Senioren post wetzlar - Herausgeber: Der Magistrat der Stadt Wetzlar

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Senioren post wetzlar - Herausgeber: Der Magistrat der Stadt Wetzlar
senioren
September / Oktober 2021
     Ausgabe 224

                               post
   Herausgeber:
  Der Magistrat der
   Stadt Wetzlar            wetzlar

                          1250 Jahre Niedergirmes
            Spiegelung im Continental-Gebäude in der Philipsstraße
                             Foto: Gabi Geppert
Senioren post wetzlar - Herausgeber: Der Magistrat der Stadt Wetzlar
Senioren post wetzlar - Herausgeber: Der Magistrat der Stadt Wetzlar
S e ni o r e np o s t W e t z lar
                   Ausgabe Nr. 224                       September / Oktober 2021
                            Nächste Ausgabe voraussichtlich Anfang November 2021

                                        Inhaltsverzeichnis
                                                       Seite                                                                 Seite

Liebe Leserin, lieber Leser.........................4           Rat und Hilfe
                                                                Allzuviel ist ungesund.................................21

Aus der Stadtgeschichte
- 1250 Jahre Niedergirmes...................5,6,7,8             Büchertipp
- Als am „Ring“ die Bäume fielen...........9,10                 - Lenas Tagebuch ..................................22,23
                                                                - Traurigkeit................................................23

Aus der Natur
- Familienplanung..........................................11   Seniorenpolitik
- Viel edler geht´s wirklich nicht...................11         - 13.Deutscher Seniorentag 2021 . ........24,25
                                                                - Tag der Älteren Menschen........................25

Unterhaltung
- Früher bei uns daheim..................... 12,13,14,          Unser Preisrätsel ......................................26
- Gefährliche Begegnung............................. 15
- Florian und die Dianaburg.................... 16,17
                                                                Wer hat gewonnen?...................................27

Aus der digitalen Welt
- Kryptowährung oder Bitcoin................ 18,19              Impressum ................................................28

Wissenswert
- Nicht immer ist es Demenz......................20             Informationsseiten ............................ I - VII

                 Redaktionsschluss für die Ausgabe 225 ist der 30.09.2021

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Senioren post wetzlar - Herausgeber: Der Magistrat der Stadt Wetzlar
Liebe Leserin,
			 lieber Leser,
                                                     Im September und Oktober ist auch die Zeit der
Sinkt jeder Tag                                      knackigen Früchte. Zunächst sind es die Pflau-
hinab in jeder Nacht,                                men. Bei diesem Steinobst ist es nicht leicht,
so gibt es einen Brunnen,                            den Überblick zu behalten. Da halten wir es als
der drunten die Helligkeit hält.                     Krimifans gern mit Miss Marple, der versierten,
Pablo Neruda (1904 – 1973)                           berühmten Detektivin in Agatha Christies Bü-
                                                     chern, die immer Pflaumengin, Pflaumenchutney
Erinnern Sie sich noch, wie schön es war, wenn       und Pflaumenmus in ihrem gemütlichen Haus in
Ihnen als Kind ein Erwachsener winkte? Probie-       St. Mary Mead vorrätig hatte, den Pflaumengin
ren Sie es selbst einmal aus. Vielleicht begegnet    vornehmlich für die Herren.
Ihnen ein Schulbus mit lauter Kindern. Winken Sie    Und köstliche Weintrauben gibt es im Oktober,
ihnen fröhlich zu oder hinterher und beobachten      ob rot oder weiß, sie alle besitzen wertvolle In-
Sie, wie die Kinder plötzlich strahlen und zurück-   haltsstoffe. Die Traubenkerne sind besonders
winken! Eine kleine Geste, die allen Beteiligten     heilkräftig, und roh und in Maßen genossen, alles
Vergnügen bereitet.                                  ein Genuß.
‚Schreiben heißt sich selber lesen‘, schrieb Max     Im aktuellen Heft lesen Sie aus der Stadtge-
Frisch. In diesem Sinne könnte uns das Schrei-       schichte zur 1250-Jahrfeier in Niedergirmes,
ben eines Lebensbuches ein Gespräch mit uns          Wissenswertes zum 13. Deutschen Seniorentag
selbst eröffnen. Gedanken, Zitate, Gespräche,        2021, Erinnerungen aus der Kindheit und Unter-
Gelesenes, Bemerkenswertes und Verrücktes            haltendes.
oder auch einfache Vorkommnisse passen dort
hinein. Im Unterschied zu unseren Tagebüchern,       Entspannende Lektüre und glückliche,
in denen vorwiegend festgehalten wird was wir        mildsonnige Herbstwochen!
fühlen, geht es hier um eine Dokumentation                                 Gunhild Deis-Wiese
deessen, was uns im Leben weiterbrachte und
weiterbringt.
Die Schatten auf den Sonnenuhren werden
länger, der Bogen der Sonnenbahn am Himmel           Kleines Gedichtchen
wird kleiner und flacher, die Nächte kühler und
Morgennebel stellt sich ein.                         Kleines Gedichtchen
Wer sich gesundheitlich besonders auf die rapi-      Ziehe denn hinaus!
de kürzer werdenden Tage vorbereiten will, sät       Mach ein lustiges Gesichtchen
laufend in kleinen Schalen schmackhafte Kresse       Merke dir aber mein Haus!
aus. Sie wird, das Sonnenlicht einfangend, zu        Geh ganz langsam und bescheiden
einem Heil-, Würz- und Nährmittel ersten Ranges!     Zu ihr hin, klopf an die Tür,
Bei Streifzügen durch Wald und Flur fasziniert die   Sag, ich möchte sie so leiden,
herbstliche Blüten- und Blätterpracht. Man findet    Doch ich könnte nichts dafür.
alle Farben des Regenbogens und darüber hinaus       Antwort, nein, bedarf es keiner.
sämtliche Nuancierungen. Es muss ein Traum           Sprich nur einfach überzeugt.
sein, in amerikanisch-kanadischen Grenzgebie-        Dann verbeug dich wie ein kleiner Bote
ten zu wandern und dort die Farbenpracht des         schüchtern sich verbeugt.
Indian Summer zu erleben. Er ist in Neuengland,      Und dann, kleines Gedichtchen du,
Maine, New Hampshire und Vermont zu sehen.           sag noch sehr innig: ‚Geruhsame Ruh‘
Aber wir haben ja auch ein bißchen davon, den
„goldenen Herbst“.                                                      Joachim Ringelnatz

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Senioren post wetzlar - Herausgeber: Der Magistrat der Stadt Wetzlar
Aus der Stadtgeschichte
                           1250 Jahre Niedergirmes
                             Notizen aus der Geschichte
Uralte Urkunden
Wir schreiben das Jahr 771. Der fränkische König    betet würde.Das ließ sich am besten durch eine
Karl, der Kaiser werden und „Karl der Große“ ge-    Stiftung an ein Kloster erreichen. Die Mönche dort
nannt werden wird, regiert seit drei Jahren. Das    schrieben alles auf, so wurden die Spender nicht
Land ist in Grafschaften aufgeteilt, die wiederum   vergessen. Sie wurden in die täglichen Gebete
kleinere Gebiete, die Marken, enthalten. In un-     eingeschlossen und an ihrem Todestag wurde
serer Heimat fasst das Christentum Fuß. Klöster     alljährlich eine Messe gelesen. Darauf hoffte
entstehen, die das kulturelle und wirtschaftliche   auch ein offensichtlich reicher Mann mit Namen
Leben vorantreiben. Viele Mönche kennen sich        Rupertus, der am 17. Juni 771 seinen gesamten
mit der Landwirtschaft und dem Weinbau aus,         Besitz in der Girmeser Mark im Lahngau dem
andere können lesen und schreiben, aber alle        Kloster Lorsch geschenkt hat. Damit für alle Zeit
sind eifrige, treue Beter.                          an den Stifter gedacht werden konnte, trugen die
                                                    Mönche den Vorgang dieser Schenkung gleich in
                                                    ihr wichtiges Buch ein, in den Lorscher Codex.
                                                    Das ist die schriftliche Ersterwähnung von Nie-
                                                    dergirmes, nicht aber das Gründungsdatum. Das
                                                    kennen wir nicht, aber wir können sicher sein,
                                                    dass die Ansiedlung schon vor 771 bestanden
                                                    hat. Jeweils 775, 779 und 795 verzeichnet der
                                                    Lorscher Codex eine weitere Schenkung aus der
                                                    Girmeser Mark.

        Abb. 1 Schenkung des Rupertus

Von solchem Gebet erhofften sich die Menschen
viel. Sie fürchteten, nach ihrem Tod lange im
Fegefeuer oder gar ewig in der Hölle leiden zu
müssen. Um solche Strafe abzukürzen oder ganz
zu vermeiden, suchten sie Hilfe bei Heiligen und               Abb. 2 Lorscher Codex
den Gebeten von frommen Menschen.
Wer es sich leisten konnte, sorgte schon zu         Dreieinhalb Jahrhunderte später, 1142, übereig-
seinen Lebzeiten für sein Seelenheil und sorgte     net der Erzbischof von Trier dem Kloster Schif-
durch Geschenke dafür, dass immer für ihn ge-       fenberg eine Kirche. In der dazu gehörenden

                                                                                     seniorenpost wetzlar 224   5
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Aus der Stadtgeschichte
Urkunde, wird auch erklärt, wo sich diese Kirche
befand, nämlich in Girmize iuxta Witflaria, also in
Girmes bei Wetzlar. Aus diesen wenigen Worten
lernen die Historiker zweierlei. Zum einen, dass
Niedergirmes ein richtiges Dorf mit einer damals
schon bedeutenden Kirche war. Weiterhin begeg-
nen wir hier zum allerersten Male der schriftlichen
Überlieferung des Namens Wetzlar. So können
die Menschen in Niedergirmes stolz darauf hin-
weisen, dass die Ersterwähnung unseres Stadt-
names ihrem eigenen Stadtteil zu verdanken ist.

Der Siechhof
Wo heute die Hospitalkirche steht, gab es seit dem
13. Jahrhundert das „Hospital zum Hl. Geist“. Es
                                                      Abb. 3 Becken des Brunnens bei der Siechhof-
war ursprünglich als Herberge für durchreisende
                                                      kapelle (heute im Deutschordenshof)
Pilger und als Obdach für arme Kranke gedacht.
Ihm oblag auch die Fürsorge für Leprakranke. Die-
                                                      So entstand ein richtiger Wirtschaftsbetrieb, der
se durch ein Bakterium hervorgerufene Krankheit
                                                      nach dem Brauch der damaligen Zeit durch from-
war seit der Römerzeit in Europa bekannt und
                                                      me Stiftungen unterhalten wurde. Als Gegenlei-
erreichte vom 11. bis ins 13. Jahrhundert ihren
                                                      stung wurde von den Bewohnern erwartet, dass
Höhepunkt. Sie war damals nicht behandelbar
                                                      sie für die Stifter beteten. Wie das Hospital war
und führte nach längerem Siechtum zum Tod.
                                                      auch der Siechhof eine Einrichtung der Stadt,
Zu Recht fürchtete man die Lepra, wusste wohl
                                                      die der Fürsorge für die bedürftige Bevölkerung
auch um die Ansteckungsgefahr und isolierte
                                                      diente. Der Stadtrat wählte aus seiner Mitte zwei
die daran Erkrankten. So entstanden an vielen
                                                      Pfleger, die für die Verwaltung zuständig waren.
Orten Siechenhäuser, die auch Lazarus-Häuser
                                                      Geleitet wurde der Siechhof von einem Leprosen-
hießen, denn im Mittelalter hieß die Lepra auch
                                                      meister. Der musste den Pflegern Rechenschaft
Lazaruskrankheit (Lazarett). Später nannte man
                                                      ablegen über die ordnungsgemäße Betreuung
sie auch „Aussatz“, denn die Kranken wurden an
                                                      der Liegenschaften und der beweglichen Habe
einem von menschlichen Siedlungen entfernten
                                                      sowie über Einnahmen und Ausgaben.
Ort ausgesetzt. Dieser Ort sollte am reinigenden
Wasser und an einer Straße liegen, damit die
                                                      War bei einem Menschen Lepra festgestellt
Kranken noch einen Blick auf menschliches Le-
                                                      worden, so wurde er aus der bürgerlichen Ge-
ben hätten und von den Durchreisenden Spenden
                                                      meinschaft ausgeschlossen. Ein letztes Mal
bekämen.
                                                      durfte er an einem Gottedienst teilnehmen, das
                                                      war sozusagen seine Totenmesse. Danach wur-
Solch einen Ort suchte man in Wetzlar und fand
                                                      den seine Kleider verbrannt und er bekam die
ihn an der „Engen Dill“ nahe der Kreuzung zwei-
                                                      Siechentracht, die ihn als Aussätzigen kenntlich
er Straßen – auf Niedergirmeser Grund! Schon
                                                      machte. Das waren ein weiter dunkler Mantel,
1291 lesen wir in einer lateinischen Urkunde vom
                                                      Handschuhe und ein großer Hut, dazu Brotsack
„domus leprosorum apud Wetflariam“, dem Haus
                                                      und Wassergefäß und die Siechenklapper. Mit
der Leprosen bei Wetzlar. Zunächst war es wohl
                                                      dieser musste er sich bemerkbar machen, wenn
wirklich nur ein einzelnes Haus, doch bald kamen
                                                      er sich Gesunden näherte.
Wirtschaftsgebäude, Stall, Scheune und Garten-
land dazu. Schließlich besaß der Siechhof auch
eine eigene Kapelle und einen Friedhof.

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Senioren post wetzlar - Herausgeber: Der Magistrat der Stadt Wetzlar
Aus der Stadtgeschichte
                                                    der Reformation galt die Wetzlarer Stadtreligion
                                                    auch für die Bewohner des Siechhofes. In der
                                                    Kapelle fand jetzt nur noch an Ostern, Pfingsten,
                                                    Weihnachten und Michaelis ein Gottesdienst statt.
                                                    Der wurde von einem evangelisch-lutherischen
                                                    Stadtpfarrer abgehalten.
                                                    Im 17. Jahrhundert ging in ganz Europa die Zahl
                                                    der Leprakranken zurück. Viele Städte waren froh,
                                                    ihre Siechhöfe schließen zu können. Ganz anders
                                                    die Wetzlarer, die wollten ihren Siechhof erhalten,
                                                    der auf Solmser Gebiet lag. Hätte er seinen Zweck
                                                    erfüllt gehabt und wäre geschlossen worden,
                                                    wären sein gesamter Besitz und die laufenden
                                                    Einnahmen an den Territorialherren, den Grafen
                                                    von Solms-Greifenstein, gefallen. Das galt es für
                                                    die Wetzlare zu verhindern.
Abb.4 Mann mit Warnklapper (Zeichnung von
Rembrandt)

Nur zweimal im Jahr durften die „Guten Leute“
wie die Bewohner des Siechhofes verharmlosend
genannt wurden, die Stadt betreten. An Karfreitag
und zu Weihnachten stellten die Wetzlarer dann
milde Gaben zum Mitnehmen vor ihre Haustüren.
In der Notzeit des 30jährigen Krieges wurden den
Leprosen wöchentliche Bettelgänge erlaubt.
Nicht nur aus der Reichsstadt, sondern auch
aus dem Umland kamen Menschen in unseren
Siechhof. Wir wissen von Aufnahmegesuchen
von Menschen aus Herborn und Weilburg. Auch         Abb. 5 Die Siechhofkapelle 1933 Zeichnung von
ein Dankvermächtnis gibt es aus Oberbiel, weil      Wilhelm Waldschmidt
„Jakobs eheliche Hausfrau....in das Siechenhaus
der guten Leute bei Wetzlar“ aufgenommen wor-       Als nur noch eine Witwe im Wetzlarer Siechhof
den war.                                            lebte, griff die Stadt zu einer List und schickte Bo-
Die segensreiche Wetzlarer Einrichtung stand ja     ten aus, die nach übersiedlungswilligen Leprosen
auf Girmeser Grund, das bedeutet, sie befand        suchen sollten. Diese fanden eine Familie bei
sich auf Solmser Gebiet.                            Alsfeld und eine Frau in der Pfalz, die tatsächlich
Wie wir aus unserer Heimatgeschichte wissen,        nach Wetzlar kamen. So überlebte das Kran-
gab es all die Jahrhunderte hindurch immer          kenhaus noch einige Jahre, aber um einen sehr
wieder Streit zwischen den Wetzlarern und den       hohen Preis, denn die Auseinandersetzungen mit
Solmsern. So kam es auch am Siechhof zu tät-        Solms verschärften sich. Dennoch gelang es dem
lichen Auseinandersetzungen. An der Kapelle war     Wetzlarer Hospital und damit der Stadt, im Besitz
von alters her das Wetzlarer Stadtwappen, ein       des Siechhofes zu bleiben.
Adler, angebracht. Der wurde im Rahmen solcher      Als keine Kranken mehr dort lebten, wurde das
Grenzstreitigkeiten heruntergehauen – Frevel an     Anwesen ökonomisch genutzt, die Kapelle wurde
einem Gotteshaus!                                   zum Kuhstall und die Ländereien verpachtet. Das
Im Mittelalter wurden die Kapelle und die Men-      völlige und schreckliche Ende des Siechhofes
schen des Siechhofes von dem jeweiligen Pfarrer     kam am 7. März 1945, als Fliegerbomben ne-
von Niedergirmes mitversorgt. Nach den Stürmen      ben vielen anderen Gebäuden in Niedergirmes

                                                                                        seniorenpost wetzlar 224   7
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Aus der Stadtgeschichte

auch den Siechhof zerstörten. Heute erinnern        die Bauern nicht hergeben, sie wollten keinen
die Straßennamen Siechhof, Siechhofsraße und        Bahnhof, sie wollten ihren landwirtschaftlich ge-
Gutleutstraße an die denkwürdige historische        nutzten Grund behalten. Sie waren auch gegen
Einrichtung.                                        die Eisenbahnschienen, die die Zufahrt zu den
                                                    Feldern erschwerten. In vielen Dörfern der da-
Niedergirmes bekommt einen Bahnhof                  maligen Amtsbürgermeisterei Aßlar, zur der auch
Seit 1835, als die erste Eisenbahn in Deutschland   Niedergirmes gehörte, griffen die Menschen zur
von Nürnberg nach Fürth gefahren war, betrie-       Selbsthilfe. Sie verwehrten den Vermessern der
ben Privatgesellschaften in den verschiedenen       Bahngesellschaft den Zugang zu ihren Grundstü-
deutschen Staaten den Ausbau eines Eisenbahn-       cken und vernichteten nachts die Markierungen.
Verkehrsnetzes. So wurde unsere Nachbarstadt        Viele wollten ihren Besitz nicht verkaufen, so dass
Gießen seit 1850 eine wichtige Station der Main-    es zu Enteignungsverfahren kam.
Weserbahn. Die Köln-Mindener Bahngesellschaft
plante eine Strecke Deutz-Betzdorf- Wetzlar-
Gießen. Damit würde auch Wetzlar einen Bahnhof
bekommen. Aber wo sollte er Platz finden? Seit
alten Zeiten war es das Problem Wetzlars, dass
seine Gemarkung viel zu klein war. So konnten die
Wetzlarer Stadtväter auch nur eine relativ kleine
Fläche auf dem Gebiet der heutigen Sophienstra-
ße für den Bau eines Bahnhofes anbieten. Das
hätte bedeutet, die von der Dill herkommende
Strecke entgegen der Planung auf das rechte
Dillufer zu legen und dann nach einer gefährlich
engen Kurve wäre den Bahnhof zu erreichen. Die      Abb. 7. Das erste Bahnhofsgebäude
Bahngesellschaft lehnte den Vorschlag ab.
                                                    Der Bau begann. Zeitweise arbeiteten bis zu 3000
                                                    Arbeiter und mehr als 50 Pferde am Bahnbau.
                                                    Die Arbeiter kamen nicht nur aus allen Teilen
                                                    Deutschlands, sondern auch aus Italien und
                                                    vom Balkan. Die Maurerarbeiten wurden von hei-
                                                    mischen Handwerkern durchgeführt. Im Sommer
                                                    1861 wurden die ersten Schienen verlegt, und im
                                                    Januar 1862 eröffnete die Köln-Mindener Eisen-
                                                    bahngesellschaft die letzte Teilstrecke der Bahn
                                                    von Köln nach Gießen. Ein Jahr später kam die
                                                    Lahntalstrecke hinzu und 1878 die „Kanonen-
                                                    bahn“ von Lollar nach Wetzlar. So erhielt Nieder-
                                                    girmes seinen Bahnhof, der leider von Anfang an
Abb. 6. Das Bahngelände in der Gemarkung            „Bahnhof Wetzlar“ hieß.
Niedergirmes
                                                    Das waren drei Notizen aus der Geschichte von
Aber ganz in der Nähe, in Niedergirmes, da war      Niedergirmes. Viel mehr darüber gibt es im Nieder-
ein geeignetes Gelände. Niedergirmes reichte        girmeser Heimatbuch „1200 Jahre Niedergirmes“,
damals bis dicht an die Stadt Wetzlar heran.        1971 in Wetzlar erschienen, und in den „Mitteilungen
Das heutige Bannviertel, das Gebiet um die          des Wetzlarer Geschichtsvereins“ von 2019. Beide
Bahnhofstraße bis an die Lahn und bis zum           Bücher und noch viel mehr kam man lesen und aus-
Buderusplatz, das alles waren Niedergirmeser        leihen in der Stadtbibliothek Wetzlar, in der Bahnhof-
Äcker und Wiesen. Dieses gute Land wollten          straße 6 – und das ist altes Niedergirmeser Gebiet!
                                                                                             Herta Virnich
8   seniorenpost wetzlar 224
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Aus der Stadtgeschichte

Jeder möchte gute Straßen, sichere Wasser-, Strom- und Gasversorgung sowie möglichst schnelles
Internet. Werden dazu aber Straßen aufgerissen, so hört man gerade in diesem Jahr in Wetzlar oft
ein heftiges Murren. Dass es auch schon vor sechzig Jahren „Unleidliche Tage“ durch Straßenumbau
gegeben hat, zeigt der folgende Artikel, den Adolf Lutz im Heimatkalender des Kreises Wetzlar
1961 veröffentlicht hat,

             Als am „Ring“ die Bäume fielen
     Wetzlars große Verkehrsader im Wandel der Zeiten
Schon 1958 war davon gesprochen und geschrie-         wurden zum größten Teil innerhalb von zehn Tagen
ben worden, daß Wetzlars große Verkehrsader,          geschafft. Sie erfolgten zur Zeit des Abbruchs des
der 1938 eröffnete und längst zu eng gewordene        gegenüberliegenden alten Landratsamtes.
Karl-Kellner-Ring umgestaltet werden sollte, da       Dann trat zunächst eine Pause ein. Gegenüber
der Verkehr sich nicht mehr ohne Stockungen ab-       wuchs bald der Neubau des Kreishausgebäudes zu
wickeln ließ. Das Ziel sollte die Verbreiterung des   7 Stockwerken unentwegt in die Höhe. (Grundstein-
Straßendammes als Vierbahnenstraße mit einer          legung 17. 4.; Richtfest 16. 9. 1959). Abgesehen
durchschnittlichen Breite von 13 Metern sein.         von dem jetzt ungewohnten Anblick der baumlos
So stand denn im Jahre 1959 das Straßenstück          gewordenen Straße bot diese inzwischen wieder
zwischen Buderusplatz und Langgasse monatelang        das übliche Bild. Auch Geometer waren natürlich an
im Zeichen dieser großen Umstellung. Die Arbeiten     dem Vorhaben beteiligt; sie kamen mit Meßlatten,
begannen am 21. Februar mit der Beseitigung der       Bandmaß und Theodolit und machten ihre Eintra-
                                                      gungen. Anfangs Mai wurde der östliche Gehsteig
                                                      längs der Ladenzeile am Freibad am Straßenran-
                                                      de aufgegraben, um neuen Kanalisations-Röhren
                                                      Raum zu bieten. Am 4. Juli begann man mit dem
                                                      Aufbrechen der Straßendecke bei vorläufig noch
                                                      durchgehendem Verkehr; zwei Tage später mit der
                                                      Entfernung des östlichen Gehsteigbelages, des-
                                                      sen Platten zur späteren Wiederverwendung am
                                                      Rande gestapelt wurden. Die Straßenbauarbeiten
                                                      umfaßten dann bis zum völligen Abschluß — als
                                                      Rauhasphalt-Fahrbahn — den Zeitraum von sieben
                                                      Monaten.
alten hohen Bäume. Jeder der alten Baumriesen         Ein vorerst übriggelassener Baumstumpf, den man
lag, vom Ansetzen der 2-Mann-Motorsäge an             beim Hallenbad noch nicht ausgegraben hatte,
gerechnet und durch Seilzug beim Fallen gelenkt,      sproßte Anfang Juli, viereinhalb Monate nach dem
innerhalb von 4 Minuten am Boden. Das Fällen          Fall der Bäume, in dem ungewöhnlich trockenen
und das sich anschließende Wegräumen der Äste         Sommer 1959 ohne Stamm und Krone als nur noch
und Zweige dauerte zwei Tage. Eine weit härtere       aus Wurzel und Stumpf bestehender Baumtorso
und umständlichere Arbeit war das Ausgräbern der      leuchtend grün am steinigen Straßenrande. Er
tief und fest in der Erde steckenden Wurzelstöcke.    trieb, kaum l m hoch, seine Schößlinge mit jedem
Soweit hierfür die Kraft des Bagger-Hebekrans oder    Tage weiter voran und bot Mitte August mit seiner
selbst die der Zugkette der Straßenwalze nicht        den Holzstumpf wie mit einem Mantel einhüllenden
ausreichte, tat der rote Buderus-Drehkran ganze       Blätterüberwucherung fast ein botanisches Phäno-
Arbeit. Er hob die notfalls zuvor durch Sprengla-     men, wert genug, im Bilde festgehalten zu werden.
dung gelockerten Baumstrünke aus der Tiefe des        Gegenüber, auf der westlichen Gehsteigseite,
Straßenrandes empor und setzte sie auf das be-        begann man am 11. August die Sockelsteine und
reitstehende Transportauto nieder. Diese Arbeiten     den eisernen Zaun des letzten dort noch verblie-
                                                                                       seniorenpost wetzlar 224   9
Aus der Stadtgeschichte
benen Vorgartens (W. & H. Seibert) zu entfernen,       Schottersteinen, der tagelang [im November] in die
der sieben Jahrzehnte überdauert hatte und bis in      Wohnungen eindringende Geruch von heißem Teer
den Spätherbst hinein von roten Rosen überblüht        beim Auftragen der mehrschichtigen Straßendecke
war. Auf dieser Seite wurde jetzt, fast bis an die     und noch manches andere: man wünschte sehn-
Hauswände heran, die Erde aufgegraben — zur            lichst den Abschluß der Arbeiten herbei.
Verlegung von Wasserrohren, Gasrohren und Ka-
belsträngen. Soweit die Arbeiten es zuließen, war      Im Wandel der Zeiten
der Ring dabei nur in einer Fahrtrichtung gesperrt;    Es war nicht die erste Veränderung, die diese — an
als dann auch Straßendurchbrüche erforderlich          sich 1828 als Zugang nach dem ehemaligen Dorfe
wurden, mußte ab 7. September die völlige Absper-      Niedergirmes angelegte — Straße erlebte. Mehr
rung des Straßendammes erfolgen. Die Umleitung         als einmal sind in den letzten drei Jahrzehnten
brachte der schmalen Moritz-Hensoldt-Straße zu-        ihre Bordsteine versetzt worden. Schon bei der
sätzlich einen zeitweiligen Gegenverkehr, wie ihn      Neuanlage des Karl-Kellner-Ringes als innere Um-
diese Parallelstraße noch nicht erlebt hatte. Anfang   gehungsstraße in den Jahren 1936/ 38 zwischen
November war die Straße halbseitig wieder befahr-      Leitz-Platz und Sophien-Straße wurde das damals
bar; ab 5. Dezember konnte die Fahrbahn für jeden
Straßenverkehr in beiden Richtungen freigegeben
werden. Zum gleichen Zeitpunkt war der Zugang
zur „alten“ Sophienstraße vom Ring her für den Wa-
genverkehr gesperrt worden. Noch zur rechten Zeit
vor den weihnachtlichen verkaufsoffenen Sonnta-
gen und vor etwaigen überraschend einsetzenden
größeren Schneefällen waren die vom Wetter sehr
begünstigten Straßen-Umbauarbeiten am Ring
abgeschlossen. Im November erfolgte auch die
Wiederherstellung der westlichen Gehsteigseite,
die sich zum Schluß wegen Kanalbauarbeiten an          noch die Bezeichnung „Bahnhofstraße“ tragende
der Kreissparkasse bis zur endgültigen Freigabe        Teilstück des Ringes entlang der Ochsenwiese ver-
am 28. Dezember hinzog.                                breitert. Die Straße rückte dabei dicht an die Bäume
                                                       heran. Damals bereits wurden auf der westlichen,
Unleidliche Tage                                       der Landratsamtsseite, die Bäume am Rande des
Es darf dazu gesagt werden, daß dieses not-            Gehsteiges zum größten Teil entfernt.
wendig gewordene Unternehmen den dortigen              Sodann veränderte das noch über die Namen Ja-
Häusern für längere Zeit recht unleidliche Tage        kob-Sprenger-Straße, dann Ringstraße, inzwischen
bescherte. Besonders den Inhabern der Laden-           zum Karl-Kellner-Ring gewordene Straßenstück im
geschäfte mochte es manchmal zuviel werden,            Jahre 1953 sein Gesicht bei der Umgestaltung der
was ein Straßenumbau, einmal begonnen, an              alten freien Ochsenwiese zum Freibad Domblick,
geschäftlichen Behinderungen mit sich brachte.         wobei durch Aufschüttung der tiefer gelegenen
Das Aufbrechen der Straßendecke durch ständig          Wiese der Gehsteig an der östlichen Seite, entlang
hämmernde Preßluft-Bohrer, das Gehen auf den           der damals neuen Ladenzeile, erheblich erweitert
von ihrem Plattenbelag entblößten und zudem            und die Straße selbst zum zweiten Male verbreitert
durch Absperrungen sehr eingeengten Gehsteigen,        wurde.
das Ausheben der Straßengräben durch knatternde        Der ständig wachsende Kraftverkehr war der
Bagger, das Kabelschweißen, das Gestampfe der          Grund, daß an dieser vielbefahrenen Straße die
Preßluft-Rammen, die längere Zeit währende Ab-         letzten schattenspendenden Platanen und Ahorn-
sperrung der Grundstückseingänge und Einfahrten,       bäume, 14 an der Zahl, diese Rauch-und Staub-
das Überqueren der offenen Gräben auf Bohlen-          filter mit ihren wiegenden Baumkronen und ihren
Behelfsstegen, dann die schädliche Einwirkung          Vogelnestern, beseitigt wurden und abermals ein
der Auspuffgase der Arbeitsmaschinen, die Staub-       Wandel zum Größeren erfolgte. Im Juni 1960 wur-
wolkenentwicklung beim wiederholten Entladen           de die Straßendecke mit einer neuen Teerauflage
ganzer Doppelkippwagen von Sand, Kies, Splitt und      überzogen.
10   seniorenpost wetzlar 224
Aus der Natur
                                  Familienplanung
Es sitzen Vöglein auf einem Zweig                  Die Flaumbällchen bald zu Federn werden,
in ihrem Lieblings-Gartenbereich,                  die Füßchen sich schon kräftiger färben.
wo einen kleinen Teich sie haben,                  Die Alten locken die Kleinen heraus
um Durst zu stillen und zu baden.                  Aus dem eng gewordenen Haus.
Sie warten auf den Lenz gespannt,                  Die „Halbstarken“ ihre Flügel lupfen,
die Zeichen sind schon da im Land.                 probieren zu trippeln und zu hupfen,
Nun langsam wird es wirklich Zeit,                 erfreuen sich der Frühlingsluft
dass man sich ein Weibchen freit!                  und schnuppern süßen Blütenduft.

Hat er gefunden eine Braut,                        Da, plötzlich einer es schon wagt,
wird emsig auch ein Nest gebaut,                   erst mal kleine kurze Strecken! –
ausgelegt mit feinen Moosen,                       Geschwister ihre Hälschen recken,
kann keines sich an Hartem stoßen. –               tun´s mutig dann dem Bruder nach!
Nach einer Weile sind zu finden                    Erfahrungen der Eltern borgen,
Eierchen in Nestgewinden.                          ein oder andern Tipp einstecken,
Gut warm gehalten werden sollen                    alle jetzt die Welt entdecken,
die Kleinen, bis sie schlüpfen wollen.             bald selber für die Nahrung sorgen.

Bald fangen alle an zu schrei´n,                   Die junge Generation ist nun so weit,
jedes will das Erste sein.                         dass die Art erhalten bleibt.
Dann aber geht es richtig los,                     Möge es, solang wir leben
die Fütterung klappt ganz famos!                   aller Arten Vögel geben!
Die Eltern fliegen hin und her,                    Ihr Gesang zu Gottes Lob
unermüdlich kreuz und quer,                        tut so wohl in mancher Not
viele Insekten und Würmlein zu raffen,             mildert Leib- und Seelenschmerz,
in weit geöffnete Schnäblein zu schaffen.          erfreut gar sehr des Menschen Herz!
                                                                  Edelgard Bohres (Jahrgang 1925)

                     Viel edler geht‘s wirklich nicht...
Nein, Disteln sind nicht jedermanns Sache. Aber stehen wir plötzlich vor solch einem imposanten
Gewächs, erkennen wir doch spontan ihre einzigartige Schönheit an und erfreuen uns an ihrem sta-
cheligen, bizarren Anblick. Oft sind ihre herrlichen roten bis pinkfarbenen Blüten mit ein Grund für
unsere Bewunderung. Vergleichsweise bescheiden ist da die Kleine Eberwurz. Selten ist sie, denn
sie bevorzugt magere kalkhaltige Böden wie im Naturschutzgebiet Weinberg. Hier fühlt sie sich pu-
delwohl und wächst recht zahlreich an verschiedenen Stellen
und sogar in größeren Gruppen.
Die Kleine Eberwurz besticht durch ihre Bescheidenheit, ihre
Zartheit und Eleganz sowie ihre geringe Größe von etwa
40 cm. In einen Farbtopf ist sie nicht gefallen, ihr genügen
die ganz zarten Farbtöne um Beige und Braun und Gold.
Ja, Gold. Das haben schon unsere Ahnen ganz richtig er-
kannt und ihr zusätzlich den treffenden Namen „Golddistel“
gegeben.
Immer im August, wenn meine Golddistel blüht, muss ich ihr
einen Besuch abstatten. Aber sie hat auch andere Fans, wie
ich feststellte. Schmetterlinge suchen ebenfalls ihre Nähe,
darunter sinnigerweise auch die „Goldene Acht“! Viel edler
geht es ja nun wirklich nicht. Gold zu Gold.
Peter Jörg Albrecht
                                                                                   seniorenpost wetzlar 224   11
Unterhaltung
                                Früher bei uns daheim
  Unser Autor Erich Bittrich hat die Schule beendet und berichtet in dieser Ausgabe von seinem
                    Eintritt ins Berufsleben und seinem weiteren Berufsleben.

Vor Beginn dieser Ausbildung musste ich jedoch         Ein anderer wiederum konnte den Gürtel seiner
noch eine Einstellungsuntersuchung beim Werks-         Arbeitshose fast zweimal um den Bauch wickeln.
arzt über mich ergehen lassen. Dazu versammel-         Auch meine Schutzkleidung war nicht gerade
ten sich alle angehenden Lehrlinge im Wartebe-         perfekt. Mit meinen viel zu weiten Hosen, die sich
reich des werksärztlichen Dienstes. Wir waren          bei Gegenwind wie ein Segel aufblähten, führte
etwa zehn Jungs und fünf Mädchen. Hier wurden          ich die Liste der modischen Entgleisungen an.
wir auf die dort befindlichen fünf Kabinen verteilt,   So erging es mir auch in meiner Grundschulzeit,
in denen wir uns bis auf die Unterhose entkleiden      als ein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung gehen
sollten. Danach wurden wir nacheinander zur            sollte, den ich lieber nie gehabt hätte. Nämlich der,
ärztlichen Untersuchung aufgerufen. Durch eine         eine Krachlederne (kurze Lederhose) zu besitzen.
zweite Tür in den Kabinen gelangte man direkt          Dies gestaltete sich bei mir etwas problema-
in den Behandlungsraum. Irgendwann wurde ich           tisch, da meine Kindheit von einer ausgeprägten
aufgerufen. Ordentlich, wie ich nun einmal war,        Leibesfülle überschattet wurde. Also musste es
schloss ich hinter mir die Kabinentür. Nach der er-    eine Männergröße sein, die meinen begnadeten
folgten Untersuchung sollte ich mich wieder anzie-     Körper weiträumig umspielte. Zum Glück kam es
hen. Da ich aber meine Kabinentür geschlossen          bei dem von mir ausgesuchten Beruf nicht auf ein
hatte und alle Kabinen gleich aussahen, wusste         perfektes Aussehen an, sondern auf eine perfekte
ich nicht mehr, aus welcher ich gekommen war.          Arbeitsausführung.
Also verließ ich mich auf mein Glück und öffnete
gleich die erste Tür der Kabinenreihe. Und was         In der Modelltischlerei angekommen, wurde ich
soll ich sagen, ich hatte Glück. Vor mir stand ein     zunächst von meinem Ausbilder begrüßt. Nach
bildhübsches Mädchen, das nur mit einem Slip           einigen einleitenden Worten machte er mich mit
bekleidet war. Doch damals konnte ich mein             den Gegebenheiten der Werkstatt vertraut und
Glück noch nicht fassen, und mein Gesicht nahm         erklärte mir die Einsatzbereiche des dort befind-
augenblicklich die Farbe eines Feuerlöschers an.       lichen Maschinenparks. Insbesondere wies er
Als ich später das Mädchen im Vorraum wieder           mich auf die Unfallgefahren hin, die beim Umgang
traf, war mir das sehr peinlich. Sie nahm es jedoch    mit diesen Maschinen zu beachten waren. Dazu
ganz locker.                                           muss man wissen, dass Holzbearbeitungsma-
                                                       schinen eine sehr hohe Umdrehungszahl haben.
Am 17. August war es dann endlich soweit.              Wenn man da nicht aufpasst, sind schnell einmal
Pünktlich um 8 Uhr waren alle gewerblichen             ein oder zwei Finger ab. Der erste Arbeitstag
Lehrlinge, mit Blaumännnern bewaffnet, am              endete mit einer Werksbesichtigung, bei der uns
Haupteingang eingetroffen. Von dort aus führten        die wichtigsten Einrichtungen gezeigt und auch
uns zwei ältere Lehrlinge in den Unterrichtsraum       erklärt wurden.
der Lehrwerkstatt, die mitten im Werksgelände
lag. Hier wurden wir vom Ausbildungsleiter, dem        Natürlich mussten wir auch ein Berichtsheft
Werksdirektor und einigen anderen Beschäftigten        führen, in dem Arbeitsabläufe beschrieben und
des Ausbildungswesens, begrüßt. Nach einer             mit technischen Zeichnungen ergänzt werden
kurzen gegenseitigen Vorstellung wurde uns der         mussten. Die ordentliche Führung dieses Heftes
Betrieb vertraut gemacht. Nachdem wir in unsere        nahm ich sehr ernst, da es bei der Abschlussprü-
Blaumänner geschlüpft waren, begaben wir uns           fung vorgelegt werden musste. Dafür opferte ich
in die einzelnen Ausbildungsabteilungen.               meist den kompletten Samstag. Schon bald wurde
Dabei sahen wir in unserer Arbeitsbekleidung           mein Fleiß belohnt, und mein Berichtsheft wurde
nicht gerade vorteilhaft aus. So hatte einer eine      als Vorbild für alle anderen Lehrlinge im Schau-
Latzhose mit viel zu langen Hosenbeinen an.            kasten der Lehrwerkstatt ausgestellt. Damit war
12   seniorenpost wetzlar 224
Unterhaltung
der Ärger vorprogrammiert. Neid und Missgunst          uns schnell handelseinig. Den Vorschlag, eine
machten sich breit, und ich musste mit Repres-         Anzahlung in Höhe von 500 DM zu leisten und
salien rechnen. Diese ließen nicht lange auf sich      den Rest in monatlichen Raten von 50 DM zu
warten. Schon am folgenden Tage wurde ich in           begleichen, hielt ich für akzeptabel. Also machten
voller Arbeitsmontur unter die kalte Dusche ge-        wir das Geschäft. Damit war ich stolzer Besitzer
stellt. Aber davon ließ ich mich nicht unterkriegen.   eines Vespa-Rollers. Ich hegte und pflegte ihn,
Es machte mich eher noch härter.                       bis dann das Unfassbare geschah.

Mittlerweile befand ich mich im zweiten Lehrjahr,      Ich war wieder mit meiner Vespa unterwegs.
und der Wunsch nach einem fahrbaren Untersatz          Hinter mir saß meine Cousine aus Berlin, die ihre
machte sich in mir breit. Natürlich hatte ich ja das   Schulferien bei uns verbrachte. Vor mir fuhr mein
Fahrrad, aber das konnte ein mit Motorkraft an-        Kumpel mit seinem alten Rabeneick-Roller und
getriebenes Gefährt nicht ersetzen. Von meiner         hatte meine kleine Schwester im Gepäck. Sein
nicht gerade üppigen Ausbildungsvergütung, die         Roller war immer etwas schneller als meiner. Als
im ersten Ausbildungsjahr 127 DM betrug und sich       er seine Geschwindigkeit vor einer Kurve verrin-
bis auf 208 DM im vierten Ausbildungsjahr steiger-     gerte, sah ich eine Möglichkeit, ihn zu überholen.
te, hatte ich bereits 500 DM gespart. Dazu muss        Um meiner Cousine zu imponieren nahm ich diese
man wissen, dass ich monatlich 50 DM Kostgeld          Möglichkeit auch wahr. Das hätte ich besser nicht
zu Hause abgeben musste. Schon lange hatte ich         tun sollen. Beim Überholvorgang wurde ich aus
mit einem korallroten Vespa-Roller geliebäugelt,       der Kurve getragen, und wir landeten unsaft auf
der im Schaufenster unseres Vespa-Händlers auf         dem Asphalt. Noch im Liegen hielt ich den Lenker
mich wartete.                                          fest und war froh, dass der Motor noch lief. In
                                                       diesem Moment dachte ich nur an meinen heiß-
Bereits im Kindesalter besaß ich einen Roller,         geliebten Roller, der jetzt einige Blessuren davon
allerdings einen Tretroller, den mir mein älterer      getragen hatte, aber nicht an meine Cousine, die
Bruder überlassen hatte. Von ihm hatte ich bereits     einige Meter hinter mir mit blutendem Knöchel auf
den abgewetzten Schulranzen, die schon etwas           der Straße lag. Zum Glück hielt ein nachfolgender
verblasste Schultüte und später auch den Kom-          Autofahrer an und übernahm ihre Erstversorgung,
munionsanzug übernommen. Eine gemeinsame               bevor er sie ins Städtische Krankenhaus fuhr. Erst
Rollerfahrt wurde meinem Bruder und mir beinahe        jetzt wurde mir klar, was ich eigentlich angerichtet
zum Verhängnis. Wir wohnten damals an einer            hatte. Ich schaffte es mit dem zerknitterten Roller
Straße mit steilem Gefälle. Vom höchsten Punkt         gerade noch bis nach Hause, wo die Moralpredigt
dieser Gefällstrecke starteten wir mir unserem         meiner Eltern nicht lang auf sich warten ließ. Wir
heißgeliebten Roller zur Schussfahrt ins Unge-         waren alle heilfroh, dass meine Cousine noch am
wisse. Da ich hinter meinem Bruder stand und ihm       selben Tag das Krankenhaus verlassen konnte.
somit den Weg zur Hinterradbremse versperrte,          Jetzt mussten wir ihrem Vater die Geschichte
rasten wir ungebremst in Richtung Hauptver-            noch schonend beibringen, zumal er ihr das Mit-
kehrsstraße. Zum Glück stand am unteren Ende           fahren auf Mopeds ausdrücklich verboten hatte.
des Gefälles einer der mächtigen Straßenbäume,         Nachdem wir ihm die körperliche Unversehrtheit
der unsere rasante Fahrt abrupt stoppte. Außer         seiner Tochter glaubhaft machen konnten, war
zerrissenen Hosen, einigen Schürfwunden und            seine anfängliche Aufregung schnell verflogen.
einer Moralpredigt unserer Eltern waren keine          Jetzt konnte ich mich wieder meinem Roller wid-
größeren Schäden zu beklagen.                          men, dessen Blechschaden schnellstens beho-
Selbst die Erinnerung an diese Episode schaff-         ben werden musste. Hier nun kam wieder mein
te es nicht, mich vom Kauf eines Motorrollers          Kumpel ins Spiel, dessen langsame Fahrweise
abzubringen. Doch jetzt musste erst einmal der         mich zum Überholen inspiriert hatte. Da er gerade
Führerschein her. Am 15. März 1973 war es dann         eine Ausbildung zum Autoschlosser absolvierte,
so weit. Ich hielt den Führerschein der Klasse         war es für ihn ein Leichtes, das Blech wieder ge-
vier in meinen Händen. Der Weg war jetzt frei für      rade zu biegen. Nun strahlte mein Roller wieder
die Verhandlung mit dem Händler. Wir wurden            im neuen Glanz. Doch das sollte nicht lange so

                                                                                        seniorenpost wetzlar 224   13
Unterhaltung
bleiben. Es war an einem sehr kalten November-       ders pünktlich an meinem Arbeitsplatz erschie-
tag, und ich war wieder mal mit meinem Roller        nen. Die Prüfungskommission übergab mir eine
unterwegs. Bei einem Abbiegevorgang legte ich        technische Zeichnung, auf der das anzufertigende
mich wahrscheinlich zu steil in die Kurve und        Modell in drei Ansichten zu sehen war. Die darauf
kam zu Fall. Ich landete direkt vor den Füßen        vermerkte Zeitvorgabe betrug sieben Stunden. Mit
einer am Straßenrand stehenden Frau, die hier        anfangs noch zittrigen Händen machte ich mich
auf die Grünphase der Fußgängerampel wartete.        an die Arbeit. Da ich mit dem Bau des Modells
Glücklicherweise war ihr nichts passiert. Nur mein   gut voran kam, wurde ich immer ruhiger. Als ich
Roller sah wieder sehr mitgenommen aus. Ganz         das fertige Werkstück nach sechseinhalb Stunden
zu schweigen von meiner Hose, die den Sturz          der Prüfungskommission übergab, standen mir
nicht überlebte. Von den Blessuren an beiden         die Schweißperlen auf der Stirn.
Knien will ich gar nicht reden. Nachdem mein
Kumpel, der mit dem alten Rabeneick-Roller, den      Nachdem ich auch die theoretische Prüfung, die
Schaden an meinem Gefährt notdürftig repariert       aus einem schriftlichen und einem mündlichen Teil
hatte, nahm ich mir vor, mich jetzt intensiv um      bestand, hinter mich gebracht hatte, war Warten
meine Ausbildung zu kümmern, da die Abschlus-        angesagt. Am 23. Januar 1974 war es dann so
sprüfung bereits im nächsten Jahr bevorstand.        weit. Ich erhielt das Ergebnis meiner Prüfung, die
                                                     ich mit der Gesamtnote „gut“ bestand. Obwohl
Schon in der Berufsschule und auch im Werks-         ich von meinem Aus-

                                                                                                                                  Werbung
unterricht bereiteten wir uns intensiv auf diese     bildungsbetrieb in ein
Prüfung vor. Ich saß jetzt fast jeden Abend an       unbefristetes Arbeits-
meinem Schreibtisch, der eigentlich ein ausge-       verhältnis übernommen
musterter Küchentisch war, und versuchte meine       wurde, hielt ich es hier
Wissenslücken zu füllen. Eine dabei auswendig        nicht lange aus. Bereits
gelernte Begriffsbestimmung geht mir bis heute       nach wenigen Monaten
nicht aus dem Kopf, die da lautet. „Eine Verlei-     verließ ich den Betrieb,
mung beruht auf den beiden Kräften der Adhäsi-       um mein Glück beim
on und Kohäsion und stellt darüber hinaus eine       Bundesgrenzschutz zu
vielfache Verdübelung dar.“                          versuchen. Dort absol-
                                                     vierte ich eine Ausbil-
In der jetzt knapp gewordenen Freizeit traf ich      dung zum Polizeivoll-
mich mit meinen Freunden im Jugendraum               zugsbeamten und war
                                                                                     BESTATTUNGEN
unserer Kirche. Hier konnten wir uns an einer        hier später als Ausbilder
                                                                                    ZEITGEMÄSS UND
Tischtennisplatte und einem Tischkicker aus-         tätig. Aber auch das              PERSÖNLICH.
toben, ohne etwas trinken oder verzehren zu          brachte mir keine Erfül-
                                                                                      Wir sind da, wenn
müssen. Tische und Sitzmöglichkeiten hatten          lung. So verließ ich im           Sie uns brauchen.
wir selbst hergestellt. So bestanden die Hocker      Jahre 1982 den Bun-
aus zwei übereinanderliegenden Autoreifen, die       desgrenzschutz und
miteinander verschraubt waren. Die Untergestelle     absolvierte eine kauf-
der Tische waren genauso aufgebaut und wurden        männische Ausbildung
nach oben mit einer runden Holzplatte abgedeckt.     bei den Stadtwerken in
Diese hatte ich mit Erlaubnis meines Ausbilders      Wetzlar, bei denen ich
in der Modelltischlerei angefertigt.                 auch bis zu meinem
                                                     Ausscheiden aus dem
Dann war es endlich soweit. Die Prüfung, die sich    Berufsleben beschäftigt
aus einem praktischen und einem theoretischen        war.                           Ältestes Bestattungshaus
                                                                                   in Wetzlar | Meisterbetrieb
Teil zusammensetzte, stand unmittelbar bevor.
Am Tag der praktischen Prüfung war ich beson-                                           PFANNENSTIELSGASSE 11 – 13
                                                                                              35578 WETZLAR
                                                                                           TELEFON 06441 42302
                                                                                           WWW.PIETAET-ULM.DE

14   seniorenpost wetzlar 224                                                  PU Anzeige Image 45x170 10.20 v2.indd22.10.2020
                                                                                                                       1       14:23:24
Unterhaltung
                                  Gefährliche Begegnung
Ein kleiner Abstecher zu den Wirkungsstätten         „geangelt“. Inzwischen gruben sich die spitzen
meiner Kindheit führte mich an einem heißen          Zähne eines kleinen Hundes in meine Finger,
Sommertag in das bezaubernde kleine Kreis-           der seinen vermeintlichen „Feind“ einfach nicht
städtchen am Main. Ich betrat ein gutbesuchtes       freigeben wollte. Mit schmerzverzerrtem Gesicht
Café Ufer des Flusses, dem ich dann doch nicht       fragte ich laut in die Runde: „Wem gehört denn
widerstehen konnte und setzte mich unter die         dieser Hund?“
Gäste. Kommt man ohne Begleitung unter so viele
Menschen, kann man sie unbemerkt beobachten.         „Ach, das ist der Hund von Dr. Lippert“, rief die
Das Spektrum der Wesensarten ist unvergleich-        Bedienung und machte den „Schönling“ am lauten
lich und hochinteressant. Das Gelächter an           Tisch vor mir auf meinen „Fang“ aufmerksam.
einem Tische vor mir erweckte unweigerlich mein      Der wollte sein Tier mit knapper „Tschuldigung“
Interesse. Ein Herr, schätzungsweise in meinem       abholen. „Dr. Lippert? Klaus Lippert?“ Kurzes „Ja“.
Alter, umgeben von vier jungen Damen, musste         Ich stellte mich mit meinem Mädchennamen vor,
sich wahrhaftig fühlen wie der Hahn im Korb. Es      sagte ihm, dass wir zusammen im Nachbarort in
wurde geschäkert, gekichert und geküsst. Jede        die Schule gegangen waren. Er konnte oder wollte
seiner Begleiterinnen produzierte sich immer         sich nicht mehr an mich erinnern. Für mich wäre
mehr, um seine besondere Aufmerksamkeit auf          die Angelegenheit erledigt gewesen, wenn nicht
sich zu lenken.                                      auch noch die Damen neugierig dazu gekommen
                                                     wären. Es war für ihn wohl der Gipfel der Peinlich-
Inzwischen wuselte etwas um meine Beine he-          keit und ich zahlte so schnell ich konnte, um wei-
rum. Ich bückte mich um unter den Tisch sehen        teren Fragen seiner Begleiterinnen zu entrinnen.
zu können, sah aber nichts. Vielleicht eine Katze?
Es konnte auch keiner gefüßelt haben, denn es        Wie es meiner Hand erging? Nach einer kurzen
saß mir niemand gegenüber. Erneut spürte ich         Entzündung der Bisswunde verheilte alles recht
etwas um meine Beine herum schnüren und fuhr         schnell. Ob der Hund dieses Internisten Desin-
mit der Hand unter den Tisch. Nach einer kurzen      fektionsmittel zu trinken bekam, weil diese Ver-
Schrecksekunde zog ich meine Hand hoch und           letzung so glimpflich verheilte?
hatte, man kann es kaum glauben, einen Hund
                                                                                              Uta Gutermann
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Unterhaltung
                                Florian und die Dianaburg
Bäume und Häuser rasten an unserem Fenster            die quietschenden Bremsen zum Aussteigen. Mit
vorüber. Florian starrte fasziniert hinaus auf die    einem kräftigen „Wiedersehen“ überließ der nun
Welt, die sich da so seltsam vorbeibewegte. Wie       mutig gewordene Wanderbursche die freundliche
sehr hatte er sich die Bahnfahrt gewünscht. Als ich   Dame wieder ihren eigenen Gedanken.
ihm vor Wochen versprach, mit ihm zur Dianaburg
zu wandern, erstrahlte sein Gesicht vor Freude,       Die Gegend um den Bahnhof herum war hässlich,
um dann aber gleich darauf ganz ernst zu werden.      und wir brachten sie schnell hinter uns. Oben
„Gibt es da wirklich ganz echte ‚ianers?“ fragte er   am Waldrand staunte Flori über die bereits voll-
mit seinen großen dunklen Augen zu mir herauf.        brachte Leistung. Das ganze Dorf lag zu unseren
Mit seinen gerade vier Jahren leistete er sich        Füßen. Weit unten im Tal glitzerte die Dill im
noch den beneidenswerten Luxus, bei längeren          Sonnenlicht wie eine Perlenkette zu uns herauf.
Wörtern ein paar Buchstaben einfach fortzulas-        Florian legte eine kurze Teepause ein, denn
sen. „Ob es da Indianer                                                        das Fläschchen baumelte
gibt? Vielleicht, ich weiß es                                                  schon zu lange verlockend
nicht“, wich ich aus und be-                                                   an seiner Brust, und das
mühte mich, ebenso ernst                                                       erzeugt einen ungeheuren
zu bleiben. Entgegen seiner                                                    Durst. Das Blätterdach des
sonstigen Gewohnheit gab                                                       Hochwaldes schützte uns
er sich nach kurzem Nach-                                                      inzwischen vor der schon
denken mit dieser auswei-                                                      unangenehm werdenden
chenden Antwort zufrieden                                                      Hitze, und Florian schritt
und fragte nicht weiter.                                                       kräftig aus. „Flori“, ver-
                                                                               suchte ich ihn nach einer
Das gleichmäßige Rucken                                                        Weile etwas abzulenken,
unter uns, das mir auf län-                                                    „wenn Du Tiere sehen
geren Bahnreisen stets so                                                      willst, musst du aber ganz
monoton und ermüdend                                                           leise schleichen. Kannst
erschien, war heute Musik                                                      du das?“ „Klar, das geht
in meinen Ohren. Florian                                                       doch baby“, frohlockte er
saß - tief beeindruckt von                                                     und ging nun - ähnlich
den ständig wechselnden                                                        einem Seiltänzer - spitz-
Bildern, die der Fensterrah-                                                   füßig vor mir her, die Arme
men bot - neben mir. Die                                                       weit ausschwenkend und
ältere Dame uns gegenüber                                                      den Körper vornüberge-
konnte sich an ihm nicht                                                       beugt. Lustig war‘s - aber
sattsehen. „Du bist ja ein                                                     leise nicht. „Aber Flori“,
echter Wanderbursche“, stellte sie mit bewegter       musste ich ihn enttäuschen, „ich höre ja noch
Stimme fest und riß Florian aus seinen Betrach-       die Steinchen unter deinen Füßen. So werden
tungen. „So eine schöne Lederhose und echte           wir bestimmt keine Tiere sehen“. „Aber es geht
Wanderschuhe. Sogar einen Rucksack hast Du            doch nicht leiser“, trotzte er dem Weinen nahe.
um, da ist wohl die Marschverpflegung drin?“ Flo-     „Kann ich denn fliegen?“ „Geh doch einmal da
rian bejahte etwas geniert und schob sein kleines     auf dem braunen Humusstreifen am Wegrand“,
Händchen noch tiefer zwischen meine Finger, um        ermutigte ich ihn. Er tat es und merkte nun selbst,
die nötige Sicherheit zu bekommen, die diese          wir gut es sich da auf der Grenze zwischen dem
Situation nun mal erforderte. Bevor die Unterhal-     raschelnden Laub und den knirschenden Steinen
tung so richtig in Gang kommen konnte, mahnten        schleichen ließ. „Jetzt kann ich es aber“, strahlte

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Unterhaltung

er zu mir zurück, behielt aber den Seiltänzergang      gegen die Blechkuppel. Deshalb klingt es auch
zur Vorsicht bei. Minute für Minute schlichen wir      so hohl und blechern. Auf jeden Fall wissen wir
im Gänsemarsch den sich schlängelnden Weg              nun ganz genau die Richtung und auch, dass es
hinauf, hier und da stehenbleibend, lauschend.         nicht mehr so weit ist“. Das gab Florian, der nun
Die Geräusche des Dorfes klangen kaum noch             doch langsam ermüdete, wieder frischen Mut,
zu uns durch. Wieder blieb Florian stehen. Ein         doch vor der letzten Anhöhe nahm ich ihn vor-
kräftiges Rascheln vor uns im Laub erregte seine       sichtshalber auf die Schultern, von wo aus er mich
Aufmerksamkeit. „Da“, sagte er leise mit großen        nun zu Höchstleistungen anzutreiben versuchte.
Augen, „ein Vogel“. Ich nahm ihn auf den Arm,          Doch auch meine Kräfte waren begrenzt, und so
damit er besser sehen konnte. „Ist der nicht gol-      waren wir beide froh, als wir die Wiese an der
dig?“ „Eine Amsel“, flüsterte ich zurück, „davon       Dianaburg endlich erreichten. Florian ließ es sich
haben wir doch ganz viele im Garten“. Doch blieb       nicht nehmen, der Burg - einen mächtigen Turm
ich stehen, und wir beobachteten die Amsel, die        - , die dort oben fast völlig von Bäumen verdeckt
da vorn zwischen dem Falllaub nach Larven und          auf dem Basaltkegel steht, sogleich einen Besuch
Würmern suchte. Ein neues Geräusch, das Kna-           abzustatten. Er turnte übermütig zwischen den
cken eines Ästchens, ließ uns beide gleichzeitig       Basaltbrocken umher, und alle Müdigkeit war
nach rechts sehen. „Ein Reh“, hauchte mir Florian      verflogen.
erfreut ins Ohr. Er hielt ganz still, nur seine Hand
klammerte sich etwas fester an meine Schulter.         Nach dem Mittagessen - es gab Würstchen nach
Das Reh stand wie gebannt unter uns am Hang,           Waldläuferart - streckte ich mich erst einmal auf
vom Gebüsch halb verdeckt. Es sah mit sanftem          der Wiese aus und versuchte, vor dem Rück-
Blick aus großen, schwarzen Augen zu uns               marsch noch etwas auszuruhen. Es hätte alles
herauf, beide Ohren steil aufgerichtet. Hatte es       so schön sein können, wenn mich diese dumme
keine Angst? Jäh machte es einen Satz zur Seite,       Mücke nicht ständig in den Hals gestochen hät-
blickte wieder zu uns und spielte mit den großen       te. Als ich endlich kräftig nach ihr schlug, lachte
Ohren. Doch schien es nichts Beunruhigendes zu         jemand hinter mir hell und schadenfroh auf, und
entdecken, senkte nun sogar seinen Kopf dem            ich konnte nicht mehr sehen, wie Florian - Freu-
zarten Grün entgegen, zupfte ein wenig daran und       dentränen in den Augen - den langen Grashalm
verschwand schließlich in dem dichten Unterholz,       blitzschnell hinter seinem Rücken versteckte.
wo wir ihm noch eine Weile nachlauschten. „War         Bevor ich ihn greifen konnte, rannte er schon zwei
das nicht schön?“ fragte Florian etwas atemlos         Bläulingen nach, die durcheinanderwirbelnd über
vom Luftanhalten und kraulte dabei zart meinen         die Waldwiese schaukelten. Florian sprang - die
Nacken. „Ja, Flori, das war sogar sehr schön,          Hände über dem Kopf ausgestreckt - hinterher.
und das nur, weil Du schon so gut schleichen           Doch je weiter die wilde Jagd ging, umso mehr
kannst“. „Ja“, bestätigte er knapp und zu neuen        Schmetterlinge wurden aufgescheucht. Flori-
Taten angespornt.                                      an schrie vor Vergnügen und versuchte, jeden
Aus der Ferne dröhnte ein schnelles „Tocktock-         Schmetterling zu erhaschen. Schnaufend und
tocktock“ zu uns herüber. „Na, Flori, weißt du,        atemlos lag er schließlich neben mir, wo er dann
wer da klopft?“ nahm ich ihm die Antwort schon         endlich in einen kurzen aber wohltuenden Schlaf
fast vorweg, und wie zur weiteren Unterstützung        fiel, der ihn für den „Abstieg“ stärkte...
tockte es wiederum durch die Waldesstille. „Das
ist ein Specht“, war die sachkundige Antwort.          Und die Indianer? Ob es da oben Indianer gibt?
„Ja, das hast du gut gewusst“, lobte ich, „und         Ich muß gestehen, ich weiß es auch heute noch
der Specht - ein Grauspecht - sitzt oben auf der       nicht. Aber eines weiß ich ganz sicher: Es lohnt
Dianaburg und hämmert mit seinem Schnabel              sich für jeden, das einmal selbst herauszufinden.

                                                                                     Peter-Jörg Albrecht

                                                                                        seniorenpost wetzlar 224   17
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