Die Alt-Katholische Zeitschrift in Deutschland + 64. Jahrgang April 2020 - alt-katholische Kirche
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Christen heute 2020/4
Di e A lt-K at holisch e Zei tsch r i f t i n Deu tsch l a n d + 64 . Ja h rg a ng · A pr i l 2020
auf Seite 32
4 Sühneopfer – ein alter Hut? 11 Im Zeichen des Kreuzes 25 Wer starb am Kreuz?
von Francine Schwertfeger von Jutta Respondek von John Grantham
6 Im Kreuz ist Heil 13 Kreuz-Beschwerden 26 Poesiesammlung zum Titelthema
von Theresa Hüther von Harald Klein
32 Wort des Bischofs zur Coronakrise
7 Die Magdalenerin im Garten 15 Ritter der Straße in Aktion von Bischof Matthias Ring
von Sebastian Watzek von Francine Schwertfeger
9 Das Kreuz mit dem Kreuz 22 Den Glauben bekennen
von Sebastian Watzek von Andreas KrebsNeuer Vorsitzender der Ernesto Cardenal verstorben Baptistischer Oncken-Verlag wird
Bischofskonferenz Im Alter von 95 Jahren ist am von Methodisten übernommen
Der Limburger Bischof Georg 1. März der nicaraguanische Dichter, Im Dezember vergangenen Jah-
Bätzing (58) ist neuer Vorsitzender Befreiungstheologe und römisch-ka- res hatte der baptistische
Namen & Nachrichten
der Deutschen Bischofskonferenz tholische Priester Ernesto Cardenal Oncken-Verlag in Kassel Insolvenz
der römisch-katholischen Kirche. Er verstorben. Cardenal galt als einer angemelden müssen. Jetzt wurde er
wurde am 3. März bei der Frühjahrs- der bedeutendsten Vertreter der von der durch Methodisten geführ-
vollversammlung der Bischofskonfe- Befreiungstheologie, mit der sich ten Firma Blessings 4 you GmbH
renz in Mainz gewählt und folgt dem lateinamerikanische Geistliche in den aus Stuttgart übernommen. Dadurch
Münchner Erzbischof und Kardinals 60er Jahren auf die Seite der Armen konnten die Arbeitsplätze am Stand-
Reinhard Marx (66), der sich aus gestellt hatten. Für sein Engagement ort des Oncken-Verlages erhalten wer-
Altersgründen nicht erneut zur Wahl erhielt er u. a. 1980 den Friedenspreis den. Die Geschäftsführerin Angela
stellte. Seine Hauptaufgaben sieht des Deutschen Buchhandels. 1985 May und ihr Kollege Tobias Blessing
Bätzing nach eigenen Angaben in der wurde dem 1965 zum Priester geweih- machten deutlich, dass die Produktpa-
Aufarbeitung der Missbrauchsverbre- ten Theologen wegen seines politi- lette des Oncken-Verlages durch Bles-
chen und in der Fortführung des so schen Einsatzes als Kulturminister sings weitergeführt werde, zu der auch
genannten synodalen Weges innerhalb der ersten sandinistischen Regierung der freikirchliche Andachtskalender
der römisch-katholischen Kirche. nach der Revolution 1979 in Nicara- „Wort für heute“ gehöre, der gemein-
Gleichzeitig legt er Wert auf die Öku- gua vom damaligen Papst Johannes sam vom Bund Freier evangelischer
mene, denn das Christentum könne Paul II. die Ausübung des priester- Gemeinden, den Baptisten und der
nur gemeinsam eine Wirkung in der lichen Dienstes verboten; erst im Evangelisch-methodistischen Kirche
säkularen Gesellschaft haben. Deswe- Februar des vergangenen Jahres war herausgegeben werde.
gen blicke er auch mit Optimismus dieses Verbot vom derzeitigen Papst
auf die Planungen zum 3. Ökumeni- Franziskus wieder aufgehoben wor- Trauung für alle
schen Kirchentag 2021 in Frankfurt den. Cardenal wurde am 7. März in Nach einer Umfrage des Evange-
am Main, der für ihn ein „starkes und seiner Heimat auf den Archipel-Inseln lischen Pressedienstes (epd) unter den
eindeutiges Zeichen des ökumeni- Solentiname beerdigt. 20 evangelischen Landeskirchen lassen
schen Miteinanders“ sei. Der Rats- sich nur wenige gleichgeschlechtliche
vorsitzende der Evangelischen Kirche Gemeinsamer interreligiöser Ehepaare nach ihrer standesamtlichen
in Deutschland (EKD), Heinrich Religionsunterricht Eheschließung auch kirchlich segnen.
Bedford-Strohm, würdigte Bätzing Die stellvertretende Ratsvor- Dabei ist die Regelung in den Landes-
als ökumenisch aufgeschlossen. Auch sitzende der Evangelischen Kirche in kirchen allerdings unterschiedlich:
römisch-katholische Reformgruppen Deutschland (EKD), Präses Annette Nachdem im vergangenen Jahr gleich
wie „Wir sind Kirche“ begrüßten die Kurschus, hat sich für einen gemein- sechs Landeskirchen die Trauung für
Wahl des Limburger Bischofs zum samen Religionsunterricht von christ- alle eingeführt haben, sind nun in 14
neuen Vorsitzenden der Bischofskon- lichen und muslimischen jungen Men- Landeskirchen Segnung und Trauung
ferenz. Als Vorsitzender der Bischofs- schen ausgesprochen. Im Austausch grundsätzlich gleichgestellt, während
konferenz hat Bätzing vor allem mit Schülern anderer Religion wür- sich in fünf Landeskirchen die Paare
repräsentative Aufgaben und vertritt den sich junge Menschen nicht nur in einem Gottesdienst weiterhin
die römisch-katholischen Bischöfe als mit der religiösen Vielfalt im Land lediglich segnen lassen können. In der
Sprecher nach außen. Er wird für eine auseinandersetzen, sondern auch den zweitkleinsten Landeskirche Schaum-
Amtszeit von sechs Jahren gewählt. eigenen Glauben besser kennenler- burg-Lippe ist eine Segnung bislang
nen. Sie sei der Überzeugung, dass der nur in einem privaten Rahmen, nicht
Dialog mit anderen das eigene Profil aber in einem Gottesdienst möglich;
schärfen und zur Entwicklung einer im Herbst soll das Kirchenparlament
Kirche im Radio religiösen Identität beitragen könne. dort allerdings über die Einführung
„Positionen“ Diesbezügliche Modellversuche gäbe einer öffentlichen Segnung im Got-
Titelfoto: Fotokollage von John Grantham
Bayern 2 Radio es bereits in Gelsenkirchen, wo evan- tesdienst abstimmen. Im Jahr 2017
26. April, 6:45 Uhr gelische, römisch-katholische und hatte der Deutsche Bundestag die
Pfarrer Daniel Saam muslimische Lehrkräfte gemeinsam „Ehe für alle“ beschlossen und damit
Regensburg Religion unterrichten würden. Lebenspartnerschaft und Ehe gleich-
gestellt. Vom 1. Oktober 2017 bis
Ende 2018 schlossen nach Angaben
des Statistischen Bundesamtes knapp
33.000 schwule und lesbische Paare
die Ehe; davon waren allerdings 21.500
Umwandlungen von Lebenspartner-
schaften in Ehen.
fortgesetzt auf Seite 31 5
2 Christen heuteEditorial
dann auch noch ein oder zwei scharfe, hochauflösende und
prägnante Fotos dazu liefern können, bei denen die darauf
möglicherweise abgebildeten Personen Ihre Zustimmung
für den Abdruck im Zusammenhang mit dem Artikel Walter
gegeben haben, freuen wir uns noch mehr. E-Mail-Adresse: Jungbauer ist
redaktion@christen-heute.de kommissarischer
Ein Zweites: Wenn Ihnen auffällt, dass in der Ter- Chefredakteur
von Christen
minübersicht hier in Christen heute – oder auch im Ter- heute und Pfarrer
minüberblick auf der Bistumswebsite – ein Termin von der Gemeinde
bistumsweitem Interesse aus Ihrer Gemeinde oder Ihrem Hamburg
Vo n Walt er J un gbauer Dekanat fehlt: Dann senden Sie die Information mit
Datum bzw. Zeitraum, Thema, Veranstalter und Veranstal-
L
iebe Leserinnen und Leser, der Chefredak- tungsort an die E-Mail-Adresse termine@christen-heute.de
teur von Christen heute, Pfarrer Gerhard Ruisch, zu, damit der entsprechende Termin berücksichtigt werden
ist erkrankt und wird für die nächsten Ausgaben kann. Gehen Sie bitte immer davon aus, dass ich nur davon
nicht zur Verfügung stehen können. Für diesen Zeitraum erfahre, wenn Sie mich über einen entsprechenden Termin
habe ich kommissarisch die Aufgabe als Chefredakteur informieren.
übernommen. Und ein Letztes: Wenn Sie überlegen, einen Arti-
Gerhard Ruisch sei von dieser Seite aus ein herzlicher kel zum Schwerpunkt-Thema eines Heftes zu verfassen,
Gruß gesendet und die besten Wünsche für eine baldige wäre es sehr gut, wenn Sie dies möglichst frühzeitig – am
Genesung. besten schon Mitte des Monats vor Redaktionsschluss –
Wenn nun nicht alles so glatt läuft, wie Sie es bislang mit einer kurzen E-Mail an redaktion@christen-heute.de
unter der Chefredaktion von Pfr. Ruisch gewohnt waren, ankündigen. Dann bekomme ich einen Eindruck davon,
so bitte ich dies zu entschuldigen. Ich werde mich in diese ob noch nach Autorinnen und Autoren für ein Schwer-
neue Rolle erst noch ein wenig einfinden müssen. Aber punkt-Thema gesucht werden müssen oder ob mögli- Foto: Saad Shakil, „Easy there infection“, Flickr
dank der Mitarbeit zahlreicher Autorinnen und Autoren cherweise eine so große Fülle an thematischen Beiträgen
sowie der hervorragenden Arbeit unseres Layouters John vorliegen wird, dass es – wie beim vorliegenden Heft – kei-
Grantham habe ich wenig Sorge, dass allzu viele Probleme nen Sinn macht, noch zusätzliche Beiträge zu verfassen;
auftreten werden. wenn vor allem Letztes frühzeitig klar ist, hilft dies sehr,
Ein paar Hinweise, die ich gerne noch geben möchte: mögliche Enttäuschungen darüber zu vermeiden, dass der
Wenn Sie Bericht von Ereignissen oder Veranstaltun- eigene Beitrag dann nicht (mehr) berücksichtigt werden
gen aus Ihrer Gemeinde vermissen, dann liegt das ganz konnte.
einfach daran, dass von Ihrer Seite niemand einen Bericht Herzlich grüßt Ihr
verfasst hat. Anders gesagt: Wenn Sie wollen, dass auch aus Pfr. Walter Jungbauer
Ihrer Gemeinde in Christen heute berichtet wird, fühlen kommissarischer Chefredakteur
Sie sich ermutigt, einen Beitrag zu verfassen. Und wenn Sie ■
6 3 . J a h r g a n g + A p r i l 2 0 2 0 3Sühneopfer –
ein alter Hut?
Zum Widerstreit in der Theologie
Von Fr a n cin e Schwert feger
C
hristus ist für unsere in uns, da er mit uns redete auf dem
Sünden gestorben. Mit dem Wege, als er uns die Schrift öffnete?“
Satz ist Klein-Erna groß Was ist denn in der Schrift bei
geworden. Hat es Klein-Erna aber den Propheten von ihm gesagt? Bei
Francine von ihren Schuldgefühlen befreit, ein Deuterojesaja heißt es vom leidenden
Schwertfeger
ist Mitglied sündiger Mensch zu sein, für dessen Gottesknecht ( Jes 53,4 ff ):
der Gemeinde Erlösung Jesus Christus angeblich sein
Hannover Blut am Kreuz vergossen hat, oder ist Fürwahr, er trug unsere um ihn klagen, wie man klagt um
die Sühneopfertheologie nicht viel- Krankheit und lud auf sich ein einziges Kind, und werden sich
mehr seit Jahrtausenden als Geißel der unsere Schmerzen. Wir aber um ihn betrüben, wie man sich
Menschheit verwendet worden? hielten ihn für den, der geplagt betrübt um den Erstgeborenen.
und von Gott geschlagen und
Hinterfragen der gemartert wäre. Aber er ist um Meint das nicht: Der Geist der Gnade
Sühneopfertheologie unserer Missetat (Abtrünnigkeit) und des Gebets ermöglicht Reue?
Inzwischen haben es – nach Kant willen verwundet und um unserer
in der Aufklärung – auch moderne Sünden willen zerschlagen. Kreuzestheologie von
Theologen wie Klaus-Peter Jörns u. a. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass Ostern her denken
gewagt, diese maßgeblich vom Apo- wir Frieden hätten, und durch Nikolaus Schneider hielt 2009
stel Paulus entworfene Lehre zu hin- seine Wunden sind wir geheilt. in seiner Funktion als Präses der
terfragen, da sie im Kontrast steht zur evangelischen Kirche im Rheinland
Lehre Jesu, seinen Aussagen über sich Was ist das für ein Widerspruch? einen Vortrag zum Jahresempfang
selbst. „Wir hielten ihn für den – der wäre der griechisch-orthodoxen Metropo-
Als zwei Jünger nach Jesu Tod …“ – „Aber er ist um unserer Missetat lie von Deutschland, Exarchat von
von Jerusalem nach Emmaus wan- willen …“ Das heißt doch: Nicht Gott Zentraleuropa. Darin schlüsselt er
dern (Lukas 24,13 ff ), gesellt sich Jesus will das Opfer. Die Menschheit hat die Bedeutung des Kreuzestodes Jesu
unerkannt zu ihnen, die noch rätseln ihn ans Kreuz gebracht. auf über die verschiedenen Epochen
über die Geschehnisse um seine Hin- Auch lesen wir beim Propheten von Schleiermacher, Kant, Bultmann,
richtung und Auferstehung. Seine Sacharja (Sach 12,10) in der Klage Aulén, Jörns und Luther und dem
Antwort: „Musste nicht Christus sol- über den Durchbohrten: Heidelberger Katechismus, die alle
ches leiden und zu seiner Herrlichkeit versucht haben, dem Kreuzestod Jesu
eingehen? (…) Und fing an bei Mose Aber über das Haus David und Sinn abzugewinnen.
und allen Propheten und legte ihnen über die Bürger Jerusalems will Schneider selbst kommt in sei-
die ganze Schrift aus, was darin von ich ausgießen den Geist der Gnade nem Vortrag dazu, dass erst das
ihm gesagt war.“ Als er nach dem Brot- und des Gebets [sic!]. Und sie Widerfahrnis der Auferstehung den
brechen vor ihnen verschwand, sagen werden mich ansehen, den sie Emmaus-Jüngern ein neues Licht auf
die beiden: „Brannte nicht unser Herz durchbohrt haben, und sie werden den Tod wirft, daher Kreuzestheologie
4 Christen heutenur von Ostern her gedacht wer- Dennoch bleibe die sich in der ihre Schuld immer wieder
den könne. Eine These sei, dass das Menschwerdung gezeigte Liebe vergibt. Hier gehört Schuld zum
„für uns gestorben“, also das stell- Gottes wie die menschliche Natur Menschsein genau wie Liebe
vertretende Handeln, als Tat der unbestimmt, wenn in Kreuz und und Vergebungsbereitschaft –
Liebe gedeutet werden könne. „Für Auferstehung Jesu nicht mehr der und ist keineswegs Anlass
die Menschen, die man liebt, nimmt Zuspruch der Vergebung unserer Sün- zum göttlichen Zorn.
man den Tod auf sich. Es ist darum den vernommen werde.
ganz unsinnig, an dieser Stelle einen So führt Mulack aus:
Gegensatz zwischen ‚anstelle von‘ und Wiederbelebung alter Opfer- und
‚zugunsten‘ zu konstruieren.“ Sühnetheologie durch Paulus Nach Jesu Vorstellung erfährt der
In der Metapher des Lösegeldes, Einen radikal anderen Weg Mensch eine enorme Vorleistung
wie es bei Luther und im Heidelberger schlägt die feministische Theologin an göttlicher Vergebung, bevor
Katechismus vorkomme, komme zum Christa Mulack ein in ihrem Buch er selbst anderen gegenüber
Ausdruck, dass Gott mitten unter uns Der veruntreute Jesus, in dem sie scharf dazu verpflichtet wird.
ist. Er zitiert als Quelle den evange- mit dem Glaubensgerüst des Apostels
lischen Theologen Eberhard Busch Paulus abrechnet, mit dem dieser sich (Ihr Beispiel ist das Gleichnis vom
(1998): konträr zu Jesu Evangelium gestellt König, der seinem Untertan Schul-
und es verfälscht habe, ja, er sogar sei- den erlässt, dieser wiederum seinem
Wenn im Blick auf das Kreuz nen eigenen Glauben entworfen und Untergebenen nicht.)
von einem Opfer zu reden ist, vermittelt hätte: Jesus habe damit ausgedrückt:
dann ist es zuerst in dem Sinn, „Als Beschenkter, der sich der Verge-
dass hier Gott – ohne aufzuhören Die Vorstellung aber, dass die bung gewiss sein kann, soll sich der
Gott zu sein – sein Unberührtsein Gläubigen „durch sein Blut gerecht Mensch die göttliche Vergebungsbe-
von Leid und Tod opfert. gemacht sind“, vergiftet bis heute reitschaft zum Vorbild nehmen und
das Gottesbild und mit diesem selbst ein Vergebender werden.“ An
Schneider folgert weiter: den ganzen christlichen Glauben. Stelle von Liebe und Vergebung rücke
aber Paulus die Versöhnung zwischen
Was hier geschieht, kann niemals Paulus habe den zornigen, richtenden Gott und Mensch in den Mittelpunkt.
der Mensch selbst tun. Gott ist Gott zurückgebracht und in Verbin- Jesus kenne dagegen nur zwischen-
menschliche Versöhnung, zu der er
verfeindete Menschen – auch mit dem
Gebot der Feindesliebe – aufrief.
Paulus habe die alte jüdische
Opfer- und Sühnetheologie wiederbe-
lebt, die ihm als Pharisäer und Schrift-
gelehrten nur allzu vertraut gewesen
sei. Gerade dieser Theologie aber habe
Jesus vehement widersprochen, indem
er Tierhändler und Geldwechsler
aus dem Tempel jagte mit dem Vor-
wurf, sie würden das Haus Gottes
entweihen, „das er als stille Stätte des
Gebets geheiligt wissen wollte (Mk
11,15-19…) Eigentlich habe Jesus damit
die Priesterkaste und alle gemeint,
die sich durch Opfergaben bereicher-
ten. Daher hätten diese ihn ans Kreuz
gebracht und Paulus durch seinen
Opferkult diese – auch seine eigene –
Schuld verzerrt.
vielmehr für uns. In Jesu Leiden, dung mit männlichen Machtansprü- Klein-Erna hat also heute viel
Tod und Gottverlassensein ist chen etabliert. mehr Möglichkeiten, sich ein eigenes
Gott selbst anwesend. Am Kreuz Bild zu machen vom Sühnetod Jesu,
zeige sich, was Gott für uns ist. Auf diese Weise wurden die der anscheinend einfach nur auf dem
Es zeige sich in dem, was Gott Quellen der Liebe verstopft, die schlechten Gewissen der Menschheit
für uns tut: „Er nimmt das, in Jesu Gottesbild so reichlich gedeihen konnte. Eine letzte Antwort
was uns von ihm trennt, weg, sprudeln, beinhaltet es doch eine aber finden wir vielleicht nur in unse-
indem er es sich selbst zumutet – göttliche Kraft, die den Menschen rem Herzen. ■
aus Liebe zu uns Menschen. aus liebender Barmherzigkeit
6 3 . J a h r g a n g + A p r i l 2 0 2 0 5Im Kreuz ist Heil
geflohen, als er gesucht wurde. Er ließ sich verhaften und
starb schließlich qualvoll am Kreuz.
Dieser Tod Jesu kann theologisch unterschiedlich
gedeutet werden. Der Franziskaner Richard Rohr spricht
mit Blick auf die mittelalterliche Theologie seines Ordens
davon, dass die Welt als Schöpfung Gottes nie verloren
war. Jesus ist ein freies Geschenk Gottes, die ihre Liebe zu
den Menschen nochmal in ganz besonderer Weise leibhaf-
tig aufzeigen möchte. Es ging Jesus um das, was dem Leben
dient, gerade innerhalb von gewalttätigen Strukturen –
Leben in einer Welt voller Spannung auch wenn er dafür sein Leben verlor.
Von T her es a Hü t her Auch heute gibt es viele Menschen, die sich für ein
Theresa gutes Leben für alle einsetzen und deshalb verfolgt wer-
„I
Hüther ist m Kreuz ist Heil“ – Das mag auf den ersten den, die sogar ihr Leben riskieren. So wie Bischof Alberto
wissenschaftliche Blick seltsam erscheinen. Ein Folterinstrument soll Ramento von der Unabhängigen Philippinischen Kirche,
Mitarbeiterin am
Alt-Katholischen heilbringend sein? Verherrlicht das nicht Gewalt der wegen seines Engagements für Frieden und Gerechtig-
Seminar der oder rechtfertigt sie sogar? Es gibt diese Gefahr in Theo- keit erstochen wurde. Viele weitere Menschen, die wegen
Universität Bonn logie und kirchlicher Praxis: Beispielsweise, wenn sich ihres Einsatzes für andere ermordet wurden, bleiben unbe-
und Mitglied der Ordensleute im Mittelalter geißelten, um dadurch dem kannt. Auch die Krankenschwester, die eine ansteckende
Gemeinde Bonn leidenden Christus nahe zu kommen. Bei Pogromen, als Kranke pflegt, obwohl sie selbst erkranken und daran ster-
dieser Satz dazu herhalten musste, um die Verfolgung von ben könnte; auch derjenige, der einen Job nicht annimmt,
Jüdinnen und Juden zu begründen. Oder wenn Menschen, bei dem er gegen sein Gewissen handelt, und sich dann
die im kirchlichen Raum sexuelle Gewalt erlebt haben, zu weder Nahrung noch Medikamente leisten kann: Auch
hören bekommen, dass sie dadurch doch Anteil am Leiden sie geben ihr Leben für andere. Sie alle durchbrechen die
Christi hätten. Spirale aus Gewalt, Angst und Anpassung – und leben
Foto: Jim Choate, „ChimayoMemorial“, Flickr
stattdessen aus einer inneren Freiheit heraus, die tiefer ver-
Die leibhaftige Liebe Gottes geht bis in den Tod wurzelt ist und sogar eine Hoffnung über den eigenen Tod
„Im Kreuz ist Heil. Im Kreuz ist Leben. Im Kreuz hinaus kennt.
strahlt die Liebe auf “, so wird dieser Satz in einem Musical
über das Leben von Dominikus weitergeführt. Hier zeigt Ein gutes Leben für alle!
sich eine andere Perspektive: Jesus ging es um Menschen, „Im Kreuz ist Heil“ – das hat uns oft auch im Alltag
denen er ganz konkret geholfen hat. Aber er wollte auch etwas zu sagen. In vielen Situationen stehen wir vor der
eine Veränderung der Rahmenbedingungen erreichen, Frage, ob wir Schmerz auf eine Art und Weise vermeiden,
innerhalb derer Menschen ihr Leben gestalten können. die andere Menschen leiden lässt.
Hier war Jesus radikal und kompromisslos, wie bei der Ver- Setzen wir uns mit unserem eigenen verdrängten oder
treibung der Händler und Geldwechsler aus dem Tempel. abgespaltenen Schmerz auseinander, halten wir alte Angst
Dieses politische Handeln hatte unter der Besatzung aus, geben wir Trauer ihren Platz, geben wir Wut ihren
der Römer Folgen, die Jesus in Kauf nahm. Schon um notwendigen (ungefährlichen) Ausdruck? Dann nämlich
seine Jüngerinnen und Jünger zu schützen, ist Jesus nicht
6 Christen heutekönnen wir alte, einengende Strukturen aufbrechen und Spannungen, aus nie auflösbaren Gegensätzen. Und
anders mit uns und mit unseren Mitmenschen umgehen. für jeden Menschen stellt sich die Frage, wie wir damit
Stehen wir zu Menschen, die ausgegrenzt, gemobbt umgehen.
Foto: Pom’, „The Cloisters, New York City“, Flickr
oder beleidigt werden, auch wenn wir selbst angegriffen Als Jüngerinnen und Jünger Jesu sind wir eingeladen,
werden könnten? gemeinsam in seinen Fußspuren unterwegs zu sein: Diese
Kaufen wir Lebensmittel, Kleidung, Kosmetik und Welt mit all ihren Menschen und mit der ganzen Schöp-
andere Dinge, bei denen sichergestellt ist, dass sie ohne fung zu lieben. Uns nicht vor ihr zu verschließen, sondern
Menschenrechtsverletzungen, Tierversuche und Umwelt- Unterschiede auszuhalten – und vielleicht sogar Fülle
verschmutzung hergestellt wurden? Sonst arbeiten Kinder darin zu entdecken. Offen, verletzlich, verwundbar zu sein,
auf Kakaoplantagen für unsere billige Schokolade, erkran- um dem Schmerzhaften in uns und um uns herum Wider-
ken junge Inderinnen an den Arbeitsbedingungen in den hall in uns zu geben – und es hinhalten und verwandeln zu
Fabriken, in denen unser neues T-Shirt hergestellt wird. lassen. Uns nicht zu verschließen, sondern offen zu bleiben,
Für die Creme sterben Versuchstiere und gelangt Mikro- um handeln zu können.
plastik ins Meer. Und im Kongo werden Frauen vergewal- All das können wir in dem Wissen tun, dass wir selbst
tigt, um sie von ihrem Land zu vertreiben, auf dem Kobalt und diese ganze Welt getragen sind, dass alles bei Gott auf-
für das neueste Handy abgebaut werden soll. gehoben ist. Darin verwurzelt, können wir für unser Han-
„Im Kreuz ist Heil“ – im Kreuzungspunkt deln Verantwortung übernehmen. Denn es geht um ein
herrscht Spannung. Auch wir leben in einer Welt voller gutes Leben für alle! ■
Die Magdalenerin im Garten
Vo n Sebast i an Wat zek
J edes geschriebene wie auch
sonst geäußerte Wort sollte von
sich aus verständlich sein. Dies
gilt insbesondere für die Heiligen Umgang, um Assoziationen. Wenn
Schriften in den verschiedenen Reli- durch diese dann biblischen Bezüge
gionen. Jedes Buch, jeder Abschnitt und Variationen auffallen, kann es
sollte etwas von sich heraus mitzutei- vorkommen, dass eine Bibelstelle
len und zu sagen haben. Etwas, was noch einmal abgerundeter wird.
jemand etwas mit auf den Weg geben Wie ein schon in sich stimmiges
kann – auch ohne große theologische Gericht durch das eine oder andere
Vorkenntnisse. Spannend und inte- Gewürz noch einmal mehr Pfiff und
ressant kann es aber werden, wenn Geschmack bekommen kann. Anrede, der Körperkontakt zwischen
die verschiedenen Schriften einer Maria und Jesus sowie ihre Sendung
Religion miteinander kommunizie- Der Garten und die Geliebte als Apostolin zu den Aposteln – zu
ren. Wie es bei einer Oper oder einer Ein Beispiel für solch eine Bibel- seinen „Brüdern“ ( Joh 20,17), wie
Symphonie immer wieder Bezug zu stelle ist die Begegnung zwischen Jesus hier bei Johannes zum ersten Sebastian Watzek
einigen musikalischen Themen gibt – Maria von Magdala und dem aufer- seine „Jünger“ aus dem Zwölferkreis ist Pfarrvikar in
ob in dem betreffenden Werk selbst standenen Jesus im Johannesevange- bezeichnet. Das allein genügt schon der Gemeinde
Berlin
oder in Bezug zu anderen Komposi- lium (Kapitel 20,11–18). Schon für für einen fesselnden und in sich
tionen— trifft dies auch auf die Bibel sich allein genommen sagt diese Stelle geschlossenen Kurzfilm.
zu. Keine Schrift ist hier in sich abge- so viel aus: wir werden förmlich in Spannend wird es jetzt, wenn drei
schlossen, sondern verweist immer diese Szene mit all ihren Gefühlen Motive hinzukommen, welche sich
wieder auch auf andere Schriften, wie- und Wendungen mithineingezogen. in der Hebräischen Bibel – oder im
derholt und verstärkt einige biblische Die weinende Maria vor dem Grab, christlich so genannten „Alten“ oder
Themen und Aussagen. So schaut zum die Begegnung mit dem „Gärtner“, „Ersten“ Testament— finden: der
Beispiel die jüdische Tradition auf die das Erkennen des Auferstandenen in Garten, Sulamith, die Geliebte und
Schrift; es geht um einen spielerischen einer sehr intimen und bewegenden der Gärtner. Während in den anderen
6 3 . J a h r g a n g + A p r i l 2 0 2 0 7Begegnungen mit dem Auferstande- Bäume, schön zum Anblick und als Der Gärtner und der neue Adam
nen nur von einem Felsengrab erzählt schattiges Plätzchen in der prallen Dies zeigt der Dialog zwischen
wird, befindet sich bei dem Evange- Mittagssonne, Blumen, die mit ihrer Maria und Jesus, welcher erst einmal
listen Johannes Maria, die Magdale- Farbenpracht bezaubern, Blüten, wel- eine gewisse Verwunderung zurück-
nerin, in einem Garten, einem sehr che ihren intensiven Duft verströmen, lässt. Es ist eine Sache, dass Maria
symbolischen und aussagekräftigen süße und saftige Früchte, Nektar und Jesus, den Christus, den am Kreuz
Ort. In biblischen Schriften ist immer Honig, welche Menschen und Tiere Erhöhten, nicht erkennt. Wieso aber
wieder von Gärten die Reden. So ernähren. In einem solchen Garten geht sie davon aus, dass er der „Gärt-
gleich am Anfang der Bibel im Buch steht auch Sulamith aus dem Lied der ner“ sei? Eine mögliche Antwort
Genesis oder 1. Buch Mose. Diese Lieder bzw. Hohelied der Liebe/Hohe- liegt ebenfalls im Garten in Eden.
Assoziation liegt nahe, da Johannes lied Salomons und hält in der Nacht Gott schafft Adam, den Erdling, aus
schon am Anfang seines Evangeliums nach ihrem Geliebten Ausschau: dem roten Ackerboden, der Adamah.
in dem sogenannten Johannesprolog Nachdem er diesem so geschaffenen
auf den Anfang des Buches Genesis Du Trauter meiner Seele, und geformten Erdklumpen seine
verweist: „Im Anfang …“ ( Joh 1,1). Dein bin ich, du bist mein, göttliche Geistkraft durch die Nasen-
Foto: Aaron Stidwell, „Asylum“, Flickr
Der Garten in der Auferstehungss- O komm in unsern Garten, löcher eingehaucht hat, gibt er diesem
zene kann deswegen sehr wohl auf Der Blumen dich zu freun! neu geschaffenen Menschenwesen
den Garten im sogenannten 2. Schöp- O komm in den einen Auftrag: es soll den Garten in
fungsbericht anspielen: lauschigen Garten, Eden im Osten, bearbeiten und beauf-
Wo Thymian duftend winkt, sichtigen. Es spricht für die Intui-
Nun legte Gott, der Herr, einen Deine Linke stütze das Haupt mir, tion von Maria aus Magdala, dass sie
Garten in Eden an, das ist im Die Rechte mich fest umschlingt! „Jesus“ als „Gärtner“ anspricht. Für
Osten […]. Aus dem Acker ließ Übertragung bzw. Nachdichtung die Alte Kirche ist Jesus der neue bzw.
Gott, der Herr, sodann alle von Max A. Klausner der zweite Adam. Somit folgt er sei-
Bäume, schön zum Anblick und nem Vorgänger nach, den Garten in
gut zum Essen, wachsen […] Maria von Magdala stellt somit so Eden, das Paradies zu hüten und zu
Gen 2,8 etwas wie eine neue Sulamith dar, bewahren.
deren Herz sich in der Dunkelheit Ich kann nicht einschätzen, wie
des Todes und des Grabes nach dem es Ihnen mit diesen drei biblischen
Geliebten verzehrt – und sei es nur, Motiven des Gartens, der Sulamith
dass sie den Aufenthaltsort seines und des Gärtners geht. Mir jedenfalls
Leichnams kennt. Und sie steht dabei erschließen sie noch einmal mehr das
in einem Garten, welcher schon am Ostergeschehen, diese tiefe Liebesbe-
Anfang der Beziehung Gottes mit der ziehung zwischen Maria, der Magda-
Menschheit eine entscheidende Rolle lenerin und Jesus sowie Gott und der
gespielt hat! Menschheit. Der Abschnitt aus dem
Johannesevangelium zieht mich so
einmal noch tiefer in das Geschehen
mit hinein. Mehr Facetten kommen
zum Klingen und das Ostergeschehen
wird noch einmal bunter für mich.
Genau das, was ich mir von einem hei-
ligen Text wünsche. ■
8 Christen heuteFoto: Billy Lopue, „Crucifix“, Flickr
frühen Kirche zwar immer Kreuzsym-
bole gegeben haben, aber den Cor-
pus – also Darstellungen von Jesus
am Kreuz – gibt es in der christlichen
Kunst nachweislich erst ab dem 10.
Jahrhundert!
Das Kreuz mit dem Kreuz
Dennoch haben sehr viele Chris-
ten und Angehörige anderer Religi-
onen über die Jahrhunderte hinweg
Orientierung und Heilung durch das
Zeichen des Kreuzes erfahren. Einige
Stimmen und Sichtweisen möchte
ich als Zitate hier im Folgenden vor-
stellen. Bevor ich dies mache, will ich
mich aber dezidiert und nachdrück-
lich von einigen Auffassungen über
das Kreuz distanzieren. Die heuti-
gen sexuellen und spirituellen Miss-
brauchsfälle in nahezu allen Kirchen
haben uns die Augen geöffnet, wie
schwer und brutal Missbrauch im
Namen einer Religion sein kann. So
wurde das Kreuzzeichen politisch
und militärisch als Siegesfahne gegen
Andersgläubige oder auch gegen
andere Christen wie in den Kreuz-
zügen zu Felde getragen. Unter dem
„Siegeszeichen des Kreuzes“ wur-
den andere Völker und Kulturen
zu Zwangstaufen gezwungen oder
abgeschlachtet. Zu anderen Zeiten
herrschte eine Leidensmystik vor,
in der Leiden und Opfer fast selbst-
Das Kreuz mit zerstörerisch als „Ziel in sich selbst“
angesehen worden und als Tugend
verherrlicht worden sind – als Auf-
dem Kreuz opfern/stellvertretendes Opfer und
Anteilnahme am Leiden und Kreuz
Jesu in diesem irdischen Jammertal
der Tränen. All dies ist ausdrücklich
nicht damit gemeint, wenn ich mich
jetzt durch Zitate von Männern und
Frauen aus den verschiedensten Jahr-
hunderten dem Zeichen des Kreuzes
Vo n Sebast i an Wat zek annähern möchte. Vielleicht bringt
bei Ihnen irgendein ein Wort über das
D
as Symbol für die ganze eine Frau, welche entweder von isla- Kreuz etwas zum Klingen. Oder es
Christenheit ist unbestrit- mistischen Fundamentalisten geköpft eröffnet sich eine neue Sichtweise, wie
ten das Kreuz. Ein Zeichen, wird oder bei einer Foltermethode wie wir mit Leiden und Schmerz umge-
mit dem sich sehr viele Christen sehr Waterboarding in Guantánamo stirbt, hen können, so dass das Kreuz wirk-
schwergetan haben oder immer noch begründet durch ihre Anhängerschaft lich zu einem Zeichen des Heils und
tun. Das mag schon in der Tötungs- eine neue Religion. Der Vergleich der Erlösung werden kann.
art der Kreuzigung begründet liegen. mag drastisch sein, aber er bringt das
Diese Art des Todes war zur damali- „Ärger oder die Torheit des Kreuzes Kreuzzitate
gen Zeit der schändlichste Tod über- bzw. der Kreuzigung“ – von welchen Dieser himmelweite Baum ist von der
haupt. Wenn wir es in unsere heutige der Apostel Paulus immer wieder an Erde empor zum Himmel gewachsen.
Zeit übertragen würden, würde es seine Gemeinden schreibt— sehr Unsterbliches Gewächs, reckt er sich
vielleicht so aussehen: ein Mann oder gut zum Ausdruck. So mag es in der auf mitten zwischen Himmel und
6 3 . J a h r g a n g + A p r i l 2 0 2 0 9Erde. Er ist der feste Stützpunkt des die Weissagung erfüllt worden, oder Geschwister zu lieben wie Christus sie
Alls, der Ruhepunkt aller Dinge, wo wäre die Größe meiner Geduld geliebt hat.
die Grundlage des Weltenrunds, der gewesen? Und wäre ich in Wirklichkeit Hl. Alberto Hurtado
kosmische Angelpunkt. Er fasst in vom Kreuz herabgestiegen, hätten
sich zur Einheit zusammen die ganze dann alle geglaubt? Hätten sie nicht Das Wort „Kreuz“ ist im Hebräischen
Vielgestalt der menschlichen Natur. gesprochen: Ich handle aus zauberischer „zlaw“, 90-30-2. Es ist die Form der
Von unsichtbaren Nägeln des Geistes Kraft? Wenn sie schon daran Anstoß Vierheit zur Einheit. Aller Vierheit
ist er zusammengehalten, um sich aus genommen hatten, dass ich Tote im Leben; der im Raum, in der
seiner Verbindung mit dem Göttlichen erweckte und Kranke heilte, so hätten Zeit, im Namen des Herrn, im
nicht zu lösen. Er rührt an die höchsten sie noch viel Ärgeres gesagt, wenn ich Tetragramm also, der 4 Erz-Mütter
Spitzen des Himmels und festigt mit vom Kreuz herabgestiegen wäre. (Sarah, Rebecca, Lea und Rahel), der
seinen Füßen die Erde, und die weite Hl. Birgitta von Schweden 4 Erzengel (Uriel, Raphael, Michael
mittlere Atmosphäre dazwischen und Gabriel) der 4 Wesen um Gottes
umfasst er mit seinen unermesslichen Wenn der Sohn Gottes nicht am Kreuze Thron, der 4 Evangelien, der 4 Ecken
Armen. gelitten hätte, würde es diese Finsternis der Welt, der 4 Ecken des menschlichen
Hippolyt von Rom, Kirchenvater keinesfalls zulassen, dass der Mensch Kleides, der 4 Wenden im Leben […].
zur himmlischen Herrlichkeit gelangt. Die Grenze dieses Lebens ist erreicht,
Hl. Hildegard von Bingen, Mystikerin die Zeit der Taufe, des Eintauchens
ins Wasser, in die Zeit, ist vollendet;
nun kommt die Taufe mit Feuer, dem
Entgegengesetzten, die Taufe mit dem
Heiligen Geist. Das ist es, was wir das
Geheimnis des Kreuzes nennen: der
Eintritt in ein neues Leben.
Friedrich Weinreb, jüdischer Mystiker
Glauben und Kreuz, das tut’s. Der Körper ist das Kreuz. Jesus der
Denn Glaube kann nicht besteh’n Menschensohn, ist das Ego oder die
ohne Kreuz. Vorstellung: „Ich bin der Körper“.
Martin Luther, Reformator Wenn der Menschensohn an das
Kreuz geschlagen wird, geht das
In Trost und Süßigkeit Ego zugrunde, und was überlebt,
kennst du dich selbst nicht, Christ, ist das absolute Sein. Das ist die
Das Kreuze zeigt dir erst, Auferstehung des glorreichen Selbst,
wer du im Innern bist. das ist Christus — der Gottessohn.
Angelus Silesius, Mystiker Ramana Maharshi,
indischer Weisheitslehrer
Eine Gotteskraft aber ist das Wort Kreuz und Nacht sind der Weg zum
vom Kreuze, weil uns dadurch die himmlischen Licht: das ist die Frohe Du brauchst kein Christ zu sein, um die
Kraft Gottes oder der Sieg über den Botschaft vom Kreuz…Ich bin mit tiefe universelle Wahrheit zu verstehen,
Tod kundgemacht ward oder weil allem zufrieden. Eine „Scientia Crucis“ die das Kreuz beinhaltet. Das Kreuz
durch die Kraft Gottes die Höhe und kann man nur gewinnen, wenn ist ein Folterinstrument. Es steht
Tiefe, Länge und Breite, das heißt alle man das Kreuz gründlich zu spüren für das Leidvollste, das ein Mensch
sichtbare und unsichtbare Schöpfung, bekommt. Davon war ich vom ersten überhaupt erfahren kann, für absolute
zusammengehalten wird, gleichwie die Augenblick an überzeugt und habe von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Und
vier Kreuzesenden durch das mittlere Herzen: Ave Crux, spes unica, gesagt! dann gibt sich der betreffende Mensch
Zentrum gehalten und verbunden sind. Hl. Edith Stein, Märtyrerin plötzlich bewusst und bereitwillig
Johannes von Damaskus, dem Leiden hin, wie es in den Worten
Kirchenlehrer Es gibt viele Christen, die das Kreuz zum Ausdruck kommt: „Nicht mein,
Christi zu lieben glauben, aber sondern dein Wille geschehe.“ In dem
Ich starb und wurde begraben, aber das Kreuz in ihrem eigenen Leben Augenblick offenbart das Kreuz, dieses
meine Gottheit blieb unverletzt. hassen sie. So hassen sie in Wahrheit Folterwerkzeug, sein verborgenes
Hätte ich aber bei meinem Tod die auch das Kreuz Jesu Christi. Gesicht: Es ist auch Symbol der
Macht meiner Gottheit offen gezeigt, Dietrich Bonhoeffer, Märtyrer Heiligkeit, ein Symbol des Göttlichen.
wer hätte noch gewagt, mich vom Hingabe an das, was dem Leben
Kreuz abzunehmen und ins Grab Das Zeichen des Christen ist nicht das jede transzendente Dimension zu
zu legen? Es wäre für mich etwas Schwert, Symbol der Stärke. Es ist nicht verweigern schien, eröffnet den Zugang
sehr Geringes gewesen, vom Kreuz die Waage, Symbol der Gerechtigkeit. zu ebendieser Dimension.
herabzusteigen und meine Kreuziger Sondern es ist das Kreuz, Symbol der Eckhart Tolle, spiritueller Lehrer ■
niederzuschlagen, wie aber wäre dann Liebe. Christsein bedeutet, unsere
10 Christen heuteIm Zeichen des Kreuzes
Vo n J u tta R esp on dek
W
ohl die meisten oder doch viele Chris-
ten heute-Leserinnen und Leser haben in ihrem
Leben wahrscheinlich schon hunderte Male
das Kreuzzeichen gemacht, „sich bekreuzigt“, wie man
sagt: beim Betreten einer Kirche, zum persönlichen oder
gemeinschaftlichen Gebet, im Gottesdienst, – mal mit
Bedacht, mal mehr oder weniger gedankenlos, weil man
es so gewohnt ist und fast automatisch macht, wenn man
spricht: Im Namen des Vaters, und des Sohnes, und des Hei- gelitten und ist elendiglich daran erstickt und verblutet.
ligen Geistes. Müsste uns vor einem Kreuz nicht das Grauen packen?!
Das Kreuz symbolisiert auch in unserer Gesellschaft
Das Kreuz: Gegenwärtig und vertraut Leiden und Tod. Wir drucken es auf Todesanzeigen und
Das Kreuz ist uns gegenwärtig und vertraut, man stellen es auf Gräbern auf. Wir sprechen von durchkreuz-
begegnet ihm an vielen Orten, sei es in Kirchen, an Wegga- tem Leben, oder sagen, dass jemand ein Kreuz zu tragen
belungen, an Wänden christlicher Schulen und Kranken- oder einen Kreuzweg zu gehen hat, wenn er von einem Jutta Respondek
häuser, auf Todesanzeigen, Gräberfeldern und Friedhöfen, schweren Schicksalsschlag getroffen wird und viel zu leiden ist Mitglied der
oder als Schmuckstück, das nicht nur Kinder zur Erstkom- hat. All das sind negative Assoziationen. Ein Sternchen für Gemeinde Bonn
munion geschenkt bekommen. Manch einer trägt einen Geburt, ein Kreuz für Tod: ganz allgemein übliche Zei-
Kreuzanhänger an einer Halskette oder hat zu Hause ein chen, unabhängig von Religion oder Konfession.
Foto: Егор Журавлёв, „A Sun Under The Cross“, Flickr
Wandkreuz über der Wohnungstür oder in einem oder gar
mehreren Räumen, – ich kenne es jedenfalls aus meiner Das Kreuz: Heils- und Siegeszeichen der Auferstehung
Kindheit so, und auch jedes unserer Kinder hatte in seinem Ausgerechnet das Kreuz, dieses schreckliche Todes-
Zimmer sein eigenes Kreuz. Segnungen und Sakramente werkzeug, „für die Juden ein Ärgernis und für Heiden
sind mit dem Kreuzzeichen verbunden und Gemeindegot- eine Torheit“ wie Paulus es in 1 Kor 1, 23 ausdrückt, ist
tesdienste beginnen und enden im Zeichen des Kreuzes. zum Erkennungszeichen der Christen geworden. Wie
Das Kreuz und die Bezeichnung damit ist für Chris- der Davidstern die Juden, und der Sichelmond islami-
ten eine Selbstverständlichkeit. Wir wundern uns nicht sche Moscheen, so kennzeichnet bis heute das Kreuz die
darüber und erschrecken und entsetzen uns nicht im Christenheit. Sie sieht darin nicht, oder eben nicht nur,
Anblick des Kreuzes, das doch eigentlich und ursprüng- ein antikes Folter- und Hinrichtungsinstrument, sondern
lich ein grausames Folter- und Hinrichtungsinstrument ist, das Holz, an dem Jesus Christus, Gottes- und Menschen-
ein besonders abschreckendes und schändliches Mittel für sohn und Herr der Welt, den Tod erlitt und überwand und
einen langsamen, qualvollen Tod schlimmer Verbrecher. dadurch der Welt Heil und Erlösung brachte.
So jedenfalls wurde es zur Zeit Jesu verwendet. Jesus hat, Das Kreuz also als Heils- und Siegeszeichen, als Sym-
so wie viele andere zu Recht oder Unrecht Verurteilte, an bol für Überwindung von Leiden und Tod. Als solches
einem solchen Schand- und Marterpfahl größte Qualen ist das Kreuz den Christen heilig und verehrungswürdig.
„O du hochheilig Kreuze, daran mein Herr gehangen, in
6 3 . J a h r g a n g + A p r i l 2 0 2 0 11Schmerz und Todesbangen“ heißt es im Lied EG 390. Darin nicht vernichtet, alles hat sich ins Gegenteil verkehrt. Jesus
wird das Kreuz als sichere Leiter zum ewigen Leben, als hat die Todesqualen des Kreuzes überwunden und damit
Brücke über die Fluten, als Siegeszeichen, als Pilgerstab, ein Hoffnungszeichen in die Welt gesetzt.
als Himmelsschlüssel, besungen.
Hätte man nicht dementsprechend statt des Kreuzes Das Kreuz: Zeichen für Gottes Mitleiden
z. B. eine Brücke, einen Pilgerstab, einen Schlüssel, oder Wer könnte besser dem Menschen in seinem Lei-
aber eine Friedenstaube oder aufgehende Sonne als Zei- den nahe sein und Halt und Trost geben sein als einer, der
chen der Auferstehung wählen können…? Warum beten selbst gelitten und jeglichen menschlichen Schmerz am
Foto: Fr Lawrence Lew, O.P., „Sign of Victory“, Flickr
wir und erinnern wir uns an Jesus im Zeichen des Kreu- eigenen Leib erfahren hat?! Für mich ist Jesus, der Gekreu-
zes? Warum ein so anstößiges und irrsinniges Symbol und zigte und Auferstandene, der, der auch in meinen dunklen
Gedenkzeichen? Wenn ich mich an einen lieben Menschen Stunden da ist, der mit mir ausharrt und alle Tränen mit-
erinnern möchte, den mir der Tod genommen hat, so stelle weint. Einer, der die tiefste Nacht durchlitten und über-
ich ein schönes Bild von ihm auf, eines, das typisch für lebt hat und somit die Abgründe menschlichen Daseins
ihn ist, auf dem er zu sehen ist, wie er gelacht und gelebt kennt. An ihm kann ich mich festhalten. Nicht, weil er sich
hat, – und nicht das Autowrack, in dem er ums Leben kam, als „Lamm Gottes“ für meine Sünden und die Sünden der
oder sein Kranken- und Sterbebett, in dem er litt, oder Welt geopfert hat, weil der himmlische Vater das so wollte
den Krückstock oder die Prothese, mit deren Hilfe er sich (?), sondern weil er konsequent seinen Weg der Liebe ging
mühsam fortbewegte. Neben all diesen traurigen Dingen und seiner Sache treu blieb, auch wenn es ihn das Leben
und Realitäten, die mir unvergessen bleiben, möchte ich kostete.
doch vor allem eine positive und frohe Erinnerung an den Diese Sicht mag vielleicht theologisch nicht ganz kor-
geliebten Menschen bewahren, für den ich dankbar bin rekt sein, aber nur so kann ich für mich das Kreuz betrach-
und den ich schmerzlich vermisse. ten und versuchen, mich ihm anzunähern. Es ist und bleibt
Von Jesus hingegen haben wir das Kreuz an dem er ein Zeichen des Todes und der Grausamkeit und steht mit-
starb. Er ist und bleibt der Gekreuzigte. Der auferstandene ten in der Welt. In einer Welt, die ihre Schrecken nicht ver-
Gekreuzigte. Von seiner Auferstehung gibt es nichts Hand- loren hat und bis heute geprägt ist von Tränen, Leid und
Ungerechtigkeit. Menschen leiden unter Verfolgung und
Verleumdung, unter Grausamkeit, Unterdrückung, Aus-
beutung und Bedrohung oder Vernichtung ihres Lebens.
Jesus ist dieser Realität nicht ausgewichen, sondern hat sich
in seinem Kreuzestod mit allen Leidenden solidarisiert. Er
ist mittendrin, er leidet mit, und er gibt durch seine Todes-
überwindung Hoffnung, dass Unrecht, Tränen, Schmerz
und Tod nicht das letzte Wort haben.
Das Lied EG 384 vom empor wallenden Königsbanner,
unter dem das heilige Kreuz aufstrahlt, „daran den Tod das
Leben litt und Leben durch den Tod erstritt“, greift diesen
Aspekt auf. Dort wird in der 6. Strophe das Kreuz als Trost
im Leid gegrüßt „O Kreuz, du einziger Trost im Leid, Gruß
dir in dieser Leidenszeit!“
Gerade wegen seiner Beinhaltung von Qual und Tod
konnte und kann das Kreuz im allgegenwärtigen Leid
der Welt Trost-, Heils- und Hoffnungszeichen sein. Sein
Geheimnis ist die Verwandlung. An ihm vollzieht sich die
Wandlung von Angst und Pein, Not, Tod und Schrecken,
in Auferstehung und neues Leben. Es ragt aus dem Leid
des irdischen Daseins empor in den Himmel und weist auf
festes, keine Bilder und keine Beweise, außer den Aussagen eine andere Wirklichkeit. Es umfängt mit seinen Armen
seiner Jüngerinnen und Jüngern, denen er sich als Lebender die ganze Welt. Deshalb kann es Mut und Kraft geben,
zeigte. Das leere Grab ist ein Hinweis, aber nicht griffig, deshalb kann es retten (1 Kor 1,18), deshalb können wir das
um als Heils- und Erkennungszeichen zu dienen. Bleibt Kreuz als Heilszeichen betrachten und verehren, wie es die
also das Kreuz, als harte und brutale Tatsache, unleugbar Karfreitagsliturgie vorsieht:
und provokativ. Ausgerechnet das Mittel, mit dem man
diesen Jesus ein für alle Mal loswerden und aus der Welt Im Kreuz ist Heil
schaffen wollte, hat ihn unsterblich gemacht. Der Plan sei- Im Kreuz ist Leben
ner Gegner ist nicht aufgegangen, der Kreuzestod hat ihn Im Kreuz ist Hoffnung ■
12 Christen heuteKreuz-
Beschwerden
Vo n H ar ald K lein
E
s gehört zu den meist genannten Gesund-
heits-Problemen in der heutigen Zeit: das Kreuz
mit dem Kreuz. Gemeint ist der Rücken, der so oft
dem heutigen Menschen Sorgen macht. Mag es mit fal-
scher Körperhaltung zusammenhängen, falscher Ernäh-
rung oder mangelnder Übung: Viele Menschen klagen
heute über Kreuz-Beschwerden. Mitunter ist es allerdings
auch ein psychisches Problem. Dann ist der jeweilige
Mensch seelisch überladen, überfordert. Vielleicht ist sein
Rücken noch ganz gesund, aber die Psyche meldet sich
über Rückenschmerzen. Das Problem ist eben, dass beim
„Kreuz“ zwei Richtungen, zwei Dimensionen zusammen-
kommen, die waagerechte und die senkrechte, und eben
das erzeugt Belastung.
Kreuze gibt es vielerlei
Natürlich bezeichnet das Wort „Kreuz“ auch Wirk-
lichkeiten in anderem Sinn. Da ist es heutzutage zum Dekan i. R.
Beispiel in demokratischen Ländern üblich, von Zeit zu Kreuze stellen in Frage Harald Klein
Zeit sein Kreuz zu machen. Und auch da kommen zwei Insofern hat auch die christliche Kirche von allem ist Mitglied
der Gemeinde
Richtungen zusammen, auch da wird etwas getragen, wird Anfang an gewaltige Probleme mit dem Kreuz gehabt. Rosenheim
Verantwortung wahrgenommen. Und weil es eine kriti- Man könnte tatsächlich sagen: das Christentum hat Zeit
sche Angelegenheit ist, ergeben sich dann manchmal im seines Lebens „Kreuz“-Beschwerden gehabt. Die Christen
Nachhinein Probleme, Kreuz-Beschwerden. So denke haben geklagt, getrauert, sie haben nachgefragt, gezweifelt,
ich, hat ganz Deutschland unter den Kreuzen zu leiden, sie haben nicht gewusst, wie sie diesen Tod Jesu am Kreuz
die die Thüringer bei ihrer letzten Landtagswahl gemacht verstehen und einordnen sollten. Da hatte jemand sein
haben. Viele Kreuze waren im Feld der AfD eingetragen. Signum gemacht, sein Kreuz der Entscheidung: Pilatus, die
Damit war etwas entschieden oder ausgelöst, das schwer zu Bosheit von Menschen und vor allem der Tod hatte sein
tragen ist. Auch im sonstigen Leben gibt es Kreuze, Ent- Kreuz gemacht.
scheidungsmale, die im Nachhinein zum Unglück werden Es hat durchaus einige Zeit gedauert, bis die frühen
können. Gott hat uns Menschen als freie Wesen gewollt, Christen eine Idee, einen Verstehenshorizont für Jesu Ster-
die sich selbst und ihre Welt verantwortlich mitgestalten. ben am Kreuz gefunden hatten. Dabei war es nicht unbe-
Also musste von vorn herein auch damit gerechnet werden, dingt von vorn herein ein überzeugender Zusammenhang.
Foto: Ivan Radic, „A young woman having back pain
dass es Fehlentscheidungen, fatale Irrtümer und Versagen „Der Jesus ist gar nicht richtig gestorben,“ haben man-
geben würde. che gesagt, „der hatte nur einen Scheinleib; es sah nur so
Römische Befehlshaber pflegten unbequeme oder aus, als hätte er gelitten und den Kreuzestod erlebt.“ Eine
systemkritische Menschen kurzerhand an ein Holzkreuz andere Theorie besagte, Jesus sei der neu lebende Pro- while sitting at the desk in her office“, Flickr
zu nageln und dort für alle sichtbar zu Tode zu foltern. phet Elias gewesen und durch den Tod wieder ins Reich
Das Kreuz als Todesholz hat zum einen seine Entstehung der Scheol (Totenreich) zurückgekehrt. Ganz allmäh-
und Form der Gestalt des Menschen zu verdanken. Aber lich gab es erste Theorien, die versuchten das Geschehen
zum andern steckt darin auch ein Symbol, eine Botschaft, theologisch mit Jahwe (Gott Vater) zu verbinden. Häufig
dass da nämlich etwas entschieden war und jemand defi- geschah das mit der Idee, dass eben Gott diesen schlimmen
nitiv sein „Kreuz“ gemacht hatte, quer über das Leben Tod befohlen hätte. Jesus musste so sterben, sonst hätte es
und Lieben eines anderen. Und die da angenagelt oder keine Erlösung gegeben; er musste so sterben, sonst wäre
angebunden wurden, hatten entsprechend mehr als nur Gott nicht zufrieden gewesen. Das Bild des „Freikaufens“
Beschwerden, sie wurden blutig ausgelöscht. Die Beschwer- tauchte auf: Jesu Kreuzestod als Wiedergutmachung, als
den und entsprechende Trauer hatten dann mehr die Zahlung für die Schuld der gesamten Menschheit. Das
Freunde und Angehörigen der Gekreuzigten. ergab für viele damals einen Sinn: Jesu Tod war dann ein
Sühnetod, wie ja auch der Tod der Opfertiere im Tempel
ein Stellvertreter- und Sühnetod war.
6 3 . J a h r g a n g + A p r i l 2 0 2 0 13Das Wort „Kreuz“ wurde in der Folge zum Symbol diese Grundeinstellung gegenüber den Lebenslasten fin-
für das Opfer, das ein Mensch im Geiste Jesu auf sich zu den. Er ist zu den Kleinen und Benachteiligten gegangen
nehmen hat. Es entstanden Verse in den Evangelien, die und hat ihnen Befreiung gebracht. All die Wunder, die in
die Jüngerschaft an die Bereitschaft knüpften, das Kreuz zu den Evangelien berichtet werden, haben doch genau den
tragen. Und das „Herrenmahl“ zur Erinnerung und Ver- Sinn gehabt, den Menschen ihr Kreuz zu erleichtern oder
gegenwärtigung Jesu entwickelte sich langfristig zu einem gar abzunehmen. Jesu Einstellung gegenüber den Lasten
kultisch immer neuen Vollzug des „Kreuzesopfers“ Jesu. des Gesetzes, den Lasten der Vorurteile war revolutionär
und eben nicht ein Aufruf des Duldens. Das ist ganz wich-
Das Kreuz erhöht (in der Notenschrift) tig festzuhalten. Jesu Botschaft war nicht depressiv, nicht
Zusammen mit der Erfahrung und Botschaft der Auf- bedrückend. Er hat aus dem Kreuz der kleinen Leute kein
erstehung erhielt mit der Zeit das „Kreuz“ eine positive Heiligtum, keinen Erlösungsweg gemacht.
Bedeutung. So konnte man eben mit ihm umgehen, es deu-
ten und in die neue Lehre einbeziehen. Es ist kein Wun- Ein neues Bild von Gott
der, dass irgendwann die Antiphon des Karfreitags den Aber ganz ohne Zweifel ist dann irgendwann Jesus
Satz enthielt: „Im Kreuz ist Heil.“ Spätestens von Paulus an selber den Weg des Kreuzes gegangen. Es heißt zwar in den
wurde der Kreuzestod Jesu als womöglich unumgängliches, Evangelien, er habe aufmüpfig Gott gefragt: „Warum, hast
aber unbedingt erlösendes Geschehen in der Mitte der Zeit du mich verlassen?“ (Mk 15,34), und auch sein letztes Wort
gedeutet. sei ein Aufschrei gewesen, aber er ist zweifellos dem Kreuz
Nur – stimmt das? Ist der Satz wahr, dass im Kreuz nicht ausgewichen. Vielleicht wird das Wort vom Kreuz
Heil ist? bei Jesus viel zu speziell nur auf den Karfreitag angewen-
Ich erinnere mich an meine römisch-katholischen Spi- det. Jesus hat auch schon vorher seine Begegnung mit dem
rituale in Studium und Priesterseminar. Allesamt maßen Kreuz gehabt. Dass er seinen Heimatort und seine Familie
sie dem „Kreuz“ eine ganze spezielle und tiefgründige verlassen hat, dass er sich für einen anderen Weg als Johan-
Mystik zu. Und natürlich ging dieser Denkansatz über den nes der Täufer entschieden hat, dass er immer neu sich zu
Bezug auf den Tod Jesu hinaus. „Jeder Mensch muss sein total Einfachen und Bedürftigen zugewendet hat, dass er
Kreuz finden und tragen,“ sagten sie, „jeder muss darin solche Donnersöhne, Versager und Verleugner als Schü-
seinen Lebenssinn finden.“ Nur über das Kreuz, so meinen ler hatte, all das ist Last gewesen. Und sich immer neu auf
auch heute noch viele Lehrer des Christentums, kann man diesen Weg der Unterscheidung und der Liebe zu begeben,
Gott zufrieden stellen. Im Kreuz ist Heil. hatte mit dem Kreuz zu tun.
Ich habe mich damals innerlich, da kann ich mich Jesus hat das Kreuz nicht gescheut, er hat es angenom-
noch gut erinnern, dagegen aufgebäumt. Vor allen Dingen men, aber (!) zutiefst aufrecht. Jesus hat sich nicht zum
merkte ich, dass dieses Reden vom Kreuz im Predigen der Sklaven machen lassen. Und auch sein Sterben am Kreuz
Spirituale eine Funktion bekam: es lenkte hin zu Demut hatte historisch damit zu tun, dass er zuvor mit Wucht
und Gehorsam. Und wenn man diese doch durchweg mir und Selbstbewusstsein die Frevler aus dem Tempel vertrie-
sympathischen Menschen beim Sprechen vom Kreuz beob- ben hatte. Jesus hat nicht das Kreuz um des Kreuzes willen
achtete, erhielt man den Eindruck einer gewissen depres- akzeptiert, lediglich als einzig verbliebene Chance, sich
siven Haltung: „Es ist schlimm, dieses Gesetz des Kreuzes, und der Liebe treu zu bleiben.
das Gott seinem Sohn und auch uns aufgebürdet hat; aber Es stimmt nach meinem Empfinden nicht, dass
wenn man es befolgt, findet man genau darin die seelische Jesus sein Leben und Blut als Opferpfand Gott hingeben
Erfüllung.“ musste. Weder Jesus noch wir sind Untertanen, die einem
herrischen Gott ihre Gaben bringen müssen. Das war eben
Das Kreuz ist kein schmucker Anhänger das neue Gottesbild, das Jesus gelehrt hat: Gott ist nicht
Ich möchte zumindest zuerst einmal sagen dürfen: Im außerhalb von Leid und Kreuz und schaut erwartungsvoll
Kreuz ist Elend! Im Kreuz ist Vernichtung, im Kreuz ist darauf herab, sondern er nimmt solidarisch an unserm Leid
Widersinn! Das Kreuz als Ort des Schmerzes und Unter- teil. Gott ist mitten drin als Mitleidender, so wie Jesus Mit-
gangs ist grausig und lieblos. Wer grundsätzlich predigt, leidender war. Das ist die Botschaft des Christentums und
dass Menschen ihr Kreuz finden und tragen müssten, der wird von Matthäus am Ende der Zeit Jesus in den Mund
handelt eigentlich gegen alles, was die Überlieferung unse- gelegt: Was ihr dem/der Geringsten unter euch getan habt
res Glaubens geprägt hat. Hätten dann nicht die Israeliten (gegen sein Kreuz der Armut, des Hungers, der Krank-
im verhassten Ägypten bleiben müssen und als Sklaven die heit), habt ihr mir getan (Mt 25,40).
Fron tragen müssen? Aber nein, wir feiern bis heute ihren Seit Jesus und seinem Kreuzweg ist das klar: Im Kreuz
Mut, diesem auferlegten Kreuz Lebewohl zu sagen und ist nicht deshalb Heil, weil das Kreuz so mystisch wertvoll
aufzubrechen in bessere Zeiten? Und hat sie Gott dabei wäre, sondern nur weil Gott da bei uns ist. Gott gibt uns
nicht unterstützt?! innerlich Mut, aufrecht auch durch schlimmste Momente
Immer wieder kann man im Alten Testament Men- zu gehen, glaubend, revolutionär. Seit Jesus ist das deut-
schen begegnen, die gerade nicht alles geduldet und demü- lich wie nie zuvor. Im Kreuz ist Heil, weil Gott gegen die
tig ertragen haben. Und erst recht bei Jesus kann man Schwerkraft des Kreuzes liebend an unserer Seite steht. ■
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