InfodienstAPRIL 2021 - Bistum Münster
←
→
Transkription von Seiteninhalten
Wenn Ihr Browser die Seite nicht korrekt rendert, bitte, lesen Sie den Inhalt der Seite unten
infodienst
APRIL 2021
der Arbeitsgemeinschaft Eine-Welt-Gruppen im Bistum Münster und in der Evangelischen Kirche von Westfalen
ARBEITSBEDINGUNGEN WELTWEIT
KAKAO BIS MÜLLHALDE SÜSS STATT BITTER TEXTILINDUSTRIE
Ausbeuterische Kinderarbeit Orangen ohne Sklaverei und Gift Menschenwürdige ArbeitAUS DEM INHALT
KINDERARBEIT Fakten
Kinderarbeit weltweit bekämpfen 4
Es geht nur ums Überleben, so oder so!
Kinderarbeit in Indien 5
Freiwilligendienst in Paraguay
Begegnungen mit arbeitenden Kindern und Jugendlichen 6
„Dann kann Gogo für uns kochen.“
Ein Gesicht von Kinderarbeit aus Simbabwe 8
Dein Plastik ist mein Reis
Am „schmutzigsten Ort der Welt“ türmt sich weltweiter Müll 9
Kinderarbeit in Kongo
Die Handy-Aktion NRW und das Bildungsangebot von la tienda 10
Zerstörte Kinderseelen
Kinderprostitution12
Lieferkettengesetz soll Menschenrechte fördern
Kinderarbeit auf Kakaoplantagen in Westafrika 13
FAIRER HANDEL Süß statt bitter
Orangen ohne Sklaverei und ohne Gift 14
Faire Orangen aus Kalabrien so weit das Auge reicht
Beispielhafte Aktivitäten aus Recklinghausen, Lippstadt und Rheine 15
Buchtipp
Gilles Reckinger: Bittere Orangen –
Ein neues Gesicht der Sklaverei in Europa 17
MENSCHENRECHTE Globalisierung einer menschenwürdigen Arbeit
KAB und KönzgenHaus verstärken Bündnisarbeit 18
Zwangsarbeit in Xinjiang stoppen!
China duldet massive Menschenrechtsverletzungen 19
Die Schwächsten zahlen die Corona-Zeche
Unzählige Textilarbeiterinnen stehen vor dem Nichts 20
Sensibilisierung am Beispiel der globalen Bekleidungsindustrie
Modernisierung der Bildungsmaterialien „TrikotTausch" 22
TIPPS & TRENDS Filmtipps 24
EU-Lieferkettengesetz verdient öffentliche Aufmerksamkeit 26
Fortbildung für Ehrenamtliche in der Eine-Welt-Arbeit 27
MISEREOR und Brot für die Welt setzen ein Zeichen für Ökumene 28
AKTION Würde und Gerechtigkeit e.V. erhält Preis 29
Ökumenischer Kirchentag lädt zu einem digitalen Programm ein 30
Einladung zum Pilgerweg für Klimagerechtigkeit 31VORWORT Liebe Engagierte in der AG Eine-Welt-Gruppen, trotz und besonders wegen Corona geht der Einsatz für eine gerechtere Welt weiter. Dies zeigt der INFODIENST, der in dieser Ausgabe einen inhaltlichen Fokus auf men- schenwürdige Arbeit und das große Problem der Kinderarbeit setzt. Wir haben diesen Schwerpunkt gewählt, weil die Corona-Pandemie und die damit verbundene wirtschaft- liche Krise die Situation für viele Millionen Menschen verschlechtern und Kinderarbeit zunehmen wird. Zudem hat die UNO das Jahr 2021 zum „Internationalen Jahr der Abschaffung der Kinderarbeit“ ausgerufen. Auch die Faire Woche im September setzt einen Schwerpunkt auf das UN-Ziel „Menschenwürdige Arbeit“. Dieses Jahr soll einen Anstoß geben, um das UN-Entwicklungsziel zu erreichen, die Kinderarbeit weltweit bis 2025 komplett abzuschaffen (SDG 8.7). Dies ist ein hoher Anspruch angesichts der sich verschlimmernden Situation. Corona stürzt viele Familien in Armut; Einkommensmöglichkeiten oder Arbeitsplätze gehen verloren, beispielsweise im Tourismus oder in der Textilindustrie. Immer mehr Kinder sind dadurch gezwungen, zum Einkommen der Familie beizutragen – bei sehr schlech- ter Bezahlung und unter unwürdigen Bedingungen. Kinder sind billiger als die Eltern und dies wird ausgenutzt. So rechnet die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) damit, dass bis zu 300.000 Kinder in Lateinamerika und der Karibik durch die Coronavi- rus-Pandemie in Kinderarbeit abrutschen könnten. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Gesundheitskrise könnten die Regionen in dieser Hinsicht um ein Jahrzehnt zu- rückwerfen, nach 25 Jahren des Fortschritts im Kampf gegen Kinderarbeit. Angesichts dieser Situation sind wir aufgefordert, unser Engagement weiter zu verstär- ken gegen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, unter denen Millionen Kinder, Näherinnen in Textilfabriken, Wanderarbeiter auf Orangen- und Tomatenplantagen in Südeuropa, aber auch Arbeiterinnen und Arbeiter in den Schlachthöfen hier bei uns leiden. Neben dem Einsatz für gerechtere Arbeitsbedingungen bleibt auch das Engagement für ein starkes Lieferkettengesetz in Deutschland und der EU sowie öko-fairer Einkauf und Beschaffung ein unverzichtbarer Bestandteil der Eine-Welt-Arbeit. Es macht Hoffnung, dass dort in den letzten Monaten einiges in Bewegung gekommen ist. Auch hiervon können Sie in dieser INFODIENST-Ausgabe lesen! Persönlich freue ich mich, dass mit Judith Wüllhorst, der neuen Leiterin der Fachstelle Weltkirche im Bischöflichen Generalvikariat Münster, die Zusammenarbeit der letz- ten Jahre so wunderbar fortgeführt werden kann. Gemeinsam werden wir den INFO- DIENST künftig zu unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten gestalten und hoffen, dass dies gute Resonanz bei Ihnen als Leserinnen und Leser findet. Eine anregende Lektüre und Kraft und Zuversicht in diesen Zeiten wünscht Katja Breyer
KINDERARBEIT
Fakten
Kinderarbeit welt-
weit bekämpfen
Ob in den Goldminen Burkina
Fasos, beim Kakaoanbau in Côte
d’Ivoire, auf Fischerbooten im
Senegal, in den Textilfabriken
Bangladeschs oder als Soldatinnen
und Soldaten in Krisengebieten, rung und niedrige Weltmarktpreise schützen und Kinderrechte umzu-
mehr als 152 Millionen Kinder für Rohstoffe und Agrarprodukte setzen. Doch das reicht leider nicht
sind heute gezwungen zu arbeiten. spielen eine Rolle. Deswegen ist aus. Kinderarbeit kann nur aus-
Dabei geht es um Kinder, die zwi- ein ganzheitlicher Ansatz notwen- gerottet werden, wenn die struktu-
schen fünf und 17 Jahren alt sind dig, um Kinderarbeit zu bekämp- rellen Ursachen von Kinderarbeit
und die bis zur völligen Erschöp- fen. angegangen werden. Natürlich
fung arbeiten müssen, anstatt zur dürfen sich Kinder in einem rei-
Schule zu gehen, weil ihre Eltern Instrumente zur Bekämpfung von chen Land wie Deutschland über
und Familienangehörigen in extre- Kinderarbeit eine Tafel Schokolade oder ein
mer Armut leben und nicht in der Die Internationale Arbeitsorga- schickes T-Shirt freuen. Aber die-
Lage sind, sie zu ernähren. Die nisation (ILO) hat zwei Konventi- se Freude soll nicht auf Kosten
4 Befürchtung ist groß, dass auf-
grund der wirtschaftlichen Folgen
onen zum Schutz der Kinder ver-
abschiedet: Die Konvention 138, die
des Leidens von Kindern in Côte
d’Ivoire oder Bangladesch entste-
der Covid-19-Pandemie wieder das Mindestalter in der Beschäf- hen. Das Institut SÜDWIND will
mehr Kinder gezwungen werden tigung festlegt, und die Konventi- deswegen die strukturellen Ursa-
zu arbeiten. on 182, die das Verbot und Besei- chen für Kinderarbeit bekämpfen.
tigung der „schlimmsten Formen Dies sind beispielsweise zu nied-
Hart arbeitende Kinder sind vor der Kinderarbeit“ festlegt. Zu den rige Weltmarktpreise für Rohstoffe
allem Kinder von Bauernfamilien „schlimmsten Formen der Kinder- und landwirtschaftliche Produkte,
– nicht nur in armen Ländern, arbeit“ zählen die Vereinten Natio- fehlende Marktzugänge, unge-
sondern auch in Mitteleinkom- nen Sklaverei und sklavenähnliche rechte Handelspolitik. Der Schwer-
mensländern. Sieben von zehn Abhängigkeiten, Zwangsarbeit punkt liegt dabei auf der Aufwer-
arbeitenden Kindern sind in der einschließlich des Einsatzes von tung von Wertschöpfungsketten
Landwirtschaft beschäftigt. In Län- Kindersoldaten, Kinderprostitution in den Ländern, die einen hohen
dern mit bewaffneten Konflikten und Kinderpornographie, kriminel- Anteil an arbeitenden Kindern in
und Naturkatastrophen ist Kin- le Tätigkeiten wie den Missbrauch Exportsektoren wie Kakaoanbau
derarbeit stärker ausgeprägt als in von Kindern als Drogenkuriere so- oder Textilien haben. Das bedeu-
anderen Ländern. Mehr als 70 Pro- wie andere Formen der Arbeit, die tet, dass höhere Preise und Löhne
zent der arbeitenden Kinder leben die Sicherheit und Gesundheit der gezahlt werden müssen, aber auch
in Afrika. Ein Drittel der Kinder, Kinder gefährden können. mehr Wertschöpfungsstufen in
die arbeiten müssen, haben keinen den Ländern verbleiben. Das ist
Zugang zum Bildungssystem. Was kann getan werden? eine unverzichtbare Bedingung,
Auch zivilgesellschaftliche Organi- damit Familien in armen Ländern
Die Hauptursache für Kinderarbeit sationen können einen wichtigen von ihrer Arbeit in Würde leben
ist Armut. Es wäre allerdings ein Beitrag leisten, um Kinderarbeit zu und ihre Kinder in die Schule ge-
Fehler, das Problem allein auf das bekämpfen. In der Agenda 2030 hen können.
unzureichende Einkommen von wurde die Abschaffung von Kinder-
Familien zu reduzieren. Auch kul- arbeit bis zum Jahr 2030 als Ziel Dr. Pedro Morazán
turelle Faktoren, schwache Regie- formuliert. Viele Organisationen Wissenschaftlicher Mitarbeiter am
rungsinstitutionen, Umweltzerstö- sammeln Spenden, um Kinder zu SÜDWIND-InstitutKINDERARBEIT
Es geht nur ums Überleben, so oder so!
Kinderarbeit in Indien
Trotz des Wirtschaftsbooms in einfach. Die Eltern wollten, dass
den letzten 25 Jahren lebt fast ihre Kinder lieber arbeiten gehen
ein Drittel aller Inder unter der und etwas verdienen, damit den
Armutsgrenze. Auch die raschen Familien geholfen würde. Aber
Entwicklungen, beispielsweise nach und nach gelang es uns
im IT- oder Automobil-Bereich, jedoch, ein paar Familien davon zu
haben nicht zur Beseitigung dieser überzeugen, ihre Kleinen zu uns
Armut beigetragen. Kinderarbeit zu schicken, und so begann unser
ist eine direkte Folge davon. Projekt ”Little Scholars School”.
Maniram im Bild ist 16 Jahre alt.
Zwar herrscht in Indien Schul- Seine Eltern haben ihn vor vier
pflicht, aber Menschen aus den Jahren aus der staatlichen Schule
Slums oder ländlichen Gebieten genommen und auf die Straße
sehen häufig keine andere Mög- geschickt, um Tee an vorbeifahren-
lichkeit, als ihre Kinder aus den de Autofahrer und Passanten zu
Schulen zu nehmen und arbeiten verkaufen. Wir fragten ihn, warum
zu lassen, um die Familie zu er- er nicht mehr zur Schule gehe. Er
nähren. Oft aus existentieller Not sagte, dass er seine Eltern und vier hätten, damit die Kinder zu
werden Kinder von ihren Eltern
sogar an Kinderhändler verkauft,
Geschwister unterstützen wolle.
Der Vater sei Tageslohnarbeiter
uns in die Schule kommen und
nicht arbeiten gehen müssen.
5
die die Kinder für einen sehr und verdiene wenig. Für seine Bei uns bekommen sie ihre
geringen oder gar keinen Lohn Zukunft habe er keine Pläne oder Uniformen, Schuhe, Bücher,
arbeiten lassen. Ideen. Es ginge nur ums Überle- Arbeitsmaterialien und sogar ein
ben, so oder so! gesundes Mittagessen. Später
Kinder sind unter anderem in kümmern wir uns um ihre weitere
Glas- und Streichholzschachtelfa- Ein paar andere Kinder, die bei schulische Bildung und ihr Wohl-
briken, in Schlossereien, in der uns waren, arbeiten heutzutage ergehen. Wir besuchen die Eltern
Teppich- und Tabakindustrie, im in Ziegeleien und sogar bei der in den Slums und bleiben in regel-
Bergbau und Steinbruch, in Zie- Müllsammlung! Es gibt Tausende, mäßigem Kontakt mit ihnen.
gelöfen und Teegärten tätig. Die ja sogar Millionen solcher Fälle
Arbeit ist oft geschlechtsspezifisch, in Indien. Klar, Armut ist die In der Politik muss viel mehr
wobei Mädchen mehr Hausarbeit Hauptursache für Kinderarbeit, getan werden, um ausbeuterische
und Heimarbeit leisten, während aber Sucht, Krankheit oder Be- Kinderarbeit in Indien zu stoppen:
Jungen häufiger in Lohnarbeit hinderung in der Familie und ein Die Gesetze gegen Kinderarbeit
beschäftigt sind. Im Allgemeinen Mangel an Bildungsressourcen müssen weiter verschärft und
nehmen die Arbeitsbelastung und sind auch Faktoren. strenger durchgesetzt werden.
die Dauer der Arbeitszeit mit zu- Darüber hinaus ist es wichtig, die
nehmendem Alter der Kinder zu. Was kann man dagegen tun? Wir extreme Armut zu bekämpfen.
fühlen uns ziemlich hilflos ange- Die Bekämpfung von Armut und
Vor 18 Jahren habe ich ein kleines sichts dieser anscheinend großen Ungleichheit ist entscheidend für
Projekt gestartet in Dehradun, unüberwindbaren Problematik! die Beendigung der Kinderarbeit
Nordindien, um Arbeiter, die in Aber nach dem Motto „Eine kleine in Indien.
Slums unweit meines Hauses Menge reicht weit!“ versuchen
lebten, dazu zu bringen, ihre wir mit einigen Familien aus den Romesh Modayil
kleinen Kinder bei uns zu las- Slums zusammen zu arbeiten. Regionalpfarrer
sen, während sie ihre tägliche Einigen Familien geben wir den Amt für Mission, Ökumene und
Arbeit verrichteten. Es war nicht Betrag, den die Kinder verdient kirchliche WeltverantwortungKINDERARBEIT
Freiwilligendienst in Paraguay
Begegnungen mit arbeitenden Kindern
und Jugendlichen
Im Rahmen unseres entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes, den
wir von August 2019 bis März 2020 in den Einrichtungen der Callescue-
la in Asunciòn und Ciudad del Este in Paraguay absolviert haben, sind
wir dem Thema „Kinderarbeit“ auf unterschiedliche Art und Weise be-
gegnet, haben uns intensiv damit auseinandergesetzt, manche stereoty-
pe Vorstellungen kritisch hinterfragt und neue Erkenntnisse gewonnen.
Während des Dienstes hatten wir die Möglichkeit, die Lebensrealitäten
arbeitender Kinder und Jugendlicher in Ciudad del Este und Asunciòn
kennenzulernen und möchten diese Erfahrungen aus unserer europä-
isch-privilegierten Perspektive teilen.
Für uns passt der Begriff „Kinderarbeit“, der eher negativ besetzt ist,
nicht für die Tätigkeiten der arbeitenden Kinder und Jugendlichen, mit
denen wir in Kontakt standen. Deswegen wollen wir gerne in diesem
Bericht von der Arbeit der NATs sprechen (Niño/as Adolescentes Traba-
jadores; deutsch: arbeitende Kinder und Jugendliche).
Callescuela bedeutet übersetzt „Straßenschule“ und ist eine Nichtregie-
rungsorganisation, die mit arbeitenden Kindern und Jugendlichen und
ihren Familien in verschiedenen „comunidades“ (deutsch: Gemeinden)
arbeitet. Zu ihrer Arbeit gehört die Unterstützung bei der Grundversor-
6 gung der NATs und deren Familien sowie Nachhilfe-Angebote, Kinder-
betreuung, Frühförderung, Freizeitmaßnahmen, Aufklärung, Familien-
beratung, bürokratische Unterstützung der Familien bei verschiedenen
Ämtern, Vermittlung beziehungsweise Konfliktlösung zwischen den
Bewohnern der „comunidades“ und der Stadtverwaltung. Dabei liegt ihr
Fokus auf der schulischen Förderung und Unterstützung bei den Ein-
schreibungen der Kinder an den öffentlichen Schulen. Darüber hinaus
begleitet die Callescuela eine Organisation, gegründet von arbeitenden
Kindern und Jugendlichen (NATs, s) für arbeitende Kinder und Jugend-
liche. Diese nennt sich CONNAT’s (Coordinación Nacional de los Niñas
y Niños Adolescentes Trabajadores, deutsch: nationale Koordination von
arbeitenden Kindern und Jugendlichen). Die Mitarbeiterinnen und Mit-
arbeiter der Callescuela unterstützen die CONNAT’s darin, sich selbst zu
mobilisieren und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Das zentrale Ziel der CONNAT’s ist dabei nicht die Beendigung der Tä-
tigkeiten der NATs, sondern die Bewahrung und Einhaltung ihrer Rechte
beziehungsweise die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen. So lautet
zum Beispiel eine Parole bei ihren Demonstrationen: „SÍ AL TRABAJO
DIGNO“ (deutsch: Ja zur würdevollen Arbeit).
Die Arbeitsplätze der NATs sind sehr vielfältig. Zum einen gibt es viele,
die ihren Familien im Haushalt unter die Arme greifen und beispielswei-
se auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen, kochen und putzen, wäh-
rend ihre Eltern arbeiten. Zum anderen arbeiten sie auf dem Markt oderKINDERARBEIT
an Straßenständen, wo sie verschiedene Lebensmittel verkaufen. Weitere
Kinder und Jugendliche verdienen sich etwas dazu als Schuhputzerinnen
und Schuhputzer am Busbahnhof oder als Friseurinnen und Friseure.
Die CONNAT’s leistet viel Öffentlichkeitsarbeit, um die Gesellschaft für
zentrale Themen zu sensibilisieren. Des Weiteren kooperieren und soli-
darisieren sie sich mit anderen sozialen Bewegungen, wie zum Beispiel
der Frauenbewegung, Indigenen Bewegungen und Umweltschutz.
Einer der Hauptbeweggründe der NATs fürs Arbeiten ist, dass die Kinder
und Jugendlichen ihre Familie einerseits finanziell unterstützen wollen,
aber dies andererseits auch schlichtweg müssen, da die Eltern der Fami-
lie nicht in der Lage sind, die Existenzgrundlage ausreichend zu sichern.
Aufgrund häufig fehlender Kinderbetreuungsmöglichkeiten wachsen
einige NATs im sehr jungen Alter in die Arbeitswelt hinein, da sie von
ihren Eltern mit zur Arbeit genommen werden müssen.
Während unseres Freiwilligendienstes haben wir einige Lebensverhält-
nisse der NATs näher kennenlernen dürfen und sind uns im Klaren darü-
ber, dass wir nur einen Bruchteil der Komplexität begreifen konnten und
hier nur aus unserer rein subjektiven Sicht berichten können. Besonders
hat uns überrascht, dass die Kinder und Jugendlichen, mit denen wir zu
tun gehabt haben, so gut wie alle halbtags zur Schule gehen und nicht
7
ganztags arbeiten. Sofern sie nicht in der Schule sind oder arbeiten, neh-
men sie die Angebote der Callescuela in Anspruch. Zudem ist uns ein ho-
her Grad an Disziplin und Verantwortungsbewusstsein der Kinder und
Jugendlichen aufgefallen, weswegen sie in bestimmten Situationen für
ihr Alter viel „erwachsener“ wirkten als Gleichaltrige, die nicht arbeiten
müssen. Am eindrucksvollsten war für uns die Haltung einiger NATs
bezüglich ihrer Arbeitsstellen. Sie erzählten uns voller Stolz, was sie an
dem Tag gemacht haben und gingen recht offen mit den Umständen
ihrer Arbeit um.
Uns sind Einzelfälle begegnet, die zum Teil unseren anfänglichen Er-
wartungen von erschöpften Kindern nahe kamen, welche uns sehr zum
Nachdenken angeregt und uns noch stärker unsere eigenen Privilegien
vor Augen geführt haben. Jedoch hat uns der Großteil der Lebensreali-
täten der NATs eine neue Seite von arbeitenden Kindern und Jugend-
lichen gezeigt. In der Hinsicht hat uns die Zeit in Paraguay mit der Calle-
scuela und den NATs sehr geprägt.
Lina Serras und Merle Wagner
Freiwillige der Evangelischen Kirche von WestfalenKINDERARBEIT
„Dann kann Gogo für uns kochen.“
Ein Gesicht von Kinderarbeit
aus Simbabwe
Die Großmutter, liebevoll mit dem Shona-Wort „Gogo“ von ihren vier En-
keln genannt, sitzt in ihrem Rundhaus vor dem Regal mit ihrem Geschirr.
Auf den mit Sorghum gefüllten Säcken sitzen ihr Mann und ihr Enkel
Daniel.
Daniel ist 13 Jahre alt. Er lebt im Dorf Burure, Gokwe Nord in Simbabwe.
Die lutherische Kirche hat hier in den 1980er Jahren eine Dorfansiedlung
begleitet. Die Martin-Luther-Sekundarschule, die Daniel besucht, gehört zu
dem Schulbildungsangebot der lutherischen Kirche. Ich hatte die Schullei-
terin Eve Mzenda und Victor Maramwidze gebeten, mit mir das Zuhause
eines Schülers der Martin-Luther-Sekundarschule zu besuchen.
Als Daniel und seine Großeltern beginnen, über ihr Leben und ihren All-
tag zu erzählen, fange ich an mein stereotypes und romantisches Bild ei-
ner afrikanischen Großfamilie zu hinterfragen. „Ich stehe spätestens um
4 Uhr auf, wenn die Felder bestellt werden müssen. Ich versorge die Tiere
und versuche dann oft auch noch zu pflügen. Holz und Wasser müssen
meine jüngeren Geschwister am Nachmittag besorgen. Dann kann Gogo
morgens für uns etwas kochen. Sie sieht nicht mehr viel. Aber kochen
kann sie noch.“
8 Der Großvater nickt. Seit einiger Zeit geht es ihm so schlecht, dass er die
schwere Arbeit auf den kleinen Feldern nicht mehr leisten kann. „Und wo
sind Daniels Eltern?“ Der Großvater zuckt die Schultern. „Der Vater ist vor
drei Jahren nach Südafrika gegangen. Danach haben wir nichts mehr von
ihm gehört. Daniels Mutter hat Glück und arbeitet bei Kadoma Textiles.
Aber sie verdient nicht viel Geld und darum kann sie auch nicht viel schi-
cken. Ohne Daniels Arbeit auf den Feldern hätten wir nicht genug.“
Sobald die Schule zu Ende ist, arbeitet Daniel wieder auf den Feldern. Zeit,
die Hausarbeiten zu erledigen und zu lernen, bleibt ihm kaum. Pflügen,
pflanzen, jäten, ernten. Die Regenzeit war gut gewesen. Stolz klettert Da-
niel auf den offenen Speicher, in dem der Mais gelagert wird. Die Ernte
war ertragreich. „Ich konnte sogar etwas verkaufen, sodass ich in diesem
Jahr meine Schulgebühren bezahlen konnte und die Schule nicht verlas-
sen musste. Und es ist genug übrig, damit Gogo für uns kochen kann.“
Statistiken über die Einkommens- und Lebensverhältnisse der 320 Schüle-
rinnen und Schüler in Burure gibt es nicht. Die Schulleiterin Eve Mzenda
schätzt, dass etwa 25 bis 30 Schülerinnen und Schüler der Martin-Luther-Se-
kundarschule unter ähnlichen Bedingungen wie Daniel leben.
Kerstin Hemker
Stellvertretende Vorsitzende des Partnerschaftskomitees des
Evangelischen Kirchenkreises Steinfurt-Coesfeld-Borken mit der
Ost-Diözese der Evangelisch Lutherischen Kirche in SimbabweKINDERARBEIT
Dein Plastik ist mein Reis
Am „schmutzigsten Ort der Welt“ türmt
sich weltweiter Müll
Fast jedes zehnte Kind weltweit ist von Kinderarbeit betroffen. Eines von
ihnen ist Charles: Auf den Philippinen arbeitet er zu sklavenartigen Be-
dingungen, um zu überleben.
Jeden Tag springt Charles in das verschmutzte Hafenbecken von Manila.
Jeden Tag sucht er in dem bakterienverseuchten Wasser nach altem Pla-
stik. Und jeden einzelnen Tag geht es für den Jungen in dem Elendsviertel
Tondo ums blanke Überleben. „Happyland“ wird der Slum in der phi-
lippinischen Hauptstadt genannt. Zynisch, denn glücklich ist im größten
Elendsviertel der Stadt niemand.
„Wir müssen das machen, sonst haben wir Zuhause nicht genug zu es-
sen“, sagt Charles. Wenn er zwischen dem Müll genügend Plastik findet,
verkauft er es für umgerechnet wenige Cents weiter. War seine Ausbeute
gut, kann er am Abend für sich und seine Familie eine Portion Reis kaufen.
Wenn nicht, dann müssen sie hungern. Charles wohnt mit seiner Fami-
lie in einer der winzigen Wellblechhütten, die direkt über dem Wasser im
Hafen Manilas gebaut wurden. Unter ihnen schwimmt ein Gebräu aus
giftigen Abfällen und Exkrementen – ein Abwassersystem gibt es nicht.
Etwa 2.000 Familien müssen unter diesen menschenunwürdigen Bedin-
gungen in der Müllhalde Manilas leben. Statt zur Schule zu gehen oder mit Auch missio Aachen setzt in die-
anderen zu spielen, arbeiten Charles und viele weitere Kinder als moder-
ne Sklaven: Kinderarbeit wegen einer Portion Reis, inmitten von giftigen
sem Jahr ein Zeichen gegen Aus-
beutung an Kindern und moder-
9
Abfällen. Abfälle, die aus Europa – auch aus Deutschland – stammen. Am ne Sklaverei. So eröffnet im Juni
„schmutzigsten Ort der Welt“ türmt sich sein weltweiter Müll. die Aktion Schutzengel die Kam-
pagne „Eine Welt. Keine Sklaverei.“
Wir alle können etwas dafür tun, das Leben der Kinder in Manila zu verbes- mit einer internationalen Fachkon-
sern. Verbrauchen wir in Deutschland weniger Plastikmüll, verschmutzen ferenz mit Entwicklungsminister
wir die Meere weniger. Und auch Charles muss nicht mehr im verseuchten Dr. Gerd Müller. Neben Kinderar-
Hafenbecken aufwachsen. Um die Situation vor Ort zusätzlich zu verbes- beit stellt die Kampagne der Aktion
sern, engagiert sich Benediktinerin Schwester Mary John Mananzan für Schutzengel weitere Formen von
die Müllkinder von Manila: So konnte die Ordensfrau mithilfe des katho- moderner Sklaverei in den Mittel-
lischen Hilfswerks missio Aachen Ende 2020 das Kinderzentrum Shelter punkt, wie der Ausbeutung philip-
of Joy eröffnen. Auch Charles hat dort endlich die Chance auf ein besseres pinischer Migrantenarbeiterinnen
Leben: „Wir finden es toll hier und kommen, so oft es geht. Arbeiten müs- und -arbeiter von ihren Arbeitge-
sen wir jetzt nicht mehr.“ bern im Ausland, Menschenhandel
oder Zwangsprostitution. Mit poli-
Doch noch immer wird unsere Hilfe gebraucht, denn weltweit teilen viele tischer Arbeit, Bildungsangeboten
Kinder das Schicksal von Charles: Aktuell sind laut der Internationalen Ar- und Beteiligungsmöglichkeiten
beitsorganisation (ILO) 152 Millionen Jungen und Mädchen von Kinderarbeit können wir alle dafür sorgen, mo-
betroffen. Durch die Corona-Pandemie hat sich die Lage noch verschlechtert. derne Sklaverei – nicht nur auf den
Die Schulen mussten schließen, gleichzeitig verloren viele Eltern wegen Aus- Philippinen, sondern weltweit – zu
gangsbeschränkungen ihre Jobs. Nun müssen die Kinder selbst mithelfen, beenden.
die Familien zu ernähren. Viele Kinder und Familien benötigen unsere Un- www.missio-hilft.de/schutzengel
terstützung demnach dringender denn je. Daher hat die UN das Jahr 2021
zum Internationalen Jahr zur Abschaffung von Kinderarbeit ausgerufen.KINDERARBEIT
Kinderarbeit in Kongo
Die Handy-Aktion NRW und das Bildungsangebot
von la tienda
Seit einigen Jahren versucht die Handy-Aktion ten, viele von ihnen in der Kobaltgewinnung.
NRW durch das Sammeln von alten Handys Es ist nicht ungewöhnlich, Kinder in einem
das fachgerechte Recycling zu gewährleisten. Alter von fünf bis acht Jahren bei der Arbeit
Insbesondere sollen die Rechte von Kindern anzutreffen. Sie graben den Boden um, bre-
geschützt und gefördert werden, die in der De- chen Steine, sortieren, waschen oder transpor-
10 mokratischen Republik Kongo im Abbau von
Rohstoffen arbeiten, die für Handys unerläss-
tieren die Mineralien. Sie haben keine Chance
auf Bildung, sondern sie sind Opfer der Aus-
lich sind. Jedes Handy enthält 60 Rohstoffe, beutung. Da sie dünn und klein sind, können
darunter 30 Metalle. Aus Kongo kommen Ko- sie in die engen und tiefen Stollen bis zu 30
balt für die Akkus (mehr als 60 Prozent der Meter tief gehen. Erwachsene beuten sie we-
Weltproduktion) und Coltan für die Konden- gen ihrer Verletzlichkeit und Unwissenheit
satoren (etwa 80 Prozent der Weltreserve). aus. Diese Arbeiten sind für Kinder extrem ge-
fährlich. Erdrutsche führen zu tödlichen Ver-
Diese Erze befinden sich im östlichen Teil des letzungen. Gegen die Unternehmen Apple,
Kongos auf einer Fläche von etwa 1.500 km Tesla, Google, Dell und Microsoft wird derzeit
von Norden nach Süden. Ursprünglich war in Washington ein Prozess geführt. Eine inter-
ihr Abbau industriell geprägt. Er ist seit Ende nationale Anwaltsvereinigung setzt sich für 14
der 1980er Jahre industriell und handwerk- kongolesische Familien ein, deren Kinder in
lich. Im Vergleich zu Kobalt, das nur zu 20 den Kobaltminen starben, behindert, verletzt
Prozent handwerklich gewonnen wird, wird oder ausgebeutet wurden.
Coltan hauptsächlich handwerklich abgebaut. Kinder arbeiten zu lassen, als wären sie Er-
Männer, Frauen und Kinder arbeiten in den wachsene, ist ein eklatanter Verstoß gegen die
Minen, um die Rohstoffe unter unmensch- Kinderrechtskonvention. Hinzu kommt, dass
lichen, gesundheitsgefährdenden Bedin- Mädchen sexueller Gewalt ausgesetzt sind und
gungen und zu niedrigen Löhnen zu fördern. Kinder als Kindersoldaten eingesetzt werden,
Aktuelle und verlässliche Statistiken sind um die Bodenschätze zu sichern, mit denen
schwer zu erhalten, vor allem im Nordosten, die Rebellenführer ihre Geschäfte finanzieren.
wo es viele bewaffnete Gruppen gibt. UNICEF Der Hightech-Boom seit Ende 1990 hat zu
schätzte 2014, dass rund 40.000 Mädchen einem enormen Bedarf an strategischen Roh-
und Jungen in den Minen im Südkongo arbei- stoffen geführt, die im Ostkongo zu findenKINDERARBEIT
sind. Seitdem gibt es immer wieder Kriege und bewaffnete Konflikte, in
die auch die Nachbarländer Burundi, Ruanda und Uganda involviert sind.
Ein Bewusstsein für diese problematische Verstrickung unserer Handys
versucht neben dem katholischen Hilfswerk missio auch das Bildungspro-
jekt „Von der Produktion bis zur Elektroschrottdeponie – Dein Smartphone
heute und morgen“ des münsterschen Weltladens la tienda zu schaffen.
Ziel des Projektes ist es, das öffentliche Bewusstsein für Ungerechtigkeiten
im Welthandelssystem im Sinne der Ziele für nachhaltige Entwicklung
der Vereinten Nationen (SDGs) zu wecken. In Kooperation mit dem Insti-
tut für Didaktik der Geographie der Westfälischen Wilhelms-Universität
Münster wurden Workshops für Schulklassen der Jahrgangsstufen 8 bis 12
erarbeitet und erprobt. Am Beispiel des Smartphones werden Problema-
tiken, wie der Rohstoffabbau in Kongo im Zusammenhang mit der Wert-
schöpfungskette näher veranschaulicht. Es sind insgesamt vier verschie-
dene Workshopkonzepte entstanden – zur globalen Wertschöpfungskette
des Smartphones, zum Kupferabbau in Chile und zum Rohstoffabbau in
Kongo.
Auch die Handy-Aktion NRW ist ein wichtiger Schritt für den Schutz von
Menschenrechten und unserer Umwelt. Ihre Wirkung findet auf vier Ebe-
nen statt.
1. Beteiligung von Telekom und Teqcyle am fachgerechten Recycling von
Althandys. Die Telekom kümmert sich um die Überprüfung des Zu-
stands, die Löschung der Daten und die Reparatur der Handys, die noch
brauchbar sind. Nicht mehr brauchbare Handys werden zur Rückge-
winnung bestimmter Rohstoffe (Kupfer, Gold, Eisen und teilweise Pla-
tin) an Teqcyle (München) geschickt. Für jedes alte Handy erhält die
Sammelaktion 50 Cent.
2. Mit dem Erlös aus der Sammlung werden drei Projekte zum Schutz der
Menschenrechte finanziert, darunter „Gitarren statt Gewehre“ in Kon-
11
go. Um Kindersoldaten wieder einzugliedern, erhalten sie eine Ausbil-
dung im Gitarrenbau.
3. Die Handy-Aktion hat sehr viele Menschen erreicht. Familien, Schulen,
Firmen, Kirchen (Kirchenkreise und -gemeinden), Unternehmen sowie
soziale und politische Einrichtungen sammeln mit.
4. Gesellschaftliche Anerkennung. 2020 hat der Rat für Nachhaltige Ent-
wicklung der Handy-Aktion NRW einen Preis verliehen. Sie war eines
der 40 Siegerprojekte, die bundesweit zum „Projekt Nachhaltigkeit
2021“ gewählt wurden.
Im Jahr 2021, das zum Internationalen Jahr zur Abschaffung der Kinderar-
beit erklärt wurde, ist die Teilnahme an der Handy-Aktion wichtiger denn je.
In jedem Handy sieht man menschliche Gesichter, die arbeiten, insbesonde-
re Kinder, bei Abbau von Rohstoffen, die in die Produkte eingehen, die wir
konsumieren. Dieser Sichtweise führt zu Bewusstsein über die Menschen-
rechtsverletzung und zum Engagement für den Kinderrechtschutz.
Informationen
Dr. Jean-Gottfried Motumbo www. handyaktion-nrw.de
Regionalpfarrer
Amt für Mission, Ökumene und kirchliche WeiterentwicklungKINDERARBEIT
Zerstörte Kinderseelen
Kinderprostitution
Projekte in Südafrika, Tansania, Prostitution hält sich nicht an solche
Kongo und in Indonesien gefördert, Verbote, sie geht weiter. Jetzt aber
die die Prävention mit oft beschei- eben im Verborgenen, sodass Sozial-
denen Mitteln vorantreiben. arbeiterinnen und Streetworker den
direkten Draht zu den Opfern nur
Kinderprostitution ist ein weites über Umwege aufnehmen können.
Feld. Fast ausnahmslos aber ist klar:
Kein Kind macht irgendetwas frei- Es gibt selbstverständlich auch die
willig in dieser Hinsicht, alle werden Online-Beratung für Kinder und
dazu gezwungen. Aber Kinder sind Jugendliche, die sich auf diese Wei-
viel mehr als Erwachsene emotional se direkt an die Beratungsstellen
und körperlich von anderen abhän- wenden können. Streetworkerinnen
gig. Das macht sie umso verwund- und Streetworker haben in den
barer. Täterinnen und Täter wissen vergangenen Monaten festgestellt,
genau, wie sie sich die Kinder und dass es gegenüber Vor-Coronazeiten
Jugendlichen gefügig machen. Die doch mehr minderjährige Prostitu-
Die gegenwärtigen Debatten um Muster sind fast immer gleich. Am ierte gibt. Diese haben darüber hi-
Missbrauch in der katholischen Ende stehen immer zerstörte Kin- naus auch einen schwereren Stand,
Kirche (ehrlicherweise muss auch derseelen. sie sind einem erhöhten Druck von
die evangelische mitgenannt sein) Freiern ausgesetzt, die ihre Notlage
lassen auch die Frage nach Kinder- Das war schon vor der Corona-Pan- natürlich schamlos ausnutzen wol-
prostitution in den Fokus rücken. demie so. Die weltweiten Lockdo- len.
Diese besonders schweren Ver- wns haben freilich die Lage für die
12 brechen an Kindern hat es zwar
schon immer gegeben, sie gelten
Betroffenen verschärft. Zum Bei-
spiel sind in Deutschland die Ord-
In den vielen Diskussionen um
Öffnungen des öffentlichen Lebens
zugleich weltweit als Tabu. Inter- nungsämter vollständig mit der Ver- werden die missbrauchten Kinder
national agierende Verbrechersyn- folgung der Infizierten und deren und Jugendlichen sicherlich nicht
dikate haben es durch die sozialen Umfeld beschäftigt, da gibt es kaum an erster Stelle stehen. Und doch
Medien heute leichter, unkontrolliert Überprüfungen von Bordellen oder sind sie in besonderem Maße Opfer
aufzutreten und Kinder beziehungs- entsprechenden Orten, vielleicht der weltweiten Lage.
weise Jugendliche auszubeuten, in oberflächlich auf Hygienemaß-
diesem Fall für immer zu zerstören. nahmen. Aber ob beispielsweise Es ist Zeit, sie in den Blick zu neh-
minderjährige Mädchen irgendwo men.
Der Arbeitskreis gegen Kinderpro- versteckt ausgebeutet werden, wird
stitution in der Evangelischen Kir- kaum entdeckt werden. Pfarrer Martin Domke
che von Westfalen (Ak-KiPro) ist Leiter des Eine Welt Zentrums
ursprünglich als ein westfälischer Die meisten Beratungsstellen von Herne
Ableger der internationalen Orga- Caritas oder Diakonie und anderen
nisation ECPAT (End Child Prosti- Organisationen gehen auch davon
tution Action Network) entstanden. aus, dass das Abgleiten in die Illega-
Er hat sich zunächst eher auf die lität, das bereits angefangen hat, sich
Folgen des Sextourismus konzen- nach der Aufhebung der Maßnah-
triert, dann aber immer mehr Part- men nicht so einfach wieder wird
nerorganisationen gestärkt, die sich zurückdrehen lasse. Die Möglich-
in Ländern des globalen Südens der keiten, Kindern und Jugendlichen
Vorbeugung gegen die sexuelle Aus- mit wirksamen Mitteln helfen zu
beutung von Kindern und Jugend- können, schwinden je länger die
lichen widmen. So hat der AkKiPro Kontaktverbote bestehen. Denn dieKINDERARBEIT
Lieferkettengesetz soll Menschenrechte fördern
Kinderarbeit auf Kakaoplantagen in Westafrika
men, welches zumindest das Aller-
notwendigste wie Nahrungsmittel,
Gesundheitsversorgung, Schulbe-
such, Transport, Kommunikation
und kleine Rücklagen abdeckt.
Um die Einkommen auf dieses Ni-
veau zu heben, zahlen zum Beispiel
Fairtrade oder Rainforest Allian-
Kontakt
ce Prämien über den Weltmarkt-
Isabellhinaus.
preis UllrichBislang reichen diese
koordination@saubere-kleidung.de
aber bei weitem nicht aus, um ein
www.saubere-kleidung.de
existenzsicherndes Einkommen zu
garantieren, und höhere Prämien
Im Herbst 2020 wurde eine neue chend hohes Einkommen zu erzie- lassen sich am Markt nicht durch-
Studie über die Zahl der im Kakao- len und so auch angemessene Löhne setzen. Dabei würde selbst eine Ver-
sektor arbeitenden Kinder veröffent- zahlen zu können. Diese Argumen- doppelung des Kakaopreises durch
licht. Demnach arbeiten in der Côte tation ist allerdings nicht stichhaltig, höhere Prämien pro Tafel Vollmilch-
d’Ivoire (Elfenbeinküste) und Ghana denn die Rechnung stößt auf zwei schokolade nur wenige Cent kosten.
knapp 1,6 Millionen Kinder im Ka- große Hindernisse:
kaosektor unter Bedingungen, die Dennoch scheuen viele Unter-
ihnen schaden. Diese beiden Län- Um die Produktivität zu steigern, nehmen diese wenigen Cent. Der
der sind die wichtigsten Kakaopro-
duzenten weltweit, etwas mehr als
müssten Bäuerinnen und Bauern
erheblich in ihre Plantagen inves-
Preiskampf auf den Supermarktre-
galen ist hart, und ein großer Teil
13
die Hälfte des Kakaos wird dort an- tieren, wofür den meisten schlicht der Schokolade wird über Sonder-
gebaut. Die Arbeit führt dazu, dass das Geld fehlt. Darüber hinaus führt angebote verkauft. Viele namhafte
der Schulbesuch be- oder verhindert eine deutliche Steigerung der Pro- Schokoladenunternehmen fordern
wird und gefährdet die Gesund- duktivität zu höheren Erntemengen inzwischen ein Einschreiten des
heit der Kinder: Sie erleiden Verlet- und damit zu einem Überangebot Gesetzgebers. Dieser soll über ein
zungen bei der Arbeit, sie tragen zu an Kakao. Die Folge wären sinkende Lieferkettengesetz vorschreiben,
schwere Lasten und fast ein Drittel Kakaopreise. Dabei ist der niedrige dass alle Unternehmen in ihrer Lie-
kommt mit Pestiziden in Berüh- Kakaopreis, der in den letzten Jahr- ferkette Menschenrechte beachten
rung. Die Datenerhebung fand vor zehnten inflationsbereinigt dras- müssen. Dazu gehören existenzsi-
der Coronakrise statt, sodass davon tisch gefallen ist, eine Hauptursache chernde Einkommen und Löhne.
auszugehen ist, dass die Zahl der ar- für die Armut im Kakaosektor. Die Bundesregierung hat einen Ent-
beitenden Kinder seither noch deut- wurf für ein Lieferkettengesetz vor-
lich gestiegen ist. Zwar können die Anbaumethoden gelegt. Dies ist ein erster wichtiger
von Bäuerinnen und Bauern in der Schritt. Aber das Gesetz genügt aus
Dass dies ein unhaltbarer Zustand Tat verbessert werden, sie benötigen menschenrechtlicher Perspektive
ist, sehen die Unternehmen ein. zudem eine bessere Unterstützung nicht den Anforderungen.
Viele der Unternehmen vertreten durch ihre jeweiligen Regierungen.
die Ansicht, Hauptursache für die Aber das allein wird nicht reichen. Friedel Hütz-Adams
Probleme sei eine zu geringe Pro- Aus der Perspektive des SÜD- Wissenschaftlicher Mitarbeiter am
duktivität. Daher fordern sie, dass WIND-Institutes ist daher ein Kakao- SÜDWIND-Institut
Bäuerinnen und Bauern langfri- preis notwendig, der ein existenzsi-
stig mindestens doppelt so viel pro cherndes Einkommen ermöglicht. Informationen
Hektar ernten sollen, um ein ausrei- Darunter verstehen wir ein Einkom- www.lieferkettengesetz.deFAIRER HANDEL
Süß statt bitter
Orangen ohne Sklaverei und ohne Gift
Arbeitsverträgen und zahlt ihnen
Tariflöhne sowie Sozialbeiträge.
Der Verein erhält Orangen nur von
Öko-Betrieben und organisiert den
Verkauf an Bioläden und Gruppen
solidarischen Konsums.
Auch die Waldenserkirche in Ita-
lien, eine Partnerkirche der west-
fälischen Landeskirche, setzt sich
für die Wanderarbeiter ein – im
Rahmen des Programms Mediter-
ranean Hope. „Kalabrien und das
Gebiet von Rosarno sind eines
der am stärksten benachteiligten
Gebiete Europas. Das organisier-
te Verbrechen dort kontrolliert oft
mit Gewalt wichtige Bereiche der
Von Anfang Dezember bis März ka- Ohne die Erntehelfer aus Sub- Politik und Wirtschaft“, berichtet
men im Rahmen der “Orangen-Ak- sahara-Afrika würde die ohnehin Paolo Naso, Koordinator von „Me-
tion” etwa 47 Tonnen öko-fairer schwache kalabrische Wirtschaft diterranean Hope“. „Wir verhelfen
Orangen aus Kalabrien nach zusammenbrechen. Die Abneh- denjenigen, die ausgegrenzt sind,
Westfalen, ins Ruhrgebiet und mer der Früchte sind multinatio- zu ihren Menschenrechten. Wir
14 an den Niederrhein. Sie wurden
über Weltläden, Kirchen- und
nale Konzerne und Handelsketten.
Sie diktieren den Bauern die Prei-
möchten zeigen, dass ein anderes
Kalabrien existiert, dass die Mafia
Pfarrgemeinden, Kirchenkreise, se, die nicht einmal die Produk- sowie auch Ausbeutung überwun-
Naturkostläden, Kitas und diako- tionskosten decken. So bezahlen den werden können."
nische Einrichtungen verkauft oder große Handelsketten nur 12 Cent
verteilt. Geliefert wurden die Oran- pro Kilogramm Orangen. Die Pro- So geht ein Teil des Erlöses der
gen von „SOS Rosarno“, einem duktionskosten liegen bei minde- Orangen-Aktion an das Projekt
Verein, der die Menschen- und Ar- stens 20 Cent/kg. Deshalb haben „Lichter auf Rosarno“ von „Me-
beitsrechte der Erntehelfer in Süd- die Bäuerinnen und Bauern nur diterranean Hope“: Die Erntehel-
italien stärkt. zwei Möglichkeiten: entweder die fer werden auf dem Weg zu ihrem
Früchte auf den Plantagen verfau- Arbeitsplatz, den Plantagen, häufig
Von November bis April helfen len zu lassen oder die Tagelöhner Opfer von Verkehrsunfällen, weil
rund 2.500 Wanderarbeiter, meist auszubeuten. ihre Fahrräder unbeleuchtet sind.
afrikanische Geflüchtete, bei der In dem Projekt werden ihre Fahr-
Orangenernte in und um Rosar- Überall in Südeuropa schuften räder mit Lampen ausgestattet und
no, eine Kleinstadt in Kalabrien. Migranten für Hungerlöhne auf in ihren Zeltsiedlungen Solarlam-
Sie arbeiten als Tagelöhner auf den Obst- und Gemüseplantagen. Die- pen installiert. Ein Teil des Erlöses
umliegenden Plantagen für etwa 25 se moderne Sklaverei ist eine Folge aus dem Orangenverkauf wird für
Euro am Tag. Kein Lohn, von dem des globalen Wettbewerbs. Doch in dieses Projekt verwendet.
man anständig leben, geschweige Rosarno entstand eine Keimzelle Für Anfang Dezember 2021 ist die
denn eine Miete bezahlen könnte. des Widerstands: Eine Gruppe von nächste Orangen-Aktion geplant.
Die Erntehelfer hausen bei Kälte in Aktivisten, Landwirten und Ernte-
Zelten oder Containern unter er- helfern gründete den Verein „SOS Katja Breyer
bärmlichen und menschenunwür- Rosarno“. „SOS Rosarno“ beschäf- Amt für Mission, Ökumene und
digen Bedingungen. tigt die Migranten mit regulären kirchliche WeltverantwortungFAIRER HANDEL
Faire Orangen aus Kalabrien so weit das Auge reicht
Beispielhafte Aktivitäten aus Recklinghausen, Lippstadt
und Rheine
Drei Gruppen, die an der Orangen- gerechnet. So bestellten Pfarreien, schmack erfreuten, gab es nicht
aktion beteiligt sind, haben dem
Info-Dienst ihre Erfahrungen mit-
Kindertagesstätten, die Stadt und
etliche Privatpersonen insgesamt
unbedingt Bewusstsein dafür,
dass die süßen Früchte für die
15
geteilt – alle drei sind überwältigt 90 Kisten. Allen waren die Arbeits- Menschen, die sie anbauen und
von der Qualität, dem Geschmack bedingungen wichtig, unter denen ernten, das Leben oft sehr bitter
und dem Absatz, den sie erzie- die Früchte geerntet werden.“ machen. Das änderte sich schlag-
len. „An eine große Aktion hatte Auch Margot Bell, Pfarrerin im Ru- artig durch „SOS Rosarno“ – auch
ich nicht gedacht, als im Herbst hestand in Lippstadt, ist überwäl- in Lippstadt und Umgebung.“ So
2020 die Anfrage kam, ob ich be- tigt von dem enormen Zuspruch kaufte nicht nur der Evangelische
reit sei, Orangen aus Kalabrien zu aus der Bevölkerung: „Als in der Kirchenkreis Soest-Arnsberg fast
bestellen. Eher hatte ich an eine letzten Vorweihnachtszeit Oran- 2.000 Kilogramm Orangen, die Su-
kleine Solidaritätsaktion gedacht. gen wieder mit ihrem süßen Ge- perintendent Dr. Manuel Schilling
Die Mindestbestellmenge von fünf
Kisten Orangen (das sind 50 Kilo-
gramm) erschien mir schon ziem-
lich hoch zu sein“, berichtet Maria
Voß von der Arbeitsgemeinschaft
der Eine-Welt-Kreise im Stadtko-
mitee der Katholiken in Reckling-
hausen. Erste zaghafte Anrufe
bei Bekannten brachten Überra-
schendes: Eine Kiste Orangen war
für die meisten kein Problem. „In
den nächsten Tagen brach dann
eine Welle von Bestellungen über
mich herein. Damit hatte ich nichtFAIRER HANDEL
son im Herbst freuen“, sagt Mar-
got Bell. Es scheint den Menschen
in Lippstadt nicht egal zu sein, wie
die Dinge, die sie konsumieren, er-
zeugt und vermarktet werden.
„Da wir so viele positive Rückmel-
dungen und Nachfragen nach fair
gehandelten Orangen hatten, ha-
ben wir beschlossen, uns im Fe-
bruar 2021 erneut an der Aktion
zu beteiligen,“ erklärt Pfarrerin im
Ruhestand Kerstin Hemker, Bot-
schafterin für Brot für die Welt. Ge-
meinsam mit der Aktionsgemein-
schaft Solidarische Welt (ASW e.V.)
in Rheine, wurden im vergangenen
Dezember allein für Rheine 220
Kilogramm Bio-Orangen von der
Genossenschaft „SOS Rosarno“
im italienischen Kalabrien bezo-
gen. „Toll, dass wir beim zweiten
Mal fast 400 Kilogramm bestellen
konnten. Nicht nur Mitglieder un-
seres Vereins haben sich beteiligt,
sondern auch Vertreter aus evange-
lischen und katholischen Kirchen-
gemeinden sowie Mitglieder aus
16 dem Forum für Menschenrechte
und Nachhaltigkeit und dem Chor
Signale“, freut sich auch Michael
Remke-Smeenk, Vorsitzender der
ASW Rheine. Die Aktion sei ein
Beispiel für die Forderung nach
einer Sorgfaltspflicht von Unter-
nehmen in der Lieferkette von
Produkten, wie sie auch das Euro-
paparlament unterstützt, ist sich
Beate Steffens, Aktion Humane
Welt Rheine, sicher.
Maria Voß weiß schon jetzt: „Bei
der nächsten Aktion im Herbst
2021 wollen wir wieder dabei sein.
Damit das gelingen kann, wer-
den wir versuchen, Strukturen zu
zusammen mit vielen Helfenden städter Unverpacktladen Granél. schaffen, damit Bestellung, Vertei-
zu Weihnachten an die Gemeinden „Fast alle Erstkundinnen und -kun- lung und Rechnungsstellung auf
verteilte, sondern auch sehr viele den aus Lippstadt, Soest, Werl und mehrere Schultern verteilt werden
Lippstädterinnen und Lippstädter Umgebung sind zu Stammkunden können und damit eine komplika-
wollten das Projekt spontan un- geworden und es kommen stän- tionslose Abwicklung der Aktion
terstützen und kauften ein großes dig weitere dazu, die sich nach möglich wird.“
Kontingent an Orangen im Welt- der jetzt erstmal letzten Lieferung
laden Lippstadt und in dem Lipp- schon auf den Start der neuen Sai- Gundis Jansen-GarzFAIRER HANDEL
Buchtipp
Gilles Reckinger:
Bittere Orangen – Ein neues Gesicht
der Sklaverei in Europa
Auf Lampedusa hat man sie an Land gehen sehen, er-
schöpft und traumatisiert von der Flucht. Viele der Men-
schen aus afrikanischen Ländern, die ihre Hoffnung
auf ein freies Leben in Europa gesetzt hatten, sind nie
aus Italien herausgekommen. Sie stecken fest in einer
neuen Sackgasse: den süditalienischen Orangenplanta-
gen. Während ihrer Asylverfahren stehen Geflüchtete
in Italien ohne Papiere und ohne Rechte buchstäblich
auf der Straße. Die nahen Plantagen sind oft ihre ein-
zige Chance auf einen Job. Offen verachtet von der Be-
völkerung, untergebracht in Slums und fern jeder me-
dizinischer Versorgung pflücken sie zwölf Stunden am
Tag Orangen. Für 150 Euro im Monat – sofern sie das
Glück haben, morgens auf dem „Arbeitsstrich" aufge-
lesen zu werden.
Gilles Reckinger ist immer wieder nach Rosarno, eine
kleine Stadt in Italiens Stiefelspitze, gereist, um die Ar-
beits- und Lebensbedingungen der migrantischen Ern-
tehelfer zu dokumentieren. In vielen Gesprächen ist er
den Menschen nahe gekommen, die festgesetzt sind in
17
extremer Prekarisierung ohne jede Option. Nicht ein-
mal die auf Rückkehr in ihr Herkunftsland.
Das Buch ist im Peter Hammer Verlag er-
schienen und kann bei der Bundeszentrale für
politische Bildung erworben werden.
Preis: 4,50 Euro, zuzüglich VersandkostenMENSCHENRECHTE
Globalisierung einer menschenwürdigen Arbeit
KAB und KönzgenHaus verstärken Bündnisarbeit
rechtigkeiten sind in der Struktur der kapita-
listischen Wirtschaftsweise „eingeschrieben“,
in der die Arbeit zur Ware und von der Person
entkoppelt wird. Es herrscht eine „strukturelle
Respektlosigkeit“ gegenüber der Würde der Ar-
beit!
Die Coronapandemie hat all das zugespitzt
und zu Tage treten lassen. Die Verteilung der
Macht und die geltenden Herrschaftsverhält-
nisse sind ungerecht.
Und das gilt für Deutschland und weltweit.
Eine „Globalisierung der menschenwürdigen
Arbeit“ ist angesichts der zunehmenden welt-
weiten Spaltung notwendiger als je zuvor. Der
Vorrang der Arbeit vor dem Kapital ist das
christliche Gegenkonzept zur neoliberalen
Aktivistin R.C. Mamani, Norbert Jansen und Agraringenieur R. Crespo Torrico
aus Cochabamba/Bolivien bei der Tagung „Postwachstum als Modell für das Globalisierung. Die KAB war immer schon
Gemeinwohl“ 2017 im KönzgenHaus. eine internationale Bewegung und das Könz-
genHaus organisiert seit einigen Jahren in-
Was ist würdige Arbeit? Was ist gerechte Ar- ternationale Tagungen, oft in Kooperation mit
beit? Diese Fragen stellt sich die Katholische entwicklungspolitischen Akteuren. Faire Ar-
18 Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) seit mehr als
100 Jahren auf dem ethischen Fundament der
beit und Gutes Leben sind weltweit ein Thema,
wie beispielsweise die Tagung 2019 mit bolivia-
christlichen Sozialverkündigung. Orientiert an nischen Partnern eindrucksvoll bestätigte.
der biblischen Botschaft und der Gewissheit,
dass Glaube und Gerechtigkeitshandeln zwei „Überleben in der Stadt“ wird Ende dieses
Seiten derselben Medaille sind, bewährt sich Jahres eine Tagung anlässlich der Adveni-
der methodische Dreischritt SEHEN-URTEI- at-Kampagne sein. Mit Akteuren innerhalb
LEN-HANDELN in der verbandlichen Praxis und außerhalb der Kirchen wird weiterhin
und leitet die Verantwortlichen im Könzgen- die Bündnisarbeit weiter verstärkt. Da die Bei-
Haus in allen Seminaren und Veranstaltungen. spiele und aktuelle Anknüpfungspunkte leider
Prekäre Arbeit, also atypische schlecht bezahl- nicht ausgehen, wird die Veranstaltungsreihe
te Beschäftigung jenseits von „Normalarbeits- „(Un-)würdige Arbeit“ weitergeführt. Mit den
verhältnissen“, nimmt zu, nicht nur in der Kampagnen zur angemessenen Bewertung
Fleischindustrie, der ambulanten Pflege, der von Sorgearbeit, zum Grundeinkommen und
Logistikbranche. Prekäre Arbeit grenzt aus Mindestlohn sowie zur Gemeinwohlökonomie
durch fehlende Rechte, ungenügende Mitbe- sind KAB und KönzgenHaus auf dem Weg
stimmungsmöglichkeiten, mangelnde Teilha- zum „Guten Leben“, aber der ist weit und stei-
be und ist zutiefst ungerecht. nig – auch in kirchlichen Zusammenhängen.
Wer profitiert davon? Die Missstände entste- Veranstaltungshinweise
hen nicht zufällig. Sie sind eine direkte Folge www.könzgenhaus.de
eines ungerechten Wirtschaftssystems, das die
rücksichtslose Gewinnmaximierung zum Cre- Norbert Jansen
do erhebt, unterfüttert und bestärkt von einer Geschäftsführer des KönzgenHauses
„teilblinden“ Wirtschaftstheorie. Die Unge- in Haltern am SeeMENSCHENRECHTE
Zwangsarbeit in Xinjiang stoppen!
China duldet massive Menschenrechtsverletzungen
Die Autonome Region Xinjiang liegt Uigurinnen und Uiguren als Ar-
im Nordwesten Chinas. Sie ist einer- beiterinnen und Arbeiter in ande-
seits ein logistisches Drehkreuz für re Provinzen Chinas transferiert.
die Eisenbahnverbindung der „Neu- Innerhalb Xinjiangs liegen die
en Seidenstraße“ nach Zentralasien Fabriken oft in der Nähe der Um-
und Europa. Andererseits ist sie erziehungslager, weil die Arbeit in
seit Jahrzehnten von Unabhängig- den Fabriken offiziell als Teil der
keitsbestrebungen und Protesten „Erziehung“ der Uiguren gilt. Wer-
der Bevölkerungsmehrheit der Ui- den Uigurinnen als Arbeitskräfte
gurinnen und Uiguren geprägt – in andere chinesische Provinzen
ein „Pulverfass“, das China für den vermittelt, leben sie in staatlichen
Erfolg der „Neuen Seidenstraße“ ‚Wohnheimen‘ auf dem Firmenge-
unbedingt ruhig halten will. Dafür lände oder in der Nähe der Firmen
nimmt China auch massive Men- unter permanenter Überwachung.
schenrechtsverletzungen in Kauf. Zur Umerziehung gehören das ihre Wertschöpfungsketten verlan-
Verbot der Religionsausübung, gen. Sie sollten nachfragen, welche
Eine neue Phase der Unterdrü- des Kontaktes zu ihren Familien Maßnahmen die Unternehmen ge-
ckung von Uigurinnen und Uiguren oder zu Freunden. Das internati- gen Zwangsarbeit unternommen
Laut Chinas Statistischem Jahr- onale Bündnis zur Abschaffung haben. Die Unterdrückung der
buch lebten im Jahr 2018 knapp 25 der Zwangsarbeit von Uigurinnen Uigurinnen und Uiguren in China
Millionen Menschen in Xinjiang. und Uiguren, dem sich mittlerwei- darf nicht durch Aufträge aus Euro-
Die größte Bevölkerungsgruppe le rund 300 zivilgesellschaftliche pa finanziert werden.
bildet die türkisch-muslimische Organisationen aus 35 Ländern,
Gruppe der Uiguren – mit rund elf
Millionen Menschen. Sie steht im
darunter das SÜDWIND-Institut,
angeschlossen haben, schätzt das
Sabine Ferenschild
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
19
Fokus der zunehmenden Unter- System so umfassend ein, dass am SÜDWIND-Institut
drückung durch den chinesischen Zwangsarbeit mit großer Wahr-
Zentralstaat. Eine stetig wachsende scheinlichkeit jede Branche in Xin-
Kontrolle der Uigurinnen und Ui- jiang betrifft und jedes Produkt,
guren und systematische Repres- das dort hergestellt wird. Lektüre
sionen werden seit etlichen Jahren In Xinjiang wird mehr als 80 Pro- SÜDWIND-Fact Sheet: Zwangs-
ergänzt durch ein System von Um- zent der chinesischen Baumwolle arbeit in Xinjiang. Europäische
erziehungslagern. In diesen wer- angebaut, also rund 20 Prozent Unternehmen profitieren von
den nach neueren Schätzungen der Weltproduktion. Zudem wur- der Unterdrückung der Uigu-
eine bis 1,8 Millionen Uiguren je- den dort massiv Spinnereien und rinnen und Uiguren
weils über Monate und Jahre fest- weitere textile Verarbeitungsstufen
gehalten und ‚umerzogen‘. ausgebaut. Es ist also sehr wahr- SÜDWIND-Blog: Zwangsarbeit
Anfang 2020 wies eine australische scheinlich, dass Zwangsarbeit in in Xinjiang stoppen!
Studie nach, dass Uigurinnen und Xinjiang Teil der Lieferketten euro-
Uiguren seit einigen Jahren nicht päischer Textilunternehmen ist. SÜDWIND-Studie: Fast Fashion
nur „umerzogen“ werden, son- auf der Seidenstraße. Von „Made
dern auch Zwangsarbeit für inter- Deshalb … in China“ zu „Managed by Chi-
nationale Wertschöpfungsketten Unternehmen, die ihre Ware in na“ (erscheint April 2021)
leisten müssen. Damit ist eine Deutschland verkaufen, müssen
neue Phase erreicht. Internationale sicherstellen, dass keine Produkte SÜDWIND-Fact Sheet: Pulver-
Unternehmen profitieren von der aus Zwangsarbeit in ihrem Ange- fass Xinjiang. Ruhe und Stabi-
Ausbeutung der internierten Men- bot sind. Verbraucherinnen und lität für die Neue Seidenstraße
schen. Zusätzlich wurden in den Verbraucher sollten von den Unter- (erscheint April 2021)
letzten Jahren mindestens 80.000 nehmen mehr Transparenz überSie können auch lesen