Unruhen in China Beilage der Wildcat #80 - Dezember 2007

Die Seite wird erstellt Sven-Aarge Bergmann
 
WEITER LESEN
Unruhen in China
Beilage der Wildcat #80 – Dezember 2007
Chinesisch –
                                                Sprache für Sozialrebellen
                                                Auf den ersten Blick erscheint die chinesische Sprache
                                                vielen NichtchinesInnen fremd und kompliziert. Tatsäch-
                                                lich geht ein Studium mit dem Erlernen von Singen und
                                                Malen einher, dem Umreißen vielstrichiger Zeichen und
                                                dem Formen obskurer Sch-Laute. Im Vergleich zu ande-
                                                ren schwierigen Sprachen, wie Deutsch, hat die chine-
                                                sische Sprache aber eine einfache Grammatik. Kein Wun-
                                                der, können doch wegen der festgelegten Silben (etwa
                                                400), die den Zeichen zugeordnet sind und aus denen alle
                                                                 Worte und Sätze bestehen, keine Verben
                                                                 konjugiert und keine Substantive dekli-
                                                                 niert werden. Das führt in anderen Spra-
                                                                 chen dazu, dass sich Worte ständig seltsam
                                                                 verändern.
                                                                 Für das Chinesische gibt es eine latei-
                                                                 nische Umschrift aller Silben, das soge-
                                                                 nannte pinyin, das uns – und heutzutage
                                                                 allen Kindern in China – das Erlernen der
                                                                 Aussprache eines Zeichens (einer Silbe)
                                                                 erleichtert. Jede Silbe (wie shi, wo, tuo...)
                                                                 wird – im sogenannten Hochchinesischen
                                                                 – in vier unterschiedlichen Tönen gespro-
                                                                 chen, was nicht nur die Aussprache ändert,
                                                                 sondern auch die Bedeutung. Wir müssen
                                                                 beim Schreiben von pinyin-Worten also
                                                                 auch den Ton angeben. Dafür verwenden
                                                                 wir hier Zahlen hinter den Silben. Ein
                                                                 Beispiel mit der Silbe xing: Erster Ton:
                                                                 xing1 = nach Fisch riechen (㜹), zweiter
                                                                 Ton: xing2 = Folter (ߥ), dritter Ton: xing3
Dieses Heft ist eine Beilage der wildcat #80.   = Nase schnäuzen (᪸) und vierter Ton: xing4 = Sex (ᗻ).
     Diese Texte und andere findet Ihr auf:      Der erste Ton wird hoch und auf gleich bleibender Ton-
    www.wildcat-www.de/dossiers/china           höhe gesprochen, der zweite Ton steigt an, der dritte Ton
                                                geht nach unten und steigt anschließend wieder an, und
          Anregungen, Fragen und Kritik an:     der vierte Ton ist fallend und knapp.
             wiu@wildcat.rhein-neckar.de
                                                   In diesem Heft findet ihr pro Seite einen chinesischen
                           Bestellungen:        Begriff, bestehend aus zwei oder mehr Zeichen. Wir ver-
                               Shiraz e.V.      wenden dabei die vereinfachte Schreibweise, die in der
                        Postfach 30 12 06       Volksrepublik China gilt, und nicht die traditionelle, die
                              50782 Köln
                                                weiterhin in Hongkong, Taiwan und Singapur verwendet
                                    oder:
                 versand@wildcat-www.de
                                                wird. Unter den Zeichen steht jeweils die pinyin-Um-
                                                schrift, die deutsche Übersetzung und manchmal eine
                  Fertigstellung: 20.11.2007    kurze Erklärung. Klar, dass wir vor allem Begriffe gesam-
                                                melt haben, die mit der Lage und den Kämpfen der «ge-
                                                fährlichen Klassen» in China zusammenhängen.
                                                   Falls ihr Lust habt, euch noch näher mit der Sprache zu
                                                beschäftigen, dann mal los! Es wird euch eine neue Welt
                                                eröffnen, nicht nur was die Sprache selbst angeht. Chine-
                                                sisch befähigt euch, an einigen der spannendsten sozialen
                                                Auseinandersetzungen teilzunehmen, die vor uns liegen.
                                                Die Zukunft dieser Kämpfe ist ungewiss, aber die (chine-
                                                sischen) Zeichen für eine umfassende soziale Rebellion
                                                stehen ϡ䫭, bu4 cuo4: nicht schlecht!
Unruhen in China                                                                                                       1
Leitartikel zur Wahrnehmung von China hier, den Kämpfen der «gefährlichen Klassen» dort,
der neuen Rolle Chinas in der Welt und den Versuchen einer Linken, die Kämpfe in China zu
unterstützen. [2]

                     Die Geister der Geschichte
                     In diesem Beitrag beschäftigt sich Anton Pam mit den Hintergründen der Kämpfe der
                     Bauern und WanderarbeiterInnen, der Spaltung in Land- und Stadtbevölkerung, den
                     Lehren der Hunger-Geschichte, den aktuellen Auseinandersetzungen... [11]

                                    Gesichter der Wanderung

     Y
                                    Überblick über die Lage der WanderarbeiterInnen, die Arbeits- und
                                    Lebensbedingungen, Organisierungsformen und Streiks dieser «neuen»
                                    Arbeiterklassen. [18]

                                             Wanderarbeit in Tianjin
                                             Auswertung einer Serie von Interviews mit Bauarbeitern und

                                                                                        ^
                                             Dienstleistungsarbeiterinnen in Tianjin, Nordchina, die uns
                                             deren konkrete Lebenssituation näherbringen. [29]

Die unglückliche Arbeitergeneration
Artikel zu den Protesten der städtischen ArbeiterInnen, die zu den Verlierern der Re-
formen seit 1978 gehören und von denen viele seit den neunziger Jahren entlassen
wurden und nun zu den prekären Teilen des städtischen Proletariats gehören. [35]

           Arbeiterinnen im maoistischen Patriarchat
           Der Maoismus hat Formen des «feudalistischen» Patriarchats übernommen und in die neuen
           gesellschaftlichen Organisationsformen integriert. Dieser Beitrag erläutert dies am Schicksal der
           Frauen aus der Generation der Kulturrevolution. [43]
                                                                                                                     㔶
                          Eine gescheiterte Revolution?
                                                                                                                     Ꮉ

a
                          Anton Pam stellt in diesem Beitrag die Bewegung vom Tian'anmen 1989 und ihre
                          Niederschlagung dar und geht der Frage nach, welche Rolle die ArbeiterInnen beim
                          Aufstand gespielt haben. [52]
                                                                                                                     ba4gong1

                                Adam Smith in Beijing                                                                streiken
                                Giovanni Arrighi untersucht in seinem neuen Buch den Abstieg Chinas im
                                19. und den Wiederaufstieg Ende des 20.Jahrhunderts, der die Welt verändern wird.
                                Diese Besprechung schildert seine Argumentation und lädt zur Kontroverse ein. [59]

  China und Indonesien
  Vieles unterscheidet diese beiden Entwicklungsdiktaturen,
  aber bei diesem Vergleich stoßen wir auch auf erstaunliche
  Gemeinsamkeiten. [68]

                Unbequeme Filme in unbequemen Zeiten
                                                                        X
                Vorstellung einiger Spiel- und Dokumentarfilme, die sich den gesellschaftlichen Umbrüchen,
                sozialen Verhältnissen und Kämpfen in China widmen. [74]

                                 Nachschauen
                                 Chinesisch für Sozialrebellen [Umschlag vorne],
                                 Buchtipps [79], politische Karte von China [80] und
                                 Daten der neueren Geschichte Chinas [Umschlag hinten].
2
                                              Unruhen in China
                     uf der anderen Seite des Globus tut sich Gewal-     Ende der siebziger Jahre haben die alte Klassenzu-
                A    tiges. Aber was? Da werden die Städte gezeigt
                mit ihren Neureichen, mit den Malls, der neuen
                                                                         sammensetzung aufgemischt. Alle drei genannten
                                                                         Gruppen sind immer wieder in Bewegung und set-
                Mode und den umtriebigen Künstler-Unterneh-              zen durch ihre Forderungen nach einer Teilhabe
                merInnen. Alles etwas fremd, etwas hip und in der        am neu geschaffenen gesellschaftlichen Reichtum
                Dosis der Reportage dann doch so vertraut. Dann          und durch ihre Protestaktionen das Regime der
                dieses China im architektonischen Umbruch mit            Kommunistischen Partei Chinas unter Druck. Von
                den täglich neuen Wolkenkratzern, dem Olympia-           außen ist es oft wenig sichtbar, aber diese Aktionen
                stadion und den abscheulichen Neubauvierteln.            haben zumindest dazu geführt, dass sich die Le-
                Und selbstverständlich wird nie vergessen, auf die       bensbedingungen nicht nur der städtischen Mittel-
                armen Mädchen in den Fabriken hinzuweisen, wel-          schicht sondern der meisten Leute in China in den
                che die giftigen Spielsachen produzieren müssen.         letzten dreißig Jahren verbessert haben. Es gibt fast
                   Was ist, wenn alle Chinesen Auto fahren? Die          keinen Hunger mehr und viel mehr Leute haben
                chinesische Gesellschaft fordert ihren Anteil am         Zugang zu wichtigen Konsumgütern. Das bedeutet
                weltweiten Reichtum ein. Müssen wir dann teilen,         allerdings nicht, dass alles glatt läuft. Gerade die
                verzichten, astronomische Preise für Energie zah-        Umwandlung vieler staatlicher Dienstleistungen
                len? Wird die Atmosphäre das überleben?                  (Bildung, Gesundheit) in Waren, die bezahlt wer-
                   In den späten neunziger Jahren hantierten bei         den müssen – auch Kommodifizierung genannt –,
                uns die Kapitalisten oft erfolgreich mit der Dro-        führte zu einer Verknappung von Ressourcen, die
                hung, die Fabriken nach China zu verlagern. Dann         sich obendrein viele nicht mehr leisten können, wie
                kamen die Billigelektroartikel, die heute nicht          sich in der Gesundheitsversorgung zeigt.
                mehr ganz so billig und auch nicht mehr ganz so             Die offiziellen Zahlen der Regierung sagen uns,
                minderwertig sind. Derzeit wird «China» für die          dass die sozialen Unruhen seit Mitte der neunziger
                Ölpreise verantwortlich gemacht und morgen wer-          Jahre stetig zugenommen haben, mit derzeit jähr-

 㸼
                den wir massive nationalistische Progaganda gegen        lich Hundertausenden von Konflikten und vielen
                das «chinesische» Finanzkapital erleben, das hier        Millionen Beteiligten. Dabei kommt es sowohl zu
                die Sahnestückchen kauft.                                immer mehr institutionell abgesicherten, legalen
                   Wir erinnern uns an den Aufstieg Japans in            Formen des Protestes (wie Petitionen, Anrufen

 ⦄              den achtziger Jahren. Damals wurde uns allen ein
                schlechtes Gewissen gemacht, weil «die Japaner»
                schneller, länger, gewissenhafter arbeiten – und Be-
                                                                         von Schlichtungsstellen, juristischen Auseinan-
                                                                         dersetzungen) als auch nicht-institutionellen For-
                                                                         men (wie Demonstrationen, Blockaden, Streiks).
                griffe japanischer Arbeitsorganisation halten sich       Die einzelnen sozialen Auseinandersetzungen sind
                mancherorts bis heute. Jetzt sind «die Chinesen»         in der Regel auf einen Betrieb, einen Ort oder
                billiger, williger, geschäftstüchtiger und haben kei-    Stadtteil beschränkt, finden noch getrennt und
 biao3xian4
                ne Gewerkschaft.                                         nebeneinander statt. Es gibt kaum offizielle Or-
                   China also als Bedrohung, auch wenn anerkannt         ganisierungsformen, und wenige ArbeiterInnen
 (Arbeits)      wird, dass die Weltkonjunktur auf dem chine-             versuchen von sich aus, ihre Kämpfe auszuweiten,
 Leistung       sischen Wirtschaftswunder beruht. Nur wer die            weil die beteiligten AktivistInnen der Repression
   [in den
                Zeitungen des Kapitals liest, erfährt, dass es da eine   nicht ins offene Messer laufen wollen. Sie wissen
 staatlichen    ganz andere Angst gibt. Nämlich vor dem Fall des         um die Grenzen und Gefahren. Aber wo immer
Betrieben oft   Regimes in China und der damit drohenden Um-             es möglich scheint, setzen sich ArbeiterInnen und
an politische   wälzung der Verhältnisse. Verhältnisse, die jetzt        Bauern für ihre unmittelbaren Interessen ein und
Stromlinien-
 förmigkeit
                noch Überausbeutung, Extraprofite, Fälschung              warten nicht erst auf eine größere Bewegung oder
 gebunden]      und Umweltzerstörung, Armut und obszönen                 gemeinsame Mobilisierung. Soziale Unruhen sind
                Reichtum, Korruption und Repression bedeuten,            verbreitet und die Leute greifen schnell zu kollek-
                kurzum auf der Lohnarbeit beruhen.                       tiven Aktionen. Ihr Wissen und ihre Erfahrungen
                   Diese Angst ist berechtigt. Die chinesische Ge-       über die Verhaltensweisen und die Kämpfe zirku-
                sellschaft ist in Bewegung. Die neuen Arbeiter-          lieren durch die Wanderung, über ihre Familien
                Innen, die städtischen ProletarierInnen, die Bauern      und andere Kontakte, über die neuen Kommuni-
                kämpfen um eine bessere Gegenwart und vor allem          kationsmittel wie Handys und Internet.
                um eine bessere Zukunft. Um diese bereits vor sich          Momentan scheint es aber keinen Anlass und
                gehende Umwälzung geht es in diesem Heft.                kein Ziel für eine neue Bewegung zu geben – an-
                                                                         ders als 1989, als die Besetzung des Tian'anmen-
                «Gefährliche Klassen»                                    Platzes durch die StudentInnen den Rahmen zu
                Auf welchem Stand sind die Kämpfe der drei «ge-          einer landesweiten Mobilisierung gab, an der sich
                fährlichen Klassen», der städtischen ArbeiterInnen,      auch viele ArbeiterInnen beteiligten. Erneuter ge-
                WanderarbeiterInnen und Bauern? Die immensen             sellschaftlicher Aufruhr dieser Art wird durch die
                sozialen Umwälzungen seit Anfang der Reformen            unterschiedlichen Bedingungen der Ausgebeuteten
und diverse Spaltungsmechanismen behindert. Die
Anlässe für soziale Kämpfe sind verschieden, weil
                                                      verfolgt und erniedrigt. Die größten Probleme
                                                      aber sind der Landraub, die oft entschädigungslose        3
die rasant wachsende Wirtschaft nicht nur neue        Enteignung der Bauern durch korrupte Beamte, die
Subjekte, sondern damit auch eine ganze Reihe         das Land für Infrastrukturprojekte, Industrie- oder
unterschiedlicher sozialer Brennpunkte geschaffen     Wohngebiete nutzen oder verkaufen, sowie die
hat: soziale Degradierung und die Beseitigung sozi-   Verseuchung und Unbrauchbarmachung von Land
aler Absicherung, prekäre Jobs, ungezahlte Löhne,     durch Industrieabfälle, versickernde Flüsse und an-
Arbeitsunfälle, Verseuchung von Luft, Wasser und      dere Formen der Umweltzerstörung. Es soll schon
Boden, Landraub. Weiterhin gibt es eine Trennung      über vierzig Millionen landlose Bauern geben, von
zwischen Land- und Stadtbewohnern, auch wenn          denen in den letzten Jahren viele aufbegehrten, zu-
das in den fünfziger Jahren eingeführte Haushalts-    nächst oft durch Beschwerden und Petitionen, aber
registrierungssystem (hukou) durch die Wande-         wo diese scheiterten, durch gewaltsame Aktionen
rungsbewegungen immer mehr aufgeweicht wird.          und Angriffe auf Kader und Rathäuser. Sie wollen
Das Verhältnis von Stadt- und Landbewohnern,          ihr Land verteidigen, da es weiterhin ihre einzige
aber auch gegenüber «Fremden» aus anderen Pro-        «Sicherheit» ist gegen den in Zeiten des Sozialis-
vinzen oder Ortschaften ist oft durch Ablehnung       mus allgegenwärtigen Hunger, an den sie sich noch
geprägt. Vom Maoismus nicht aufgebrochene, pa-        gut erinnern können.
triarchale Verhältnisse bestimmen weiter die Ge-        Bei den ArbeiterInnen lassen sich weiter grob
schlechterbeziehungen, wobei es auch hier einen       zwei Arbeiterklassen unterscheiden: zum einen
Unterschied zwischen Stadt und Land gibt. Zudem       wurden die «alten» staatlichen Industriesektoren
hat es zwar einen Übergang vom sozialistischen        umstrukturiert und etwa fünfzig Millionen Staats-
Zwangskollektivismus in ein kapitalistisches Lohn-    arbeiterInnen im nördlichen Rostgürtel und an-
und Kontrollsystem gegeben, die strikten Arbei-       derswo aus ihren garantierten Jobs gedrängt. Viele
terhierarchien und der Fabrikdespotismus blieben      von ihnen kämpfen gegen ihren Ausschluss und
aber in «modernisierter» Form bestehen.               den Verrat durch den sozialistischen Staat. Zum
   Schauen wir uns die Erfahrungen der drei «ge-      anderen wurden aus Teilen der Bauernschaft neue
fährlichen Klassen» genauer an: Die Bauern, chine-    proletarische Subjekte geschaffen, die über hun-
sisch nongmin, immer noch die größte gesellschaft-    dert Millionen mingong oder BauernarbeiterInnen,
liche Gruppe in China (etwa 700 Millionen), waren     die umherziehen und arbeiten. Sie kämpfen gegen
in den achtziger Jahren zunächst Nutznießer der
Reformen. Die Volkskommunen wurden aufgelöst
und jede Familie erhielt das Recht auf Zuweisung
                                                      ihre Ausbeutung und Diskriminierung. Diese zwei
                                                      Gruppen repräsentieren den Tod des alten und
                                                      die Geburt des neuen Ausbeutungsregimes. Beide
                                                                                                             ࠹
                                                                                                             ࠞ
und Nutzung eines Stückes Land, das weiter dem        Klassen sind in sich nicht homogen, denn es gibt
Staat gehört. Die ländlichen Einkommen stiegen,       jeweils nach Sektor, Region oder Herkunft der Be-
ihre Situation besserte sich. Nach und nach be-       troffenen große Unterschiede bezüglich Arbeitsbe-
kamen sie aber auch die neuen Härten zu spüren:       dingungen, Lebensstandard, Zukunftsaussichten,
Preiserhöhungen und die Kommerzialisierung des        Wünschen, Problemen, Kampfmöglichkeiten. Bei
Bildungs- und des Gesundheitssystems fraßen die       den mingong reicht das zum Beispiel von Arbeit un-
Einkommenszuwächse wieder auf. Bei den Bauern         ter sklavenähnlichen Verhältnissen in Werkstätten      bo1xue1
gilt heute die Regel, dass eine einfache Krankheit    oder Minen in armen Binnenregionen bis hin zu
den Verlust eines Schweins, eine mittlere Krank-      vergleichsweise hoch entlohnten Facharbeiterlöh-      ausbeuten
heit den eines Jahreseinkommens und eine schwere      nen in den industriellen Zentren wie Shanghai.
Krankheit für die Familie den Ruin bedeutet. Die      Aber trotzdem lassen sich die «alte» und die «neue»
größere wirtschaftliche Autonomie der lokalen         Arbeiterklasse ausmachen, trennen sie doch unter-
Behörden führte nicht nur zur Entwicklung einer       schiedliche Erfahrungen mit dem Staat, ein ande-
vom lokalen Staat unterstützten ländlichen Akku-      rer Status durch ihre Registrierung als Stadt- oder
mulation, sondern auch zur Herausbildung einer        Landbewohner, und damit zusammenhängend ihre
gnadenlosen lokalen Staatsmafia, die sich durch        Lage als Proletarisierte oder Semi-Proletarisierte.
immer neue Steuern und Abgaben für die Bauern           Die «alte» Arbeiterklasse sind zum einen die
bereichert und aufmüpfige LandbewohnerInnen            noch in staatlichen Unternehmen, in der Industrie,

                                                                                                            ArbeiterInnen
                                                                                                            fordern Lohn;
                                                                                                              Randale in
                                                                                                              Shenzhen;
                                                                                                             Demo gegen
                                                                                                             Umweltzer-
                                                                                                               störung
4          in Dienstleistungsbereichen und Verwaltungen ar-
              beitenden gongren, zum anderen die xiagang, die
                                                                      chinesisches Arbeitsgesetzen, aber die zuständigen
                                                                      lokalen Behörden handeln in den seltensten Fällen,
              «Abgewickelten», dort bereits Entlassenen. Sie          wollen sie doch potentielle Investoren nicht ver-
              wohnen und arbeiten in der Stadt und verfügen           schrecken – wenn sie nicht selbst als Teilhaber oder
              außer ihrer Arbeit (oder staatlichen Wohlfahrtslei-     Geldgeber von der Ausbeutung profitieren.
              stungen) über keine Einkommensmöglichkeiten.               Die mingong kommen trotzdem in die Stadt. Sie
              Ihr Verhältnis zum Staat ist durch einen Jahrzehnte     vergleichen ihre prekäre Lage mit dem Leben ihrer
              lang geltenden Sozialvertrag geprägt, der ihnen im      Eltern und Großeltern – also mit der Not unter der
              staatlichen Betrieb, der danwei, Wohnungen, Kran-       Guomindang vor 1949, dem Hunger beim «Groß-
              ken- und Altersabsicherung, eben die komplette          en Sprung nach Vorn» und der Armut und den
              «Eiserne Reisschüssel» garantierte. Seit die Re-        Verfolgungen während der Kulturrevolution. Sie
              gierung 1997 die Schließung vieler danwei und die       wollen der materiellen und kulturellen Rückstän-
              Entlassung der vorher lebenslang angestellten Ar-       digkeit auf dem Land entfliehen. Wenn die jungen
              beiterInnen beschloss, haben Millionen ihren Job        Leute vom Dorf heute in die Industriestädte des
              verloren. An den Entlassungen, Firmenbankrotten         Ostens kommen und zwölf Stunden am Tag und
              und Privatisierungen entzünden sich nun immer           ohne freies Wochenende für fünfzig bis hundert
              neue Kämpfe. Konkret geht es dabei oft um die Be-       Euro im Monat malochen, dann ist unsere Asso-
              dingungen und Begleitumstände der Umstruktu-            ziation Manchester-Kapitalismus und sweatshop,
              rierung oder Privatisierung, wie um ausbleibende        aber sie selber erleben nicht nur die Ausbeutung,
              Löhne, Abfindungen, Renten und Arbeitslosen-             die miesen Vorarbeiter und die giftigen Dämpfe
              geld. Die Kämpfe werden in ihren Wohnvierteln           in der Fabrikhalle, sondern auch die Möglichkeit,
              organisiert, welche die Zerlegung der staatlichen       Freunde oder Freundinnen zu finden und am mo-
              Betriebe überdauert haben. In den Protesten spie-       dernen Konsum teilzuhaben – wozu erst mal Inter-
              len die bisherigen betrieblichen und sozialen Hie-      net, Handy oder Makeup gehören mögen. Beson-
              rarchien eine Rolle, die Vorarbeiter, Meister, lokale   ders für die Frauen zählt zudem die im Vergleich
              Verwalter oder Partei- und Gewerkschaftsführer.         zum patriarchalen Dorf geringere soziale Kontrol-
              Sie benutzen nicht selten eine vom KP-Jargon und        le. Dazu kommt, dass ihr Lohn oft nicht nur sie
              der Kulturrevolution geprägte Sprache, um sich          selbst ernährt, sondern auch noch den Verwandten
              gegen ihre «Enteignung» zu wehren. Schließlich          ermöglicht, auf dem Dorf ein Haus zu bauen, was
              waren sie bisher die «Herren der Fabrik», die Stüt-     ihnen wiederum mehr Raum und Bedeutung in der
              ze des kommunistischen China. Die letzte große          Familie verschafft. Viele wollen nicht mehr dauer-

ᢚ             Mobilisierung, die auch die Begrenzung auf einen
              Betrieb oder einen Ort sprengte, fand im Frühjahr
              2002 in Nordostchina statt, eine Streik- und Pro-
                                                                      haft zurück aufs Land – oder erst, wenn sie genug
                                                                      Geld verdient haben, um sich mit Ehepartner und
                                                                      Kind niederzulassen, was ihnen wegen ihres länd-
              testbewegung von staatlichen Erdöl- und Stahlar-        lichen hukou und ihrer prekären materiellen Lage
              beitern, mit «illegalen» Organisationsstrukturen,       in der Stadt weiterhin schwer gemacht wird.
              Demontrationen und Besetzungen. ArbeiterInnen              Das heißt aber nicht, dass sie die Situation in
              in anderen Gegenden ließen sich durch dieses Vor-       der Stadt hinnehmen. Die Zahl der Kämpfe der
  chai1       bild inspirieren. Die Bewegung wurde durch staat-       mingong nahm in den letzten Jahren zu. Es geht ge-
              liche Repression zerschlagen, angebliche Rädels-        gen Lohnbetrug und die Arbeitsbedingungen, wie
abreißen,     führer sitzen heute noch im Knast.                      Strafen, Arbeitstempo, und immer häufiger auch
demontie-        Die «neue Arbeiterklasse» der Arbeitsmigrant-        gegen lange Überstunden, Gesundheitsschäden,
   ren        Innen oder mingong ist vor allem durch die Verla-       schlechte Wohnheime und so weiter. Die Verbin-
              gerung von Industrien in die Sonderwirtschaftszo-       dungen aus der alten Heimat (Familien, Dorfstruk-
 [wird an     nen Chinas und die (Semi-)Proletarisierung eines        turen) spielen in diesen Kämpfen gegen die Fabrik-
die Häuser
              großen Teils der ländlichen Bevölkerung entstan-        bosse ebenso eine Rolle, wie schon bei der Suche
gemalt, die
abgerissen    den, die es seit Anfang der achtziger Jahre in die      nach Arbeit, beim Zurechtfinden in den Indus-
  werden      Städte zieht. Diese mingong arbeiten unter anderem      triestädten. Die mingong kennen den alten Sozial-
  sollen]     als FabrikarbeiterInnen, Bauarbeiter, Straßenhänd-      vertrag der städtischen gongren nicht. Sie kämpfen
              ler, Sexarbeiterinnen, Dienstmädchen. Sie sind die      hier und heute für ihre Rechte, gegen Diskriminie-
              Träger des chinesischen Wirtschaftsaufschwungs,
              und diejenigen von ihnen, die in den Weltmarktfa-
              briken arbeiten (vor allem junge Frauen) und dort
              Kleidung, Spielzeug, Elektrowaren, Elektronik und
              Autoteile produzieren, gehören zu den wichtigsten
              Akteuren der zeitgenössischen Globalisierung.
              Die Bedingungen in den Fabriken – und auch in
              den anderen Bereichen, in denen mingong arbeiten
              – sind erschreckend: überfüllte Wohnheime, nied-
 Streik in    rige Löhne und häufiger Lohnbetrug, lange Ar-
  einem
Restaurant    beitszeiten und Überstunden, repressives Manage-
in Beijing    ment, willkürliche Strafen bei Verstößen, fehlende
              soziale Absicherung. Vieles davon widerspricht den
rung als WanderarbeiterInnen mit ländlichem hu-
kou. Sie haben gegenüber den StädterInnen einen
                                                        tuation in den Betrieben ist enorm hoch, und die
                                                        heutige Generation von Wanderarbeitern ist sehr          5
Vorteil, können sie doch wieder aufs Dorf, wenn         viel ungeduldiger und anspruchsvoller als ihre
sie entlassen werden, einen Unfall haben oder um        Vorgänger. Sie verkauft ihre Arbeitskraft zu einem
ihren Lohn betrogen werden, weil sie und ihre Fa-       höheren Preis, wo immer das geht. Firmen müs-
milie in der Regel noch Anrecht auf das Stück Land      sen sich entsprechend mehr Mühe geben, Leute zu
haben, dass sie in der Not ernähren könnte.             halten, indem sie zum Beispiel bessere Unterkünfte
                                                        bauen oder Freizeitmöglichkeiten bieten.
Tendenzen                                                 Und die Bauern? Sie werden sich weiter mit
Die «gefährlichen Klassen» Chinas tasten beim           Landraub, Korruption und der Abgabenlast rum-
Überqueren des Flusses nach den Steinen, sie ex-        schlagen müssen. Aber sie stehen auch unter dem
perimentieren mit Widerstandsformen. In Zeiten          Einfluss der Ereignisse in den Städten: In jeder
des Umbruchs, der institutionellen Instabilität und     Bauernfamilie gibt es Verwandte, die als mingong
des Fehlens funktionierender Kanäle für die Lö-         unterwegs sind. Zudem waren viele Bauern früher
sung sozialer Probleme haben ihre Kämpfe Chan-          schon mal selber länger in der Stadt zum Arbeiten,
cen, den Gang der Ereignisse entscheidend zu ver-       und viele sind regelmäßig auf dem Land oder in
ändern.                                                 Kleinstädten auf Baustellen und in Betrieben be-
  Die angesprochene Teilung in zwei Arbeiterklas-       schäftigt. Auch wenn sich die Bedingungen auf den
sen prägt noch die gegenwärtige Situation, könnte       Äckern und in den dörflichen und kleinstädtischen
sich aber mehr und mehr auflösen. Es gibt Anzei-         Unternehmen von denen in städtischen Unterneh-
chen, dass die mingong zu dauerhaften Bewohner-         men und Weltmarktfabriken unterscheiden mögen,
Innen der Städte werden. Viele haben ihren Land-        für ein Zusammenkommen in den Kämpfen stehen
anspruch bereits durch Entwicklungsprojekte und         die Voraussetzungen gar nicht schlecht. Arbeitsmi-
Betrügereien verloren, und noch ist offen, ob die
zweite und dritte Generation nicht in der Stadt blei-
ben und damit die Verbindung zum Land und ihren
                                                        grantInnen und städtische ArbeiterInnen teilen die
                                                        Erfahrung der Unterdrückung und Auspressung
                                                        – und den Hass gegen die Kapitalisten, die Reichen
                                                                                                               ॖ
Status als Semi-Proletarisierte aufgeben wird. Vor      und die korrupten Beamten. Schon heute haben
allem die zweite Generation, ob sie als Kind noch
das Elend auf dem Land erlebt hat oder ganz in
der Stadt aufgewachsen ist, hat oft keine Lust, aufs
                                                        die Kämpfe aller den lokalen Staat im Visier, und
                                                        es ist fraglich, wie lange der Zentralstaat noch die
                                                        Rolle des Vermittlers spielen kann, wenn er sich als
                                                                                                               ᮍ
                                                                                                               ֱ
Land zu ziehen. Während die mingong mittelfristig       unwillig (und unfähig) zeigt, die Probleme der Aus-
vollständig proletarisiert werden könnten, wird die     beutung, Korruption und Willkür zu lösen.
alte Arbeiterzusammensetzung in den Städten auf-
gelöst und ein Teil davon prekarisiert. Diese «Ar-      Krisenmanagement
beitlosen» und informellen ArbeiterInnen machen
schon dieselben Jobs wie die mingong, wie Stra-
ßenhandel, Bauarbeit, Wachschutz. Auch in den
                                                        Das Regime spürt die Gefahr einer sozialen Explo-
                                                        sion. Bisher gelang es ihm, durch ein geschicktes
                                                        Krisenmanagement den Sprengstoff immer wieder
                                                                                                               ᅝ
staatlichen Fabriken ändert sich die Zusammenset-       zu entschärfen und die Entstehung einer starken
zung der ArbeiterInnen. Dort werden zunehmend           Klassenbewegung zu verhindern.                      chang3fang1
mingong eingestellt, vor allem für die dreckigen           Der Staat reagiert auf Kämpfe mit einer Mi-        bao3an1
und harten Jobs, und die StädterInnen bekommen          schung aus Konzession und Repression. Die seit
nur noch befristete Arbeitsverträge, allerdings wei-    2003 regierende Partei- und Staatsführung maß Werkschutz
terhin meist mit etwas höheren Löhnen, sozialen         den sozialen Problemen und Konflikten gezwun-
                                                                                                             [wird nicht
Garantien und Privilegien.                              genermaßen mehr Bedeutung bei als ihre Vor-
                                                                                                           nur bei Streiks
  Die genannte Spaltung zwischen «Einheimi-             gänger. Sie versuchte, die Diskriminierung von        gegen die
schen» und «Zugereisten» wirkt weiter, aber es ist      WanderarbeiterInnen (zum Beispiel durch will- ArbeiterInnen
offen, was passiert, wenn die mingong als dauerhafte    kürliche Verhaftungen) abzubauen und Sozialpro-      eingesetzt]
StadtbewohnerInnen erfolgreich ihre Ansprüche           gramme aufzulegen, welche die sozialen Folgen
geltend machen. Sie lernen schnell, mit dem Stadt-      der Kommodifizierung der Arbeitskraft lindern
und ArbeiterInnenleben zurecht zu kommen, nut-          – oder mindestens eine Linderung in der Zukunft
zen die Verbindungen untereinander und bringen          versprechen. Beschwerden und Petitionen sowie
ihre Erfahrungen in die sozialen Kämpfe in der          eine öffentliche Diskussion über soziale Missstän-
Stadt und auf dem Land ein. Schon in den letzten        de und Probleme sind in Grenzen erlaubt, zeigen
Jahren haben sie es geschafft, ihre Bedingungen         sie den Machthabern doch, wo gefährliche Situa-
zu verbessern. Neben ihren Kämpfen spielt dabei         tionen entstehen, so dass sie reagieren können.
auch der Arbeitskräftemangel eine Rolle, über den       Nach entsprechender öffentlicher Empörung über
chinesische und ausländische Kapitalisten in den        Korruption und Misswirtschaft werden gerne ein-
letzten Jahren klagen. Obwohl jährlich zehn bis         zelne Beamte oder Unternehmer als Sündenböcke
fünfzehn Millionen Arbeitskräfte auf dem Land           verantwortlich gemacht und abgesägt. Wirtschaft-
freigesetzt werden und die Arbeitslosigkeit in der      lichen Forderungen protestierender ArbeiterInnen
Stadt hoch ist, finden sich in manchen Regionen          oder Bauern kommen die Behörden oft entgegen,
– wie dem Perlflussdelta – nicht mehr genügend           zum Teil nach Intervention und finanzieller Hilfe-
ArbeiterInnen für ihre beschissenen Jobs. Die Fluk-     stellung der Provinz oder Zentrale.
6              Hier spielen auch die verteilten Rollen der ver-
                 schiedenen Machtebenen des Staates eine Rolle.
                                                                         denen die Regierung Landesverrat vorwirft, weil
                                                                         sie mit ausländischen JournalistInnen sprechen.
                 Wenn Auseinandersetzungen nicht mehr zu leug-           In der Regel wandern sie nach einer Gerichts-
                 nen oder schnell zu unterdrücken sind, wird die         verhandlung ins Gefängnis, dem laogai, was etwa
                 Wut auf lokale und regionale Verantwortliche und        Veränderung durch Arbeit bedeutet. Daneben gibt
                 Kader geleitet, damit die Zentralregierung – und        es bisher noch ein System, das sich laojiao nennt,
                 damit das Regime an sich – nicht ins Zentrum der        Erziehung durch Arbeit. Leute, von denen ange-
                 Kritik gerät. Dahinter steht, dass die lokalen Stel-    nommen wird, sie stehen weiter «innerhalb der
                 len im Zuge der Reformen die Entscheidungsge-           Gesellschaft» und lassen sich nach entsprechender
                 walt über ihre wirtschaftlichen Aktivitäten erlangt     Behandlung wieder eingliedern, können ohne Ge-
                 haben und versuchen, in ihrer Region die Akku-          richtsbeschluss auf Antrag der Polizei bis zu drei
                 mulation anzukurbeln und auf hohem Niveau zu            Jahre in ein Umerziehungslager gesteckt werden.
                 halten. Deswegen unterstützen sie das despotische       Das trifft nicht nur Leute, denen einfache Eigen-
                 Fabrikregime, die niedrigen Löhne und schlechten        tumsdelikte vorgeworfen werden, sondern auch
                 Arbeitsbedingungen. Der zentrale Staat versucht         viele ArbeiterInnen, die in sozialen Auseinander-
                 dagegen, über gesetzliche Rahmenvorgaben und            setzungen auffällig geworden sind. Dieses System
                 politische Entscheidungen die Richtung der gesell-      soll seit Jahren reformiert werden. Aber die Behör-
                 schaftlichen Entwicklung zu einer von ihm so ge-        den und Kader haben auch andere Möglichkeiten,
                 nannten «Sozialistischen Marktwirtschaft» vorzu-        störende Leute loszuwerden, zum Beispiel durch
                 geben und dabei die Vernutzung der ArbeiterInnen        die zwangsweise Einweisung in die Psychiatrie.
                 – also die Unbrauchbarmachung ihrer Arbeitskraft           Die angesichts der immensen sozialen Umwäl-
                 – über entsprechende Gesetze zu verhindern. Das         zungen noch relativ stabile Lage lässt sich nicht
                 widerspricht aber dem Akkumulationsstreben der          nur mit Repression erklären. Tatsächlich braucht
                 lokalen Behörden, die systematisch diese Gesetze        auch das autoritäre Regime Chinas eine Legitima-
                 unterlaufen. Die ArbeiterInnen oder Bauern tref-        tionsbasis. Deswegen ist das Vertrauen, das viele
                 fen in ihren Kämpfen also auf den lokalen Staat als     ArbeiterInnen und Bauern noch in die Zentral-
                 direkt Verantwortlichen, als Besitzer oder Teilha-      regierung setzen, so wichtig. Die Einführung eines
                 ber der Betriebe, als weisungsbefugte Behörde von       kapitalistischen Systems mit privaten Akteuren und
                 mit den Kapitalisten verbundenen Beamten. Der           Entscheidungsträgern macht zudem eine gewisse

 ৗ               zentrale Staat dagegen erscheint ihnen als oberste
                 Instanz, die ihre gerechte Sache aufnehmen und sie
                 gegen die lokalen Schergen verteidigen sollte.
                                                                         Verlässlichkeit und Rechtssicherheit für eben die-
                                                                         se Akteure notwendig, ohne die ein entwickelter,
                                                                         kapitalistischer Wirtschaftsprozess nicht funktio-

 㢺
                   Ob lokal oder zentral, das Regime steckt ge-          niert. Wachstum und Marktliberalisierung schaf-
                 naue Zonen von Indifferenz, Toleranz und In-            fen aber soziale Probleme und unterminieren die
                 akzeptanz ab. Während Petitionen oder kurze             Legitimation des Regimes.
                 Streiks in einem Betrieb geduldet werden, treffen          Das Regime versucht, durch gesetzliche Rege-
                 betriebsübergreifende Formen des Protestes auf          lungen und materielle Interventionen in soziale
                 harte Reaktionen des autoritären Staates. Auf lo-       Auseinandersetzungen, diese Legitimation zu-
  chi1ku3        kaler Ebene versuchen die Kader, die Ausbreitung        rückzuerlangen, ohne die Profitabilität zu gefähr-
                 von Aktionen zu verhindern, indem sie diejenigen,       den. Vor allem braucht es die Unterstützung der
  Härten         die als Rädelsführer gelten, verhaften lassen oder      sogenannten Mittelklasse. Diese setzt sich weit-
   oder          private Sicherheitskräfte oder Schläger anheuern,       gehend aus Abkömmlingen der alten Eliten des
  Bitteres       um Protestierende anzugreifen und auseinander           KP-Regimes und des Militärs und der gebildeten,
  erleben        zu treiben. Wo ArbeiterInnen in verbotene Zonen         städtischen Verwaltungsschicht zusammen, die alle
                 vorpreschen, wie in Liaoyang 2002, wo es um fabrik-     den Umbau genutzt haben, um sich einen Teil des
 [wird oft als   übergreifende oder politische Mobilisierungen geht      neuen (und des alten) Reichtums zu sichern. Die
Beschreibung
                 oder die Bildung unabhängiger Gewerkschaften,           Mittelklasse hat nach den sozialen Verwerfungen
 der eigenen
  Lebenser-      antwortet der Staat mit brutaler Unterdrückung.         der sechziger und siebziger Jahre, in denen die
  fahrungen      Der Aufbau einer Aufstandsbekämpfungspolizei            Intelligenzia ebenso wie ein Teil der Parteikader
  angeführt]     dient darüber hinaus dem Ziel, die vielen sozialen      ständig Angriffen ausgesetzt war und um ihre Pri-
                 Mobilisierungen mit ihren Demonstrationen und           vilegien bangen musste, keine Lust auf irgendwel-
                 Riots in den Griff zu kriegen.                          che Experimente, die ihren materiellen Aufstieg in
                   Die Repression prägt die gesellschaftliche Situati-   Gefahr bringen könnten. Einige aus der heutigen
                 on in China insgesamt, bedeutet jedes dem Regime        Mittelklasse waren auch am letzten Versuch betei-
                 störende Verhalten doch die mögliche Anwendung          ligt, eine Teilhabe an der politischen Macht Marke
                 von Gewaltmaßnahmen. Dabei unterscheiden die            «westliche Demokratie» durchzusetzen, der aber
                 Behörden und Richter in maoistischer Tradition, ob      im Juni 1989 am Beijinger Tian'anmen Platz von
                 die «Delinquenten» sich «gegen die Gesellschaft»        Panzern zermalmt wurde. Jetzt hat die Mittelklasse
                 stellen und als deren «Feinde» gelten, oder ob sie      den Kopf in den Sand gesteckt oder gar die neue
                 «Teil der Gesellschaft» bleiben und ihnen «umer-        KP-Hymne von der «Harmonischen Gesellschaft»
                 ziehbar» scheinen. Zu ersteren zählen sie alle eines    gefressen, die nichts anderes ist als ein verzweifelter
                 Verbrechens beschuldigten «Kriminellen» ebenso          Versuch, nach dem Zusammenbruch der kommu-
                 wie Dissidenten oder die ArbeiteraktivistInnen,         nistischen Ideologie durch einen rhetorischen
7
                                                                                                                Spielzeug-
                                                                                                              knarrenfabrik;
                                                                                                                Lehmzie-
                                                                                                                gelfabrik,
                                                                                                               Schuhfabrik

Rückgriff auf den reaktionären Konfuzianismus            südostasiatischen Wirtschaftsraum abgewertet und
gesellschaftliche Stabilität herbeizuflehen. Gleich-      damit einen noch größeren Schaden im internatio-
zeitig ist es eine Aufforderung an alle, sich ruhig zu   nalen Kapitalmarkt verhindert. Der chinesische
verhalten, eine Drohung an die Unterdrückten, die        Staat hält 1.400 Milliarden US-Dollar an Devisen.
Harmonie der Ausbeuter nicht zu stören.                  Bislang war das meiste davon in US-Staatsanleihen
   Ob dies lange funktionieren kann, ist nicht aus-      festgelegt. Staatsanleihen sind Schuldverschrei-
gemacht. Die Hauptakteure des chinesischen Wirt-         bungen, also nur das Versprechen, später zu be-
schaftswunders, die in den Weltmarktfabriken ar-         zahlen. Damit stützt China direkt den Dollar, auch
beitende «neue» Arbeiterklasse, hat mit Streiks,         wenn der derzeit steigende Euro von einer Um-
Riots und sonstigen Protesten Ansprüche auf eine         schichtung der Devisen durch die asiatischen Zen-
Verbesserung ihrer Lage angemeldet. Wenn aus             tralbanken – einschließlich Chinas – zeugt.
den Kämpfen der mingong, der gefährlichsten al-            Der engen wirtschaftlichen Verflechtung von
ler Klassen, eine Bewegung werden sollte, wäre           China mit den USA – und der etwas weniger en-
das eine ganz andere Bedrohung für die KP-Herr-          gen mit Westeuropa – entsprechen gute politische
schaft als die Tian'anmen-Bewegung oder die Ver-
teidigungskämpfe der StaatsarbeiterInnen in den
Rostgürteln.
                                                         Beziehungen. Beim medialen «Streit» über Men-
                                                         schenrechte geht es um gemeinsame oder unter-
                                                         schiedliche wirtschaftliche Interessen, so zum
                                                                                                               ᠧ
   Allerdings stellt sich die Frage, ob aus den vie-     Beispiel im Verhältnis zum Regime in Burma
len kleinen und lokalen Auseinandersetzungen eine
große Welle von Arbeiterunruhen entstehen kann,
oder ob sie weiter als Sicherheitsventile funktionie-
                                                         (Myanmar), zu dem China intensivere Wirtschafts-
                                                         beziehungen hat.
                                                           Europa und die USA unterhalten in China nicht
                                                                                                               Ꮉ
ren, welche immer wieder den Druck rausnehmen.
Damit bleibt also erstmal offen, ob und wann es
zu einer sozialen Explosion in China kommt. Und
                                                         nur Kultureinrichtungen, sie finanzieren nicht nur
                                                         mit Zustimmung der chinesischen Regierung ei-
                                                         nige große NGOs, sondern die USA unterhalten
                                                                                                               ྍ
es ist auch unklar, ob in den sozialen Auseinander-      auch ein Büro des FBI in Beijing, und man erkennt
setzungen in China die Wurzeln einer Bewegung            die jeweilige Liste der Terrororganisationen der      da3gong1
liegen, die über China hinaus – also weltweit – die      anderen Seite an.                                        mei4
Verhältnisse zum Tanzen bringen kann.                      Alles in Ordnung? Weit entfernt. Abseits der
                                                         Frage, ob mit China eine neue Hegemonialmacht «arbeitende
China ist zurück                                         am Horizont erscheint oder das nächste «amerika- Schwester»
Weltgeschichte ist schneller geworden. Innerhalb         nische Jahrhundert» zu Ende geht, bevor es richtig
                                                                                                              [Begriff für
kurzer Zeit hat sich China von einem isolierten ar-      begonnen hat, können wir die aktuelle Geschichte      die jungen
men Land wieder zu einer Weltmacht entwickelt.           genauer beobachten.                                 Wanderarbei-
Chinas politischer Einfluss wächst mit seinem wirt-         Am Beispiel der Leichtindustrie (von Schuhen terinnen, die
schaftlichen Gewicht. Es ist inzwischen die dritt-       bis Spielzeug) kann beobachtet werden, dass sich in der Fabrik
größte «Volkswirtschaft». Das chinesische Wirt-          die Umwälzungen beschleunigen. Auf der Suche oder        anderswo
                                                                                                                arbeiten]
schaftswunder mit seinen immer noch zweistelligen        nach den billigsten Arbeiterinnen begann Nike die
Wachstumsraten trägt die Weltkonjunktur. Vor             Produktion Anfang der sechziger Jahre in Japan;
allem amerikanische Firmen – von Wal-Mart bis            als dort die Löhne stiegen, wurde die Produktion
Mattel – sind die Auftraggeber für die südkorea-         in den siebziger Jahren nach Südkorea verschoben.
nischen oder taiwanesischen Subunternehmer, die          Gerade die Frauen der Schuhindustrie spielten
in ihren Schwitzbuden die Arbeit der Wanderar-           dort eine hervorragende Rolle beim Sturz des
beiterInnen kommandieren. Jetzt beginnen auch            Militärregimes. Die Fabriken wurden 1989 nach
die Investitionen derjenigen ausländischen Firmen,       Indonesien, aber auch schon in die neuen Sonder-
die auf den Markt in China gesetzt haben (Chemie-        wirtschaftszonen in China verlagert.
industrie, Maschinenbau) Gewinn abzuwerfen.                1997/98 kam die Asienkrise, die vor allem In-
  Bislang ist China ein stabilisierender Faktor in       donesien traf. Die Währung verlor achtzig Prozent
der Weltwirtschaft. Bei der Asienkrise 1997/98 hat       ihres Wertes mit der Folge, dass die indonesischen
die Regierung die Nerven behalten, seine Wäh-            ArbeiterInnen plötzlich die billigsten der Welt wa-
rung nicht wie fast alle anderen Länder im süd- und      ren. Aber sie verteidigten ihren Lebensstandard
8            mit unzähligen Streiks und anderen Aktionen.
                 Etwa Anfang 2000 flüchtete die Bekleidungsindu-
                                                                         gerade arbeiterfreundliche Regierung den Entzug
                                                                         der Schürfrechte androhte, sollte die Situation
                 strie nach China, zum Teil nach Vietnam. Mit ihr        nicht umgehend verbessert werden. In Indonesien,
                 Teile der Schuhindustrie.                               mit dem China inzwischen beste Kontakte pflegt,
                   Nach wenigen Jahren in den Südostprovinzen            ist die PetroChina (oder eine ihrer vielen Töch-
                 Chinas dann erneute Schwierigkeiten. Diesmal wa-        ter) bei so vielen Erdgasprojekten dabei, dass im
                 ren es nicht die Löhne im engeren Sinne, die blie-      Parlament starke Kräfte fordern, wenigstens ein
                 ben dort lange hinter denen in anderen Teilen des       Viertel der Ressourcen für den nationalen Bedarf
                 Landes zurück. Aber genau das war das Problem:          zu sichern.
                 die mingong gingen nach Shanghai oder Beijing              Um besser für zukünftige Störungen der Wirt-
                 und für die Textil-/Schuhindustrie im Südosten          schaft gewappnet zu sein, ist das Regime in China
                 war plötzlich die Ware «frische weibliche Arbeits-      dabei, seine Finanzpolitik grundlegend zu ändern.
                 kraft» knapp geworden. 2006 meldete Li&Fung,            Die bisher langfristig festgelegten Devisen werden
                 einer der größten Textilhändler der Welt, dass sie      aktiviert – und auch als Geldkapital im Ausland in-
                 immer mehr Aufträge nach Bangladesh und Kam-            vestiert.
                 bodscha vergeben würden – China hätte seinen               Dabei geht es um zwei Dinge. Einerseits ist es die
                 Wettbewerbsvorteil verloren.                            Lehre aus der Asienkrise von 1997/98, bei der sich
                   In Japan und Südkorea gelang es, die Energie der      im Nachhinein herausgestellt hatte, dass aus Eu-
                 Arbeiterklasse in den Aufbau moderner Schwer-,          ropa, den USA und Japan viel zu viel Geld dorthin
                 Automobil- und Computerindustrie zu lenken. In          gepumpt worden war, in der Hoffnung, sich an der
                 beiden Ländern konnte der Lebensstandard der            Ausbeutung der billigen asiatischen Arbeitskraft
                 Weltspitze erreicht werden. Aber das geschah in         beteiligen zu können. Ein Teil dieses Geldes konn-
                 Phasen, in denen die Weltwirtschaft unabhängig          te aber keine produktive Anlage finden und diente
                 von Japan oder Südkorea expandierte.                    der Bereicherung der herrschenden Cliquen oder
                   Darauf kann China als Lokomotive der Welt-            auch zur Ruhigstellung der Bevölkerung. Es wurde
                 konjunktur nicht hoffen. Die Erfahrung anderer          «verbraucht», was zur Schwächung und schließlich
                 Entwicklungsdiktaturen zeigt, dass sie nur solange      zum Zusammenbruch der Währungen führte.

 ໻               von ihren Leuten geduldet werden, solange sie eine
                 stetige Verbesserung der Lebensbedingungen auf-
                 rechterhalten können.
                                                                            Anderseits geht es der chinesischen Regierung
                                                                         darum, dieses Kapital flexibler zu machen, um auf
                                                                         Störungen besser reagieren zu können. Zu diesem
                   Noch beruhen die Wachstumsraten auf der Aus-          Zweck dient ein in diesem Jahr aufgelegter Fonds

 䎗               beutung der billigen jungen ArbeiterInnen, die vor
                 allem Teile zusammenbauen, die in anderen Län-
                 dern gefertigt werden. Die zunehmenden Kämp-
                                                                         mit einem Kapital von 200 Milliarden Dollar – er
                                                                         ist im Westen schon als «Staatsheuschrecke» be-
                                                                         zeichnet worden. Und tatsächlich könnte dieses

 䖯               fe der ArbeiterInnen am «Fließband der Welt»
                 deuten bereits an, dass diese Wachstumsphase ein
                 schnelles Ende haben kann.
                                                                         Geld im Krisenfall relativ schnell von irgendwo
                                                                         abgezogen und zum Stopfen eigener Löcher ver-
                                                                         wendet werden.
                   Um den Boom in China aufrechterhalten zu                 Man kann annehmen, dass die chinesische Re-
  da4yue4        können, braucht es jetzt Rohstoffe für eine Indus-      gierung vor allem die im rasanten Wachstumspro-
    jin4         trie, die höherwertigere Jobs anbieten kann. Und        zess angelegten internen Krisen im Auge hat. Dies
                 tatsächlich sind die Staatsbetriebe überall auf der     könnte zum Beispiel ein Crash der Shanghaier
 «Großer         Welt auf der Suche. Sie kaufen, was noch zu ha-         Börse sein, bei dem Millionen Chinesen, die im
  Sprung         ben ist. Kupferminen in Chile, Ölquellen in Afrika      Moment «mit Aktien spielen», ihre Ersparnisse
nach vorn»       usw.                                                    verlieren würden.
                   In der Nickelmine Ramu in Papua Neuguinea,               Es ist nicht die Angst vor der wirtschaftlichen
 [Regierungs-
                 im Besitz der staatseigenen China Metallurgical         Krise an sich, die die Regierung und das Weltka-
   kampagne
  1958-1961,     Construction, enthüllte ein Streik Anfang des Jah-      pital umtreibt. Viel stärker fürchten sie Aufstände
  die zu einer   res dermaßen katastrophale Arbeitsbedingungen           wie 1989 in Beijing. Die zahllosen kleinen Riots,
Hungerkatas-     (Lohn, sanitäre Einrichtungen und vor allem kei-        Demonstrationen und Streiks seither haben ge-
trophe führte]
                 nerlei Arbeitsschutz), dass sogar die ansonsten nicht   zeigt, dass die Menschen in China auf jede Zumu-

Bergarbeiter
warten nach
  Unfall;
 Telefon-
produktion
tung reagieren, die ihre Hoffnung auf ein besse-
res Leben stört. Trotz massiven Stellenabbaus in
                                                        lustig machen oder ihre Wut gegen die korrupten
                                                        Kader und menschenverachtenden Fabrikbesitzer                9
den Staatsbetrieben, trotz Arbeitslosigkeit, ohne       herausschreien. Aber wenige wagen das öffentlich.
Gewerkschaften oder anderer vergleichbarer poli-        Es gibt nicht diese Form demokratisch-repressiver
tischer Organisierung konnten sie eine Erhöhung         Toleranz, die uns in einigen Ländern der Welt er-
des Lebensstandards durchsetzen. Allein in diesem       laubt, relativ offen unsere Meinung zu sagen. In
Jahr sind die städtischen Löhne um achtzehn Pro-        China herrscht eine Form diktatorischer Repres-
zent gestiegen.                                         sion, welche die Alleinherrschaft der Kommu-
   Es ist nicht schwer, hinter all den beschleunigten   nistischen Partei zu sichern sucht und jede Form
Bewegungen der drei Ebenen – produktives Kapi-          organisierter, politischer Gegenwehr niedermacht
tal, Jagd nach Futter für den Boom und Finanzka-        – ob sie nun anarchistisch ist oder irgendwie west-
pital – den Klassenkampf in seiner mannigfaltigen       lich-demokratisch.
Gestalt zu erkennen. Die Organisierung der Aus-            Für kritische Geister bedeutet dies, dass sie sich
beutung in China erfordert immer neue und im-           eher innerhalb oder nah an der Partei organisieren
mer mehr Anstrengungen.                                 können, in Form linker, intellektueller Kreise oder
   In den USA und in Europa reicht es offenbar,         neo-maoistischer Gruppen, die für eine Stärkung
mit einer nur langsamen Verschlechterung der Le-        von Arbeiterinteressen im Rahmen der gegebenen
bensbedingungen Stabilität zu erhalten. In China        Ordnung eintreten. Innerhalb der Partei gibt es
braucht es eine schnelle Verbesserung. Beides hängt     eine «Neue Linke», die eine Art anti-imperialis-
nicht nur, aber vor allem von den Wachstumsraten        tischer Position vertritt, gegen den von der USA
der chinesischen Ökonomie ab, Wachstumsraten,           dominierten weltweiten Neoliberalismus. Sie will
von denen niemand weiß, wie sie auf Dauer auf-          einen starken chinesischen Staat, der Chinas Inter-
recht erhalten werden können.                           essen in einer globalisierten Welt vertritt und im
   Mit anderen Worten: Wie lange werden die chi-        Inneren den Auswüchsen der Ausbeutung Grenzen
nesischen ArbeiterInnen die Tretmühle des «Fließ-       setzt. Arbeiterkampf ist bei ihnen lediglich ein Ver-
bandes der Welt» antreiben und sich mit den wirt-       teilungskampf.
schaftlichen und politischen Brosamen begnügen,            Leute, die revolutionäre Positionen vertreten,
die ihnen dafür vom Weltkapital und der Regie-          können dies nur verdeckt tun, in Form von Unter-
rung zugeworfen werden?                                 stützungsgruppen für WanderarbeiterInnen oder
Linke (und) Perspektiven
Kommen wir zur Frage der politischen Linken in
                                                        andere Gruppen, die protestieren und sich wehren.
                                                        Sie lassen Informationen über deren Kämpfe zir-
                                                        kulieren, im Internet oder auf der Straße. Die Poli-
                                                                                                                  ᗴ
                                                                                                                  Ꮉ
China und hier und wie die sozialen Kämpfe in           zei versucht, dies zu unterbinden. 30.000 staatliche
China unterstützt werden können.                        Schnüffler sollen allein das Internet durchforsten,
  In China ist es zwar gang und gäbe, über soziale      auf der Suche nach missliebigen Texten aus dem
Probleme, die Interessen der ArbeiterInnen und          In- und Ausland. Aber diese linken AktivistInnen
die Möglichkeiten für eine bessere Welt zu dis-         sind wenige. Die meisten chinesischen Arbeite-
kutieren, unter ArbeiterInnen wie mit Intellektu-       rInnen, ob in den Rostgürteln des Nordens oder
ellen. Aber in diesen Diskussionen schwingen die        den Weltmarktfabriken des Südens, bekommen                dai4gong1
Erfahrungen mit, die in China mit sozialen Mo-          wenig mit von der Solidarität linker Gruppen.
bilisierungen gemacht wurden. Die Kulturrevolu-            Daran haben auch die Unterstützungsversuche           Bummel-
tion bleibt, wie erwähnt, Teil des kollektiven Ge-      von Hongkong aus wenig geändert. Hongkong                 streik,
dächtnisses und begründet das Misstrauen vieler         gehört mittlerweile zur Volksrepublik China, aber        langsam
gegenüber radikalen Forderungen oder Versuchen.         als Sonderverwaltungszone mit «Versammlungs-             arbeiten
Die Exzesse der Roten Garden gegen Intellektu-          und Meinungsfreiheit», in der kritische politische
elle und andere sind genauso traumatisch wie der        Gruppen auftreten können. Dort hat sich eine
Eingriff der Roten Armee und die Vertreibung der        kleine Szene von AktivistInnen unterschiedlicher
rebellischen Jugend aus der Stadt.                      politischer Couleur etabliert, die sich mit den so-
  In China finden sich viele Leute, die im privaten      zialen Auseinandersetzungen in der Volksrepublik
Rahmen das Regime geißeln, sich über die Partei         beschäftigt und versucht, sich einzumischen. Dazu

                                                                                                                  Textilfabrik;
                                                                                                                    Arbeiter
                                                                                                                 fordern, dass
                                                                                                                sie nach Hause
                                                                                                                fahren können
10             gehört eine akademische Linke, die sich die Unter-
                 suchung der sozialen Lage und der Kämpfe in Chi-
                                                                        tion dort genau zu kennen. Da gilt es einiges gera-
                                                                        dezurücken.
                 na vorgenommen hat. Einige der Ergebnisse dieser         Wenn wir die Neuigkeiten über Kämpfe und
                 Forschungen werdet ihr in diesem Heft wiederfin-        Bewegungen einordnen und die Chancen auf eine
 Restaurant-     den. Eine Reihe von NGOs versucht zudem, die           Ausbreitung und Radikalisierung der Auseinander-
arbeiterInnen
    beim
                 soziale Situation von ArbeiterInnen und Bauern in      setzungen abschätzen wollen, brauchen wir mehr
Morgenappell     China zu verbessern, indem sie auf die Einhaltung      direkte Kontakte zu AktivistInnen, Proletarier-
                 von Arbeitsschutzbestimmungen, Umweltstan-             Innen und Bauern in China, und einen Austausch
                 dards und so weiter drängt. Die ProtagonistInnen       über die eigene Lage, die Vorstellungen von einer
                 setzen vor allem auf juristische Beratungen von        Verbesserung, von einer Befreiung von Ausbeu-
                 betroffenen ArbeiterInnen und Bauern, auf Fabri-       tung und Unterdrückung.
                 kinspektionen oder Konsumentenboykotte. Das ist          Wir können davon ausgehen, dass Ostasien mit
                 auch eine Art der Anpassung an die gegenwärtigen       Schwerpunkt China sich als ein Zentrum der kapi-
                 Kräfteverhältnisse, da die Unterstützung von Pro-      talistischen Produktion, aber auch der Kämpfe eta-
                 testen schwierig und gefährlich sein kann. Darüber     blieren wird. Wie diese Kämpfe aussehen werden,
                 hinaus versuchen einige Linke und Basisaktivist-       wissen wir nicht. Es könnten wieder Bewegungen
                 Innen – zum Teil auch über NGOs – Kontakte zu          entstehen, die sich nicht mehr durch Propaganda,
                                                                                            Repression und Arbeitslager
                                                                                            einschüchtern lassen. Mögli-
                                                                                            cherweise werden aber weiter-
                                                                                            hin nationalistische und ande-
                                                                                            re spalterische Elemente eine
                                                                                            wichtige Rolle spielen. Hier
                                                                                            wird es wichtig sein, Leute in
                                                                                            China zu finden und zu unter-
                                                                                            stützen, die sich dem entge-
                                                                                            genstellen und der Repression
                                                                                            ein Schnippchen schlagen.
                                                                                              Außerhalb Chinas können

 ऩ                                                                                          wir versuchen, mehr Infor-
                                                                                            mationen über die Auseinan-
                                                                                            dersetzungen in China zu

 ԡ
                                                                                            verbreiten, und mehr direkte
                                                                                            Kontakte und einen Austausch
                 ArbeiterInnen aufzubauen und Informationen über        über proletarische Erfahrungen und Kämpfe zu
                 die Lage und die Kämpfe in China und weltweit zu       fördern. Das gilt nicht nur für China, sondern
                 verbreiten. Ihr Ziel ist, die ArbeiterInnen in China   auch für Länder wie Indonesien, die Philippinen,
                 selbst in die Lage zu bringen, sich besser zur Wehr    Südafrika oder Brasilien. Wir müssen öfter hinfah-
 dan1wei4        zu setzen und eigene Aktionen zu organisieren.         ren und mehr übersetzen und zirkulieren lassen...
                 Sie zählen nicht auf juristische Unterstützung und     und uns daran gewöhnen, dass die Rufe der Kämp-
 Arbeits-        Boykotte, sondern auf die Erhöhung des Klassen-        fenden in Tagalog, Bahasa oder Zhongwen um den
 einheit         drucks durch die Kämpfe selbst.                        Globus hallen.
                    Und außerhalb Chinas? In den letzten Jahren           Das Heft soll eine Annäherung sein, ein Aufriss.
[Bezeichung      sind – vor allem durch das größere Interesse am        Wir wollen alle LeserInnen auf eine Reise durch
für staatliche
                 Aufstieg Chinas und den Berichten über soziale         die sozialen Gefilde Chinas mitnehmen, die verste-
  Betriebe]
                 Kämpfe dort, zum Teil im Rahmen der so ge-             hen wollen, was dort passiert. Und vielleicht brin-
                 nannten Anti-Globalisierungsbewegung – mehr            gen wir einige dazu, sich selbst in dieses Abenteuer
                 Kontakte entstanden zwischen Gruppen in Hong-          zu stürzen und weiter anzunähern an die dortigen
                 kong/China und anderen Ländern. Diese Versuche         Umwälzungsprozesse. n
                 stehen am Anfang und müssen die Sprachschwie-
                 rigkeiten, die staatliche Repression und die räum-
                 lichen Distanzen überwinden.
                    In der westlichen Linken herrscht weiterhin eher
                 blankes Erstaunen über die rasante Umwälzung
                 und eine Konfusion bei der Einschätzung der Lage
                 in China vor. Für die einen hat der Kapitalismus
                 nun auch das maoistische China erfasst, andere
                 halten China weiter für sozialistisch, wieder andere
                 sehen nur die steigenden Zahlen sozialer Ausein-
                 andersetzungen und setzen Hoffnungen auf eine
                 große Kampfwelle in China, aber ohne die Situa-
Anton Pam                                                      11
               Die Geister der Geschichte
                Historische Hintergründe zu den gegenwärtigen Kämpfen der
                          chinesischen Bauern und Wanderarbeiter

  n den letzten Jahren kommt es in China auf dem       wurde die Mobilität durch das hukou-System en-
I Land täglich zu Demonstrationen oder kleinen
Unruhen. Da siebzig Prozent der Chinesen immer
                                                       orm eingeschränkt. Ein Bauer mit dem hukou des
                                                       Dorfes X durfte seine Scholle nicht verlassen und
noch auf den Dörfern wohnen, ist die «Bauern-          hatte in der Stadt kein Anrecht auf Lebensmittel-
frage» für die Stabilität der Herrschaft der Kom-      karten. Damit hatte er bis zur Abschaffung des Ra-
munistischen Partei von großer Bedeutung. 100          tionierungssystems Mitte der achtziger Jahre in der
bis 200 Millionen Bauern und Bäuerinnen sind           urbanen Gesellschaft keine Existenzgrundlage. Um
in die Städte zum Arbeiten aufgebrochen, um das        den Aufbau der Schwerindustrie zu finanzieren,
Überleben ihrer Familien zu sichern. Die Kämpfe        zwang der Staat die Bauern ab 1953 Getreide und
der Landbevölkerung entflammen nicht aus dem            andere Agrarprodukte zu Dumpingpreisen an ihn
Nichts, sondern haben ihre Geschichte und Tra-         zu verkaufen. Im Gegenzug konnten die Löhne der
ditionen. Das Handeln der protestierenden Bauern       Arbeiter in den Städten niedrig gehalten werden.
und Bäuerinnen wird auch von ihren Erfahrungen         In diesem Punkt unterschied sich das chinesische
bestimmt. Dieser Artikel soll die Schlüsselereig-      Modell nur wenig von Stalins Sowjetunion.
nisse und Widerstandsformen in den Kämpfen der            Obwohl Mao Zedong die traditionelle chine-
Bauern in China von 1949 bis heute darstellen. Am      sische Kultur revolutionieren wollte, konservierte
Schluss wird die Frage aufgeworfen, ob eine Soli-      die Partei durch das hukou-System die traditio-
darisierung zwischen den protestierenden Bauern,       nellen Strukturen auf den Dörfern, weil die Mo-
Wanderarbeitern und streikenden Staatsarbeitern        bilität der Gesellschaft unterbunden wurde. Die
möglich ist.                                           mobilen Teile der Bevölkerung wurden mit nega-
                                                       tiven Begriffen wie «floating population» (liudong
Das hukou-System oder der Kampf des                    renkou) oder sogar «Rowdys» (liumang) belegt.
Staates gegen die Mobilität
Alle Beobachter der Unruhen in China sind der
Meinung, dass Streiks, Proteste oder Riots bisher
                                                       Noch heute werden die Wanderarbeiter mingong
                                                       genannt, was in älteren Lexika mit «bei staatlichen
                                                       Bauprojekten vorübergehend beschäftigte Arbeiter
                                                                                                             ‫צ‬
keine landesweiten Bewegungen hervorgebracht
haben und in den meisten Fällen lokal isoliert sind.
Obwohl sowohl Teile der Kernbelegschaften der
                                                       aus der Landbevölkerung» übersetzt wird.
                                                          Von 1949 bis Anfang der achtziger Jahre hatte
                                                       sich das Verhältnis von der Land- zur Stadtbevöl-
                                                                                                             䯁
Staatsbetriebe als auch rechtlose Wanderarbeiter       kerung von 4 zu 1 nicht verändert. Nur einer win-
immer öfter für ihre Interessen kämpfen, kommt es      zigen Minderheit gelang es in diesem System den
bisher nicht zur Solidarisierung oder Vernetzung       eigenen sozialen Status zu verändern. Diese Tei-
von unterschiedlichen Teilen der Arbeiterklasse.       lung der Gesellschaft in Stadt und Land wirkt bis      dao3bi4
Als Grund für die lokale Isolierung von Kämpfen        heute nach, auch wenn das hukou-System gelockert
wird häufig die starke Dezentralisierung des po-        wurde. Bauern dürfen heute in den Städten arbei-       dicht-
litischen Systems nach den Reformen von 1978           ten, aber nur bestimmte Jobs annehmen. Damit sie      machen,
genannt. Lokale Behörden haben ihre weitgehen-         ihre Familien nicht nachholen, verwehrt der Staat     Bankrott
den Steuerhoheiten und die Deregulierung des           ihnen den Zugang zu den öffentlichen Schulen.          gehen
Marktes genutzt, um lokale Akkumulationsregime         Um eine Universität zu besuchen, muss ein Bau-
zu errichten. Daher würde sich auch der Wider-         ernkind bei der zentralen Aufnahmeprüfung viel
stand von Arbeitern und Bauern gegen die loka-         bessere Noten als ein Kind aus der Stadt haben.
len Regierungen und nicht die Zentrale in Beijing      Einen Vorteil hat der Agrar-hukou jedoch, weshalb
richten.                                               viele Bauern bereit sind, die Nachteile in Kauf zu
   Der Grund für die tiefgehende Spaltung der chi-     nehmen. Jeder chinesische Bauer hat das Anrecht
nesischen Gesellschaft und die Fragmentierung          von der Dorfregierung ein Stück Land zugeteilt zu
von Kämpfen liegt aber auch in dem Haushaltsre-        bekommen, für das seine Familie das Nutzungs-
gister-System (hukou) begründet, das die städtische    recht besitzt. Diese egalitäre Agrarordnung wurde
und ländliche Gesellschaft bis heute spaltet. Ob-      mit der Bodenreform (1949-1952) geschaffen und
wohl sich die Kommunistische Partei Chinas vor         verhindert bis heute das Entstehen einer neuen
der Machtübernahme 1949 in erster Linie auf die        Klasse von Großgrundbesitzern.
Bauern stützte, wurden die Dorfbewohner zu Bür-           Die Lockerung des hukou-Systems war kein Ge-
gern zweiter Klasse gemacht. 1955 teilte der Staat     schenk des Staates, sondern wurde hart erkämpft.
seine Bürger in Agrar- und Nichtagrarbevölkerung       Als Anfang der achtziger Jahre im Zuge der Re-
ein. Die Stadtbevölkerung erhielt ein Recht auf        formen die Gemeindeindustrie in den Kleinstädten
Lebensmittelkarten und Sozialleistungen, während       und die Sonderwirtschaftszonen boomten, strömten
sich die Dörfer selber versorgen mussten. Ab 1958      Millionen von Bauern einfach in die Städte. Da sie
Sie können auch lesen