Tagungsband VIERTES NATIONALES RESSOURCENFORUM - und 5. März 2021 - Ressourcen Forum Austria

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Tagungsband VIERTES NATIONALES RESSOURCENFORUM - und 5. März 2021 - Ressourcen Forum Austria
VIERTES NATIONALES
 RESSOURCENFORUM

Tagungsband

               Neustart in eine
  ressourcenschonende Zukunft
             oder zurück in die
               Vergangenheit?

      4. und 5. März 2021

          www.ressourcenforum.at
Tagungsband VIERTES NATIONALES RESSOURCENFORUM - und 5. März 2021 - Ressourcen Forum Austria
Foto: Leube

                                          RUDOLF ZROST
                                          PRÄSIDENT
                                          RESSOURCEN FORUM AUSTRIA

              Wertschöpfung und Nachhaltigkeit – eine Vision?

                                                                         Doch ist die Ressourcenübernutzung keineswegs nur ein
              Neustart in eine ressourcenschonende                       ökologisches Problem, sondern auch ein langfristiges
              Zukunft oder zurück in die Vergangenheit?                  Problem für die Wirtschaft. Die Materialkosten in der pro-
                                                                         duzierenden Wirtschaft sind hoch, Preisschwankungen ver-
              Der Titel unseres Programms in diesem Jahr lautete:        mindern Planungssicherheit, Versorgungsunsicherheiten
              „Neustart in eine ressourcenschonende Zukunft oder         und Knappheiten von Rohstoffen führen dazu, dass das
              zurück in die Vergangenheit?“ – Warum? Nun, die letzten    Thema Ressourcenversorgung mittlerweile zu den größten
              Monate waren wirtschaftlich wie gesellschaftlich durch     Herausforderungen für produzierende Betriebe zählt. Die
              die Corona-Pandemie geprägt. Alle Hoffnungen stehen        aktuelle Situation mit großen Lieferengpässen bei Conta-
              auf einer Bewältigung der Pandemie und ihrer Folgen für    inern und Kostensteigerungen um das 10-fache in nur 1
              Gesellschaft und Wirtschaft im Jahr 2021. Doch auch die    Jahr zeigt das deutlich! Für die Landwirtschaft stellen sich
              Klima- und Ressourcenkrise ist nach wie vor ungelöst.      Herausforderungen wie der Verlust von Böden, die Klima-
              Der wirtschaftliche Neustart nach Corona bietet eine       änderung oder die Endlichkeit künstlicher Dünger.
              Chance, auch dieser zweiten großen Krise zu begegnen.
              Gerade Krisen bieten oft auch Chancen, Bestehendes zu
                                                                         Ressourcenwende
              hinterfragen. Wie kann das „Hochfahren“ nun gleichzei-
              tig zu mehr Nachhaltigkeit führen? Denken Sie zurück
                                                                         Deshalb bedarf es sowohl aus ökonomischer wie auch
              an die leeren Städte und Autobahnen im März 2020. Die
                                                                         aus ökologischer Motivation heraus einer Ressourcen-
              Corona-bedingten Einschränkungen zeigten zu Beginn der
                                                                         wende – also einer Wende zu ressourcenschonenderem
              Pandemie einmal mehr die vermeintliche Unvereinbarkeit
                                                                         Wirtschaften mit gleich hoher Wertschöpfung. Um das zu
              wirtschaftlicher Aktivität und dem Schutz der Natur auf.
                                                                         erreichen, werden aktuell drei miteinander verbundene
              Doch das war nur ein temporärer Effekt. Und muss das
                                                                         Lösungsansätze diskutiert: Ressourceneffizienz, Kreislauf-
              überhaupt so sein? Sind wirtschaftliche Entwicklung und
                                                                         wirtschaft und Bioökonomie. Ressourcen-Effizienz meint
              Schutz der Lebensgrundlagen unvereinbar? Wir denken,
                                                                         alle Maßnahmen, die einen geringeren Materialeinsatz je
              sie sind vereinbar!
                                                                         produzierter Einheit bringen. Kreislaufwirtschaft meint
                                                                         das Schließen von Material- und Energiekreisläufen durch
              Wertschöpfung und Ressourcenverbrauch                      u.a. Wiederverwendung, Recycling, Überholen bestehender
                                                                         Produkte, Vermeidung von Abfällen, Wiederverwendung
              Gesellschaftliches Handeln und Wertschöpfung stehen fast   als Sekundärrohstoffe. Bioökonomie meint den kontinu-
              immer im Austausch mit der Natur. Ganz ohne Material       ierlichen Ersatz von fossilen Rohstoffen durch nachwach-
              geht es nicht, natürliche Ressourcen sind die Basis von    sende Rohstoffe (zB biobasierte Kunststoffe statt Kunst-
              Wirtschaft und Gesellschaft. Landwirtschaft, Handwerk,     stoffe aus Erdöl). Alle drei Konzepte und ihre Maßnahmen
              Industrie und Dienstleistung schöpfen unterschiedliche     sind miteinander verbunden und voneinander abhängig!
              Werte. Aber so unterschiedlich diese Bereiche auch sein    Gemeinsam haben Sie eines: Die Achtsamkeit gegenüber
              mögen, die meisten haben gemeinsam, dass natürliche        dem Material, das uns die Natur zur Verfügung stellt, um
              Rohstoffe verwendet, verarbeitet, veredelt – eben ver-     unsere Zivilisation in Schwung zu halten. Wie diese außer
              braucht werden.                                            Schwung geraten kann, haben wir in den letzten Monaten
              Unser aller Ressourcenverbrauch ist bei weitem zu hoch     nur allzu heftig präsentiert bekommen. Wir waren gezwun-
              und absolut nicht nachhaltig, weder in Österreich noch     gen unsere Lebens- und Arbeitsweisen anzupassen. Die
              global. Unsere Bedürfnisbefriedigung und die natürliche    Online-Welt des kontaktlosen Handels hat das Verbrau-
              Regenerationsfähigkeit der Natur sind nicht im Einklang.   cherverhalten für immer verändert. Globale Lieferketten
              Die dadurch entstehende Überschreitung ökologischer        sind ins Stocken geraten. Die aufgrund der Globalisierung
              Grenzen resultiert in Instabilitäten und Problemen wie     entstandenen Abhängigkeiten von manchmal weit ent-
              dem Klimawandel und dem Artensterben.                      fernten LieferantInnen wurden teilweise zum Problem.
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Ressourcen-Effizienz und Kreislaufwirtschaft können hier
einen Beitrag leisten, um Unternehmen und Standorte
widerstandsfähiger und unabhängiger zu gestalten.

Zukunft der Gesellschaft

Um unsere VerbraucherInnen-Gesellschaft in eine ressour-
                                                             Inhalt
censchonende Zukunft zu führen, braucht es vor allem
Motivation. Der Schriftsteller und Historiker Philipp Blom
hat vor einiger Zeit sinngemäß gesagt: „Eines der größten     4    Grußworte
Probleme ist es, wenn eine Gesellschaft keine Verbesse-       6    Keynote | Ressourcenproduktivität –
rung mehr in der Zukunft erwartet und deshalb nur will,            Europas nächstes Geschäftsmodell
dass die Gegenwart nicht aufhört.“ Was wir also brauchen
                                                              10   Forum Gemeinden und Regionen
ist: Hoffnung auf Verbesserung in der Zukunft. Deshalb
müssen wir trotz Pandemie und Klimakrise ein positives        14   Forum Wirtschaft
Zukunftsbild entwerfen. Ein Zukunftsbild, in dem ressour-     18   Forum Landwirtschaft
censchonendes Wirtschaften ein Wettbewerbsvorteil ist.
                                                              20   Forum Bildung
Keynote und Programm                                          22   Interview | Aus Wollen Können machen
                                                              24   Zukunftsdialog | Neustart in eine
Ein solches Zukunftsbild für Europa entwarf Keynote-Spea-
                                                                   ressourcenschonende Zukunft oder zurück
ker Martin Stuchtey für uns, als er über Ressourcen-Pro-
                                                                   in die Vergangenheit?
duktivität als Europas zukünftigem Geschäftsmodell
sprach (Eine Zusammenfassung seines Vortrags finden           26   Impuls | Ressourcennutzung in Österreich
Sie ab Seite 6). Außerdem diskutierten am Nationalen          29   Diskussion | Welche Rolle spielen
Ressourcenforum ExpertInnen und PraktikerInnen aus
                                                                   globale Wertschöpfungsketten,
Wirtschaft, Landwirtschaft, Gemeinden und Regionen
                                                                   der Standort und die Finanzmärkte für
sowie Bildung, wie wir die Ressourcenwende in alle Teile
                                                                   einen ressourcenschonenden Neustart?
unserer Gesellschaft tragen können. Denn eines ist klar:
Ressourcen-Schonung geht uns alle an. Nicht nur die Wirt-     32   Plenum | Ökobilanz des täglichen Lebens
schaft, auch alle KonsumentInnen und auch wir selbst als
                                                              33   Interview | Ressourcenschonendes
MultiplikatorInnen im eigenen Umfeld sind gefragt. Nur
                                                                   Bauen und Wohnen – ein Muss!
gemeinsam schaffen wir die Ressourcenwende! Unser Ziel
muss es sein, in der Praxis aufzuzeigen, dass Wohlstand       36   Plenum | „Gesucht: Das Geschäftsmodell
und Entwicklung vom Naturverbrauch erfolgreich ent-                der Zukunft“
koppelt werden können. Dazu muss Kreislaufwirtschaft,         38   Interview | Der Wasser(zähler)kreislauf
Ressourcen-Effizienz und Bioökonomie Teil der Philosophie
von uns allen werden. Und dafür steht das Ressourcen          39   Ausblick
Forum Austria!

Ihr
Rudolf Zrost
Tagungsband VIERTES NATIONALES RESSOURCENFORUM - und 5. März 2021 - Ressourcen Forum Austria
Grußworte
FOTO: BMLRT / PAUL GRUBER

                                                               CHRISTIAN HOLZER
                                                               SEKTIONSLEITER
                                                               SEKTION V – UMWELT UND KREISLAUFWIRTSCHAFT, BUNDESMINISTERIUM FÜR
                                                               KLIMASCHUTZ, UMWELT, ENERGIE, MOBILITÄT, INNOVATION UND TECHNOLOGIE

                            Ich bedanke mich sehr herzlich für die Einladung zum diesjährigen          Die Europäische Kommission hat mit Green Deal Paket, mit seinen
                            Nationalen Ressourcenforum! Zwischen dem Ressourcen Forum                  umfassenden Initiativen und Programmen - die von Klima, Ener-
                            Austria und dem Klimaschutzministerium besteht schon seit Jah-             gie, Bauen, Industrie, Digitalisierung, Kreislaufwirtschaft bis hin zu
                            ren eine wertvolle und erfolgreiche Zusammenarbeit! Ich freue mich         Biodiversität reichen - eines der ambitioniertesten Umwelt-, Klima-
                            zudem sehr, dass am Vierten Nationalen Ressourcenforum auch ak-            schutz- und Wirtschaftsprogramme für die nächsten Jahrzehnte
                            tuelle Vorhaben des Klimaschutzministeriums präsentiert werden             auf dem Weg gebracht.
                            konnten.“
                                                                                                       Mit dem Green Deal verfolgt die Kommission eine effiziente Res-
                            Die Welt steht vor tiefgreifenden ökologischen, ökonomischen und           sourcennutzung durch einen Übergang zu einer innovativen, wett-
                            sozialen Herausforderungen: das sind insbesondere die Klima- und           bewerbsfähigen und kreislauforientierten Wirtschaft und damit eine
                            Ressourcenkrise, der rasante technologische Wandel, die Globalisie-        Entkoppelung des Ressourcenverbrauchs und Abfallaufkommens
                            rung sowie die Urbanisierung. Diese sind heutzutage sehr deutlich sicht-   vom Wirtschaftswachstum. Die Kreislaufwirtschaft ist ein entschei-
                            bar: Erderwärmung, schnell ansteigende Ressourcen- und Material-           dender Hebel um die Klimaneutralität in der EU bis 2050 zu reali-
                            verbräuche und wachsendes Abfallaufkommen. Damit verbunden                 sieren, die Biodiversität wiederherzustellen sowie Emissionen und
                            sind hohe Treibhausgasemissionen sowie hoher Druck auf Umwelt,             Umweltbelastungen deutlich zu reduzieren. Mit diesem Ansatz wer-
                            Wasser und Artenvielfalt. Dazu einige Eckdaten aus Österreich1:            den die Synergien zwischen Kreislaufprinzip und Klimaneutralität
                                                                                                       verstärkt.
                            n	In Österreich hat sich der Ressourcenverbrauch in den letzten
                               Jahren auf sehr hohem Niveau eingependelt und liegt derzeit bei         Einer der wichtigsten Bausteine des Green Deals ist der neue Akti-
                               rund 19 Tonnen pro Kopf und übersteigt damit die planeta-               onsplan Kreislaufwirtschaft mit Maßnahmenvorschlägen, die die
                               rischen Grenzen.                                                        Kernbereiche der Produkt-, Verbraucher-, und Abfallwirtschafts-
                            n	Der österreichische Materialfußabdruck inklusive Importe liegt          politik betreffen:
                               bei 33 Tonnen/Kopf, weit über dem europäischen Durchschnitts-
                               wert von 23 Tonnen/Kopf. Durch die globale Verkettung ist Ös-             Nachhaltige Produkte als Norm in der EU: Das bedeutet neue
                                                                                                       n	
                               terreichs Konsum großteils mitverantwortlich für den Ressour-             Vorgaben für eine nachhaltige Produktpolitik um sicherzustel-
                               cenverbrauch in anderen Teilen der Welt.                                  len, dass Produkte so konzipiert sind, dass sie über eine längere
                            n	Anderseits hat Österreich eine gut ausgebaute Abfallwirtschaft            Lebensdauer verfügen, leichter wiederverwendet, repariert und
                               und verfügt über eine führende Position in der EU-Recyclingwirt-          recycelt werden können und einen größtmöglichen Anteil recy-
                               schaft. So werden zum Beispiel 58% der Siedlungsabfälle in Ös-            celter Materialien statt Primärrohstoffe enthalten. Die Verwen-
                               terreich recycelt.                                                        dung von Einwegprodukten soll eingeschränkt werden.
                            n	Die Rate der Wiederverwendung und Rückführung von Ma-                   n S
                                                                                                          tärkung der Rechte der Verbraucher*Innen: Das heißt die
                               terialen liegt jedoch derzeit in Österreich mit bei rund 12 % im          KonsumentInnen sollen Zugang zu zuverlässigen Umweltinfor-
                               EU-Durchschnitt.                                                          mationen von Produkten haben, damit sie ökologisch nachhaltige
                                                                                                         Entscheidungen treffen können oder Schaffung eines „Rechts auf
                            Diese Fakten zeigen ein enormes Potential in den Bereichen Res-              Reparatur“.
                            sourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft sowie einen großen                n	Bei der Vermeidung von Abfall wird der Schwerpunkt darauf
                            Handlungsbedarf für eine langfristige strategische Neuausrich-                liegen, die Entstehung von Abfall zu vermeiden und ihn in hoch-
                            tung der europäischen Wirtschaft und Gesellschaft für eine nach-              wertige Sekundärressourcen umzuwandeln, die von einem gut
                            haltige Zukunft.                                                              funktionierenden Markt für Recyclingstoffen profitieren.

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n	Weitere Maßnahmen konzentrieren sich auf ressourceninten-            gungsicherheit bei Produkten und Grundstoffen von einem Tag auf
   sive Sektoren mit hohem Kreislaufpotenzial wie etwa: Elek-           den anderen nicht mehr länger gegeben ist. Diese neue Lage schafft
   tronik & IKT, Batterien & Fahrzeuge, Verpackungen, Kunststoffe,      Raum für zusätzliche Anreize, um auf regionaler und kommunaler
   Textilien (EU-Kommission arbeitet derzeit an einer Textilstrate-     Ebene eine Kreislaufwirtschaft zu stimulieren. Das würde die Ab-
   gie), Bauwirtschaft & Gebäude sowie Lebensmittel, Wasser &           hängigkeit von internationalen Liefer- und Produktionsketten deut-
   Nährstoffe.                                                          lich verringern und zu gleicher Zeit Möglichkeiten bieten, Arbeits-
                                                                        plätze und Wertschöpfung zu schaffen und zu erhalten.
Im aktuellen Regierungsprogramm sind die EU-Entwicklungen mit
dem Maßnahmenpaket „Kreislaufwirtschaft fördern und Abfall-             Die neuen EU-Rahmenbedingungen und die Umsetzung des Regie-
politik gestalten“ prominent miteingeflossen. Die Umsetzung läuft       rungsprogramms sind ein klarer Wendepunkt für einen Neustart
derzeit mit Nachdruck wie beispielsweise:                               für einen grünen Konjunkturaufschwung, für eine lebensfähige,
                                                                        gesündere und ökonomisch robuste Zukunft. Es gibt kein Zurück
n Entwicklung einer Kreislaufwirtschaftsstrategie                       in ein Handeln wie bisher!
n	Weiterentwicklung und Aktualisierung des Abfallvermeidungs-
   programms
n Maßnahmen zur Lebensmittelverschwendung
n	Maßnahmenpaket zur Reparatur, wobei die steuerliche Begünsti-
   gung von kleinen Reparaturdienstleistungen bereits umgesetzt
   wurde
n	Maßnahmenpaket für den Einsatz von Sekundärrohstoffen bei
   Industrie, Verpackungen (z.B. differenzierte Lizenzentgelte) und
   Baustoffen

Seit dem Vorjahr verursacht die Covid-19 Pandemie massive Ver-
änderungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Zur Bewältigung
der wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie wurde
seitens der EU die Aufbau- und Resilienzfazilität in der Höhe von
672,5 Mrd. Euro eingerichtet. Derzeit arbeiten die Mitgliedsstaaten
an der konkreten Ausgestaltung der Pläne, mit dem Schwerpunkt,
                                                                        1)
                                                                             BMK, BMLRT: Ressourcennutzung in Österreich 2020 Band 3, Wien 2020.
den grünen und digitalen Übergang zu fördern und eine widerstands-
fähige Wirtschaft und Gesellschaft aufzubauen. Mindestens 37%
der Zuweisung jedes Plans müssen den grünen Übergang vor allem
im Klimaschutz und mindestens 20% die digitale Transformation
unterstützen.

Die Pandemie hat uns schonungslos die Verletzlichkeit von einer
stark globalisierten Welt gezeigt, wo, durch komplexe Abhängig-
keiten in weit verzweigten Liefer- und Produktionsketten, die Versor-

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Keynote
Ressourcenproduktivität –
Europas nächstes Geschäftsmodell

     „Im Kontext von Green Deal und internationa-                                           kapitalverbrauch. Die Kosten dieses Naturkapitalverlusts werden
     lem Ressourcenwettbewerb rückt eine neue                                               täglich spürbarer: Luftverschmutzung, Flächenzersiedlung, Boden-
     Kompetenz ins Blickfeld: Wohlstandsgenerie-                                            verlust, Artenschwund und natürlich der Klimawandel. Wir erleben
                                                                                            eine beinahe vollständige Marginalisierung der natürlichen Welt: nur
     rung getrieben durch Dematerialisierung und
                                                                                            mehr 3% aller Wirbeltiere sind Wildtiere, die planetaren Belastungs-
     Dekarbonisierung. In einer solchen Welt wird
                                                                                            grenzen sind weit überzogen, auf 3kg Fisch in den Weltmeeren kom-
     Ressourcenproduktivität zum politischen Leit-
                                                                                            men bereits 1kg Plastik.
     indikator. Ein entkoppeltes Industriemodell er-
     fordert mehr als effizienteres Wirtschaften, es                                        Problemlösung Wachstum?
     erfordert einen systemischen Umbau.“
                                                                                            Bekommt Wachstum diese Probleme langfristig in den Griff, wie uns
                                                                                            die Hypothese von der abnehmenden Umweltbelastung der Um-
Bis Mitte der 80er Jahre entwickelten sich alle Leitindikatoren                             welt-Kuznets-Kurve glauben macht? Ich denke, dieses Verständnis
von Gesellschaft und Wirtschaft parallel und aufwärts. Ab diesem                            von grünen Wachstum irrt. Wie das International Ressource Panel
Zeitpunkt kam es zu einem Bruch, den man als Ausgangspunkt                                  aufzeigt, kommt es trotz zunehmender globaler Tertiärisierung nicht
einer dann einsetzenden „großen Divergenz“ bezeichnen könnte.                               zu einer Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Ressourcen-
Wirtschaftliche Entwicklung und echter Fortschritt, beispiels-                              verbrauch. Die globale Ressourcenproduktivität sank zuletzt, anstatt
weise gemessen durch den Genuine Progress Indicator – gingen                                zuzunehmen.
nicht mehr im Gleichschritt sondern gerieten außer Takt. Seitdem                            Mit unserem herkömmlichen Wachstumsverständnis kommen
wächst zwar nach wie vor die Arbeitsproduktivität, die Wirtschaft                           wir also nicht weiter. Gehen wir aber davon aus, dass sich
und auch die Beschäftigung, doch hinken die durchschnittlichen                              unmittelbar etwas an unserem Hunger nach Ressourcen ändern
Haushaltseinkommen wie insbesondere der gesamtgesellschaft-                                 muss – und diesen Anspruch verfolgt zumindest die europäische
liche Wohlstand hinterher. Ein Riss zwischen dem Nutzen und den                             Politik, indem Sie sich mit dem Green Deal auf anspruchsvolle
Kosten unseres Wachstum ist aufgebrochen. Wir wachsen uns                                   Klimaziele und Ressourcenproduktivität verpflichtet hat – dann
zunehmend arm. Dies resultiert in großen wirtschaftlichen Dispa-                            erleben wir gerade dadurch auch zusätzlich einen sogenannten
ritäten, welche unter anderem das Aufkommen politischer Popu-                               Minsky-Moment und ein Problem der stranded assets. Was
lismen und gesellschaftliche Spannungen zu verantworten haben.                              meine ich damit? Konjunkturzyklen leben von der (überzogenen)
Verbunden ist diese Entwicklung zudem mit einem massiven Natur-                             Zuversicht von Investoren. Minsky, ein amerikanischer Ökonom

Die grosse Divergenz       Quelle: Stuchtey, et al (2015), Federal Reserve Bank of St. Louis, Brynjolfsson and McAfee, Kubiszewski et al. (2013)

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FOTO: MARTIN STUCHTEY/SYSTEMIQ

                                                                      Martin Stuchtey Professor für Ressourcenstrategien und -management an der Universität
                                                                      Innsbruck, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von SYSTEMIQ

                                 beobachtete, dass zu Beginn eines Zyklus sichere Investitionen                         stemische Änderungen, könnte dafür aber gerade in der jetzigen
                                 durchführen, je länger ein Aufschwung andauert, sie zuneh-                             Krisensituation ein wichtiger Baustein eines Konjunktur- und
                                 mend spekulativ handeln, weil sie (zu) große Zuversicht in die                         Zukunftsprogrammes für Europa und Österreich werden. Viel-
                                 herkömmlichen Anlageformen haben. So lange, bis es zu einem                            leicht gerade deshalb findet das Konzept der Circular Economy
                                 Minsky-Moment kommt, also einem Zeitpunkt wo das Vertrauen                             auch zunehmend in Politik und Betrieben Unterstützung. Denn
                                 schlagartig zurückgeht, weil die zugrundeliegenden Produkte                            es verspricht geringere Ressourcenverbräuche und systemische
                                 und Dienstleistungen nicht mehr benötigt werden – sei es durch                         Einsparmöglichkeiten gleichermaßen. Um das zu verstehen,
                                 einen Technologiewandel oder eine Änderung des Konsum-                                 muss man sich die sechs wesentlichen Ressourcenentkopp-
                                 musters. Diese herkömmlichen Anlagen sind im aktuellen Fall                            lungshebel ansehen, die passenderweise das Akronym Resolve
                                 fossile Energieträger und der ressourcenintensive industrielle                         bilden: REgenerate (Die Regneration und Wiederherstellung der
                                 Sektor. Große Öl- und Kohleunternehmen werden in einer                                 Gesundheit der Ökosysteme), Share (Die intensivere Nutzung
                                 solchen Umschwungsphase massiv an Wert verlieren – übrig                               durch Teilen, Wiederverwenden und Instandhalten), Optimise
                                 bleiben dann deren stranded assets: Fördertürme, Flugzeug-                             (Die Erhöhung der Effizienz und Eliminierung von Verschwen-
                                 friedhöfe, Industrieruinen und Geisterökonomien. Auch deshalb                          dung), Loop (Die stoffliche Kreislaufführung), Virtualise (Die
                                 können wir den Übergang zu einem zirkularen regenerativen                              dematerialisierte Befriedigung von Bedürfnissen) und Exchange
                                 Industriesystem nicht mehr ignorieren. Wir brauchen also ein                           (der Einsatz fortschrittlicher Materialien, Technologien, Services
                                 neues Paradigma!                                                                       und Produkte).
                                                                                                                        Verständlicher wird die Logik dieser Hebel, wenn man Sie
                                 Auf der Suche nach einer neuen Logik                                                   auf die großen ressourcenverbrauchenden Bedürfnisse einer
                                                                                                                        Volkswirtschaft, nämlich Mobilität, Lebensmittel und Wohnraum
                                 Und diese Suche nach einem neuen wirtschaftlichen Paradigma                            anlegt und sich die Frage stellt, wie dadurch ein demateria-
                                 und eines alternativen gesellschaftlichen Metabolismus geht                            lisiertes Alternativmodell entstehen kann: Beispielsweise die
                                 jeden an: Jede/n BürgerIn, LandwirtIn, UnternehmerIn und                               Überführung des heutigen Verkehrs in ein Mobilitätssystem, das
                                 PolitikerIn! Jeder steht vor der Herausforderung: Investieren                          verbunden, elektrifiziert, geteilt, autonom und basierend auf
                                 wir im Einzelnen und als Gesellschaft jetzt in die Vergangenheit                       cradle-to-cradle-Prinzipien ausgerichtet ist. Oder die Einführung
                                 oder die Zukunft. Kein Weg führt also mehr an einem zirkulären,                        dematerialisierter Lösungen statt heutigen Wegwerfprodukten:
                                 regenerativen Wertschöpfungssystem vorbei, denn es ist not-                            öffentliche Wasserspender statt verkaufter Plastikflaschen.
                                 wendig, attraktiv, möglich, verlangt von uns zwar deutliche sy-

                                 Die globale Ressourcenproduktivität nimmt ab, nicht zu    Quelle: Global Footprint Network, 2012; UNDP, 2014; Global Resources Outlook 2019, IRP

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Dabei orientieren sich die AkteurInnen einer Kreislaufwirtschaft     petenz ins Blickfeld: Wohlstandsgenerierung getrieben durch
zunehmend weniger an Produkten und ihren Kosten, sondern             Dematerialisierung und Dekarbonisierung. In einer solchen Welt
an deren Nutzen und den konkreten Dienstleistungen. Statt des        wird Ressourcenproduktivität zum politischen Leitindikator. Ein
Verkaufs von Autos, stehen die Personenkilometer im Mittelpunkt      entkoppeltes Industriemodell erfordert mehr als effizienteres
oder eben die Kalorie gesunde Ernährung. Circular Economy            Wirtschaften, es erfordert einen systemischen Umbau.
bietet also nicht nur eine Möglichkeit, um Ressourcen zu sparen
und das Klima zu schützen, sondern auch ein enormes Einspa-          Dreifache Entkopplung als Geschäftsmodell
rungspotenzial. Es stellt somit ein Instrument dar, um unsere
Lebenshaltungskosten günstiger zu machen. Und die so erhöhte         In der Vergangenheit ging es darum, möglichst viel wirtschaft-
Ressourcenproduktivität wirkt als wirtschaftlicher Stimulus. Das     liche Aktivität zu generieren (Wirtschaftswachstum). In der
lässt sich auch bereits empirisch zeigen, denn je ressourcenpro-     Zukunft sind massive Entkopplungen das Ziel. Wir müssen das
duktiver ein Land, desto reicher ist es. Je mehr Wohlstand aus       Wohlbefinden des Menschen entkoppeln von seiner wirtschaft-
einer Ressource geschöpft werden kann, desto erfolgreicher ist       lichen Aktivität, die wirtschaftlichen Aktivitäten vom Ressour-
ein Land. Dies ist die Wohlstandsformel der Zukunft.                 cenverbrauch und den Ressourcenverbrauch wiederum von den
                                                                     Umweltauswirkungen. Diese dreifache Entkopplung muss das
                                                                     neue Geschäftsmodell Europas und der Welt werden. Dafür
Dematerialisierung als neues Wachstumsmodell –
                                                                     brauchen wir geänderte Rahmenbedingungen. Der Green New
„Kapitalismus ohne Kapital“
                                                                     Deal ist dabei der erste Schritt, da er erstmals das Soziale,
Und Circular Economy ist deswegen auch attraktiv, weil es eine       das Ökologische und das Wirtschaftliche in einer Zielfunktion
neue Technologieoption – die Dematerialisierung der industri-        zusammenführt. Realistisch ist er nur, wenn wir geänderte
ellen Produktion - aufgreift. Auch ganz ohne Ressourcen- und         systemische Voraussetzungen schaffen. Dafür haben wir den
Klimadebatte stellen wir fest, dass industrielle Wertschöpfung       System Change Compass entwickelt, der als Navigationsinstru-
zunehmend dematerialisiert. Bis zu dem Punkt, wo sich Indus-         ment für politische Maßnahmen verwendet werden kann und
triegesellschaften die Frage stellen, ob wir mit einer klassischen   dazu führt, dass wir das System neugestalten und neu abbilden,
Ausstattung industrieller Produktionsinfrastrukturen für die Zu-     Interventionen entwerfen und implementieren sowie Akteu-
kunft gewappnet sind. Deshalb rückt Im Kontext des Green Deal,       rInnen mobilisieren und befähigen.
des internationalen Ressourcenwettbewerbs, eine neue Kom-

Dreifache Entkopplung als Geschäftsmodell                           Quelle: IRP (2019). Global Resources Outlook 2019

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Der System Change Compass als                                        Vorweg, es würde deutlich an Attraktivität gewinnen, wenn Öster-
Navigationsinstrument                                                reich
                                                                     1.	seine politischen Entscheidungen jährlich auf einen echten
Darüber hinaus geht es nicht nur darum, mit diesem Kompass                Fortschrittsindikator ausrichtet, so wie es das deutlich kleinere
die alte bestehende Industrielandschaft zu transformieren und             Neuseeland tut – und nicht länger nur nach dem BIP,
in die Zukunft zu bringen, sondern das Zielsystem ausgehend          2.	durch die Umschichtung von Arbeits- auf Ressourcensteuern
von den Bedürfnissen rückwärts zu denken. Dazu müssen wir                 zum Wegbereiter für ein wirtschafts- und arbeitnehmerfreundli-
auch über die politische Konstitution in der Breite nachden-              cheres Steuersystem wird (wie in Schweden erstmals auspro-
ken und nicht nur neue techno-industrielle Systeme schaffen               biert),
und auf erneuerbare Energien und Wasserstoff setzen. Die             3.	einen Transformations- und Innovationsfonds aufsetzt (wie das
systemischen Voraussetzungen können wir nur schaffen, wenn                viel kleinere Finnland),
wir folgende zehn Punkte verwirklichen: Wir müssen erstens           4.	eine nationale Klimakommission einrichtet (wie Großbri-
Wohlstand neu definieren und dabei auf mehr soziale Fairness              tannien) sowie einen BürgerInnenrat (wie in Frankreich) um
setzen, denn wir können Klimaneutralität und Kreislaufwirtschaft          Langfristigkeit und Akzeptanz der Klimapolitik zu sichern
nicht realisieren, wenn unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem   5.	die Landwirtschaft im Sinne der Bauern und Konsumenten
zu viele Verlierer erzeugt. Wir müssen zweitens Ressourcennutzung         nach regenerativen Prinzipien neu ausrichtet,
neu definieren und damit Wohlstand von der Nutzung natürlicher       6.	das Corona-Konjunkturpaket nutzt, um den Finanzplatz Wien
Ressourcen entkoppeln. Wir müssen drittens ein neues Fortschritts-        zu einem Leitstandort für nachhaltige Finanzierung zu machen,
verständnis entwickeln, welches die Erfüllung gesellschaftlicher     7.	sich als Zentrum einer neuen Bauhausbewegung für nach-
Bedürfnisse wieder in den Mittelpunkt unserer wirtschaftlichen            haltiges Bauen und Stadtentwicklung etabliert, basierend auf
Ökosysteme stellt. Viertens müssen wir die bestehenden Metriken           (österreichischem) Holzbau und ökologischen Materialien,
zur Messung von Wohlstand neu definieren. Fünftens müssen wir        8.	die Märkte durch intelligente Regeln nutzt, um grünen Strom,
Digitalisierung und intelligenten Wohlstand als Kern europäischer         Rezyklate, organische Lebensmittel oder Ökosystemleistungen
Wettbewerbsfähigkeit verstehen. Sechstens müssen wir ein System           zu produzieren,
aus Anreizen schaffen, die den wahren Wert von Sozial- und Na-       9.	einen Digitalcluster „Industrie 5.0“ für die Entwicklung ressour-
turkapital berücksichtigen. Siebtens müssen wir unsere Konsum-            censchonender Produktionsmethoden und Geschäftsmodelle
muster fundamental ändern und diese viel stärker am Nutzen und            schafft und
nicht am Besitzen ausrichten. Achtens müssen wir das Finanz-         10.	den Aufbau einer Circular Economy mit weitgehendem Ersatz
system zu einem Katalysator der Transformation umgestalten.               von Primärrohstoffen durch Sekundärrohstoffe zur langfristigen
Neuntens müssen wir die Governance unserer Gesellschaft auf ein           Absicherung der Petro- und Metallindustrie des Landes voran-
neues systematisches und wissensbasiertes Fundament stellen und           treibt.
zu guter Letzt zehntens einen neuen Generationenvertrag durch
neue Formen der Führung errichten.                                   Ob diese Vorschläge Gehör finden? Ich weiß es nicht. Aber es gibt
                                                                     Augenblicke, in denen sich alle in den Dienst einer großen Sache
Chance für Österreich? Aktuelle Krise?                               der Zukunft stellen sollten und die vor uns liegende Transformation
                                                                     ist ein solcher Augenblick! Nie war der Zeitpunkt so gut wie jetzt!
Das hört sich alles komplex und theoretisch an? Erlauben Sie mir
Ihnen am Beispiel Österreichs aufzuzeigen, welche konkreten syste-
mischen Schritte möglich und nötig wären, um aus Österreich ein
ressourcenproduktiveres und umweltgerechteres Land zu machen.

                                                                        Die Aufnahme der Keynote zur Nachschaue finden Sie
                                                                                  unter: https://www.ressourcenforum.at/
                                                                         nachschau-viertes-nationales-ressourcenforum//

VIERTES NATIONALES RESSOURCENFORUM | Tagungsband                                                                                              9
Tagungsband VIERTES NATIONALES RESSOURCENFORUM - und 5. März 2021 - Ressourcen Forum Austria
Forum Gemeinden und Regionen
Welche Rolle haben Regionen und Gemeinden in
Bioökonomie und effizienter Kreislaufwirtschaft?

Landrat Bernhard Kern Berchtesgadener Land
Maic Verbücheln Deutsches Institut für Urbanistik
Generalsekretär Walter Leiss Österreichischer Gemeindebund
Gottfried Lamers Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie
Margit Krobath Modellregions Managerin, Ökoregion Kaindorf
Sarah Reiter Regionalmanagerin EUREGIO Salzburg – Berchtesgadener Land – Traunstein

Moderation: Lutz Dorsch FH Salzburg

Kreislaufwirtschaftsansätze werden aktuell insbesondere im Zusam-                    Ansätze, richtige Akteure, Anreize sowie Angebote und Unterstützung
menhang mit Großstädten thematisiert. Ein großer Teil der euro-                      über Förderprogramme, um das Thema in Kommunen systematisch
päischen Bevölkerung lebt jedoch in Klein- und Kleinstgemeinden.                     zu erschließen und in die Breite tragen zu können.
Städten, Gemeinden und Regionen wird ein immer größeres Poten-
tial bei der Umsetzung der Ressourcenwende zugesprochen. Es gibt                     Bedeutung der Kreislaufwirtschaft für die
zahlreiche gute Beispiele, wie Projekte im Bereich der Ressourcenef-                 österreichischen Gemeinden
fizienz, Kreislaufwirtschaft und Bioökonomie bereits vorbildhaft um-
gesetzt wurden. Das Forum hat mit unterschiedlichen ExpertInnen                      Walter Leiss, Generalsekretär des Österreichischen Gemeindebundes,
eben diese Rolle, die Regionen und Gemeinden in Bioökonomie und                      betont in seinem Vortrag, dass es die Verantwortung der Gemeinden
effizienter Kreislaufwirtschaft haben, diskutiert und konkrete Praxis-               ist, als Wohn-, Lebens-, Arbeits- und Erholungsraum für ihre Bürger-
beispiele beleuchtet.                                                                Innen attraktiv zu sein. Die möglichen Maßnahmen dazu sind sehr
                                                                                     vielfältig.
                                                                                     Er nennt einige konkrete Handlungsfelder, in denen Gemeinden als
Die Rolle der Kommunen – Akteure und
                                                                                     Antriebsmotoren für eine gelungene Ressourcen- und Kreislaufwirt-
Handlungsfelder zur Optimierung lokaler Stoffkreisläufe
                                                                                     schaft aktiv werden können. Besonders hervor hebt er dabei den Be-
Maic Verbücheln, vom Deutschen Institut für Urbanistik, führte in sei-               reich der Abfallwirtschaft. Hier sieht er insbesondere im Bereich des
nem Impulsreferat in die Rolle der Kommunen im Themenfeld Stoff-                     Siedlungs- und Haushaltsabfalls, der Bereitstellung der Infrastruktur
kreisläufe und Ressourcenschutz ein. Der Großteil der globalen Res-                  und in der Vernetzung und Kooperation mit der Privatwirtschaft die
sourcenströme wird direkt oder indirekt in urbanen Systemen genutzt                  Kommunen als wesentliche Player mit Vorbild und Vorreiter-Funkti-
bzw. konzentriert und gleichzeitig sind Kommunen BereitstellerInnen                  on. Als herausfordernd sieht er jedoch die nötige Bewusstseins- und
regionaler und lokaler Infrastruktursysteme. Sie nehmen daher sehr                   Verhaltensänderung bei den BürgerInnen zu erreichen, denn „der
unterschiedliche Rollen ein: sie sind Initiatoren, Koordinatoren, Mo-                beste Abfall ist der, der gar nicht anfällt“. Kritisch merkt Leiss an,
deratoren, Umsetzer, Partner, Finanziers, Vernetzer und Begleiter. Sie               dass Europa mit den Zielvorgaben für die Kommunen im Handlungs-
haben eine bedeutende Vorbildfunktion und durch die Nähe zu den                      feld überregulierend und die EU-Ziele teils unverhältnismäßig und
BürgerInnen eine gute Einschätzung der Potenziale „vor Ort“.                         kaum erreichbar seien und fordert mehr Handlungsspielraum der
Anhand von Beispielen stellt er einige Handlungsfelder und deren                     Mitgliedsstaaten.
Potenziale und Ansatzmöglichkeiten vor: auf der Ebene der kommu-
nalen Verwaltung hebt Verbücheln den Bereich der Stadtplanung und                    Bioökonomie auf kommunaler und regionaler Ebene
des Bauens hervor. Hier stehen der Kommune durch z.B. Planung
und eine kommunale Liegenschaftspolitik Steuerungsinstrumente                        Gottfried Lamers, Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, En-
zur Verfügung. Auch den Bereich der Beschaffung und Wirtschafts-                     ergie, Mobilität, Innovation und Technologie, gab anschließend ein
förderung betont er als wesentliche Handlungsfelder. Auf der Ebene                   Update zur Bioökonomiestrategie des Bundes.
der kommunalen Unternehmen hebt er insbesondere den Bereich der                      Nach der Genehmigung der Bioökonomiestrategie im Frühjahr 2019
Abfallwirtschaft hervor.                                                             erfolgte der Auftrag, die Strategie mit der breiten Öffentlichkeit zu
Ressourceneffizienz beschreibt Verbücheln als ein kommunales                         diskutieren und ein Maßnahmenpaket zu entwickeln. In 20 Work-
Querschnittsthema mit Bedeutungszuwachs. Es braucht integrierte                      shops mit ca. 400 ExpertInnen quer durch Österreich wurden ca. 250

10		                                                                                    VIERTES NATIONALES RESSOURCENFORUM | Tagungsband
Maßnahmen erarbeitet und fachlich durch beteiligte Ressorts (BMK,         und Energieverbrauchs und seiner Effekte wie bspw. Wertschöpfung,
BMLRT, BMBWF) und die Bioökonomie Plattform bewertet– ca. 150             aber auch Abfallproduktion und Treibhausgasemissionen sind, weist sie
Maßnahmen davon sollen nun auf lokaler Ebene und in Kooperation           insbesondere auf die geringe Distanz zu den BürgerInnen und Unter-
mit regionalen AkteurInnen umgesetzt werden.                              nehmerInnen hin. Dies ermöglicht als Koordinator und Vermittler für
Eine dieser Maßnahmen ist beispielsweise die Digitale Sekundärroh-        Bewusstsein auch eine Vorbildrolle einzunehmen.
stoff-Börse (App), die österreichweit und auf regionale Levels herun-     Anhand ganz konkreter Beispiele aus den Bereichen der nachhaltigen
tergebrochen, Abfälle, Reststoffe und Nebenprodukte erfasst und           Beschaffung, der gemeindeübergreifenden Kooperation, der Abfallwirt-
deren Vermarktung ermöglicht.                                             schaft und der nachhaltigen Flächennutzung zeigte sie die Vielfalt der
Dass im Regierungsprogramm 2020-2024 dem Thema der Bioökono-              Einfluss- und Steuerungsmöglichkeiten auf kommunaler Ebene auf.
mie ein eigenes Kapitel gewidmet ist, begrüßt Lamers sehr und stellt
Auszüge mit kommunaler und regionaler Bedeutung dar.                      In der anschließenden Diskussion wurde hinterfragt, wie Gemeinden in
Abschließend stellt er einige, aktuell umgesetzte Leuchtturmpro-          der konkreten Umsetzung von Projekten unterstützt werden können.
jekte (höhere Förderungen für Bioökonomiemaßnahmen, Waldfonds,            Aus guten Praxisbeispielen können Gemeinden voneinander lernen.
Plattform grüne Chemie) und die KLIEN Ausschreibung zu einer Bioö-        Dem Wunsch nach fertigen, übertragbaren Angeboten ist jedoch schwer
konomie Modellregion vor.                                                 Folge zu leisten. Vielmehr erforderlich ist, sich die regionalen Begeben-
                                                                          heiten gezielt anzuschauen und darauf aufbauend maßgeschneiderte
Praxisbeispiel Ökoregion Kaindorf                                         Projekte zu entwickeln. Das braucht know-how, Vernetzung und regio-
                                                                          nale Verantwortliche.
Margit Krobath, stellt anschließend die von ihr gemanagte Ökoregion
Kaindorf vor. Unter dem Motto „Warten wir nicht auf die anderen,
sondern suchen wir Wege, wie es gehen könnte!“ wurde diese 2007
in der Ost-Steiermark gegründet. Als vereinsrechtlicher Zusammen-
schluss von sieben Gemeinden zählt der überparteiliche Verein ca.
                                                                             Take Home Messages
                                                                             n Städte, Gemeinden und Regionen haben als Koordinator, Vermitt-
600 Mitglieder. Neben dem fix installierten Büro mit hauptamtlichen
                                                                                ler für Bewusstsein, Initiator und Vorbild großes Potential bei der
MitarbeiterInnen betont sie besonders die ehrenamtliche Arbeit der
                                                                                Umsetzung der Ressourcenwende.
neun ArbeitsgruppenleiterInnen im Vorstand.
                                                                             n Es besteht großer Bedarf nach Informationen über Förderprogram-
Als Klima- und Energie-Modellregion setzt die Ökoregion seit 2009
                                                                                me und Unterstützung in der Vernetzung.
schwerpunktmäßig Projekte im Bereich Bewusstseinsbildung zum
                                                                             n Es gibt bereits zahlreiche gute Beispiele für bereits umgesetzte
Klimaschutz um, aus denen sich die beiden Leuchtturmprojekte „Hu-
                                                                                Projekte auf kommunaler Ebene. Sie zeigen, dass Enthusiasmus und
musaufbau Programm“ und „Natur im Garten Steiermark“ heraus
                                                                                Engagement im Kleinen viel bewirken können.
entwickelt haben.
Als Klimawandelanpassungs-Modellregion werden seit 2017 auch
Projekte im Bereich klimafittes Bauen und Sanieren und klimafitte
Waldbewirtschaftung forciert.
Insgesamt wurden in den letzten 14 Jahren 350 Projekte umgesetzt.
Krobath stellt einige davon näher vor und zeigt damit, dass Enthusi-
asmus und Engagement im Kleinen viel bewirken können.

Projekt RessourcenRegionEUREGIO+
Sarah Reiter, Regionalmanagerin der EUREGIO Salzburg-Berchtesga-
dener Land-Traunstein, stellt in ihrem Vortrag das EUREGIO-Kleinprojekt
namens RessourcenRegionEUREGIO+ vor. Die zentrale Fragestellung
des Projektes lautet: „Wie können wir die Gemeinden im Bundesland
Salzburg, Landkreis Berchtesgadener Land und Landkreis Traunstein un-
terstützen, das Thema der Kreislaufwirtschaft auf kommunaler Ebene
umzusetzen?“. Das aktuelle Forum bildet die Auftaktveranstaltung des
Projektes.
Reiter betont das große Potential von Städten, Gemeinden und Regi-         Dieses Forum ist Teil des Projekts RessourcenRegionEUREGIO+ von Ressourcen
onen bei der Umsetzung der Ressourcenwende. Neben der Tatsache,              Forum Austria und EUREGIO Salzburg-Berchtesgadener Land-Traunstein und
dass Gemeinden und Regionen zentrale Knotenpunkte des Ressourcen-                  wird über das EU-Programm Interreg VA Österreich/Bayern 2014-2020
                                                                                                                                  finanziell unterstützt.

VIERTES NATIONALES RESSOURCENFORUM | Tagungsband                                                                                                      11
12		   VIERTES NATIONALES RESSOURCENFORUM | Tagungsband
ENERGIE,
      DIE MEIN
       KLIMA SCHÜTZT.

                Klimaschutz geht auf. Darum setzt die Salzburg AG
               ausschließlich auf Strom aus erneuerbaren Energiequellen.
              Für die tatkräftige Unterstützung hierbei bedanken wir
             uns herzlich bei Wasser, Wind und Sonne.
            salzburg-ag.at/meinklimaschutz
VIERTES NATIONALES RESSOURCENFORUM | Tagungsband                           13
Forum Wirtschaft
Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft als
Beitrag zu Dekarbonisierung und Klimaschutz
Erna Etlinger-van der Veeren Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie
Mario Schmidt INEC Institute für Industrial Ecology, Hochschule Pforzheim
Jakob Sterlich ClimatePartner Austria GmbH
David Schönmayr Program Lead Sustainability by Design, Fronius International GmbH
Walter Rabitsch Werksleiter, Brevillier Urban & Sachs GmbH & Co KG
Johannes Fresner STENUM GmbH
Michael Riegler Abteilung Klima & Umwelt, Kommunalkredit Public Consulting GmbH

Moderation: Irene Schulte Ressourcen Forum Austria

Erna Etlinger-van der Veeren leitete als Vertreterin des Klimaschutzmi-                ceneffizienz im Betrieb konkret aussehen und was bringt das für das
nisteriums die Session ein und betonte die bedeutende Rolle von Kreis-                 Klima? Schmidt zufolge ist das Bewusstsein und die Kenntnisse über die
laufwirtschaftsansätzen für den Klimaschutz. Kreislaufschließungen                     eigenen Stoffflüsse sowie der Wert von Abfällen bzw. Reststoffen zen-
und Materialeinsparungen sind aktiver Klimaschutz. Bewusst ist dem                     tral, denn oftmals liegt das einzusparende Geld quasi am Betriebshof.
Ministerium, dass Green Deal, Aktionsplan Kreislaufwirtschaft, die neue                Um dieses Bewusstsein zu heben, wurde in den 1990er die Methodik
Industriestrategie sowie die maßgeblichen nationalen Rahmenbedin-                      der Materialflusskostenrechnung entwickelt. Sie bietet Betrieben einen
gungen Produktionsbetriebe und Handwerk fordern. Etlinger-van der                      monetären Ansatz zur Berücksichtigung „versteckter“ Kosten auf Basis
Veeren plädierte in Ihren Grußworten deshalb für ein gemeinsames                       der physischen Materialströme und berechnet das Vermeidungspoten-
Handeln von öffentlicher Hand und Wirtschaft, um über Kreislaufwirt-                   tial sowohl für vermeidbare (wie auch für unvermeidbare) Verluste. Vom
schaft und Ressourceneffizienz nicht nur die Umwelt zu schonen, son-                   Rohstoff bis zum Abfall werden in der gesamten Wertschöpfungsket-
dern auch Kosten einzusparen und Wettbewerbsvorteile zu generieren.                    te Massen und Werte zugewiesen. So wird ersichtlich wie viel Materi-
                                                                                       al nicht in das Produkt und damit nicht in Wertschöpfung fließt und
Wie kann Ressourceneffizienz praktisch zum                                             welche Kosten dabei entstehen (neben den Entsorgungskosten auch
Klimaschutz beitragen?                                                                 Logistik-, Produktions-, Investitions- und Energiekosten. Eine Bewertung
                                                                                       der Materialverluste, also jener Materialien, die nicht in das Endprodukt
Auch Mario Schmidt, Professor für ökologische Unternehmensführung                      einfließen ist dann nicht nur in Geld, sondern eben auch im Treibhaus-
an der Hochschule Pforzheim schlug in dieselbe Kerbe und thematisier-                  gasemissionen möglich. Die Materiaflusskostenrechnung bietet dem-
te, den wesentlichen Einfluss von Rohstoffbereitstellung und -einsatz                  nach nicht nur die Möglichkeit zur Einbeziehung der Klimarucksäcke
für das Klima und die anderen Umweltprobleme. Wasserstress und Bio-                    von Vorprodukten und Materialien, sondern auch die Ermittlung der
diversitätsverluste sind vor allem durch die Biomassebereitstellung ge-                überflüssigen Emissionen durch Materialverluste. Die Materialflusskos-
geben. Aber auch die globalen Treibhausgasemissionen sind zur Hälfte                   tenrechnung stellt somit ein Werkzeug zur Potentialanalyse dar. Eine in-
auf die Rohstoffbereitstellung zurückzuführen (und eben nicht nur auf                  dividuelle Prioritätensetzung zur Abwägung von Optimierungsprojekten
Mobilität und Energiesystem. Vielfach ist in Produktionsbetrieben aber                 erfolgt dann auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse!
noch die Konzentration nur auf den Energiebereich vorherrschend.
Zu Beginn verwies Schmidt nochmals auf die Dramatik der Entwicklung
                                                                                       Wie kommt man zu einer ganzheitlichen
unter globaler Perspektive: Der Ressourcenverbrauch ist stark anstei-
                                                                                       Klimaschutzstrategie?
gend. Pro Kopf verbraucht jeder Mensch aktuell 12 Tonnen Material pro
Kopf und Jahr, bei Fortsetzung der aktuellen Entwicklungstendenzen                     Es ist also wesentlich, auch den Beitrag der Materialien zum Klimawan-
liegt der Wert 2060 bei 18 Tonnen. Die BürgerInnen der reichen Indus-                  del zu berücksichtigen, bestätigte Jakob Sterlich von ClimatePartner
triestaaten liegen bereits heute auf einem noch deutlich höheren Ni-                   Austria – auf betrieblicher Ebene geht das am besten über den Car-
veau.                                                                                  bon Footprint. Will man der dramatischen Herausforderung zur Ein-
                                                                                       dämmung der globalen Erwärmung und zur Einhaltung des 1,5 Grad
Die Welt braucht immer mehr an Rohstoffen,                                             Ziels entsprechen, so sind alle AkteurInnen gefordert ihre absoluten
Ressourceneffizienz ist deshalb ein Megathema                                          Emissionen rapide zu reduzieren, so Sterlich. Aktuell emittiert jeder Ös-
                                                                                       terreicherIn im Durchschnitt 9 Tonnen CO2, für das 1,5 Grad Ziel wäre
Die Ressourcenfrage wurde in der Vergangenheit vor allem aus der                       eine Reduktion des pro-Kopf-Fußabdrucks auf unter 1 Tonne CO2 pro
Knappheitsdiskussion heraus thematisiert, und Ressourceneffizienz so                   Jahr notwendig. Viele Unternehmen nehmen Ihre Verantwortung be-
auch ein zentrales Thema der Wirtschaftspolitik. Wie kann nun Ressour-                 reits wahr und wollen ganzheitlichen Klimaschutz betreiben. Dieser

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setzt zuerst die Messung des Status Quo voraus, um darauf basie-           der, sondern auch wirtschaftlicher war. Das Beispiel zeigt einerseits wie
rend konsequente Reduktionsmaßnahmen zu setzen oder zertifizierte          komplex die Optimierung einzelner Prozessstufen ist und andererseits,
Kompensationen durchzuführen. Sterlich schlägt folgende Schritte für       wie wichtig es ist, für alle Prozesse relevante Daten zu beobachten, zu
eine ganzheitliche Klimaschutzstrategie vor: Zu Beginn steht eine um-      erfassen und genau und systematisch zu analysieren.
fassende Bestandsaufnahme aller relevanten Emissionsquellen eines
Unternehmens entlang der gesamten Wertschöpfungskette (Scope 1-3)          Werkzeuge und Förderungen für Ressourceneffizienz
sowie auf Produktebene. Darauf basierend ist eine Strategie mit klaren     und Kreislaufwirtschaft im Betrieb
Zielen und konkreten Reduktionsmaßnahmen zu erarbeiten. Diese Stra-
tegie ist dann sukzessive umsetzen, wofür es wichtig ist Verantwort-       Johannes Fresner, STENUM GmbH, präsentierte im Anschluss ein neues
lichkeiten zuzuweisen, sowie ein laufendes unabhängiges Monitoring         Werkzeug, welches produzierende Unternehmen bei der Identifikation
zu installieren. Nicht zuletzt ist eine gute Kommunikation der gesetzten   von Potenzialen zur Steigerung der Ressourceneffizienz entlang des Pro-
Maßnahmen im Sinne eines „Tue Gutes und spreche darüber“ wichtig.          duktlebenszyklus unterstützt: den Ressourcen Check für Ressourcen-
Auch Sterlich betont wie seine Vorredner die Rolle der Rohstoffe für       effizienz und Kreislaufwirtschaft im Betrieb. (Mehr dazu auf Seite 16)
die betriebliche Klimabilanz in der Industrie. Rohmaterialien und Ver-     Zum Abschluss präsentierte Michael Riegler das Förderungsangebot der
packungen weisen häufig das größtes Reduktionspotential auf. Sterlich      Umweltförderung für Maßnahmen zur Steigerung der Ressourceneffi-
untermauerte dies an Beispielen aus der Glas- und Büroartikelindustrie.    zienz und dem Einsatz nachwachsender Rohstoffe und konnte anhand
                                                                           von interessanten Projektbeispielen zeigen, wie die angesprochenen
                                                                           Förderungen innovativer Maßnahmen wesentlich zur Reduktion des
Optimieren für Börsel und Klima
                                                                           Materialeinsatzes in vielen Branchen der österreichischen Wirtschaft
Beispiele aus der betrieblichen Praxis lieferten im Anschluss Vertreter    beitragen.
von Brevillier Urban & Sachs GmbH & Co KG und Fronius Internatio-
nal GmbH. Sie konnten aufzeigen, wie ihr Handeln die Betriebe auf den
Weg zur Klimaneutralität bringt. David Schönmayr zeigte Produktnach-           Take Home Messages
haltigkeit anhand eines konkreten Produktes – eines PV-Wechselsrich-
                                                                               n Der Ressourceneinsatz hat einen wesentlichen Einfluss auf
ters - und wie auf jedem einzelnen Wertschöpfungsschritt Maßnahmen
überlegt und umgesetzt werden. Konsequent wird dabei bei Fronius auf              Umwelt und Klima, Optimierungen und Kreislaufschließungen
Effizienz und Kreislaufschließungen von Materialien in der Produktion,            können deshalb auch wesentlich zum Klimaschutz beitragen
                                                                               n	Ganzheitliche betriebliche Klimastrategie ist nur auf Basis ei-
erhöhte Langlebigkeit durch Servicekonzepte und eigenem Repair Cen-
ter sowie Haltbarkeit durch hohe Qualitätsstandards geachtet. Walter              ner umfassenden Bestandsaufnahme aller relevanten Emis-
Rabitsch zeigte wiederum auf, dass es immer einer ganzheitlichen Be-              sionsquellen eines Unternehmens entlang der gesamten
trachtung entlang aller Stufen des Produktionsprozesses bedarf. Sonst             Wertschöpfungskette (Scope 1-3) sowie auf Produktebene
kann es dazu kommen, dass vermeintliche Optimierungen an einer                    möglich.
                                                                               n Prozessoptimierungen müssen immer systematisch analy-
Prozessstufe, zu Effizienzverlusten der gesamten Produktion führen. Die
Materialkosten sind bei Brevillier Urban & Sachs GmbH & Co KG, wie bei            siert werden.
vielen Produktionsbetrieben ein wesentlicher Kostenfaktor, deshalb ist
der Einkauf ständig um Kosteneinsparungen bemüht. In einem Projekt
bediente man sich deshalb günstiger eingekaufter Materialien, doch
wiesen diese über alle Produktionsstufen hinweg eine deutlich höhere
Ausschussziffer auf. Trotz Einsparungen von 15% im Einkauf kam es
somit zu höheren Herstellkosten aufgrund des erhöhten Ausschusses.
Dieser führte zu vermehrten Störungen, einer dadurch verlängerten
Maschinenlaufzeit samt höheren Energiekosten und Personaleinsätzen.
Zudem stieg auch die betriebliche CO2 Bilanz durch den höheren Mate-
                                                                           Dieses Forum ist Teil der „Webinarreihe zur Förderung von Ressourceneffizienz-
rialeinsatz sowie dem höheren Wärme- und Strombedarf. Somit zeigte
                                                                              und Kreislaufwirtschaftsaktivitäten in Österreichs Produktionsbetrieben“ von
sich, dass der vermeintlich teurere Input nicht nur ressourcenschonen-        Ressourcen Forum Austria und STENUM GmbH und wird finanziert durch das
                                                                           Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und
                                                                            Technologie und bildet gemeinsam mit den Webinaren des Schweizer REFFNET
                                                                                                          ein grenzüberschreitendes Informationsangebot.

VIERTES NATIONALES RESSOURCENFORUM | Tagungsband                                                                                                       15
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DER STIEGL-NACHHALTIGKEITSBERICHT 2020

                      Nachhaltige Braugerste

      Mehr zu den Themen „Nachhaltige Braugerste“, Kreislaufdenken
       und dem verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen in
        Österreichs führender Privatbrauerei, lesen Sie im aktuellen
                     Stiegl-Nachhaltigkeitsbericht unter

                           www.stiegl.at/nachhaltigkeit
VIERTES NATIONALES RESSOURCENFORUM | Tagungsband                       17
Forum Landwirtschaft
Bioökonomie als Chance der Landwirtschaft?
Das Beispiel Gülle
Kasimir Nemestothy Landwirtschaftskammer Österreich & Ressourcen Forum Austria
Martin Greimel Zentrum für Bioökonomie, Universität für Bodenkultur Wien
Elisabeth Neudorfer Landwirtschaftskammer Salzburg
Christian Werni Landwirtschaftskammer Steiermark
Franz Kirchmeyr Kompost & Biogas Verband Österreich
Alfred Pöllinger HBLFA Raumberg-Gumpenstein
Konrad Steiner HBLA Ursprung
Thomas Sepperer und Alexander Petutschnigg FH Salzburg, Campus Kuchl

Moderation: Matthias Greisberger Landwirtschaftskammer Salzburg

Eine Session des Vierten Nationalen Ressourcen Forum beleuchtete ein             zur Landnutzung oder Raumordnung, Politikberatung und Monitoring.
doch eher unkonventionelles Thema, an dessen bioökonomisches Po-                 Aber auch Überlegungen zum Themenkomplex „Tank/Trog/Teller“ zur
tenzial man im ersten Moment nicht sofort denkt. Doch Gülle ist eines            gesellschaftlichen Akzeptanz, Ethik, Kommunikation und Risikofolgen-
der bedeutendsten und wertvollsten Produktionsmittel in der viehhal-             abschätzung sind zu bedenken. Im konkreten Fall „Bioökonomie und
tenden Landwirtschaft. Ohne Nährstoffe kann kein Pflanzenwachstum                Gülle“ könnten nach Greimel die vier Teilbereiche in der Abbildung auf
stattfinden. Es ist von großer Bedeutung, die Nährstoffe im Kreislauf            der folgenden Seite dargestellt werden. Eine wichtige Botschaft ist,
zu halten. Bioökonomie kann viel zu einem verbesserten Nährstoff-                dass Gülle keinesfalls ein Abfallprodukt darstellt, sondern als wert-
management beitragen, war auch der Vizepräsident des Ressourcen                  volles Betriebsmittel und Nährstoffreservoir in der kreislauforientierten
Forums Austria Kasimir Nemestothy bei seinem Eröffnungsstatement                 Landwirtschaft zu sehen ist.
überzeugt.
                                                                                 Gülle und Kreislaufwirtschaft
Teilbereiche der Bioökonomie
                                                                                 Die Nährstoffe der Gülle und anderer Wirtschaftsdünger sollen im
Martin Greimel vom Bioökonomie Zentrum der BOKU rückte die Defini-               Kreislauf gehalten werden. Über landwirtschaftliche Produkte, wie
tion der Bioökonomie in den Fokus. Mit ihr wird grundsätzlich das Ziel           Milch oder Fleisch, werden sie jedoch aus dem Kreislauf ausge-
verfolgt, von der erdölbasierten Wirtschaft weg und hin zu einer Markt-          schleust. Mit zugekauften Futtermitteln, Mineralstoffmischungen oder
wirtschaft zu kommen, in der fossile Ressourcen durch verschiedene               Zukaufsdünger kann der Nährstoffpool wieder aufgefüllt werden, so
nachwachsende Rohstoffe ersetzt werden. Um die Bioökonomie als                   die Ausführungen von Elisabeth Neudorfer von der Landwirtschafts-
Ganzes voranzutreiben, sollten dabei stets vier Teilbereiche interdiszi-         kammer Salzburg. Aber auch Verluste wie die Stickstoffausgasung
plinär erforscht und gemeinsam betrachtet werden. Die Teilbereiche               durch Ammoniak, die bei der Lagerung und Ausbringung von Gülle
„Rohstofferzeugung“ rund um das Pflanzenmanagement vom Anbau                     auftreten kann, gilt es zu minimieren. Hierbei stellen sich viele Heraus-
bis zur Ernte oder das Tiermanagement mit den Themengebieten                     forderungen am landwirtschaftlichen Betrieb. Bei der Reinigung von
Zucht, Fütterung und Haltung und der Bereich „Be- und Verarbeitungs-             Stallflächen, der baulichen Gestaltung des Güllelagerbehälters sowie
prozesse“ mit Forschung zur Ernteaufbereitung sowie Technologien zur             bei der Verdünnung mit Wasser zur Verbesserung der Fließfähigkeit,
Biomasseumwandlung stehen vielfach im Fokus von bioökonomischen                  der Gülleausbringtechnik und bei der Erforschung von Güllezusätzen
Aktivitäten. Wie auch in der österreichischen Bioökonomiestrategie               und Technologien zur Nährstoffextraktion kann angesetzt werden.
festgehalten, sollten von Beginn an auch „Umweltwissenschaftliche
Aspekte“ und „Sozialwissenschaftliche Aspekte“ mitbedacht werden.                Bioökonomie in der Güllewirtschaft
Bei ersterem sollen Themenfelder wie Nachhaltigkeit, kaskadische
Nutzung, Ökobilanzierung, Beitrag zu Klimazielen oder Ökosystem-                 Das EIP-Projekt Ammosafe hat sich zum Ziel gesetzt ein praktisch
leistungen berücksichtigt werden. Die „Sozialwissenschaftlichen                  umsetzbares, technisches, kostengünstiges und mobiles Verfahren
Aspekte“ umfassen die Ökonomie, das Konsumverhalten, Trade offs                  zur Wirtschaftsdüngeraufbereitung zu entwickeln, um mit einer
                                                                                 Abscheiderate von über 90 % den Ammonium-Stickstoff aus der Gülle

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