeignet [24]. Serotonin-Wiederaufnahmehemmer oder            zu Veränderungen in der sensorischen und zeitlich-räumli­
                                                                                                                                                                                     dual wirksame Antidepressiva oder Anxyolitika können          chen Wahrnehmung und im Bewusstsein führen [5, 26].
                                                                                                                                                                                     bei entsprechender Symptomatik eingesetzt werden.             Psychotische Symptome sowie beim Abklingen der Wir­
                                                                                                                                                                                                                                                   kung Verwirrtheit, Angst und Panik können auftreten.
                                                                                                                                                                                                                                                   Beim Konsum von Pilzen mit halluzinogenen Substanzen
                                                                                                                                                                                                                                                   treten Entspannungsgefühl, Euphorie, Schwindel und Illu­
                                                                                                                                                                                    Illegale Drogen                                                sionen auf. Ketamin wirkt halluzinogen und dissoziativ mit
                                                                                                                                                                                                                                                   ver­änderter Körperwahrnehmung und motorischen Koor­
                                                                                                                                                                                    Kokain                                                         dina­tionsstörungen. Die Lebenszeitprävalenz für diese
                                                                                                                                                                                                                                                   Sub­stanzen beträgt bei 65–74-Jährigen 1,1 % [10]. Eine
                                                                                                                                                                                    In der Schweiz liegt die Lebenszeitprävalenz für Kokain­       Psychotherapie wird empfohlen.
                                                                                                                                                                                    konsum bei den 65–74-Jährigen bei 0,6 % [10]. Kokain
                                                                                                                                                                                    hemmt den Rücktransport von Dopamin, Noradrenalin
                                                                                                                                                                                    und Serotonin und hat eine anregende Wirkung, die zur
                                                                                                                                                                                    Euphorie, Tachykardie, Bluthochdruck und Appetitminde­
                                                                                                                                                                                                                                                   Nicht-substanzgebundene
                                                                                                                                                                                    rung führt [5, 25]. Ein Gefühl von gesteigerter Leistungsfä­   Abhängigkeitserkrankungen
                                                                                                                                                                                    higkeit und Glück wird hervorgerufen. Aktivitäts- und Re­
                                                                                                                                                                                    dedrang sowie die Risikobereitschaft nehmen zu. Schon          Das pathologische Spielen (Spielsucht), das exzessive Kau­
                                                                                                                                                                                    ein einmaliger Konsum kann problematisch sein, weil Ri­        fen (Kaufsucht), die Internetabhängigkeit (Computer­
                                                                                                                                                                                    siken wie Reizbarkeit, gewalttätiges Verhalten, Angst, Pa­     sucht) und das exzessive sexuelle Verhalten (Sexsucht)
                                                                                                                                                                                    nikattacken und Wahn bei jedem Konsum auftreten kön­           zählen zu den sogenannten Verhaltenssüchten [27]. Diese
                                                                                                                                                                                    nen. Die aktivierende Wirkung lässt schnell nach, und in       Störungsbilder treten in der Regel im frühen und mittleren
                                                                                                                                                                                    der zweiten Phase können Dysphorie, Angst, Misstrauen,         Lebensalter auf, und die Prävalenz nimmt mit zunehmen­
                                                                                                                                                                                    Wahn und Halluzinationen auftreten. In der dritten Phase       dem Alter ab. Bei älteren Menschen ist das pathologische
                                                                                                                                                                                    der Wirkung kommt es dann zur Erschöpfung bis hin zur          Spielen am häufigsten, gefolgt von exzessivem Kaufen bei
                                                                                                                                                                                    Depression. Die Anfälligkeit für Angst, Depression und         Frauen und exzessivem sexuellem Verhalten bei Män­
                                                                                                                                                                                    Psychosen nimmt insgesamt zu.                                  nern. Wenn eine nicht-substanzgebundene Abhängigkeit
                                                                                                                                                                                       Kokainintoxikationen verlaufen mit Erregung, Panikat­       im fortgestrittenen Alter auftritt, soll immer ein sympto­
                                                                                                                                                                                    tacken und Psychosen mit Eigen- und Fremdgefährdung.           matisches Geschehen, also eine sekundäre Erkrankung,
                                                                                                                                                                                    Hier müssen oft Benzodiazepine und Antipsychotika ein­         aus­geschlossen werden, weil neurologische und medika­
                                                                                                                                                                                    gesetzt werden. Bei anhaltender Depression sind Antide­        mentöse Faktoren bei der Entstehung eine Rolle spielen

                                                                                                                                                                                    © 2021 HogrefePraxis 2021; 110 (2): 79–93
88Originalartikel

                                                                                                                                                                                    können. Vor allem das exzessive sexuelle Verhalten kann        fohlen. Grundsätzlich wird ein nicht-bewertender Therapie­
                                                                                                                                                                                    bei neurologischen Erkrankungen wie z.B. Tourette-Syn­         stil im multiprofessionellen Team als wirksamer erachtet.
                                                                                                                                                                                    drom, Kleine-Levin-Syndrom, Temporallappenepilepsien,              Folgende Modalitäten und Faktoren sollen berücksich­
                                                                                                                                                                                    Chorea Huntington, degenerativen Veränderungen und             tigt werden [30]: Präferenz altersbezogener Settings und
                                                                                                                                                                                    vaskulären Ereignissen im Frontalhirnbereich auftreten         dyadischer Beziehungskonstellationen, empathisch-emo­
https://econtent.hogrefe.com/doi/pdf/10.1024/1661-8157/a003609 - Tuesday, February 02, 2021 11:02:10 PM - UZH Hauptbibliothek / Zentralbibliothek Zürich IP Address:130.60.206.74

                                                                                                                                                                                    [28]. Bei Morbus Parkinson kann dieses Verhalten ein           tionale, supportive Grundhaltung, Förderung von sozialen
                                                                                                                                                                                    Symptom der Erkrankung sein oder aber auch eine ent­           Kompetenzen und Autonomie, Mitbehandlung kognitiver
                                                                                                                                                                                    hemmende Nebenwirkung der Dopaminagonisten-Thera­              Defizite und somatischer Erkrankungen, Alltagsstruktu­
                                                                                                                                                                                    pie. Impulskontrollstörungen sind eine häufig beobachtete      rierung; Zugang zu den Leistungen des Gesundheits­
                                                                                                                                                                                    Nebenwirkung bei der Morbus-Parkinson-Therapie. Auch           wesens gewährleisten, Übernahme von neuen Rollen. Un­
                                                                                                                                                                                    zwanghaftes Glückspiel und exzessives Ess- oder Kauf­          bewältigte negative Lebensübergänge sollen bei den
                                                                                                                                                                                    verhalten können bei Morbus Parkinson auftreten.               therapeutischen Interventionen im Fokus stehen: Verlust
                                                                                                                                                                                       Die Abnahme der körperlichen Aktivität verbunden mit        von Bezugspersonen, Einsamkeit, begrenzte Lebenser­
                                                                                                                                                                                    dem Verlust der sozialen Bindungen können im Alter zu          wartung, schwere körperliche Erkrankungen, Berentung,
                                                                                                                                                                                    Sedentarität führen, welches als Risikofaktor Verhaltens­      akute und länger zurückliegende traumatische Erlebnisse
                                                                                                                                                                                    süchte verursachen kann. Vor allem die zunehmende Inter­       kombiniert mit Scham.
                                                                                                                                                                                    netabhängigkeit wird in diesem Zusammenhang gesehen.
                                                                                                                                                                                    Die nicht-substanzgebundenen Abhängigkeitserkrankun­
                                                                                                                                                                                    gen treten auch häufig als komorbide Störungsbilder bei        Alkoholabhängigkeit
                                                                                                                                                                                    Angst, affektiven Erkrankungen, Persönlichkeitsstörun­
                                                                                                                                                                                    gen, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom und         Folgende Empfehlungen sind für ältere Menschen geeig­
                                                                                                                                                                                    anderen Substanzabhängigkeiten, vor allem Alkohol, Ni­         net [30, 31]: empirisch begründete Interventionen, die bei
                                                                                                                                                                                    kotin, Cannabis und Kokain, auf.                               jüngeren Erwachsenen wirksam sind, sollen grundsätzlich
                                                                                                                                                                                       Die motivierende Gesprächsführung (MI: Motivational         auch bei älteren Personen angeboten werden; auch in
                                                                                                                                                                                    Interview) [29] auf der Basis des transtheoretischen Mo­       Langzeitinstitutionen sollen störungsspezifische Interven­
                                                                                                                                                                                    dells ist bei der Therapie der Verhaltenssüchte sehr hilf­     tionen angeboten werden, die altersgerecht sind und Ko­
                                                                                                                                                                                    reich, um die intrinsische Motivation zur Verhaltensände­      morbiditäten beachten; Trainingsverfahren zur Verbesse­
                                                                                                                                                                                    rung aufzubauen. Substanzen wie Naltrexon, Nalmefen,           rung der Bewältigung von kritischen Ereignissen und
                                                                                                                                                                                    Bupropion, Escitalopram und Topimarat wurden beim pa­          Aktivitäten des täglichen Lebens; Angebote zur Entwöh­
                                                                                                                                                                                    thologischen Spielen off label eingesetzt. Es gibt Therapie-   nung und Postakutbehandlung in Kombination mit Psy­
                                                                                                                                                                                    Versuche mit Citalopram und Bupropion bei exzessivem           chotherapie; altersadaptierte medikamentöse Therapien
                                                                                                                                                                                    Sexualverhalten und mit Escitalopram bei der Internetab­       in der Entwöhnung; niederschwellige stationäre Behand­
                                                                                                                                                                                    hängigkeit. Für die Kaufsucht kann keine medikamentöse         lungsangebote und primärärztliche Versorgung.
                                                                                                                                                                                    Therapie empfohlen werden.

                                                                                                                                                                                                                                                   Abhängigkeitserkrankungen aufgrund von
                                                                                                                                                                                                                                                   Benzodiazepinen und analogen Substanzen
                                                                                                                                                                                    Psychotherapie der Abhängig­
                                                                                                                                                                                    keitserkrankungen bei Älteren                                  Folgende Interventionen sollen in der Therapie angeboten
                                                                                                                                                                                                                                                   werden [30]: primärärztliche Versorgung soll gewährleis­
                                                                                                                                                                                                                                                   tet sein; kombinierter Konsum von Alkohol und Benzodia­
                                                                                                                                                                                    Psychotherapeutische Interventionen sind bei älteren Men­      zepinen soll kombiniert angegangen werden; Überprü­
                                                                                                                                                                                    schen in jedem Stadium der Abhängigkeitserkrankung ein         fung der aktuellen Medikation; Beratung; Ausarbeitung
                                                                                                                                                                                    fester Bestandteil der Therapie [30]. Die aktuellen S3-Leit­   und Supervision eines Entzugsplans; Edukation; Augmen­
                                                                                                                                                                                    linien der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaft­         tation mit Psychotherapie; störungsspezifische Angebote
                                                                                                                                                                                    lichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.) empfehlen        auch in den Langzeitinstitutionen; begleitende Psychothe­
                                                                                                                                                                                    folgende psychotherapeutischen Interventionsverfahren          rapie; Trainingsverfahren zur Verbesserung der Bewälti­
                                                                                                                                                                                    mit hohem Evidenzgrad, die auch bei jüngeren Erwachse­         gung von kritischen Ereignissen und Aktivitäten des tägli­
                                                                                                                                                                                    nen zum Einsatz kommen [31]: motivationale Interventio­        chen Lebens; Behandlung somatischer und psychiatrischer
                                                                                                                                                                                    nen [29] zur Förderung von Krankheitseinsicht und Behand­      Komorbiditäten; Interventionen durch Versenden eines
                                                                                                                                                                                    lungsmotivation, kognitive Verhaltenstherapie, Verhaltens­     psychoedukativen Informationsbriefs und das Angebot
                                                                                                                                                                                    therapie, Kontingenzmanagement, Paartherapie und Ange­         e­iner niederschwelligen stationären Entzugsbehandlung.
                                                                                                                                                                                    hörigenarbeit. Für die psychodynamische Kurztherapie,
                                                                                                                                                                                    angeleitete Patientengruppen und neurokognitives Training
                                                                                                                                                                                    werden moderate Empfehlungen abgegeben. Selbstma­              Tabakbezogene Störungen
                                                                                                                                                                                    nagement, soziales Kompetenztraining, Klienten-zentrierte
                                                                                                                                                                                    Gesprächspsychotherapie, Arbeitstherapie, Ergotherapie,        Spezifische Beratung, verhaltenstherapeutisch orientierte
                                                                                                                                                                                    Soziotherapie und Körpertherapie werden ebenfalls emp­         Entwöhnungsverfahren und Kurzinterventionen werden

                                                                                                                                                                                    Praxis 2021; 110 (2): 79–93                                                                               © 2021 Hogrefe
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