Internationale Jugendarbeit inklusiv gestalten - Qualifizierungsmodule: IJAB

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Internationale Jugendarbeit inklusiv gestalten - Qualifizierungsmodule: IJAB
Qualifizierungsmodule:
    Internationale Jugendarbeit
              inklusiv gestalten
Internationale Jugendarbeit inklusiv gestalten - Qualifizierungsmodule: IJAB
Für Christian Papadopoulos
                                                1973 – 2020

IMPRESSUM

HERAUSGEBER:                                             REDAKTION: Ulrike Werner, Claudia Mierzowski,
IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit        Christoph Bruners, Eike Totter
der Bundesrepublik Deutschland e.V.
Godesberger Allee 142–148, 53175 Bonn                    GESTALTUNG:
Tel: +49 (0)228 9506 0                                   Adrienne Rusch / dieprojektoren.de
vision-inclusion@ijab.de, www.ijab.de
                                                         FOTOS:
VERANTWORTLICH: Marie-Luise Dreber, IJAB                 S. 1: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de; S. 6, 8,
                                                         12, 13, 18, 21, 23, 28, 31, 34, 36, 39, 41, 43, 45, 47:
KONZEPTION UND INHALTE: Die Teilnehmenden der            Bettina Ausserhofer für IJAB; S. 15: Ulrike Werner
Internationalen Arbeits­gruppe des Projekts, die         | IJAB; S. 26, 35; 49: Kreisau-Initiative e.V.; S. 37:
VISION:INCLUSiON ­Expert*innen-Gruppe                    Jennifer Mösenfechtel | IJAB; S. 17: Villa Fohrde e.V.

AUTOR*INNEN: Karina Chupina (Module 1–4, 6), Eike        Dezember 2020
Totter (Module 5), Milanka Nikolic (Einleitungsvideos)
Internationale Jugendarbeit inklusiv gestalten - Qualifizierungsmodule: IJAB
INHALT – QUALIFIZIERUNGSMODULE

Inhalt
Einleitung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
   Zielgruppe – An wen richten sich die Module?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
   Baukasten – Wie kann mit dem Handbuch gearbeitet werden?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
   Hinweise für die Durchführung von Workshops. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
   Danksagung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5

Modul 1 – Es ist normal, verschieden zu sein:
Diversität und Inklusion als Chance für alle. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
   1. Was ist eine Behinderung?
       Was beinhaltet das soziale Modell von Behinderung?.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
   2. Was bedeutet Inklusion für Menschen mit Behinderungen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
   3. Reflexion über Normalität, Diversität und Intersektionalität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11

Modul 2 – Schritt für Schritt zu einer Kultur der Inklusion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
  1. Eine inklusive Kultur schaffen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
  2. Eine inklusive Haltung entwickeln. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
  3. Eine Vielzahl individueller Unterschiede: inklusive Gruppen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
  4. Herausforderungen bei der Arbeit mit inklusiven Gruppen meistern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
  5. Inklusionsbedarfe ansprechen – damit sich alle Mitglieder einer Gruppe wohl fühlen. . . . . 20

Modul 3 – Schritt für Schritt zu inklusiven Strukturen und Praktiken. . . . . . . . . . . . . . . . 23
  1. Entwicklung einer Inklusionsstrategie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
  2. Barrieren für die Teilhabe junger Menschen mit Behinderungen an
      Projekten der internationalen Jugendarbeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
  3. Bedarfe der Teilnehmenden verstehen und einschätzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
  4. Inklusive Ausschreibungen und Anmeldeprozess. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
  5. Unterstützungssysteme nutzen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28

Modul 4 – Vielfältige Kommunikationswege nutzen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
  1. Herausforderungen bei der Kommunikation in heterogenen ­internationalen Gruppen . . . 32
  2. Sensible Kommunikation während einer Aktivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
  3. Verwendung multisensorischer oder anderer kreativer Ansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
  4. Sprachanimation zur Unterstützung der Kommunikation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
  5. Unterstützende Systeme, Dienstleistungen und Technologien
      für die barrierefreie Kommunikation und Information. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36

Modul 5 – Ein inklusives Lernumfeld schaffen – Methoden und Abläufe anpassen. . . . 39
  1. Dialogische Räume – Eine Atmosphäre des Vertrauens und Verständnisses schaffen . . . . . . 40
  2. Reverse Engineering – Lieblingsmethoden anpassen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
  3. Grundsätze inklusiv(er)en Lernens – Schaffen Sie einen ­ganzheitlichen Rahmen. . . . . . . . . . 42

Modul 6 – Vielfalt wertschätzen – Grenzen erkennen – Unterstützung sichern . . . . . . . 45
  1. Erkennen Ihrer Fähigkeiten und Grenzen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
  2. Nutzung von unterstützenden Strukturen und Kooperationen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50

                                                                                                                                                                               3
Internationale Jugendarbeit inklusiv gestalten - Qualifizierungsmodule: IJAB
EINLEITUNG
    Das Projekt VISION:INCLUSiON hat sich zum Ziel gesetzt, dass Jugendliche mit Behinderun-
    gen oder Beeinträchtigungen ganz selbstverständlich an den Angeboten Internationaler
    Jugendarbeit teilhaben können. Dass dies in den meisten Fällen noch keine Selbstverständ-
    lichkeit ist, liegt auch daran, dass Organisationen und Initiativen, die eine inklusive internati-
    onale Begegnung planen, mit einigen Herausforderungen konfrontiert sind.

    Die in diesem Handbuch vorgestellten Qualifizierungsmodule unterstützen Organisationen,
    Initiativen und Fachkräfte beim Capacity Building für eigene inklusive Projekte. Internatio-
    nale Jugendarbeit umfasst pädagogisch begleitete Angebote, die jungen Menschen und
    Fachkräften Begegnung und Lernerfahrungen in internationalen Kontexten ermöglichen.
    Die Angebote beinhalten z.B. Jugendbegegnungen, Workcamps, Freiwilligendienste oder
    auch Fachkräfteaustausche. Die Themen der Austausche und Begegnungen können sehr
    unterschiedlich sein und orientieren sich vor allem an den Interessen junger Menschen.

    Zielgruppe – An wen richten sich die Module?
    Die Module richten sich an hauptberufliche und ehrenamtliche Fachkräfte der Jugendar-
    beit, Teamende sowie Organisationen aus dem Feld der Internationalen Jugendarbeit, die
    ihre Arbeit inklusiver gestalten möchten. Fachkräfte mit ersten Erfahrungen im Bereich der
    Inklusion erhalten neue Impulse und vertiefende Informationen. Die Inhalte beziehen sich
    in erster Linie auf eine verstärkte Teilhabe von Jugendlichen mit Beeinträchtigungen und
    Behinderungen, daneben werden aber auch allgemeine Aspekte von Diversität behandelt.

    Baukasten – Wie kann mit dem Handbuch gearbeitet werden?
    Der Qualifizierungsinhalt ist in sechs Module mit verschiedenen Schwerpunkten unterteilt.
    In diesem Handbuch finden Sie eine Beschreibung des didaktischen Prozesses der Module
    sowie grundlegende Informationen zu jedem Thema. Leser*innen der deutschsprachigen
    Version finden neben Informationen in deutscher Sprache auch ergänzende Verweise auf
    englischsprachige Materialien.

      Jedes Modul wird durch zahlreiche Materialien wie Factsheets, Übungsbeschrei-
      bungen, Checklisten, Videos und Fachtexte ergänzt. Die Materialien sind leicht
      durch den grünen Pfeil und die Symbole zu erkennen, z.B. è Factsheet 1.1.

                     Zu den Materialien gelangen Sie über diesen Link:
                     https://t1p.de/anhang (pdf-Dokument)

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Internationale Jugendarbeit inklusiv gestalten - Qualifizierungsmodule: IJAB
Die Inputs, weiterführenden Ressourcen und Materialien ermöglichen individuelles, selbst-
gesteuertes Lernen durch das Lesen und Durcharbeiten von Online-Ressourcen sowie das
Lösen kurzer Übungsaufgaben. Die Module bauen aufeinander auf. Es ist möglich, den ge-
samten Kurs zu absolvieren oder einzelne Module auszuwählen, falls gezielt ein bestimmtes
Thema vertieft werden soll.

Alternativ können Sie die Inhalte als Workshop für andere Fachkräfte oder Teammitglieder
durchführen.

      Hinweise für die Durchführung von Workshops
           ermeiden Sie Frontalunterricht bei der Bearbeitung dieser Module mit den
          V
          Teilnehmenden.
          Statt Vorträge zu halten, sollten Sie den Teilnehmenden die Möglichkeit geben,
           selbst Lernerfahrungen zu sammeln, voneinander zu lernen und mehr über
           Diversität und Behinderung herauszufinden.
           Fördern Sie Reflexion und Selbstreflexion, damit die Teilnehmenden ihre eigenen
            Schlüsse ziehen können.
            Stehen Sie zur Verfügung, um Fragen zu beantworten.
            Helfen Sie den Teilnehmenden dabei, selbst Antworten auf ihre Fragen
             zu finden.

Danksagung
Wir danken allen, die an der Entwicklung der Qualifizierungsmodule beteiligt waren: den
Expertinnen und Experten der internationalen Arbeitsgruppe, der Expert*innengruppe von
VISION:INCLUSiON und den Autor*innen Karina Chupina, Milanka Nikolic und Eike Totter.

Alle Links sind sorgfältig ausgewählt und geprüft. Trotzdem kann es passieren, dass ein Link
nicht mehr aktuell ist. Oder Sie kennen weiteres Informationsmaterial, das aufgeführt wer-
den sollte. In solchen Fällen freuen wir uns über Ihre Hinweise per E-Mail an:
vision-inclusion@ijab.de.

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Internationale Jugendarbeit inklusiv gestalten - Qualifizierungsmodule: IJAB
MODUL 1
    Es ist normal, verschieden zu sein:
    Diversität und Inklusion als Chance für alle
    # Viele Gründe für Inklusion

    Kurzbeschreibung
    Dieses Modul zeigt, wieso Inklusion ein wichtiges Menschenrecht darstellt und warum wir alle
    von einer inklusiven Gesellschaft profitieren.

          Lernziel
          Am Ende dieses Moduls werden Sie:
             wissen, weshalb der Begriff „Normalität“ fragwürdig ist und wieso Vielfalt
             die Norm darstellt,
             verstehen, dass Behinderung zur Natur des Menschen gehört,
             mehr über das politische Rahmenwerk für die Rechte von Menschen mit
             Behinderungen wissen und
             herausgefunden haben, was Inklusion von Menschen mit Behinderungen
             eigentlich bedeutet.

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Internationale Jugendarbeit inklusiv gestalten - Qualifizierungsmodule: IJAB
MODUL 1: Es ist normal, verschieden zu sein

Sehen Sie sich Lanas Einleitungsvideo an:
https://t1p.de/intro1 (YouTube)
Den Text zum Video gibt es hier: èSkript 1.0.

1. Was ist eine Behinderung?
    Was beinhaltet das soziale Modell von Behinderung?
Input                                                            derungen sind Teil der menschlichen Natur, wie
Menschen mit Behinderungen gelten als die                        viele von uns im Laufe des Leben selbst erfahren.
weltweit größte Minderheit. Laut Schätzungen                     Obwohl Behinderung oft mit dem Bild einer Per-
der Weltgesundheitsorganisation haben über                       son im Rollstuhl assoziiert wird, sind ungefähr
eine Milliarde Menschen, circa 15 % der Weltbe-                  70 % der Behinderungen nicht sichtbar4.
völkerung, irgendeine Form von Behinderung,
und nur circa 5 % davon sind angeboren1. Stel-                   Wir alle können, unabhängig davon, ob wir ei-
len Sie sich das einmal vor: Das bedeutet, dass                  nen Behindertenausweis haben oder nicht, aus
jeder siebte Mensch eine Behinderung hat.                        unterschiedlichen Gründen manchmal nicht so
                                                                 handeln, wie wir möchten. Zum Beispiel erle-
          Manche Behinderungen
                                                                 ben wir eine Beeinträchtigung, wenn wir im Su-
                  sehen so                                       permarkt einkaufen und die Angaben auf den
                oder so aus.                                     Verpackungen nicht lesen können, weil sie so
                                                                 klein gedruckt sind. Man fühlt sich gezwungen,
                                                                 etwas zu kaufen, das man nicht ganz versteht.

                       Aber viele                                Reflexion
          Behinderungen                                               Fühlen Sie sich manchmal so als hätten Sie
                     sehen auch                                       eine Behinderung? In welchen Situatio-
                 einfach so aus.                                      nen fühlen Sie sich behindert?
                                                                      Können Sie in solchen Situationen nicht so
                                                                      handeln, wie Sie möchten oder müssen?
Dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Na-
tionen zufolge leben 80 % der Menschen mit Be-                        Haben Sie Menschen mit Behinderungen
hinderungen in Entwicklungsländern2, und die                          in Ihrem Freundes- oder Bekanntenkreis
Weltbank schätzt, dass 20 % der ärmsten Men-                          (Kolleg*innen, Verwandte usw.)?
schen der Welt eine Behinderung haben3. Behin-                        Wie würden Sie Behinderung definieren?

1   
2   United Nations (2008): “Mainstreaming disability in the development agenda (E/CN.5/2008/6)”. 
3   UN DESA Factsheet on Persons with Disabilities. 
4   Invisible Disabilities Association.
Internationale Jugendarbeit inklusiv gestalten - Qualifizierungsmodule: IJAB
Während Behinderungen im medizinischen
                                                                 Modell von Behinderung als ein zu lösendes
                                                                 medizinisches Problem angesehen werden,
                                                                 unterscheidet das soziale Modell zwischen
                                                                 einer Behinderung und einer Beeinträchti-
                                                                 gung, wobei Behinderungen ein von der Ge-
                                                                 sellschaft erzeugtes Problem darstellen, die
                                                                 es nicht schafft, Barrieren für die Teilhabe be-
                                                                 einträchtigter Menschen zu entfernen. Daher
                                                                 „konzentriert sich das soziale Modell darauf,
                                                                 Barrieren zu beheben, positive Haltungen zu
    Input                                                        fördern und Gesetze und politische Leitlinien
    Es gibt keine einheitliche Definition von Be-                voranzubringen, die die Ausübung einer voll-
    hinderung. Die Definitionen unterscheiden                    ständigen Teilhabe sowie Schutz vor Diskrimi-
    sich von Land zu Land. Im internationalen                    nierung gewährleisten.“7
    Verständnis und gemäß der UN-Behinderten-
    rechtskonvention ist Behinderung das Ergeb-                  Das soziale Modell von Behinderung hat zum
    nis, das aus der „Wechselwirkung zwischen                    Menschenrechtsmodell von Behinderung ge-
    Menschen mit Beeinträchtigungen und                          führt, demzufolge Menschen mit Behinderun-
    einstellungs- und umweltbedingten Barrie-                    gen die gleichen Menschenrechte wie allen
    ren entsteht, die sie an der vollen, wirksamen               anderen zustehen und sie in der Lage sind,
    und gleichberechtigten Teilhabe an der Ge-                   selbst über ihr Leben zu entscheiden.
    sellschaft hindern.“5 Unter dem Begriff „Beein-
    trächtigungen“ wird hier der Verlust oder eine               Die UN-Konvention fordert eine Umsetzung
    Störung einer mentalen, physiologischen oder                 der Inklusion in allen Lebensbereichen. Lesen
    physischen Struktur oder Funktion, wie Läh-                  Sie mehr über die wichtigsten Grundsätze der
    mung oder Blindheit, verstanden.                             UN-Konvention und warum sie auch die Inter-
                                                                 nationale Jugendarbeit betreffen.
    Gemäß der UN-Konvention zählen zu den Men-                   è Factsheet 1.2.
    schen mit Behinderungen Personen, „die lang-
    fristige körperliche, seelische, geistige oder Sin-          Sehen Sie sich die folgenden Videos zum sozi-
    nesbeeinträchtigungen haben […].“ Inwiefern                  alen Modell an, um nachzuvollziehen, mit wel-
    diese Beeinträchtigungen eine Person behin-                  cher Art von Barrieren Menschen mit Behinde-
    dern, hängt jedoch von den Arten der Barri-                  rungen in ihrem Alltag konfrontiert werden:
    eren ab, mit denen sich die Menschen in der
    Gesellschaft konfrontiert sehen.6                                            https://t1p.de/barr1
    Beispiele von Barrieren è Factsheet 1.1.                                     (in Englisch, YouTube)

    Die Behinderung entsteht durch die Weise,
    in der die Gesellschaft auf die Beeinträch-                                  https://t1p.de/barr2
    tigung reagiert. So wird Behinderung im                                      (in Englisch, YouTube)
    sozialen Modell von Behinderung definiert.

    5   Präambel (5) Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) (2008)
        vom 13. Dezember 2006. In: Bundesgesetzblatt 2008 Teil II Nr.35, S. 1419-1457.
    6   Artikel 1 Satz 2 UN-BRK (2008).
    7   Council of Europe: “Disability and Disabilism.” 

8
Internationale Jugendarbeit inklusiv gestalten - Qualifizierungsmodule: IJAB
MODUL 1: Es ist normal, verschieden zu sein

Viele dieser Barrieren existieren aufgrund von                      Übung:
Unkenntnis oder Angst vor Behinderung. Wir                          Was ist Ausgrenzung und
tendieren dazu, Angst vor dem Unbekannten                           wie fühlt sie sich an?
zu haben. Manchmal fällt es schwer, die Welt                        Unter sozialer Ausgrenzung wird in der Regel
aus der Perspektive von Menschen mit Behin-                         verstanden, dass Menschen an einer vollstän-
derungen zu sehen.                                                  digen Teilhabe am wirtschaftlichen, sozialen,
                                                                    politischen und kulturellen Leben gehindert
Was sind die häufigsten Mythen zum Thema                            werden. Was bedeutet Ausgrenzung für Men-
Behinderung?                                                        schen mit Behinderungen? Führen Sie diese
                                                                    kurze Übung durch. Übertragen Sie das Ge-
                 “Basic Myths about Disability”                     lernte anschließend auf die Realität und dis-
                 (Huffpost) https://t1p.de/Mythen                   kutieren Sie echte Beispiele und Barrieren.
                 (Englisch)                                         è Übung 1.3.

2. Was bedeutet Inklusion für Menschen mit Behinderungen?
Input:                                                              Die Inklusion geht von einem Gesellschafts-
Das soziale Modell ist die Grundlage für die In-                    system aus, in dem keine als Norm gelten-
klusion von Menschen mit Behinderungen. Es                          den Regelstrukturen mehr vorherrschen. Die
spiegelt das Motto der Behindertenbewegung                          Rahmenbedingungen sind so gestaltet, dass
„Nichts über uns ohne uns“ wider, das aussagt,                      sich jeder Mensch mit seinen individuellen
dass jegliche Entscheidungen über das Leben                         Besonderheiten und Bedürfnissen einbringen
von Menschen mit Behinderungen mit ihrer                            kann, ohne Anpassungsleistungen erbringen
Beteiligung getroffen werden müssen – und                           zu müssen. Inklusion beschreibt eine Gesell-
nicht von Expert*innen oder medizinischen                           schaft, in der Vielfalt die anerkannte Norm ist. 9
Fachkräften, die die Kontrolle über ihr Leben
übernehmen.                                                         Die Inklusion von Menschen mit Behinderungen
                                                                         sollte proaktiv und bedingungslos er-
Um die Begriffe Integration und Inklusion, die                           folgen – idealerweise, bevor ein Bedarf
besonders im deutschsprachigen Raum häufig                               geäußert wird,
noch synonym verwendet werden, voneinan-
                                                                         ist mehr ist als ein bloßer Zusatz oder ein
der abzugrenzen, kann das folgende Schau-
                                                                          Entgegenkommen,
bild hilfreich sein.8

8   Kreisau-Initiative e.V. (Hrsg.) (2013): Alle anders verschieden. BHP Verlag, p.9.
9   IJAB (Hrsg.) (2017): VISION:INKLUSION Eine Inklusionsstrategie für die Internationale Jugendarbeit, S.11-12.

                                                                                                                               9
Internationale Jugendarbeit inklusiv gestalten - Qualifizierungsmodule: IJAB
erfordert einen kompletten System­
                                                        keits-Ansatz stellt fest, dass manche Menschen
         wandel und nicht nur eine Systeman­
                                                        einen größeren Nachteil als andere haben, und
         passung (letzteres wäre Integration, nicht
                                                        versucht, diese Nachteile durch zusätzliche
        ­Inklusion),
                                                        Unterstützung auszugleichen, auch wenn das
        verlangt mehr als die Entfernung von Bar-       bedeutet, dass die Ressourcen unterschiedlich
        rieren und Risikofaktoren; Investitionen        verteilt werden. Gerechtigkeit ist eine Grund-
        und konkretes Handeln sind erforderlich,        lage für den laufenden Inklusionsprozess
        um den nötigen Rahmen für Inklusion
        und Unterstützung zu schaffen,                  Reflexion:
        bedeutet Gleichberechtigung in Bezug auf        Was kann bei Jugendprojekten unternommen
        Status, Umgang und Respekt, was jedoch          werden, damit es mehr Gerechtigkeit für Teil-
        nicht heißt, dass wir alle gleiche Leistun-     nehmende mit Behinderungen gibt?
        gen erbringen müssen. Stattdessen wird
        ein Ansatz gerechter Behandlung verfolgt.       Zum Beispiel können folgende unterstützende
                                                        Maßnahmen getroffen werden:
     Was bedeutet gerechte Behandlung? Gerech-             einfache Projektformate – mit niedrig-
     tigkeit (engl. „equity“) ist nicht dasselbe wie       schwelligem Zugang für Teilnehmende,
     Gleichberechtigung (engl. „equality“). Gerech-        die zum ersten Mal dabei sind
     tigkeit bedeutet, dafür zu sorgen, dass alle Zu-
                                                           zusätzliche Mittel – für Barrierefreiheit
     gang zu den Ressourcen und Möglichkeiten
                                                           oder ergänzendes Mentoring, persönliche
     haben sowie die Eigenverantwortung, die sie
                                                           Assistenz, Hilfsmittel
     brauchen, um ihr volles Potenzial auszuschöp-
     fen (SALTO-YOUTH Inclusion, 2014). Bei dem            zusätzliche Unterstützung – sprachliche
     Gerechtigkeits-Ansatz werden ungerechte               Unterstützung, ein Planungsbesuch vor-
     Unterschiede berücksichtigt, um einen fairen          ab bei der ausrichtenden Organisation,
     Prozess zu gewährleisten und schließlich ein          weitere Gruppenleiter*innen usw.
     gerechtes Ergebnis zu erzielen. Der Gerechtig-

     Gleichberechtigung oder Gerechtigkeit? – Equality versus Equity von Craig Froehle

10
MODUL 1: Es ist normal, verschieden zu sein

Input:                                                                 ist eine Form der Unterdrückung, ver-
Eine häufige Fehlannahme ist, Barrierefreiheit                          gleichbar mit Rassismus, Sexismus und
mit Inklusion gleichzusetzen. Doch dem ist nicht                        Homophobie,
so. Die Barrierefreiheit ist ein nötiger Schritt auf
                                                                       ist institutionalisierte Diskriminierung
dem Weg hin zur Inklusion, ersetzt diese jedoch
                                                                        oder persönliches Vorurteil,
nicht. Tatsächlich stellt Barrierefreiheit für Men-
schen mit Behinderungen eine Grundvorausset-                           erfolgt oft unbewusst.
zung für gesellschaftliche Teilhabe auf Augen-
höhe dar. Wie eine Behindertenrechtsaktivistin                     Ein Beispiel für Behindertenfeindlichkeit ist die
sagte: „Barrierefreiheit ist schön, aber nicht alles.              sogenannte „Inspirationspornographie“. Falls
Ich war schon an vielen barrierefreien Orten mit                   Sie Stella Youngs Video zu dem Thema noch
einer dürftigen Einstellung.“                                      nicht gesehen haben, klicken Sie bitte hier:
Hier sind einige Beispiele einstellungsbe-
dingter Barrieren: è Factsheet 1.4.                                                 “I am Not Your Inspiration,
                                                                                    Thank You Very Much”:
Inklusion bedeutet die Bedürfnisse eines je-                                        https://www.youtube.com/
den Menschen zu respektieren. Um eine tat-                                          watch?v=8K9Gg164Bsw
sächliche Inklusion von Menschen mit Behin-                        (Englisch)
derungen zu erreichen, muss eine Umgebung
geschaffen werden, in der vollständige Teilha-                     Viele meinen, dass behinderte Menschen vor
be möglich ist und jegliche in der Gesellschaft                    allem mit ihren Behinderungen oder den Fol-
verankerten, behindertenfeindlichen Haltun-                        gen ihrer Beeinträchtigung zu kämpfen haben,
gen eliminiert werden.                                             dabei stellt für viele behinderte Menschen die
                                                                   Behindertenfeindlichkeit in der Gesellschaft
Inklusion = Barrierefreiheit +                                     die größte Barriere für die Inklusion dar.
Gerechtigkeit + Einstellung + Teilhabe +
Nichtdiskriminierung                                               Übung:
                                                                   Diese Übung in Form einer Debatte stößt die
                                                                   Teilnehmenden dazu an, aktiv über Behinde-
Behindertenfeindlichkeit                                           rung und Inklusion zu reflektieren, Stereotype
    ist diskriminierendes, repressives, miss-                      zu entlarven, unterschiedliche Meinungen zu
     bräuchliches Verhalten, das aus dem                           respektieren und sich in Empathie zu üben.
     Glauben heraus entsteht, dass behinderte                      è Übung 1.5.
     Menschen minderwertiger als andere sind,

3. Reflexion über Normalität, Diversität und Intersektionalität
Input:                                                             wählte Eigenschaften, ohne die Menschen als
Normalität                                                         Ganzes, einschließlich ihrer unterschiedlichen
Unsere Wahrnehmung dessen, was normal                              Identitäten zu betrachten. Inklusion verlangt
ist, hat sich im Laufe der Zeit verändert. Soge-                   jedoch einen Paradigmenwechsel hin zu ei-
nannte „Normalität“ wird von mächtigen Men-                        ner Gesellschaft, in der Vielfalt die akzeptierte
schen in Schlüsselpositionen definiert. Der                        Norm darstellt.10
Begriff reduziert Personen auf wenige ausge-

10 IJAB (Hrsg.) (2017): VISION:INKLUSION Eine Inklusionsstrategie für die Internationale Jugendarbeit.
                                                                                                                            11
Diversität
     Der Begriff Diversität spiegelt die Struktur
     heutiger Gesellschaften wider. Er umfasst eine
     Spannbreite ethnischer, religiöser und kultu-
     reller Identitäten sowie eine Vielzahl körperli-
     cher, sensorischer, geistiger und psychischer
     Fähigkeiten sowie sexueller Orientierungen.
     Für manche ist Diversität eine gesellschaftli-
     che Tatsache, für andere möglicherweise das
     gewünschte Ergebnis einer konkreten Maß-
     nahme, wie die Förderung von Diversität in                        und haben Auswirkungen auf die Erfahrungen
     der Belegschaft. Multikulturelle Ansätze, die                     eines Menschen. Darüber hinaus führen sie zu
     ausschließlich auf ethnische Minderheiten                         ungleichen Situationen, die sich nicht nur auf
     abzielen, werden zunehmend durch ein allge-                       eine Dimension zurückführen lassen.
     meineres Verständnis von Verschiedenheit er-
     setzt. Alle können Teil der Vielfalt sein. Und alle               So kann es sein, dass beispielsweise Frauen
     möchten in dem Sinne divers sein, dass sie ein-                   mit Behinderungen, LGBTQI+-Geflüchtete
     zigartig sind und sich von der Masse abheben.                     oder schwarze Frauen qualitativ anders diskri-
                                                                       miniert werden als ihre männlichen, weißen
     Diversität hat viele Dimensionen, unter ande-                     und nicht-behinderten Gegenüber. Wie un-
     rem Alter, Gender, Ethnie, Nationalität, Spra-                    terschiedlich Menschen aufgrund ihrer ver-
     che, Kultur, Religion, sozialer Status, Behinde-                  schiedenen Identitäten von Diskriminierung
     rung und sexuelle Orientierung.                                   betroffen sind, wird nur selten in den Anti-Dis-
                                                                       kriminierungs-Gesetzen der EU-Mitgliedstaa-
     Übung:                                                            ten behandelt. Auf Ebene der Einzelpersonen
     Applaus für die Identitäten                                       kann das zu einer Verletzung ihres Rechts auf
     Dieser Energizer veranschaulicht, dass eine                       Gleichbehandlung führen. Auf Strukturebe-
     Identität mehr ist als Zuschreibungen, Arten                      ne können Anti-Diskriminierungs-Gesetze, in
     von Behinderung oder wahrgenommene Rol-                           denen intersektionelle Diskriminierung nicht
     len und Gender. Auch gut geeignet, um eine                        berücksichtigt wird, die Diskriminierung der
     Diskussion zu Intersektionalität vorzubereiten.                   zu schützenden Personen sogar verstärken.
     è Übung 1.6.                                                      Nehmen wir die Kategorie „Frauen“: hier ist
                                                                       das Risiko systemischer Diskriminierung für
     Input:                                                            Migrantinnen, Frauen mit Behinderungen
     Intersektionalität                                                oder Roma-Frauen vergleichsweise höher. Sie
     In Europa wurde dem Begriff der Intersek-                         werden häufig von Gleichstellungsmaßnah-
     tionalität in den letzten zehn Jahren viel                        men, die sich nur auf „Gender“ als Hauptdi-
     Aufmerksamkeit geschenkt. Statt sich auf                          mension konzentrieren, ausgeschlossen, was
     einzelne Diskriminierungsdimensionen zu                           wiederum zu Gender-Ungerechtigkeit führt.11
     konzentrieren (z. B. Gender oder Ethnie oder
     Behinderung), untersucht der intersektionel-                      Warum ist Intersektionalität für die Inter-
     le Ansatz die multidimensionale Natur der                         nationale Jugendarbeit wichtig?
     menschlichen Erfahrungen und Identitäten.                         Ohne die Berücksichtigung von Intersekti-
     Hautfarbe, Gender, Behinderung und sexuel-                        onalität können Programme den konkreten
     le Orientierung beeinflussen sich gegenseitig                     Benachteiligungen und Ausgrenzungsmecha-

     11 CIJ and ENAR Report (2020): Intersectional discrimination in Europe: relevance, challenges and ways forward.

12
MODUL 1: Es ist normal, verschieden zu sein

nismen, mit denen Jugendliche mit Behinde-         Reflexion / Diskussion:
rungen zu kämpfen haben, nicht erfolgreich            Was verstehen Sie unter Inklusion? Was
begegnen. Um bei Ansätzen der Jugendarbeit            bedeutet Inklusion für unterschiedliche
inklusiv zu sein, müssen wir unsere Projekte          Menschen?
durch die Brille der Intersektionalität betrach-
                                                      Welche Vorteile bringt Inklusion mit sich?
ten und auf eine mehrfache Verwundbarkeit
achten, die das Ergebnis von mehr als einer zu-
geschriebenen oder intrinsischen Identität ist.    Übung:
                                                   Power Flowers
Sehen Sie sich dieses Video (1 Min.) zu Inter­     Füllen Sie Power Flowers aus, um Überlegun-
sektionalität und Behinderung an:                  gen zu Vor- und Nachteilen, Diskriminierung
                                                   und Privilegien anzustoßen. è Übung 1.7.
             There is No Justice without
             Disability
             https://youtu.be/3L1dUJIhexg
             (Englisch)

Reflexion (individuell oder in der Gruppe) und Transfer in die Praxis
   Inwiefern bilde ich bzw. bildet meine              Warum wird Behinderung in Diskussionen
   Organisation „Normalität“ ab?                      über Diversität oft vergessen? Wie kann
                                                      die Sichtbarkeit von Behinderung gestärkt
   Welche Gewohnheiten kann ich bzw. mei-
                                                      werden?
   ne Organisation leicht ändern?
                                                      Wie kann ich in meiner Arbeit einen inter-
   Wie würde sich das auf unterschiedliche
                                                      sektionellen Ansatz verfolgen und so die
   Personen (Teilnehmende, Teamende, Or-
                                                      unterschiedlichen Dimensionen berück-
   ganisierende, Eltern, Umfeld) auswirken?
                                                      sichtigen, die die Diskriminierung einer
                                                      Person verstärken?

                                                                                                       13
Sie wollen mehr wissen?
                   IJAB (Hrsg.) (2017): VISION:INKLU-                 Deutsches Institut für Menschen-
                   SION Eine Inklusionsstrategie für                  rechte (2020): KOMPASS Hand-
                   die Internationale Jugendarbeit,                   buch zur Menschenrechtsbil-
                   “Menschenrechtliche, jugend-                       dung für die schulische und
     politische und konzeptionelle Grundlagen           außerschulische Bildungsarbeit.
     einer inklusiven Internationalen Jugendar-         https://t1p.de/kompass-de (pdf-Dokument)
     beit” pp.10-25. (auch in Englisch).
     https://t1p.de/VI-d (pdf-Dokument)                              Auch in Englisch und vielen wei-
                                                                     teren Sprachen: https://t1p.de/
                   DARE DisAble the barRiErs - www.                  compass-int (Webseite)
                   dare-project.de (2020): DARE
                   Leitfaden für Inklusion, Kapi-                  Speech on Intersectional di-
                   tel 1 „Es ist einfacher, als man                scrimination, Disability and
     denkt!“ (auch in Englisch und weiteren Spra-                  Black Lives Matter (Englisch,
     chen). https://t1p.de/dare-de (pdf-Dokument)                  Transcript). https://t1p.de/intersec
                                                        (pdf-Dokument)
                    SALTO Youth Inclusion Resource
                    Center (2014): Inclusion from A                   SALTO Youth Inclusion Resource
                    to Z: A compass to internatio-                    Center (2017): An introducti-
                    nal Inclusion projects. (in Eng-                  on to diversity management
     lisch, auch in Spanisch und Russisch verfüg-                     in youth work. (Englisch).
     bar). https://t1p.de/InclA-Z (pdf-Dokument)        https://t1p.de/divManag (pdf-Dokument)

                   Übereinkommen der Vereinten                        MitOst Editions (2014): Di-
                   Nationen über die Rechte von                       versity   Dynamics:   Activa-
                   Menschen mit Behinderungen                         ting the Potential of Diver-
                   (UN-BRK) (2008) vom 13. De-                        sity in Trainings. (Englisch).
     zember 2006. In: Bundesgesetzblatt 2008 Teil       https://t1p.de/divDyn (Webseite)
     II Nr. 35, S. 1419-1457. https://t1p.de/UNBRK
     (Webseite)                                         Einleitung auch auf Deutsch:
                                                        https://www.mitost.org/ueber-uns/mitost­-
                   Aktion Mensch: Umfangreiche          editions/diversity-dynamics.html
                   Übersichtsseite zum Thema Rech-
                   te von Menschen mit Behinde-
                   rung. https://www.aktion-mensch.
     de/inklusion/recht.html

14
MODUL 2: Schritt für Schritt zu einer Kultur der Inklusion

MODUL 2
Schritt für Schritt zu einer Kultur der Inklusion
# Eine inklusive Haltung fördern

Kurzbeschreibung
Dieses Modul hilft Fachkräften
   eine inklusive Denkweise zu entwickeln und zu fördern sowie
   die Bedarfe von beeinträchtigten Teilnehmenden zu verstehen.

Fachkräfte und Organisierende von Jugendprojekten sollten sich dabei weniger als Expert*innen
sehen. Stattdessen sind die unterschiedlichen Menschen, mit denen sie arbeiten, die Expert*innen
ihres eigenen Lebens und einzigartige Wissensquellen.

      Lernziele
      Am Ende dieses Moduls werden Sie als Fachkraft im Jugendbereich wissen:
         wie Sie Jugendliche inklusiv einbinden können,
         welche Herausforderungen es bei der Arbeit mit inklusiven Gruppen gibt und
         wie Sie die Bedürfnisse junger Menschen für inklusive Teilhabe und Lernen
         besser erkennen und verstehen.

                                                                                                       15
Sehen Sie sich Lanas Einleitungsvideo an:
     https://t1p.de/intro2 (YouTube)
     Den Text zum Video gibt es hier: è Skript 2.0.

     1. Eine inklusive Kultur schaffen
     Input:                                                             den Leitungsgremien bis zu den Fachkräften
     Internationale Jugendarbeit sollte allen jun-                      vor Ort, aus allen Abteilungen und Bereichen –
     gen Menschen die Möglichkeit geben, von                            müssen Verantwortung dafür übernehmen,
     ihr zu profitieren – um das zu erreichen, muss                     dass Inklusion in jeder Phase der Planung und
     sie Inklusion stärker fördern. Jegliche Beteilig-                  Durchführung von Aktivitäten sichergestellt
     ten (Träger der internationalen Jugendarbeit,                      wird.
     Förderstellen, Forschende, Selbstvertretungs-
     organisationen, Behindertenorganisationen,                         Es kann jedoch Situationen geben, in denen
     Leitungskräfte und Team-Mitglieder, Teilneh-                       junge Menschen mit Behinderungen be-
     mende mit und ohne Beeinträchtigungen, El-                         stimmte Fähigkeiten lieber in einem sicheren
     tern) auf allen Ebenen (lokal, regional, national                  Umfeld erlernen und weiterentwickeln, zu-
     und international) sollten dazu beitragen, eine                    sammen mit Gleichgesinnten, die ähnliche
     Inklusionskultur zu schaffen und sich dabei                        Behinderungen, Herausforderungen oder
     gegenseitig unterstützen.12                                        Ziele haben. Solche Trainings für Menschen
                                                                        mit gleichen oder unterschiedlichen Arten der
     Kurz gesagt bedeutet Inklusion bei Jugend-                         Beeinträchtigung befähigen junge Menschen
     aktivitäten, dass sich alle Teilnehmenden als                      mit Behinderungen und geben ihnen das nöti-
     Teil der Gruppe wahrnehmen, in den Prozess                         ge Selbstvertrauen, um auch an Veranstaltun-
     eingebunden sind und Respekt und Wert-                             gen für Menschen ohne Behinderung teilzu-
     schätzung erfahren. Das kann erreicht werden,                      nehmen. Dafür steht der zweigleisige Ansatz:
     indem der Mensch als Ganzes gesehen und                            zum einen Programme, sie sich gezielt an be-
     Vielfalt begrüßt wird, statt eine Gruppe in „wir“                  hinderte Menschen richten und zum anderen
     und „die“ zu unterteilen. Eine wichtige Voraus-                    inklusive Programme für junge Menschen mit
     setzung hierfür ist, dass sich alle mit Fairness,                  und ohne Behinderungen.
     Toleranz und Respekt begegnen. Denken Sie
     immer daran: Um Inklusion zu erreichen, ist                        Übung:
     Respekt allein nicht genug – wir müssen han-                                  Ein Online-Quiz – Was wissen Sie
     deln!                                                                         über die Situation von Menschen
                                                                                   mit Behinderung?
     Inklusion ist eine bewusste Entscheidung, die                                 è https://t1p.de/quizz
     wir für jede Phase unserer Aktivitäten treffen.                    (Übung 2.1.)
     Alle in der internationalen Jugendarbeit – von

16   12 IJAB (Hrsg.) (2017): VISION:INKLUSION Eine Inklusionsstrategie für die Internationale Jugendarbeit.
MODUL 2: Schritt für Schritt zu einer Kultur der Inklusion

2. Eine inklusive Haltung entwickeln
Input:                                           Empathie (und ein Verständnis für ihre
Inklusion beginnt in unseren Köpfen. Eine in-    Grenzen),
klusive Haltung ist essenziell für den Umgang
                                                 eine proaktive Haltung (Proaktivität ist die
mit Diversität und dem Aufbau einer echten
                                                 Grundlage für Inklusion) und Reagieren
Inklusionskultur, die sowohl vom Team als
                                                 auf erkannte Bedürfnisse,
auch von den Teilnehmenden gelebt wird. So
wird die Vielfalt einer Gruppe zu ihrer Stärke   die Person hinter der Behinderung sehen,
und fördert ihr Potenzial.                       ein Bewusstsein für Stereotype und Vorur-
                                                 teile zu Behinderung entwickeln,
Reflexion:
                                                 Selbstüberprüfung auf unbewusste
Was verstehen Sie unter einer „inklusiven Hal-
                                                 Stereotypisierung und Stigmatisierung
tung“? Wie können Sie diese entwickeln?
                                                 in Bezug auf Behinderungen oder Un-
                                                 terschiedlichkeiten der Teilnehmenden
Input:
                                                 (Zuschreiben von Eigenschaften und
Für Fachkräfte der Jugendarbeit und Teamen-
                                                 Charakterzügen, die nicht unbedingt
de ist es wichtig, innerlich bereit und aufge-
                                                 zutreffend sind),
schlossen für die Arbeit mit diversen, hetero-
genen Gruppen zu sein. Dazu gehört auch, die     Aufgeschlossenheit dafür, in verschiede-
eigenen Sorgen und Ängste über mögliche          nen Phasen eines Projekts Anpassungen
Schwierigkeiten zu erkennen und diese kons-      vorzunehmen und flexibel zu bleiben,
truktiv mit anderen Teammitgliedern zu teilen,   Kreativität und Einfallsreichtum (oft eben-
bei unterschiedlichen Gruppendynamiken           so wichtig wie finanzielle Mittel oder
und Bedürfnissen Geduld zu bewahren und          Barrierefreiheit),
offen dafür zu sein, die eigenen Stereotype zu
                                                 Ambiguitätstoleranz (die Fähigkeit,
Behinderung zu hinterfragen.
                                                  ­Mehrdeutigkeit auszuhalten und zu
                                                 ­akzeptieren),
Eine inklusive Haltung und Bereitschaft zur
Inklusionsarbeit erfordern unter anderem fol-    aus sich selbst heraus gehen / von außen
gende Einstellungen und Kompetenzen:             betrachten (die Sicht von außen erlaubt
   Wertschätzung von und Respekt für             es uns, unsere Prinzipien, Vorurteile und
   ­Diversität,                                  Stereotype zu hinterfragen und gleichzei-
                                                 tig unveräußerliche Werte beizubehalten,
   Wertschätzung der Unterschiede (unter-
                                                 die Teil unserer Identität sind),
   schiedliche Begabungen, Fähigkeiten,
   Eigenschaften, Werte und Erfahrungen),        Verwendung inklusiver Sprache, die Be-
                                                 hindertenrechte und Diversität berück-
                                                 sichtigt,
                                                 voreilige Schlüsse oder Meinungen über
                                                 Teilnehmende vermeiden (z. B. über ihre
                                                 Fähigkeiten),
                                                 Selbstreflexion und eigenes Hinterfragen,
                                                 Neuausrichtung von Wahrnehmungen
                                                 und Gefühlen.

                                                                                                   17
Videos:
                                                                        Kurzes Video über Empathie (vs.
                                                                        Sympathie): https://www.youtube.
                                                                        com/watch?v=1Evwgu369Jw
                                                                        (Englisch)

                                                                          “All that we share” on people’s
                                                                          diversity, appreciating it and
                                                                          seeing beyond the “boxes”:
                                                                        https://youtu.be/jD8tjhVO1Tc
                                                                          (Englisch)
     Übung:
     Empathie und Dezentrierung des Selbst                              Why does tolerance of ambiguity
     (für Gruppen von vier oder fünf Personen)                          matter and how to develop it?
     Ziel dieser Übung ist es herauszufinden, wie                       https://youtu.be/CxrTAVtKH-E
     sich Menschen in einer Gruppe gegenseitig                          (Englisch)
     wahrnehmen und sich aus der Perspektive an-
     derer zu verstehen. è Übung 2.2.

     3. Eine Vielzahl individueller Unterschiede: inklusive Gruppen
     Input:                                                             mit Behinderungen – teilhaben können. Das
     Bei der Organisation und Durchführung von                          ist Inklusion in Aktion.
     internationalen Jugendbegegnungen wissen
     wir nie, wen wir antreffen werden. Oft kennen                      Der inklusive „mixed-ability“-Ansatz berück-
     wir den Veranstaltungsort und die Gegeben-                         sichtigt, dass alle jungen Menschen unter-
     heiten nicht. Sie werden also nicht die eine                       schiedliche Fähigkeiten haben und mög-
     perfekte Lösung für Ihre Gruppe parat haben,                       licherweise Unterstützung benötigen, um
     insbesondere dann nicht, wenn es sich um                           uneingeschränkt teilhaben zu können. Die Ar-
     eine inklusive Gruppe junger Menschen mit                          beit mit inklusiven Gruppen entspricht einer
     und ohne Behinderungen handelt.                                    neuen Herangehensweise an internationale
                                                                        Jugendbegegnungen, non-formale Bildungs-
     SALTO-YOUTH Inclusion definiert eine inklu-                        angebote und Qualifizierungen. Ein wichtiger
     sive Gruppe („mixed-ability group”) als eine                       Aspekt von Inklusivität ist, dass sich nicht alle
     Gruppe, die positive Erfahrungen durch ge-                         auf die gleiche Weise beteiligen müssen. Es
     meinsames Arbeiten, Spielen und Zusammen-                          ist in Ordnung, Dinge unterschiedlich anzu-
     sein ermöglicht, wobei Barrieren abgebaut                          gehen, um zu dem gewünschten Ergebnis zu
     und Herausforderungen angenommen wer-                              kommen (solange die Gruppen nicht nach der
     den.13                                                             Art der Beeinträchtigung ihrer Mitglieder un-
                                                                        terteilt werden).
     Eine inklusive Gruppe spiegelt die Vielfalt der
     Gesellschaft wider. Sie schafft und erhält einen                   Um eine wirklich inklusive Gruppe aufzubau-
     Raum, in dem die Bedürfnisse aller erfüllt wer-                    en, bedarf es sorgfältiger Planung und Vor-
     den, so dass alle Jugendlichen – nicht nur die                     bereitung (nicht vergessen: Inklusion ist ein

     13 SALTO-YOUTH Inclusion (2008): No Barriers, No Borders – a practical booklet for setting up international mixed-ability youth
18      projects.
MODUL 2: Schritt für Schritt zu einer Kultur der Inklusion

Prozess!). Wenn Sie lediglich junge Menschen                       sind selbst die Expert*innen in Bezug auf die
mit Behinderungen in eine bestehende Grup-                         von ihnen benötigte Unterstützung und Bar-
pe junger Menschen ohne Behinderungen                              rierefreiheit, daher sollten Organisierende und
einladen und dabei nicht auf die individuellen                     Teamende bei ihnen erfragen, welche Formen
Bedürfnisse aller Teilnehmenden eingehen, er-                      der Unterstützung und Anpassung nötig sind,
reichen Sie keine inklusive Gruppe.                                damit sie Teil der Gruppe sein können.

Reflexion:                                                         Bei der Planung und Durchführung von Aktivi-
(individuell oder in der Gruppe)                                   täten mit inklusiven Gruppen sollte zunächst
Welche Situationen empfinde ich bei der Ar-                        auf die Barrierefreiheit, Teilhabe und Lernbe-
beit mit diversen oder inklusiven Gruppen als                      dürfnisse der Teilnehmenden geachtet werden,
besonders schwierig?                                               statt sich (bewusst oder unbewusst) auf ihre Be-
                                                                   einträchtigungen oder Erkrankungen zu kon-
Input:                                                             zentrieren. Selbst innerhalb einer Gruppe von
Was könnte die Arbeit mit inklusiven Gruppen                       Menschen mit der gleichen Beeinträchtigung
erleichtern?                                                       unterscheiden sich die individuellen Bedürfnis-
    Behinderungen als unterschiedliche                             se stark. Dennoch sollten die Verantwortlichen
    Formen des Lernens und/oder der Beteili-                       die unterschiedlichen Bedürfnisse für einen
    gung verstehen,                                                barrierefreien Zugang und das Lernen der Teil-
                                                                   nehmenden kennen und über ihre Behinderun-
    auf Stärken und Fähigkeiten der Teilneh-
                                                                   gen bzw. Beeinträchtigungen informiert sein.
    menden konzentrieren (ohne ihre Ein-
                                                                   Diese sensiblen Informationen sollten vorab
    schränkungen außer Acht zu lassen),
                                                                   mit entsprechendem Feingefühl eingeholt wer-
    sich eine inklusive Aktivität als einen Kurs                   den (siehe Materialien in Modul 3).
    mit unterschiedlichen Formen des Ler-
    nens und der Beteiligung vorstellen, mit                       Wenn Sie ein neues, spannendes Projekt mit
    Unterschieden in Bezug auf Wissensstand,                       einer inklusiven Gruppe entwickeln, ist es
    Geschwindigkeit, Sammeln und Deuten                            wichtig ein diverses und inklusives Team von
    von Informationen sowie Formen der                             Fachkräften der Jugendarbeit zusammenzu-
    Beteiligung.                                                   stellen. Diese strategische Entscheidung kann
                                                                   dabei helfen,
In inklusiven Gruppen gibt es behinderte Ju-                            mehr über Jugendarbeit im Zusammen-
gendliche mit unterschiedlichen Vorausset-                              hang mit Behinderung zu lernen,
zungen und Bedürfnissen. Um in einer solchen
                                                                        dass sich Teilnehmende mit Behinderun-
Gruppe Gleichberechtigung (equality) zu errei-
                                                                        gen während der Aktivität wohler fühlen,
chen, müssen wir einen Gerechtigkeits-Ansatz
(equity) verfolgen. So benötigen Teilnehmen-                            den Teilnehmenden Vorbilder zu zeigen,
de mit eingeschränkter Sehfähigkeit Handouts                            mit denen sie sich identifizieren können,
in großer Schrift, während Teilnehmende mit                             mehr Einblicke in die verschiedenen Zu-
eingeschränkter Hörfähigkeit Unterstützung                              gangs- und Lernbedürfnisse der Teilneh-
durch Schriftdolmetscher*innen und schrift-                             menden mit Behinderungen zu erlangen.14
liche Handouts benötigen, um den Inhalten
folgen zu können. Gehörlose Teilnehmende
benötigen eine Verdolmetschung in Gebär-
densprache. Jugendliche mit Behinderungen

14 Chupina K., Georgescu M. (eds.), Martin K., Todd Z., Saccone M. and Ettema M. (2017): Yes to Disability in Non-Formal Educa-
   tion! Making Human Rights Education Inclusive for Youth with Disabilities. Unveröffentlichtes Manuskript, Europarat.
                                                                                                                                  19
4. Herausforderungen bei der Arbeit mit inklusiven Gruppen meistern
     Input:                                              Im Allgemeinen gibt es bei der Planung von
     Egal wie oft Sie bereits mit inklusiven Gruppen     Aktivitäten mit inklusiven Gruppen vier Ar-
     gearbeitet haben oder ob es das erste Mal ist,      ten von Herausforderungen für Teilnehmende
     die Erfahrung wird jedes Mal anders sein. Neue      und Organisierende:
     sensible Themen müssen behandelt und mit               Methodische und pädagogische Heraus-
     neuen Stereotypen umgegangen werden.                   forderungen (passende Methoden für die
     Selbst Teilnehmende oder Teammitglieder mit            Gruppenarbeit, wechselnde Gruppendy-
     Behinderungen können Vorurteile über andere            namik, unterschiedliche Ansätze usw.),
     Behinderungen haben. Jede Aktivität mit einer
                                                            einstellungsbedingte Herausforderungen
     inklusiven Gruppe muss angepasst werden. In-
                                                            (Ängste, Vorurteile bei Teilnehmenden
     klusion herzustellen ist ein stets gegenwärtiger,
                                                            und Organisierenden),
     kontinuierlicher und wiederkehrender Prozess
     bei jeder Lernaktivität oder Übung.                    finanzielle Herausforderungen,
                                                            technische oder Barrierefreiheit betreffen-
     Selbst wenn Sie bei der Zusammenstellung               de Herausforderungen.
     der Gruppe alle wichtigen Grundsätze beach-
     tet haben, wird sich die Inklusionsarbeit doch      è Factsheet 2.3. fasst wichtige Aspekte zu-
     ständig weiterentwickeln, abhängig von un-          sammen, welche die Inklusivität einer Grup-
     terschiedlichen Faktoren wie Gruppenmitglie-        pe behindern können: Herausforderungen in
     dern, Form der Durchführung, Art der Aktivität      der Zugänglichkeit, persönliche Hindernisse,
     oder wechselnder Umgebung.                          Unter­stützungssysteme.

     5. Inklusionsbedarfe ansprechen – damit sich alle Mitglieder einer
        Gruppe wohl fühlen
     Input:                                              Es ist hilfreich, wenn sich die Gruppe gemein-
     Indem Sie die Gruppenmitglieder offen dazu          sam, auf der Basis gegenseitigen Respekts, auf
     befragen, wie sie lernen möchten oder was sie       einige grundlegende Regeln einigt.
     sich als Teil der Gruppe fühlen lässt, können Sie
     die Aktivitäten besser auf die Bedürfnisse der      Manche Jugendlichen mit Behinderungen ha-
     Teilnehmenden ausrichten. Sie können die Mit-       ben möglicherweise wenig Kenntnis über oder
     glieder einer Gruppe auch einzeln befragen.         Verständnis für die Bedarfe der Teilnehmen-
                                                         den mit anderen Beeinträchtigungen. Zum
     1.	 Was benötigst du, um dich wohl zu fühlen?       Beispiel können gehörlose Teilnehmende die
         a.	 in der Gruppe?                              Bedarfe von Teilnehmenden im Rollstuhl mis-
         b.	 bei den Aktivitäten?                        sachten, ohne dass ihnen das bewusst ist. Es
         c.	 mit den erzielten Ergebnissen?              kann auch sein, dass sich die Teilnehmenden
     2.	 Welche Stärken kannst du zur Gruppe             so sehr auf die eigene Teilnahme und ihre ei-
         beitragen?                                      genen Bedarfe für eine barrierefreie Teilnahme
     3.	 Welche Situationen möchtest du vermei-          konzentrieren, dass sie die Bedarfe anderer gar
         den? Was können wir tun, falls solch eine       nicht richtig wahrnehmen. In diesem Fall kön-
         Situation dennoch eintritt?                     nen Sie Teilnehmende dabei unterstützen, auf
     4.	 Welche deiner Erfahrungen könnte ande-          ihre Bedarfe aufmerksam zu machen. Zum Bei-
         ren helfen?                                     spiel könnte eine Übung einen Erfahrungsaus-
20
MODUL 2: Schritt für Schritt zu einer Kultur der Inklusion

                                                     Stellen Sie die Bedarfe der Teilnehmenden
tausch beinhalten, der bei den Teilnehmenden         fest (wie sie eingebunden werden können
zu gegenseitiger Empathie für die Bedarfe der        und möchten und auf welche Weise sie
anderen führt. Oder Sie bitten die Teilnehmen-       sich beteiligen möchten).
den vorab, in einer Online-Plattform des Pro-
                                                     Bereiten Sie Alternativen vor (z. B. zusätzli-
jekts über ihre Bedarfe für eine barrierefreie
                                                     che Aufgaben für diejenigen, die als erste
Teilnahme zu berichten.
                                                     fertig werden).

Manchmal möchten Teilnehmende mit Behin-             Gestalten Sie Aktivitäten so, dass sie für
derungen aber auch nicht vor anderen über            alle anspruchsvoll genug sind.
ihre Behinderung sprechen. Wie können Sie            Nutzen Sie Gruppenarbeit, um gegenseiti-
damit umgehen? Eine Möglichkeit wäre, sich           ge Unterstützung zu fördern.
auf den barrierefreien Zugang und andere Be-
                                                     Bedenken Sie, dass Kleingruppen effekti-
darfe, statt auf die Behinderung selbst zu kon-
                                                     ver sein können.
zentrieren. Sprechen Sie mit diesen Teilneh-
menden unter vier Augen über ihre Bedarfe            Versuchen Sie, Aufgaben nicht nach ihrem
und stellen Sie sicher, dass diese bekannt sind      Schwierigkeitsgrad zu kategorisieren,
und respektiert werden – sowohl von den Or-          sondern gemäß den individuellen Fähig-
ganisierenden und Teamenden als auch von             keiten der Teilnehmenden.
anderen Teilnehmenden (sofern die Betroffe-
                                                     Versuchen Sie, Anpassungen gleich zu Be-
nen damit einverstanden sind).
                                                     ginn einer Aktivität und nicht mittendrin
                                                     vorzunehmen.
Hier finden Sie eine Zusammenfassung der
wichtigsten Tipps für die Arbeit mit inklusi-        Fördern Sie eine offene, diskrete und ver-
ven Gruppen:                                         trauensvolle Atmosphäre, um Barrieren
                                                     abzubauen.
   Planen Sie frühzeitig und effektiv (Pro-
   gramm, Barrierefreiheit, Methoden, Grup-          Nehmen Sie sich Zeit für vertrauensbil-
   penzusammensetzung).                              dende Maßnahmen innerhalb der Grup-
                                                     pe, um gegenseitige Unterstützung zu
   Bedenken Sie, dass die Vorbereitung das
                                                     fördern.
   Schwierigste ist.
                                                     Sorgen Sie für ausreichende Pausen.
   Nachfragen statt vermuten.
   Einigen Sie sich mit der Gruppe auf grund-     Es mag Momente geben, in denen Sie sich als
   legende Regeln.                                Organisierende oder Teamende überfordert
                                                  fühlen aufgrund der Fülle an Informationen,
                                                  die es bei der Arbeit mit inklusiven Gruppen
                                                  zu beachten gilt. Denken Sie jedoch daran,
                                                  dass Sie nur durch Ausprobieren eigene Er-
                                                  fahrungen sammeln und ihre Kenntnisse über
                                                  die Arbeit mit inklusiven Gruppen ausbauen
                                                  können. Fehler sind erlaubt, solange Sie aus
                                                  ihnen lernen. Fehler zu akzeptieren und aus
                                                  Konflikten zu lernen bringt uns weiter, denn
                                                  so können wir uns entwickeln, dazulernen und
                                                  auf neue Ideen kommen.

                                                                                                       21
Video:                                            Reflexion:
                 Wie wir mit Menschen mit Behin-       Individuelle Checkliste/ Reflexion zur eigenen
                 derungen umgehen und kommu-           inklusiven Haltung è Checkliste 2.4.
                 nizieren (Englisch):
                 https://youtu.be/Gv1aDEFlXq8         Factsheet: Inklusive Sprache, 10 zentrale
                                                       Grundsätze für die Kommunikation mit Men-
                                                       schen mit Behinderungen è Factsheet 2.5.

     Reflexion (individuell oder in der Gruppe), Transfer in die Praxis
        Was habe ich über einen offeneren Um-             Wie können wir ein Gefühl von Identität
        gang mit Unterschieden gelernt?                   und Zugehörigkeit fördern?
        Was habe ich über Inklusivität gelernt?           Was ist der nächste Schritt, um meine
                                                          Arbeit inklusiver zu gestalten?
        Was werde ich verändern, um die Bedarfe
        der Teilnehmenden besser zu verstehen?

     Sie wollen mehr wissen?
                  IJAB (Hrsg.) (2017): VISION:IN-                   Todd, Zara (2017) „Human rights
                  KLUSION Eine Inklusionsstra-                      education and disability simu-
                  tegie für die Internationale                      lation exercises – not a match
                  Jugendarbeit, “Menschenrecht-                     made in heaven”. In: Council of
     liche, jugendpolitische und konzeptionelle        Europe - European Commission Youth Part-
     Grundlagen einer inklusiven Internationa-         nership magazine “Coyote” (Issue 25) (Englisch).
     len Jugendarbeit” S.10-25 (auch in Englisch).     https://t1p.de/dis-simulation (Webseite)
     https://t1p.de/VI-d (pdf-Dokument)
                                                                     SALTO Youth Inclusion Re-
                  DARE DisAble the barRiErs - www.                   source Center (2008): “No
                  dare-project.de (2020): DARE Leit-                 Barriers, No Borders” - Boo-
                  faden für Inklusion, Kapitel 1                     klet on organising mixed
                  „Es ist einfacher, als man denkt!“   ability projects” (in Englisch, Georgisch,
     (auch in Englisch und weiteren Sprachen)          Polnisch, Russisch, Slowakisch, Spanisch).
     https://t1p.de/dare-de (pdf-Dokument)             https://t1p.de/no-barriers (Webseite)

                 Aktion Mensch: Die 11 häufigs-                      Chupina, K. (2004) “Role of Eu-
                 ten Vorurteile über Inklusion                       ropean trainings, Participation
                 im Faktencheck. https://t1p.de/                     and Arts in integration of youth
                 11vorurteile (Webseite)                             with disabilities”. In: Council of
                                                       Europe - European Commission Youth Part-
                  Aktion Mensch: Frag mich doch –      nership magazine “Coyote” (Issue 8) (Englisch).
                  Eure Fragen an Menschen mit          https://t1p.de/incl-disab (pdf-Dokument)
                  Behinderung – insgesamt 15 Vi-
                  deos zu verschiedenen Themen.
     https://t1p.de/15Fragen (YouTube-Playlist)
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MODUL 3: Schritt für Schritt zu inklusiven Strukturen und Praktiken

MODUL 3
Schritt für Schritt zu inklusiven Strukturen
und Praktiken
# Mehr Inklusion beim Organisieren von Projekten

Kurzbeschreibung
Dieses Modul ist eine Reise durch die Entwicklung, Umsetzung und Auswertung inklusiver Pro-
jekte. Es hilft den Organisierenden internationaler Jugendprojekte, ihr Projekt so zu planen und
umzusetzen, dass es alle jungen Menschen einbezieht, auch solche mit Beeinträchtigungen oder
Behinderungen.

      Lernziele
      Am Ende dieses Moduls können Sie:
         ein inklusives Projekt planen,
         unterschiedliche Arten von Barrieren erkennen,
         ein inklusives Anmeldeverfahren durchführen,
         ein inklusives Projekt umsetzen.

                                                                                                       23
Sehen Sie sich Lanas Einleitungsvideo an:
     https://t1p.de/intro3 (YouTube)
     Den Text zum Video gibt es hier: è Skript 3.0.

     1. Entwicklung einer Inklusionsstrategie
     Input:                                                             Was ist eine Strategie und wofür brauchen
     Eine vollkommen inklusive Internationale Ju-                       wir sie?
     gendarbeit wird vermutlich eine Vision blei-                       Kurz gesagt müssen Strategien zwei grundle-
     ben. Diese Vision ist dennoch wichtig, weil sie                    gende Fragen beantworten:
     die Richtung aufzeigt, in die sich die Internati-                       Was soll gemacht werden?
     onale Jugendarbeit insgesamt wie auch jeder
                                                                             Wie soll es gemacht werden?
     einzelne Träger auf den Weg machen kann.
     Damit ist sie eine wichtige Quelle der Moti-                       Sie benötigen eine Strategie, um zu definieren,
     vation. Die Entwicklung hin zu einer inklusiv                      was Sie erreichen möchten. Strategieentwick-
     gestalteten Internationalen Jugendarbeit ist                       lung bedeutet, festzustellen, wie der aktuelle
     ein ständiger Prozess, der nie abgeschlossen                       Stand ist, was das Ziel ist und wie man es er-
     sein wird. Das bedeutet auch, dass nicht al-                       reichen kann.
     les gleichzeitig umgesetzt werden kann und
     nicht alles perfekt sein muss. Es geht darum,                      Das hier beschriebene Modell hilft Organisati-
     dem Ziel Schritt für Schritt näher zu kommen,                      onen, eine eigene Inklusionsstrategie zu entwi-
     Prioritäten zu setzen und unser Augenmerk                          ckeln, die genau zu ihrer Struktur, der aktuellen
     auf die Fähigkeiten und Interessen der jun-                        Lage und ihrem Kontext passt. Die im VISION
     gen Teilnehmenden zu richten, unabhängig                           INCLUSiON-Handbuch15 vorgestellten Ziele
     davon, ob sie eine Beeinträchtigung haben                          und Maßnahmen können dabei unterstützen.
     oder nicht.
                                                                        Die Grundlagen strategischer Planung lassen
     Das Ziel einer inklusiven Entwicklung sollte                       sich in folgenden Punkten zusammenfassen:
     sich in den Strategien, Werten, Systemen, Ver-                     1.	 Inklusive Vision und Mission – Was ist Ihr
     fahren, Regeln und Richtlinien einer Organisa-                         Hauptziel und Ihre Grundüberzeugung in
     tion widerspiegeln. Wenn Sie bei einem Träger                          Bezug auf Inklusion?
     arbeiten, der Inklusion nicht fördert, wird es
                                                                        2.	 Analyse des Umfelds (z. B. SWOT-Analy-
     sehr schwierig sein, Inklusionsprojekte oder
                                                                            se) – Was sind die internen Stärken und
     Projekte mit inklusiven Gruppen erfolgreich
                                                                            Schwächen Ihrer Organisation? Was sind
     umzusetzen.
                                                                            die externen Chancen und Risiken Ihrer Or-
                                                                            ganisation? Welche Art von Inklusion bzw.
                                                                            Inklusionsbemühungen funktioniert? Was

24   15 IJAB (Hrsg.) (2017): VISION:INKLUSION Eine Inklusionsstrategie für die Internationale Jugendarbeit, S.27-47.
MODUL 3: Schritt für Schritt zu inklusiven Strukturen und Praktiken

    funktioniert nicht und muss verbessert                    Planen Sie ein Budget ein.
    werden? Sind die entscheidenden Rol-
                                                     4.	 Umsetzung des Plans
    len mit den richtigen Personen besetzt?
                                                            Definieren Sie Ihren Strategie-
    Inwiefern müssen sich Ihre Organisation,
                                                             plan und schreiben ihn auf.
    Ihre Mitarbeitenden und Ihre Arbeitskul-
                                                             Setzen Sie den Plan um.
    tur ändern, um Ihre Inklusionsziele zu er-
    reichen? Führen Sie eine SWOT-Analyse            5.	 Auswertung
    durch, bevor Sie Ihre Prioritäten festlegen.
3.	 Entwicklung der Strategie                        Tipps zur strategischen Planung von Maßnah-
        Legen Sie Prioritäten fest.                  men finden Sie in è Factsheet 3.1.
         Entwickeln Sie langfristige stra-
         tegische Ziele. Was möchten Sie,
         basierend auf der durchgeführten
         Analyse, erreichen?

                                                                                                         25
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