LANDTAGS NACHRICHTEN - Landtag MV

 
WEITER LESEN
LANDTAGS NACHRICHTEN - Landtag MV
LANDTAG                      LANDTAGS
                                      NACHRICHTEN
          Mecklenburg-Vorpommern

                                                                                            29. Oktober
                                                                                                 8/ 2020
                                                                                     www.landtag-mv.de

                                         30 Jahre Landtag MV

+++ Streit um Corona-Strategie +++ Das abgehängte Zugprojekt +++ Land verlängert Regelstudienzeit +++ Kein
    Impfgipfel +++ Weltraumbahnhof in MV? +++ Ein Hausherr ohne Schlüssel +++ „Jahreszeitenkinder“ zurück am
    Teepavillon +++
LANDTAGS NACHRICHTEN - Landtag MV
2                                                                                         I n h a l t

                                                                                                                AUS DEM PLENUM
                                                                                                    3            Aktuelle Stunde                   „30 Jahre Mecklenburg-Vorpommern – Starkes Land mit klarem Kurs“ auf An-
                                                                                                                                                   trag der SPD-Fraktion

                                                                                                4 – 10          Auszüge aus der                    Thomas Krüger (SPD), Ministerpräsidentin Manuela Schwesig,
die erste konstituierende Sitzung des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern. (Jens Büttner)

                                                                                                                Original-Debatte                   Nikolaus Kramer (AfD), Lorenz Caffier (CDU), Simone Oldenburg (DIE LINKE)

                                                                                               11 - 17                Berichte                     Leichter zum Zebrastreifen kommen
                                                                                                                                                   Streit um Corona-Strategie
                                                                                                                                                   Was macht die Kunst?
Titelfoto: Am 26.10.1990 leitete Rainer Prachtl als neu gewählter Landtagspräsident

                                                                                                                                                   Das abgehängte Zugprojekt

                                                                                               18 - 20              Meldungen                      Zwei neue Richter am Landesverfassungsgericht
                                                                                                                                                   Landesverdienstorden wird geschlechtsneutral
                                                                                                                                                   Land regelt Wahl-Assistenz
                                                                                                                                                   Land verlängert Regelstudienzeit
                                                                                                                                                   Mehr Anträge auf Einsicht in Stasi-Akten
                                                                                                                                                   Wie steht es um die Meinungsfreiheit?
                                                                                                                                                   „Jung sein in MV“: Bericht liegt vor
                                                                                                                                                   Kein Impfgipfel
                                                                                                                                                   Landtag diskutiert über höheren Rundfunkbeitrag

                                                                                                   21             Gesetzgebung                     Laufende und abgeschlossene Gesetzgebung

                                                                                               22 - 24      AUS DEN AUSSCHÜSSEN                    Videokonferenz zu Wohnungsbau und Stadtentwicklung
                                                                                                                                                   Petition eingereicht
                                                                                                                                                   Weltraumbahnhof in MV?
                                                                                                                                                   Fachkräftemangel
                                                                                                                                                   Beschluss zu Zwischenbericht gefasst
                                                                                                                                                   Drohnen im Einsatz

                                                                                              25 – 29               PANORAMA                       „Jahreszeitenkinder“ zurück am Teepavillon
                                                                                                                                                   Schweriner Schlossrestaurant
                                                                                                                                                   30 Jahre Landtag Mecklenburg-Vopommern

                                                                                               30 – 31     Das Schloss vor 30 Jahren               Ein Hausherr ohne Schlüssel

                                                                                                   32                 Chronik

                                                                                             Impressum
                                                                                             Herausgeber:                                        Layout: Uwe Sinnecker                       Namentlich gekennzeichnete Beiträge
                                                                                             Landtag mecklenburg-Vorpommern                                                                  geben nicht in jedem Fall die Meinung des
                                                                                             - Öffentlichkeitsarbeit -                           Druck: produktionsbüro TINUS                Herausgebers wieder.
                                                                                             Schloss, Lennéstraße 1, 19053 Schwerin              Gedruckt auf Recyclingpapier                Alle Abbildungen sind urheberrechtlich
                                                                                             Fon: 0385 / 525-2113, Fax 525-2151                                                              geschützt. Nachdruck nur mit schriftlicher
                                                                                             E-Mail: oeffentlichkeitsarbeit@landtag-mv.de        Zugunsten des Leseflusses und aus Platz-    Genehmigung des Herausgebers.
                                                                                             Internet: www.landtag-mv.de                         gründen haben wir bei der Bezeichnung
                                                                                                                                                 von Menschengruppen manchmal nur die        Die LANDTAGSNACHRICHTEN können
                                                                                             redaktion: Referat Öffentlichkeitsarbeit,           männliche Form verwendet. In solchen        kostenlos bezogen werden. Bestellungen
                                                                                             Anna-Maria Leistner                                 Fällen ist die weibliche Form mitgedacht.   sind an den Herausgeber zu richten.
                                                                                                                                                                                             Redaktionsschluss 9. Oktober 2020

                                                                                             LandtagsNachrichten Mecklenburg-Vorpommern 8/2020
LANDTAGS NACHRICHTEN - Landtag MV
A u s        d e m          P l e n u m / A u s z ü g e                      a u s      d e r        O r i g i n a l - D e b a t t e                 3

Kurz vor Beginn der Aktuellen Stunde ist das Medieninteresse groß.                                                             Foto: Uwe Sinnecker

30 Jahre MV –                                          stehe für ihn aber fest: „Mecklenburg-
                                                       Vorpommern hat sich gut entwickelt.“
                                                                                                     deshalb neue Gärtner.
                                                                                                     Lorenz Caffier warnte als Redner der

eine Bilanz                                            Das sei in erster Linie den Menschen im
                                                       Land zu verdanken, die das zarte Pflänz-
                                                       chen MV hätten wachsen und erblühen
                                                                                                     CDU davor, Ursachen und Wirkungen
                                                                                                     durcheinanderzubringen. „Die wirt-
                                                                                                     schaftliche Talfahrt war nicht das Ergeb-
Eine Aktuelle Stunde über                              lassen. Auch wenn so manche Heraus-           nis von friedlicher Revolution und deut-
die Entwicklung des Landes                             forderung, etwa in Bezug auf niedrige         scher Einheit. Sie war das Ergebnis von 40
                                                       Löhne und Breitbandversorgung, noch           Jahren Misswirtschaft in der damaligen
                                                       zu bewältigen sei: „Die Menschen identi-      DDR.“ MV habe sich aber wunderbar ent-
                                                       fizieren sich mit unserem Land.“              wickelt. Er warb darum, mit Stolz auf die
    Neubrandenburg. Rostock. Schwe-                                                                  erbrachten Leistungen der vergangenen
rin. Wer am 2. Oktober 1990 in diesen                  Ministerpräsidentin Manuela Schwesig          30 Jahre zurückzublicken.
DDR-Bezirken schlafen ging, wachte am                  bezeichnete MV als „starkes Land mit
nächsten Morgen – mit wenigen geo-                     klarem Kurs“. Einem klaren Kurs für eine      Holger Arppe (fraktionslos) vermisst
grafischen Ausnahmen – im Bundes-                      starke Wirtschaft, soziale Gerechtigkeit      die offene Debattenkultur aus der Wen-
land Mecklenburg-Vorpommern auf. 30                    und ökologische Verantwortung. „Die           dezeit. Das habe damals bei vielen Pro-
Jahre Deutsche Einheit bedeuten des-                   drei Dinge halten wir in der Politik der      blemlösungen geholfen. „Heute stehen
halb auch: 30 Jahre MV. Wie hat sich der               Landesregierung zusammen.“ Der Weg            wir wieder vor einer Vielzahl von Proble-
Nordosten seither entwickelt? Darüber                  dahin sei nicht einfach gewesen. Anfang       men.“ Doch anstatt offen zu diskutieren,
debattierten die Abgeordneten wenige                   der 1990er-Jahre habe die Treuhand fast       würden Andersdenkende diffamiert. Das
Tage vor dem Landesgeburtstag in der                   jeden Betrieb stillgelegt. „Ich halte das     müsse sich ändern.
Aktuellen Stunde. Das Thema festzule-                  für einen der Fehler, die in der Wende
gen, stand turnusgemäß der SPD-Frak-                   passiert sind.“ Im Rückblick habe der Os-     Simone Oldenburg (Fraktionsvorsitzen-
tion zu. Sie blickte in der Debatte eben-              ten aber auch dafür gesorgt, dass sich        de DIE LINKE) hob hervor, dass es neben
so wie CDU und Landesregierung                         Deutschland modernisiere, vor allem           allen Errungenschaften noch immer zahl-
vordergründig auf Erfolge. Die Opposi-                 in Bezug auf die Erwerbstätigkeit von         reiche Ungerechtigkeiten gebe, etwa bei
tion stellte diesem Blickwinkel Schwach-               Frauen und eine gute Kita-Betreuung.          Löhnen, Renten und Lebensverhältnis-
punkte wie niedrige Löhne und unglei-                                                                sen. In vielen wirtschaftlichen Bereichen
che Renten gegenüber.                                  Die vielen Freiheiten, die die Wiederver-     sei MV nach wie vor Bummelletzter. „Das
                                                       einigung mit sich gebracht habe, seien        ist weder ein Zeichen von Stärke noch
Die Anfänge seien alles andere als ein-                große Errungenschaften, meinte AfD-           von klarem Kurs.“
fach gewesen, blickte Thomas Krüger,                   Fraktionschef Nikolaus Kramer. „Mit den
Fraktionsvorsitzender der SPD, zurück.                 Freiheiten kamen aber auch die Risiken.“      In der Debatte meldeten sich noch wei-
„Vieles wurde zu schnell abgewickelt, zu               Sein Fazit falle daher nicht so „schön und    tere Redner zu Wort. Die vollständigen
schnell privatisiert oder durch Strukturen             rosig“ aus. „Ich sehe hier eine Werftenkri-   Redebeiträge finden Sie zum Nachlesen
aus den alten Bundesländern ersetzt.“ Mit              se.“ Hinzu kämen eine Bildungskrise, eine     auf der Website des Landtags (Parla-
dramatischen Folgen für die Menschen.                  energiepolitische Krise, eine Migrations-     mentsdokumte/Plenarprotokolle) oder
Er erinnerte an Deindustrialisierung, Mas-             krise, eine Lohnkrise und eine Digitali-      zum Nachhören auf dem YouTube-Kanal
senarbeitslosigkeit, Abwanderung und                   sierungskrise. Das zarte Pflänzchen, von      unter www.landtag-mv.de.
Strukturbrüche. Heute, 30 Jahre später,                dem die SPD gesprochen habe, brauche

                                                                                                LandtagsNachrichten Mecklenburg-Vorpommern 8/2020
LANDTAGS NACHRICHTEN - Landtag MV
4                     A u s         d e m       P l e n u m / A u s z ü g e               a u s    d e r       O r i g i n a l - D e b a t t e

                          Thomas Krüger, SPD:                                              […] ich möchte mich an dieser Stelle […] für die gesamt-
                                                                                           deutsche Solidarität bedanken. Es war keine Selbstverständ-
                          „Heute sind wir                                                  lichkeit, dass auch die Menschen aus den alten Bundeslän-
                                                                                           dern bereit waren, hier mit einzuzahlen, hier mitzuhelfen,
                          ein selbstbewusstes                                              die ostdeutschen Bundesländer mit aufzubauen, und dafür
                                                                                           ein herzliches Dankeschön […]!
                          Bundesland.“
                                                                                                           (Beifall vonseiten der Fraktionen
                                                                                                                   der SPD und CDU)
    Foto: Uwe Sinnecker

                                                                                           Einen zweiten Dank möchte ich loswerden. Und zwar ha-
                                                                                           ben Menschen, die aus den alten Bundesländern zu uns
                                                                                           gekommen sind, hier mit angepackt haben, das Land mit
                                                                                           aufgebaut haben, die inzwischen hier eine Heimat gefun-
                                                                                           den haben – wir haben sie damals gebraucht, das ist so […]
                                                                                           und dafür ein herzliches Dankeschön!

                                                                                                           (Beifall vonseiten der Fraktionen
                                                                                                             der SPD, CDU und DIE LINKE)

                                                                                           Heute […] sind wir ein selbstbewusstes Bundesland. Wir
                                                                                           stehen ökonomisch, wirtschaftlich im Geflecht der Bundes-
                                                                                           republik auf eigenen Beinen. Heute sagen 88 Prozent der
                          […] In der nächsten Woche feiert unser schönes Bundesland        Menschen, dass sich Mecklenburg-Vorpommern gut ent-
                          seinen 30. Geburtstag. […]                                       wickelt hat. Heute sind wir das beliebteste Urlaubsland der
                                                                                           Deutschen. Heute haben wir im Vergleich zu 2004 nur noch
                          Wer wie ich die Jahre vor der Wende in der DDR erlebt hat,       ein Drittel der Arbeitslosen. Heute sind wir das erste Bun-
                          der hat erlebt, wie die Unzufriedenheit der Menschen ge-         desland, das Kita- und Krippenangebote ganztags kostenfrei
                          wachsen ist und wie zeitgleich die Erstarrung des Systems        anbieten kann. Heute sind wir das Bundesland, das für seine
                          der DDR vorangeschritten ist. Der sogenannte real existie-       intakte Natur bewundert wird. Heute haben wir eine starke
                          rende Sozialismus war nicht in der Lage, die wirtschaftlichen    Land- und Ernährungswirtschaft. Heute können wir uns als
                          Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen. Gleichzeitig haben         erstes Bundesland zu 100 Prozent mit Strom aus selbst er-
                          wir erlebt, dass die Grundfreiheiten, die heute gelten, […]      zeugten regenerativen Energien versorgen. Wir sorgen mit
                          den Menschen zu gewähren, Grundrechte, die heute im              der höchsten Pro-Kopf-Dichte aller Flächenländer an Polizei
                          Grundgesetz der Bundesrepublik festgeschrieben sind,             für ein sicheres Mecklenburg-Vorpommern, und […] heute
                          Grundrechte, auf die wir stolz sind.                             sind wir das Bundesland, was von allen […] am besten durch
                                                                                           die […] Corona-Krise kommt.
                          Meine sehr geehrten Damen und Herren, die politische
                          Wende von 1989 und der sich anschließende Prozess der                        (Beifall vonseiten der Fraktion der SPD)
                          Wiedervereinigung waren nicht frei von Irrtümern, waren
                          nicht frei von Fehlern. Vieles wurde zu schnell abgewickelt,     […] richtig ist aber auch, dass wir noch nicht alle Herausfor-
                          zu schnell privatisiert oder durch Strukturen aus den alten      derungen gelöst haben. Wir arbeiten beispielsweise daran,
                          Bundesländern ersetzt. Letztlich […] hatte das dramatische       unsere Schulen noch besser zu machen, mehr Lehrerinnen
                          Folgen für die Menschen. Wir wissen das, es gab es eine          und Lehrer zu gewinnen, ein Problem, was übrigens alle
                          Deindustrialisierung wie zuvor nur durch den Zweiten Welt-       Bundesländer haben. Da ist vieles bereits passiert: Wir sind
                          krieg.                                                           spitze mit unserer Lehrerwerbungskampagne. Als einziges
                                                                                           Bundesland haben wir vier Einstellungstermine für Referen-
                          Meine Damen und Herren, diese schwere Hypothek der               dare. Wir bezahlen die Grundschullehrerinnen und
                          Wendefehler in Kombination mit dem maroden Zustand               -lehrer besser, machen die Arbeit damit attraktiver und natür-
                          vieler ostdeutscher Betriebe […] hat dieses Land lange ge-       lich auch im Kontext aller Bundesländer konkurrenzfähiger.
                          prägt und tut dies […] heute. Wir hatten zu tun mit Massen-      Wir haben die Zahl der Studienplätze für das Grundschul-
                          arbeitslosigkeit, […] einer massiven Abwanderung […] und         lehramt verdoppelt und für weitere Schulamtsstudiengänge
                          […] permanenten Strukturanpassungen. Heute, 30 Jahre             Ressourcen zur Verfügung gestellt. Wir konnten […] so viel
                          später, können wir trotz aller Baustellen, die noch verblei-     Lehrer und Referendare einstellen wie in der Geschichte die-
                          ben, behaupten, die Deutsche Einheit ist gelungen. Meck-         ses Landes zuvor nicht.
                          lenburg-Vorpommern hat sich gut entwickelt. Das haben
                          die Menschen bei uns im Land erarbeitet.                                     (Beifall vonseiten der Fraktion der SPD)

                                                                                           Wir machen damit Schule besser.

                      LandtagsNachrichten Mecklenburg-Vorpommern 8/2020
LANDTAGS NACHRICHTEN - Landtag MV
A u s      d e m       P l e n u m / A u s z ü g e                a u s     d e r       O r i g i n a l - D e b a t t e                                   5

Eine weitere Herausforderung […] sind die nach wie vor             Ministerpräsidentin Manuela Schwesig:
viel zu niedrigen Löhne. […] Wir brauchen […] endlich eine
breite Anwendung von Tarifverträgen. Es reicht eben nicht,         „Der Osten hat dafür
wenn nur ein Bruchteil der Betriebe sich an Tarife hält und
der Rest der Branche den Wettbewerb über Niedriglöhne              gesorgt, dass sich
austrägt. Deshalb fordern wir Tariflöhne und attraktive Ar-
beitsbedingungen […].                                              Deutschland modernisiert.“
Wo wir als Politik die Lohnentwicklung unterstützen können,
haben wir das getan. Wir haben als Sozialdemokraten auf

                                                                                                                                    Foto: Uwe Sinnecker
Bundesebene den Mindestlohn durchgesetzt. Wir haben
hier auf Landesebene […] den Vergabelohn entsprechend
neu aufgesetzt. […] Aber […] wir Sozialdemokraten wollen
mehr. Wir wollen, dass künftig neben dieser Untergrenze
auch beim Vergabelohn der jeweilig gültige Tarifvertrag zur
Anwendung kommt. Damit stärken wir dann auch die Ar-
beitgeber, die sich vorbildlich an Sozialpartnerschaft halten.
Tariftreue gehört eben belohnt und nicht bestraft.

            (Beifall vonseiten der Fraktion der SPD)

[…] letztlich […] können wir als Politik aber auch nur Druck im
Tarifsystem auslösen, denn […] Löhne werden nach wie vor
von Arbeitgebern und Arbeitnehmern ausgehandelt. Und es            Wir haben es unseren Bürgerinnen und Bürgern zu verdan-
ist notwendig, dass sich möglichst viele […] Arbeitnehmerin-       ken, dass sich Mecklenburg-Vorpommern die letzten 30 Jahre
nen und Arbeitnehmer in Gewerkschaften organisieren, dass          gut und stark entwickelt hat und dass wir in der schwersten
wir starke Gewerkschaften haben und dass wir darüber auch          Krise, die Deutschland, Europa und die Welt gesehen haben
die Lohnentwicklung nach oben in Gang setzen.                      […] am besten durchkommen. Vielen Dank an unsere Bürge-
                                                                   rinnen und Bürger!
[…] eine weitere Herausforderung ist die immer noch nicht
flächendeckend vorhandene Breitbandversorgung. Aus un-                    (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und CDU)
serer Sicht ist es ein Skandal, dass sich milliardenschwere
Telekommunikationsunternehmen seit vielen Jahren wei-              1991 hatten wir ein Bruttoinlandsprodukt von 14 Milliar-
gern können, auch die nicht ganz so profitablen Gebiete            den Euro, 2019 46 Milliarden Euro. Wir hatten noch 2005 die
auszubauen. Ich bin mir sicher, […] wäre das ein bayerisches       höchste Arbeitslosigkeit mit 26 Prozent und aktuell, trotz Co-
Problem, wäre das CSU-geführte Bundesverkehrsministeri-            rona, 7,9 Prozent. Das zeigt, wie gut sich die Wirtschaft und
um längst dabei, eine entsprechende Regelung aufzusetzen           auch der Arbeitsmarkt entwickelt haben.
[…].
                                                                                (Beifall vonseiten der Fraktion der SPD)
[…] stattdessen müssen wir jetzt Steuergelder in die Hand
nehmen und mit Steuergeldern die Lücken schließen. Wir tun         […] 1990/1991 lag das Durchschnittsentgelt eines Arbeitneh-
das. Gemeinsam mit dem Bund investieren wir in Mecklen-            mers in M-V ungefähr bei 13.000 Euro. Heute sind es 36.500
burg-Vorpommern 1,5 Milliarden Euro […]. Das ist das größte        Euro […] Es hat sich sehr viel getan beim Thema starke Wirt-
Infrastrukturprogramm der Geschichte unseres Landes. […]           schaft, beim Thema gute Arbeit, und auch die Löhne haben
                                                                   sich praktisch verdreifacht. Dennoch bleibt das wichtigste
Meine sehr geehrten Damen und Herren, in den vergange-             Ziel der Landesregierung, weiter dafür zu sorgen, dass unsere
nen 30 Jahren ist es den Menschen im Land gelungen, das            Wirtschaft sich weiter gut entwickelt und dass das für unsere
im ostdeutschen Vergleich zunächst besonders zarte Pflänz-         Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gute Löhne bedeutet
chen Mecklenburg-Vorpommern wachsen und erblühen zu                und dass wir beim Thema Löhne auch vorankommen […].
lassen. […] Die Menschen leben hier gerne und sind stolz
auf unser Land.                                                    Rückblickend können wir aber auch selbstbewusst sagen,
                                                                   dass es Dinge gab, bei denen der Osten eine Vorbildrolle
            (Beifall vonseiten der Fraktion der SPD)               übernommen hat. Das beginnt mit der Erwerbstätigkeit der
                                                                   Frauen. Waren es in der DDR 90 Prozent erwerbstätige Frauen,
Lassen Sie uns […] weiter auf eine lebenswerte Zukunft hin-        ging im Westen nur jede zweite Frau arbeiten. Das ging dort
arbeiten! […]                                                      gar nicht anders, weil es gar keine Infrastruktur gab. Heute
                                                                   haben sie auf 71 Prozent aufgeholt. Das liegt ganz klar an
            (Beifall vonseiten der Fraktion der SPD                dem Ausbau der Infrastruktur der Kinderbetreuung. In Meck-
                     und Torsten Renz, CDU)                        lenburg-Vorpommern gehen längst mehr als die Hälfte aller

                                                                                    LandtagsNachrichten Mecklenburg-Vorpommern 8/2020
LANDTAGS NACHRICHTEN - Landtag MV
6   A u s      d e m        P l e n u m / A u s z ü g e               a u s    d e r       O r i g i n a l - D e b a t t e

                                                                                                                       Foto: Uwe Sinnecker

    unter Dreijährigen in eine Krippe oder zur Tagesmutter/ zum        Die Aufgaben der nächsten Jahre sind klar: Wir müssen dafür
    Tagesvater und 94 Prozent aller Drei- bis Sechsjährigen wer-       sorgen, dass Wirtschaft und Arbeitsplätze gesichert werden
    den betreut.                                                       und weiter entstehen. Wir wollen ein soziales Land, in dem
                                                                       Familien, Kinder und Ältere Unterstützung bekommen […]
    Und, meine Damen und Herren, diese Kinder gehen auf frei-          und wir wollen das Thema „Gleichberechtigung von Frauen
    willigen Wunsch der Eltern in Krippe und Kindergarten, weil        und Männern“ voranbringen. Wir wollen ein Land, das sich
    es ein gutes Angebot ist, weil es das überwiegende Lebens-         nachhaltig entwickelt, in dem wir unsere schöne Natur und
    modell ist, dass sich Mütter und Väter wünschen, Beruf und         Umwelt erhalten und damit auch zukünftige Generationen
    Familie vereinbaren zu können […]. Ich bin sicher, hätte es die    gesund und glücklich hier leben können. […]
    deutsche Einheit nicht gegeben, hätte es hier nicht den Os-
    ten als Vorbildrolle gegeben, müssten die Mütter und Väter im
    Westen immer noch auf Kitaplätze warten.                                           (Beifall vonseiten der Fraktionen
                                                                                                der SPD und CDU)
        (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)

    Der Osten hat dafür gesorgt, dass sich Deutschland moder-
    nisiert […].

    LandtagsNachrichten Mecklenburg-Vorpommern 8/2020
LANDTAGS NACHRICHTEN - Landtag MV
A u s    d e m        P l e n u m / A u s z ü g e            a u s     d e r      O r i g i n a l - D e b a t t e                  7

                  Nikolaus Kramer, AfD:                                             […] Unser Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt 2019 bei le-
                                                                                    diglich 70 Prozent des deutschen Durchschnitts. […] Jeder
                  „Geben wir unseren                                                unserer Bürger hat für seine persönlichen Bedürfnisse rund
                                                                                    2.500 Euro im Jahr weniger als im Bundesdurchschnitt zur
                  eigenen Bürgern eine                                              Verfügung. […]

                  wirtschaftliche und soziale                                       Wenn die Lebensverhältnisse nicht gleichwertig sind, dann
                                                                                    gehen die Menschen dorthin, wo es besser ist.
                  Bleibeperspektive!“
                                                                                                    (Zuruf von Thomas Krüger, SPD)

                                                                                    Die Bevölkerungszahlen in Mecklenburg-Vorpommern sind
Foto: Uwe Sinnecker

                                                                                    dramatisch zurückgegangen. Im Jahr 1990 hatte M-V 1,9
                                                                                    Millionen Einwohner, heute sind es 1,6. In 30 Jahren also
                                                                                    300.000 Menschen weniger,

                                                                                                    (Zuruf von Thomas Krüger, SPD)

                                                                                    300.000 Menschen, 300.000 Menschen, die unser Land ver-
                                                                                    lassen haben, Herr Krüger. […] Sie reden doch in diesem Zu-
                                                                                    sammenhang so gern davon, die Fluchtursachen in anderen
                                                                                    Ländern zu beseitigen. Fangen wir doch einfach mal bei uns
                                                                                    zu Hause an mit der Beseitigung von Abwanderungsursa-
                                                                                    chen!

                                                                                                (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD –
                  Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin! Sehr geehrte Damen                       Zuruf von Patrick Dahlemann, SPD)
                  und Herren Abgeordnete! Liebe Gäste hier im Hohen Hause!
                  Liebe Landsleute! […]                                             Geben wir unseren eigenen Bürgern eine wirtschaftliche
                                                                                    und soziale Bleibeperspektive! […]
                  Sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin, […]
                                                                                    Seit der Wende haben wir die Institutionen des Rechts-
                  Vor 31 Jahren begann eine Zeitenwende auf dem Gebiet der          staates und der Demokratie aufgebaut und mit Leben er-
                  sowjetischen Besatzungszone durch die sogenannten Mon-            füllt. Damit darf es aber nicht getan sein, wir dürfen uns nicht
                  tagsdemos,                                                        zurücklehnen.

                                         (Heiterkeit und Zuruf                                          (Thomas Krüger, SPD:
                                       von Peter Ritter, DIE LINKE)                                 Wo sind denn Ihre Vorschläge?)

                  und es gipfelte in den Großdemonstrationen in Leipzig mit         Unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung muss täg-
                  einer Menschenkette am 3. Advent, […]                             lich aufs Neue verteidigt werden. Dies ist uns nur bedingt
                                                                                    gelungen. Nach wie vor schaffen es Mitläufer und Mittäter
                  Und wenn es Sie nicht interessiert, brauchen Sie ja auch          der alten Diktatur noch in Spitzenpositionen in unserem
                  nicht zuzuhören.                                                  Land bis ins Landesverfassungsgericht hinein.

                              (Peter Ritter, DIE LINKE: Ich höre aufmerksam                     (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD –
                                   zu, aber es interessiert mich nicht.)                            Zuruf von Dr. Ralph Weber, AfD)

                  Und heute, rund 30 Jahre später, nach einer Generation wird       […] Immer mehr Bürger sehen die Fehlentwicklungen und
                  es Zeit, ehrlich zu bilanzieren. […] Wir haben wirtschaftliche    Versäumnisse. Vieles davon kommt ihnen wieder bekannt
                  Freiheiten gewonnen […] Und wir können heute stolz sein           vor. […]
                  auf die Zehntausenden Unternehmen und Selbstständigen
                  hier bei uns im Land. Mit den Freiheiten kamen aber auch die                  (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD)
                  Risiken. Wir müssen seit Jahrzehnten unseren Werften unter
                  die Arme greifen. Viele bekannte Unternehmen schlossen            Die Bürger hier im Land sehen die vollmundigen Verspre-
                  ihre Pforten, viele vertraute Marken verschwanden. Denken         chungen aus diesem Hause in den Medien, aber in ihren
                  wir nur allein in dieser Legislaturperiode an den Rügener Ba-     Jackentaschen haben sie nur leere Geldbörsen.
                  dejungen, den Tutower Senf oder die Jarmener Mühle, um
                  nur einige wenige zu nennen.

                                                                                                     LandtagsNachrichten Mecklenburg-Vorpommern 8/2020
LANDTAGS NACHRICHTEN - Landtag MV
8   A u s      d e m        P l e n u m / A u s z ü g e            a u s    d e r       O r i g i n a l - D e b a t t e

                                                                    Lorenz Caffier, CDU:

                                                                    „Mir ist aber vor allen
                                                                    Dingen wichtig, was die
                                                                    Menschen in dieser Zeit
                                                                    geleistet haben.“

                                                                                                                                     Fotos: Uwe Sinnecker
                (Thomas Krüger, SPD: Fangen Sie doch
             endlich mal an, Alternativen zu präsentieren!)

    […] Die Lösungen dafür haben wir Ihnen hier immer wieder
    aufgezeigt.
                                                                    […] Wir haben allen Grund,[…] gemeinsam mit Stolz auf das
              (Thomas Krüger, SPD: Oh! Das ist aber neu.)
                                                                    zurückzublicken, was die Menschen in diesem Land in den
                                                                    zurückliegenden 30 Jahren für beachtliche Leistungen er-
    Ändern Sie Ihre Fördermittelpolitik der GRW-Mittel! Hinter-
                                                                    bracht haben.
    fragen Sie die teure Windenergiepolitik! Stoppen Sie Sozial-
    experimente wie zum Beispiel die Inklusion!
                                                                                    (Beifall vonseiten der Fraktionen
                                                                                            der SPD und CDU)
                 (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD)

    Stärken Sie den ÖPNV im ländlichen Raum! Retten Sie unsere
                                                                    […] Der 3. Oktober 1990 war der Neuanfang für unser Bun-
    Küstenfischer vor den EU-Bürokraten! Schicken Sie ausreise-
                                                                    desland. Aber viel mehr noch, er war der Neuanfang für 1,9
    pflichtige Personen endlich nach Hause!
                                                                    Millionen Menschen. Bei aller Freude über das erreichte Ziel,
                                                                    die Wiedervereinigung selbst, war doch auch mehr und
                (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD –
                                                                    mehr spürbar, was den Menschen dabei im Alltag abver-
              Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD)
                                                                    langt wurde. […] wir müssen uns immer wieder mal an den
                                                                    Zustand der Industrien, unserer Stadtzentren, unserer Stra-
    Treten Sie für eine bürgernahe, sparsame und effiziente Ver-
                                                                    ßen, unserer Umwelt erinnern, wie er 89/90 war.
    waltung vor Ort ein und nicht für eine aufgeblähte Staats-
    kanzlei mit Propagandareferat!
                                                                                   (Zuruf aus dem Plenum: Genau.)
                 (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD)
                                                                    Die wirtschaftliche Talfahrt war nicht das Ergebnis von fried-
                                                                    licher Revolution und deutscher Einheit, sondern sie war das
    Herr Krüger sprach zum Abschluss seines Redebeitrages von
                                                                    Ergebnis von 40 Jahre Misswirtschaft in der damaligen DDR
    einem zarten Pflänzchen, welches in M-V erblühte. Ich sage,
                                                                    […].
    es wird Zeit für neue Gärtner. – Herzlichen Dank!

                (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD –
                                                                    […] Die DDR war nicht nur ein politischer Unrechtsstaat, son-
                   Zuruf von Sebastian Ehlers, CDU)
                                                                    dern der Sozialismus war auch ökologisch eine Bankrotter-
                                                                    klärung.

                                                                                    (Beifall vonseiten der Fraktionen
                                                                                            der CDU und AfD)

    LandtagsNachrichten Mecklenburg-Vorpommern 8/2020
LANDTAGS NACHRICHTEN - Landtag MV
A u s      d e m       P l e n u m / A u s z ü g e                a u s     d e r      O r i g i n a l - D e b a t t e                                     9

                                                                                                                                    Fotos: Uwe Sinnecker
[…] Ich will gar nicht so sehr vergleichen zwischen 1990 und       Nicht zuletzt denke ich eben auch als Europaminister an all
heute. Ich bin überzeugt, dass sich die zentrale Aufgabe für       das, was sich hier in den letzten 30 Jahren verändert hat. Aus
Abgeordnete nicht geändert hat: zuhören vor Ort, Themen            der Europäischen Gemeinschaft der 12 ist längst die Europä-
mitnehmen und dann handeln – vollkommen egal, aus wel-             ische Union der 27 geworden […], zugleich haben wir aber
cher Fraktion, einfach mitnehmen und handeln. […]                  in der Eurokrise 2009 erlebt, dass der immer weiter gehende
                                                                   Weg der Integration auch erstmals auf größere Reserviert-
Mir ist aber vor allen Dingen wichtig, was die Menschen in         heit stieß. […]
dieser Zeit geleistet haben, denn die […] Entwicklung un-
seres Landes ist nicht in erster Linie Ergebnis der politischen    Ich habe zu Beginn gesagt, wie sehr der 3. Oktober für uns
Entwicklung, sondern es ist das Ergebnis der Menschen […]          alle ein Neubeginn war. Ja, das stimmt, aber die gesamten
die Mecklenburg-Vorpommern zu dem machen wollten,                  30 Jahre waren ein weiterer Veränderungsprozess. […] Inso-
was es ohne Mauer und Stacheldraht schon längst gewesen            fern war die Herausforderung, dass wir im Grunde in einer
wäre.                                                              Generation gleich zwei Brüche hatten, natürlich eine beson-
                                                                   dere, für alle. Ich erwähne das deshalb, weil ich glaube, dass
30 Jahre Mecklenburg-Vorpommern löst natürlich auch im-            dies ein zentraler Grund dafür ist, wie sich die Debatten in
mer wieder Erinnerungen aus. Ich denke an die emotionale           unserem Land verändert haben. Nicht jeder begreift diese
Entscheidung zur Landeshauptstadt zwischen Rostock und             Veränderung und diese Geschwindigkeiten immer als einen
Schwerin und Güstrow. […]                                          persönlichen Gewinn. Wir haben hier im Landtag deshalb
                                                                   auch die Aufgabe, Ängste und Sorgen ernst zu nehmen. Wir
Ich denke aber gerade auch als Innenminister an die Ereig-         müssen sie uns nicht immer zu eigen machen, aber wir dür-
nisse, die für unser Land beschämend waren. 1992 entlud            fen uns nicht einfach arrogant über sie stellen.
sich in Rostock-Lichtenhagen der Hass. […] Hass und Hetze
mögen heute in einem anderen Gewand daherkommen,                   Mecklenburg-Vorpommern war auch 1990 eins, wenn nicht
aber Lichtenhagen lehrt uns, wie wichtig es ist, nichts zu         das schönste Stück Deutschlands. Dank des Zusammenhalts
verharmlosen. Der Staat, aber auch die Gesellschaft insge-         im Land gilt das heute noch, vielleicht sogar ein bisschen
samt müssen gemeinsam zusammenstehen gegen Hass                    mehr. Und gerade die aktuelle Pandemie zeigt, wie wich-
und Gewalt. […]                                                    tig Zusammenhalt ist und wie viel Gestaltungskraft in uns
                                                                   allen gemeinsam steckt. Es waren vielleicht gerade die Er-
Als Kommunalminister denke ich natürlich auch an die Ge-           fahrungen dieser 30 Jahre, die uns auch vor etwas wie einer
bietsreform. Die Diskussion um den Zuschnitt der Landkreise        Pandemie nicht verzagen lassen, […] ich bin überzeugt, dass
hat gezeigt, wie sehr die Frage der Verwurzelung die Men-          wir jede Herausforderung meistern werden. Dafür wünsche
schen in unserem Land umhertreibt. Und gerade mit Blick            ich uns viel Kraft und Gottes Segen.
auf die Geschichte bis 1990 habe ich es damals immer als ein
Glück begriffen, dass wir solche Debatten offen und ohne                         (lang anhaltender Beifall vonseiten
Ängste miteinander führen können […]. Die Dörfer, Städte                          der Fraktionen der SPD und CDU)
und Landkreise sind eben nicht einfach ein politisches An-
hängsel der großen zentralen Parteiführung, wie bis 1990,
sondern sie bilden […] den Kern unseres Bundeslandes […].

                                                                                    LandtagsNachrichten Mecklenburg-Vorpommern 8/2020
LANDTAGS NACHRICHTEN - Landtag MV
10                      A u s       d e m        P l e n u m / A u s z ü g e                    a u s    d e r      O r i g i n a l - D e b a t t e

                        Simone Oldenburg, DIE LINKE:

                        „Es gibt keine wirtschaft-
                        liche Angleichung und
                        es gibt viel zu wenige
                        Ostdeutsche in Führungs-
                        positionen.“
     Fotos: Uwe Sinnecker

                                                                                                 Sehr geehrte Damen und Herren, verkennen dürfen wir aber
                                                                                                 auch nicht, dass wir 30 Jahre nach diesem historischen Glücks-
                                                                                                 fall noch immer genügend Unglück und Ungerechtigkeiten
                                                                                                 zu verzeichnen haben, die zeigen, dass das Land nicht stark
                                                                                                 genug ist und der Kurs eben nicht immer der richtige, denn
                                                                                                 auch nach drei Jahrzehnten gibt es keine gleichen Löhne für
                                                                                                 gleichwertige Arbeit, es gibt keine gleichen Renten in Ost und
                        Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! […] Dan-                West, es gibt keine gleichwertigen Lebensverhältnisse in Ost
                        ke den Frauen und Männern, die für einen friedlichen Weg in              und West und auch nicht zwischen Mecklenburg und Vor-
                        die deutsche Einheit so vehement demonstriert haben, dass                pommern. Es gibt keine wirtschaftliche Angleichung und es
                        das Verschweigen und die rigiden Maßnahmen des Staates es                gibt viel zu wenige Ostdeutsche in Führungspositionen des
                        nicht geschafft haben, den Prozess der Millionen zu unterdrü-            Bundes, aber auch der Landesbehörden in Mecklenburg-Vor-
                        cken! Sie haben die Mauer zum Einsturz gebracht, die nicht               pommern. Der Osten ist in wirtschaftlicher Hinsicht schwä-
                        nur Familien und Leben trennte, sondern die Hunderte Leben               cher als der Westen und dabei ist Mecklenburg-Vorpommern
                        gekostet hat.                                                            auch noch am schwächsten.

                                         (Beifall vonseiten der Fraktionen                                       (Zuruf von Egbert Liskow, CDU)
                                              der SPD und DIE LINKE)
                                                                                                 […] bleiben wir uns der historischen Dimension der deutschen
                        […] wenn im Großen und Ganzen von uns nicht mehr als der                 Einheit bewusst und sorgen wir vielleicht auch wieder durch
                        grüne Pfeil und das Ampelmännchen akzeptiert und über-                   runde Tische dafür, dass nicht über die Menschen bestimmt
                        nommen wurden, müssen wir uns nicht wundern, dass auch                   und entschieden wird, sondern mit ihnen, damit das Leben
                        nach 30 Jahren die Einheit noch nicht weiter vorangeschrit-              eines zufällig in Mecklenburg-Vorpommern Geborenen und
                        ten ist. Hier muss dringend ein Kurswechsel erfolgen, denn               ganz bewusst Gebliebenen nicht länger anders, nicht länger
                        die Route ist nicht immer die richtige.                                  schlechter bewertet wird als das eines zufällig in Bayern Gebo-
                                                                                                 renen und Gebliebenen!
                                    (Beifall vonseiten der Fraktion DIE LINKE)
                                                                                                            (Beifall vonseiten der Fraktion DIE LINKE)
                        Aber niemand von uns darf verkennen, dass sehr, sehr viel Geld
                        in den Osten Deutschlands geflossen ist, um die Infrastruktur
                        zu verbessern, um den unermesslichen Sanierungsstau abzu-
                        bauen, um den Städten neuen Glanz zu geben, die Straßen
                        instand zu setzen und neue zu bauen. […] Es gab nicht zu
                        relativierende und nicht zu rechtfertigende Einschränkungen               In der Debatte haben noch weitere Redner gesprochen.
                        in der Freiheit – in der Reisefreiheit, in der Pressefreiheit, in der     Die vollständigen Redebeiträge finden Sie zum Nachle-
                        Meinungsfreiheit. Kein Staat darf versuchen, den freien Willen            sen auf der Website des Landtags (Parlamentsdokumente/
                        und die freie Entscheidung seiner Bürgerinnen und Bürger zu               Plenarprotokolle) oder zum Nachhören auf dem YouTube-
                        unterdrücken und zu verbieten.                                            Kanal unter www.landtag-mv.de

                        LandtagsNachrichten Mecklenburg-Vorpommern 8/2020
A u s        d e m          P l e n u m / B e r i c h t e                                             11

Leichter zum

                                                                                                                                                         Foto: Jens Büttner
Zebrastreifen
kommen
Landtag drängt darauf, die
Hürden für Fußgängerüberwege
zu senken

    Ein paar weiße Streifen auf die Fahr-
bahn malen, zwei Schilder aufstellen
und fertig ist der Fußgängerüberweg?
Wenn das so einfach wäre, hätten die
Menschen in Jürgenstorf (Landkreis
Mecklenburgische Seenplatte) ihr Ziel        Die Richtlinien für Fußgängerüberwege sehen Zebrastreifen dort vor, wo in der Spitzenstunde mindestens 50
vielleicht schon erreicht. Sie kämpfen       Personen die Fahrbahn überqueren und mindestens 200 Fahrzeuge an dieser Stelle vorbeifahren.
seit Langem für einen Zebrastreifen an       bisschen Farbe das Leben der Menschen                 dem Jahr 2001 und enthielten auch keine
der B194, der es vor allem Senioren und      sicherer zu machen.                                   weiteren Punkte zum Thema Barrierefrei-
Kindern erleichtert, die Straße zu über-                                                           heit. „Eine Erneuerung dieser Richtlinien
queren. Die Anforderungen an solche          Verkehrsminister Christian Pegel kün-                 ist also ratsam.“ In diesem Zuge könnten
Überwege sind jedoch hoch. Insbeson-         digte an, sich beim Bund für Anpas-                   dann auch die bereits vorgesehenen
dere die vorgeschriebene Mindestan-          sungen einzusetzen. „Gerade für kleine                Ausnahmefälle für Ortschaften, die auf-
zahl an Fußgängern lässt sich in länd-       Gemeinden, die nur wenige hundert                     grund ihrer Einwohnerstruktur durchs
lichen Räumen kaum erreichen.                Einwohnerinnen und Einwohner haben,                   Raster fielen, konkretisiert werden.
Geregelt sind die Vorgaben in einer          ist das häufig eine extrem günstigere Al-
bundesweiten Verwaltungsvorschrift.          ternative zur der sehr viel teureren Am-              Für Dietmar Eifler (CDU) greift der An-
Das bedeutet: Land oder Kommunen             pel.“ Er machte aber auch deutlich, dass              trag einen wichtigen Punkt auf, um die
können sie nicht eigenmächtig ändern.        es nicht einfach werde, andere, vor allem             Lebensverhältnisse der Menschen in
Auf Initiative der SPD-Fraktion erteilte     viel dichter besiedelte Bundesländer von              Stadt und Land anzugleichen. „Insofern
der Landtag deshalb der Landesregie-         der Notwendigkeit zu überzeugen: Die                  ist er richtig platziert.“ Ein Großteil der
rung einstimmig den Auftrag, sich auf        vorgegebenen Mindestzahlen von 50                     Dörfer im Land werde durch Bundes-
Bundesebene für eine Anpassung der           Fußgängern und 200 Autos pro Stunde                   oder Landesstraßen geschnitten. „Das
Vorschriften einzusetzen. Mit dem Ziel,      beruhten auf einem bundesdeutschen                    Verkehrsaufkommen ist in den letzten
die Möglichkeiten zur Errichtung von         Durchschnitt. Auch abseits von Zahlen                 Jahren deutlich gestiegen.“ Darauf müs-
Zebrastreifen auszuweiten.                   setze die Verwaltungsvorschrift Maßstä-               se reagiert werden. Im Moment seien
                                             be an, die viele Gemeinden in MV nicht                den Genehmigungsbehörden jedoch
Nach den derzeitigen Regelungen müs-         erfüllen können – zum Beispiel: auf bei-              vielfach die Hände gebunden. Mit den
sen in der Spitze mindestens 50 Per-         den Seiten Gehwege vorzuhalten. Seiner                angestrebten Änderungen hätte die
sonen die Straße überqueren, erläuterte      Meinung nach müsste die Verordnung                    kommunale Selbstverwaltung mehr
Jochen Schulte (SPD). Er plädierte dafür,    deshalb an mehreren Stellen zugunsten                 Möglichkeiten,       Fußgängerüberwege
sich nicht vornehmlich an solchen Zah-       individueller Gegebenheiten vor Ort ge-               zuzulassen. Dabei gehe es vor allem um
len zu orientieren. „Ist nicht die Gesamt-   ändert werden. „Das wird ein nicht ganz               Querungen, die Kindern den Schulweg
situation vor Ort das Entscheidende?“        einfaches Unterfangen.“                               erleichterten oder älteren Menschen
Die bestehenden Regelungen führten                                                                 den Gang zum Einkauf. Dass im Ergeb-
zu der „aberwitzigen Situation“, dass es     Mehr Sicherheit für Fußgänger – dem                   nis wahllos Zebrastreifen entstünden,
einfacher sei, eine vergleichsweise viel     schließe sich seine Fraktion an, sagte                schloss er aus. „Das ist nicht zu befürch-
teurere Ampel zu errichten als einen         Stephan J. Reuken (AfD). „Unser Bun-                  ten, weil die Gemeinden die Entschei-
Fußgängerüberweg. Dabei biete ein            desland ist das am dünnsten besiedelte                dungen verantwortlich treffen.“
gut geplanter Fußgängerüberweg laut          und wir haben eine große Zahl kleiner
Unfallforschung genauso viel Verkehrs-       Ortschaften und Siedlungen.“ Das könne                „Mit dem Antrag soll mehr Verkehrssi-
sicherheit wie eine Fußgängerampel. Für      nicht unberücksichtigt bleiben. „Aus un-              cherheit erreicht werden. Das ist gut. Alles,
die Menschen vor Ort, insbesondere für       serer Sicht gibt es zwei Möglichkeiten, die           was hilft, Unfälle zu vermeiden und die
Familien, Kinder und Senioren, sei das       Situation zu ändern: Entweder man än-                 Sicherheit für alle zu verbessern, begrü-
ein ernstes Thema. Der Antrag wolle er-      dert die Verwaltungsvorschrift oder die               ßen wir“, äußerte Dr. Mignon Schwenke
reichen, mit geringem Aufwand und ein        Richtlinien.“ Letztere stammten noch aus              (DIE LINKE). Zebrastreifen allein könnten

                                                                                              LandtagsNachrichten Mecklenburg-Vorpommern 8/2020
12   A u s      d e m        P l e n u m / B e r i c h t e

     aber nicht der Weisheit letzter Schluss
     sein. „Die Prioritäten müssen sich grund-      Streit um                                    Von einer Gefährdung der Grundrechte
                                                                                                 könne keine Rede sein. Alle Einschrän-
     legend ändern.“ Die Straßenverkehrsord-
     nung bilde nach wie vor die Interessen         Corona-                                      kungen würden ständig überprüft, viele
                                                                                                 seien inzwischen auch Schritt für Schritt
     von Autofahrern ab. „Die Autoindustrie
     war jahrzehntelang die Leitbranche des
     deutschen Kapitalismus.“ Das könne so
                                                    Strategie                                    wieder gelockert worden. Das Infektions-
                                                                                                 schutzgesetz habe am Ende aber immer
                                                                                                 Vorfahrt. Noch gebe es keinen Impfstoff
     nicht weitergehen. „Mobilität für alle, Bar-   AfD fordert Aufhebung aller                  und niemand wolle Bilder wie in Italien.
     rierefreiheit, Umwelt- und Klimaschutz,        Beschränkungen                               „Es geht um den Gesundheitsschutz der
     Gesundheit und Lebensqualität für die                                                       Bevölkerung. Ich glaube, das ist ein ho-
     Bewohnerinnen und Bewohner – das                                                            hes Gut. Jeder hat nur das eine Leben.“
     brauchen wir!“ Dazu brachte sie auch                                                        Er appellierte an die AfD, die Infektions-
     eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf               Zehn Reden in zwei Stunden, zwei          lage objektiv einzuschätzen und nicht
     30 Kilometer pro Stunde ins Spiel.             Ordnungsrufe, etliche Kurzinterventi-        immer denen hinterherzurennen, die bei
                                                    onen und viele Zwischenrufe: Mit ih-         Anti-Corona-Demonstrationen auf den
     „Natürlich ist es schwierig, Beamte davon      rem Antrag, alle coronabedingten Ver-        Reichstag zulaufen oder Zahlen von 1,5
     zu überzeugen, dass sie etwas anders           bote abzuschaffen, hat die AfD eine          Millionen Demonstranten nennen.
     machen sollen“, knüpfte Jochen Schulte         hitzige Debatte im Landtag ausgelöst.
     (SPD) an die Bedenken von Verkehrsmi-          Gemessen am Verlauf der Infektion            Torsten Koplin (DIE LINKE) glaubte nicht,
     nister Christian Pegel an. „Auf der ande-      seien die Beschränkungen unverhält-          dass dieser Appell fruchten werde. „Die
     ren Seite muss man auch die Chance             nismäßig und unverantwortlich, be-           AfD hat ganz andere politische Interes-
     sehen.“ Hier gehe es um eine interne           gründete sie ihre Forderung. Wider-          sen, die sie mit diesem Antrag verbindet,
     Verwaltungsanweisung, die das Bundes-          spruch kam aus den Reihen aller              als Tatsachenbezug und Vernunft.“ Er
     verkehrsministerium ohne Bundesratsini-        anderen Fraktionen. Sie hielten der          hielt ihr vor, die Pandemie auf die leichte
     tiative oder Gesetzgebungsverfahren re-        AfD vor, mit der Gesundheit der Men-         Schulter zu nehmen und die Gefahren
     lativ einfach ändern könnte. Das einzige,      schen zu spielen.                            auszublenden. Corona sei ansteckender
     was es hier brauche, sei ein verwaltungs-                                                   und gefährlicher als die Grippe. „Wir
     interner Wille.                                Die Strategie der Landesregierung sei ge-    haben einen höheren Anteil schwerer
                                                    prägt von „Corona-Panik und Verbotsex-       Krankheitsverläufe.“ Nach wie vor gebe es
     Antrag SPD/CDU Drucksache 7/5352               zessen“, kritisierte Prof. Dr. Ralph Weber   keinen Impfstoff. „Das können Sie nicht in
                                                    (AfD). „Sie reglementieren ohne Sinn und     Abrede stellen.“ Stattdessen komme die
                                                    Verstand mit der Brechstange.“ Viele Ein-    AfD mit einem knapp gefassten, fach-
     Stichwort Fußgängerüberweg
                                                    schränkungen seien unverhältnismäßig         lich dünnen und „sehr radikalisierenden“
     67 Jahre – so lange gibt es den Fuß-           und widersprüchlich: Profi-Fußball mit       Antrag daher. „Man könnte meinen, Sie
     gängerüberweg in Deutschland: im               mehreren Tausend Besuchern sei erlaubt,      wollten sich an die Corona-Leugner und
     August 1953 wurde er in die Straßen-           zu Konzerten dürften hingegen kaum           Verschwörungstheoretiker heranwan-
     verkehrsordnung der Bundesrepublik             Zuschauer kommen. Hier werde Politik         zen“ und dort „politisch Honig saugen“.
     aufgenommen. Die gesetzlichen Re-              gegen die Bürger betrieben. „Mit ver-        Der Antrag spiele mit der Gesundheit der
     gelungen verpflichteten Autofahrer             heerenden Schäden für die Wirtschaft,        Menschen. Doch das sei der AfD egal.
     zu jener Zeit aber noch nicht, an den          die Freiheit der Bevölkerung und unse-       „Und was ist der Webstoff einer Politik,
     im Volksmund Zebrastreifen genann-             re Grundrechte.“ Das stehe in keinem         der die Menschen egal sind? Das ist der
     ten Überwegen anzuhalten. Erst 1964            Verhältnis zur Infektionsquote. Diese sei    Webstoff totalitärer Ideologie.“
     erhielten Passanten den Vorrang.               trotz zunehmender Tests nahezu gleich
     Geregelt ist das in §26 der Straßen-           geblieben. „Das, was Sie da immer an         Julian Barlen (SPD) sprach von „Men-
     verkehrsordnung. Unter welchen                 Zahlen propagieren, sind Kampfbegriffe,      schenleben      gefährdenden      Forde-
     Voraussetzungen Zebrastreifen an-              die mit der realen Durchseuchung der         rungen“. Weltweit stiegen die Infekti-
     gelegt werden können, wird in einer            Bevölkerung nichts zu tun haben.“ Er         onszahlen derzeit wieder stark an. Dass
     „Allgemeinen Verwaltungsvorschrift             forderte ein Umdenken. „Schluss mit der      Deutschland im Vergleich gesehen gut
     zur Straßenverkehrsordnung“ sowie in           staatlichen Reglementierung!“ Der mün-       dastehe, liege an seinen klaren und an-
     begleitenden Richtlinien definiert. Die        dige Bürger könne sich selbst schützen.      gemessenen Regeln. Ein Weg, hinter
     Verwaltungsvorschrift besagt unter             „Setzen Sie auf die Vernunft der Bürger!“    dem auch mehr als 80 Prozent der Be-
     anderem, dass Fußgängerüberwege                                                             völkerung stünden. Wer das Ende aller
     nur innerhalb geschlossener Ortschaf-          An erster Stelle stehe auch weiterhin der    Schutzmaßnahmen fordere, nehme
     ten angelegt werden dürfen, aber nur           Infektionsschutz, entgegnete Gesund-         mehr Todesfälle und einen neuen Lock-
     dann, wenn Fahrzeuge nicht schneller           heitsminister Harry Glawe (CDU). Die         down billigend in Kauf. „Das ist verant-
     als 50 km/h fahren dürfen und jede             damit verbundenen Maßnahmen hätten           wortungslos.“ Er verwies auf eine Studie,
     Fahrtrichtung nur einen Fahrstreifen           geholfen, die Infektionszahlen im Land       wonach vorerkrankte Menschen im Falle
     hat. Zudem müssen auf beiden Stra-             sehr niedrig zu halten – auch deshalb,       einer Corona-Erkrankung durchschnitt-
     ßenseiten Gehwege vorhanden sein.              weil sich viele Menschen daran hielten.      lich neun Jahre ihrer Lebenszeit ver-

     LandtagsNachrichten Mecklenburg-Vorpommern 8/2020
A u s       d e m         P l e n u m / B e r i c h t e                                   13

lieren. „Wer hat das Recht, neun Jahre

                                                                                                                                           Foto: Landtag M-V
glücklicher Lebenszeit von Menschen
infrage zu stellen?“ Niemand habe das
Recht, darüber zu richten. „Oder sind
neun Jahre glückliches Leben für Sie
auch nur ein Fliegenschiss, auf den es
nicht ankommt?“ Die AfD kümmere sich
„einen feuchten Kehricht um das Wohl
des Volkes, wenn in Aussicht steht, mit
billigem Populismus etwas Aufmerksam-
keit und politischen Profit einfahren zu
können“.
                                             Nasen-Mund-Bedeckungen prägen während der Corona-Pandemie den Alltag der Menschen.
Die hohe Zustimmungsrate der Bürger
führte Holger Arppe (fraktionslos) darauf    lehnten. „In diesem Spannungsfeld be-            Deutschland auch in der bisherigen
zurück, dass Politiker und Medien „tag-      wegen wir uns. Deswegen gibt es bei              Sterbestatistik für 2020 kein außerge-
ein, tagaus Angst, Panik und Hysterie“       dem Thema auch kein Schwarz-Weiß.                wöhnlich abweichendes Bild. Die Wahr-
schürten. Seiner Meinung nach wäre es        Und man kann nicht sagen, alle finden            nehmung des Risikos sei eine „zutiefst
angebrachter, sich um die Risikogruppen      die Maske schlecht.“ Über einzelne Maß-          psychologische Komponente des Risi-
zu kümmern, anstatt das ganze Volk in        nahmen könne man immer diskutieren.              komanagements“. Die öffentlich-recht-
Haftung zu nehmen. Viele Bürger be-          Alle Einschränkungen aufzuheben, wäre            lichen Medien hätten durch einseitige
fürchteten mit Recht, dass die Corona-       aber auch mit Blick auf die bevorstehen-         Berichterstattung gemeinsam mit Poli-
Krise auch dazu „missbraucht wird, um        de Grippezeit nicht zu verantworten. Co-         tikern und Wissenschaft in der Bevölke-
Dinge umzusetzen, die unter normalen         rona sei nun mal keine normale Grippe.           rung eine übersteigerte Wahrnehmung
Umständen so nicht möglich gewesen           Wer das nicht glaube, sollte sich einmal         erzeugt. Er warnte davor, in Bezug auf
wären“ – wie die Einführung einer Perso-     mit Betroffenen unterhalten.                     Corona „als Volk der Hypochonder“ in die
nenkennzahl.                                                                                  Geschichte einzugehen. „Wir sollten uns
                                             Dr. Gunter Jess (AfD) hielt die Gefahr           ein Beispiel an den nüchtern und sach-
Christel Weißig (fraktionslos) meinte,       durch Corona nicht für real existierend.         lich agierenden Schweden nehmen.“
die Ministerpräsidentin habe MV bislang      Andernfalls würde sich seine Fraktion            Antrag AfD Drucksache 7/5354
gut und souverän durch die Pandemie          epidemiologischen Maßnahmen nicht
geführt. Verbote als unmenschlich zu         verweigern. „Wer will schon krank wer-
bezeichnen, sei starker Tobak. Dass Ge-      den?“ Die Zahlen der Erkrankten, der             In der Debatte meldeten sich noch wei-
sundheitsminister Spahn den Nutzen           schweren Verläufe und der Verstorbenen           tere Redner zu Wort. Die vollständigen
der Masken am Anfang der Pandemie            in MV seien sehr niedrig. 20 Todesfäl-           Redebeiträge finden Sie zum Nachlesen
in Abrede gestellt habe, biete Corona-       le – das entspreche einem Anteil von             auf der Website des Landtags (Parla-
Leugnern jedoch eine Steilvorlage. „Dass     0,001 Prozent der Bevölkerung in MV              mentsdokumte/Plenarprotokolle) oder
er die Menschen bewusst angelogen            (Stand: 24.09.2020). Im Vergleich zu den         zum Nachhören auf dem YouTube-Kanal
hat, weil er keine Masken und Schutz-        vergangenen 19 Jahren ergebe sich für            unter www.landtag-mv.de.
kleidung in ausreichendem Maß hatte,
hat bis heute das Gefühl hinterlassen, wir              Corona-maßnahmen
werden belogen, wenn es gerade passt.“
                                             Die AfD-Fraktion hatte in die Septem-             im Einzugsbereich ihrer Schulen, son-
Wären tausende Erkrankte, Tote und           ber-Sitzung noch einen weiteren An-              dern vielleicht in einem Gebiet mit Co-
überfüllte Leichenhäuser etwa die besse-     trag gegen Corona-Schutzmaßnahmen                rona-Infektionen. Wer solle also wie und
re Alternative, wandte Sebastian Ehlers      eingebracht. Darin forderte sie, Covid-          ohne gegen den Datenschutz zu versto-
(CDU) ein. Die Argumentation der AfD         19-Einschränkungen an Schulen auf-               ßen die Forderung umsetzen? Oberste
klinge so, als müsse man sich für die        zuheben, sofern in deren Einzugsbe-              Priorität habe, den Schulbetrieb am
                                             reichen in den vorausgegangenen zwei             Laufen zu halten, sagte die CDU. Dafür
guten Zahlen im Land entschuldigen.
                                             Wochen keine Infektionen feststellt wur-         kleine Unbequemlichkeiten wie Masken
„Ich kann klar sagen: Wir müssen uns
                                             den. In Anbetracht des geringen Infek-           auf sich zu nehmen, sei absolut verhält-
nicht dafür entschuldigen, dass wir hier
                                             tionsgeschehens sei insbesondere die             nismäßig: Sie verringerten die Viruslast.
als Bundesland bisher am besten durch
                                             Maskenpflicht unverhältnismäßig und              Dem schloss sich die SPD an. Sie hielt der
diese Krise gekommen sind.“ Er halte
                                             nicht notwendig. Ein Antrag aus der              AfD „populistische Klientelbedienung“
auch im Rückblick betrachtet die Maß-
                                             Märchenwelt, kommentierte DIE LINKE.             auf Kosten der Gesundheit von Kindern
nahmen für verhältnismäßig. Bei allen
                                             Jede Schulart habe andere Einzugsbe-             und Lehrern vor. Verantwortungsvolle
Diskussionen um weitere Lockerungen
                                             reiche. Die Infektionszahlen änderten            Bildungspolitik sehe anders aus.
dürfe man nicht ausblenden, dass es
                                             sich täglich, auch örtlich. Schüler und
auch viele Menschen gebe, die das ab-
                                             Lehrer wohnen zudem nicht zwingend               Antrag AfD Drucksache 7/5355

                                                                                         LandtagsNachrichten Mecklenburg-Vorpommern 8/2020
14   A u s        d e m         P l e n u m / B e r i c h t e

     Zukunft                                             Hilfsprogrammen reagiert. Gleichwohl
                                                         fielen gerade solo-selbständige Künstler
                                                                                                              einen Schutzfonds in Höhe von 20 Mil-
                                                                                                              lionen Euro einzurichten. „Dieser ist im-

     der Kunst                                           häufig durchs Raster, weil die Förder-
                                                         bedingungen nicht passten. „Oft blieb
                                                         ihnen nur der Gang zum Jobcenter.“
                                                                                                              mer noch recht gut gefüllt.“ Nachdem
                                                                                                              viele Betroffene die ersten Monate über
                                                                                                              Kurzarbeit oder laufende Zuwendungen
     DIE LINKE fordert, Kultur zur                       Angesichts der prekären Situation sei                überbrücken konnten, werde der Bedarf
     Pflichtaufgabe zu machen                            es wichtig, über die Zukunft der Kultur              jetzt steigen. „Wir wissen, dass sehr viele
                                                         zu sprechen. Vor allem darüber, sie zur              Anträge in der Pipeline sind.“ Auch in Be-
                                                         Pflichtaufgabe zu machen. „Wir können                zug auf weitere Lockerungen stünden
                                                         und dürfen es uns nicht leisten, auch nur            die Bereiche Kunst und Kultur ganz weit
        Das Usedomer Musikfestival. Die Li-              ein einziges Kulturangebot über die Klin-            oben. „Wir sehen Kultur als Pflicht an.“
     teraturtage in Stavenhagen. „Kunst                  ge springen zu lassen.“ Das Land fördere             Und: „Wir müssen aufpassen, dass bei
     heute“. Drei Beispiele, in denen sich               zwar Projekte, aber keine Infrastrukturen.           uns in Mecklenburg-Vorpommern keine
     Kunst und Kultur trotz Corona wieder                Das führe zu prekären Beschäftigungen,               Leerstellen entstehen.“
     zeigen. Anders als gewohnt. Mit Ab-                 Selbstausbeutung und fehlenden Pers-
     stand, Maske und weniger Besuchern.                 pektiven. „Warum? Weil die Pflicht fehlt.“           „Die Kultur im Land leidet Not und
     Aber live. In anderen Bereichen darf                Ihr Appell: „Lassen Sie uns aus der Krise            braucht dringend Hilfe und Unterstüt-
     Kultur noch nicht so weit gehen. Clubs              in eine Zukunft schauen, in der politisch,           zung, vor allem finanzieller Art“, meinte
     sind weiterhin geschlossen. Und frei-               juristisch und natürlich die Akteure be-             Jörg Kröger (AfD). „Das Motto unserer
     schaffender Künstler zu sein, bleibt in             teiligend zugunsten einer Pflichtaufgabe             Fraktion lautet: Kultur ist systemrelevant.“
     Zeiten wie diesen eine ganz besonders               Kultur entschieden wird.“                            Gleichwohl dürfe Corona nicht darüber
     schwere Kunst. Die Pandemie hat die                                                                      hinwegtäuschen, dass es auch vorher
     gesamte Kunst- und Kulturszene auch                 „Kunst und Kultur sind fundamentale                  schon Probleme gegeben habe. Kultur
     in MV hart getroffen. Jetzt müsse es                Bestandteile unserer Gesellschaft“, pflich-          sei ein weites Feld. Jörg Kröger spannte
     nicht nur darum gehen, Kunst und Kul-               tete Kulturministerin Bettina Martin bei.            den Bogen dabei auch zur „Cancel-Kul-
     tur wieder schrittweise zu ermögli-                 Sie seien nicht nur „Futter für die Seele“,          tur“, die seiner Meinung nach den Schutz
     chen, sondern auch als Pflichtaufgabe               sondern auch ein wichtiger Wirtschafts-              von Minderheiten zum Vorwand nehme,
     zu verstehen, forderte DIE LINKE in ei-             faktor. Gleichzeitig leide gerade diese              „um Meinungsvielfalt und Pluralismus
     ner von ihr beantragten Aussprache                  Branche besonders stark unter den                    mit den Mitteln massiver Diskreditierung
     zur Zukunft der Kultur im Land.                     Corona-Auswirkungen. „Viele Künstle-                 zu unterdrücken“. In den Raum stellte er
                                                         rinnen und Künstler haben quasi über                 zudem, „ob die Mauern um jeden Jahr-
     Corona und die damit verbundenen                    Nacht ihre Existenzgrundlage verloren.“              markt und verlorene Unbeschwertheit
     Einschränkungen hätten viele Kultur-                Das Land habe deshalb sehr schnell ent-              schon vom Kampf der Kulturen zeugen
     schaffende in eine Notlage gebracht,                schieden, einerseits alle Zuwendungen                oder zur neuen Normalität gehören
     veranschaulichte Eva-Maria Kröger                   weiter fließen zu lassen, auch wenn                  sollen“. Er appellierte an die Landesre-
     (DIE LINKE). Das Land habe zwar mit                 Projekte ausfielen. Und andererseits,                gierung, Künstlern jede mögliche Unter-

                                                                                                                                                               Foto: Cornelius Kettler

     Im Sommer stellte der Landtag MV im Rahmen der Konzertreihe "AufgeSCHLOSSen" Künstlerinnen und Küstlern eine Bühne im Innenhof des Schweriner Schlosses
     zur Verfügung.

     LandtagsNachrichten Mecklenburg-Vorpommern 8/2020
A u s         d e m    P l e n u m / B e r i c h t e                  15
Foto: Jens Büttner

                     Kulturinteressierte müssen wie hier im Großen Saal des Kulturhauses Mestlin auf Abstand sitzen.

                     stützung zu geben. „Aber hinterlassen                   er anders. „Es gibt immer ein Kommen              reichen. „Wir haben eine sehr vielfältige
                     Sie bei den Kulturschaffenden, denen Sie                und Gehen.“ Gerade die Kulturszene lebe           Kulturlandschaft und müssen aufpas-
                     Hilfe gewähren, nie den Eindruck, dass                  von Dynamik.                                      sen, dass keiner durchs Raster fällt.“ Die
                     Sie dafür erwarten, dass Ihre fütternde                                                                   sachliche Debatte zeige, „dass alle hier
                     Hand dafür geleckt wird.“                               Das kulturelle Leben in MV sei seit lan-          Anwesenden Kultur ernst nehmen, hoch
                                                                             gem chronisch unterfinanziert. Die Co-            schätzen und bereit sind, so gut es geht
                     Bernhard Wildt (CDU) verwies darauf,                    rona-Krise habe diese Entwicklung nun             zu unterstützen und zu fördern – auch in
                     dass nicht nur das Bildungs-, sondern                   aber noch einmal verstärkt, argumen-              Krisen, in denen wir alle derzeit stecken“.
                     auch das Wirtschaftsministerium Hilfs-                  tierte Holger Arppe (fraktionslos). Der
                     angebote aufgelegt habe – für Clubs                     Kulturszene mit hart erarbeiteten Steu-           „Ja, ein Kommen und Gehen, Abwechs-
                     und Live-Spielstätten zum Beispiel ei-                  ergeldern zu helfen, setze für ihn voraus,        lung und Dynamik, Entwicklung und
                     nen zweistelligen Millionenbetrag. Auch                 dass die Kultur auch alle Bürger anspre-          Wechsel – das ist wichtig in der Kultur.
                     daran lasse sich der hohe Stellenwert                   che. Dem sei vielfach aber nicht so. „Ich         Aber wenn Bestehendes durch eine Pan-
                     erkennen, den die Kulturbranche für                     habe seit langer Zeit ein großes Problem          demie ausgemerzt wird, dann ist dieser
                     die Landesregierung habe. „Ich plädiere                 mit dem Erscheinungsbild der Kultur.“ Er          Prozess nicht entwicklungsorientiert,
                     dafür, diesen Status sogar noch zu erhö-                wünsche sich Kunst, die auch mal „die             sondern destruktiv“, entgegnete Eva-
                     hen.“ Dazu blickte er auf die spanische                 andere Sicht der Dinge“ darstelle und             Maria Kröger (DIE LINKE) der CDU. Sie
                     Stadt Bilbao, die es mit ihrem Guggen-                  Diskussionen in der Gesellschaft auslöse.         bat den Finanzminister und den Wirt-
                     heim-Museum und vielen anderen Kul-                     „Das passiert ja alles nicht.“                    schaftsminister, sich weiterhin sehr inten-
                     tureinrichtungen geschafft habe, eine                                                                     siv mit der Kultur- und Kreativwirtschaft
                     ganze Region wirtschaftlich nach vorn                   „Kultur ist wichtig. Und Kultur fehlt“, äu-       im Land zu befassen. „Sie sind wichtige,
                     zu bringen. In puncto Förderungen                       ßerte Nadine Julitz (SPD). Auch viele             stabilisierende Faktoren.“ Dazu gehöre
                     sprach auch er sich ebenfalls dafür aus,                Vereine fragen sich derzeit, wie es für sie       auch eine Debatte darüber, wie die Kre-
                     Zuwendungen weniger an Projekte zu                      weitergehe. Als Mitglied eines Karnevals-         ativwirtschaft im Land aufgestellt sei,
                     binden, sondern stärker als bisher zu ver-              vereins kenne sie die täglichen Fragen            welche Kulturträger es gebe und ob die
                     stetigen. „Wir brauchen diese dauerhafte                und Ängste gut. Von ihrem Stattfinden             Zuständigkeiten im Wirtschaftsministeri-
                     Perspektive, um bestimmte Themen und                    oder Nicht-Stattfinden hänge viel ab.             um noch richtig aufgehoben seien oder
                     Angebote überhaupt verlässlich zu be-                   „Vereinsarbeit, Traditionspflege, Kinder-         nicht vielleicht Richtung Kultus wechseln
                     setzen.“ Dass kein einziges Kulturange-                 und Jugendarbeit.“ So gehe es vielen              sollten.
                     bot über die Klippe springen dürfe, sah                 Künstlerinnen und Künstlern in vielen Be-

                                                                                                                           LandtagsNachrichten Mecklenburg-Vorpommern 8/2020
Sie können auch lesen