Moderne Migränetherapien - Ärzteblatt Sachsen 9/2020

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Moderne Migränetherapien - Ärzteblatt Sachsen 9/2020
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 Moderne Migränetherapien
     L. Hämmerl1, T. Kraya1

     Einleitung
 Die Migräne (von altgriechisch ‚aμικρανiα
 hēmikranía‘, deutsch ‚halber Schädel‘)
 bildet neben dem Kopfschmerz vom
 Spannungstyp die größte Gruppe der
 idiopathischen      Kopfschmerzerkran-
 kungen. Sie ist geprägt durch attacken-

                                                                                                                                               © shutterstock/Martina Badini
 artig auftretende, meist einseitige
 mäßige bis starke Kopfschmerzen von
 pulsierender Schmerzqualität, die für
 die Patienten in der Regel eine deutli-
 che Einschränkung der Alltagsaktivität
 bedeuten. Begleitend kommt es in ab­­       Vor Beginn der Kopfschmerzen treten häufig Auraphänomene, zum Beispiel visuelle Phänomene, auf.
 steigender Häufigkeit zu Inappetenz,
 Nausea, Erbrechen und Photo- bezie-         es über den Zeitraum von mehr als drei             gänzung von DGN und DMKG zur Mi­­
 hungsweise Phonophobie. Zudem be­­          Monaten zu mehr als 15 Kopfschmerz-                gräneprophylaxe mit monoklonalen
 steht häufig eine Zunahme der               tagen pro Monat mit mindestens acht                Antikörpern [6]. Der vorliegende Artikel
 Schmerzen bei körperlicher Aktivität.       Attacken mit migränetypischen Cha-                 soll einen Überblick über die praxisrele-
 Unbehandelt dauert eine einzelne Mi­­       rakteristika, sind die Kriterien für eine          vantesten Empfehlungen aus diesen
 gräneattacke in der Regel zwischen vier     chronische Migräne erfüllt [1–3].                  beiden Veröffentlichungen und einen
 und 72 Stunden an. Man unterscheidet        Der Blick auf die Auftretenshäufigkeit             Ausblick zu neuen Therapien der Mi­­
 Migräne mit Aura (10 bis 15 Prozent)        macht rasch die Relevanz der Erkran-               gräne geben.
 und ohne Aura (85 bis 90 Prozent).          kung klar: Die Punktprävalenz bei
 Auraphänomene treten in der Regel vor       Frauen liegt zwischen zwölf bis 24 Pro-            Akuttherapie der Migräne
 Beginn der Kopfschmerzen auf und            zent und bei Männern zwischen sechs                Analgetika
 äußern sich in reversiblen fokal-neuro-     bis acht Prozent [1, 4, 5]. Am häufigsten          Als Akutmedikamente zur Behandlung
 logischen Defiziten, welche pathophy-       manifestiert sich die Migräne zwischen             von Migräneattacken kommen einer-
 siologisch auf veränderte kortikale         dem 20. und 30. Lebensjahr [2, 4]. Eine            seits orale Analgetika wie Acetylsalicyl-
 neuronale Aktivitäten im Rahmen der         besondere Herausforderung stellt die               säure (ASS 1.000 mg) oder nicht-steroi-
 Kopfschmerzattacke zurückgeführt wer­       Diagnosestellung bei Kindern dar, da               dale Antirheumatika (NSAR) wie Dic­
 den (Cortical Spreading Depression)         Begleitsymptome wie Übelkeit oder                  lofenac (50 mg/100 mg), Ibuprofen (400/
 [1 – 3]. Typische Aurasymptome sind         Schwindel häufig dominieren und die                600 mg) oder Naproxen (500/ 1.000 mg)
 visuelle Phänomene (zum Beispiel            Kopfschmerzen – anders als bei Erwach-             zum Einsatz. Im Falle von vorliegenden
 Augenflimmern oder langsam über das         senen – in der Regel bilateral auftreten.          Kontraindikationen gegen NSAR (bei-
 Gesichtsfeld wandernde gezackte Sko-                                                           spielsweise mittelgradige Niereninsuf-
 tome), darüber hinaus finden sich aber      Leitlinie                                          fizienz oder aktive gastrointestinale
 auch Sensibilitätsstörungen, Sprach-        Im April 2018 wurde die S1-Leitlinie zur           Ulzera) sollte auf Paracetamol (1.000
 störungen oder – sehr selten – passa-       Therapie und Prophylaxe der Migräne                mg) oder Metamizol (1.000 mg) zurück-
 gere Paresen [2, 4]. Man spricht von        von der Deutschen Gesellschaft für                 gegriffen werden [5].
 einer episodischen Migräne, wenn min-       Neurologie (DGN) und der Deutschen
 destens fünf Attacken mit typischer         Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft               Triptane
 Symptomatik aufgetreten sind. Kommt         (DMKG) unter der Federführung von                  Bei Patienten, die unter (mittel-)schwe-
                                             Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener               ren Migräneattacken leiden und nur
 1
       Klinik für Neurologie,                herausgegeben [5]. Ein Jahr später                 unzureichend auf die genannten Anal­
       Klinikum St. Georg Leipzig gGmbH      erschien eine gemeinsame Leitliniener-             getika ansprechen, stellen 5-HT1B/1D-

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Moderne Migränetherapien - Ärzteblatt Sachsen 9/2020
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       Kopfschmerzerkrankungen ist ein          100 mg Prednison oder 4 bis 8 mg
       nicht zu unterschätzendes Problem,       Dexamethason [5].

                                                                                                                                            © Shutterstock/Blue Planet Studio
        weshalb Migränepatienten aus-
        führlich darüber aufgeklärt werden      Akuttherapie in Schwangerschaft
       sollten. Per definitionem liegt ein      und Stillzeit
       Medikamentenübergebrauchskopf-           Obwohl ein beträchtlicher Anteil der
       schmerz ab 15 Analgetika-Einnah-         Migränepatientinnen im gebärfähigen
       metagen pro Monat und migräne-           Alter eine substanzielle Besserung
        ähnlicher Symptomatik über den          ihrer Beschwerden im Rahmen einer           Eine ausführliche Patientenedukation gilt als
       Zeitraum von mindestens drei             Schwangerschaft erfahren, ist die           wichtiger Baustein für die Prophylaxe von
                                                                                            Migräneattacken.
       Monaten vor. Die Schwelle für            Anwendung von Medikamenten in
       Triptane, Opioide oder Kombinati-        (mittel-)schweren Attacken unumgäng­        untersucht. Ubrogepant (MK-1602)
        onsanalgetika wird bereits bei zehn     lich, um negative Folgen für Fetus und      wurde in mehreren kontrollierten Stu-
       Einnahmetagen angesetzt. An              werdende Mutter zu vermeiden. Laut          dien mit verschiedenen Dosierungen
        dieser Stelle sei erwähnt, dass         internationalen Leitlinien gilt Paraceta-   (25, 50, 100 mg) untersucht und konnte
        Opioide generell nicht für die Migrä-   mol als etabliertes und sicheres Mittel     eine signifikant bessere Wirksamkeit
       ­netherapie empfohlen werden [5].        über den gesamten Verlauf der Schwan­       als Placebo zeigen (Schmerzfreiheit
                                                gerschaft sowie auch in der Stillzeit. In   nach zwei Stunden in der ACHIEVE
     Darüber hinaus stellt die Dokumenta-       der aktuellen deutschen Leitlinie emp-      I-Studie für Ubrogepant 50 und 100 mg:
     tion der Kopfschmerzen durch die Pati-     fehlen die Autoren Acetylsalicylsäure       19,2 Prozent und 21,2 Prozent versus
     enten selbst – in der Regel im Rahmen      und Ibuprofen als Medikamente der           Placebo 11,8 Prozent, p < 0,001) [10, 11].
     eines „Kopfschmerzkalenders“ – ein         ersten Wahl, welche allerdings nur im       Rimegepant wurde im Vergleich zu
     wichtiges Tool für Diagnostik und Aus-     1. und 2. Trimenon zum Einsatz kom-         Sumatriptan 100 mg und Placebo
     wahl der Therapie- beziehungsweise         men können. Für Triptane gibt es keine      untersucht und konnte auch hier eine
     Prophylaxeoptionen dar. Dieser fordert     Zulassung, allerdings konnte bei An­­       signifikante Überlegenheit zu Placebo
     ein hohes Maß an Compliance von Mi­­       wendung von Sumatriptan im 1. Trime-        (Rimegepant 150 mg [32,9 Prozent,
     gränepatienten. Eine gute Grundlage        non bisher keine erhöhte Fehlbildungs-      p < 0,001]; Sumatriptan [35 Prozent,
     bildet der Kopfschmerzkalender der         rate beobachtet werden. Bei sehr            p < 0,001] und Placebo [15,3 Prozent])
     Deut­­schen Migräne- und Kopfschmerz-      schweren Attacken kann auch in der          zeigen [12–14]. Hinsichtlich bekannter
     gesellschaft (www.dmkg.de) [5].            Schwangerschaft Prednisolon (oral           Darreichungsformen wurde in Untersu-
                                                oder intravenös) erwogen werden [7].        chungen mit Sumatriptan 3 mg im Ver-
 Notfalltherapie                                                                            gleich zu Sumatriptan 6 mg subkutan
 Im Falle von unzureichender oraler oder        Ausblick auf neue Akuttherapien             bei Patienten mit Migräne eine gleiche
 nasaler Selbstmedikation von Migrä­            Als mögliche Alternative für Migräne-       Wirksamkeit bei einer allerdings gerin-
 nepatienten kann eine notfallmäßige            patienten mit vaskulärem Risikopro­     -   geren Rate von Nebenwirkungen fest-
 parenterale Applikation notwendig              fil werden derzeit neu entwickelte          gestellt [15]. Die Einführung ist für 2020
 werden. Es kommen vorrangig Suma­              5-HT1F-Agonisten diskutiert, die in         zu erwarten.
 triptan subkutan (6 mg) sowie intrave-         Studien bei einer den Triptanen ähnli-      Zusammenfassend gibt es aktuell
 nös applizierte Acetylsalicylsäure             cher Wirksamkeit keine vasokonstrikti-      einige neue vielversprechende Ansätze
 (1.000 mg) in Kombination mit Meto-            ven Nebeneffekte zeigten. Lasmiditan,       zur Akutbehandlung der Migräne, dies
 clopramid (10 bis 30 mg) zum Einsatz;          ein Vertreter der sogenannten Ditane,       gilt insbesondere für Patienten mit
 für letzteres konnte in einigen Studien        wurde im Oktober 2019 in den USA für        Kontraindikationen oder bei fehlender
 neben der antiemetischen Wirkung               die Akutbehandlung der Migräne zuge-        Wirksamkeit der Triptane [16].
 auch ein eigenständiger analgetischer          lassen. Die Zulassung in der Europäi-
 Effekt gezeigt werden. Dauert eine             schen Union wird aktuell geprüft [8, 9].    Prophylaxe der Migräne
 Migräneattacke mehr als 72 Stunden             Aktuell werden zudem orale Calcitonin       Als elementarer Baustein hinsichtlich
 an, spricht man vom Status migräno-            Gene-Related Peptide (CGRP)-Antago-         der Prophylaxe von Migräneattacken
 sus [4]. Hier empfiehlt die aktuelle Leit-     nisten (Ubrogepant und Rimegepant),         gilt die ausführliche Patienteneduka-
 linie zusätzlich zur oben genannten            sogenannte Gepante (small molecules)        tion. Diese reicht vom ärztlichen Auf-
 Therapie die Applikation von 50 bis            zur Akutbehandlung der Migräne              klärungsgespräch über internetba-

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 sierte Aufklärungstools („stopp-den-       ent erweist, sollte etwa zwei Monate          kommen vorwiegend Magnesium, Met-
 kopfschmerz“) und analoge Patienten-       nach Erreichen der individuell tolerier-      oprolol, Propranolol und Amitriptylin
 ratgeber bis hin zu speziellen „Kopf-      ten Höchstdosis beurteilt werden. Im          zum Einsatz. Allerdings liegen hierzu
 schmerzschulen“, die in multimodalen       Falle des Nichterreichens des er­­            keine kontrollierten Studien vor, wes-
 Therapiezentren in Gruppen angeboten       wünschten Effekts ist entweder die            wegen auf die Relevanz von nicht-
 werden. Auch der Anschluss an eine         Beendigung der Therapie oder der              medikamentösen Therapieoptionen hin­
 Migräne-Selbsthilfegruppe kann sich        Wechsel zu einem anderen zur Prophy-          zuweisen ist.
 bei schwer betroffenen Patienten als       laxe geeigneten Medikament angezeigt.
 hilfreich erweisen.                        Allgemein für die Eindosierung der            Invasiv
 Gemeinsames Ziel dieser Maßnahmen          medikamentösen Migräneprophylaxe              Eine allgemeine Empfehlung für die
 ist die Aufklärung über Möglichkeiten      gilt der Grundsatz „start low, go slow“,      Anwendung von invasiven Neurostimu-
 zur persönlichen Einflussnahme auf die     da die verwendeten Substanzen in der          lationsverfahren (bilaterale N.occipita-
 Häufigkeit und Schwere der Migräne­        Regel bereits in niedrigen Dosierungen        lis major-Stimulation oder Elektroden-
 attacken, beispielsweise im Sinne von      eine gute Wirksamkeit zeigen und              implantation in das Ganglion spheno-
 Lebensstilmodifikationen (regelmäßige      unerwünschte Nebenwirkungen meist             palatinum) zur Migräneprophylaxe wird
 Nahrungsmittelaufnahme, Pausen im          am Beginn der Behandlung auftreten [5].       in der aktuellen deutschen Leitlinie
 Tagesablauf, regelmäßiger und aus­         Die beste Evidenzlage hinsichtlich            aufgrund von fehlender Langzeiterfah-
 reichender Schlaf) und Verfahren zu        Wirksamkeit und Nebenwirkungsprofil           rung und ungünstigem Wirkungs-
 Stressmanagement, beziehungsweise          besteht für die Betablocker Propranolol       Nebenwirkungsprofil nicht ausgespro-
-reduktion.                                 (40 bis 240 mg), Bisoprolol (5 bis 10 mg)     chen. Diese Therapieoptionen sollten
 Es werden nachgehend medikamen-            und Metoprolol (50 bis 200 mg), für den       ausschließlich an spezialisierten Migrä-
 töse von nicht-medikamentösen und          Kalziumantagonisten Flunarazin (5 bis         nezentren im Rahmen von Studien und
 invasiven Maßnahmen zur Migräne-           10 mg) sowie für das trizyklische Antide-     bei therapierefraktärer chronischer
 prophylaxe unterschieden. Im An­­schluss   pressivum Amitriptylin (50 bis 75 mg) [17].   Migräne Verwendung finden.
 behandelt der Artikel gesondert Ent-       Auch das Antikonvulsivum Topiramat
 wicklungen und Empfehlungen hin-           (25 bis 100 mg) besitzt eine gute Wirk-       Wegen des geringen Risikos für Neben-
 sichtlich der neuartigen CGRP-(Rezep­      samkeit. Für Patienten mit chronischer        wirkungen kann im Gegensatz dazu die
 tor-)Antikörper.                           Migräne besteht die Option einer Injek-       Möglichkeit von nicht-invasiver Neuro-
                                            tionstherapie mit Botolinumtoxin A            stimulation (zum Beispiel transdermale
Medikamentös                                (155 I.E./195 I.E.). Die Injektionen wer-     Stimulation des Nervus vagus oder des
Wenn Migränepatienten unter häufi­      -   den im Abstand von drei Monaten wie-          Nervus supraorbitalis) in Betracht ge­­
gen Migräneattacken (mindestens drei        derholt und erfolgen in definierte Are-       zogen werden, wenn medikamentöse
Attacken pro Monat) oder besonders          ale der Kopf-, Nacken- und Schulter-          Optionen zur Migräneprophylaxe von
lang andauernden Attacken (> 72 Stun-       muskulatur. Falls die gewünschte Re­­         Seiten der Patienten abgelehnt werden
den), beziehungsweise lang anhalten-        duktion der Kopfschmerzattacken nach          oder kontraindiziert sind [5].
den und/oder belastenden Auraphäno-         drei Behandlungszyklen nicht eingetre-
menen leiden, sind die Indikationskrite-    ten ist, soll die Injektionstherapie been-    Nicht-medikamentös
rien zur medikamentösen Migränepro-         det werden [5].                               Unabhängig von medikamentösen The-
phylaxe erfüllt. Darüber hinaus sollte      Bei der Entscheidung für ein geeigne-         rapieverfahren sollten jedem Migräne-
eine Prophylaxe auch bei besonderem         tes Präparat helfen neben dem Grad            patienten nicht-medikamentöse Maß-
Leidensdruck oder subjektiv empfun-         der wissenschaftlichen Evidenz die            nahmen empfohlen werden. Darunter
dener deutlicher Einschränkung der          Berücksichtigung von Begleiterkran-           zählen regelmäßige sportliche Aktivi­-
Lebensqualität sowie nicht ausreichen-      kungen (beispielsweise sollte Amitrip-        tät (zum Beispiel Ausdauersport wie
dem Ansprechen auf Akuttherapie             tylin bei Depression, Schlafstörungen         Schwimmen oder Fahrradfahren an
erwogen werden.                             oder chronischen neuropathischen              drei Tagen pro Woche), Entspannungs-
Der erfolgreiche Einsatz einer Migräne-     Schmerzen Verwendung finden) und              verfahren (insbesondere Muskelrelaxa-
prophylaxe ist definiert als Reduktion      Kontraindikationen (unter anderem AV-         tion nach Jacobson) sowie begleitende
der Anfallshäufigkeit um mindestens         Block oder Asthma bronchiale als abso-        psychologische Behandlung zum Stress­
50 Prozent. Ob sich die medikamen-          lute Kontraindikation für Betablocker).       management und zur Schmerzbewälti-
töse Prophylaxe im Einzelfall als effizi-   Bei schwangeren Migränepatientinnen           gung.

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 Zudem konnte in einigen Studien ein mente zur Migräneprophylaxe erfolglos         Zur Frage eines Wechsels von einem
 Nutzen von Akupunktur in der Migrä- versucht hatten.                              Monoklonalen Antikörper gegen den
 neprophylaxe nachgewiesen werden [18]. Die Präparate sind zugelassen bei Pati-    CGRP-Rezeptor auf einen Antikörper
                                           enten mit einer Migräne und mindes-     gegen CGRP (und umgekehrt) gibt es
 CGRP-Rezeptor-AK oder CGRP-AK             tens vier Migränetagen im Monat.        erste Fallberichte, die über positive
 Als neue Substanzen zur Prophylaxe Möglich ist laut Gemeinsamem Bun-              Effekte berichten, sodass dies im Ein-
 der Migräne stehen Monoklonale Anti- desausschuss (GBA) der Einsatz bei der       zelfall versucht werden kann.
 körper gegen den Calcitonin Gene- episodischen Migräne, wenn fünf Sub-            Die Kosten der neuen Therapien belau-
 Related Peptide (CGRP)-Rezeptor (Ere- stanzen aus den vier bekannten und          fen sich für Erenumab (Aimovig 70/140
 numab) oder gegen CGRP (Eptine- zugelassenen               Gruppen/Substanzen     mg) auf 495,73 Euro pro Stück und
 zumab, Fremanezumab, Galcanezu­­ (Betablocker, Flunarizin, Topiramat, Val-        Monat, für Fremanezumab (Ajovy 225
 mab) zur Verfügung. Neben den Zulas- proinsäure und Amitriptylin) nicht wirk-     mg) auf 495,73 Euro pro Stück und
 sungsstudien für den Einsatz bei der sam waren, nicht vertragen wurden            Monat sowie für Galcanezumab (Emga-
 episodischen und chronischen Migräne oder Kontraindikationen für den Ein-         lity 120 mg) mit zwei Stück Loading-
 liegen aktuell bereits umfangreiche satz vorlagen. In der Behandlung der          Dose auf 980,42 Euro, danach auf die
 Real-World-Daten vor, die eine sehr gute chronischen Migräne muss zusätzlich      Hälfte bei monatlicher Gabe von 120 mg.
 und schnelle Wirksamkeit und Verträg- noch Onabotulinumtoxin A versucht           Eine erste Studie konnte zudem eine
 lichkeit dieser Substanzen zeigen.        worden sein [6].                        Wirksamkeit von Rimegepant in der
                                           Der Therapieeffekt kann nach vier bis   Akutbehandlung bei Migräne-Patien-
 Hinsichtlich der prophylaktischen Be­­ acht Wochen abgeschätzt werden.            ten mit einer parallel durchgeführten
 handlung der episodischen und chroni- Als wirksam gilt eine Reduktion der         prophylaktischen Behandlung mit einem
 schen Migräne sind die Substanzen in Attackenfrequenz um 50 Prozent im            monoklonalen Antikörper gegen den
 den Studien Placebo überlegen. Die Vergleich zum Durchschnitt der drei            CGRP-Rezeptor (Erenumab) zeigen [22].
 Reduktion der Migränetage bei der epi- Vormonate oder Verbesserungen im
 sodischen Migräne liegt zwischen 2,9 MIDAS-Score (Ausgangswert > 20, Re­­         Ausblick auf neue Substanzen
 bis 4,7 Tagen. Nach drei bis sechs duktion um 30 Prozent) oder im HIT-6           zur Migräneprophylaxe
 Monaten beträgt die 50-Prozent-Res- um mindestens fünf Punkte. Die The-           Atogepant, ein CGRP-Rezeptor-Anata-
 ponderrate zwischen 30 und 62 Pro- rapie sollte mindestens drei Monate            gonist, wurde zur prophylaktischen
 zent (Placebo 17 bis 38 Prozent) [6, 19]. erfolgen, nach sechs bis neun Monaten   Behandlung der Migräne entwickelt.
 Bei der chronischen Migräne liegt die sollte dann eine Therapiepause erfol-       Eine erste Phase IIb/III Studie konnte
 Reduktion der Migränetage zwischen gen, um die weitere Therapienotwen-            eine signifikante Reduktion der monat-
 4,3 und 6,6 Tagen pro Monat. Nach drei digkeit zu eruieren. Aktuell werden        lichen Migränetage für verschiedene
 bis sechs Monaten beträgt die 50-Pro- Patienten seit mehr als fünf Jahren         Dosen sowie die ein-oder zweimal täg-
 zent-Responderrate zwischen 27 und behandelt, ohne dass es zu einer               liche Einnahme im Vergleich zu Placebo
 57 Prozent (Placebo 15 bis 40 Prozent). Abnahme des Therapieffektes gekom-        belegen. Im Gegensatz zu den in der
 Die Effekte der Wirksamkeit waren men ist [6, 16, 21].                            Vorgeschichte untersuchten Gepanten
 bereits nach zwei bis vier Wochen                                                 zur Migräneprophylaxe zeigten sich hier
 nachweisbar. Zudem zeigte sich auch Kontraindikationen für den Einsatz der        keine erhöhten Leberwerte [23].
 eine signifikante Reduktion der Ein- Monoklonalen Antikörper gegen den
 nahme der Akutmedikation im Ver- CGRP-Rezeptor (Erenumab) oder gegen              Zusammenfassung
 gleich zu Placebo [6, 20].                CGRP (Eptinezumab, Fremanezumab,        Die Migräne ist eine der häufigsten
 Die Substanzen sind auch bei den Pati- Galcanezumab) sind Schwangerschaft         neurologischen Erkrankungen, die für
 enten wirksam, bei denen parallel ein und Stillzeit sowie fehlende oder keine     die betroffenen Patienten meist eine
 Kopfschmerz durch Übergebrauch von ausreichende Kontrazeption bei Frauen.         starke Beeinträchtigung der Lebens-
 Schmerz- oder Migränemitteln vorliegt. Zudem sollten die Präparate bei Pati-      qualität bedeutet. Durch etablierte
 Weiterhin konnten einige Studien zei- enten mit koronarer Herzerkrankung,         Therapieverfahren kann in vielen Fällen
 gen, dass die Substanzen auch bei den ischämischem Insult, Subarachnoidal­        eine Linderung der Beschwerden erzielt
 Patienten einen Nutzen haben, die blutung oder peripherer arterieller Ver-        werden. Eine entscheidende Rolle spie-
 bereits in der Vorgeschichte zwischen schlusskrankheit nicht zum Einsatz          len dabei neben der Attacken- und
 zwei und vier der bekannten Medika- kommen [6].                                   Akuttherapie auch medikamentöse und

22                                                                                                     Ärzteblatt Sachsen 9|2020
ORIGINALIE

nicht-medikamentöse präventive An­­      episodischen und chronischen Migrä-
sätze sowie Patientenedukation und       neverläufen durch ein günstiges Wir-
Triggermanagement, um Häufigkeit und     kungs-Nebenwirkungsprofil auszeich-
Schwere der Kopfschmerzattacken zu       nen.                                                 Literatur bei den Autoren
reduzieren und einem Medikamenten-       Darüber hinaus darf auch im Laufe der
übergebrauchskopfschmerz vorzubeugen.    nächsten Jahre mit Neuzulassungen von               Interessenkonflikte: keine

Neben den etablierten Therapien steht    Medikamenten gerechnet werden, die                  Korrespondierender Autor:
mit den Antikörpern gegen CGRP(-         sowohl für die Akuttherapie als auch              Dr. med. Torsten Kraya, MSc
Rezeptor) seit kurzem eine Reihe von     für die dauerhafte Prophylaxe eine                        Klinik für Neurologie
                                                                                     Klinikum St. Georg Leipzig gGmbH
neuen Präparaten zur Verfügung, die      deutliche Erweiterung des verfügbaren    Delitzscher Straße 141, 04129 Leipzig
sich vor allem bei therapierefraktären   Behandlungsspektrums bedeuten.         E-Mail: Torsten.Kraya@sanktgeorg.de

Ärzteblatt Sachsen 9|2020                                                                                                  23
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