Verblödungstoleranz - Deutscher Hochschulverband

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Verblödungstoleranz - Deutscher Hochschulverband
1|12   Forschung & Lehre                                                   S TA N D P U N K T             1

                            Verblödungstoleranz

                             Morgenlektüre: Gera-      dieser Art zwecklos ist, man nimmt die Blüten des
                             de schaffen sie in den    Normierungswahns zur Kenntnis und reagiert
                             Schulen die Schreib-      mittlerweile mit einem nach innen geflüsterten
                             schrift ab. Der Verfas-   „Lass doch das.“ Wir haben schon genug.
                             ser des Beitrags in der      Das Privatfernsehen kann man immerhin ab-
                             Süddeutschen Zeitung      schalten, die Kulturkämpfe darum sind geschla-
                             empört     sich,   man    gen. Es ist so: Jahrzehnte sorglosen Zulassens geis-
                             kann finden, mit guten    tiger Verwahrlosung bei gleichzeitiger Alimentie-
                             Gründen. Immerhin         rung von aktuellster Unterhaltungselektronik ha-
                             droht wieder ein Ver-     ben jene „Unterschicht“ entstehen lassen, die sich
                             lust, diesmal der Ver-    jetzt auch im Fernsehen wiederfindet. Die Zusam-
                             lust der Chance, auf      menhänge sind bekannt. Interessant sind die Kon-
Holger Noltze
ist Professor für Musik und  der Grundlage einer       vergenzen. Bezogen auf das Fernsehen also die
Medien an der Technischen    gelernten      Schreib-   Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Pro-
Universität Dortmund, Mo-    schrift, in der die       gramms, das seinen „Kulturauftrag“ als peinliche
derator der Fernsehsendung   Buchstaben auf eine       Hypothek mit zunehmendem Erfolg verdrängt. Im
west.art Talk und Autor des  mehr oder weniger in-     Zweifel für den Gebührenzahler, und der schaut ja
Buches „Die Leichtigkeits-
lüge: Über Musik, Medien
                             dividuelle Weise mitei-   lieber Fußball als Kulturauftrag. Auch das wissen
und Komplexität“.            nander       verbunden    wir schon. Legitimation wird hergestellt über Quo-
                             werden, eine eigene       ten: Zwanghaft muss man die Vielen erreichen,
                             Handschrift zu entwi-     und das geht, indem die Ansprüche gesenkt wer-
ckeln. Mein Sohn, 12, kann das nicht mehr. Er          den.
malt eben Druckbuchstaben. Es hat den Vorteil             Dem fallen nicht nur die Schnörkel in der
der Lesbarkeit, wer Buchstaben malt, krakelt           Schreibschrift zum Opfer. Das KISS-Prinzip,
nicht. Also: weg mit den Schnörkeln.                   „keep it short and simple“ regiert längst, wo es
    Der Aufschrei der Empörung, den diese Nach-        noch fataler ist: an der Universität. Die Toleranz
richt auslöste, fiel schwach aus. Erinnern wir uns     gegenüber dem, was man nicht leicht versteht, weil
noch an den bürgerlichen Aufstand gegen die            es komplex ist, sinkt. Die großen Kräfte: Globali-
Rechtschreibreform? Das war noch was. Die FAZ          sierung, Ökonomisierung wirken auf die in eine
hat damals die Machtfrage gestellt, indem sie ver-     trügerische Autonomie entlassenen Universitäten.
kündete: Wir machen den Unfug nicht mit. Sie hat       Es wird normiert, reformiert, evaluiert. Das Sys-
sie gestellt – und verloren. Die Anpassung an die      tem wird komplizierter bis zur Undurchschaubar-
reformierte Schreibung geschah, eher leise, ein        keit, seine Ergebnisse immer banaler. Statt dass es,
paar Jahre später – hat das noch jemand gemerkt?       in einer komplexen Welt, lehrt, mit Komplexität
    Dahinter ist die stille Einsicht zu vermuten,      umzugehen, lehrt es dummerweise das Gegenteil:
dass der Widerstand gegen „Modernisierungen“           Verblödungstoleranz.
Verblödungstoleranz - Deutscher Hochschulverband
2                        I N H A LT                                                                                       Forschung & Lehre       1|12

         Inhalt                                                                                    Nachwuchs-
                                                                                                   wissenschaftler

         S TA N D P U N K T

                                                                          Foto: mauritius-images
         Holger Noltze
    1    Verblödungstoleranz

         NAC H R IC HTE N

    4    Hochschulzulassung: Chaos ohne Ende                                                       Sind die derzeitigen Personalstrukturen
                                                                                                   an deutschen Universitäten attraktiv für
                                                                                                   Nachwuchswissenschaftler? Verbessert
         NAC HWUC H SWI SS E N SC HAFTLE R                                                         die Exzellenzinitiative ihre Karriere-
                                                                                                   chancen? Hat sich das Wissenschafts-
         Wolfgang Marquardt                                                                        zeitvertragsgesetz bewährt? Wie hoch
     8   „Doktoranden sind keine Währung und kein Besitzstand“                                     sind die Chancen für Nachwuchswis-
                                                                                                   senschaftler im internationalen Ver-
         Fragen an den Vorsitzenden des Wissenschaftsrates                                         gleich, auf eine Professur zu gelangen?
         Reinhard Kreckel                                                                          Fragen, auf die der Schwerpunkt Ant-
                                                                                                   worten sucht.
    12   Habilitation versus Tenure
                                                                                                   Nachwuchswissenschaftler . . . . . . . . 8
         Karrieremodelle an Universitäten
         im internationalen Vergleich
         Caspar Hirschi
    16   Bessere Karriereaussichten?
         Die Schweiz als Alternative für junge deutsche Wissenschaftler
         Sibylle Baumbach | Klaus Oschema | Stefanie Walter
    20   Exzellente Perspektiven?
         Auswirkungen der Exzellenzinitiative
         Kathrin Blawat
    22   In zehn Schritten zum Nobelpreis
         Erfolgreiche Wissenschaftler brauchen mehr als Fleiß
                                                                                Foto: DFG

         und gute Ideen – ein Leitfaden für Nachwuchsforscher
         Ulrike Preißler
    26   Verbesserungsbedarf                                                                       Forschungsförderung
         Wissenschaftszeitvertragsgesetz und Nachwuchsförderung                                    Die Diskrepanz zwischen den vorhan-
                                                                                                   denen Fördermitteln der DFG und der
         Simone Fulda                                                                              Anzahl der förderungswürdigen Anträ-
    28   Medizin als Wissenschaft                                                                  ge wächst. Wie kommt es zu diesem Zu-
                                                                                                   wachs an Anträgen? Müssen die Krite-
         Ärztemangel in der klinischen Forschung
                                                                                                   rien für förderungswürdige Anträge neu
                                                                                                   ausgehandelt und angepasst werden?
                                                                                                   Kostbares Gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
         DEUTSCHE FORSCHUNGSGEMEINSCHAFT

         Hannelore Weber | Erich Schröger
    30   Kostbares Gut                                                                             Kleine Fächer
         Forschungsförderung durch die DFG                                                         Die Bedeutung der „Orchideenfächer“
                                                                                                   ist durch ein Auf und Ab gekennzeich-
                                                                                                   net. Wer aktuell zu den Gewinnern und
         K L E I N E FÄC H E R                                                                     Verlierern zählt und wie es insgesamt
                                                                                                   um die Kleinen Fächer steht, zeigt eine
         Norbert Franz
                                                                                                   Auswertung der Potsdamer Arbeitsstelle
    34   Manövriermasse                                                                            Kleine Fächer.
         Die Situation der so genannten Kleinen Fächer                                             Manövriermasse . . . . . . . . . . . . . . . . 34
Verblödungstoleranz - Deutscher Hochschulverband
1|12   Forschung & Lehre                                                                                                        I N H A LT   3

                                                    Foto: dpa-picture alliance
                                                                                      W I S S E N S C H A F T S K U LT U R

                                                                                      Christopher Baum
                                                                                 38   Whistleblowing in der Wissenschaft
                                                                                      Schutz und Codex
„Whistleblowing“
Das englische Wort „Whistleblowing“
formuliert oft ein Problem fehlender                                                  G R O S S B R I TA N N I E N
Kommunikation. Es geht darum, dass
ein Informant auf Missstände (z.B. Kor-                                               Christopher Metcalf
ruption) hinweist und sie veröffentlicht.                                        42   Eine Wette auf die Zukunft
Deshalb wird er meist misstrauisch an-                                                Britische Hochschulen als Konsumware
gesehen. Das gilt auch für Menschen,
                                                                                      oder öffentliches Gut?
die auf Fehler oder Täuschung in der
Wissenschaft hinweisen. Was müsste
verändert werden, um eine positivere
                                                                                      CHILE
Kommunikationskultur zu schaffen?
Einige Vorschläge.                                                                    Antonio Sáez-Arance
Schutz und Codex. . . . . . . . . . . . . . . 38
                                                                                 44   Schlecht, teuer, ungerecht
                                                                                      Warum in Chile Schüler und Studenten protestieren
Großbritannien
Eine utilitaristische Sicht auf Wissen-
schaft und Universitäten ist in Großbri-                                              CAMPUSROMAN
tannien an der Tagesordnung. Die der-
                                                                                      Martin Huber
zeitige Regierung scheint dies allerdings
unter dem Vorzeichen des Ökonomis-                                               47   Wer erzählt die Universität?
mus auf die Spitze zu treiben. Dagegen                                                Warum wir deutsche Campusromane brauchen
wehren sich seit einiger Zeit Kritiker,
die Bildung vor allem als öffentliches
Gut verstehen.                                                                        G R U N D M O T I VAT I O N E N
Eine Wette auf die Zukunft. . . . . . . . 42
                                                                                      Joachim Bauer
                                                                                 48   Egoismus oder Altruismus?
                                                                                      Was „treibt“ den Menschen?

                                                                                      KARRIERE-PRAXIS
                                                   Foto: dpa-picture alliance

                                                                                      Nina Feltz
                                                                                 56   Jenseits der Pyramide
                                                                                      Scheitern als Chance

                                                                                      RUBRIKEN
Campusromane                                                                     50   Forschung: Ergründet und entdeckt
An vielen Stellen zeigt sich, dass die Öf-                                       52   Zustimmung und Widerspruch
fentlichkeit nur ein diffuses Bild von der                                       53   Lesen und lesen lassen
Universität hat. Können Campusroma-                                              54   Entscheidungen aus der Rechtsprechung
ne dazu beitragen, einen Eindruck vom                                            55   Steuerrecht
akademischen Alltag zu vermitteln?                                               58   Habilitationen und Berufungen
(Rezensionen zu zwei jüngst erschiene-                                           64   Impressum
nen Campusromanen in F&L 10/11,                                                  65   Akademischer Stellenmarkt
S. 789 und in dieser Ausgabe S. 53)                                              83   Fragebogen II: Zu Ende gedacht – Angelika Nußberger
Wer erzählt die Universität? . . . . . . 47                                      84   Exkursion
Verblödungstoleranz - Deutscher Hochschulverband
4                                   NACHRICHTEN                                                                                                    Forschung & Lehre       1|12

                                              Nachrichten

                                               Hochschulzulassung: Chaos ohne Ende

                                  A    uch im kommenden
                                       Jahr kann das geplante
                                  bundesweite System für Stu-
                                                                                         dienbewerber nicht vollstän-
                                                                                         dig in Betrieb gehen. Erneut
                                                                                         könnten deshalb 2012 Tau-
                                                                                                                                den und sei nun frühestens
                                                                                                                                für das Wintersemester 2013/
                                                                                                                                2014 geplant.
                                                                                                                                                                                Die Vorsitzende des Bil-
                                                                                                                                                                            dungsausschusses im Deut-
                                                                                                                                                                            schen Bundestag, Ulla Bur-
                                                                                         sende Studienplätze zu spät                Die Bundesregierung ist                 chardt, rechnet nach Infor-
                                                                                         oder überhaupt nicht besetzt           laut Zeitungsbericht mit 15                 mationen der SZ damit, dass
                                             Zahl des Monats
                                                                                         werden. Dies geht einer Mel-           Millionen Euro am Aufbau                    etwa 150 von etwa 300
                                         In den Niederlanden ist                         dung der Süddeutschen Zei-             des neuen Systems beteiligt.                Hochschulen entweder noch
                                       der Anteil an Schülern, die                       tung zufolge aus einer Be-             Es soll einen unmittelbaren                 gar nicht oder zumindest
                                       Deutsch als Fremdsprache                          schlussvorlage der zuständi-           Abgleich der zum Studium                    nicht risikolos an dem neuen
                                       lernen, zwischen 2005 und                         gen „Stiftung für Hochschul-           zugelassenen Bewerber er-                   Verfahren teilnehmen könn-
                                         2010 von 86 Prozent auf                         zulassung“ hervor. Möglich             möglichen. Damit könne ver-                 ten. Sie spricht von einer
                                                                                         sei nur ein Pilotbetrieb mit           hindert werden, dass Studi-                 „traurigen Fortsetzung des
                                             44 Prozent                                  ausgewählten Hochschulen.              enplätze unnötig für Bewer-                 Zulassungschaos“. Leidtra-
                                              zurückgegangen.                            Der flächendeckende Start              ber freigehalten werden, die                gende seien die Studienbe-
                                         Quelle: Statistisches Bundes-
                                                                                         der neuen Software müsse               sich bereits an einer anderen               werber.
                                           amt,14. Dezember 2011                         wegen technischer Probleme             Hochschule eingeschrieben
                                                                                         noch einmal verschoben wer-            haben.

                                               Mehr Professoren, viel mehr Studenten

                                  D     ie Zahl der Universi-
                                        tätsprofessuren    hat
                                  sich im Jahr 2010 gegenüber
                                                                                         gestellten Hochschulen. Das
                                                                                         sind 664 mehr als im Jahr
                                                                                         2009.
                                                                                                                                lerdings nicht Schritt. Die
                                                                                                                                Zahl der Studierenden ist ge-
                                                                                                                                genüber 2009 um 55 223 ge-
                                                                                                                                                                            schullehrer. 2009 waren es
                                                                                                                                                                            noch 59, im Jahr 2000 56
                                                                                                                                                                            Studierende. Wie bereits in
                                  dem Vorjahr leicht erhöht.                                Über den Zeitraum von               stiegen, gegenüber dem Jahr                 den letzten Jahren hat sich
                                  Nach Zahlen des Statisti-                              zehn Jahren (2000: 23 980              2000 um 162 690. Damit hat                  die Zahl der Abschlussprü-
                                  schen Bundesamtes, die für                             Professoren) sind sogar 1 000          sich das Betreuungsverhält-                 fungen wieder erhöht: um et-
                                  Forschung & Lehre erhoben                              Professuren     hinzugekom-            nis wie in den vergangenen                  wa 39 000 auf nunmehr
                                  wurden, lehrten 24 934 Pro-                            men. Mit dem Zuwachs bei               Jahren weiter verschlechtert.               279 820. Es gab mehr Promo-
                                  fessoren an deutschen Uni-                             den Studierendenzahlen hal-            Es liegt im Durchschnitt bei                tionen und weniger Habilita-
                                  versitäten und ihnen gleich-                           ten die Professorenzahlen al-          60 Studierenden pro Hoch-                   tionen.

                                                                                                                   Uni-Barometer 2011
                                                                                2000          2001       2002        2003       2004         2005         2006       2007        2008        2009        2010
                                      Univ.-Professoren1                       23 980        23 744      23 739      23 712      23 845      23 475       23 361     23 596      23 918      24 270      24 934
                                      Studierende an Universitäten1          1 341 149     1 382 261   1 422 688   1 467 890   1 403 491   1 418 377   1 408 544   1 369 075   1 397 492   1 448 616   1 503 839
                                      davon ausl. Studenten
                                      inkl. Bildungsinländer1                 149 879       164 277     179 824     193 161     192 012     191 819      187 978    176 043     176 514     179 353     184 205
                                      Deutsche Studierende im Ausland          52 200        53 400      58 700      65 600      67 400      78 200       85 300     93 400     106 800     115 500             *
                                      Abschlussprüfungen2                     122 433        117 373    118 839     122 853     131 574     145 047      159 178    179 043     201 372     240 764     279 820
                                      Promotionen                              25 780        24 796      23 838      23 043      23 138      25 952       24 287     23 843      25 190      25 084      25 629
                                      Habilitationen                            2 128         2 199       2 302       2 209       2 283       2 001        1 993      1 881       1 800       1 820       1 755
Quelle: Statistisches Bundesamt

                                      Ausgaben der Hochschulen
                                      in Mio. Euro                             27 509        28 648      30 374      30 644      30 537      30 974       32 144     33 478      36 342      38 859             *
                                      Drittmitteleinnahmen (in Mio. Euro),
                                      alle Hochschulen                          2 830         3 076       3 305       3 437       3 466       3 662        3 855      4 262       4 853       5 233             *
                                      * Es liegen noch keine aktuellen Daten vor.
                                      1 Universitäten einschließl. Kunsthochschulen, Pädagogische Hochschulen, Gesamthochschulen sowie Theologische Hochschulen
                                      2 Abschlüsse insgesamt ohne Promotion und Fachhochschulabschluss
Verblödungstoleranz - Deutscher Hochschulverband
1|12   Forschung & Lehre                                                                   NACHRICHTEN                                5

        Auf und Ab bei Kleinen Fächern                                                                   K O M M E N TA R

I  n den bundesweit rund
   120 Studiengängen sog.
Kleiner Fächer, die über we-
                                 77,5, 2011: 59) seien durch
                                 neue Trends in den Naturwis-
                                 senschaften (Stichworte „Life
                                                                    bearbeite, habe ein großes
                                                                    Wachstum zu verzeichnen,
                                                                    während die nicht primär an-
                                                                                                     Akademische
nig Studenten und maximal        Sciences“, „Humangenetik“)         wendungsorientierten Altphi-
                                                                                                     Sterbebegleitung
drei Professuren verfügen,       erklärbar. Dagegen werde das       lologien (1997: 200 Professu-    Ist in der deutschen Wis-
gibt es Gewinner wie Verlie-     Wachstum der Islamwissen-          ren, heute: 158,5 Professu-      senschaft Indologie, Alt-
rer. Das geht aus einer Be-      schaften (1997: 29, 2011: 33)      ren), deren Existenz sich zum    orientalistik und Afrika-
standsaufnahme des im Auf-       durch den „11. September“          großen Teil auf die Lehrerbil-   nistik zusammengenom-
trag der Hochschulrektoren-      und die daraus resultierenden      dung stützt, größere Einbu-      men weniger wichtig als
konferenz (HRK) durchge-         öffentlichen     Diskussionen      ßen erleiden mussten. Um-        Gender-Studies?         Diese
führten und vom Bundesmi-        verständlich. Die in diesem        schichtungen, die sich auf ge-   Frage ist weder provokant
nisterium für Bildung und        Zusammenhang gewachsene            sellschaftliche Trends zurück-   noch unzulässig. Dass sie
Forschung finanzierten Pro-      öffentliche Sensibilität für Re-   führen lassen, verzeichneten     überhaupt gestellt werden
jekts „Kartierung der Kleinen    ligionen als gesellschaftliche     etwa auch die Geschichtswis-     kann, ist BMBF und HRK
Fächer“ hervor. Der Blick auf    Faktoren dürfte für den An-        senschaften. Hier seien die      zu verdanken, die sich der
die quantitative Entwicklung     stieg der Professuren in der       Wissenschaftsgeschichte          Kartierung Kleiner Fächer
der Professuren in den Klei-     Judaistik (1997: 10, 2011: 15)     (1997: 28, 2011: 16), die        angenommen haben. Wel-
nen Fächern zeige demnach,       und der Religionswissen-           Wirtschafts- und Sozialge-       che Kolateralschäden Fö-
dass sowohl wissenschaftsim-     schaft (1997: 20, 2011: 27,5)      schichte (1997: 45, 2011: 37)    deralismus,      Autonomie
manente Entwicklungen als        verantwortlich sein. Umge-         und         Medizingeschichte    und Profilbildung bei den
auch gesellschaftliche Fakto-    kehrt habe die Slawistik           (1997: 31, 2011: 25) von star-   kleinen Fächern anrichten,
ren für Veränderungen ver-       (1997: 93, 2011: 80) nach          ken Verlusten betroffen, wäh-    ist nun anschaulich zu be-
antwortlich gemacht werden       dem Ende des „kalten Krie-         rend die Außereuropäische        sichtigen.
könnten. Die Einbußen etwa       ges“ starke Verluste hinneh-       Geschichte zu Regionen wie          Andererseits sind Föde-
der Anthropologie (1997:         men müssen. Ein Fach wie           Ost- und Südasien oder La-       ralismus und Autonomie
16,5 Professuren, 2011: 12       Gender Studies (1997: 29,5,        teinamerika (1997: 23, 2011:     wichtige Konstituenten des
Professuren), der Kristallo-     2011: 52,5), das, so die HRK,      30) gewonnen haben.              Wissenschaftssystems. Und
graphie (1997: 42, 2011: 23,5)   einen wichtigen gesellschaftli-    Siehe hierzu den ausführlichen   die Konkurrenz der Fächer
und der Mineralogie (1997:       chen Trend wissenschaftlich        Beitrag im Heft auf Seite 34.    untereinander und der Auf-
                                                                                                     und Niedergang von Leit-
                                                                                                     disziplinen ist so alt wie
        400 Millionen Euro für bessere Lehre                                                         die Geschichte der Univer-
                                                                                                     sität. Gerade weil die Kar-

I  n der zweiten Runde des
   Bund-Länder-Programms
„Qualitätspakt Lehre“ erhal-
                                 teilte die Gemeinsame Wis-
                                 senschaftskonferenz (GWK)
                                 mit. Demnach haben sich an
                                                                    len aus allen Regionen
                                                                    Deutschlands.     Zusammen
                                                                    mit der im Wintersemester
                                                                                                     tierung für einige kleine Fä-
                                                                                                     cher nicht mehr ist als eine
                                                                                                     akademische Sterbebeglei-
ten insgesamt 102 Universi-      der zweiten Antragsrunde           2011/12 gestarteten ersten       tung, muss sie fortgesetzt
täten, Fachhochschulen und       169 Hochschulen mit 135            Förderrunde werden jetzt         und weiterfinanziert wer-
Kunst- und Musikhochschu-        Anträgen für Einzel- und           186 Hochschulen aus allen        den. Sie ist eine wissen-
len bis zum Jahr 2016 rund       Verbundvorhaben beteiligt.         16 Ländern gefördert. Insge-     schafts- und gesellschafts-
400 Millionen Euro Förder-       Davon wurden 102 Hoch-             samt haben sich mehr als 90      politische Erkenntnisquelle
mittel des Bundes. Das Geld      schulen zur Förderung ausge-       Prozent der antragsberechtig-    über den Wandel von Prio-
soll zur Verbesserung von        wählt: 40 Universitäten, 43        ten Hochschulen beteiligt.       ritäten und über die Aus-
Studienbedingungen      und      Fachhochschulen und 19                                              wirkungen von (zuviel)
Lehrqualität beitragen. Dies     Kunst- und Musikhochschu-                                           Wettbewerb in der Wissen-
                                                                                                     schaft. Zudem lässt es sich
                                                                                                     trefflich darüber streiten, ob
        HRK: Grundmittel für die Hochschulen                                                         die damit dokumentierte
        dringend erhöhen                                                                             Entwicklung eine dynami-
                                                                                                     sche Innovationsfähigkeit

D
erneut
      ie Hochschulrektoren-
      konferenz (HRK) hat
          eine    verlässliche
                                 hen erreichten. Im Gegensatz
                                 dazu sei das Drittmittelauf-
                                 kommen der Hochschulen
                                                                    Lehre. Sie können also die
                                                                    fehlende Grundfinanzierung
                                                                    nur eingeschränkt ersetzen.
                                                                                                     des Gesamtsystems belegt
                                                                                                     oder Ausbund ist von Kul-
                                                                                                     turverfall und geistlosem
Grundfinanzierung          der   seit dem Jahr 2000 um 80               Allerdings benötigen die     Zeitgeist.
Hochschulen gefordert. Tat-      Prozent angestiegen. Dritt-        Länder nach Ansicht der
sächlich seien die Grundmit-     mittel könnten jedoch nur für      HRK ohne Zweifel die Un-                   Michael Hartmer
tel für die Hochschulen in       die Zwecke eingesetzt wer-         terstützung des Bundes. Er
realen Werten seit Mitte der     den, für die sie eingeworben       müsse seinen Anteil an der
90er Jahre signifikant gefal-    wurden – naturgemäß also           Hochschulfinanzierung stei-
len, während die Studieren-      nahezu ausschließlich für die      gern.
denzahlen neue Rekordhö-         Forschung und nicht für die
Verblödungstoleranz - Deutscher Hochschulverband
6                      NACHRICHTEN                                                                         Forschung & Lehre   1|12

                          HESSEN                                         Keine Krankenschwester
                                                                         ohne Abitur?
        Appell der
        Universitätspräsidenten
       n einem gemeinsamen Appell haben die Präsidenten
                                                                  K     rankenschwestern und
                                                                        Hebammen sollen in
                                                                  Zukunft EU-weit Abitur ha-
                                                                                                   land, Österreich und Luxem-
                                                                                                   burg müssten aufstocken.
                                                                                                       Anlass für die Änderung
    I  der fünf hessischen Universitäten vor einer schlei-
    chenden Auszehrung der Hochschulen gewarnt. „Die
                                                                  ben müssen. Das sieht laut
                                                                  der Zeitung Handelsblatt die
                                                                                                   der Richtlinie aus dem Jahr
                                                                                                   2005 ist nach dem Bericht der
    Konferenz der Hessischen Universitätspräsidenten              Neufassung der europäischen      Zeitung die zunehmende Be-
    (KHU) ist in großer Sorge um die Qualität von Lehre,          Richtlinie zur Berufsanerken-    reitschaft der Europäer, über
    Studium und Forschung,“ heißt es in dem Appell. So ist        nung vor. Demzufolge sollen      Grenzen hinweg zu arbeiten.
    laut KHU die Zahl der Studenten an hessischen Univer-         die Staaten die nötige Quali-    2009 waren rund 5,8 Millio-
    sitäten binnen kürzester Zeit, seit 2007, von insgesamt       fikation für eine solche Aus-    nen Europäer in einem ande-
    107 351 auf 135 818 gestiegen. Dies entspricht einer          bildung von zehn auf zwölf       ren Mitgliedstaat der Union
    Steigerung von 27 Prozent. Bei den Erstsemestern be-          Schuljahre ausweiten. Der-       beschäftigt. Das entspricht et-
    laufe sich der Anstieg sogar auf mehr als 40 Prozent,         zeit sei dies bereits in 24      wa 2,5 Prozent der Erwerbs-
    rechnet man die Masterstudiengänge hinzu, seien es            Staaten der Fall. Deutsch-       bevölkerung in der EU.
    mehr als 60 Prozent. Ein Rückgang der Studentenzahlen
    sei nicht absehbar. Im Gegenteil, der Trend werde anhal-
    ten, zumal in Hessen der G8-Anstieg erst noch bevorste-
    he. Dazu komme, dass das reale Grundbudget der
    Hochschulen 2012 weiter sinke. Die Präsidenten begrü-
    ßen, dass sich das Land im Hessischen Hochschulpakt
    bereit erklärt habe, sich an den Mehrkosten der Tarifstei-           Professor Harald Lesch
    gerungen ab 2013 wieder zu beteiligen. Dennoch bleibe                Hochschullehrer des Jahres
    die Situation für die Universitäten 2011 und 2012 prekär.
    Sie fordern von der Landesregierung, die Kosten für die
    Tarif- und Gehaltssteigerungen der Angestellten und
    Beamten 2011 und 2012 von rund 28 Millionen Euro
                                                                  P     rofessor Dr. Harald
                                                                        Lesch, seit 1995 Profes-
                                                                  sor für Theoretische Astro-
                                                                                                   (DHV), Professor Bernhard
                                                                                                   Kempen. Lesch habe sich da-
                                                                                                   durch in herausragender
    rückwirkend zu übernehmen.                                    physik am Institut für Astro-    Weise um das Ansehen des
                                                                  nomie und Astrophysik der        Wissenschaftler- und Profes-
                                                                  Ludwig-Maximilians-Univer-       sorenberufes in der Öffent-
                                                                  sität München und seit 2002      lichkeit verdient gemacht.
        Zahl dualer Studienplätze steigt                          Lehrbeauftragter     Professor       Der Preis „Hochschulleh-
                                                                  für Naturphilosophie an der      rer/-in des Jahres“ wird mit

D      ie Zahl der Unterneh-
       men, die in Zusam-
menarbeit mit einer Hoch-
                                  nal unterschiedlich ausge-
                                  prägt. Einen deutlichen Zu-
                                  wachs im Vergleich zum Vor-
                                                                  Hochschule für Philosophie
                                                                  (SJ) in München, wird die
                                                                  diesjährige     Auszeichnung
                                                                                                   Unterstützung des ZEIT-Ver-
                                                                                                   lags Gerd Bucerius GmbH &
                                                                                                   Co.KG vergeben.
schule oder Berufsakademie        jahr konnte Bayern (plus 88     „Hochschullehrer des Jahres“         Der mit 10 000 Euro do-
duale Studienplätze anbieten,     Prozent) auf 126 Studiengän-    zugesprochen. „Kollege Lesch     tierte Preis wird Professor
ist stark gestiegen. Im Jahr      ge und Rheinland-Pfalz (plus    ist ein Sympathieträger und      Lesch am 19. März 2012 im
2011 gabe es im Vergleich         92 Prozent) auf 23 Studien-     Botschafter für die Wissen-      Rahmen der vierten Gala der
zum Vorjahr eine Steigerung       gänge verzeichnen. Am häu-      schaft und die Faszination,      deutschen Wissenschaft in
von rund 46 Prozent auf über      figsten vertreten sind duale    die von ihr ausgeht. Es ge-      Hannover verliehen, auf der
40 000 solcher Angebote von       Studiengänge     in   Baden-    lingt ihm mühelos, Brücken       auch academics – das von
Unternehmen, die damit dua-       Württemberg (236 Studien-       zwischen Geistes- und Na-        der ZEIT und der Zeitschrift
le Studienplätze für über         gänge) und Nordrhein-West-      turwissenschaften zu schla-      „Forschung & Lehre“ getra-
61 000 Studenten bereitstel-      falen (198 Studiengänge).       gen und Einsichten in Zu-        gene Karriereportal für die
len. Dies ergab eine aktuelle     Über ein umfangreiches An-      sammenhänge der Welt zu          Wissenschaft – den Preis für
Auswertung des Bundesinsti-       gebot verfügen außerdem die     vermitteln.    Als    Wissen-    den/die „Nachwuchswissen-
tuts     für    Berufsbildung     Bundesländer Sachsen (77        schaftsmoderator zahlreicher     schaftler/-in des Jahres“ ver-
(BIBB). Auch die Zahl der         Studiengänge), Hessen (70       TV-Formate bei BR-alpha,         geben wird. Die mit 2 000
angebotenen dualen Studien-       Studiengänge) und Nieder-       ZDF und zdf_neo vermag er        Euro prämierte Auszeich-
gänge ist gestiegen. Ihre Zahl    sachsen (65 Studiengänge).      als Hochschullehrer seit nun-    nung erhält der Physiker Dr.
stieg demnach um rund 20              Duale Studiengänge ver-     mehr 13 Jahren ein Millio-       Moritz Riede von der Techni-
Prozent auf 929, nachdem im       binden die praktische Ausbil-   nenpublikum für das Aben-        schen Universität Dresden
Vorjahr bereits eine Steige-      dung in einem Betrieb und       teuer Forschung zu begeis-       für seine Forschungsleistun-
rung von mehr als zwölf Pro-      die theoretische Ausbildung     tern und die Faszination Wis-    gen und sein Engagement für
zent     beobachtet    werden     an einer Hochschule oder        senschaft auch für Laien         erneuerbare Energien und
konnte.                           Berufsakademie, sodass Ab-      spürbar werden zu lassen“,       die soziale Verantwortung
    Das Angebot dualer Suti-      solventen im besten Fall zwei   sagte der Präsident des Deut-    von Wissenschaftlern in der
dengänge ist laut BIBB regio-     Abschlüsse erwerben.            schen Hochschulverbandes         Gesellschaft.
Verblödungstoleranz - Deutscher Hochschulverband
1|12     Forschung & Lehre                                                                             FUNDSACHEN                            7

          Fundsachen
Selbstbewusst                                     Fundglück
„Die Gelassenheit des früheren Kon-               „Jede Dummheit findet einen, der sie macht.“
stanzer Historikers Arno Borst dürfte
                                                        Tennessee Williams (1911-1983)
sich beim Endspurt der Exzellenzinitia-
tive kaum eine der beteiligten Universi-
täten bewahrt haben. Die Frage eines
DFG-Präsidenten, zu welchem Schwer-
punkt er gehöre, beschied Borst kurz              (Un-)begreiflich                                   Irrtum
und knapp: ‘Der Schwerpunkt bin ich.’“
    Heike Schmoll; zitiert nach                   „Der Mensch muss bei dem Glauben                   „Das einzige Mittel, den Irrtum zu ver-
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom                verharren, dass das Unbegreifliche be-             meiden, ist die Unwissenheit.“
7. Dezember 2011
                                                  greiflich sei; er würde sonst nicht for-               Jean-Jacques Rousseau (1712-1778)
                                                  schen.“
                                                     Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Donald Duck und Muppets                                                                              Lebensgefährlich

„Die Beliebtheit sollte kein Maßstab für          Deutsch                                            „Wird’s besser? Wird’s schlimmer?/
die Wahl von Politikern sein. Wenn es                                                                fragt man alljährlich./Seien wir ehr-
auf die Popularität ankäme, säßen Do-             „Wir sind den Franzosen zwar in vielen             lich:/Leben ist immer/lebensgefähr-
nald Duck und die Muppets längst im               Dingen ähnlich, aber wir sind keine                lich.“
Senat.“                                           Franzosen. Wir sind grüblerischer, mit                 Erich Kästner (1899-1974)
       Orson Welles (1915-1985)                   einem Hang zum Grundsätzlichen und
                                                  manchmal auch mit einer gewissen Nei-
                                                  gung zur Rechthaberei. Luthers ‘Hier               Böse
Undo                                              stehe ich, ich kann nicht anders’ auf
                                                  dem Reichstag zu Worms scheint mir                 „Die Welt wird nicht bedroht von den
„Das Englische tendiere demgegenüber              für viele unserer Debatten paradigma-              Menschen, die böse sind, sondern von
zu Klarheit: Während man etwa im                  tisch. Damit muss die Politik umgehen.“            denen, die das Böse zulassen.“
Deutschen das Verb ‘machen’ umständ-                  Bundesverfassungsrichter Professor Peter           Albert Einstein (1879-1974)
lich mit ‘ungeschehen machen’ negie-              M. Huber; zitiert nach Frankfurter Allgemeine
                                                  Zeitung vom 20. Dezember 2011
ren müsse, heiße es im Englischen kurz
und knapp: ‘to undo’. Mag sein, dass
das prägnanter ist. Unbedingt schöner
ist es aber nicht.“
     Tomasz Kurianowicz; zitiert nach Frankfur-
ter Allgemeine Zeitung vom 7. Dezember 2011

Angst und bange                                     Scheinerwerb
„Doch auch in diesem Gespräch zeigt
Guttenberg unfreiwillig, warum er als               „Es gehört zu den Feinheiten der deutschen Hochschulsprache,
politische Führungsfigur ungeeignet ist             dass sie das Ansammeln von beglaubigten Leistungen im Lauf
(...) So minutiös beschreibt er sein                eines Studiums geradeheraus als Scheinerwerb bezeichnet – was
chaotisches Vorgehen – er will mit                  insofern als terminologisch wertvoller Hinweis zu würdigen ist,
‘mindestens 80’ Datenträgern gearbei-               als zwischen einer authentischen Kompetenz, was immer das
tet haben –, so wortreich seine Überfor-
derung mit einer Aufgabe (Bundestags-
                                                    sein mag, und einer umfassenden Simulation der selben Kompe-
mandat, Doktorarbeit, Familie), die                 tenz kein essentieller Unterschied nachzuweisen ist. Man könn-
doch so oder ähnlich zahllose Men-                  te dies an einigen bekannten Beispielen von falschen Ärzten il-
schen bewältigen, dass einem angst und              lustrieren, die jahrelang täglich mit gutem Erfolg schwierigste
bange wird bei dem Gedanken, dieser                 Operationen durchführten, bis sich eines Tages herausstellte,
Mann könnte noch einmal die Geschi-
                                                    dass sie hierzu nicht qualifiziert waren.“
cke Deutschlands lenken, und sei es
                                                        Professor Peter Sloterdijk; zitiert nach Der Spiegel 49/2011
nur durch die Mitarbeit an Gesetzen.“
    Eckart Lohse; zitiert nach Frankfurter
Allgemeine Zeitung vom 30. November 2011
Verblödungstoleranz - Deutscher Hochschulverband
8                   NACHWUCHSWISSENSCHAFTLER                                                     Forschung & Lehre   1|12

              „Doktoranden sind keine
               Währung und kein Besitzstand“
                  Fragen an den Vorsitzenden des Wissenschaftsrates

                    | W O L F G A N G M A R Q U A R D T | Der Wissenschaftsrat hat immer wieder zur Frage des wissen-
schaftlichen Nachwuchses, zur Bedeutung von Habilitation und Juniorprofessur Stellung bezogen.Wie schätzt er die aktu-
ellen Perspektiven der Nachwuchswissenschaftler angesichts tausender befristeter Stellen durch Hochschulpakt und
Exzellenzinitiative ein? Welche Bedeutung soll Tenure im Hochschulsystem haben? Fragen an den Vorsitzenden des Rates.

                                                                                                                       Cartoon: Meissner
Verblödungstoleranz - Deutscher Hochschulverband
1|12   Forschung & Lehre                                          NACHWUCHSWISSENSCHAFTLER                                        9

Forschung & Lehre: Der Wissen-              uns mit einheitlichen formalen Krite-      wird, wären wir gut beraten, einem gro-
schaftsrat hat sich im Jahr 2001 für die    rien als Voraussetzung für die Berufbar-   ßen Teil der Nachwuchswissenschaftler
Einführung der Juniorprofessur ausge-       keit aufzuhalten, sollten wir Berufungs-   einen Verbleib in den Hochschulen zu
sprochen. Das damalige Ziel von etwa        entscheidungen allein an der inhaltlich    attraktiven Konditionen zu ermögli-
6000 Juniorprofessuren in Deutschland       belegbaren wissenschaftlichen Qualifi-     chen. Nur so können die Betreuungsre-
wurde mit derzeit knapp 1000 weit ver-      kation der Bewerber orientieren.           lation verbessert, die Lehraufgaben mit
fehlt. Welche Gründe sehen Sie für das                                                 hoher Qualität abgedeckt und gleichzei-
Auseinanderfallen von Soll- und Ist-Zu-     F&L: Die Kernfrage des wissenschaftli-     tig eine Verbesserung der Leistungsfä-
stand?                                      chen Nachwuchses ist die Verlässlich-      higkeit unserer Forschung im interna-
                                            keit der Berufsperspektive, insbesondere   tionalen Wettbewerb erreicht werden.
Wolfgang Marquardt: Die Einführung          verbunden mit der Option für eine Te-
der Juniorprofessur war ja nur einer der    nure-Stelle. Plädieren Sie für Wissen-
                                                                       F&L: Sind die derzeit bestehenden Per-
Bausteine einer Reform der Karrierewe-      schaft als „Laufbahn“?     sonalkategorien an den Hochschulen
ge in Deutschland, um frühe wissen-                                              für den wissenschaftlichen
schaftliche Unabhängigkeit und verläss-
liche Karriereperspektiven zu schaffen.
                                            »Die Qualifizierungswege sollten Nachwuchs        ausreichend? Ist
                                                                                 die Professur mit Schwer-
An diesen Zielen müssen wir weiter          auch künftig in den Fächern          punkt Lehre angesichts des
festhalten, wenn wir international wett-    variieren können.«                   derzeitigen    Studentenan-
bewerbsfähig bleiben wollen. Die Quali-                                          sturms ein Zukunftsmodell?
fizierungswege sollten aber auch künftig
in den Fächern variieren können, weil –     Wolfgang Marquardt: „Laufbahn“ als         Wolfgang Marquardt: Wir treten seit
wie beispielsweise in den Ingenieurwis-     automatische Beförderung nach Alters-      langem für eine Ausdifferenzierung der
senschaften – der Weg zur Professur         stufen verstanden, passt nicht in das      Personalkategorien ein, hier stellt die
nicht zwingend über eine Juniorprofes-      Wissenschaftssystem. Wissenschaftskar-     Professur mit Schwerpunkt Lehre eine
sur gehen muss. Demnach zeigt die klei-     rieren müssen vielmehr an Qualität und     sinnvolle Variante dar. Diese oder jede
ne Zahl von Juniorprofessuren, dass es      Leistung in Forschung, Lehre und           andere Personalkategorie soll die Ein-
immer noch nicht gelungen ist, neben        Transfer orientiert sein. Aber wenn        zelnen aber nicht ein für alle Mal festle-
der klassischen Rekrutierung über As-       „Laufbahn“ mehr Transparenz über           gen. Die im individuellen Karrierever-
sistenzen oder aus der Industrie auch       Prozeduren und Kriterien der Bewer-        lauf flexible Schwerpunktsetzung in
Tenure-Track-Verfahren mit transparen-      tung von Qualität und Leistung und der     Forschung oder Lehre oder in der Wis-
ten Spielregeln flächendeckend einzu-       auf dieser Grundlage entschiedenen Be-     senschaftsadministration kommt der
führen. Stattdessen muten wir dem wis-      rufung oder Entfristung bedeutet, dann     Vorstellung des Wissenschaftsrats am
senschaftlichen Nachwuchs weiterhin         erscheint mir das sehr wohl vereinbar      nächsten. Was die Gestaltung der Per-
unübersichtliche, meist drittmittelfinan-   mit dem Leistungsprinzip.                  sonalstruktur betrifft, so wird sich der
zierte Wege zur Professur zu, die oft                                                  Wissenschaftsrat in nächster Zeit ver-
durch Kettenverträge kurzer Laufzeit     F&L: Exzellenzinitiative und Hoch-            mutlich erneut dazu äußern. In diesem
gekennzeichnet sind. Damit tun wir der   schulpakt haben Tausende von befriste-        Rahmen könnten auch Karrierewege
Wissenschaft langfristig allerdings kei- ten Stellen für Nachwuchswissenschaft-        und Personalkategorien neben der Pro-
nen Gefallen, auch wenn es für die Uni-  ler generiert. Welche Perspektive haben       fessur empfohlen werden, den Beratun-
versitäten praktisch zu sein scheint.    diese Wissenschaftler? Die Zahl der           gen will ich aber nicht vorgreifen.
                                                             Universitätsprofes-
»Die Professur mit Schwerpunkt Lehre soren ist seit Jahren
                                                             nahezu konstant –
stellt eine sinnvolle Variante dar.«                         und zwar konstant
                                                             niedrig.
F&L: Nach wie vor ist die Habilitation
für viele Wissenschaftler der Qualifika- Wolfgang Marquardt: Der Zuwachs an
tionsweg für eine Professur. Welche Be-  Nachwuchswissenschaftlerstellen ent-
deutung hat sie im Vergleich mit der Ju- spricht der gewachsenen Bedeutung der
niorprofessur?                           Forschung für den Standort Deutsch-
                                         land und ist daher grundsätzlich sehr zu
Wolfgang Marquardt: In vielen Fä-        begrüßen. Mit diesen Sonderprogram-
chern hat die Habilitation de facto im-  men qualifizieren wir eine deutlich hö-
mer noch eine zentrale Bedeutung für     here Zahl junger Menschen für eine
die Rekrutierung – allerdings ist diese  wissenschaftsorientierte berufliche Tä-
Rekrutierungspraxis weder alternativ-    tigkeit nicht nur innerhalb, sondern
los, noch wäre der Verzicht auf sie      auch außerhalb des Wissenschaftssys-
zwangsläufig mit Qualitätseinbußen       tems. Da dieser Aufwuchs zeitgleich mit
verbunden. Und das ist nicht erst seit   einer stark gestiegenen Nachfrage nach
Einführung der Juniorprofessuren der     Studienplätzen stattfindet und laut ak-          Professor Dr.-Ing. Wolfgang Marquardt ist
Fall; schon immer waren Berufungen       tuellen Vorausberechnungen die Zahl              Vorsitzender des Wissenschaftsrates und
auch mit dem Nachweis habilitations-     der Studierenden auch in den nächsten            Professor für Prozesstechnik an der RWTH
äquivalenter Leistungen üblich. Statt    fünfzehn Jahren nicht zurückgehen                Aachen.
Verblödungstoleranz - Deutscher Hochschulverband
10        NACHWUCHSWISSENSCHAFTLER                                                  Forschung & Lehre   1|12

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                       F&L: An vielen Universitäten wird die      ständlich muss die Ausgestaltung einer
                       Lehre durch den Einsatz von Lehrbe-        solchen kollegialen Verantwortung
                       auftragten, von denen sehr viele Privat-   nach fachspezifischen Erfordernissen
                       dozenten sind, mitgetragen. Viele von      erfolgen und sich auf gerade diesen wis-
                       ihnen beklagen Unterbezahlung und          senschaftlichen Diskurs konzentrieren,
                       Perspektivlosigkeit. Zu Recht?             anstatt fächerübergreifend formale Re-
                                                                  gelungen und mehr Bürokratie einzu-
                       Wolfgang Marquardt: In der Tat kann        führen.
                       die Lehrleistung nicht alleine durch die
                       Professoren erbracht werden. Daher ist    F&L: Dem steht entgegen, dass nie-
                       das Hochschulsystem systemisch auf        mand die Dissertation besser kennt, zu-
                       weitere Lehrkräfte angewiesen. Inwie-     mindest kennen sollte, als der Betreuer.
                       weit diese Lehrkräfte
                       eine berufliche Per-        »Der Betreuer steht einer
                       spektive      innerhalb
                       oder außerhalb der          Dissertation inhaltlich am nächsten
                       Wissenschaft      haben     und verantwortet die Orientierung.«
                       oder nicht, hängt vom
                       Fach und von der Or-
                       ganisationsstruktur einer Einrichtung     Wird mit diesem Komiteemodell nicht
                       ab. Die manchmal unzumutbare Situati-     die Motivation, Doktoranden anzuneh-
                       on von Privatdozenten und anderen         men, geschwächt und entscheidet das
                       hoch qualifizierten Nachwuchskräften      Komitee nicht auch unmittelbar über
                       ist eben die Kehrseite der traditionellen die Betreuungsleistung?
                       Karrierewege in der Wissenschaft in
                       Deutschland, wo allein auf „up or out“    Wolfgang Marquardt: Natürlich steht
                       gesetzt wird und keine attraktiven Kar-   der Betreuer einer Dissertation inhalt-
                       riereoptionen neben der Professur ge-     lich am nächsten und verantwortet die
                       boten werden. Besonders problematisch     Orientierung. Gerade diese Verantwor-
                       scheint es mir, wenn Missstände nicht     tung kann nicht delegiert werden. Ihre
                       nur in Einzelfällen entstehen, sondern    Frage geht offenbar aber von der Inter-
                       wenn die Funktionsfähigkeit der Hoch-     pretation einer Betreuungsbeziehung
                       schulen systematisch durch eine große     als Besitzverhältnis aus: Weshalb sollte
                       Zahl hoch qualifizierter und erfahrener,  ich weniger motiviert sein, einen Dok-
                       aber nicht wissenschaftlich selbstständi- toranden anzunehmen, wenn auch Kol-
                       ger Lehrkräfte sichergestellt wird. So    legen sich mit dessen Projekt aus fachli-
                       werden Potenziale verschenkt und          cher Perspektive befassen? Verantwor-
                       Frustration erzeugt.                      tungsvollen Doktorvätern und –müt-
                                                                 tern ist es ein Anliegen, Doktorarbeiten
                       F&L: Der Wissenschaftsrat hatte in ei-    möglichst gut zu betreuen, warum soll-
                       nem aktuellen – wie man hört auch in-     ten sie kollegiale Unterstützung dabei
                       tern nicht unumstrittenen – Positionspa-  zurückweisen oder sich gar bezüglich
                       pier empfohlen, die Doktorandenausbil-    ihrer Betreuungsleistung kontrolliert
                       dung künftig stärker in kollegiale Ver-   fühlen? Ist nicht mit einem wissen-
                       antwortung zu geben und Doktoranden       schaftlichen Gewinn zu rechnen, wenn
                       zusätzlich zu ihren Betreuern durch ein   die inhaltliche Auseinandersetzung
                       fachnahes Promotionskomitee zu beglei-    über eine Forschungsarbeit schon früh,
                       ten. Was versprechen Sie sich davon?      also lange vor der Promotionsprüfung,
                                                                 in einem größeren Kreis von Fachleuten
                       Wolfgang Marquardt: Die Betonung          erfolgt? Die Heftigkeit mancher Reakti-
                       kollegialer Verantwortung, die übrigens   on lässt mich manchmal daran zweifeln,
                       nur eine von vielen Empfehlungen ist,     ob wir alle das Verständnis von Wissen-
                       war nicht umstritten. Im Rahmen struk-    schaft als offenem Austausch teilen.
                       turierter Promotionen haben sich sol-     Doktoranden sind keine Währung und
                       che Modelle kollegialer Betreuung viel-   kein Besitzstand, sondern die Zukunft
                       fach bewährt, die im Übrigen nicht die    der Wissenschaft.
                       Beziehung zum Doktorvater bzw. der
                       Doktormutter ersetzen, sondern ergän-
                       zen sollen. Wissenschaft ist offener Dis-
                       kurs unter Peers. Ich sehe nicht, wes-
                       halb ein solcher Austausch gerade wäh-
                       rend der wichtigsten Qualifizierungs-
                       phase schädlich sein sollte. Selbstver-
PROMOVIEREN AN EINEM EXPERIMENTELLEN ORT

Architektur, Bauingenieurwesen und Umweltingenieurwis-           Rahmenbedingungen der Doktorandenausbildung an der
senschaft, Kunst und Gestaltung, Medienwissenschaft und          Bauhaus-Universität Weimar. Als zentrale wissenschaftliche
Medieninformatik – die Bauhaus-Universität Weimar lebt ak-       Einrichtung fungiert die Bauhaus Research School als Dachin-
tiv die Verbindung unterschiedlicher Disziplinen.                stitution für alle strukturierten Promotionsstudiengänge, Gra-
                                                                 duiertenkollegs und Internationalen Promotionsprogramme
Daraus entsteht in Forschung und Lehre Neues, Ungewöhnli-        der vier Fakultäten:
ches und Kreatives. Dem Geist des Bauhauses folgend, steht
der Name der Universität heute für Experiment und Exzellenz,     • Internationales Promotionsprogramm Europäische
Nähe zur industriellen Praxis und Internationalität. Wissen-       Urbanistik
schaftler, Architekten, Gestalter und Künstler arbeiten an der   • Bi-nationale Promotionsforschungsgruppe Urban Heritage
Bauhaus-Universität Weimar gemeinsam an der Konzeption           • Promotionsprogramm Projektentwicklung und
und Gestaltung gegenwärtiger und zukünftiger Lebensräume.          Immobilienresearch
                                                                 • Graduiertenkolleg Modellqualitäten im Konstruktiven
Mit der Bauhaus Research School bietet die Universität ihrem       Ingenieurbau
wissenschaftlichen und künstlerisch-gestalterischen Nach-        • Promotionsstudiengang Kunst und Design, Freie Kunst,
wuchs einen Ort für den Austausch, für die wissenschaftli-         Medienkunst
che Promotion sowie die künstlerische Weiterqualifikation         • Graduiertenkolleg Mediale Historiographien
über Fakultäts- und Fächergrenzen hinweg. Unser Anliegen         • Junior-Fellow-Programm Theorie und Geschichte
ist die gezielte Förderung strukturierter und individueller        kinematographischer Objekte
Promotionsvorhaben sowie die Schaffung unterstützender           • Individuelle Promotion

www.uni-weimar.de/brs
12                      NACHWUCHSWISSENSCHAFTLER                                                             Forschung & Lehre   1|12

                      Habilitation versus Tenure
                      Karrieremodelle an Universitäten
                      im internationalen Vergleich

                   | R E I N H A R D K R E C K E L | Seit dem Siegeszug der               Deutschland, gegliedert nach Karriere-
Drittmittelforschung sind Nachwuchswissenschaftler zunehmend befristet und                stufen (in Vollzeitäquivalenten). Auf-
prekär beschäftigt. Die Chancen für Lehr- und Forschungspersonal sind interna-            grund der sehr unterschiedlichen hoch-
tional verglichen durchaus unterschiedlich. Nehmen die akademischen Karriere-             schulstatistischen Zählweisen in den
stufen an deutschen Universitäten eine Sonderstellung ein?*                               verschiedenen Ländern ist jeder direkte
                                                                                          Vergleich ein gewagtes Unterfangen.

D
           as europäisch-amerikanische         Forschungsuniversität, die um Weltgel-     Aber ein gemeinsamer Bezugspunkt fin-
           Modell der Forschungsuniver-        tung ringen – ein französisches, ein deut- det sich, wenn man bei den Positionen
           sität hat sich weltweit als         sches, ein englisches und ein nordameri-   am oberen Ende der universitären Lauf-
maßgebendes Leitbild durchgesetzt:             kanisches Modell.                          bahn ansetzt, den Positionen für selbst-
Universitäten gelten überall als der Ort,           Sie alle stehen vor gemeinsamen       ständig forschende und lehrende Hoch-
wo höhere Bildung in Verbindung mit            Herausforderungen, aber sie bewegen        schullehrer. Diese sind überall sehr ähn-
wissenschaftlicher Forschung vermittelt        sich dabei innerhalb ihrer je eigenen      lich und deshalb als Vergleichsbasis gut
und wissenschaftlicher Nachwuchs her-          Logiken und reagieren deshalb auf sehr     geeignet: In der Regel werden sie unbe-
vorgebracht wird.                              unterschiedliche Weise auf sie: Überall    fristet und in Vollbeschäftigung wahrge-
    Eines der besonderen Kennzeichen                                                                    nommen, sie verleihen An-
der Forschungsuniversitäten ist ihre In-       »Ca. 85 Prozent des wissenschaft- sehen und „professorale“
ternationalität. Offenheit für internatio-                                                              Unabhängigkeit in Lehre
nale Studierende, Doktoranden, Gast-           lichen Personals an deutschen                            und Forschung. In den bei-
wissenschaftler war schon immer eines          Hochschulen ist auf unselbst-                            den Abbildungen werden
ihrer Merkmale. Der allmähliche Sieges-                                                                 sie unter dem Oberbegriff
zug des Englischen als allgemeine Wis-
                                               ständigen Mittelbaupositionen.«                          „Senior Staff“ zusammen-
senschaftssprache und die zunehmende                                                                    gefasst, da der Professoren-
internationale Standardisierung von Stu-       treten ähnliche Finanzierungsprobleme      titel nicht in allen Ländern die gleiche
diengängen, akademischen Graden und            auf, überall sind die Auswirkungen der     Bedeutung hat.
Titeln kommen heute hinzu. Allerdings          weltweiten Bildungsexpansion zu be-            Komplexer, und hier von besonde-
übersieht man angesichts dieser Interna-       wältigen, für alle gilt der gleiche inter- rem Interesse, ist die Kategorie des „Ju-
tionalisierungseuphorie allzu leicht, dass     nationale Qualitätswettbewerb usw. Sie     nior Staff“. Dabei geht es um hauptamt-
hinter den zurzeit stattfindenden termi-       müssen sich auch alle mit dem Umstand      lich und selbstständig lehrende und for-
nologischen und organisatorischen An-          auseinandersetzen, dass ein immer grö-     schende Hochschullehrer unterhalb der
gleichungen noch immer sehr unter-             ßer werdender Teil des universitären       professoralen Spitzenebene. Hier gibt es
schiedliche nationale Universitätskultu-       Forschungspersonals nicht mehr aus         von Land zu Land ganz erhebliche Un-
ren und –strukturen stehen. Ein Beispiel       Haushaltsmitteln bezahlt wird, sondern     terschiede, wie sich bereits an Abbil-
dafür sind die akademischen Laufbahn-          auf projektgebundene und grundsätz-        dung 1 ablesen lässt. Es ist unüberseh-
strukturen, die hier vergleichend be-          lich befristete Drittmittel angewiesen     bar, dass allein Deutschland über ein
trachtet werden: Es gibt nicht nur eine,       ist. Um die damit verbundenen Verän-       Universitätssystem verfügt, in dem fest
sondern mindestens vier Varianten des          derungen verstehen zu können, ist es       angestellte, eigenständig lehrende und
europäisch-amerikanischen Modells der          hilfreich, die unterschiedlichen nationa-  forschende      Hochschullehrer       beim
                                               len Laufbahnstrukturen und Selbstver-      hauptberuflichen        wissenschaftlichen
                   AUTOR                       ständlichkeiten zu kennen, die sich hin-   Personal klar in der Minderheit sind.
                                               ter häufig ähnlich klingenden Bezeich-     Das bedeutet, dass die anfallenden
         Professor (em.) Reinhard Kreckel,     nungen verbergen.                          Lehr- und Forschungsaufgaben hier
         Soziologe, war Rektor der Univer-
                                                    Die beiden Abbildungen auf der fol-   schon rein rechnerisch nur auf relativ
         sität Halle-Wittenberg und Direktor
         des Instituts für Hochschulfor-       genden Seite zeigen das hauptberufliche    wenige professionelle Schultern verteilt
         schung e.V. (HoF) in Wittenberg.      wissenschaftliche Personal an Universi-    werden können: Ca. 85 Prozent des
                                               täten in sechs Ländern im Vergleich zu     hauptberuflichen        wissenschaftlichen
1|12   Forschung & Lehre                                                                                    NACHWUCHSWISSENSCHAFTLER                                                                               13

                                                                                                                                               vor allem an den Spitzenuniversitäten,
                                                              Abbildung 1                                                                      deutliche Züge der deutschen Habilita-
                                                                                                                                               tion.
                                                    8% W3-Prof.             18%                               ⎫
                                  24%               5% W2-Prof.                                               ⎥                                    Das für Deutschland charakteristi-
                                                                        Professor               30%           ⎥
                                Professeur           2% JP/Doz.                                               ⎥
                                                                                                              ⎥
                                                                                                                                               sche Hausberufungsverbot und die Vor-
   „Oberbau“                                                                                Full Professor
                                                                                                              ⎥
   (selbstständige                                      17%                 25%                               ⎬     Senior Staff               stellung, dass nur ganz wenige zur
                                                                                                              ⎥
                                                                      Sen. Lecturer
   Hochschullehrer)                                                                                           ⎥
                                                                                                              ⎥
                                                                                                                                               selbstständigen Lehre und Forschung
                                  40%                                   Reader                  25%           ⎥
                                Maître de
                                                                                                              ⎥
                                                                                                              ⎥
                                                                                                                                               an einer Universität „berufen“ seien, ist
                                                                                           Associate Prof.    ⎭
                               Conférences                                  22%                                                                in keinem der genannten Länder geläu-
                                                                         Lecturer                                                              fig. Auch der Gedanke, ein „echter“
                                                                                                              ⎫
                                                        68%                                     14%           ⎥
                                   9%                (befristet)            7%                                ⎬     Junior Staff               Professor und Lehrstuhlinhaber müsse
                                                                                           Assistant Prof.    ⎥
   „Mittelbau“                                                                                                ⎭
                                                                                                                                               über eigene Mitarbeiter- bzw. Assisten-
   (abhängiges                                                              28%                  1%           ⎫
   wissenschaft-
                                  27%                                                                         ⎥     Assisting                  tenstellen verfügen, stößt dort auf Ver-
                                (befristet)                             (befristet)             17%           ⎬
   liches Personal)                                                                           (befristet)
                                                                                                              ⎥
                                                                                                              ⎭
                                                                                                                    Staff                      wunderung. Andererseits sind die tradi-
                                                                                                                                               tionellen universitären Laufbahnstruk-
                          Frankreich 2009/10      Deutschland 2009    England 2009          USA 2008/09
                                                                                                                                               turen zurzeit in allen vier Ländern von
  I Wiss. Mitarb. (befristet)        I Wiss. Mitarb. (unbefristet)   I Junior Staff (Tenure Track)     I Junior Staff (Tenure)
                                                                                                                                               einem Erosionsprozess betroffen, der
  I Junior Staff (a.Z./a.D.)         I Sonst. Senior Staff           I o. Prof.                                                                durch die überall spürbare Zunahme
                                                                                                                                               von befristet und prekär beschäftigtem
                                                                                                                                               Lehr- und Forschungspersonal und den
Personals an deutschen Universitäten                                 berufen werden, häufig an der eigenen                                     Siegeszug der Drittmittelforschung aus-
ist auf unselbstständigen Mittelbauposi-                             Universität. Insofern haben wir es im                                     gelöst wird.
tionen unterhalb der Hochschullehrer-                                Falle Frankreichs mit einer Mischform                                         Nun könnte man denken, dass die
ebene beschäftigt, weitaus die meisten                               von Tenure- und Habilitationssystem zu                                    in Abbildung 1 sichtbar werdende extre-
auf befristeten Qualifikations- und/oder                             tun.                                                                      me Sonderstellung des deutschen Kar-
Drittmittelstellen. Nur ein kleiner, zu-                                 Eine spezifische Variante des Tenu-                                   rieremodells, in dem es nur relativ we-
nehmend schrumpfender Teil des Mit-                                  re-Modells ist das „Tenure Track“-Sys-                                    nige W2- und W3-Professuren und so
telbaupersonals (z. Zt. knapp 20 Pro-                                tem der USA. Hier, anders als im stär-                                    gut wie keine etablierten Junior Staff-
zent) ist auf unterschiedlichsten Positio-                           ker titelorientierten Europa, tragen alle                                 Positionen gibt, mit dem Umstand zu-
nen (als Akademische Räte, Mitarbei-                                 Vollmitglieder des Lehrkörpers („facul-                                   sammenhängt, dass wir es hier nicht mit
ter/innen auf Funktionsstellen, Lehr-                                ty“) den Professorentitel, mit grundsätz-                                 einem Tenure-, sondern mit einem aus-
kräfte für besondere Aufgaben u.ä.)                                  lich gleichen Rechten und Pflichten in                                    gesprochenen Habilitations-Modell zu
dauerhaft an der Universität tätig. An-                              Lehre und Forschung. Allerdings wird                                      tun haben. Abbildung 2 zeigt allerdings
dererseits fehlt die Kategorie des „Ju-                              dem Assistant Professor im Unterschied                                    etwas anderes. Auch unter den Habili-
nior Staff“ an deutschen Universitäten                               zum europäischen Lecturer oder Maître                                     tationsländern ist Deutschland ein Aus-
fast völlig; und wo es sie doch gibt, han-                           de Conférences die Festanstellung nicht                                   nahmefall.
delt es sich überwiegend um Zeitstellen:                             fast automatisch gewährt, sondern nur                                         Das Habilitations-Modell der aka-
Der Anteil der Juniorprofessuren am                                  in Aussicht gestellt und erst nach vier                                   demischen Karriere findet sich in relativ
wissenschaftlichen Personal der Univer-                              bis sieben Jahren und strenger Leis-                                      reiner Form in den traditionellen Uni-
sitäten liegt zur Zeit bei etwa 0,7 Pro-                             tungsüberprüfung gewährt. Die mit dem                                     versitätssystemen von Deutschland, Ös-
zent, der der Universitätsdozenturen                                 Tenure Track-Verfahren verbundene                                         terreich und der Schweiz, aber auch in
und vergleichbarer Positionen bei                                    Evaluation der Forschungs- und Lehr-                                      osteuropäischen Ländern (hier als Bei-
knapp einem Prozent.                                                 leistungen („tenure evaluation“) trägt,                                   spiel: Tschechien). In diesen Ländern
    Ganz anders ist die Situation in
England und Frankreich, die – trotz al-
ler sonstigen Unterschiede – beide über                                                                                            Abbildung 2
Universitätssysteme mit ausgeprägtem                                                                                                                                                           ⎫
                                                                                                        11%                  13%                     14%                   10%                 ⎬
Tenure-Modell verfügen. Dort berech-                                     „Oberbau“                    Profesor          W2/W3-Prof.                                     Univ.-Prof.            ⎭
                                                                                                                                                                                                     Senior Staff
                                                                                                                                                  Professor
tigt die Berufung auf eine Stelle als                                    (selbstständige                                2% JP/Doz.                                         14%                 ⎫
                                                                         Hochschullehrer)               20%                                          13%             ao./assoz. Prof.
                                                                                                                                                                                               ⎬
                                                                                                                                                                                               ⎭
                                                                                                                                                                                                     Junior Staff
Lecturer bzw. Maître de Conférences                                                                    Docent                17%               „ob. Mittelbau“
                                                                                                                                                                                               ⎫
                                                                                                                                                                                               ⎥
(die in der Regel nach der Promotion                                                                                                                                       20%                 ⎥
                                                                                                                                                                                               ⎥
bzw. einer Postdoc-Phase erfolgt) zu                                                                                                                                                           ⎥
                                                                                                                                                                                               ⎥
                                                                                                                                                                                               ⎥
selbstständiger Lehre und Forschung.                                                                                                                                                           ⎥
                                                                                                                                                                                               ⎥     Assisting
Beim englischen Lecturer ist nach kur-                                   „Mittelbau“                    69%                                          73%
                                                                                                                                                                                               ⎬
                                                                                                                                                                                               ⎥     Staff
                                                                                                                             68%                                                               ⎥
zer Probezeit die unbefristete Anstel-                                   (abhängiges                  (befristet/
                                                                                                                          (befristet)             (befristet)              56%                 ⎥
                                                                                                     unbefristet)                                                                              ⎥
lung („tenure“) üblich, mit der Möglich-                                 wissenschaft-                                                                                  (befristet)            ⎥
                                                                                                                                                                                               ⎥
                                                                         liches Personal)                                                                                                      ⎥
keit des internen Aufstieges oder der ex-                                                                                                                                                      ⎥
                                                                                                                                                                                               ⎥
ternen Berufung zum Senior Lecturer                                                                                                                                                            ⎥
                                                                                                                                                                                               ⎭

und Professor. Der französische Maître
                                                                                               Tschechien 2007        Deutschland 2009          Schweiz 2009         Österreich 2009
de Conférences ist Lebenszeitbeamter.
Erwirbt er die (der deutschen Habilita-                                  I Wiss. Mitarb. (befristet) I Wiss. Mitarb. (unbefristet)      I Junior Staff (Tenure)   I Junior Staff (a.Z./a.D.)       I Professoren
tion ähnliche) habilitation de diriger
des recherches, kann er zum Professor
14                                                               Forschung & Lehre 1|12

verleiht nicht, wie in den Tenure-Syste-   Deutschlands und teilweise auch der
men, die Promotion, sondern erst der       Schweiz – unterhalb der ordentlichen
Erwerb der Habilitation (oder eines        Professur den Typus des selbstständigen
Äquivalentes) die Befähigung zu selbst-    Hochschullehrers mit eigenen Lehr-
ständiger Forschung und Lehre. Alle        und Forschungsaufgaben kennen, der
Lehr- und Forschungstätigkeiten vor        als Lecturer, Docent, Maître de Confé-
der Habilitation gelten daher eo ipso als  rences oder Assistant Professor dauer-
„unselbstständig“. Die für Nichthabili-    haft an einer Hochschule tätig ist. Diese
tierte vorgesehenen Stellen werden des-    auf den oberen Stufen sehr viel offene-
halb vor allem als befristete Qualifikati- ren akademischen Karrierestrukturen
onsstellen verstanden. In diesen vier      bieten die Möglichkeit, mit den im Zuge
noch stark vom klassischen Lehrstuhl-      der      Bildungsexpansion       steigenden
prinzip geprägten mitteleuropäischen       Lehranforderungen und mit der sich in-
Universitätssystemen sind
etatmäßige       Professuren
(mit nur 11–14 Prozent der
                                »An deutschen Hochschulen
Stellen für hauptberufliches    fehlt die Dozentenebene.
wissenschaftliches Perso-       Die akademische Juniorposition
nal) eher rar. Auffällig ist,
dass der universitäre Lehr-     fällt praktisch aus.«
körper sich in allen vier
Ländern ganz überwiegend aus befristet     tensivierenden Forschungsorientierung
beschäftigtem Personal mit assistieren-    der Universitäten flexibel umzugehen.
der Funktion und in unselbstständiger      An den deutschen Hochschulen fehlt
Stellung zusammensetzt.                    dagegen die Dozentenebene. Die akade-
    Zur Habilitation muss allerdings in    mische Juniorposition fällt praktisch
diesen Ländern, ebenso wie in Deutsch-     aus – abgesehen von den wenigen be-
land, die Berufung auf eine Professur      fristeten Juniorprofessuren, die größten-
hinzukommen: Erst der „Berufene“ gilt      teils sogar ohne Tenure Track ausge-
als vollwertiger Hochschullehrer. Ein      schrieben werden.
neuralgischer Punkt sind deshalb im            Die naheliegende Alternative, für die
Habilitations-Modell die nicht auf Pro-    alle anderen hier skizzierten europäi-
fessuren berufenen Habilitierten. In       schen Universitätssysteme bereits mehr
Deutschland gibt es für sie, schon we-     oder weniger deutlich optiert haben, ist
gen des noch immer wirksamen Haus-         die Ausweitung der Gruppe der selbst-
berufungsverbotes, fast keine festen       ständig lehrenden und forschenden
Hochschullehrerstellen. In Österreich      Hochschullehrer, speziell der Universi-
ist das anders. Dort bleiben die nicht     tätsdozenten, die nach strengen Quali-
berufenen Habilitierten als außeror-       tätskriterien berufen werden. Damit lie-
dentliche (bzw. „assoziierte“) Professo-   ßen sich die Aufgaben von Lehre, For-
                                               schung und Nachwuchsqualifizie-
                                               rung auf mehr Schultern verteilen,
»In Deutschland gilt erst der qualifikations- und funktionsbezoge-
›Berufene‹ als vollwertiger                    ne Differenzierungen von Tätigkeits-
                                               schwerpunkten für einzelne Hoch-
Hochschullehrer.«                              schullehrer würden erleichtert, und
                                               man wäre dann auch in der Lage,
ren weiter an der Universität. Status-     vielversprechende Postdocs aus dem In-
rechtlich gehören sie aber weiterhin       und Ausland für die deutschen Universi-
zum Mittelbau, nicht zur „Professoren-     täten gewinnen bzw. in Deutschland
bank“. Ähnlich verhält es sich bei den     halten zu können. Als Voraussetzung
Dozenten in Tschechien, während in         dafür ist freilich die allmähliche Reduk-
der Schweiz die Habilitierten als Privat-  tion der (von der Professorenschaft) ab-
dozenten bzw. Titularprofessoren der       hängigen archaischen Statusgruppe der
statistischen Mischkategorie des „obe-     „Assistierenden“ erforderlich – ein nicht
ren Mittelbaus“ zugerechnet werden.        ganz einfaches Unterfangen.
Sie lehren und forschen zwar selbst-
ständig, haben in den meisten Fällen       * Gekürzte und teilweise neu bearbeitete Fas-
aber keine Dauerstelle an der Universi-    sung von R. Kreckel, „Karrieremodelle an Uni-
                                           versitäten im internationalen Vergleich.“ In:
tät, ähnlich wie in Deutschland.
                                           A. Borgwardt, Hrsg., Der lange Weg zur Profes-
    Der vergleichende Blick auf die ver-   sur, Berlin 2010, S. 33-44. Dort finden sich
schiedenen Universitätssysteme zeigt       auch ausführliche Quellenbelege und Literatur-
somit, dass sie alle – mit Ausnahme        hinweise.
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