Großes Hoffen auf ein Stück weit Frieden - Zum Hintergrund des Plebiszits über das Bangsamoro-Grundgesetz am 21. Januar und 6. Februar 2019 ...

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Großes Hoffen auf ein Stück weit Frieden - Zum Hintergrund des Plebiszits über das Bangsamoro-Grundgesetz am 21. Januar und 6. Februar 2019 ...
Großes Hoffen auf ein Stück weit Frieden
Zum Hintergrund des Plebiszits über das Bangsamoro-
Grundgesetz am 21. Januar und 6. Februar 2019

von Rainer Werning

Februar 2019

In Südostasiens ältester Krisenregion – auf den südphilippinischen Inseln
Mindanao, Basilan und Jolo – erweist sich die Suche nach einem tragfähigen
Frieden als mühseliger Prozess. Noch am 27. Januar 2019 zeigte sich einmal
mehr, wie volatil die Sicherheitslage in der Region ist,1 als in Folge zweier
Bombenexplosionen im Zentrum von Jolo City 21 Menschen den Tod fanden
und über 110 Verletzte zu beklagen waren.2 Angriffsziel des höchstwahr-
scheinlich von dschihadistischen, dem IS nahestehenden Selbstmordattentä-
ter*innen verübten Verbrechens, war diesmal die Our Lady of Mount Carmel
Cathedral, die römisch-katholische Kathedrale Unserer Lieben Frau auf dem
Berge Karmel.3

Externer Kolonialismus und interne Kolonisie-       werden, wird Frieden ein Fremdwort in der Re-
rung hinterließen in dieser Region ein viel-        gion bleiben.
schichtiges Konfliktpotenzial, das zahlreiche
(bewaffnete) Protagonist*innen mit höchst un-
terschiedlichen Interessen beseitigen woll(t)en.    Rebellion mit Tradition
Ausgerechnet am 21. Januar sowie am 6. Feb-
ruar 2019 fand in Teilen dieser Region ein weg-     »Das Ende der erfolglosen spanischen Erobe-
weisendes Plebiszit statt, an dem annähernd         rungsversuche des Morolandes«, schrieb der
drei Millionen registrierte Wahlberechtigte teil-   amerikanische Geschäftsmann und Abenteurer
nehmen konnten. Dabei geht es im Kern um die        Vic Hurley im Vorwort seines erstmals 1936 er-
Annahme oder Ablehnung des sogenannten              schienenen Buches »Swish of the Kris«, »mar-
Bangsamoro Organic Law (BOL). Dieses Grund-         kierte zugleich den Anfang vom Ende des wohl
gesetz der Moro-Nation oder des Landes der          herausragendsten Widerstandskampfes in den
Moros (der muslimischen Bevölkerung) bedeu-         Annalen der Militärgeschichte. Die Moslems ha-
tete den entscheidenden Schritt in Richtung         ben der Macht Spaniens 377 Jahre (von 1521–
eines erweiterten Autonomiestatus. Solange de-      1898 – Anm.: RW) lang durch erbitterte und
ren Selbstbestimmungsrecht und die Belange          ununterbrochene Kriegführung getrotzt. (…)
der indigenen Völker (Lumad) nicht respektiert      Die Dons, gewohnt, sich ohne großen Aufwand

Blickwechsel | Februar 2019                                                               Seite 1
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Indigene der                                                         Gebrochen wurde der rebellische Geist indes
Lumad stehen                                                         nicht. Teile der Moro-Gesellschaft waren le-
zwischen                                                             diglich gezwungen worden, in den 1920er,
vielen Interes-                                                      1930er und 1940er Jahren ihre Strategie und
sen und                                                              Taktik zu ändern und sich in Verfolgung ihrer
Kämpfen für
                                                                     Ziele friedlicher Mittel zu bedienen. So hatten
Selbstbestim-
                                                                     Führungspersönlichkeiten der Moros mehrfach
mung und
                                                                     in Form von Deklarationen und Petitionen ge-
gegen die
                                                                     genüber den Kolonialherren in den Philippinen
Militarisierung
ihres Landes.                                                        sowie in den Vereinigten Staaten selbst auf das
© Lilli                                                              Selbstbestimmungsrecht, mithin auch implizit
Breininger                                                           auf die Wahrung ihrer ureigenen Pfründe insis-
                                                                     tiert. Und ebenso häufig hatten sie darum er-
                                                                     sucht, nach dem Ende US-amerikanischer Herr-
                                                                     schaft kein Bestandteil einer unabhängigen phi-
                                                                     lippinischen Republik werden zu wollen. Dann
                                                                     würde man es bis zur Erlangung der eigenen
                                                                     Unabhängigkeit lieber vorziehen, längere Zeit
                                                                     unter dem Schirm von Uncle Sam zu verweilen.
                                                                     Um dieses Wunschdenken kehrte man sich
                                                                     letztlich in Washington ebenso wenig wie in Ma-
                                                                     nila.

                  Peru und Mexiko unterworfen zu haben, fanden
                  ihresgleichen und mehr in den Dschungeln von
                                                                     Neu formierter Widerstand
                  Mindanao. (…) Die Geschichte kann niemals die
                  Moros vergessen. Denn sie taten etwas im           Jahrzehnte vergingen, bis sich die Moros er-
                  16. Jahrhundert, im 17. Jahrhundert und im         neut, vehement und bewaffnet gegen die Auto-
                  18. Jahrhundert bis hinein ins 19. Jahrhundert,    ritäten, diesmal die Zentralregierung im fer-
                  was gänzlich unmöglich zu sein schien. Sie er-     nen Manila, auflehnten. Ende der 1960er
                  wiesen sich als zu stark für die spanischen Kon-   Jahre – auf dem Höhepunkt des Vietnamkrie-
                  quistadoren!«                                      ges und weltweiter Jugend- und Studentenpro-
                                                                     teste – formierte sich der Kern der Moro Natio-
                  Der Autor dieser Zeilen war aufgewachsen in        nal Liberation Front (MNLF) unter der Ägide
                  einem Klima kolonialistischen Gedankenguts         des südlich von Jolo stammenden Nur Misuari.
                  und schrieb aus der Perspektive eines »West-       Misuaris Politisierung war Mitte der 1960er
                  lers«. Doch einige Jahre in den Südphilippinen     Jahre in der linken Student*innen- und Jugend-
                  hatten Hurley auch gelehrt, sich mit der Vor-      bewegung Manilas erfolgt, wo er Politik stu-
                  stellungswelt der Moros auseinander zu setzen      diert und zeitweilig gelehrt hatte. Anfang der
                  und vertraut zu machen. Je mehr er das tat,        1970er Jahre setzte er sich ins Ausland ab und
                  umso verständnisvoller, ja streckenweise be-       verbrachte die Jahre bis 1986/87 vorwiegend
                  wunderungswürdig äußerte er sich über ein          in Libyen und anderen Ländern des Nahen und
                  Volk, dessen Widerstand erst durch den massi-      Mittleren Ostens. Politisch-diplomatisch unter-
                  ven Einsatz haushoch überlegener Feuerkraft        stützt wurde die MNLF von der Organisation
                  seiner eigenen Landsleute niederkartätscht         der Islamischen Konferenz (OIC) mit Sekreta-
                  worden war. (Von 1898 bis zum 4. Juli 1946 wa-     riatssitz im saudi-arabischen Dschidda. Bis
                  ren die Philippinen US-amerikanische Kolo-         Mitte der 1970er Jahre hielt die MNLF an ih-
                  nie – Anm.: RW.) Das war durchaus wörtlich zu      rem erklärten Ziel fest, auf dem Territorium
                  nehmen; US-Offiziere hatten nicht davor zu-        von MINSUPALA (Mindanao, dem Sulu-Archi-
                  rückgeschreckt, Frauen, Kinder und Ältere zu       pel und Palawan) eine unabhängige Bangsa-
                  massakrieren. Gemäß der Devise: »Nur ein to-       moro Republik (Republik der Moro-Nation) zu
                  ter Moro ist ein guter Moro.«                      errichten.

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Die Regierung unter Ferdinand E. Marcos
(1965–1986) fühlte sich herausgefordert und
schlug unerbittlich zurück. Ende September
1972 verhängte Marcos landesweit das Kriegs-
recht und begründete dies unter anderem mit
»den Sezessionsbestrebungen der MNLF«.
Rasch gerieten die Südphilippinen in den Stru-
del eines Bürgerkrieges. In der Hafenstadt Zam-
boanga City im Südwestzipfel Mindanaos be-
fand sich mit dem Südkommando (Southern
Command oder kurz SouthCom) das Hauptquar-
tier der Streitkräfte (AFP) zur koordinierten
Kriegführung gegen die MNLF und die im Früh-
jahr 1969 entstandene Neue Volksarmee (NPA),
die Guerillaorganisation der Kommunistischen
Partei der Philippinen (CPP).

                                                    führte. Zu den Bestimmungen dieses Abkom-          Büro von
Vereitelte Autonomie oder                           mens gehörte zwar die Schaffung einer (an-         MILF Peace
Von Konfrontation                                   fänglich aus lediglich vier Provinzen bestehen-    Panel und der
                                                                                                       Bangsamoro
zur Kooptation                                      den) Autonomous Region in Muslim Mindanao
                                                                                                       Development
                                                    (ARMM), deren Gouverneur Misuari wurde, und
                                                                                                       Agency in
Eine Zäsur in der Geschichte des jüngeren Mo-       der SOUTHERN PHILIPPINES COUNCIL for
                                                                                                       Sultan Kuda-
ro-Widerstandes bildete das am 23. Dezember         PEACE and DEVELOPMENT (SPCPD). Doch die
                                                                                                       rat, Provinz
1976 im libyschen Tripolis unterzeichnete Ab-       Machtbefugnisse dieser beiden Instanzen blie-
                                                                                                       Maguindanao
kommen zwischen Manila und der MNLF. Im             ben vage und – problematischer noch – ihre         © Lilli
Vordergrund standen dabei: (a) die politische       finanzielle Ausstattung vom Goodwill der Zent-     Breininger
und friedliche Beilegung des Konflikts, der mitt-   ralregierung in Manila abhängig.
lerweile zu einem offenen Bürgerkrieg eskaliert
war, sowie (b) Autonomie für die Moros »inner-      Bereits Anfang Oktober 1996, nur einen Monat
halb der nationalen Souveränität und territoria-    nach Unterzeichnung des Friedensabkommens,
len Integrität der Republik der Philippinen«. Die   wurde in einer entsprechenden Exekutivorder
MNLF sah sich mithin – nicht zuletzt auf Druck
                                                    aus dem Präsidentenpalast Malacanang ver-
seitens der OIC – zur Rücknahme ihrer ur-
                                                    fügt, dass Fragen der Finanzhoheit und Res-
sprünglich maximalistischen Forderung nach
                                                    sourcenzuteilung für ARMM und SPCPD künftig
staatlicher Eigenständigkeit gezwungen.
                                                    exklusiv der Regierung in Manila oblägen. Ge-
                                                    folgsleute von einst bezichtigen Misuari der Ka-
Nutznießer des Tripolis-Abkommens war ein-          pitulation, da er sich darauf eingelassen hatte,
deutig das Marcos-Regime, das eine vereinbarte      dass laut der Vereinbarung vom 2. September
»Autonome Moslem-Region« nicht ver-                 1996 künftige Unstimmigkeiten und Probleme
wirklichte, MNLF-Abtrünnige mit finanziellen        bei der Umsetzung des Friedensabkommens im
Zuwendungen zu ködern und sie mit zuge-             Rahmen der Verfassung und Rechtsprechung
schanzten Posten in Ministerien und Behörden        der Republik der Philippinen zu lösen seien.
politisch zu kooptieren vermochte. Scharen-
weise kehrten desillusionierte MNLF-Kader ih-       Anstelle der MNLF und Nur Misuari trat fortan
rer Organisation den Rücken.                        die Moro Islamic Liberation Front (MILF) mit
                                                    ihrem Vorsitzenden Hashim Salamat, der an
Während der Präsidentschaft von Fidel V. Ra-        Kairos altehrwürdiger Al-Azhar Universität aus-
mos (1992–98) erfolgte eine noch weiterge-          gebildet worden war, als Hauptprotagonist der
hende Annäherung zwischen MNLF-Führung              Moro-Anliegen in Erscheinung. Ihr erklärtes
und der Zentralregierung, die zum Endgültigen       Ziel war es, den Moro-Widerstand nach dem
Friedensabkommen vom 2. September 1996              »Tripolis-Desaster« zu revitalisieren und am

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Großes Hoffen auf ein Stück weit Frieden - Zum Hintergrund des Plebiszits über das Bangsamoro-Grundgesetz am 21. Januar und 6. Februar 2019 ...
Selbstbestimmungsrecht der Moros festzuhal-         die Gruppe, die über keine politische Agenda
ten. Während die MNLF mehr traditionalistisch       verfügt, durch diverse Terroranschläge gegen
ausgerichtet ist, hat sich die MILF u. a. die Is-   öffentliche Einrichtungen (z. B. Kirchen, Passa-
lamisierung von Muslim Mindanao zum Ziel            gierschiffe und Kaufhäuser) und Zivilist*innen
gesetzt. (Zudem sind beide Organisationen eth-      sowie durch Erpressung und Kidnapping rei-
                                                    cher in- wie ausländischer Geschäftsleute auf
nisch verankert – die MNLF hat ihre Hochbur-
                                                    sich aufmerksam.
gen unter den Tausug, die MILF unter den Ma-
guindanao.)
                                                    International bekannt wurde die ASG im Jahre
1978 trat die MILF, die sich nach der Unter-        2000, als es ihr gelang, von der ostmalaysischen
zeichnung des Tripolis-Abkommens von der            Insel Sipadan aus mehrere westliche Tourist*in-
MNLF abgespalten hatte, erstmals öffentlich in      nen auf die Insel Jolo zu entführen – darunter
Erscheinung und ist nunmehr die bedeutsamste        auch die Göttinger Familie Wallert – und nach
und größte Organisation des Moro-Widers-            deren mehrmonatiger Geiselhaft Lösegelder in
tands. Die Regierung beziffert die Zahl ihrer       Höhe von nahezu einer Milliarde Peso (damals
Kombattanten, der Bangsamoro Islamic Armed          rund 50 Millionen DM) zu erpressen. Seitdem
Forces (BIAF), auf zirka 12.500 Soldat*innen.       hat die philippinische Regierung die Existenz
Die MILF konzentrierte sich auf den Aufbau be-      und das Treiben der ASG wiederholt für ihre
ziehungsweise die Stärkung sektoraler Organi-       politischen Zwecke einzuspannen versucht, was
sationen in der Region und unterhielt bis zum       bereits auf dem Höhepunkt der Jolo-Geiselnahme
Frühjahr 2000 insgesamt 46 über ganz Minda-         im philippinischen Senat auf Kritik gestoßen war.
nao verstreute sogenannte Camps, bei denen
es sich allerdings um selbstverwaltete Gemein-      Am 8. Mai 2000 hatte Senator Aquilino Pimen-
wesen handelte. Am 9. Juli 2000 nahm das phi-       tel in seinem und im Namen der anderen bei-
lippinische Militär nach einer militärischen        den aus Mindanao stammenden Senatoren,
Großoffensive das Hauptquartier der MILF,           Teofisto F. Guingona und Robert Z. Barbers, in
Camp Abubakar (Provinz Maguindanao), ein,           einer Stellungnahme mit dem Titel »Stop Hos-
und im Gegenzug verkündete ihre Führung den         tilities for the People’s Sake« erklärt:
dschihad. Unvergesslich die Szenen, als Präsi-
dent Joseph E. Estrada (1998–2001) mitsamt          »(…) Die MILF und Abu Sayyaf ständig zusam-
AFP-Kämpfer*innen auf den Überresten zer-           menzuwürfeln, als handele es sich um ein und
schossener Schulen und Moscheen siegestrun-         denselben Hund mit unterschiedlichen Hals-
ken geschmortes Schweinefleisch und Whisky          bändern, ist unstatthaft. Die MILF hat eine
und Bier goutierten.                                politische Agenda. Die Abu Sayyaf ist eine
                                                    durch und durch kriminelle Vereinigung. Die
                                                    MILF kämpft dafür, die eigene Kultur, Religion
                                                    und Identität zu wahren. Abu Sayyaf kämpft
MILF versus MNLF
                                                    hingegen, um ihre Verbrechen in ein Business
und Abu Sayyaf                                      zu verwandeln, von dem einzig diese Gruppe
                                                    profitiert. Abu Sayyaf-Kämpfer wurden ur-
Eine Folge langjähriger Marginalisierung der        sprünglich als freiwillige Mujahedeen rekru-
muslimischen Bevölkerung einerseits und des
                                                    tiert, um im amerikanischen Stellvertre-
politischen Kotaus der MNLF andererseits war
                                                    ter-Krieg in Afghanistan in den frühen 1980er
das Entstehen solcher Gruppen wie der Abu
                                                    Jahren zu dienen. (…) Finanzielle und logisti-
Sayyaf (ASG). Da ihre Gründer in Afghanistan
                                                    sche Unterstützung erhielt Abu Sayyaf von
zur Zeit der sowjetischen Okkupation (1979–
                                                    US-Undercover-Agenten – womöglich mit Ver-
89) gekämpft hatten, werden ihr bis heute Kon-
takte zur al-Qaida sowie zum Islamischen Staat      bindung zur CIA.« (Übersetzung: RW)
(IS) nachgesagt. Ende der 1980er Jahre nach
erfolglosen Friedensverhandlungen Nur Misua-        Fazit der Senatoren: Widerstandskämpfer*in-
ris mit Präsidentin Corazon C. Aquino entstan-      nen werden von einflussreichen politischen
den, rekrutierte die ASG Mitglieder mit Kampf-      Kräften zuerst kreiert und politisch instrumen-
erfahrungen in Afghanistan hauptsächlich auf        talisiert, um im Bedarfsfall zu »Terroristen« ab-
der Insel Basilan. In den 1990er Jahren machte      gestempelt und verteufelt zu werden.

Seite 4                                                             Blickwechsel | Februar 2019
Militärstrategische und
regionalpolitische Kalküle
im Kontext des
»Krieges gegen den Terror«
Für Manila bedeuteten das Geiseldrama von
2000 und damit zusammenhängende nationale
Sicherheitsaspekte eine engere Anbindung an
die alte Kolonialmacht USA. Dies zeigte sich in
dem innigen Verhältnis, das Estradas Nachfol-
gerin, Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo
(2001–2010), mit dem zeitgleich (Ende Januar
2001) ins Weiße Haus eingezogenen US-Präsi-
denten George W. Bush pflegte. Vor allem einte
beide der »Kampf gegen den Terror(ismus)« –
erst recht nach den Anschlägen vom 11. Sep-        Straße von Malakka (zwischen Malaysia, Singa-       Die IS nahe
tember 2001 und der am 6. März 2007 erfolgten      pur und Indonesien) präsent zu sein. Hierbei        Maute-
Unterzeichnung des Anti-Terror Bill, der in Ma-    handelt es sich um die strategisch bedeutsamste     Gruppe
nila beschönigend Human Security Act of 2007       Seeroute in Südostasien, über die nahezu die        besetzte am
genannt wird.                                      komplette Öl- und Gasversorgung aus dem Na-         23. Mai 2017
                                                   hen und Mittleren Osten für die Boomökono-          die Stadt
                                                   mien Ostasiens erfolgt und über die in umge-        Marawi und
Bush ließ unmittelbar nach den Anschlägen in       kehrter Richtung der Löwenanteil der Exporte        lieferte sich
New York und Washington die ASG auf die erste      transportiert wird.                                 bis zum 16.
                                                                                                       Oktober 2017
Liste von 27 weltweit operierenden Terrororga-
                                                                                                       erbitterte
nisationen setzen. Und Frau Arroyos erster         Am 21. August 2009 kündigte US-Verteidigungs-
                                                                                                       Kämpfe mit
Staatsbesuch in den USA im November 2001           minister Robert Gates an, insgesamt mindes-
                                                                                                       den Armed
führte über die sofortige Bereitstellung von       tens 600 Soldat*innen amerikanischer Spezial-
                                                                                                       Forces of the
Wirtschafts- und Finanzhilfen sowie militäri-      einheiten (U. S. Joint Special Operations Task      Philippines.
scher Soforthilfe in Höhe von knapp 100 Millio-    Force-Philippines) permanent im Süden der Phi-      Dabei wurde
nen US-Dollar hinaus zur verstärkten Zusam-        lippinen zu belassen.                               die Stadt
menarbeit der Streitkräfte beider Länder.                                                              massiv
Grundlagen dieser Kooperation bildeten der seit    Seit Jahresbeginn 2002 – fast auf den Tag ge-       zerstört und
August 1951 existierende Gemeinsame Verteidi-      nau 100 Jahre nach dem offiziell verkündeten        ein Großteil
gungspakt (Mutual Defense Treaty), das am          Ende des Amerikanisch-Philippinischen Krie-         ihrer Bewoh-
1. Juni 1999 in Kraft getretene Visiting Forces    ges – haben zahlreiche US-amerikanisch-phil-        ner*innen
Agreement (VFA) sowie das nach den Anschlä-        ippinische Militäroperationen auf Basilan, Jolo     vertrieben.
gen vom 11. September in Geheimverhandlun-         und in Zentralmindanao stattgefunden. Wenn-         © Manuel
gen ausgearbeitete Mutual Logistics Support        gleich von Manila und Washington dementiert,        Domes
Agreement (MLSA).                                  waren dabei GIs auch direkt in Kampfhandlun-
                                                   gen verstrickt. Ansonsten soll die beidseitige
Für die Bush-Administration war Südostasien –      Koordinierung auf sicherheits- und entwick-
so wörtlich – zur »neuen Zufluchtstätte für Ter-   lungspolitisch relevante Aspekte im Rahmen
roristen« (»new haven for terrorists«) gewor-      von Aufstandsbekämpfung fokussiert sein. Das
den. Und die Philippinen bildeten als ehemalige    geschieht mittels Aufstellung Mobiler Training-
Kolonie auch in postkolonialen Zeiten Amerikas     teams (MTT), kleiner beweglicher Einheiten,
verlässlichster Brückenkopf.                       die gemeinsam mit örtlichen Kräften beim Auf-
                                                   bau bürgernaher Projekte (z. B. Brunnenbau),
Konkret ging es um die Stationierung US-ame-       bei der Durchführung (zahn-)medizinischer Rei-
rikanischer Truppenverbände vor Ort, um so-        henuntersuchungen und psychologischer Krieg-
wohl an der »Südflanke« Chinas (dem in der         führung behilflich sind. Vorrangiges Ziel ist es,
Sicht Washingtons, langfristig betrachtet, größ-   die Herzen und Köpfe der Bevölkerung zu ge-
ten strategischen Rivalen) als auch nahe der       winnen.

Blickwechsel | Februar 2019                                                                Seite 5
Flankiert wurde all das mit »nicht-traditionellen    ­ eschäftsleute aus den Reihen christlicher
                                                     G
Elementen«, worunter das Einbinden entwick-          Siedler*innen hatten dagegen Verfassungsbe-
lungspolitischer Organisationen und konserva-        schwerde eingelegt. Erneut brachen Jahrzehnte
tiver think tanks verstanden wird. Jolo und Min-     alte Animositäten auf und einige der Siedler*in-
danao waren und sind teils noch bis heute Hoch-      nen drohten gar, die verruchte paramilitärische
burgen des Einsatzes solcher Institutionen und       Formation der Ilagas (»Ratten«) wiederzubele-
Organisationen wie der United States Agency          ben, die erstmals in den 1970er Jahren blutig
for International Development (USAID), dem           gegen Muslime vorgegangen war. Sie riefen alle
U. S. Institute for Peace (USIP), der National En-   Christ*innen auf, sich für einen »christlichen
dowment for Democracy und des Peace Corps,           Befreiungskampf« zu rüsten und propagierten
die auf je unterschiedliche Weise dafür sorgen       ethnische Säuberungen mit dem Endziel eines
sollen, selbst die entlegensten Orte gegen das       »moslemfreien Mindanao«.
»Einsickern von Aufständischen und Terroris-
ten« zu feien.                                       Die neu-alte Pattsituation lenkte rasch Wasser
                                                     auf die Mühlen jener Kräfte auf beiden Seiten,
                                                     denen Verhandlungen eh suspekt waren und die
                                                     sich bitter enttäuscht darüber zeigten, dass
Erneut ein schwerer Rück-                            trotzdem keine greifbaren Ergebnisse erzielt
schlag für den Frieden                               wurden. Bereits Mitte August 2008 lieferten
                                                     sich Einheiten der AFP und der BIAF zunächst
Zwischenzeitlich war es auf Vermittlung und          Scharmützel, dann offene Gefechte. Zur Jahres-
unter der Ägide der malaysischen Regierung zu        wende 2008/09 befanden sich nach Angaben
Friedensgesprächen zwischen der philippini-          des Welternährungsprogramms der Vereinten
schen Regierung und der MILF in Kuala Lumpur         Nationen (WFP) über 600.000 Personen infolge
gekommen, nachdem man sich zuvor über ein            andauernder Kampfhandlungen auf der Flucht.
Waffenstillstandsabkommen verständigt hatte.
Nach langwierigen Verhandlungsrunden schien
                                                     Wut und tiefe Enttäuschung machten sich unter
man im Sommer 2008 endlich einen Durch-
                                                     den Befürworter*innen des MoA-AD breit. Die
bruch erzielt zu haben.
                                                     zahlreichen um Ausgleich und Frieden bemüh-
                                                     ten Nichtregierungsorganisationen (NRO) auf
Am 27. Juli 2008 war von Vertreter*innen Mani-       Mindanao hatten im MoA-AD einen Silberstreif
las und der MILF das so genannte Memoran-            am Horizont ausgemacht, von dem auch sie
dum of Agreement-Ancestral Domain (MoA-AD)           meinten, es trüge endlich mit dazu bei, die mili-
ausgehandelt worden. Dessen Kernpunkte wa-           tärischen Auseinandersetzungen zu entschär-
ren: Der muslimischen Bevölkerung in Minda-          fen. Die MILF-Führung unter Al Haj Murad
nao, Sulu und Palawan wurde das Recht zuge-          Ebrahim war empört, dass die philippinische
standen, als »Bangsamoro« (Moro-Nation) ihre         Regierung im letzten Moment einen Rückzieher
Identität zu wahren und ihre eigenen Rechte          gemacht hatte, wenngleich doch »selbst die Re-
auszuüben, indem sie eine ihren Vorstellungen        gierung Malaysias dem MoA-AD vollumfänglich
entsprechende Selbstregierung schafft, die in-       zugestimmt« hatte, wie MILF-Chefunterhändler
nerhalb ihres Gebietes die dort vorhandenen          Mohagher Iqbal hervorhob.
Ressourcen schützt und nutzt. Am 5. August
2008 hätte es unterzeichnet werden sollen. Aus       Präsidentin Arroyo erklärte derweil, »jeden Zoll
Manila waren eigens dort akkreditierte Bot-          philippinischen Territoriums« entschlossen zu
schafter*innen in die malaysische Hauptstadt         verteidigen. Auf einmal agierte man in Manila
gereist, um diesen Akt in einer feierlichen Zere-    gemäß der Maxime, mit bewaffneten Gruppie-
monie zu würdigen.                                   rungen lediglich im Kontext ihrer »Entwaff-
                                                     nung, Demobilisierung und Reintegration« zu
Doch zunächst qua einstweiliger Verfügung und        verhandeln. Weitere Gespräche mit der MILF
schließlich gemäß einem Mehrheitsvotum der           fänden nur statt, wenn man das MoA-AD grund-
Richter*innen vereitelte der Oberste Gerichts-       legend überdenken und darüber neu verhan-
hof der Philippinen die Unterzeichnung des Ver-      deln würde. Eine Kehrtwende, die kritische Me-
tragstexts. Regionalpolitiker*innen und              dienvertreter*innen, Menschenrechtsanwält*in-

Seite 6                                                              Blickwechsel | Februar 2019
nen und NROs als inakzeptabel zurückwiesen.
Ihr Kernargument: »Entwaffnung, Demobilisie-
rung und Reintegration« bilden den Schlussak-
kord eines Friedensprozesses, nicht aber des-
sen Vorbedingung. Frustrierte MILF-Kämpfer
spalteten sich unter Führung von Ustadz Ameril
Umbra Kato, einem der MILF-Regionalbefehls-
haber, von der Organisation ab und gründeten
die Bangsamoro Islamic Freedom Movement
(BIFM) mit den Bangsamoro Islamic Freedom
Fighters (BIFF) als deren bewaffnetem Arm.

»Zurück auf Los!«
und Radikalisierung
Es dauerte knapp drei Jahre, bis neuer Schwung
in die bilateralen Verhandlungen kam. Im Au-
gust 2011 stellte das MILF-Verhandlungsteam
sein Konzept eines »Sub-state« vor mit der Kon-
sequenz, dass die Organisation nunmehr öf-
fentlich auch ihrerseits vom Ziel der Schaffung
eines eigenständigen Staates abrückte. Derweil
fand unter einem Teil der heranwachsenden und
                                                     Erst nach langen »Nachbesserungen« dieser          Manche
vom langwierigen Kampf ihrer Väter und Groß-
                                                     Abkommen und neuerlich zähen Verhandlungen         Bewoh-
väter maßlos enttäuschten Moro-Jugend eine
                                                     im Kongress setzte Präsident Rodrigo R. Du-        ner*innen
Radikalisierung statt, was u. a. dazu führte, dass
                                                     terte am 26. Juli 2018 seine Unterschrift unter    Marawis
regionale und lokale dschihadistische Gruppie-
                                                     das zwischenzeitlich in Bangsamoro Organic         trotzen der
rungen aus ihren Rängen Nachwuchs rekrutier-
                                                     Law (BOL) umbenannte Grundgesetz, das nach         Zerstörung
ten und so Zulauf verzeichneten. Bisheriger Hö-
                                                     Abhaltung eines Plebiszits schließlich im Früh-    ihrer Stadt.
hepunkt dieser Radikalisierung waren die erbit-
                                                                                                        © Manuel
terten, sich über fünf Monate (Ende Mai bis          jahr 2019 die Bangsamoro Autonomous Region
                                                                                                        Domes
Ende Oktober 2017) hinziehenden schweren             in Muslim Mindanao (BARMM) begründen
Gefechte zwischen den AFP und Anhänger*in-           würde. Der MILF-Führung dürfte es wenig ge-
nen der in den Lanao Provinzen agierenden            fallen haben, dass die präsidiale Unterzeich-
Gruppe um die Gebrüder Maute sowie Abu Say-          nung des BOL unzeremoniell vonstattenging.
yaf-Kämpfer aus Basilan in der Islamic City of       Überschattet wurde sie nämlich durch plötzliche
Marawi in Zentralmindanao, die zur völligen          Kabalen im Repräsentantenhaus, wo es der ehe-
Zerstörung dieser vormals über eine Viertel Mil-     maligen Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo
lion Einwohner*innen zählenden Stadt führten.        kurz zuvor (am 23. Juli) gelungen war, sich zur
                                                     neuen Sprecherin des Unterhauses wählen zu
Zwar hatte Präsident Aquino (2010–16) zu Be-         lassen.
ginn seiner Amtszeit eine dauerhafte friedens-
vertragliche Regelung mit der MILF in Aussicht       Mit Blick auf einen nachhaltigen Frieden im Sü-
gestellt. Doch eine fehlgeschlagene »Antiter-        den selbst nach mehrheitlicher Annahme des
ror«-Aktion von Eliteeinheiten der Nationalpoli-     BOL als Voraussetzung zur Schaffung der dann
zei (sie allein hatte 44 Tote zu beklagen) in Ma-    avisierten neuen BARMM bleibt Skepsis gebo-
masapano (Zentralmindanao) Ende Januar 2015          ten, weil sich dort verankerte mächtige Interes-
hinterließ einen Scherbenhaufen. Islamophobie        sengruppen und politische Blöcke »unerwartet«
kochte erneut hoch und die bis dahin gemein-         als »spoilers« (Spielverderber) erweisen könn-
sam ausgehandelten Abkommen mit dem Bang-            ten. In dieser Hinsicht war das Bombenattentat
samoro Basic Law (Grundgesetz) als Kernpunkt         in Jolo City am 27. Januar ein unmissver-
wurden auf unbestimmte Zeit verschoben.              ständliches – wiewohl beklemmendes – Signal.

Blickwechsel | Februar 2019                                                                  Seite 7
Weiterführende Lektüre                               Stakeholders and Observers on the Conflict in
                                                     the Southern Philippines. Petaling Jaya.
                                                   Bobby M. Tuazon (ed.) (2008): The Moro Reader:
Patricio N. Abinales/​Nathan G. Quimpo (2008):
                                                     History and Contemporary Struggles of the
   The US and the War on Terror in the Philippi-
                                                     Bangsamoro People. Quezon City.
   nes. Pasig City.
                                                   Marites Danguilan Vitug/​Glenda M. Gloria
Arndt Graf/​Peter Kreuzer/​Rainer Werning (eds.)
                                                     (2000): Under the Crescent Moon: Rebellion in
   (2009): Conflict in Moro Land – Prospects for
                                                     Mindanao. Quezon City.
   Peace? Penang.
                                                   Zu den Kämpfen um die Stadt Marawi, die
Vic Hurley (2010): Swish of the Kris: The Strug-
                                                     Konsequenzen ihrer Zerstörung und den
   gle of the Moros. Auhorized & Enhanced
                                                     Friedensaussichten in der Region siehe den
   Edition. Salem, OR. [Die Erstausgabe erschien
                                                     instruktiven Hintergrundreport vom 23.7.2018
   1936 im New Yorker Verlag E. P. Dutton.]
                                                     aus der Feder von Wes Bruer: http://​www.
International Crisis Group (ed.) (2008): The
                                                     irinnews.org/​news-feature/2018/07/23/​island-
   Philippines: Counter-insurgency vs. Coun-
                                                     philippines-hopes-peace-braces-war?utm_
   ter-terrorism in Mindanao. ICG-Asia Report
                                                     source=IRIN+-+the+inside+story+on+emerg
   No. 152, May 14. Jakarta/​Brussels.
                                                     encies&utm_campaign=ed1aa3af1a-RSS_
Peter Kreuzer/​Rainer Werning (eds.) (2007):
                                                     EMAIL_ENGLISH_ALL&utm_
   Voices from Moro Land – Perspectives from
                                                     medium=email&utm_term=0_
                                                     d842d98289-ed1aa3af1a-75454485

Anmerkungen
1 h ttps://​w ww.aljazeera.com/​n ews/2019/01/​b ombs-target-church-philippines-jolo-
   island-190127050818906.html
2 h ttps://​www.mindanews.com/​top-stories/2019/01/​isis-claims-responsibility-for-twin-bombing-in-
   jolo1/
3 https://​www.philstar.com/​headlines/2019/01/29/1889072/​jolo-sulu-total-lockdown

 Für den Inhalt dieser Publikation ist allein        Der Autor
 das philippinenbüro e. V. verantwortlich; die
                                                     Dr. Rainer Werning, Politikwissenschaft-
 hier dargestellten Positionen geben nicht den
                                                     ler & Publizist mit dem Schwerpunkt Südost-
 Standpunkt von Engagement Global gGmbH
                                                     und Ostasien, befasst sich seit 1970 u. a. in-
 und dem Bundesministerium für wirt-
                                                     tensiv mit dem Moro-Konflikt. Im Februar
 schaftliche Zusammenarbeit und Entwick-
                                                     erscheint mit seinem Ko-Herausgeber Jörg
 lung wieder                                         Schwieger die mittlerweile 6., aktualisierte &
                                                     erweiterte Auflage des Handbuch Philippi-
                                                     nen im Berliner Verlag regiospectra.
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