Lesebuch Landschaft Ein Blick in die Bergische Kulturlandschaft - Biologische Station Oberberg

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Lesebuch Landschaft Ein Blick in die Bergische Kulturlandschaft - Biologische Station Oberberg
Lesebuch Landschaft
Ein Blick in die
Bergische Kulturlandschaft
Lesebuch Landschaft Ein Blick in die Bergische Kulturlandschaft - Biologische Station Oberberg
Impressum                                       Redaktion
                                                André Spans, Frank Herhaus, Carina Harbich,
                                                                                                                Inhalt
                                                unter Mitarbeit von Manuela Thomas

Idee, Konzeption und Umsetzung                  Text
                                                Carina Harbich, André Spans                                     Vorwort                                      4
„Lesebuch Landschaft –                          unter Mitarbeit von Theo Boxberg, Inga Dohmann,
Ein Blick in die                                Frank Herhaus, Milena Karabaic,                                 Was ist Kulturlandschaft?                    5
Bergische Kulturlandschaft“:                    Dr. Klaus-Dieter Kleefeld, Olaf Schriever,
                                                Christoph Weitkemper, Christine Wosnitza                        Ortsnamen                                    6
                                                Graphische Umsetzung/Illustrationen                             Dörfer                                       8
                                                Axel Helmus

                                                Druck und Herstellung                                           Dorfstrukturen                              10
                                                Heider Print+Medien GmbH, Köln
                                                                                                                Streuobstwiesen                             12
                                                Wir bedanken uns bei allen, die uns fachlich
Biologische Station Oberberg                    oder durch Bereitstellung von Bildmaterial                      Hecken und Strauchgruppen                   14
Rotes Haus, Schloss Homburg 2                   unterstützt haben:
51588 Nümbrecht                                 Werner Boxberg, Reiner Jacobs, Ingo Lehmann,                    Hohlwege                                    16
02293 - 90 15 0                                 Klaus Mühlmann, Dr. Herbert Nicke, Dr. Hermann Platzen,
                                                Walter Schröder, Ingo Siegner                                   Wegekreuze und Fußfälle                     18
www.biostationoberberg.de                       Bergischer Geschichtsverein e.V.: Dieter Forst
oberberg@bs-bl.de                               Bürgerverein Kreuzberg e.V.: Gerd Wurth                         Buckelraine, Buckelweiden und Ackerterrassen 20
                                                Dorf und Heimatverein Wildberg e.V.:
Biologische Station Rhein-Berg                  Stefan Fassbender                                               Heuwiesen                                   22
                                                Kreisbauernschaft Oberberg: Helmut Dresbach
Kammerbroich 67 • 51503 Rösrath                 Kreisbauernschaft Oberberg/Rhein-Berg:                          Wirtschaftswiesen und Maisäcker             24
02205 - 94 98 94 0                              Stefan Rankenhohn
www.biostation-rhein-berg.de                    Kreisbauernschaft Rhein-Berg: Peter Lautz
                                                Landschaftsverband Rheinland:
                                                                                                                Feuchtwiesen und Feuchtbrachen              26
rhein-berg@bs-bl.de                             Christoph Boddenberg, Dr. Erich Claßen,
                                                Dr. Martina Gelhar, Dr. Klaus Dieter Kleefeld, Julia König
                                                                                                                Wässerwiesen                                28
In Kooperation mit                              Landwirtschaftskammer NRW: Ursula Jandel,
                                                Bernd Schnippering, Lothar Stinn, Ulrich Timmer                 Einzelbäume und Grenzbäume                  30
                                                Mühlenverband Rhein-Erft-Rur: Dr. Ralf Kreiner, Gabriele Mohr
Zweckverband Naturpark                          Waldbauernverband: Karl Wilhelm Dohrmann,                       Ober- und Untergräben                       32
Bergisches Land                                 Hans-Friedrich Hardt
                                                                                                                Heiden und Wacholderheiden                  34
                                                3. Auflage 2021                                                 Niederwälder (Haubüsche)                    36
                                                Die Erstellung der Broschüre wurde unterstützt                  Wirtschaftswälder (Hochwälder)              38
                                                vom
                                                                                                                Steinbrüche                                 40
Moltkestr. 26 • 51643 Gummersbach
02261 - 91 63 100                                                                                               Bergbaustollen und Pingen                   42
www.naturparkbergischesland.de
info@naturpark-bl.de                                                                                            Alleen                                      44
                                                                                                                Bergische Bräuche                           46
                                                                                                                KuLaDig (Kultur. Landschaft. Digital.)      48
                                                                                                                Quellen- und Bildverzeichnis                50
Oberbergischer Kreis            Rheinisch-Bergischer Kreis
Der Landrat                     Der Landrat
Moltkestraße 42                 Am Rübezahlwald 7
51643 Gummersbach               51469 Bergisch Gladbach

2                                                                                                                                                                 3
Lesebuch Landschaft Ein Blick in die Bergische Kulturlandschaft - Biologische Station Oberberg
Vorwort                                                                                    Was ist Kulturlandschaft?
Eine Landschaft kann auch als „Text“ verstanden werden. Jede Generation schreibt           Können wir uns vorstellen, dass die Bergische Landschaft um uns herum ursprünglich
eine weitere Seite. Wir müssen lernen, diesen „Text“ zu lesen, um die Kultur der           beinahe flächendeckend von Wald bewachsen war? Mit der Besiedlung des Menschen
Landschaft zu verstehen und sie dadurch bewahren zu können.                                begann die nutzungsbedingte Veränderung der Landschaft. Durch anfängliche Rodungen
Das vorliegende Lesebuch ist ein Ergebnis des vom Landschaftsverband Rheinland             für Siedlungsgründungen, Waldweide und Ackerbau lichtete sich der Wald immer mehr
(LVR) geförderten Projektes „Hecke, Hohlweg, Heimat“ der Biologischen Station              und schuf neuen Lebensraum für die Menschen. Die ursprüngliche Naturlandschaft
Oberberg. Es entstand in Zusammenarbeit mit der Biologischen Station Rhein-Berg            wandelte sich durch das Wirken des Menschen zur Kulturlandschaft.
und dem Naturpark Bergisches Land.
Das Bergische Land ist geprägt von regional ganz typischen Dörfern, Steinbrüchen,          Eine kurzgefasste Definition könnte lauten: Kulturlandschaft ist das Ergebnis der
Streuobstwiesen, Hecken und Sträuchern, Hohlwegen und vielem mehr.                         Wechselwirkungen zwischen naturräumlichen Gegebenheiten und menschlicher
Die Voraussetzung zum behutsamen Umgang mit diesem Kulturellen Erbe in der                 Einflussnahme im Laufe der Geschichte. Ständige Veränderungen prägen das vom
Landschaft ist Wissen: Wann sind Bergbaustollen oder Alleen entstanden?                    Menschen genutzte Gefüge im Bergischen Land: Mühlen und Hämmer, Entwässerung
Wie hat der Mensch die Wälder in historischer Zeit genutzt? Welche Kulturfolger            feuchter Talgründe, Bergbau, Eisenbahn- und Straßenbau, die Mechanisierung der
unter den Tieren und Pflanzen nutzen diese Lebensräume?                                    Landwirtschaft bis hin zur Verstädterung von Dörfern und der einhergehenden Bildung
Darauf gibt das Lesebuch spannende Antworten und macht somit Landschaft                    von Siedlungsschwerpunkten. Heute finden wir in der Landschaft sich überlagernde
verständlich. Der LVR wünscht sich viele interessierte Leserinnen und Leser.               Zeugen kulturlandschaftlicher Spuren aus hunderten von Jahren. Der ursprüngliche
Damit wird die Landschaftsgeschichte weiter erzählt und auch zukünftige Generationen       Wald hat sich im Bergischen zu einer charakteristisch mosaikartigen Landschaft von
können sich an den Besonderheiten des Bergischen Landes weiter erfreuen.                   Wald, Offenland, ländlichen Siedlungen und größeren Städten entwickelt.

Neben dem Lesebuch bietet zudem das LVR-Internetportal                                     Je mehr wir über unser Umfeld wissen, desto mehr können wir hiervon entdecken und
„Kultur. Landschaft. Digital.“ (KuLaDig; www.KuLaDig.LVR.de) viele weitere Informationen   verstehen, unsere Wurzeln und die Entstehungsgeschichte der typisch Bergischen
zur Kulturlandschaft im Bergischen Land.                                                   Landschaft erkennen. Diese Kenntnis der Kulturlandschaft ist die Grundlage, um das
                                                                                           Kulturelle Erbe zu bewahren und bewusst ein Lebensumfeld zu gestalten, mit dem wir
                                                                                           uns identifizieren und wohl fühlen können.
                                                                                           Übrigens: Zahlreiche der hier beschriebenen Landschaftselemente können Sie auch
                                                                                           im LVR-Freilichtmuseum Lindlar entdecken.

Milena Karabaic
                                                                                           Für unsere kleinen Entdecker

                                                                                                                                      Der kleine Drache
                                                                                                                                      Kokosnuss aus den Kinder-
                                                                                                                                      büchern von Ingo Siegner erlebt auf
                                                                                                                                      der Dracheninsel spannende Abenteuer.
                                              Milena Karabaic,                             „Määääh, ich bin Schnucki und zeige        Jenseits der Drachenbucht gibt es, genau
                                              LVR-Dezernat Kultur und                      euch tolle Aktionen, die man in der        wie bei uns im Bergischen Land, viel zu
                                              Landschaftliche Kulturpflege                 Landschaft erleben kann!                   entdecken. Er hat sich einmal in unserem
                                                                                           Findet mich auf den nächsten Seiten!“      Lesebuch verirrt, findet ihr ihn?

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Lesebuch Landschaft Ein Blick in die Bergische Kulturlandschaft - Biologische Station Oberberg
Ortsnamen
                                                                                „Baum“: Streuobstwiesen                     „Hammer, Hämmern“:
Wollen wir etwas über die Landschaft erfahren, in der wir leben, empfiehlt es
                                                                                                                            Nutzung der Wasserkraft an
sich, mit dem Naheliegenden zu beginnen: den Orts-, Flur- und Straßennamen      Kirschbaum (Overath)
                                                                                                                            Gewässern zur Eisenverarbeitung
unserer Umgebung. Wie wurde die Landschaft genutzt? Gab es räumliche            Apfelbaum, Birnbaum (Gummersbach)
Besonderheiten? Welche Wirtschaftsform war hier ausgeprägt? Die Namen                                                       Hammermühle (Nümbrecht, Overath)
geben oft gute Hinweise wie z. B. Baum, Bruch oder Hülse.                                                                   Hämmern (Wipperfürth)
                                                                                „Born“: Quelle
                                                                                Kaltenborn (Overath)
                                                                                Winterborn (Nümbrecht)
                                                                                                                            „Holl“: Hohlweg
                                                                                                                            Holl (Lindlar)
                                                                                                                            Hollkotten (Wermelskirchen)
                                                                                „Bruch, Broich“: sumpfiges Gelände
                                                                                Broich (Berg. Gladbach, Engelskirchen)
                                                                                Bruch (Lindlar, Gummersbach, Wipperfürth,
                                                                                                                            „Hülse“: niedrigwüchsiger Wald
                                                                                                                            mit viel Hülse (Hülse = Stechpalme, Ilex)
                                                                                Nümbrecht)
                                                                                                                            Hülsen (Overath)
                                                                                                                            Hülsenbusch (Gummersbach)

                                                                                                                            „Hütte“: Eisenverarbeitung
                                                                                                                            Britanniahütte (Berg. Gladbach)
                                                                                                                            Wildberger Hütte (Reichshof)

                                                                                                                            „Kamp“: Laubwald im oder um ein Dorf
                                                                                                                            Heidkamp (Berg. Gladbach)
                                                                                                                            Distelkamp (Nümbrecht)

                                                                                                                            „Kuhlen, Kaule“: Bergbau
                                                                                                                            Silberkaule (Berg. Gladbach)
                                                                                                                            Laiveskuhle (Wipperfürth)

                                                                                                                            „Siefen, Seifen, Siepen“:
                                                                                                                            Kerbtal mit Bach
                                                                                                                            Herkensiefen (Berg. Gladbach)
                                                                                                                            Krähsiefen (Overath)
                                                                                                                            Kirschsiepen (Radevormwald)
                                                                                                                            Seifen (Morsbach, Waldbröl, Windeck)

Ausschnitt aus der Reproduktion der Karte von Arnold Mercator, Grenzen des
Bergischen Amtes Windeck und der Herrschaft Homburg von 1575
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Lesebuch Landschaft Ein Blick in die Bergische Kulturlandschaft - Biologische Station Oberberg
Schleiereule
Dörfer
Dörfer sind prägende Elemente der
Bergischen Landschaft. Außerhalb der
wenigen Städte liegen die zahlreichen
Dörfer in der Landschaft verteilt.                                                             Ackerland
Allein zur Gemeinde Nümbrecht gehören                                                                                   Reste einer
rund 80, zur Stadt Wermelskirchen über                                                                                  Streuobstwiese
100 Dörfer.

Dörfer entstanden aus Einzelhöfen, die                                                             Alter
sich ursprünglich an den Hängen ansiedel-      Gehölzstreifen/Hecke   Scheune                      Hausbaum
ten, meist oberhalb von Quellmulden.
Zahlreiche Ortsnamen mit den Endungen
„Siefen“ oder „Seifen“ deuten auf diese
Siedlungslage hin. Durch die Zersplitterung
der Höfe in Folge der Realteilung (Erbrecht)
entstanden Gehöfte mit mehreren, meist
unregelmäßig zueinander stehenden                                                                  Trockenmauer
Gebäudegruppen. Im Laufe der Zeit
entwickelten sich die meisten Gebäude-
                                                                                                                          Ehemaliger
gruppen weiter zu Dörfern, andere haben
                                                                                                                          DorfKamp
häufig wegen der Geländelage ihre
ursprüngliche Form bis heute beibehalten.
                                                                                Ehemaliger
Größere Dörfer übernahmen eine                                                  Dorfteich
zentrale Funktion mit entsprechender
Infrastruktur (Kirche, Gasthaus, Schule,
Dorfladen) für die umliegenden Siedlungen.
                                                                                                           Weiden und
Diese liegen oft auf den Höhen
(im Oberbergischen Kreis: z. B. Thier,                                                                     Wiesen
Kreuzberg, Marienberghausen oder im
Rheinisch-Bergischen Kreis: z. B. Bechen,
Biesfeld) und werden als Kirchdörfer
bezeichnet.                                    Steinmarder                       Schöllkraut

In den Dörfern entstanden auf Grund der                                                                                                Gundermann
vielfältigen Strukturen zahlreiche Lebens-
räume für Tier- und Pflanzenarten.

    Saatkrähe

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Lesebuch Landschaft Ein Blick in die Bergische Kulturlandschaft - Biologische Station Oberberg
Dorfstrukturen                                Dorfkamp                                    Hausbaum                                     Bauerngarten
Kulturlandschaftliche                         Der Dorfkamp, auch Kämpe genannt,           Der Mensch ist seit Urzeiten eng mit         Ausgehend von traditionellen Kloster-
Spurensuche im Dorf                           ist ein kleines Dorfwäldchen mit Eichen,    Bäumen verbunden, schon die Kelten           gärten entwickelten sich die typisch
                                              Buchen und anderen Laubbäumen. In           verehrten die Bäume als heilige Wesen.       bergischen Bauerngärten im Laufe der
                                              früheren Zeiten diente er als Bauholz-      Hausbäume boten den Einwohnern               Zeit zu einem prachtvollen Mix aus Obst
Trockenmauer                                  reserve und zur Schweinemast (Eicheln,      Schutz, Schatten und Futter für das          und Gemüse, (Heil)kräutern und Zier-
Zum typisch bergischen Dorfbild gehört        Bucheckern). Er war dörflicher Treffpunkt   Vieh. Auch empfindliche Obstarten wie        pflanzen mit einer Beetumrandung aus
die Trockenmauer aus Grauwacke-Sand-          und bot genug Platz für gemeinsames         Kirschen wurden hausnah gepflanzt.           Buchsbaum. Diese Bauerngärten sind
steinen. Zur Befestigung von Hängen,          Obstpressen und Krautkochen (aus            Im Bergischen sind besonders Linden,         zwar selten geworden, aber heute noch
Einfriedung von Gehöften oder Gärten          Äpfeln und Birnen). Heute finden wir nur    Eichen oder die Walnuss verbreitet. Auch     in einigen Dörfern zu sehen.
wurde sie entweder ohne Bindemittel           noch wenige Dorfkämpe im Bergischen,        heute noch ist die Tradition des Hausbaums
oder mit Kalkmörtel aufgeschichtet. Die       z. B. in Erlinghagen bei Gimborn oder in    in vielen bergischen Dörfern zu finden.
Steine kamen früher meist aus örtlichen       Oberwiehl (Eichenkamp).
„Steinkuhlen“ ( Steinbrüche, S. 40).
Trockenmauern sind heute nicht nur von
hohem ästhetischen Wert, sondern vor
allem Lebensraum für wärmeliebende
Pflanzen und zahlreiche Tierarten.

Dorfteich                                                                                                                              Lesesteinhaufen
Der Dorfteich diente u. a. als Brandweiher,                                                                                            Lesesteinhaufen haben nichts mit
zum Waschen, als Viehtränke und                                                                                                        Büchern zu tun. Früher war es üblich,
Ententeich. Kopfweiden an den Ufern                                                                                                    größere Steine von den Äckern
lieferten ursprünglich Material zum                                                                                                    „aufzulesen“, da sie beim Pflügen störten.
Korbflechten. Für die Artenvielfalt im                                                                                                 Diese Steine wurden am Ackerrand zu
Dorf ist ein solcher Teich unerlässlich                                                                                                Lesesteinhaufen aufgeschichtet oder
und bietet auch den „kleinen Forschern“                                                                                                dienten als Lesesteinwälle zur Befestigung
ein direktes Naturerlebnis. Frösche,                                                                                                   von  Ackerterrassen (S. 21). Besonders
Posthornschnecken oder Libellen lassen                                                                                                 für Eidechsen, Kröten und Kleinsäuger
sich hier besonders gut beobachten.                                                                                                    sind sie ein wertvolles Versteck und
Viele Dorfteiche mussten der Siedlungs-                                                                                                Winterquartier. Heute sind sie vielfach
entwicklung weichen, heute sind nur                                                                                                    überwachsen und es braucht ein
noch wenige erhalten.                                                                                                                  gutes Auge, um sie zu entdecken.

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Lesebuch Landschaft Ein Blick in die Bergische Kulturlandschaft - Biologische Station Oberberg
Streuobstwiesen
Eine mit hochstämmigen Obstbäumen bestandene Wiese, auf der                                            rch-
                                                                                         Mit seinen du
verschiedene Obstarten wie Apfel, Birne, Kirsche und Pflaume wachsen;                                  i-wuik-
traditionell angrenzend an Dörfer oder Bauernhöfe                                        dringenden k
                                                                                                       der
                                                                                         Rufen macht
                                                                                                        chts
                                                                                         Steinkauz na
                                                                                                        erksam
                                                                                          auf sich aufm

                                                                                          Lebensraum für zahlreiche z. T. bedrohte                         Bäumchensapfel
                                                                                          Tier- und Pflanzenarten: in Höhlen alter
                                                                                          Obstbäume nisten u. a. Steinkauz, Grün-
                                                                                          specht oder Gartenrotschwanz. Auch
                                                                                          Fledermäuse, Siebenschläfer und Hornissen
                                                                                          nutzen die Obstwiesen als Quartier.

                                                                                          Kulturlandschaftlicher Wert
                                                                                          Erhalt alter Obstsorten, die auf das
                                                                                          raue Klima und die kargen Böden des
                                                                                          Bergischen eingestellt sind: Bäume
                                                                                          mit langer Lebensdauer, robust gegen
                                                                                          Schädlinge und Krankheiten, Früchte
                                                                                          mit intensivem Geschmack.
           Alte Apfelsorten tragen
                                   Namen
           wie Jakob Lebel, Bäum                                                          Hoher ästhetischer Wert: Verschönerung
                                 chensapfel
           oder Schafsnase                                                                des Ortsbilds, Erleben der Jahreszeiten
                                                                                          durch Wechsel von Blühaspekten,
Woran erkenne ich eine Streuobstwiese?                                                    Fruchtbildung und Laubfall.
Hochstämmige Obstbäume auf Wiesen
und Weiden, heutzutage meist überaltert                                                   Achtung – gefährdet!
ohne jüngere Nachpflanzungen; verstreuter   Wozu wurden Streuobstwiesen angelegt?         Durch geförderte Obstbaumrodungen
Blühaspekt durch unterschiedliche Blüh-     Obstbaumwiesen und -weiden umgaben            in den 1970er Jahren und Siedlungs-
zeiten der Obstarten und -sorten.           früher dörfliche Siedlungen. Die Obsternte    bau verschwanden die meisten
                                            war für die damalige Bevölkerung über-        Streuobstwiesen aus dem Bergischen
Wo finde ich Streuobstwiesen?               lebenswichtig – gelagert, gedörrt und in      oder sie sind mittlerweile völlig
Im gesamten ländlichen Raum des             Form von Apfel- und Birnenkraut diente        überaltert. Viele damals nur örtlich
Bergischen verteilt; besonders prägend      das Obst vor allem als Wintervorrat und       vorkommende Obstsorten sind für
für das Homburger Ländchen sowie für        Vitaminquelle. Zusätzliche Bedeutung der      immer verschwunden.
Leichlingen und Burscheid (siehe auch       Streuobstwiesen: Windschutz, Schatten-                                                  Der Admiral ist ein
www.KuLaDig.LVR.de).                        spender und Futterquelle für das Vieh.                                                  Wanderfalter und
                                                                                                                                    liebt süßes Fallobst
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Lesebuch Landschaft Ein Blick in die Bergische Kulturlandschaft - Biologische Station Oberberg
Hecken und Strauchgruppen                                                                      Der Neuntöter
Bandförmig wachsende Strauchgehölze (ein- oder mehrreihig) von nur                             spießt seine Beute
wenigen Metern Breite, die alle 15-30 Jahre zurückgeschnitten werden                           zur Vorratshaltung
                                                                                               auf Dornen oder
Wie sind Hecken aufgebaut?                     und schützen umliegende Ackerflächen            Stacheldraht
Hecken sind im Idealfall stockwerkartig        vor Austrocknung, Frösten und Erosion.
aufgebaut, hier ein Beispiel einer mehr-       Für Tierarten wie den Neuntöter und
reihigen Baumhecke: Der waldrand-              die Haselmaus sind Hecken über-
ähnliche äußere Heckensaum wird aus            lebenswichtig! Weil vielfältige                        Haselmaus
Sträuchern wie Brombeere, Schlehe und          Strukturen mit genügend
Weißdorn gebildet. In der darauf folgenden     Deckung und Nahrungs-
Mantelzone stehen höher wachsende              angebot immer mehr
Straucharten wie Schwarzer Holunder            aus der Landschaft
und Hasel. Die innere Kernzone kann            verschwinden, sind                                                                         Schlehe
Baumarten wie Hainbuche, Eiche und             diese Tiere mittler-
Vogelkirsche enthalten. Gelegentlich ist       weile sehr selten
den Hecken ein breiter Krautsaum u. a.         geworden.
mit  Lesesteinhaufen (S. 11) vorgelagert.

Wo finde ich Hecken?
Im gesamten Bergischen verteilt, jedoch
immer seltener werdend.
Besonders ausgeprägt sind die Hecken-
strukturen im Höhenort Radevormwald.

Wie sind Hecken in der Kulturlandschaft
entstanden?
Hecken als „lebende Zäune“ dienten zur
Abgrenzung von Flurstücken, zum Ein-                                                                           Hecken schmecken –
zäunen von Vieh, sie lieferten Brennholz,                                                                      Holunderblütensirup
wertvolle Beeren und Nüsse oder sie                                                                            24 Holunderblütendolden, 1 Liter Wasser,
wurden als Windschutz angelegt.                                                                                2 Zitronen, 1 kg Zucker
Auch zum Schutz vor unliebsamen Ein-
                                                                                                               Wasche die Holunderblütendolden und
dringlingen wurden um die Dörfer herum
                                                                                                               lege sie in einen großen Topf.
oft Schlehenhecken angelegt.                                                                                   Geschnittene Zitronenscheiben, Zucker
                                                                                                               und Wasser in einem zweiten Topf auf-
Ökologische Bedeutung                                                                                          kochen und unter schwacher Hitze so
Durch ihre vielfältige Struktur auf kleins-                                                                    lange weiterkochen, bis sich der Zucker
tem Raum bieten Hecken unzähligen                                                                              gelöst hat. Danach den Zucker über
Tier- und Pflanzenarten Lebensraum,                                                                            die Holunderblütendolden gießen, gut
Schutz, Nahrung und Überwinterungs-                  Hunds-Rose
                                                                                                      Igel     abdecken und drei Tage ziehen lassen.
quartiere. Sie vernetzen Biotope miteinander                                            Igel                   Am Ende wird das Ganze durch ein Sieb
                                                                                                               gegossen und in Flaschen abgefüllt.
                                                                                                               Mmh, lecker!
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Lesebuch Landschaft Ein Blick in die Bergische Kulturlandschaft - Biologische Station Oberberg
Hohlwege                                                                              Achtung – gefährdet!                          Ökologische Bedeutung
Ehemals vielbefahrene und                                                             Neue Straßen und andere Maßnahmen             Verschiedene Klimabedingungen auf
begangene Wege, die sich durch                                                        haben viele Hohlwege zerstört, z. T. wurden   kleinstem Raum (trockene und nasse,
langjährige Nutzung in das                                                            sie auch zugeschüttet oder sie drohen         besonnte und beschattete Stellen),
Gelände eingeschnitten haben                                                          durch fehlende Nutzung zu verbuschen.         daher wertvoller Lebensraum für viele
                                                                                                                                    Pflanzen- und Tierarten, z. B. für
                                                                                                                                    Wildbienen, die in der Erde unbewachsener
                                                                                                                                    Steilhänge nisten, oder Farne.

                                                                                            Entstehung eines Hohlweges

                                                                                                                                                 frühere Geländekante

Woran erkenne ich einen Hohlweg?        Wie entsteht ein Hohlweg?                                                    Hohlweg-Forscher
In das Gelände eingetiefter und unbe-   Wird ein Weg jahrzehnte- oder jahrhunderte-                                  Hohlwege sind voller spannender Pflanzen, Tiere und
festigter Weg mit Steilhängen oder      lang durch den Menschen genutzt, gräbt                                       deren Spuren. Wenn ihr das nächste Mal einen Ausflug
ansteigenden Böschungen, die oft        er sich immer tiefer in die Umgebung ein.                                    macht, bastelt euch doch aus Zahnstochern und buntem
mit Gehölzen bewachsen sind.            Regen spült diese entstandenen Rinnen                                        Papier kleine Fähnchen. Sucht euch einen Abschnitt im
                                        zusätzlich aus und es bilden sich rechts                                     Hohlweg aus und beobachtet ganz genau – bei inter-
Wo finde ich Hohlwege?                  und links des Weges Steilhänge                                               essanten Entdeckungen, z. B. einem Mauseloch, einer
Im gesamten Bergischen Land verteilt    (siehe Abb. S. 17).                                                          hübschen Pflanze oder einem Schneckenhaus, steckt
(siehe auch www.KuLaDig.LVR.de).                                                                                     ihr ein Fähnchen daneben. Tauscht eure Entdeckungen
                                                                                                                     aus – wer hat was gefunden?
                                                                                                                     Wenn ihr weitergeht, denkt bitte daran eure Fähnchen
                                                                                                                     wieder mitzunehmen!
                                                      Feuersalamander
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Lesebuch Landschaft Ein Blick in die Bergische Kulturlandschaft - Biologische Station Oberberg
Wegekreuze und Fußfälle                                                                     Fußfall
Historische, z. B. an Wegrändern, Höfen, Kapellen
oder Kirchen aufgestellte Kreuze aus Holz oder
Stein, mit Darstellungen von christlichen
Symbolen oder Szenen aus der Kreuzigung Jesu
(katholisches Brauchtum)

Woran erkenne ich, ob es sich um ein                                                                                              Flechten
Wegekreuz oder einen Fußfall handelt ?                                                                                            Erstaunliche Lebensformen begegnen
Wege- oder Hofkreuze sind entweder aus                                                                                            uns auf Mauern und steinernen Wege-
Holz oder heimischer Grauwacke errichtet                                                                                          kreuzen in unserer Kulturlandschaft –
und stellen christliche Symbole dar.                                                                                              die Flechten.
Fußfälle dagegen enthalten immer ein
reliefartiges Motiv aus dem Kreuzweg-                                                                                             Wohl einzigartig in der Natur, entstehen
thema und bestehen meist aus Grau-                                                                                                Flechten aus einer dauerhaften „Lebens-
wacke. Traditionell wurden entlang                                                                                                gemeinschaft“ von Pilz und Alge. Obwohl
eines Weges sieben Bildstöcke mit den                                                                                             aus diesen beiden Arten zusammen-
Stationen der Leidensgeschichte Christi                                                                                           gesetzt, sehen Flechten seltsamerweise
                                            Wegekreuz
errichtet. „Fußfall“ heißen diese Kreuze,                                                                                         weder der einen noch der anderen
weil vor ihnen die Menschen andächtig       Wozu wurden Wegekreuze und Fußfälle                                                   ähnlich. Flechten können sehr gut mit
im Gebet einen Kniefall machten.            errichtet?                                                                            Hitze und Trockenheit umgehen, nicht
Vielleicht auch, weil Jesus der Legende     Für unsere Vorfahren war der Gang zur      beteten die Menschen zu Gott für ihre      jedoch mit Luftverschmutzung.
nach siebenmal unter der Last seines        Kirche aufgrund langer Wege oft ein        kranken oder verstorbenen Verwandten       Einige Arten sind daher bestens geeignet,
Kreuzes auf die Knie fiel.                  schwieriges Unterfangen. Deshalb hielt     und erbaten Hilfe in anderen schwierigen   um die Luftqualität ohne komplizierte
                                            man Andachten zum Teil gemeinsam an        Lebenssituationen. Noch heute erinnern     Messungen beurteilen zu können.
Wo finde ich Wegekreuze und Fußfälle?       eigens errichteten Wege- oder Hofkreuzen   kirchliche Prozessionen in der
In katholischen Regionen des Bergischen     ab. Die meisten Wegekreuze und Fußfälle    Passionszeit an diese Tradition
verteilt, z. B. in Lindlar, Overath und     entstanden ab dem 18. Jahrhundert,         und an die Frömmigkeit
Wipperfürth.                                meist aus Anlässen wie Krankheiten,        unserer Ahnen.
                                            Seuchen oder Hungersnöten. An den
                                            Kreuzen oder Stationen der Fußfälle

18                                                                                                                                                                        19
Buckelraine und Buckelweiden                                                                                                      Ackerterrassen
Buckelraine: Hügelketten von Wiesenameisen-Bauten                                      Ökologische Bedeutung                      Bei genauem Hinsehen entdecken wir
Buckelweiden: unregelmäßig verteilte Ameisenhügel                                      Da die Kuppen der Buckel nährstoffärmer    sie noch – die Spuren alter Feldbewirt-
auf Weiden (meist Schafe)                                                              und trockener sind als ihre Umgebung,      schaftung an hängigen Lagen. Durch
                                                                                       wachsen dort lichtliebende und stellen-    das damalige Bearbeiten des Bodens
                                                                                       weise seltene Pflanzenarten wie Thymian,   rutschte immer wieder Erde hangabwärts
Woran erkenne ich einen Buckelrain?       Wo finde ich Buckelraine und -weiden?        Frühlingshungerblümchen oder Buntes        und Terrassen bildeten sich, an deren
Buckelraine bilden sich ausschließlich    Im gesamten Bergischen verteilt –            Vergissmeinnicht.                          Rändern häufig Lesesteinwälle
unter Zäunen (meist Stacheldraht). Die    Augen auf bei Spaziergängen!                                                            ( Dorfstrukturen, S. 11) oder  Hecken
Hügel der Wiesenameise sind darunter                                                                                              (S. 14) angelegt wurden. Heute werden
perlschnurartig aneinandergereiht.                                                                                                diese Flächen meist als Wiesen oder
                                                                                                                                  Weiden genutzt. Viele Kanten wurden
                                                                                                                                  eingeebnet, um sie mit modernen Maschi-
                                                                                                                                  nen bearbeiten zu können. Frag doch mal
                                                                                                                                  Bewohner deines Ortes, ob sie sich noch
                                    Historische Nutzung                                                                           an solche Äcker erinnern – erstaunlich,
                                    der Ackerterrassen                                                                            wie sich unsere Augen plötzlich für die
                                                                                                                                  Umgebung schärfen!

                                                                                                                                                    blüht
                                                                                                                       Die Acker-Witwenblume
                                                                                                                                                 dieser
                                                                                                                       z. B. an den Rändern
                                                                                                                                 en Ac ke rte rra ssen
                                                                                                                       ehemalig

                                                                                                                                                    imat,
                                                                                                                        Nicht nur in meiner He
                                                                                                                                    in  sel , fin det ihr
                                                                                                                        der Drachen
                                                                                                                                    el,  son  der n au ch
                                                                                                                        bunte Buck
                                                                                                                                         . Au  ge n au f!
                                                                                                                        im Bergischen
                                          Wie entstehen Buckelraine und -weiden?
                                          Die Gelbe Wiesenameise baut stabile
                                          Erdnester, die im Offenland bis zu 50 cm
                                          hohe Hügel bilden können. Unter der        Der Gemeine Thymian
                                          untersten Bespannung von Stacheldraht-     braucht vor allem Wärme
                                          zäunen sind sie geschützt, da das Vieh     und Licht und wächst
                                          diese Bereiche nicht betritt.              deshalb auf den Buckeln
                                          Auf Weiden mit geringem Viehbesatz,
                                          ohne große Trittbelastung, breiten sich
                                          die Hügelnester über die Fläche aus;
                                          das Abweiden der Hügelkuppen ist für
                                          die wärmeliebende Wiesenameise eine
                                          willkommene Pflege.

20                                                                                                                                                                     21
Heuwiesen                                                                                Wie sind Heuwiesen entstanden?                Achtung – gefährdet!
 Kräuterreiche Mähwiese mit ein bis zwei Schnitten                                        Das Bergische war zu Beginn der Besied-       Durch Einführung des mineralischen
 im Jahr, die nicht oder nur wenig gedüngt wird                                           lung nahezu flächendeckend bewaldet           Düngers und durch die Weiterentwicklung
                                                                                          und das Vieh wurde zur Futtersuche in         der Landwirtschaft wurden Heuwiesen
                                                                                          den Wald getrieben. Unter dem Bewei-          zunehmend unrentabel. Die heutige
 Woran erkenne ich eine Heuwiese?             Wo finde ich Heuwiesen?                     dungsdruck lichteten sich die Wälder          Landwirtschaft braucht energiehaltiges
 Artenreich, mit abwechslungsreichen          Im Bergischen selten geworden, am           immer mehr auf und es wanderten licht-        Futter, welches Heuwiesen nicht ausrei-
 Blühaspekten im Jahresverlauf. Sie           häufigsten sind sie noch in den südlichen   liebende, regenerationsfähige Pflanzenarten   chend hergeben. Aus diesem Grund sind
 unterscheidet sich von den intensiver        Gemeinden des Oberbergischen Kreises        ein. Später wurde überwiegend zur             die Wiesen stärker gedüngt und dadurch
 genutzten Wiesen (meist gelbe und weiße      vertreten, z. B. im Rengsetal bei           Stallhaltung übergegangen und die Gräser      artenärmer geworden.
 Blütenfarben) durch zusätzlich blaue,        Bergneustadt-Niederrengse.                  und Kräuter wurden als Heu für das Vieh
 violette und rosa Blüten.                                                                geschnitten. Durch Reisende oder              Ökologische Bedeutung
 Mahdzeiten witterungsbedingt:                                                            Wanderschafherden verbreiteten sich           Heuwiesen gehören zu den artenreichsten
 Im Bergischen erfolgt der erste Schnitt                                                  weitere Pflanzenarten und es entwickelte      Lebensräumen in Mitteleuropa. Sie sind
                                                                      erd
 ab Mitte bis Ende Juni, der zweite Schnitt             Großes Heupf                      sich die typische Artenzusammensetzung        Wohnstätte und Nahrungsgrundlage für
 ab Mitte August.                                                                         der Heuwiese, die optimal an die Mahd-        unzählige Insekten- und Spinnenarten, für
                                                                                          zeiten angepasst ist.                         Bodenorganismen sowie für Vögel und
                                                                                                                                        Säugetiere wie Maulwurf, Igel, Mäuse und
                                                                                                                                        Rehe.
                           Zittergras

                                                                                                                                                              Schachbrettfalter auf
Glockenblume
                                                                                                                                                              Acker-Witwenblume

                                                                                                                                        Kleiner Klappertopf

                                     Gefleckter Schmalbock auf                                                                                                         Spitzwegerich
                                     Kleine Bibernelle
 22                                                                                                                                                                            23
Wirtschaftswiesen und Maisäcker
Wirtschaftswiesen: intensiv bewirtschaftetes Grünland,
das mehrmals im Jahr mit Wirtschaftsdünger
(z. B. Gülle, Mist) gedüngt und gemäht wird                                                                                                 Rotbunte und
                                                                                                                                             Schwarzbunte
Maisäcker: Acker mit jährlicher
                                                                                                                                             Milchkühe
Aussaat von Futtermais
                                                           Siloballen

                                             Traktor mit Schwader

                                                                                           Löwenzahn              Gänseblümchen

                                                                                            flächen mit Getreide bestellt hatten, auf
                                                                                            die reine Grünlandbewirtschaftung und
                                                                                            die Milcherzeugung. Durch die Erfindung
                                                                                            der Silage wurde die Ernte des Grases,
                                                                                            das vorher zu Heu getrocknet werden
                                                                                            musste, einfacher und es konnte energie-
                                                                                            reicheres Winterfutter (mit mehreren
                                                                                            Schnitten im Jahr) für die Milcherzeugung
                                                                                            eingefahren werden. Dies ging allerdings
                                                                                            zu Lasten der Artenvielfalt. Seitdem haben                                   Weiß-Klee
Knaulgras
                                                                                            sich viele Höfe aufgrund der gesellschaft-   ernähren zu können, wird neben der
Wo finde ich Wirtschaftswiesen und          Höfe zur Selbstversorgung. Aufgrund der         lichen und wirtschaftlichen Rahmenbe-        Grassilage auf den wenigen Äckern zuneh-
Maisäcker ?                                 industriellen Revolution im 19. Jahrhundert     dingungen zu hochspezialisierten Betrieben   mend energiereicher Futtermais angebaut.
Im gesamten ländlichen Raum des             waren immer weniger Arbeitskräfte in der        entwickelt. Die Zahl der Landwirtinnen und
Bergischen sind Wirtschaftswiesen sehr      Landwirtschaft tätig. Durch die wachsende       Landwirte ist insgesamt zurückgegangen.      Ökologische Bedeutung
häufig, da sie heute die gebräuchliche      Bevölkerung in den Städten ergab sich           Kleinere Höfe werden im Nebenerwerb          Bedingt durch den Eintrag von Nährstoffen
Form der landwirtschaftlichen Nutzung       der Zwang zur Mechanisierung (z. B.             bewirtschaftet. Um die wachsende Zahl        und die dadurch resultierenden dichten
darstellen. Dagegen gibt es nur wenige      Dreschmaschinen, von Pferden gezogene           des zu haltenden Milchviehs optimal          Wiesenbestände, die zudem häufig
Ackerflächen, diese werden meistens mit     Mähmaschinen, Melkmaschinen, Traktoren).                                                     gemäht werden, können sich nur wenige
Futtermais bestellt.                        Mit dem Bau von Jauchegruben und der            Maisacker                                    Pflanzen- und Tierarten entwickeln.
                                            Erfindung des Mineraldüngers konnten                                                         Deshalb ist diese Form des Grünlandes in
Wie sind Wirtschaftswiesen und              die Flächenerträge weiter gesteigert werden.                                                 der Regel artenarm. Die vorkommenden
Maisäcker entstanden?                                                                                                                    Pflanzenarten wie z. B. Löwenzahn,
Viehwirtschaft war schon im Mittelalter     Seit den 1960er Jahren spezialisierten                                                       Weiß-Klee und Deutsches Weidelgras
wesentlicher Bestandteil der bergischen     sich die Betriebe, die vorher auch Acker-                                                    sind dann allerdings sehr häufig.

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Mädesüß-Perlmutterfalter

Feuchtwiesen und Feuchtbrachen                                                                                                           Achtung – gefährdet!
Feuchtwiese: Kräuterreiche Mähwiese in feuchten Tallagen mit mindestens                                                                  Heutzutage wird besonders energiehaltiges
einem Schnitt im Jahr (Mitte Juli), die nicht oder nur wenig gedüngt wird                                                                Futter benötigt. Dafür wurden die meisten
(farbliche Blühaspekte  Heuwiese, S. 22)                                                                                                Feuchtwiesen in den vergangenen
Feuchtbrache: Von der Nutzung ausgenommene ehemalige Feuchtwiese, auf der sich eine                                                      Jahrzehnten durch Entwässerung und
stabile Gemeinschaft von feuchtigkeitsliebenden Hochstauden, z. B. Mädesüß, gebildet hat                                                 verstärktes Düngen in ertragreiche, aber
                                                                                                                                         artenarme Wiesen oder Weiden umge-
                                                                                                                                         wandelt. Schlecht zu bewirtschaftende
Wie erkenne ich Feuchtwiesen und             Wie sind Feuchtwiesen und Feucht-                                                           oder abgelegene Flächen rentierten sich
Feuchtbrachen?                               brachen entstanden?                                                                         in der Bewirtschaftung nicht mehr; sie
Feuchtwiesen sind im Bergischen              Im Zuge der Besiedlung des Bergischen                                                       verbrachten entweder oder wurden
selten geworden. Wir finden sie z. B. in     drang der Mensch auch in die Täler vor                      Sumpf-Kratzdistel               aufgeforstet.
den Brucher Wiesen (Wiehl-Bruch,             und rodete dort die feuchten bis nassen
barrierefrei über einen Bohlenweg zu         Bruch- und Auwälder. Durch Auflichtung            Feuchtbrachen entwickeln sich aus nicht   Ökologische Bedeutung
besichtigen), in den Bachtälern an der       fanden sich Pflanzenarten ein, die sonst          mehr bewirtschafteten Feuchtwiesen.       Feuchtwiesen beherbergen, wie die
Dhünntalsperre oder im Eifgenbachtal         nur verteilt an Sickerquellen, in Röhrichten      Es beginnen feuchtigkeitsliebende          Heuwiesen (S. 22) eine große Anzahl
bei Wermelskirchen.                          oder Waldlichtungen vorkamen.                     Hochstauden zu wachsen, die zuvor         von gefährdeten Pflanzen- und Tierarten.
Feuchtbrachen sind häufiger in den           Für Ackerbau zu nass, dienten die Flächen         durch die Mahd zurückgedrängt wurden.     Sie sind zwar nicht so artenreich, haben
Randlagen der Täler des Bergischen           als Mähwiesen. Der Futterwert des                 Auf dem Boden entsteht ein dichter Filz   jedoch eine besondere Bedeutung als
zu finden.                                   Heus war durch Nässe und den dadurch              aus abgestorbenen Pflanzenteilen, der     Lebensraum für Insekten, so z. B. für
                                             verlangsamten Wuchs jedoch nur gering.            das Keimen anderer Pflanzen verhindert.   Schmetterlinge oder in hohlen Stängeln
                                             Häufig wurden die Wiesen auch erst im             Daher können sich Feuchtbrachen relativ   der Stauden überwinternde Insekten.
                                             Herbst gemäht und das Mahdgut als                 lange halten, bevor sie der Wald durch
                                             Stalleinstreu genutzt. Daher kommt der            Gehölzaufwuchs zurückerobert.
                                                                                                                                                          gkraut
                 Schwarzstorch               Name „Streuwiese“.                                                                           Drüsiges Sprin

                                                             Feuchtwiese                                                       Feuchtbrache
                                                                                                                 Mädesüß
                                                         Schlangen-Knöterich

                                                                                            Ampfer-Grünwidderchen
                                                                                            auf Kuckucks-Lichtnelke

26                                                                                                                                                                             27
Kriechender Günsel
Wässerwiesen                                                                                                                 Hauhechel-Bläuling
Wiesen mit meist künstlich hergestelltem leichten Gefälle an einem Bachlauf, die
durch ein ausgeklügeltes Grabensystem vom Bach her bewässert werden können
                                                                                   Bachlauf              Wehre 1 und 2

                                           Woran erkenne ich eine Wässerwiese?                                               Obergraben
                                           Wiese mit Grabensystemen (s. Abb. r.)   Hauptwehr
                                                                                                                  Bewässerung

                                                                                                                    Entwässerung

                                                                                                                                Bachlauf

                                                                                    Wo finde ich Wässerwiesen?                Wie funktioniert das?
                                                                                    Wässerwiesen gab es an zahlreichen        Im Frühjahr und Herbst wird mit einem
                                                                                    Stellen im Bergischen, sie sind heute     Hauptwehr Wasser aus dem Bach in
                                                                                    aber kaum noch zu erkennen. Ein           einen oberhalb der Wiesen gelegenen
                                                                                    Vorzeigeprojekt wurde im Strombachtal     Obergraben abgezweigt. Dieser Ober-
                                                                                    nahe Gummersbach angelegt (zwischen       graben staut mithilfe von kleinen Wehren
                                                                                    Liefenroth und Hanfgarten).               das Wasser und lenkt es in einen Haupt-
                                                                                                                              bewässerungsgraben. Von dort wird es
                                                                                    Wozu wurden Wässerwiesen angelegt?        erneut über kleinere Wehre in die erhöhten
                                                                                    Das Bachwasser schwemmt gelöste           kleinen Bewässerungsgräben geleitet
                                                                                    Nährstoffe auf die Wiesen. So konnte      und rieselt gleichmäßig verteilt in die
                                                                                    auch in Zeiten vor der Erfindung des      Wiese. Die tiefer gelegenen muldenförmig
                                                                                    Kunstdüngers der Heu-Ertrag auf den       ausgebildeten Entwässerungsgräben
                                                                                    Flächen gesteigert werden. Im Frühjahr    leiten das überschüssige Wasser in den
                                                                                    beschleunigt die Bewässerung die          Bach zurück.
                                                                                    Schneeschmelze und die Pflanzen
                                                                                    beginnen früher zu wachsen.               Ökologische Bedeutung
                                                                                                                              Wechselfeuchte Wiesen sind ein idealer
                                                                                                                              Lebensraum für Pflanzenarten wie
                                                                                                                              Kriechender Günsel, Kuckucks-Lichtnelke
                                                                                                              Erdkröte        und Schlangen-Knöterich sowie für
                                                                                                                              Tiere wie Erdkröten, Blutzikaden und
                                                                                                                              Hauhechel-Bläulinge.

28                                                                                                                                                                    29
Einzelbäume                                                                               Grenzbäume
Frei stehende, markante Bäume in der         Wo finde ich Einzelbäume?                    Grenzbäume markierten in vergangenen
Landschaft oder in Dörfern, häufig alt       Auf Wiesen und Weiden, an Wegrändern         Zeiten Eigentumsgrenzen. Einige Bäume
und mit ausladender Krone                    und Kreuzungen, an Weggabelungen und         wurden regelmäßig in Kopfhöhe gestutzt,
                                             Wegekreuzen sowie in Dörfern.                dadurch waren sie auch in  Nieder-
                                                                                          wäldern (S. 36) deutlich als Grenzbaum
                                             Wozu dienten Einzelbäume?                    zu erkennen. Später übernahmen Grenz-
                                             Zur damaligen Zeit dienten einzelne          steine die Funktion. Um diese jedoch
                                               Bäume als Markierungen von Grund-          wiederzufinden, wurden sie mit soge-
                                                   stücken ( Grenzbäume, S. 31)          nannten „Grenzfichten“ markiert, da
                                                     oder die Obrigkeit hielt unter ei-   Fichten vor den 1930er Jahren bei uns
                                                       nem Baum Gericht (Gerichts-        noch sehr selten waren. In unseren
                                                         baum). Ältere Generationen       heutigen ausgedehnten Fichtenwäldern
                                                           können noch von Kaffee-        wäre es dagegen schwierig, Grenzsteine
                                                           trinker-Linden oder Tanz-      unter den vielen Fichten ausfindig zu
                                                           linden in den Dörfern          machen.
                                                            erzählen. Die weit aus-
                                                            ladenden Äste trugen
                                                           Podeste, unter denen die
                                                          Bewohner bei Festen tanzten.
                                                        Bäume auf den Weiden
                                                       spendeten Mensch und Vieh
                                                      kühlenden Schatten.

                                                 Ökologische Bedeutung
                                                 Alte Einzelbäume sind heute oft
                                                 Naturdenkmale, sie bereichern das
                                                Landschaftsbild und sind wertvolle
                                              Lebensräume für zahlreiche Tierarten.

                                             schen Glaubens war: zur damaligen Zeit
                                             ein Skandal! Deshalb machten sie als
                                             heimlichen Treffpunkt die Eiche oberhalb
Der Zauberbaum                               des Katharinenberges aus, die zwischen                                                 Namen „Zauberbaum“ trug. (leicht
Zwischen Wildberg und Nosbach                Wildberg und Nosbach lag. Damals                                                       verändert, Quelle: www.KuLaDig.LVR.de)
(Gemeinde Reichshof)                         gab es weder Telefon noch Handy zum          Leider kamen diese Botschaften meist      Um die uralte Tradition fortzuführen,
Vor langer Zeit verliebten sich eine junge   Verabreden, daher erschienen die beiden      gar nicht an: spielende Kinder fanden     liegen noch heute hin und wieder kleine
Frau aus Wildberg und ein junger Mann        dort nicht immer zur gleichen Zeit. Blieb    die Liebesbeweise und dachten, dass       Geschenke in der Astgabel der mächtigen
aus Nosbach. Die Liebenden durften           einer der Liebenden aus, so legte der        die alte Eiche ihnen schöne Geschenke     Eiche am Katharinenberg. Versuche doch
sich jedoch nicht öffentlich treffen, weil   andere eine Botschaft oder ein kleines       bereitgelegt habe. Täglich suchten sie    dein Glück, vielleicht hat der Zauberbaum
sie katholischen und er protestanti-         Geschenk in eine Astgabel der Eiche.         seitdem die Eiche ab, welche bald den     auch ein Geschenk für dich!

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Mühle mit
                                                                                                                                                                          Stauteich
Ober- und Untergräben                                                                              Schütz
Teile einer ehemaligen wasserbaulichen Anlage von Mühlen                                                             Obergraben
zur Nutzung der Wasserkraft eines Fließgewässers
                                                                                           Wehr

Woran erkenne ich einen Ober- oder           Kulturelle Bedeutung der Mühlenanlagen
Untergraben?                                 Die ersten Siedlungsformen in den Tälern
Obergraben: vom Bach oder Fluss abge-        des Bergischen waren Wassermühlen.
zweigter Graben mit Stauwehr und Schütz      Anfangs nur zum Mahlen von Getreide
(bewegliche Sperre zur Regelung der          genutzt, entwickelten sie eine wachsende
Wasserzufuhr – siehe Abb. rechts)            Vielfalt. Im Laufe der Zeit kamen Loh-
Untergraben: unterhalb einer Mühlenan-       und Pulvermühlen, Hämmer, Papier- und        Wie funktioniert die Mühlenanlage?             Ökologische Bedeutung
lage wieder zum Fließgewässer führender      Walkmühlen dazu. Um 1800 schließlich         Aus dem Fluss wurde mit Hilfe eines            Für den Aufstau des Baches zur Ausleitung
Graben                                       gab es zwischen Wupper und Sieg mehr         Wehrs das Wasser in den Obergraben             des Wassers in den Obergraben musste
                                             als tausend Mühlen. Ihre Anlagen haben       abgeleitet. Von dort floss es meist zuerst     ein Absperrbauwerk errichtet werden.
Wo finde ich Ober- und Untergräben?          das Bild und die Geschichte des Bergischen   in einen Stauteich, der vor der Mühle          Dadurch veränderten sich die Lebens-
Hier und da in den Tälern im Bergischen;     nachhaltig geprägt. Bis heute haben nur      angelegt wurde. Dadurch konnten tages-         bedingungen im Bach. Viele Fische und
z. B. gut erhaltener Obergraben von 1,4 km   wenige Mühlen überdauert, aber die           zeitliche Schwankungen des Wasserbe-           andere Tiere können diese Barriere nicht
Länge an der Wipper verlaufend bei           Ober- und Untergräben sind vielerorts        darfs ausgeglichen werden. Mittels eines       überwinden. Heute wird versucht, die
Wipperfürth-Egerpohl (an alter Bahntrasse)   noch deutlich zu erkennen.                   Schützes wurde die Wasserzufuhr auf            Bäche an diesen Stellen wieder durch-
oder in Burscheid bei der Lambertsmühle                                                   das meist oberschlächtige Wasserrad            gängig zu machen. Verfallene und nicht
im Wiembachtal (siehe auch                                                                geregelt. Unterhalb der Mühle führte der       mehr genutzte Wehre werden beseitigt,
www.KuLaDig.LVR.de).                                                                      Untergraben das Wasser in den Bach             um Forellen und Lachsen sowie anderen
                                                                                          zurück.                                        Gewässerbewohnern den Weg zu ihren
                                                                                                                                         Laichgründen freizugeben.

                                                                                          Baue dir ein Mühlrad!
                                                                                          1 Korken (am besten aus Naturkork),
                                                                                          2 Holzspieße, 1 sauberer Milchkarton,
                                                                                          1 Schere, 1 kleines Messer                                           Bauan-
                                                                                          Lasse dir von einem Erwachsenen in den
                                                                                                                                                               leitung
                                                                                          Korken vier ca. 2 cm lange Kerben in
                                                                                          Längsrichtung mit einer Tiefe von ca. 0,5
                                                                                          cm einritzen.
                                                                                          Nun stecke die Holzspieße links und
                                                                                          rechts mittig in die Korkenenden.
                                                                                          Danach schneide mit einer Schere vier
                                                                                          2 x 6 cm große Streifen aus einem
                                                                                          Milchkarton. Diese steckst du in die
                                                                                          Kerben des Korkens. Fertig ist dein Mühlrad!
                                                                                          Lege die Enden der Holzspieße zwischen
                                                                                          Daumen und Zeigefinger in deine Hände,
                                                                                          schon bei geringer Fließgeschwindigkeit
                                                                                          fängt das Rad sich an zu drehen!
32                                                                                                                                                                              33
Heiden und Wacholderheiden                                                                 nährstoffarmen Verhältnisse angepasste         Achtung – gefährdet!
Waldfreie Flächen, die mit Heidekraut bewachsen sind                                       Arten, wie die Besen-Heide, breiteten          Viele Heideflächen wurden beginnend im
und außer dem Vorkommen von Wacholder vereinzelt                                           sich auf den Flächen aus. Bei gleichzeitiger   19. Jahrhundert systematisch aufgeforstet,
weitere Baumarten wie Eiche, Birke und Buche oder                                          Beweidung hatten Laubbäume keine               erst mit Kiefer, dann mit Fichte, da diese
Sträucher wie Ilex oder Ginster aufweisen                     Wacholder                    Chance mehr und der lichtliebende              auch auf verarmten Böden wachsen
                                                                                           Wacholder konnte sich als Weideunkraut         können. Die verbliebenen Heiden drohen
                                                                                           gut entwickeln – seine nadelspitzen            heute durch Aufgabe der Nutzung zu
                                                                                           Blätter schützen ihn vor Verbiss.              überaltern und zu verbuschen. Kommen
                                                                                                                                          die ersten Gehölze auf, wird der lichtbe-
                                                                                                                                          dürftige Wacholder verdrängt. Der beste
                                                                                                                                          Schutz der Heiden ist die Offenhaltung
                                                                                                                                          der Fläche durch Beweidung mit Schafen
                                                                                                              ster
                                                                                             Englischer Gin                               und Ziegen.

                                                                                                                                          Ökologische Bedeutung
                                     Moorschnucken
                                                                                                                                          Heiden sind Lebensraum für viele licht-
                                                                                                                                          liebende Pflanzen- und Tierarten, die auf
                                                                                                                                          nährstoffreichen Böden nicht konkurrenz-
                                                                                                                                          fähig sind. Dazu gehören z. B. Ginsterarten,
                                                                                                                                          Becherflechten sowie eine Reihe von
                                                                                                                                          Käfern, Heuschrecken und Reptilien.

                                                                                                           fkäfer
                                                                                            Feld-Sandlau

                                                              Besenheide

                                                                                                                                                                  Wacholderbeeren
Wo finde ich (Wacholder-) Heiden?            Holznutzung ( Niederwälder, S. 36)                                                          Der Wacholder
                                                                                       Schlingnatter
Selten geworden, Vorkommen in Reichs-        und Beweidung mit Schafen und Ziegen                                                         Das im Bergischen heimische Nadel-
hof und Morsbach (Wacholderweg bei           entstanden waldfreie Flächen. Hinzu kam                                                      gehölz war bei unseren Vorfahren sehr
Branscheid, NSG Wacholderbestände bei        die sogenannte Plaggennutzung (Abplag-                                                       beliebt. Wacholderzweige schützten
Wildberg, Heiderhardt in Morsbach) oder      gen). Dazu wurde der krautige Aufwuchs                                                       Haus und Stall vor bösen Geistern. Über
in der Wahner Heide bei Rösrath.             mitsamt des Oberbodens abgestochen                                                           Wacholderholz geräucherter Schinken ist
                                             und als Stalleinstreu genutzt, um diese                                                      auch heute noch eine Delikatesse und
Wie sind (Wacholder-) Heiden entstanden?     anschließend als Dünger auf die Äcker                                                        die Beeren finden nicht nur als Gewürz
Heiden bildeten sich im Bergischen Land in   zu bringen. Dadurch verarmte der Boden                                                       Verwendung, sondern vor allem als
Zeiten großer Holznot. Durch intensive       und nur wenige, an diese kargen,                                                             verdauungsfördernder Wacholderschnaps.

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Baumpieper
Niederwälder (Haubüsche)
Historische Waldnutzungsform, bei der sämtliche Bäume eines Waldstückes            genossenschaftlich bewirtschaftet. Nieder-
in Abständen von 15-30 Jahren „auf den Stock gesetzt“, d. h. gefällt werden.       wälder, die seit längerem nicht mehr
Aus den Stümpfen treiben anschließend neue Stämme aus, die zuerst Büsche           „auf den Stock gesetzt“ wurden und sich
und mit der Zeit wieder einen Wald bilden.                                         langsam zu älterem „Hochwald“ entwickeln,
                                                                                   sind überall verteilt und heute noch am
Woran erkenne ich einen Niederwald?       Wo finde ich Niederwälder?               krummen Wuchs der Stämme zu erkennen.
Wald mit mehrstämmigen Laubbäumen         Regelmäßig genutzte Niederwälder gibt
von niedriger Höhe.                       es im Bergischen Land aktuell nur noch   Wie sind Niederwälder entstanden?
                                          im Nutscheid bei Waldbröl. Sie werden    Eichen, Hainbuchen und Birken besitzen
                                          von sogenannten „Waldnachbarschaften“    die Fähigkeit, neue Triebe aus dem Rand      Alle Produkte des Niederwaldes fanden
                                                                                   ihrer Wurzelstöcke wachsen zu lassen –       Verwendung: Das Holz wurde als Brenn-
                                                                                   auch „Stockausschlag“ genannt. Diese         holz genutzt, Köhler verkohlten Holz zu
                                                                                   Eigenschaft nutzte der Mensch in Zeiten      Kohle. Sogenannte „Lohschäler“ ernteten
                                                                                   großer Holzknappheit, um innerhalb           die Rinde junger Eichen wegen ihres
                                                                                   weniger Jahre lebenswichtiges Brennholz      hohen Gerbstoffgehaltes und verkauften
                                                                                   zu erwirtschaften.                           sie an Gerbereien (z. B. in Waldbröl). Das
                                                                                                                                Laub sammelten die Bauern als Streu
                                                                                                                                für ihre Viehställe. Dadurch verarmte der
                                                                                                                                Boden und in den Niederwäldern wuchs
                                                                                                                                in der Krautschicht fast nur noch Besen-
                                                                                                                                heide oder Heidelbeere. Heute spielen
                                                                                                                                Niederwälder wirtschaftlich keine Rolle
                                                                                                                                mehr, sind jedoch sehr wertvoll für den
                                                                                                                                Naturschutz.

                                                                                                                              Ökologische Bedeutung
                                                                                                                              Die vielfältigen Strukturen der Niederwälder
                                                                                                                              bieten abwechslungsreiche Lebensräume
                                                                                                        Zum Abschälen         für viele gefährdete Tierarten, darunter
                                                                                                         der jungen           Haselhuhn, Baumpieper, zahlreiche
                                                                                                        Eichenrinde           Schmetterlingsarten, Heuschrecken und
                                                                                                                            “
                                                                                                        wurde der „Lohlöffel andere Insekten.
                                                                                                          verwendet

                                                                                                                                                Die Gefleckte Keulenschrecke
                                                        Blaubeere                                                                               kommt im Heidestadium
                                                                                                                                                des Niederwaldes vor,
                                                                                                                                                wenn die Stämme frisch
                             Stockausschlag                                                                                                      abgeerntet sind

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Wirtschaftswälder (Hochwälder)                                                                                                              Rotmilan
Wald, in dem die Bäume aus Samen entstanden sind.
Durch die Forstwirtschaft werden die Wuchsformen der Bäume für die
Erzeugung von qualitativ hochwertigen Laub- und Nadelhölzern optimiert.

Wo finde ich Wirtschaftswälder ?            Zur Geschichte und heutigen Bedeutung          Bewirtschaftung mit dem Ziel der nach-      Ökologische Bedeutung
Nahezu alle Wälder im Bergischen Land       von Wirtschaftswäldern                         haltigen Nutzung durchsetzte. Mit dem       Hochwälder natürlicher Waldgesellschaften
werden heute forstwirtschaftlich genutzt.   Vom Menschen nicht beeinflusste Wälder         Siegeszug der fossilen Brennstoffe ver-     (z. B. Hainsimsen-Buchenwälder) beher-
Die meisten gehören Privatleuten und        gibt es in Mitteleuropa schon lange nicht      änderte sich der Holzbedarf der Menschen:   bergen ein riesiges Netz aus Lebens-
sind in kleine Grundstücksparzellen         mehr. Seit der Besiedelung des Bergischen      Anstelle von Brennholz wurde vermehrt       gemeinschaften von Pflanzen, Tieren
aufgeteilt – eine Folge des im Bergischen   Landes (ab ca. 800 n. Chr.) hat der Mensch     hochwertiges Bauholz nachgefragt. In der    und Pilzen. Sie sind – wie auch standort-
vorherrschenden Real-Erbteilungsrechts.     den Wald wirtschaftlich genutzt; als Brenn-    Folge wurden die traditionellen Nieder-     gerechte Mischwälder – wichtig für den
                                            holz, zum Haus- und Möbelbau, zur              wälder in Hochwälder umgewandelt. Die       Schutz von Wasser, Boden und Klima
                                            Herstellung von Holzkohle für die Eisen-       Fichte hielt als „Brotbaum“ Einzug im       und somit ein unverzichtbarer Bestandteil
                                            erzschmelze, als Viehweide und für viele       Bergischen und die Technik der Wald-        der Kulturlandschaft.
                                            andere Zwecke.                                 bewirtschaftung entwickelte sich rasant.
                                            Wirtschaftswälder, wie wir sie heute kennen,   Heute ist die Forst- und Holzwirtschaft
                                            entwickelten sich im 19. Jahrhundert, als      ein bedeutender Wirtschaftszweig mit
       Eichhörnchen                         sich in der Forstwirtschaft eine planmäßige    180.000 Beschäftigten allein in
                                                                                           Nordrhein-Westfalen.                                                   Buntspecht

                                                       Forstwirt

            Fliegenpilz
                                                                                                                           Langholz-Transporter

                                                                                                Wildschwein
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Turmfalke
   Steinbrüche                                      Kalkgestein: entstand aus ehemaligen          durch Erschöpfung des Materials schlossen
   Oberirdische Abbauflächen zur Gewinnung          Korallenriffen und kommt nur an               im vorigen Jahrhundert immer mehr
   von festem Gestein, im Bergischen Land           manchen Stellen im Bergischen an              Steinbrüche und heute sind nur noch
   Grauwacke-Sandstein                              die Oberfläche, wird heutzutage nicht         wenige in Betrieb.
                                                    mehr genutzt.
                                                                                                  Ökologische Bedeutung
   Woran erkenne ich einen alten Steinbruch?        Wie hat sich die Steinbruchindustrie          Offen gelassene, alte Steinbrüche sind
   Mehr oder weniger tiefe Gruben, häufig           entwickelt?                                   von großer Bedeutung für den Artenschutz,
   mit kleinen stehenden Gewässern auf              In oberflächennahen Steinkuhlen wurden        da sich eine Vielfalt von Lebensräumen
                                                                                                                                                                    falke
   den Abbausohlen, Blockschutt an den              seit dem Mittelalter für den Eigenbedarf      auf kleinstem Raum ergibt. Hier finden      Der Uhu und der Turm
                                                                                                                                                                  Ab bruchwänden
   Hängen und steilen Abbruchwänden.                der Bevölkerung zum Bau von Kirchen,          zahlreiche Pflanzen- und Tierarten einen    nisten gerne in den
                                                    Wohngebäuden und Trockenmauern               Rückzugsort. Verfüllungen                   von Steinbrüchen
   Wo finde ich Steinbrüche?                        (S. 10) sowie zum Kalkbrennen Steine          oder Zuwachsen der Stein-
   Alte Steinbrüche verschiedener Größe findet      ausgegraben. Da die Transportmöglich-         brüche bedeuten das
   man im gesamten Bergischen verteilt,             keiten unzulänglich waren, spielte der        Verschwinden dieses
   nicht alle sind mehr zugänglich (verfüllt oder   kommerzielle Abbau keine große Rolle.         Artenreichtums.
   zugewachsen). Die alte Dolomitgrube Cox          Im Zuge der Industrialisierung und dem
   bei Bensberg kann auf ausgewiesenen              Ausbau der Eisenbahn kam die Blütezeit
   Wegen besichtigt werden. Aktive                  der Gewinnung von Grauwacke zur Pflaster-
   Grauwacke-Steinbrüche gibt es z. B. in           steinherstellung. Für die Menschen im       Uhu
   Lindlar, Gummersbach und Bergneustadt.           Bergischen bot die Arbeit im Steinbruch
   Dort werden auch Führungen angeboten.            eine gute Einkommensquelle. Durch zuneh-
                                                    mende Konkurrenz aus dem Ausland oder
   Welche Gesteine spielen bei uns eine
                                                                          einbrüchen:
   Rolle?                                       Hauptberufe in den St
                                                                             sen von
   Grauwacke: hartes Sedimentgestein aus        Räumer befreiten die Fel
   dem Erdzeitalter Devon, ca. 350 Mio.         Erdschichten , St  öß er
   Jahre alt.                                   sprengten und spalteten
                                                                           öcke,
                                                das Gestein in große Bl
              Seelilien-Stängel sind                          eit ete n die
                                                Kipper verarb
              typische Fossilien des                                        en
                                                Blöcke zu Pflasterstein
              Bergischen Landes

Im Henkelmann
transportierten die
Steinbrucharbeiter
                                                                                                                                                    Habichtskraut
 ihr Essen

   40                                                                                                                                                                              41
Bergbaustollen                                                                           Pingen
Unterirdisch führende Gänge zum Fördern von Erzen                                        Runde kraterförmige Kuhlen von bis
                                                                                         zu zwei Metern Durchmesser können
                                                                                         Spuren von oberflächlichem Erzabbau
Wo finde ich Bergbaustollen?                 Heute finden wir in der Landschaft zwar     sein. Das Wort „Pinge“ bedeutet so viel
Spuren des Bergbaus sind im gesamten         noch Spuren des einst bedeutenden           wie „Aufschurf“. Es wurden brunnenartige
Bergischen zu entdecken. Gelände-            Industriezweigs, die meisten Stollen sind   Löcher gegraben, bis das Grundwasser
führungen im „Bensberger Erzrevier“          jedoch verfüllt worden oder mittlerweile    die Gruben verfüllte. Dann wurde in
(erstreckt sich zwischen Bergisch            verfallen. Achtung: Gefahr beim Betreten!   einigem Abstand mit einer neuen Pinge
Gladbach, Engelskirchen und Much) werden                                                 begonnen. Im gesamten Bergischen
vom Bergischen Museum für Bergbau,           Ökologische Bedeutung                       wurden auf diese Weise Erze im Tagebau
Handwerk und Gewerbe angeboten.              Stollen sind bedeutende Überwinterungs-     geschürft.
Die Grube Silberhardt bei Windeck ist von    quartiere gefährdeter Fledermausarten.
März bis Oktober für Besucher geöffnet.      Zum Schutz der Fledermäuse werden
                                             die Stolleneingänge mit Gittern versehen
Welche aus Erzen gewonnenen Metalle          oder anderweitig verschlossen. Für die                                                     Pinge
spielen im Bergischen eine Rolle?            Tiere kann es lebensbedrohlich sein,            Zackeneule
Eisen, Blei, Silber, Zink und Kupfer         wenn sie aus ihrem Winterschlaf geweckt
                                             werden! Auch andere Arten wie Feuer-
Wie hat sich der Bergbau im Bergischen       salamander oder Zackeneule überwintern
entwickelt?                                  in den Stollen.
Bergbau gab es im Bergischen schon vor
über 2.000 Jahren. Im Mittelalter gelangte                                                                                          Wasserflederm
                                                                                                                                                 aus
der Abbau von Erzgestein zu seiner ersten
wirtschaftlichen Blüte. Damals wurden zur
Verhüttung und Weiterverarbeitung der
Erze hohe Energiemengen (Holzkohle)
benötigt und dadurch extremer Raubbau an
den Wäldern verübt ( Niederwald, S. 36).
Zu Beginn wurde das Erz an der Oberfläche
geschürft ( Pingen, S. 43), später wurden
Stollen und Schächte gegraben.
Im 18. Jahrhundert begann die zweite
Blütezeit des Erzbergbaus, dafür sorgten
die Errungenschaften der Technik und
verbesserte Transportmöglichkeiten.
Die Abbautiefe der Schächte und Stollen
erreichte zum Teil über 200 Meter.
Anfang der 1920er Jahre kam der Berg-
bau durch Erschöpfung der Erzlager und
Konkurrenz aus dem nahegelegenen
Ruhrgebiet zum Erliegen. In der Grube
Lüderich (Overath) wurde noch bis 1978
abgebaut.

42                                                                                                                                                     43
Alleen
Gleichaltrig gepflanzte Baumreihen beiderseits                  Der Erdhummel kommen
entlang von Weg- oder Straßenrändern                            zahlreiche Lindenblüten als
                                                                Nektarquelle sehr gelegen

                                                                        zu
                                                 Nachts werden Alleen
                                                                   ebi ete n
                                                 bevorzugten Jagdg
                                                 von Fledermäusen
                                                                                                   Lindenblüten

                                                     Wo finde ich Alleen?                        Ökologische Bedeutung
                                                     Alte Alleen sind im Bergischen Land         Abgesehen von ihrer Bedeutung als
                                                     selten. Durch Hückeswagen und Bergisch      Schadstofffilter stellen Alleen wichtige
                                                     Gladbach führt z. B. die Deutsche Alleen-   Verbindungen zwischen Siedlungen und
                                                     straße, die von der Insel Rügen bis zum     der Landschaft her. Diese „Brücken“
                                                     Bodensee reicht. Viele Alleen sind          dienen, genauso wie  Hecken (S. 14)
                                                     ansonsten nur noch fragmentiert vorhan-     auch der Vernetzung für viele Tiere und
                                                     den, in Form einzelner Baumreihen oder      Pflanzen.
                                                     übriggebliebener Einzelbäume. Jüngere
                                                     Alleen wurden im Rahmen von Förder-
                                                     programmen gesetzt, z. B. an der K1                Alte Hainbuchen-Allee
                                                     zwischen Dörpmühle und Hückeswagen
                                                     (135 Berg-Ahorne auf 2,5 km).

                                                     Wozu wurden Alleen gepflanzt?
                                                     Baumreihen an Straßen und Wegen gibt
                                                     es seit der Antike. Im Barock wurden sie
                                                     vor allem zur ästhetischen Gestaltung der
                                                     herrschaftlichen Anwesen genutzt.
                                                     In der freien Landschaft dienten Alleen
                                                     zur Orientierung und als Schattenspender
                                                     für Mensch und Vieh. Später wurde es
                                                     üblich, zur besseren Nahrungsversorgung
                                                     auch Obstgehölze an die Wegränder zu
                                                     pflanzen. In Dörfern und Städten zierten
                                                     Baumreihen zentrale Straßen und verliehen
                                                     ihnen einen ganz besonderen Charme.

                                                     Welche Baumarten sind typisch für
                                                     Alleen im Bergischen?
                                                     Stiel-Eiche, Winter-Linde, Rosskastanie,
                                                     Berg-Ahorn und Birke.

44                                                                                                                                      45
Bergische Bräuche
Landschaften und die dort wohnenden
und arbeitenden Menschen befinden
sich in einem ständigen Wandel. Nichts
scheint in der heutigen Zeit beständig.
Alles und Jedermann ist in Eile, bewegt
sich fort und verändert sich.

Aber auch der moderne Mensch braucht
Ruhephasen. Wir empfinden ein Wohl-
gefühl, wenn vertraute Erinnerungen
wach werden, feste Abläufe dem Alltag
eine Struktur geben, Sehnsüchte nach
beständig auftretenden Ereignissen
befriedigt werden.                        Maibaumsetzen
                                          In Süddeutschland machen es ganze
                                          Dörfer, im Bergischen dagegen eher
                                          einzelne verliebte junge Männer: einen
                                          Maibaum setzen. In der letzten Aprilnacht                               Ernetedankumzug des Bröltaler Erntevereins e.V.
                                          ziehen sie in die Wälder, um dort eine        Erntedankfeste                                 zu nutzen. Heute ist das Erntedankfest
                                          Birke zu schlagen. Diese wird anschlie-       Eigentlich ist Erntedank am ersten             aus dem Lichtenberger Gemeindeleben
                                          ßend mit farbigen Bändern, Krepp- und         Sonntag im Oktober – aber schon ab             nicht mehr wegzudenken – so wie in
                                          Seidenpapier geschmückt und dann              Mitte September feiern die Menschen im         vielen anderen Orten im Bergischen Land
                                          mehr oder weniger heimlich vor dem            Bergischen Land diesen Brauch, wie z. B.       ebenfalls nicht.
                                          Haus der Angebeteten aufgestellt. Damit       in Drabenderhöhe, Morsbach, Overath,
                                          die junge Dame auch weiß, dass sie            Windeck, Witzhelden und vielen anderen
                                          gemeint ist, gehört zu einem richtigen Mai-   Orten mehr. Überall da, wo das Ernten und
                                          baum auch ein Maiherz aus Pappe oder          die Landwirtschaft eine große Rolle spielten
                                          Holz, rot bemalt und versehen mit dem         oder noch spielen, rückt im Herbst die
                                          Namen derjenigen, für die der Maibaum         Dankbarkeit der Menschen für ein gutes
                                          bestimmt ist. In manchen Orten ist es         Erntejahr in den Mittelpunkt. So wie in
                                          üblich, dass der Maibaum-Aufsteller die       Morsbach-Lichtenberg, das alljährlich
                                          Birke nach einem Monat wieder abholt          einen großen Ernteumzug mit vielen Fest-
                                          und dafür von der Familie der Angebeteten     wagen und Fußgruppen erlebt. Ins Leben
                                          mit einem Kasten Bier belohnt wird – und      gerufen wurde dieser Brauch 1932 von
                                          manchmal auch mit einem Kuss der jun-         der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr,
                                          gen Dame. In anderen Ortschaften gibt         die mit dem erstmals durchgeführten
                                          es alle vier Jahre einen Rollentausch: In     Erntedankfest die Schulden tilgen wollte,
                        Maibaum
                                          den Schaltjahren sind es hier die unver-      die beim Ankauf der Ausrüstung für
Weitere Brauchtümer werden in der         heirateten Mädchen, die den jungen            Floriansjünger entstanden waren. Sogar
Broschüre „Bergische Bräuche“ vom         Männern einen Baum vor das Fenster            der Pfarrer war einverstanden, das kirch-
Naturpark Bergisches Land beschrieben.    stellen.                                      lich orientierte Fest zu diesem Zweck

46                                                                                                                                                                          47
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