BDA-Preis für Architekturkritik 2018 Gerhard Matzig - Bund Deutscher ...

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BDA-Preis für Architekturkritik 2018 Gerhard Matzig - Bund Deutscher ...
BDA-Preis für
Architekturkritik 2018

Gerhard Matzig
BDA-Preis für Architekturkritik 2018 Gerhard Matzig - Bund Deutscher ...
BDA-Preis für Architekturkritik 2018 Gerhard Matzig - Bund Deutscher ...
BDA-Preis
Großer    für
       BDA-Preis  2017
Architekturkritik
2018 Zumthor
Peter

                  Inhalt
BDA-Preis für Architekturkritik 2018 Gerhard Matzig - Bund Deutscher ...
Inhalt
BDA-Preis für Architekturkritik 2018
Gerhard Matzig

Der BDA-Preis für Architekturkritik     3   Matzigs Leben im Heute                         25
 Heiner Farwick                              Dietmar Steiner

Begründung der Jury                     6   Über Geschmack lässt sich sehr wohl streiten   37
                                             Gerhard Matzig im Gespräch mit
Vita                                    7    Benedikt Hotze und David Kasparek

Einfach mal runterkommen                9   Impressum                                      47
Texte von Gerhard Matzig
  Fiebernde Hirne                      10
  Die Gattin des Genies                12
  Einfach mal runterkommen             14
  Zur Feier der Schöpfung              17
  „Alles Schwachköpfe!“                19
  Das Wunder                           21
BDA-Preis für Architekturkritik 2018 Gerhard Matzig - Bund Deutscher ...
Der BDA-Preis für Architekturkritik
Die unabhängige Architekturkritik ist eine wichtige      Den BDA-Preis für Architekturkritik 2018 erhält der
Größe im Diskurs über die Qualität des Planens           Leitende Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“
und Bauens. Doch in vielen Verlagen und manchen          und Buchautor Gerhard Matzig. Der Preis ist mit
Redaktionen wird das heute nicht mehr so gese-           5.000 Euro dotiert.
hen. Veranstaltungen und Produktvorstellungen
spielen eine immer wichtigere Rolle. Nicht immer         Gerhard Matzig wurde 1963 geboren. Er hat poli-
gelingt es da einer fundierten Architekturkritik,        tische Wissenschaften und Architektur in Bochum,
sich zu behaupten.                                       Passau und München studiert. Nach einem Volon-
                                                         tariat wurde er 1997 Redakteur im Feuilleton der
Daher ist der BDA-Preis für Architekturkritik heute      Süddeutschen Zeitung und 2000 dort Leitender
vielleicht so wichtig wie nie zuvor in den mittlerwei-   Redakteur. Er betreut die Themengebiete Archi-
le 55 Jahren seiner Geschichte. Zu den Preisträgern      tektur, Urbanismus und Design. Seit 2005 lehrt er
zählten unter anderem Julius Posener, Manfred            Architekturtheorie an der FH München.
Sack, Wolfgang Pehnt und Peter Sloterdijk. Mit
dem Preis wird „eine herausragende Leistung auf          Seine Texte in einem großen deutschen Feuilleton
dem Gebiet der kritischen Auseinandersetzung zu          beweisen, dass hier die unabhängige Architektur-
Fragen des Planens und Bauens mit publizistischen        kritik einen festen Platz hat und Architektur und
Mitteln geehrt“, wie es in der Satzung heißt. Der        Städtebau zu den relevanten Fragen unserer Ge-
„Kritikerpreis“ des BDA steht in einer Reihe mit         sellschaft gehören. Ich gratuliere dem Preisträger
den beiden anderen Preisen, die der BDA-Bundes-          sehr herzlich.
verband alternierend vergibt: dem „Großen BDA-
Preis“ und dem „BDA-Architekturpreis Nike“.              Heiner Farwick, Präsident des Bundes Deutscher
                                                         Architekten BDA

                                                                                                          3
BDA-Preis für Architekturkritik 2018 Gerhard Matzig - Bund Deutscher ...
BDA-Preis für
Architekturkritik
2018

   Begründung der Jury
                     und
    Vita des Preisträgers
Begründung der Jury
Gerhard Matzig schreibt als Leitender Redakteur der     Die Jury würdigt seine rhetorische Brillanz, seine ana-
Süddeutschen Zeitung hauptsächlich im dortigen          lytische Schärfe und die Qualität seiner „gebauten“
Feuilleton, tritt aber auch als erfolgreicher Buchau-   Sprache. Gerhard Matzig ragt unter den Zeitungs-
tor, Juror und versierter Teilnehmer von Podiums-       journalisten mit einem klaren Willen zur Gestaltung
und Fernsehdiskussionen hervor. Er überzeugt durch      seines Mediums in besonderer Weise hervor.
seine große Fachkenntnis in Architekturthemen und
deren inhaltliche Verknüpfung mit weit darüber hi-      Susanne Wartzeck (Vorsitz)
nausgehenden gesellschaftlich-politischen Fragen.         sturm und wartzeck | architekten bda | innen-
                                                          architekten, Mitglied des BDA-Präsidiums, Dipperz
Ob es sich um die Auswirkung von Normung und
Vergaberecht auf die Architekturqualität oder um        Andreas Denk
das Verschwinden der Frauen aus der Leitungsebe-          Chefredakteur „der architekt“, Bonn / Berlin
ne großer Architekturbüros handelt: Er beherrscht
die Kunst, auch scheinbar komplizierte Themen des       Dennis Mueller
Baugeschehens mit einer eigenen Sprache auf ho-           Architekt BDA, VON M, Stuttgart
hem sachlichen Niveau, gleichzeitig unterhaltsam
und vergnüglich, weit über enge Fachkreise hinaus       Dietmar Steiner
zu vermitteln, ja zu erklären. Ihm gelingt so ein Zu-     Architekturjournalist, Wien
gang zur allgemeinen Öffentlichkeit, dabei greift er
auf einen fundierten Hintergrund zurück und be-
zieht klare Positionen, die dem Leser plausibel und
überzeugend erscheinen.

6
Gerhard Matzig
Dipl.-Ing. Gerhard Matzig (*1963) studierte Rechts-
wissenschaft, Politische Wissenschaften und Ar-
chitektur in Bochum, Passau und München. Von
1986 bis 1991 absolvierte Matzig studienbegleitend
während der Semesterferien ein Volontariat bei der
Passauer Neuen Presse als Stipendium. Seit 1994 ar-
beitet er bei der Süddeutschen Zeitung. Seit 2001
ist er dort Leitender Redakteur und berichtet vor
allem über Architektur, Stadtplanung, Design und
Lebensweltliches. Er leitete von 2009 bis 2016 das
Ressort „SZ Wochenende“. Neben seiner Tätigkeit
für die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte er zahl-
reiche Bücher, darunter „Nettelbeck und Familie“
(2015), „Meine Frau will einen Garten“ (2012) und
„Einfach nur dagegen“ (2011). Darüber hinaus war
Matzig Lehrbeauftragter für Produktdesign an der
FH München, unterrichtete Kulturjournalismus an
der Deutschen Journalistenschule München und war
als Honorarprofessor für Wissenschaftstheorie an
der Universität für angewandte Kunst in Wien. 2013
erhielt er den DAI-Literaturpreis. Gerhard Matzig ist
verheiratet, hat drei Kinder und lebt in München.

                                                        7
Einfach BDA-Preis
Großer  mal       2017
runterkommen
Peter Zumthor

             Texte von
        Gerhard Matzig
Süddeutsche Zeitung | Feuilleton                                                                                                     15. November 2017

        Von GERHARD MATZIG

E    inundzwanzig Abgeordnete gehören
     dem Haushaltsausschuss im Bayerischen
Landtag an. Einer davon bestätigt am Tele-
fon, dass das Konzerthaus, das im Namen
des Freistaates ab 2018 in München realisiert
wird, „knapp unter 400 Millionen“ kosten soll.
Diese Summe kursiert im Landtag. Und auch
im Kultusministerium des Bauherrn Ludwig
Spaenle weiß man um eine Summe von 370
Millionen Euro. Als Obergrenze. In der SZ
wurde bereits darüber berichtet.
    Nicht dass man Probleme hätte mit einer
Summe, die einem nicht unbescheiden, aber
auch nicht gigantomanisch vorkommt – ange-
sichts eines komplex gelagerten Prestigepro-
jekts. Als Analogie im Autohandel: Für diese
Summe bekommt man etwas aus der Oberklas-
se, auch wenn eine gut ausgestattete Fünfer-
BMW-Architektur letztlich realistischer sein                 Wie der neue Konzertsaal in München aussehen soll, ist klar. Wie viel er kostet, nicht.
dürfte als ein Bau-Bentley. Die Zahl ist nicht                 Der Architekt nennt die Summe „fahrlässig“. Foto: Cukrowicz Nachbaur Architekten
grundfalsch, aber zugleich aus Gründen der
Logik und der Baukultur blanker Unsinn und

                                                                              Fiebernde Hirne
das Produkt fiebernder Hirne.
    Es ist eine falsche Zahl, die auf unverant-
wortliche Weise zum falschen Zeitpunkt publik
wurde – und die sehr wenig vom geplanten Bau
verrät, dafür aber sehr viel über die Misere der             Das neue Münchner Konzerthaus soll 370 Millionen Euro kosten.
öffentlichen Baukultur, die zu einer Unkultur                          Eine falsche Zahl zum falschen Zeitpunkt
des Quatschens und zu einer Brutstätte des
Baukosten-Deliriums geworden ist. Auch des-
halb wüsste man gern, wer sich diese Zahl ei-
gentlich ausgedacht hat.                           nun zu beauftragen wären? Man ruft das jun-            Semester des Architekturstudiums eine 4,3 mit
    Wer also könnte am ehesten wissen, was         ge österreichische Architekturbüro in Bregenz          knapper Not erreichen könnte (noch bestanden
ein ambitioniertes Projekt, das am Anfang          an. Andreas Cukrowicz und Anton Nachbaur-              und doch ein Desaster), kann man glücklich
steht, am Ende kostet? Die Architekten wo-         Sturm haben Top-Büros wie Zaha Hadid Ar-               darüber sein. Auch wenn der spröde „Vor“-
möglich – als die Verfasser jener überraschend     chitects oder Jean Nouvel klar abgehängt.              Entwurf eines „Klangspeichers“ noch viele
siegreichen Pläne, die nach einem insgesamt             Wenn man sich Nouvels Maikäferschach-             Fragen offenlässt. Zum Beispiel die nach einem
eher enttäuschend verlaufenen Wettbewerb           tel anschaut, die als Entwurfsarbeit im vierten        Foyer, das von der Aula einer Gesamtschule

10
15. November 2017                                                                                            Süddeutsche Zeitung | Feuilleton

der siebziger Jahre kaum zu unterscheiden ist.     Raum des Raunens zu blasen? Man ruft beim         Architektendichte weltweit, das Bauen verlernt
Und warum sich Architekten weigern, Eingän-        zuständigen Bauministerium von Joachim            hat. Oder das Rechnen. Oder beides.
ge statt Löcher in der Wand zu entwerfen. Weil     Herrmann an. Dort heißt es, nein, das stamme           Eigentlich müsste man ja hoffen, dass ab-
aber Fragen offen sind nach Konstruktion, Ma-      „garantiert nicht“ vom Minister, man findet       seits des privaten Bauens nach der Sehnsuchts-
terialität, Akustik oder Haustechnik, naturge-     die Diskussion „fahrlässig“. Erstmals in der      formel „Einmal im Leben“ die öffentlichen
mäß zum Zeitpunkt des Projekts, und weil die       Öffentlichkeit platziert habe die Zahlen im       Bauherren deutlich vorsichtiger umgehen mit
Planung „noch grob“ ist, so Anton Nachbaur-        Übrigen „der Herr Spaenle“, der tatsächlich       den wirtschaftlichen Risiken am Bau. Denn
Sturm, weigert er sich zu Recht, die 370 Mil-      auf der fraglichen Pressekonferenz etwas von      sie sind die Treuhänder unseres Geldes. Das
lionen zu bestätigen. „Ich will und kann jetzt     „Dreihundertundmehrmillionen“ gemurmelt           öffentliche Bauen speist sich schließlich aus
dazu nichts sagen. Das wäre fahrlässig.“           hat. Aber auch Spaenle hat sich das nicht aus-    Steuermitteln. Wo aber Kommunen und Län-
     Das wiederum bestätigt die Architekten        gedacht. Wer dann? Das Finanzministerium          der, Ministerien und Ämter als Bauherren
als seriöse Repräsentanten einer Zunft, die erst   etwa? Das hat lange vor dem Jury-Entscheid        auftreten, zeigt sich die Nation als groteske
überlegt, dann plant – und dann rechnet. Und       und ohne Kenntnis der Entwürfe die Zahl als       Mischung aus Schilda und Schurkenstaat. Eine
nicht umgekehrt. Kommt die Zahl womöglich          „vorläufige Kostenschätzung“ (also nicht als      Studie der Hertie School of Governance, die
aus den Reihen der Jury? Anruf beim Vorsit-        „Kostenrahmen“) fixiert. Angeblich aber „nur      170 öffentliche Großprojekte der letzten Jahre
zenden der Jury, Arno Lederer. „Auf keinen         mit Hilfe“ einer Kostenkalkulation der Bau-       in Deutschland untersucht hat, kommt zu einer
Fall“, sagt er. Um so eine Zahl „halbwegs“ zu      verwaltung im Hause Herrmann, bei der man         „durchschnittlichen Kostensteigerung“ von 73
berechnen, müsste man jetzt „zwei Architekten      einfach drei wahllos herausgegriffene Konzert-    Prozent. Pro Projekt. Insgesamt wurden die
drei Monate lang entwerfen und kalkulieren         häuser der Baugeschichte zum arithmetischen       Bauvorhaben um 59 Milliarden Euro teurer
lassen“. Lederer ärgert sich über das Zahlenge-    Mittel verrechnet haben soll. Als würde man       als ursprünglich berechnet. Das Bauen ist da-
murmel. Er hat davor gewarnt.                      sich „ein Stück Haus“ an der Theke bestellen,     bei, vom Versprechen und identitätsstiftenden
     Allein die Fassade des Klangspeichers,        wo man die Preise für Leberwurst leicht ver-      Moment zur Zumutung degradiert zu werden.
eine gigantische Glaskonstruktion, ist bis         gleichen kann.                                    Die Skandal-Liste ist bekannt. Sie reicht von
jetzt, da die Architekten noch nicht einmal             Man kann die Sehnsucht nach einer Zahl       Limburg (Bischofssitz) bis Berlin (Flughafen),
beauftragt sind, mit intensiveren Planungen        als Sucht der Gegenwart beschreiben. Wo-          wobei ganz oben die Elbphilharmonie thront.
in Haptik, Ästhetik oder Energetik völlig un-      bei die Öffentlichkeit das Bedürfnis teilt, ein   Sie sollte erst 77 Millionen Euro kosten, eine
bestimmt. Ein Quadratmeter Glas kann aber          Projekt messbar zu machen, um es einzuhe-         tendenziell eh ziemlich absurde Idee, und 2010
wenige Euro kosten – oder auch mal, siehe          gen. Das ist nicht unverständlich. Es illus-      fertig werden. Doch wurden daraus 2017 und
Elbphilharmonie, einige Zehntausend Euro.          triert ein tiefes Misstrauen. Klar, denn wohin    866 Millionen.
Dazwischen ereignet sich Architektur als           man auch schaut: Irgendwo explodieren im-              In der bayerischen Staatsregierung könnte
Summe unzähliger Entwurfsoptimierungen,            mer irgendwelche Baukosten mit einem lau-         man sich auch gedacht haben: Von den 866 Mil-
die im Idealfall sowie am Ende zu einem            ten „Bouuumm“.                                    lionen Euro ziehen wir 77 ab und halbieren das
ausgewogenen Verhältnis ästhetischer, tech-             Nach der „Bauherren-Studie 2017“ liefen      Ganze (Elbphilharmonie-für-Arme-Faktor). So
nischer, funktionaler und – selbstverständlich!    beispielsweise bei mehr als 70 Prozent der in     erhält man jenen Wert, der als „Kostenschät-
– auch ökonomischer Aspekte führen. Mit der        den letzten fünf Jahren privat erbauten Häuser    zung“ nun herumvagabundiert und so gescheit
Betonung auf „am Ende“. Nach der Vor- und          die Kosten aus dem Ruder. Und nur jedes zwei-     ist wie ein Backstein. Eine Bitte an die Politik
Durchplanung und vor dem Bau.                      te Eigenheim konnte fristgerecht bezogen wer-     und andere Möchtegern-Bauherren: Erbarmt
     Wer also war zu einem Zeitpunkt, da die       den. Man kann sich fragen, ob Deutschland,        euch, lasst die Fachleute vorher ihre Arbeit ma-
Experten wissen, dass sie nichts wissen, so        Hochburg der Gotik, Geburtsstätte des Bau-        chen, damit hinterher nicht schon wieder die
schlau, die 370 Millionen in den öffentlichen      hauses und überdies das Land mit der größten      Kosten explodieren.

                                                                                                                                                  11
SZ Plan W | Sonstiges                                                                                                                   4. Juni 2016

       Von GERHARD MATZIG

D     a ist es, ein kleines Zögern, ein flir-
      rendes Innehalten. Schon ist es weg.
„Nein“, sagt Regina Dahmen-Ingenhoven
                                                    Regina Dahmen-Ingenhoven sitzt entspannt in ihrem Garten. Genauso entspannt schaut sie auf ihre
                                                             Lebensentscheidung – für Kinder, gegen die Weltkarriere. Foto: Sabrina Weniger
mit fester Stimme, „ich bedaure meine Ent-
scheidung nicht.“ Nämlich die Entscheidung

                                                                   Die Gattin des Genies
für die Kinder – und gegen die Karriere. In
Düsseldorf arbeitet die Architektin in dem
von ihr gegründeten Designstudio mitten
im sogenannten Medienhafen. Die Lage
fast unmittelbar am Rhein, Kaistraße 12,        Wohin verschwinden die Frauen, die in den Architekturvorlesungen 55 Prozent der
wo alles fließt, mag einem auch jene Gelas-     Studierenden ausmachen? Die Geschichte der Ingenhovens gibt einige Antworten
senheit vermitteln, eine Entscheidung eine
Entscheidung sein zu lassen. „Klar“, sagt
sie, „ich habe auch einen gewissen Preis
dafür gezahlt. Aber wenn Sie glauben, man           Es gibt dazu Zahlen. Davon gleich mehr,          sind namhafte Architekten. Ein Dream-Team
könnte wirklich beides haben, viele Kinder,     denn zuvor ist hier die Geschichte der Ingen-        am Bau. Kennengelernt haben sie sich in Aa-
eine große Familie – und zugleich enorme        hovens zu erzählen, weil sie so typisch ist.         chen im Studium. Er war einer der besten Stu-
Ambitionen im Beruf ausleben: Das ist eine      Vielleicht sollte man schon vorneweg wissen:         denten. Sie war eine der besten Studentinnen.
Illusion.“ Das stimmt, zumindest für eine       Regina Dahmen-Ingenhoven, 54 Jahre alt,              Dann kam die Liebe, dann kamen die fünf
Architektin. Für einen Architekten stimmt       und der zwei Jahre ältere Christoph Ingenho-         Kinder, heute zwischen 15 und 28 Jahre alt,
es nicht.                                       ven, sind seit drei Jahren geschieden. Beide         es kam die Karriere, nämlich der Aufbau des

12
4. Juni 2016                                                                                                             SZ Plan W | Sonstiges

heute in aller Welt bekannten, 80 Mitarbeiter           Und jetzt? Jetzt sind sie getrennt und ha-   vergangenen Jahres waren unter den 81 „Best
umfassenden Büros Ingenhoven Architects.           ben jeweils ihre Büros. Er ein sehr großes. Sie   of the Best“-Preisträgern des renommierten
Dann kam die Scheidung.                            eines mit großer Frauenquote, das eher klein      Red Dot Awards wie viele Frauen? Eine.
     Heute, im Medienhafen, hat Regina             ist. Und nein, keiner der beiden Ingenhovens           In einer Studie heißt es: „Viele Frauen
Dahmen-Ingenhoven vier feste Mitarbeiter.          würde über den anderen Ingenhoven ein bö-         sind gute Teamplayer, aber schlechte Ego-
Derzeit erarbeitet sie für das Münchner Mo-        ses Wort sagen. Sie sagt vielmehr: „Wir hatten    manen.“ Die im Frühjahr verstorbene bri-
deunternehmen Allude ein ganzheitliches            eine klassische Arbeitsteilung, von Anfang        tische Architektin Zaha Hadid, eine von zwei
Gestaltungskonzept. Sie hat Apotheken ein-         an. Und ich habe das auch so gewollt. Als         Frauen, die je den Pritzker-Preis, eine Art
gerichtet, eine Kinderarztpraxis entworfen,        Mutter habe ich andere Prioritäten gesetzt.       Nobelpreis der Architektur, errungen haben,
Showrooms inszeniert. Doch, ja, die promo-         Für mich war und ist die Erziehung meiner         meinte einmal im Interview: „Es gibt einfach
vierte Architektin, die im Studienfach „Ent-       Kinder eben auch eine sehr schöne und wich-       Berufe, in die Frauen nicht so gut reinkom-
wurf“ nie eine andere Note als „1,0“ erzielte,     tige Form der Selbstverwirklichung.“ Also         men. Keine Ahnung, was männliche Archi-
arbeitet erfolgreich und anerkannt als Archi-      alles gut? Fast.                                  tekten mit ihren Kunden machen – golfen,
tektin. Mit einem kleinen Büro, das nur einen           Tatsache ist, dass Frauen in planenden       segeln, ein paar Drinks an der Bar? Echt, kei-
männlichen Mitarbeiter und somit eine, wie         Berufen benachteiligt sind. Nach einer Erhe-      ne Ahnung.“ Hadid wirkte, als sie das sagte,
Regina Dahmen-Ingenhoven nicht ohne Iro-           bung der Bundesarchitektenkammer vom Ja-          etwas gelangweilt. Vermutlich, weil die Vor-
nie anmerkt, „sagenhafte Frauenquote von 75        nuar 2016 beträgt der Anteil von Frauen im        stellung von den Deals an der Bar unter Män-
Prozent aufweist“. Es geht ihr also gut. Sie ist   Bereich freischaffender Hochbauarchitekten        nern ein langweiliges Klischee ist. Also eines,
zufrieden. Und doch …                              gerade einmal knapp 22 Prozent. Unter ge-         das stimmt.
     Wie soll man das jetzt sagen? Das Büro        werblich tätigen Stadtplanern sind es sogar            Ist es also die Bar, die den Unterschied
ihres geschiedenen Mannes, auch im Medi-           nur neun Prozent. Das ist absurd, denn es         macht, siehe Hadid? Oder der Kinderwunsch,
enhafen gelegen, keinen Steinwurf entfernt         gibt mehr Architekturstudentinnen (2013: 55       siehe Ingenhoven? Ist der Beruf am Ende per
vom Designstudio der Frau, ist berühmt. In-        Prozent) als Architekturstudenten. Und es ist     se „männlich“? Er ist zumindest nicht beson-
genhoven Architects bauen in Sydney und            kein Geheimnis, dass Frauen die insgesamt         ders familiengerecht. Die 38,5-Stunden-Wo-
Helsinki, in Jerusalem und Tokio. Christoph        besseren Zensuren erzielen. Von mehr und          che ist nicht die Regel in den Architekturbü-
Ingenhoven ist einer der wenigen deutschen         besser ausgebildeten Architektinnen bleiben       ros. Nachtschichten dagegen schon.
Architekten, der sich international durchset-      also auf dem Weg durch den Berufsalltag nur            Es kommt aber wohl noch etwas gravie-
zen konnte. Er ist ein Pionier energieeffizi-      sehr wenige Frauen übrig, die es in ihrem         rend anderes hinzu: Architekten sind nach
enter, kluger und fortschrittlicher Architektur,   Beruf an die Spitze oder zu einem eigenen         einem klassischen Berufsverständnis immer
die nicht als Jute-statt-Plastik-Tasche rüber-     Büro schaffen.                                    auch Selbstdarsteller. Schon der französische
kommt, sondern aufregend schön ist. Er ist              Architektinnen verdienen im Schnitt da-      „Revolutionsarchitekt“ Claude-Nicolas Le-
der Verfasser des berühmten, auch berüch-          her 30 Prozent weniger als ihre männlichen        doux (1736 –1806) meinte, Architekten seien
tigten Stuttgart-21-Projekts und der Architekt     Kollegen. Und was die Berufspolitik angeht:       die „Rivalen des Schöpfers“ beziehungsweise
vieler bekannter Gebäude.                          Unter den 16 Präsidenten der Länderarchitek-      die „Titanen der Erde“. Die ersten „Stararchi-
     Man darf wohl sagen: Er hat fünf Kinder       tenkammern befinden sich drei Frauen. Die         tekten“ der Moderne, Frank Lloyd Wright am
und ist ein berühmter Architekt – sie hat fünf     Lehre? An der ETH Zürich – es ist eine der        Beginn und Le Corbusier Mitte des 20. Jahr-
Kinder und ist, genau: eine Architektin. Er hat    namhaftesten Architektenausbildungsstätten        hunderts inszenierten sich in dieser Tradition
sich um das Büro gekümmert (und um die Fa-         der Welt – sind nur wenige Lehrstühle von         ganz bewusst als geniale Künstler. Als Wright
milie), sie hat sich um die Familie gekümmert      Frauen besetzt. Nicht anders sieht es bei den     einmal bei einem Prozess als Zeuge befragt
(und um das Büro).                                 Designerinnen und Designern aus. Im Juni          wurde und Namen und Beruf angeben sollte,

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SZ Plan W | Sonstiges                                                                                                 4. Juni / 20. Februar 2016

gab er zu Protokoll: „Ich heiße Frank Lloyd        Images schmückte er sich später mit dem
Wright und bin der bedeutsamste Architekt          Geburtsnamen der Mutter (Rohe) und adel-
aller Zeiten.“ Später meinte er, er hätte nichts   te sich gleich mal selbst. Was ihn aber auch
anderes sagen können – denn: „Ich stand ja         nicht daran hinderte, die bedeutsamste Sen-
unter Eid.“ Bescheidenheit gehört möglicher-       tenz der Architekturgeschichte zu definieren:
weise nicht zu den wichtigsten Tugenden am         „Weniger ist mehr“.
Bau. Frank Lloyd Wright entwarf ein Hoch-               Was die Karriere in der Architektur an-
haus mit atomgetriebenen Aufzügen. Le              geht: Da ist mehr Selbstbewusstsein mehr.
Corbusier wollte die halbe Altstadt von Paris      Man könnte jetzt noch erzählen, wie über-
abreißen lassen. Und der vor zwei Jahren ver-      aus erbärmlich sich Le Corbusier gegenüber
storbene österreichische Architekt Hans Hol-       seiner Kollegin Eileen Gray verhielt, deren
lein skizzierte ein Hochhaus in Form eines         Haus er während ihrer Abwesenheit und aus-
erigierten Phallus.                                drücklich gegen ihren Willen mit fünf großen
    Die Baugeschichte ist voller Frauen, die       Wandgemälden ausmalte, und das auch noch
sich nur sehr mühsam durchsetzen konn-             nackt – als müsste er sein Revier markieren.
ten. Margarete Schütte-Lihotzky etwa (1897              Am Ende ist es so, wie das Regina Dah-
–2000). Sie war die erste Architektin, die         men-Ingenhoven formuliert: „Du kannst
in Österreich ein Architekturstudium abge-         nicht alles haben.“ Viele großartig begabte
schlossen hat. Wofür wurde sie bekannt? Für        Architektinnen verzichten auf die ganz groß-
den Entwurf der „Frankfurter Küche“. Man           en Erfolge, auf die kühnsten Hochhäuser und
fand wohl, dass auch eine Architektin in der       spektakulärsten Museen. Sie kümmern sich
Küche noch am besten aufgehoben wäre. Im           nicht um ihr Image, sondern um die Familie.               Von GERHARD MATZIG
Interview erzählte sie einmal, dass es we-         Und andere Architektinnen und Designer-
der eine „männliche“ noch eine „weibliche“
Form der Architektur gäbe. Es gäbe aber eine
männliche Dominanz am Bau und in den Bü-
                                                   innen, die sich durchgesetzt haben und heute
                                                   namhafte Büros führen, es gibt sie natürlich,
                                                   konnten zwar viele wunderbare Häuser, aber
                                                                                                      D     üsseldorf ist eine famose So-lala-
                                                                                                            Stadt. Einerseits so, andererseits so.
                                                                                                      Einerseits also sagen die Düsseldorfer ihren
ros. Frauen würden sich da noch weitere 100        keine Familie aufbauen. In Liza Marklunds          Rosenmontagszug ab, bloß weil ein Sturm
Jahre schwertun. „Ich glaube“, sagte sie, „die     Kriminalroman „Olympisches Feuer“ arbeitet         droht. Wobei sich dieser als zwar windige,
Gleichberechtigung in der Architektur erlebe       eine begabte Architektin am Bau des Olym-          letztlich aber harmlose Angelegenheit er-
ich nicht mehr.“                                   piastadions. Sie kann sich in der Männerwelt       weist – worüber die antagonistischen Köl-
    Das galt auch für die Designerin Lilly         am Bau nicht durchsetzen, daher ist sie fru-       ner, die dem Wetter die Stirn und ihrer Stadt
Reich, die die erste Frau im Vorstand des          striert – und bringt ein paar Kollegen um, be-     den „Zoch“ geboten haben, noch immer
Deutschen Werkbundes wurde. Ab 1926 ar-            vor sie das Stadion in die Luft jagt. Das sollte   lachen. Einerseits also ist Düsseldorf viel-
beitete und lebte sie mit Ludwig Mies van der      einem eine Lehre sein.                             leicht etwas tantenhaft und das Draufgän-
Rohe zusammen. Kongenial war sie sowohl                 Regina Dahmen-Ingenhoven übrigens             gertum wohnt womöglich woanders. An-
am Barcelona-Pavillon wie am Bau der Vil-          träumt von einer Welt, in der Männer und           dererseits haben sich die Düsseldorfer nun
la Tugendhat beteiligt. Beides sind Ikonen         Frauen in vollkommener Harmonie ein Gan-           eine U-Bahn gebaut, die nicht nur die In-
der Moderne. Und beide Bauten schreibt             zes bilden. Auch in der Architektur. Alles an-     nenstadt, sondern auch die Ränder des Son-
man eindeutig Mies zu. Übrigens hieß er ur-        dere sei zu wenig. Vielleicht sind Frauen ja       nensystems erschließt. Kühner geht’s kaum.
sprünglich Ludwig Mies. Aus Gründen des            doch die radikaleren Utopisten.                    David Bowie, inspiriert übrigens einst von

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20. Februar 2016                                                                                            Süddeutsche Zeitung | Feuilleton

                                                                                                     als 50 000 Menschen besucht werden, ma-
                                                                                                     chen dann aus Düsseldorf die abgründigste
                                                                                                     Stadt Deutschlands: eine Stadt mit einem
                                                                                                     gewaltigen unterirdischen Kunstareal.
                                                                                                         Dass man das Sonnensystem in der U-
                                                                                                     Bahnstation Benrather Straße räumlich sug-
                                                                                                     gestiv erleben kann, ist das Verdienst einer
                                                                                                     eigentlich unmöglichen, jedenfalls kaum je
                                                                                                     anzutreffenden Symbiose von Verkehrspla-
                                                                                                     nung, Architektur und Kunst. Der Schweizer
                                                                                                     Installationskünstler Thomas Stricker hat
                                                                                                     sein Konzept „Himmel oben, Himmel un-
                                                                                                     ten“ verwirklicht. Mithilfe von sechs großen
                                                                                                     Monitorwänden, die sich über die Wartebe-
                                                                                                     reiche des mittig im Düsseldorfer Banken-
                                                                                                     viertel gelegenen Bahnhofs verteilen, stellt
                                                                                                     sich das Gefühl ein, man sei nicht unterir-
                                                                                                     discher Passant des Nahverkehrs – sondern
                                                                                                     überirdischer Passagier eines Raumschiffs.
                                                                                                         Dort, wo man anderswo in den zugigen,
        Manuel Franke macht aus einer Rolltreppe einen befahrbaren Farbrausch.   Foto: Jörg Hempel   zugleich meist miefigen Kachel-Verliesen
                                                                                                     beim odysseehaften Herumschlurfen – war-
                                                                                                     tend auf die nächste U-Bahn – normalerwei-
                                                                                                     se das Elend der öden Werbeplakate oder die

          Einfach mal runterkommen
                                                                                                     unheilvoll vom Neongeflacker verdüsterten
                                                                                                     Auslagen depressiv anmutender T-Shirt-Läd-
                                                                                                     chen studiert, tut sich nun ein Blick in das
                                                                                                     bewegte Schwarz des Universums auf. Man
 Die gekachelte Tristesse der U-Bahn ist ein Schrecken. Doch in Düsseldorf wird                      sieht Merkur, Venus oder Mars vorbeiziehen,
     der Abgrund neu erfunden – als grandioser Kunst- und Architekturraum                            man nähert sich schwerelos dem Asteroiden-
                                                                                                     gürtel – bis man das Gefühl hat, nicht auf
                                                                                                     die nächste U-Bahn Richtung Pempelforter
                                                                                                     Straße zu warten, sondern auf den nächsten
der Band La Düsseldorf, lässt grüßen: put            eines radikalen Utopismus, der sich auch        interstellaren Trip Richtung Milchstraße.
your helmet on.                                      ohne Rosenmontag als neue U-Bahnstrecke             Man vergisst im Ambiente raffiniert
     Düsseldorf ist also angenehm solide bis         namens „Wehrhahn-Linie“ verkleidet hat.         zugeschnittener und bisweilen futuristisch
irre. Beziehungsweise: Die Stadt Heinrich                 An diesem Samstag wird die knapp 850       anmutender Räume, dass man sich im
Heines („ein kühnes Beginnen ist halbes              Millionen Euro teure, 3,4 Kilometer lange       Untergrund befindet. Dass man also dem
Gewinnen“) ist offensichtlich nicht nur              Linie eröffnet. Sechs denkwürdig experi-        Himmel leider sehr fern ist. Und dann im-
harmlos, sondern zugleich auch der Hotspot           mentelle U-Bahnhöfe, die täglich von mehr       mer diese Rolltreppen. Wobei es offenbar

                                                                                                                                              15
Süddeutsche Zeitung | Feuilleton                                                                                20. Februar 2016 / 5. Juli 2016

in Deutschland ein Gesetz des öffentlichen                                                            unterschiedlicher kaum sein könnten. Die
Nahverkehrs gibt, wonach von zwei Roll-                                                               einen planen die „Entfluchtung der Bahn-
treppen grundsätzlich drei wegen drin-                                                                steige“, die anderen reden vom „räumlichen
gender Wartungsarbeiten ruhen.                                                                        Kontinuum“. Kosten darf beides nichts.
     Das Wunder besteht nun darin, dass                                                               Ohne Paartherapie ist so eine Beziehung
man sich in Düsseldorf gern aufhält in der                                                            kaum vorstellbar.
U-Bahn – etliche Meter unter der Erde. Als                                                                Die Kraft zum ausmoderierten Ganzen
wäre man gar nicht fern von allem, was Auf-                                                           steckt im Entwurf und in der kommunika-
enthaltsqualität und Anregung verspricht.                                                             tiven Baukultur von netzwerkarchitekten.
Stattdessen ist der U-Bahnhof plötzlich in                                                            Sie haben zusammen mit einem verstän-
poetischer Weise das, was Tucholsky von                                                               digen Tiefbau und einer aufgeschlossenen
Bahnhöfen als Kubaturen der Moderne ein-                                                              Stadtverwaltung nicht lediglich ein Tun-
forderte: „Hier ist Aufenthalt.“                                                                      nelsystem realisiert, in dem die Stadtbahn
     Das Wunder einer so intelligenten wie                                                            unterirdisch verkehrt (in Düsseldorf ist die
sinnlichen Neuinterpretation der 1863 in                                                              U-Bahn eine Art Straßenbahn, die sich ihre
London beginnenden U-Bahn-Historie ver-                                                               Energie auch unter der Erde aus Oberlei-
dankt sich an der Benrather Straße nicht nur                                                          tungen holt). Wobei die Bahn auch keine
der Installation von Thomas Stricker, die den                                                         sechs unterschiedlich gestalteten, mit Kunst
transitorischen Zwischenraum, das ewige                                                               aufgehübschten Bahnhöfe anfährt. Vielmehr
Wartezimmer öffentlicher Mobilität, umdeu-                                                            haben die Architekten den gesamten Raum,
tet in den Raum an sich, den Weltraum; es                                                             also Tunnel und Bahnhöfe, als „Kontinuum“
verdankt sich auch einem Architekten-Wett-                                                            erdacht – einheitlich gestaltet und räumlich
bewerb, der im August 2001 auf visionäre           Thomas Strickers Installation „Himmel oben,        als Ganzes erlebbar.
Weise entschieden wurde. Heute lässt sich         Himmel unten“ (rechts) macht die U-Bahnfahrt            Das heißt: Die Bahnhöfe fungieren wie
                                                zum Weltraumtrip. Sechs große Monitorwände, die
feststellen: Das Experiment ist geglückt.       sich in den Wartezonen und Übergängen befinden,
                                                                                                      Ausweitungen, Raumöffnungen der auch in
     15 Jahre lang hat das Darmstädter Büro     bieten eine spektakuläre Interpretation des Sonnen-   der Gestaltung und in den zurückhaltend
netzwerkarchitekten – zusammen mit der                       systems. Foto: Jörg Hempel               gewählten Materialien erfahrbaren Tunnel-
Berliner Künstlerin Heike Klussmann – an                                                              technik. Was anderswo als normierter Ba-
der Wehrhahn-Linie gearbeitet. Was lange                                                              nalraum zu erleiden ist, Sperrengeschosse
währt, wird endlich tief. Zugegeben, auch an-   Formsprachen. In unterschiedlichen Mate-              nach DIN-Norm, Brandschutz und ökono-
derswo, etwa in München, sind in den letzten    rialien. Und mit unterschiedlich gelungenen           mischem Kalkül, hier ist es Licht, Form,
Jahren ambitioniert gestaltete U-Bahnhöfe       – oft als reines Dekorum missverstandenen             Chiffre und Raum: Baukultur. Wo immer
entstanden; auch anderswo hat man im Zuge       – Kunst-am-Bau-Bemühungen.                            möglich, schaufeln die Architekten das Ta-
des erwünschten Ausbaus öffentlicher Ver-            Anders in Düsseldorf: Hier, das ist das          geslicht bis auf den Grund der Gleisbetten.
kehrsmittel den baukulturell lange vernach-     Besondere an diesem signifikanten und                 Wo immer sinnvoll, schaffen sie Aus- und
lässigten U-Bahnbau architektonisch aufge-      vorbildlichen Projekt, arbeiteten von An-             Einblicke, Sichtachsen und Querbezüge.
rüstet. Aber entstanden sind meist Bahnhöfe,    fang an Ingenieure, Stadtplaner und Archi-            Die unterirdische Gefangenschaft veredeln
die sich innerhalb ihrer Linien ausnehmen       tekten sowie Künstlerinnen und Künstler               sie in Raumqualität. Vor allem: Werbepla-
wie eine disparate Dauerausstellung zeitge-     zusammen. Selbstverständlich ist das nicht.           kate oder Kommerzläden gibt es nicht in
nössischer Baukunst. Mit unterschiedlichen      Schließlich begegnen sich Welten, wie sie             der Wehrhahn-Linie. Die U-Bahn ist allein

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20. Februar 2016 / 5. Juli 2016                                                                             Süddeutsche Zeitung | Feuilleton

den sechs Werken verschiedener Künstler
verpflichtet. Ja, gut, auch kommt man prima
von A nach B.
     Städte wachsen überall auf der Welt.
Verkehrlich auch in den Boden hinein. Düs-
seldorf bereichert diese Entwicklung mit
einem einmaligen Raumexperiment: Kunst
und Architektur als Taktgeber urbaner und
suburbaner Mobilität.
     Die U-Bahnfahrt wird so nicht zu einem
nervigen Geruckel von Station zu Station,
das man nur mit dem E-Mail-Checken auf
dem Handy übersteht, sondern zu einer sinn-

                                                                 Zur Feier der Schöpfung
lichen Raumreise. Beschleunigt von jener
Kreativität, die aus toter U-Bahn-Zeit vitale
Kunst zu formen weiß.
     Heike Klussmann, die die Station Pem-
pelforter Straße künstlerisch interpretiert und                    Inspiriert vom Atomtest: Vor siebzig Jahren wurde der
durch den gesamten Bahnhof weiße Bänder                               Bikini in Paris der Weltöffentlichkeit vorgestellt
wie die Bewegungslinien einer neugierig den
Raum erobernden Flipperkugel gelegt hat,
macht aus einem einfachen Verkehrsraum
ein komplexes Volumen: „Aufenthalt“. Oder                Von GERHARD MATZIG                             Gerne in weiblicher Form, wobei von
Ralf Brög, der die Station an der Heinrich-                                                         Borat in seinem neongrünen „Mankini“ zu
Heine-Allee visuell, vor allem aber akustisch
als Aufführungsort wechselnder Soundcol-
lagen nutzt. Dem üblichen „Muzak“, also
                                                  B    auhistorisch betrachtet ist der Bikini die
                                                       Vollendung der gotischen Kathedrale.
                                                  Beide Architekturen verdanken sich moder-
                                                                                                    schweigen ist. Da ist man ja ganz beim Va-
                                                                                                    tikan und kann den Bikini für Männer, da
                                                                                                    er die darin wohnenden Geschöpfe nicht
jenem Klangteppich, der aus den Fahrstuhl-        ner Tragwerkslehre: der Leichtbauweise. Bei       verherrlicht, sondern demütigt, nur als sa-
schächten und Kaufhäusern mittlerweile            der gotischen Kathedrale geht es darum, die       tanische Idee verwerfen. Der Bikini, so ist
auch schon in die ersten U-Bahnhöfe suppt         Wandflächen und Gewölbemassen auf ein             zu befürchten, ist grundsätzlich auch ohne
(sehr gerne Mozart), setzt er den Klang der       Minimum zu reduzieren, um möglichst viel          Bikini-Mädchen-Plakatverbot-Diskussion
Gegenwart entgegen. Das Publikum ist Teil         Göttliches, zum Beispiel Sonne, hinein zu         etwas sexistisch: Männer müssen leider
davon. Auch das ist ein Experiment.               lassen. Dies zur Feier der Schöpfung. Beim        draußen bleiben.
     Ein von Brög beschallter Bereich im U-       Bikini geht es darum, die Stoffmassen zur             Ein bedeutsamer Modeschöpfer des 20.
Bahnhof wird sich das am Computer modi-           Bedeckung der Gewölbe auf ein Minimum             Jahrhunderts, Óscar de la Renta, sagte übri-
fizierte Vogelgezwitscher zunutze machen.         zu reduzieren, um möglichst viel Göttliches,      gens einmal, dass die vollendete Kunst darin
Dass man mal nach Düsseldorf kommen               zum Beispiel sonnenbraune Haut, hinaus zu         bestehe, die Kontur einer Frau auf geschick-
würde, um ausgerechnet in der U-Bahn der          lassen. Dies zur Feier wenn nicht der Schöp-      te Weise zu enthüllen, indem man sie raffi-
Rheinbahn AG, umgeben von Kunst und Ar-           fung, so doch ihrer Geschöpfe, die nicht mehr     niert verhüllt. Nichts anderes, gelegentlich
chitektur, zu chillen: Das ist echt abgefahren.   im Paradies, bisweilen aber im Freibad leben.     sogar ohne Raffinesse, tut der Bikini, der vor

                                                                                                                                               17
Süddeutsche Zeitung | Feuilleton                                                                                                                5. Juli 2016

siebzig Jahren der Weltöffentlichkeit im Pari-
ser Art-déco-Bad Piscine Molitor vorgestellt
wurde. Ironischerweise wurde er nicht von
einem Architekten oder Modeschöpfer erson-
nen, sondern von einem Automechaniker und
Maschinenbauingenieur namens Louis Réard.
       Der Bikini ist eine geniale Konstruktion.
Er besteht, denn weniger ist mehr in der Mo-
derne, im Prinzip nur aus vier Dreiecken und
zwei Kordeln. Der Bikini als Miniaturbauwerk
folgt somit einerseits der „Bekleidungstheo-
rie“ des Gottfried Semper. Dieser Theorie zu-
folge, sie ist maßgeblich für das Verständnis
der gesamten Moderne, geht es beim Bauen
vor allem um das Verhältnis von architekto-
nischem Kern und Hülle, von Ornament und
Struktur. Der Körper wäre insofern der Kern
– aber der Bikini ist das Ornament. Beides
zusammen ergibt: Überwältigungsarchitektur.
       Am Bikini lässt sich zudem die Formel
„Form follows function“ erklären. Einer ih-                   Der Erfinder des Bikinis, Louis Réard, hatte von Anfang an den Tabubruch im Sinn:
rer Urheber, Louis Sullivan, schrieb: „Ob es          So wurde der Bikini am 5. Juli 1946 in Paris präsentiert – von der Nackttänzerin Micheline Bernardini.
                                                                                   Andere Models trauten sich nicht. Foto: SIPA
der gravitätische Adler in seinem Flug sei
oder die geöffnete Apfelblüte (. . .) der an-
mutige Schwan, die sich abzweigende Eiche
(. . .) die Form folgt immer der Funktion. Das     für 60 000 Dollar ersteigert wurde; manchmal            ist. Als Réard am 5. Juli 1946 seine Erfindung
ist Gesetz. Wo die Funktion sich nicht än-         gelingt es nicht, dann ist man zum Beispiel die         durch die Nackttänzerin Micheline Bernardini
dert, ändert sich die Form nicht.“ Ob es also      17-jährige Ilonka, die an drei Wochenenden              vorführen ließ, sollte der Skandal nach Mög-
der gravitätische Stringtanga oder das geöff-      der 1960er-Jahre die Fußböden von Altershei-            lichkeit „einschlagen wie eine Atombombe“.
nete Triangel-Oberteil sei – jedenfalls bleibt     men putzen musste, weil sie auf dem Münch-              Über die wurde damals sehr viel und sehr
die Funktion immer die gleiche: Man liegt          ner Viktualienmarkt im Bikini aufgegriffen              naiv gesprochen, denn wenige Tage vor der
da, die geeignete Form vorausgesetzt, und          wurde. Die Geschichte des Bikinis, den es               Bikini-Präsentation hatten im Bikini-Atoll
versucht als gotische Kathedrale im funk-          mittlerweile in allen Formen und Materialien            der Marshallinseln Atomwaffentests stattge-
tionalistischen Gesamtzusammenhang die             gibt (selbst aus dem 3-D-Drucker), den es für           funden. Da hat man ja nun mit der Geogra-
Schöpfung zu preisen und ein Stück Bauge-          Männer oder auch für den Islam in Form des              fie auch wieder großes Glück gehabt. Es gibt
schichte zu sein. Und nebenher hübsch braun        Burkinis gibt, ist immer auch die Geschichte            nämlich viele Atomwaffentestgebiete. Etwa
zu werden.                                         seines eigenen Skandals.                                in Kasachstan. Möchte man im Freibad aber
       Manchmal gelingt das, dann ist man zum          Sein Erfinder hatte von Anfang an den               raunen: „Boah, guck ma’, dort drüben, die da
Beispiel Ursula Andress in „Dr. No“ und ent-       Tabubruch im Sinn. Daher auch der seltsame              im roten Semipalatinsk?“ Alles in allem: Der
steigt dem Meer in jenem Bikini, der später        Name, der einer Marketing-Idee geschuldet               Bikini ist perfekt.

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21. Februar 2018                                                                                            Süddeutsche Zeitung | Feuilleton

                                                          Die „Messestadt“ in München: besser als ihr Ruf – zugleich berechtigter Anlass
                                                                            zur Architektenschelte. Foto: michael steiner
      Von GERHARD MATZIG

F   laubert oder McDonald’s? Man weiß
    gar nicht so recht, ob man Manuel
Pretzl eher mit dem französischen Roman-
                                                              „Alles Schwachköpfe!“
cier Gustave Flaubert – oder doch mit dem
McDonald’s-Kinospot zum Thema „Woh-               Eine Münchner Debatte und die Frage: Welche Rolle spielen Architekten im
nen“ gerecht wird. Zur Sicherheit kann                       landesweiten Wohnungs- und Städtebau-Fiasko?
man dem Mitglied des Münchner Stadtrats
und CSU-Fraktionschef, der eine weit über
München hinausweisende Architektur-De-
batte losgetreten hat (SZ vom 10. Februar),   sonst? – schwarzen Rolli seine sich über             nen dem Politiker Pretzl zunächst recht zu
ja mal beide Zitate anbieten.                 mangelnde Gemütlichkeit beschwerende                 geben. Architektenschaft und Gesellschaft,
    Flaubert meinte im 19. Jahrhundert:       Bauherrnschaft im neu errichteten, gleißend          Politik und Planung wären demnach reif für
„Architekten, alles Schwachköpfe! Verges-     weiß als Insektizidsiederei vollgekachelten          eine ernsthafte Paartherapie. Möglicherwei-
sen immer die Treppen im Haus!“ Und im        Heim so ab: „Wenn Sie was Warmes wollen,             se hat man sich ja etwas auseinandergelebt
Werbespot des US-amerikanischen Brat-Im-      dann gehen Sie doch zu McDonald’s.“ Bei-             in einer langen Ehe, die von einer langwie-
periums bügelt ein smarter Planer im – was    de Quellen, Fast Food wie Literatur, schei-          rigen Depression kaum zu unterscheiden ist.

                                                                                                                                           19
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    Mit Blick auf die jüngere Baugeschichte        ausgenommen, einem immer größeren, zu             neu. Gut gemachte Städte bestehen aus
an der Isar stellt Pretzl, ein Münchner, die-      Recht immer kritischeren Publikum eher als        einem großen, im Wortsinn gut aufgestellten
se Diagnose: Die Architektur in München,           Heimsuchung – denn als das, was die Archi-        Chor alltäglicher Belanglosigkeit (besser:
namentlich auch die in den neueren Wohn-           tektur Ernst Bloch zufolge sein müsste: „ein      Normalität, Tradition) und den Soli der dann
vierteln, sei „belanglos und uniform“.             Produktionsversuch menschlicher Heimat“.          auch gern innovativen Sehenswürdigkeiten.
Er sagt: „Das hat keine Lebensqualität.“                So weit – so Pretzl, wobei man dem           Städtebau ist eine Frage der Balance und der
Verantwortlich dafür sei „eine Clique aus          Politiker auch danken kann für offene, di-        Schichtung von Historie und Zeitgenossen-
zwei Handvoll Architekten, die entweder            plomatiefreie Worte und den Mut, sich weit        schaft. Wenn es den Architekten der Gegen-
ihre Entwürfe einreichen oder in der Jury          hinauszulehnen. Das ist ernst zu nehmen,          wart an Mut fehlt, so ist es wohl eher der Mut
sitzen.“ So fordert der Politiker in Robin-        anregend – und sollte daher die Architekten-      zur Demut. Man wünschte sich ja gern eine
Hood-Pose: „Wir müssen die Stadt von den           schaft nicht gleich zu empörungsritualisier-      Macht der Gestaltung, doch am Bau herrscht
Architekten zurückholen.“                          ten Beißreflexen animieren.                       stattdessen die Ohnmacht der Gestalter.
    Woraufhin sich in den letzten Tagen die             Dennoch lehnt sich die lustvoll harsche           Zudem ist es so, dass gerade auf dem
gesamte Architektenschaft von Sherwood             Kritik an einer Profession, die als eine Art      Terrain des Wohnungsbaus Architekten
Forest / München wie ein Mann (erfolgreiche        Darth-Vader-Kaderschmiede und Dunkel-             nicht das Problem, sondern die Lösung dar-
Frauen gibt es am Bau leider selten) erhoben       welt parodiert wird, allzu weit aus dem Fen-      stellen. Denn dieser Wohnungsbau folgt zu-
hat, um die Ehre des in McDonald’s-Manier          ster; entsprechend tief fällt sie – nämlich auf   meist vielen Stimmen, selten aber auch einer
abgebürsteten Berufsstandes zu verteidigen.        ein tendenziell dämliches Klischee herein.        architektonischen, stadträumlichen Idee. Zu
Nein, heißt es jetzt unisono, so gehe das          Hätten Architekten wirklich (und nicht: als       den Stellgrößen, die aus unseren Städten das
nicht, die Vorwürfe seien erstens „von ver-        „Clique“, die es nicht gibt) die Macht, un-       machen, was man als gebauten Würfelhu-
schwörungstheoretischer Natur“ und zwei-           sere Städte und Wohnquartiere in nennens-         sten wahrnimmt, gehören zunächst einmal
tens „reinster Populismus“.                        werter Weise zu entwerfen und zu gestalten,       die Bauherren, die eher den Gesetzen des
    Ach, es ist herrlich. Einerseits. Und an-      so sähe die Welt eher nicht so „belanglos         Marktes als jenen der Proportionen folgen.
dererseits müsste man der Debatte Comedy-          und uniform“ aus, wie sie nun mal aussieht.       Die Städte der Vergangenheit sind deshalb
Qualität bescheinigen, würde der Münchner               Wobei darin schon der erste Denkfeh-         oft schöner als die Wohnsteppen der Gegen-
Komödie nicht auch die Tragik der Realität in      ler einer ansonsten angenehm tempera-             wart, weil die wichtigsten „Player“ keine
ganz Deutschland innewohnen. Denn tatsäch-         mentvollen Kritik aufscheint: Belanglose          ahnungslosen, baukulturell ungebildeten
lich ist dort, wo so oft „Populismus“ drauf-       Städte sind oft deshalb schön (harmonisch,        Bauherren waren, sondern garantiert anti-
steht, meist auch erstaunlich viel Volk drinnen.   alltagstauglich, menschenfreundlich), weil        demokratische Könige und Kirchenfürsten.
    Mit anderen Worten: In aller Drastik be-       ihnen Ambition und Belang, um jeden Preis         Von Ludwig I. ist bekannt, dass er bei Leo
schreibt Pretzl, eine architekturkritische Be-     nicht belanglos oder wenig ambitioniert er-       von Klenze Stilkunde büffeln musste (Klen-
gabung ersten Ranges, ziemlich genau das,          scheinen zu wollen, fast vollständig fehlen.      ze attestierte seinem König eine mäßige
was viele Menschen auch so empfinden.              Spektakel dagegen, modisch angelegte zu-          Begabung). In solch eine Architekturschule
Überall. Denn die tristen Ränder der Stadt         mal, können ganz schön hässlich und grund-        wünschte man sich auch manche Manager,
München sind von den tristen Rändern der           sätzlich leider auch sehr penetrant sein. Den     die heute so gern als Bauherren auftreten.
Stadt Gütersloh, die selbstverständlich eine       Münchner Architekten und allen anderen            Um die Baukultur, die sich immer nur dann
Perle ist zwischen Teutoburger Wald und            Planern müsste man also eher mal zurufen:         einstellt, wenn Auftraggeber und Auftrag-
Westfälischer Bucht, nicht zu unterschei-          Beruhigt euch doch bitte, schaut euch das         nehmer, Bauherren und Architekten auf Au-
den. Das neue Bauen gilt, singuläre Spek-          Gelungene von der Baugeschichte ab – und          genhöhe agieren, stünde es besser.
takel-Architektur abseits der Wohnregale           erfindet nicht jeden Montag die Architektur            Gerade im Wohnungsbau zeigt sich,

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21. Februar 2018 / 12. März 2016                                                                       Süddeutsche Zeitung | Gesellschaft

dass die Architekten in den Diskussionen
um Grundrisse und Fassaden, um Materi-
alien und Konstruktionen, um Städtebau
und Freiflächen selten das letzte Wort ha-
ben. Den eigentlichen Entscheidern, darun-
ter gerne Betriebswirte und Juristen sowie

                                                                               Das Wunder
Immobilienkaufleute, dienen Architekten
am Ende zumeist nur als Verhübscher und
Fassadisten – die daran natürlich auch oft
genug scheitern.
     Überhaupt gibt es logischerweise und               Zehn Monate vor der Eröffnung hat die Elbphilharmonie bereits eine
nach Art der Normalverteilung auch un-             tolle Karriere hinter sich: Sie war ein Traum, ein Fiasko, ein Witz – nun ist sie
ter Architekten (wie unter Journalisten,                                          die schöne Geliebte
Politikern oder Bäckern) Genies, selten,
Durchschnittler, häufiger – und leider auch
Vollhonks. Tatsächlich gibt es auch einfach            Von GERHARD MATZIG                        im plattesten Platt und somit schon mal sehr
schlechte Architekten, die schlechte Archi-                                                      sympathisch antwortet: „dorwegen“.
tekturen produzieren, was im Gegensatz zu
schlechten Semmeln leider von etwas nach-
haltigerem Schaden für die Öffentlichkeit
                                                F   lach liegt die Barkasse im Wasser. Leicht
                                                    schwankend, bisschen unsicher. Wie ein
                                                vollgelaufener Matrose, der auf der nahen
                                                                                                      Mit dem Daumen deutet er über die
                                                                                                 Schulter, über die Reling, über die Barkas-
                                                                                                 se, über den alten ziegelummauerten Kai der
ist. Aber all die schnell und möglichst bil-    Reeperbahn, wo die vollgelaufenen Matro-         Speicherstadt . . . dann höher . . . höher . . . auf
lig hochgezogenen Wohn-Ungereimtheiten,         sen seit mindestens einhundert Jahren ausge-     etwas, was aussieht wie ein leuchtendes Ge-
die die Städte wie Furunkel entstellen, ver-    storben sind, die La Paloma Bar sucht, aber      birgsmassiv mitten auf dem Wasser. Wie ein
danken sich keinem Mangel an architekto-        nur den neuesten Fischfoodschnellimbiss          schwebender, titanischer Kristall. Ein Wun-
nischer Finesse oder Divergenz, sondern         hinter der Herbertstraße findet. Die Herbert-    der. Als käme gerade der Fliegende Holländer
sind einem Mangel an architektonischer          straße war übrigens in ihrer bizarren Blöße      vorbei. Der Skipper zeigt aber nicht auf das
Planung und stadträumlicher Gestaltungs-        auch schon mal deutlich anziehender – als so     Wunder, sondern auf das Unerhörte. Auf das
hoheit geschuldet. Es ist also nicht so, dass   ausgezogen, umgezogen und bald auch hin-         Dings. Den Skandal. Die Pleite. Das Fiasko.
man sich die Städte von den Architekten         weggentrifiziert wie jetzt. Auf der einstün-     Die Katastrophe. Die Frechheit. Den Wahn-
zurückholen müsste: Man muss die Archi-         digen Hamburg-Rundfahrt „Speicherstadt &         sinn. Auf die dümmste Baustelle der Welt.
tekten umgekehrt endlich in die Städte und      Hafen“, sie ereignete sich tatsächlich schon          Er zeigt auf das Höhöhö-Haus, auf die
die Alltäglichkeit hineinholen.                 vor ein paar Jahren, wird jedenfalls die         Hamburger Elbphilharmonie.
    Zurück zum eingangs erwähnten „Ar-          Kehrwiederspitze erreicht. Da sagt der Bar-           Das neue Konzerthaus inmitten Euro-
chitekten, alles Schwachköpfe“. Flaubert        kassenskipper: „Tja, Leute, eigentlich sollte    pas größtem Bauprojekt, der Hafencity: eine
drückte nicht seinen Unmut über tölpelhafte     man die Kehrwiederspitze ja allmählich um-       Lachnummer, ein Trauerspiel. Was eine Kro-
Treppenvergesslichkeit aus, sondern ironi-      benennen: in Kehrniewiederspitze.“               ne werden sollte, ist ein Elend. Ein Grund,
sierte ein auch damals schon gängiges Res-          Höhöhö.                                      Hamburg für Schilda zu halten. Viele Jahre
sentiment gegen das Bauen. Schwachsinnig            Die erfahrenen Hafen-Touristen lachen.       später fertig als erhofft. Hunderte Millionen
fand er nicht die Architekten, sondern die      Man selbst ist halblustig drauf. So fragt man:   Euro teurer als gedacht. Ein Bau, der vor Ge-
Klischees über die Baukunst seiner Zeit.        „Wieso das denn?“ Woraufhin der Skipper          richt landet. Wie blöd muss man eigentlich

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Süddeutsche Zeitung | Gesellschaft                                                                                                 12. März 2016

sein? Der Skipper ist jetzt mal so richtig in            Es ist also nicht alles gut gegangen.       großartig im besten Sinne des Wortes. Es gibt
Fahrt – dorwegen.                                   Und trotzdem, wie soll man sagen, man hat        viele Ereignisarchitekturen, aber auch immer
        In einigen Monaten, am 11. Januar 2017,     ja schon das eine oder andere Haus gese-         noch wirkliche Architekturereignisse – die
soll das so spektakuläre wie umstrittene, das       hen, aber ein solches noch nie. Man möch-        Elbphilharmonie ist ein solches.“
so ersehnte wie befürchtete Konzerthaus             te nicht Konzerthaus zum Konzerthaus sa-              Die Geschichte, die von Hamburg und
endlich eröffnet werden. Nun aber wirklich.         gen. Sondern, wäre es nicht so abgegriffen,      der Elbphilharmonie erzählt, ist im Grunde
Es ist, als würde mit diesem Haus ein Satz          Kathedrale. Oder, wäre das nicht noch viel       eine typische Liebesgeschichte. In guten
wahr werden, der vom Wiener Architekten             abgegegriffener, Wunder, Ufo, irgendwas          Liebesgeschichten gibt es: Verliebtheit, Ver-
Wolf Prix und seinem Coop-Himmelb(l)au-             Unglaubliches jedenfalls. Vielleicht sogar:      lobtheit, Verheiratetheit . . . und dann, wie es
Team stammt, wobei Prix mit der Elbphil-            Backsteinmauerreste im brackigen Wasser          sich gehört, Hass, Raserei, Verrat. Man sieht
harmonie gar nichts zu tun hat. Er mag sie          mit oben was aus Glas, Konzertsaal und Ho-       sich vor Gericht. Szenen einer Ehe. In die-
aber. Was kein Wunder ist. Häuser, die sich         tel drauf. Kurz: Die Elbphilharmonie ist fan-    sem Fall: mit Happy End. Hamburg liebt
als Anarchie, Wahnwitz und Chaos in der             tastisch. Vielleicht nicht nur trotz, sondern    nämlich seine Elbphilharmonie. Endlich.
Gesellschaft erweisen, findet er eigentlich         auch aufgrund ihrer Geschichte.                  Aus dem Lustobjekt wurde ein Hassobjekt
grundsätzlich schwer in Ordnung. Die Him-                Häuser sind immer dann am schönsten,        – und aus dem Hass wurde die große Lie-
melblauen dichteten einmal: „Wir wollen             wenn sie so aussehen, als hätten sie schon ei-   be. Ach, schön. Das sollte auch mal unter
Architektur, die leuchtet, die sticht, die fetzt    niges hinter sich und noch ein paar Rätsel in    Menschen so sein. In der Baugeschichte
( . . . ) Architektur muss schluchtig sein. Le-     sich. Darin sind Häuser den Menschen selt-       ist es nicht ganz so selten. Es geht stets um
bend oder tot.“                                     sam ähnlich.                                     Misstrauen und jene Zeit, die es manchmal
        Die höchstdekorierten Architekten der            Umso schöner ist nun, dass der Hafen-       braucht, um etwas böses Neues (fremd,
Skandalphilharmonie, Jacques Herzog und             rundfahrtveranstalter von damals auch aus-       feindlich, furchtbar) als das gute Alte zu ver-
Pierre de Meuron aus Basel, sowie die Pro-          weislich der aktuellen Homepage die Kehr-        einnahmen (vertraut, tradiert, herrlich). So
jektleiter des Baukonzerns Hochtief wollte          wiederspitze doch noch so offensichtlich         erging es dem Eiffelturm in Paris. Auch der
man zur Zeit der Hafenrundfahrt gelegent-           ins Herz geschlossen hat: „Weitere Sehens-       wurde erst gehasst und danach geliebt.
lich lieber tot als lebendig sehen in Ham-          würdigkeiten sind die malerischen Fleete              Er hatte es nicht schwer, weil er so teuer
burg. Und die eigenen Baubehörden hätte             und die faszinierende Hafencity mit ihrem        wurde, sondern weil er so unfassbar hässlich
man am liebsten auch gleich hinterher und           neuen Konzerthaus, der noch unvollendeten,       werden sollte. Tatsache. Als im späten 19.
zu den Fischen geschickt. Hamburg war echt          berühmt berüchtigten – und dennoch bereits       Jahrhundert der 324 Meter hohe Eisenfach-
sauer. Und im Rest Deutschlands sagte man           prächtigen – Elbphilharmonie.“                   werkturm errichtet wurde, veröffentlichte
sich: Höhöhö.                                            Erst berühmt. Dann berüchtigt. Dann         Le Temps einen Aufschrei der Empörung:
        Wie titelte der Stern als Fachmagazin für   prächtig. So ist das.                            „Wir protestieren mit aller Kraft gegen die
extraterrestrische Absonderlichkeiten doch               Würde man dem Skipper von damals            Errichtung des unnötigen und ungeheu-
so schön im Jahr 2003, als man sich am Plan         erneut begegnen, so fragte man ihn, warum        erlichen Eiffelturms. Wird die Stadt Paris
für ein „neues Konzerthaus der Superlative“         Hamburg eigentlich so toll ist. So schön. So     sich den überspannten, geschäftstüchtigen
noch berauschen konnte: „Ufo an der Elbe“.          einzigartig. Vielleicht würde sein Daumen        Fantastereien einer Maschinenkonstruktion
Erst sollte das Ufo 241,3 Millionen kosten –        einmal mehr über die Schulter auf die Elbphil-   anschließen, um sich für immer zu schän-
jetzt werden 860 Millionen Euro daraus. Erst        harmonie deuten – und womöglich raunzte er       den?“ Man beachte das Vokabular: unnötig,
dachte man: „Wenn alles gut geht, wird das          einen abermals platterdings so an: dorwegen.     ungeheuerlich, überspannt . . . kennt man alles
Wunderwerk im Jahr 2008 eröffnet.“ Jetzt ist             Der Hamburger Oberbaudirektor Jörn          von der Elbphilharmonie. Übrigens wollten
es das Jahr 2017.                                   Walter sagt jetzt: „Der Bau wird wirklich        ein paar Aktionisten vor einiger Zeit den Eif-

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