Die Patienten-verfügung - gesunDheitliche vorsorge Durch selbstbestimmung ein themenheft
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Seite INHALT
3 Geleitwort von Margrit Kessler
Präsidentin Schweizerische Stiftung SPO Patientenschutz
4 Was genau ist eine Patientenverfügung?
von Barbara Züst
6 « Eine Patientenverfügung macht in jeder Lebensphase Sinn »
Interview mit Daniela Ritzenthaler und Patrizia Kalbermatten-Casarotti
Fälle aus der SPO-Praxis
8 Der Patientenwille geht vor
von Judith Strupler
11 Erfahrungsbericht eines Angehörigen
von Ruedi Graf
12 Rechtliche Regelung von Patientenverfügungen
von Barbara Züst
16 « Mit dem Papier allein ist es nicht getan »
Interview mit Dr. med. Hansueli Schläpfer
Patientenverfügungen vorgestellt
18 Patientenverfügung der SPO
19 Patientenverfügung der FMH / SAMW: Bedürfnisgerecht kurz oder ausführlich
20 Patientenverfügung des SRK: Kompetente Beratung – bessere Entscheidung
21 Patientenverfügung der Krebsliga
22 ALZ-Patientenverfügung bei Demenzerkrankungen
Publireportagen
23 Blasenschwäche – ein (un)vermeidbares Leiden?
24 « Generation plus » – ein Projekt der Apotheken des Kantons Zürich
26 Engagiert und erfolgreich für die Patientenrechte
28 Die Beratungsstellen der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz
31 Der Stiftungsrat der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz
32 Gönnerverein der Schweizerischen Stiftung SPO PatientenschutzGeleitwort von Margrit Kessler,
Präsidentin Schweizerische Stiftung SPO Patientenschutz
Mit der Patientenverfügung eigenverantwortlich vorsorgen
Die Schweizerische Stiftung SPO Patientenschutz setzt sich seit über dreissig Jahren kon-
sequent und erfolgreich für die Rechte der Patient / innen ein. In diesem Zeitraum wurde
den Patient / innen das Selbstbestimmungsrecht zugestanden – zweifellos einer der grössten
Fortschritte, der zugunsten der Patient / innen erzielt werden konnte.
Damit das Selbstbestimmungsrecht aber tatsächlich wahrgenommen werden kann, müs-
sen verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein. Dazu gehört eine umfassende Aufklärung in
einer angepassten, verständlichen Sprache, die jeder Behandlung vorausgehen muss. Zudem
muss die Einsichtnahme in das vollständige Patientendossier möglich sein.
Der eigentliche Kern des Selbstbestimmungsrechts stellt jedoch das Recht dar, einer Be-
handlung zuzustimmen oder sie abzulehnen. Für den Fall, dass Sie infolge von Unfall, Krank-
heit, körperlicher oder geistiger Schwäche nicht mehr in der Lage sein sollten, sich zu äussern,
dokumentieren Sie Ihren Willen bei medizinischen Massnahmen mit einer Patientenverfü-
gung. In diesem Dokument können Sie Ihre Anweisungen hinsichtlich diagnostischer Unter- Margrit Kessler,
suchungen, medizinischer Behandlung und Pflege festhalten. Nationalrätin
Für den Fall Ihres Ablebens legen Sie hier Ihre Wünsche bezüglich Obduktion und
Organentnahme fest.
In der Verfügung bevollmächtigen Sie zudem jene Personen, die Informationen erhalten
dürfen und gegebenenfalls stellvertretend für Sie handeln können. Gemäss neuem Vertre-
tungsrecht ab Januar 2013 muss der behandelnde Arzt bei der Planung der Behandlung bei
urteilsunfähigen Patient / innen die zur Vertretung berechtigten Personen beiziehen und
diese über alle Umstände informieren. In erster Linie entscheidet diejenige Person, welche
Sie in der Patientenverfügung oder im Vorsorgeauftrag hiermit beauftragt haben.
Man muss immer wieder darauf hinweisen: Die Grenzen zwischen medizinisch-tech-
nischen Möglichkeiten einerseits und dem ethisch Wünschbaren andererseits sind fliessend.
In der letzten Lebensphase lehnen viele Menschen Untersuchungen und Behandlungen ab,
die eher das Sterben als das Leben verlängern.
Die Patientenverfügung dokumentiert, dass Sie sich gründlich mit den Problemen aus-
einandergesetzt haben, die auftreten können, wenn Sie nicht mehr in der Lage sein sollten,
eigenverantwortlich zu entscheiden. Sie legen in der Verfügung die Massnahmen fest, die
nach Ihrem eigenen Empfinden geeignet sind, Ihre menschliche Würde zu respektieren. Die
Verfügung informiert Angehörige, Ärzte und Pflegende über Ihren Willen. Damit werden
die Angehörigen entlastet, welche ohne Patientenverfügung den mutmasslichen Willen
eruieren müssten, anstatt diesen in der Patientenverfügung dokumentiert vorzufinden.
Die Patientenverfügung ist eine wertvolle Hilfe. Der in der Verfügung geäusserte Wille
ist verbindlich und muss von allen beachtet werden, die Ihnen auf physischer, psychischer
und spiritueller Ebene beistehen.
Wir können die Bedeutung der Patientenverfügung nicht genug betonen. Deshalb
widmen wir diesem wichtigen Dokument ein ganzes Heft, um verschiedene Aspekte rund
um das Thema gemeinsam mit verschiedenen Fachleuten auszuleuchten. Zudem stellen wir
die Patientenverfügung der SPO und weiterer Organisationen wie der Verbindung der
Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) sowie der Schweizerischen Akademie der Medizi-
nischen Wissenschaften (SAMW), des Schweizerischen Roten Kreuzes, der Krebsliga und
der Alzheimervereinigung vor. Damit möchten wir Ihnen die Wahl der für Sie am besten
geeigneten Patientenverfügung erleichtern. Haben Sie Ihre Patientenverfügung bereits
ausgefüllt?
Margrit Kessler, Präsidentin Schweizerische Stiftung SPO Patientenschutz
3Neue ZGB-Bestimmungen:
Was genau ist Entlastung von Behandelnden und Angehörigen
Hat eine urteilsunfähige Person vorher schriftlich ihren Willen bezüglich medizinischen Spezialfragen
Massnahmen festgehalten, können sich Behandelnde (Ärzt / innen, Pflegende etc.) im Sinne
eine Patientenverfügung ? einer Leitlinie danach richten.
Angehörige sind oft mit der Situation überfordert, wenn sich eine ihnen nahestehende
Was passiert mit der PV
beim Eintritt ins Spital?
Person plötzlich nicht mehr zur medizinischen Behandlung äussern kann. Diese Ausgangs-
Im Gegensatz zur finanziellen Vorsorge im Alter ist die gesundheitliche Vorsorge in un- lage ist für alle Beteiligten mit grossem Stress verbunden und wird durch eine schriftliche Zu empfehlen ist, dass ältere
serer Gesellschaft noch häufig ein Tabuthema. Zu Unrecht, denn eine Patientenverfü- Willensäusserung etwas entschärft. Nicht jede medizinische Handlung ist mit einer Patienten- oder sehr kranke Patient/innen den
gung kann helfen, viel Leid zu vermeiden. verfügung planbar. Wichtig bleibt das Vertrauen, das die Beziehung zwischen Ärzt / in und Behandelnden bei Eintritt ins
Spital eine Kopie ihrer Verfügung
Patient / in entscheidend prägt und für den Erfolg einer Behandlung wichtig ist.
abgeben.
von Barbara Züst, Co-Geschäftsführerin und fachliche Leiterin Ob eine Patientin oder ein Patient
Schweizerische Stiftung SPO Patientenschutz Vertrauenspersonen einbeziehen im Notfall wieder zu beleben
Sinnvollerweise besprechen Patient / innen, die eine Patientenverfügung ausfüllen möchten, ist (mechanische, medikamentöse
Über unser Leben grundsätzlich selbständig zu bestimmen, ist in unserer Kultur heute eine den Inhalt mit ihren Vertrauenspersonen. Das kann in der Regel neben den Angehörigen oder apparative Reanimation),
Selbstverständlichkeit. Bei spezifisch medizinischen Fragen sind Entscheide zur Selbst- auch die Hausärztin oder der Hausarzt sein. Das Gespräch mit ihren Vertrauenspersonen entscheiden die Behandelnden in
der Regel bei Spitaleintritt –
bestimmung sehr anspruchsvoll. Die Patient / innen können aus einer Behandlungsfülle das über den Willen bei medizinischen Massnahmen und über die entsprechenden persön-
allerdings nicht immer explizit –
beanspruchen, was für sie persönlich wünschbar und machbar ist. lichen Wünsche im Falle der Urteilsunfähigkeit spielt eine wichtige Rolle und Hilfe bei der und notieren diesen Entscheid gut
Mit einer Patientenverfügung hält ein Patient oder eine Patientin seinen oder ihren späteren Umsetzung im konkreten Anwendungsfall. sichtbar in der Krankenakte
Barbara Züst, lic. iur. persönlichen Willen in Bezug auf medizinische Massnahmen schriftlich fest. Er oder sie Eine Patientenverfügung muss im entscheidenden Moment für die Angehörigen und (Kardex) der Patientin oder des
sorgt so für den Fall vor, falls er sich bei Verlust des Bewusstseins durch Unfall oder Krank- Behandelnden zugänglich sein. Deshalb empfiehlt sich, einen entsprechenden Hinweis zum Patienten. Patient / innen können
heit nicht mehr äussern kann. Deshalb ist sinnvoll, sich schon frühzeitig über die zentralen Hinterlegungsort in Kreditkartenformat im Portemonnaie anzubringen. Sinnvoll ist auch, sich bei der Ärztin oder beim
Arzt jederzeit über den Reanima-
persönlichen Anliegen im Rahmen einer medizinischen Behandlungen klar zu werden. eine Kopie der Verfügung an die Vertrauenspersonen (Angehörige, Hausarzt /-ärztin etc.)
tions-Entscheid erkundigen.
zu übergeben. Zudem empfiehlt sich, beim Eintritt ins Spital oder Pflegeheim eine Kopie der Ein Gespräch, um Entscheidungen
Urteilsfähigkeit als Voraussetzung Patientenverfügung in der jeweiligen Institution zu hinterlegen. im Hinblick auf das Lebensende
Nur wer urteilsfähig ist, kann eine rechtsgültige Patientenverfügung verfassen. Dazu gehö- zu klären, kann sinnvoll sein.
ren auch urteilsfähige Minderjährige. Bei erwachsenen Personen besteht eine gesetzliche Alle zwei Jahre überprüfen Ärzt / innen haben oft ein Problem
Vermutung für die Urteilsfähigkeit. Darunter versteht man die Fähigkeit, vernunftgemäss Die Patientin oder der Patient sollte zudem seinen Willen regelmässig aktualisieren. Denn je damit, von sich aus mit den
Patient / innen über das Lebens-
zu handeln. Die Urteilsfähigkeit ist eine relative Grösse, die immer in Bezug auf eine älter eine schriftlich geäusserte Anweisung ist, desto grösser werden für alle Beteiligten die
ende zu reden. Sie sind daher
bestimmte Situation zu beurteilen ist. Der Wille der Patientin oder des Patienten, eine Zweifel, ob die Behandelnden diese Anweisung verbindlich umsetzen sollen. Denn nicht froh, wenn die Patient / innen das
bestimmte medizinische Behandlung abzulehnen, ist keine ausreichende Begründung, den selten veralten Patientenverfügungen, weil sich Wünsche ändern, ohne dass dies der Verfas- schwierige Thema selber zur
Betroffenen als urteilsunfähig anzusehen. sende bemerkt. Sprache bringen.
Keine Rolle spielt, ob die Patientin oder der Patient seine schriftliche Willensäusserung Die Schweizerische Stiftung SPO Patientenschutz empfiehlt deshalb, die Patienten- Wegen der steigenden Kosten
in Form eines Briefs oder auf einem Formular notiert. Wichtig ist einzig, dass die verfas- verfügung alle zwei Jahre zu überprüfen, zu unterschreiben und mit aktuellem Datum zu häufen sich zudem die Ängste von
Patient/innen, dass in Zukunft
sende Person aus dem Schriftstück klar hervorgeht und das Schriftstück datiert und unter- versehen. Dasselbe empfiehlt sich vor einem Spitaleintritt, dies vor allem für ältere oder sehr
bei älteren Menschen nicht zu viel,
«Hauptzweck des Konsu- schrieben ist. Nicht notwendig sind dazu eine öffentliche Beurkundung oder eine notarielle kranke Patient / innen. sondern zu wenig getan wird.
mentenforums ist, Menschen Beglaubigung. Grundsätzlich muss der schriftlich geäusserte Wille der Patientin oder des
Wahlfreiheit und eigen- Patienten lesbar und verständlich verfasst sein. Was beinhaltet eine Patientenverfügung?
verantwortliches Handeln Die Verfügung kann jederzeit geändert oder annulliert werden. Bei einer Willens- Die klassischen Inhalte einer Patientenverfügung sind Hinweise zur Schmerztherapie, zu
zu ermöglichen. änderung ist das Dokument neu zu erstellen und wieder mit Datum und handschriftlicher lebensverlängernden Massnahmen, zur Ernährung am Lebensende sowie zu starker Pflege-
Die Patientenverfügung Unterschrift zu versehen. Das vorangehende Dokument ist zu vernichten. abhängigkeit.
ermöglicht es, dies auch dann Die Patientin oder der Patient kann beispielsweise festlegen, dass die Schmerzmittel
zu tun, wenn man dazu Formulare für Patientenverfügungen grosszügig zu dosieren sind, auch wenn diese eine Einschränkung des Bewusstseins oder
nicht mehr in der Lage ist, Für die Patient / innen kann zur Klärung von Unsicherheiten eine persönliche Beratung eine Verkürzung des Lebens mit sich bringen. Anweisungen zu apparativen oder medi-
nicht mehr sagen kann, durch versiertes Fachpersonal von Organisationen, die Patientenverfügungen vertreiben, kamentösen Wiederbelebungsversuchen im Hinblick auf eine höchstwahrscheinlich aus-
was zu tun bzw. zu unter- sehr hilfreich sein. Als Hilfe stellen viele Organisationen und Stiftungen im Gesund- sichtslose Prognose sind ebenfalls sinnvoll. Zudem kann die Patientin oder der Patient
lassen ist. Angehörigen wird heitswesen Formulare für Patientenverfügungen bereit. Krankheitsunabhängige Patienten- Wünsche zur Ernährung festhalten, zum Beispiel ob er eine künstliche Ernährung durch
damit in einer schwierigen organisationen, wie die Schweizerische Stiftung SPO Patientenschutz oder der Ärztedach- Infusion oder Magensonde wünscht oder ablehnt.
Situation der Entscheid verband FMH, vertreiben allgemeine Vorlagen von Patientenverfügungen. Dort kann die Zudem ist es sinnvoll, wenn die Patientin oder der Patient seine persönlichen Werte
abgenommen, Ärzte sind Patientin oder der Patient mit Ankreuzen spezifische Anweisungen und Wünsche festhalten im Zusammenhang mit seinem Verständnis von Lebensqualität in der Verfügung festhält.
gehalten, sich dem Willen zu sowie ergänzende Kommentare anbringen. Solche Äusserungen sind für die Ärzt / innen bei Behandlungsentscheiden eine Leitlinie und
fügen.» Einen Schritt weiter gehen Formulare von krankheitsabhängigen Patientenorganisatio- somit eine grosse Hilfe. Denn unmöglich ist, alle Eventualitäten im Laufe einer Behandlung
Franziska Troesch-Schnyder, nen, wie beispielsweise der Krebsliga oder der Alzheimervereinigung, die als weiterführende vorauszusehen.
Präsidentin Konsumenten-
forum kf
Hilfe spezifische Fragen ansprechen, damit die Betroffenen für den Fall ihrer Urteilsun-
fähigkeit gezielt vorsorgen können. Denn je konkreter der Wille auf eine Krankheitssituation
bezogen ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Behandelnden den Willen bzw.
die Anweisungen der Patientin oder des Patienten umsetzen.
4 5Wie läuft der Prozess, eine Patientenverfügung für sich zu erstellen, ab?
« Eine Patientenverfügung Beraten Sie die Patienten?
Daniela Ritzenthaler: Unsere Erfahrung zeigt, dass das Erstellen einer
macht in jeder Lebensphase Sinn » Patientenverfügung Zeit braucht. Viele Menschen erstellen die Verfügung
alleine, oder sie besprechen sie mit dem Hausarzt. Dialog Ethik bietet
auch telefonische und persönliche Beratungen an. In diesen Beratungen
Entscheidungen in Bezug auf lebenserhaltende Massnahmen sind aufgrund der werden die medizinischen Aspekte der Entscheidungen besprochen
vielseitigen medizinischen Möglichkeiten sehr komplex geworden. Dialog Ethik und die Verfügenden unterstützt, für sie stimmige Entscheidungen zu treffen.
bietet deshalb auch telefonische und persönliche Beratungen an.
Welche Probleme tauchen bei der Umsetzung der Patientenverfügung
Interview: Katrin Bachofen
in der Entscheidungssituation am häufigsten auf ?
«Als Tochter, als Vater, als
Patrizia Kalbermatten-Casarotti: Die Patientenverfügung muss als Partnerin oder als Arzt: Man
erstes verfügbar sein, wenn man sie braucht. Ab 2013 kann ein Hinweis des steht am Krankenbett und
Inwiefern hat die Bedeutung einer Patientenverfügung (PV)
Hinterlegungsortes auf der Versichertenkarte der obligatorischen muss plötzlich darüber
in den letzten Jahren zugenommen?
Krankenkasse gespeichert werden. entscheiden, welche Behand-
Daniela Ritzenthaler: Im Spital werden immer öfter medizin-ethische Oft sind die Patientenverfügungen, die in der Entscheidungs- lungen ein Patient, der
Entscheidungen am Lebensende notwendig. Es gibt Studien, dass praktisch situation vorhanden sind, kurz und sehr allgemein gehalten. Aus unserer sich nicht mehr selbst äussern
Daniela Ritzenthaler, lic.phil., bei der Hälfte aller Menschen, die in der Schweiz sterben, vorher eine Erfahrung sind solche Dokumente in der konkreten Situation wenig kann, eigentlich wünscht.
wissenschaftliche Mitarbeiterin Entscheidung getroffen wurde, ob lebenserhaltende Massnahmen wirksam. Die an der Entscheidung beteiligten Personen müssen dann trotz Solche Entscheide sind
Dialog Ethik angewendet werden sollen oder nicht. Vor wenigen Jahrzehnten waren Patientenverfügung auf der Basis von Mutmassungen entscheiden, schwierig und belastend.
solche Entscheidungen Einzelfälle. Mit den vielen medizinischen welche Behandlung umzusetzen ist. Liegen keine präzisen Anordnungen vor Mit einer Patientenverfügung
Möglichkeiten hat die Komplexität der Entscheidungen stark zugenommen. und wurde kein Gespräch mit den nächsten Angehörigen über Fragen können wir mitbestimmen,
Kann ein Patient sich nicht mehr zur Behandlung äussern, hilft ihm eine am Lebensende geführt, ist das Treffen von Stellvertreterentscheidungen welche Behandlungen wir
Patientenverfügung, seinen Willen trotzdem umzusetzen. Zudem entlastet für die behandelnden Ärzte und die Angehörigen sehr anspruchsvoll. bevorzugen für den Fall, dass
sie in diesen Entscheidungen das Behandlungsteam, aber auch die wir nicht mehr urteilsfähig
Angehörigen. sind. Als Arzt weiss ich,
Haben Sie grundsätzliche Empfehlungen in Zusammenhang mit einer PV?
wie entlastend eine Patienten-
Daniela Ritzenthaler: Das Ziel einer Patientenverfügung ist, bei Stell- verfügung für Angehörige
Mit ausgewählten Partnern gibt Dialog Ethik spezifische Patientenverfügungen
vertreterentscheidungen anstelle von urteilsunfähigen Patienten gute sein kann. Aus diesem Grund
heraus. Was gibt es für Unterschiede?
Entscheidungen im Sinne des Patienten zu treffen. Sie soll allen beteiligten freue ich mich sehr, dass
Patrizia Kalbermatten-Casarotti: Eine allgemeine Patientenverfügung Personen helfen, bei schwierigen Entscheidungen für den Patienten die SPO mit diesem Themen-
macht generellere Aussagen zu lebenserhaltenden Massnahmen oder zu angemessene Lösungen zu finden. Deshalb ist es ganz zentral, mit den heft aufzeigt, dass eine
spezifischen Entscheidungen, wie zum Beispiel zur Schmerzlinderung. nahen Angehörigen, mit vertretungsberechtigten Personen und Patientenverfügung eine
Eine solche Patientenverfügung kann man für sich erstellen, auch wenn man behandelnden Ärzten über die Inhalte der Patientenverfügung zu sprechen. Chance bietet, unser Lebens-
Patrizia Kalbermatten-Casarotti, keine bestimmte Vorerkrankung hat. Die krankheitsspezifischen Damit wird der eigene Wille bekannt gemacht. ende selbstbestimmt
lic.phil., wissenschaftliche Patientenverfügungen, welche Dialog Ethik mit Parkinson Schweiz und der Die Patientenverfügung erfüllt grundsätzlich drei Funktionen. Sie ist mitgestalten zu können.»
Mitarbeiterin Dialog Ethik Krebsliga Schweiz herausgegeben hat, sind inhaltlich auf die Krankheits- allererst ein Klärungsinstrument. Bei der Erstellung einer Patientenverfügung Dr. med. Jürg Schlup,
Präsident der FMH
bilder abgestimmt. Dies bedeutet, dass man für Symptome, die durch die reflektiert und legt die verfügende Person fest, wie sie in Situationen ab Dezember 2012
Krankheit wahrscheinlicher auf einen zukommen, Entscheidungen der Urteilsunfähigkeit medizinisch behandelt werden möchte. Sie ist aber auch
vorwegnehmen kann. Eine krankheitsspezifische Verfügung ist deshalb ein wichtiges Kommunikationsinstrument. Eine Patientenverfügung
präziser und kann individueller auf die eigene Situation angepasst werden, ist oft Ausgangspunkt für ein Gespräch über emotional schwierige Fragen –
weil sie den Verlauf der Krankheit berücksichtigt. sei es mit dem behandelnden Arzt oder sei es mit den Angehörigen.
Zuletzt ist eine ausführliche Patientenverfügung ein wirksames Entscheidungs-
instrument, das dem Behandlungsteam und der vertretungsberechtigten
Wer sollte eine PV machen?
Person erlaubt, in der konkreten Entscheidungssituation die medizinischen
Patrizia Kalbermatten-Casarotti: Grundsätzlich macht es in jeder Entscheidungen zu treffen, die dem Willen des urteilsunfähigen
Lebensphase Sinn, sich darüber Gedanken zu machen, was einem in einer Patienten entsprechen.
akuten Krankheitsphase oder nach einem schweren Unfall wichtig wäre.
In eine Situation der Urteilsunfähigkeit können auch junge, gesunde
Menschen – wenn auch selten – plötzlich geraten. Gleichzeitig ist es freiwillig,
eine Patientenverfügung zu erstellen und jeder Mensch hat das Recht,
für sich zu entscheiden, dass er keine Patientenverfügung erstellen möchte.
6 7Fälle aus der SPO-Praxis
Darin hatte Herr K. festgehalten, dass er keine lebensverlängernden Massnahmen und Ope-
Der Patientenwille geht vor rationen mehr haben wolle, sollte er einmal nicht mehr auf seinen eigenen Füssen stehen
können. Seine physische Mobilität war für Herrn K. gleichbedeutend mit Selbstbestimmung
Als Herr K. in ein Alterszentrum eintrat, bestand er darauf, seinen Lebensstil nicht und die entscheidende Lebensqualität. Er hielt weiterhin fest, dass er weder künstlich
ändern zu müssen. Dies und seine Weigerung, eine dringende Operation durchführen ernährt, noch durch Apparate am Leben bleiben wolle, wenn er geistig nicht mehr klar ent-
zu lassen, führten schliesslich zu seinem Tod. Gegen den Willen der Tochter haben die scheiden könne. Er wolle mit Schmerzmitteln nur soweit behandelt werden, dass er nicht
Ärzte damit – schweren Herzens – das Recht des Patienten auf Selbstbestimmung leiden müsse.
respektiert. Als stellvertretende Vertrauensperson für seinen Willen setzte er die Tochter ein, die
in seinem Sinne handeln und darauf achten solle, dass die Ärzt / innen und die Pflegenden
von Judith Strupler, Beraterin der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz seinem in der Patientenverfügung festgehaltenen Willen entsprechen, wenn er selbst sich
nicht mehr klar äussern könne. Die Tochter unterzeichnete das Dokument ebenfalls und
erklärte sich damit einverstanden.
«Die Ärzt/innen und
die Pflegenden haben völlig Lebensnotwendige Amputation verweigert
korrekt gehandelt. Herr K. fühlte sich im Alterszentrum schnell zuhause. Er bestand darauf, seinen Lebensstil
Sie haben dem Willen und dem
nicht verändern zu müssen. Er wollte weiterhin rauchen und seine täglichen Portionen
Recht des Patienten auf
Selbstbestimmung entsprochen. Süssigkeiten konsumieren, was seiner Gesundheit nicht gerade zuträglich war.
Die Stellvertreter-Funktion Der betreuende Arzt und die Pflegenden führten mit Herrn K. eindringliche Gespräche,
der Tochter, die in die er stets mit dem Ausspruch, «Ich will noch etwas vom Leben haben und wenn ich ein
der Patientenverfügung Jahr früher sterbe, so ist es mir das wert», kommentierte. Dieses Recht wurde ihm vom Arzt
festgelegt worden ist, und den Pflegenden, wenn auch schweren Herzens, aber doch im Zeichen der Selbstbestim-
kommt erst zum Zug, wenn der
mung zugestanden.
Patient selbst nicht mehr
entscheiden kann.» Die Tochter von Herrn K. wusste ihren Vater gut aufgehoben und war mit ihrer eigenen
Familie sehr beschäftigt, so dass die Besuche beim Vater immer seltener wurden. Herr K.
kommentierte auch diesen «Umstand» mit Humor.
Bei einer gründlichen Untersuchung stellte der Hausarzt plötzlich fest, dass die grossen
Zehen an den Füssen nicht mehr gut durchblutet waren. Da Herr K. niemandem gegenüber
etwas erwähnt hatte, war die Mangeldurchblutung schon ziemlich weit fortgeschritten.
Nach einigem Zögern willigte er ein, zum genaueren Untersuch ins nahe gelegene Kantons-
spital einzutreten. Leider musste ihm dort im Beisein der Tochter und des Hausarztes erklärt
werden, dass nur noch eine Amputation der beiden grossen Zehen ein fortschreitendes
Mit der Einführung des neuen Erwachsenenschutzrechts im Januar 2013 bekommt die Absterben der Füsse verhindern könne.
Patientenverfügung und damit die Selbstbestimmung der Patient / innen nochmals eine Herr K. weigerte sich, diese Operation ausführen zu lassen. Eindringlich wurde ihm
zusätzliche Dimension. Es bedeutet, dass die behandelnden Ärzt / innen sich zwingend an vom Oberarzt der Verlauf erklärt, den diese Weigerung auslösen würde: Schmerzen und ein
die schriftlich gemachten Ausführungen halten müssen, ansonsten sie von den Angehöri- eventuelles Absterben seiner Unterschenkel. Herr K. äusserte sich klar, dass er wieder ins
gen rechtlich belangt werden können. Es heisst aber auch umgekehrt, dass die Angehörigen Alterszentrum zurückgehen wolle und mit Schmerzmitteln behandelt werden wolle, solange
akzeptieren müssen, was die Patientin oder der Patient schriftlich festgehalten hat und nicht es gehe. Obwohl die Tochter bei allen Gesprächen dabei war, wurde sie doch einige Wochen
im Nachhinein eigene Ansichten und Interessen durchsetzen dürfen, wenn sich die oder der danach vom Telefon des Hausarztes überrascht, der sagte, Herr K. habe eine starke Infek-
Betroffene selbst nicht mehr äussern kann. tion und Fieber. Aufgrund der Schmerzmittel, die er die letzten Wochen täglich einnehmen
musste, blute er auch aus dem Darm und müsse notfallmässig operiert werden. Diesmal sei
Physische Mobilität als entscheidende Lebensqualität er mit einer Operation einverstanden.
Herr K., Vater einer erwachsenen Tochter und eines im Ausland lebenden Sohnes, hat mit
72 Jahren seine Ehefrau verloren. Mehrere Jahre konnte er für sich selbst sorgen und lebte Dem Recht des Patienten auf Selbstbestimmung entsprochen
alleine im bisher gemeinsam geführten Haushalt. Nach einem Sturz in der Küche entschied Die Tochter eilte ins Krankenhaus und musste miterleben, dass ihrem Vater beide Füsse
er sich im Gespräch mit der Tochter und mit seinem Hausarzt, in das örtliche Alters- abgenommen werden mussten, da sich sonst die innere Vergiftung im ganzen Körper
zentrum einzutreten. Es fiel ihm nicht sehr schwer, da er seinen Hausarzt behalten konnte ausgebreitet hätte. Herr K. befand sich also in genau dem Zustand, den er in der Patienten-
und auch schon einige seiner Bekannten im Alterszentrum wohnten. verfügung als nicht mehr lebenswert bezeichnet hatte. Herr K. überstand die Operation,
Beim Eintritt ins Alterszentrum wurde er herzlich empfangen und bekam für die ersten zeigte aber keinerlei Lebenswillen mehr, ass und trank kaum noch und starb zwei Wochen
Tage eine nur für ihn zuständige Pflegefachfrau an die Seite gestellt. Diese füllte mit ihm im danach ruhig.
Beisein seiner Tochter auch eine Patientenverfügung aus, die beim zuständigen Hausarzt
und bei den Pflegenden des Alterszentrums hinterlegt wurde.
8 9Fälle aus der SPO-Praxis
Nach der Beerdigung gelangte die Tochter an die SPO und bat um eine Abklärung über das
Verhalten der Ärzte und der Pflegenden, die ihren Vater einfach sterben liessen, ohne ihn
«mit sanftem Druck» auch gegen seinen Willen zu operieren. Sie sagte, der Vater habe sie als
Erfahrungsbericht eines Angehörigen
Stellvertreterin in der Patientenverfügung eingesetzt und sie hätte bei rechtzeitiger Informa- Wie schwierig es ist, eine Entscheidung über Leben und Tod eines Angehörigen fällen
tion ihren Vater schon «dahin gebracht», dass er bereits der ersten Operation zu- zu müssen, erlebte Ruedi Graf, als er bestimmen musste, ob seine Mutter reanimiert
gestimmt hätte. Im Notfall hätte sie ihn auch dazu gezwungen, denn es wäre ja nur zu seinem werden sollte oder nicht.
Besten gewesen.
Die Beraterin der SPO führte nach eingehender Abklärung der Fakten und nach Ein- von Ruedi Graf
sichtnahme in die originale Patientenverfügung und die Pflegedokumentation verschiedene
Gespräche mit dem betreuenden Arzt im Spital und dem Hausarzt. Sie kam zum Schluss, «Ich wusste zwar, dass meine
dass die Ärzt / innen und die Pflegenden völlig korrekt gehandelt haben. Sie haben dem Wil- Mutter eine Patientenverfügung
len und dem Recht des Patienten auf Selbstbestimmung entsprochen. Die Stellvertreter- ausgefüllt hatte, aber im
Detail hatte ich mich nicht mit
Funktion der Tochter, die in der Patientenverfügung festgelegt worden ist, kommt erst zum
dem Inhalt auseinandergesetzt.
Zug, wenn der Patient selbst nicht mehr entscheiden kann. Ich konnte nicht mit Sicherheit
Die Tochter sieht heute, nach dem ersten Schock über den schnellen Tod ihres Vaters sagen, welches ihr Wille war.»
ein, dass die betreuenden Ärzt / innen und die Pflegenden vollumfänglich dem Willen ihres
Vaters entsprochen hatten und er, als ihm das Leben nicht mehr lebenswert schien, schliess-
lich ruhig sterben konnte. Es gelingt ihr damit auch leichter dem eigenen Gefühl, nicht
genug getan zu haben, entgegen zu treten.
Meine 87-jährige Mutter hatte nach einem Sturz zu Hause heftig aus dem Ohr geblutet. Ich
habe sie sofort zur Notfallbehandlung ins nahe Spital transportiert. Sie war nicht mehr
ansprechbar, bekam kaum noch Luft und stand scheinbar vor einem Kreislaufkollaps oder
Herzstillstand. Alles ging sehr schnell. Die behandelnden Ärzte bereiteten meine Mutter auf
den Einsatz des Defibrillators vor und fragten mich, ob eine Wiederbelebung im Sinne mei-
ner Mutter sei.
Ich wusste zwar, dass meine Mutter zusammen mit meiner Schwester eine Patienten-
Wir engagieren uns im ganzen Land Swiss u verfügung ausgefüllt hatte und dass bei ihrem Hausarzt ein «Letzter Wille» hinterlegt war.
Aber im Detail hatte ich mich nicht mit dem Inhalt auseinandergesetzt. Ich konnte nicht mit
mit aller Kraft Power u Sicherheit sagen, welches der Wille meiner Mutter war. Also sagte ich, wenn es möglich sei,
meine Mutter wieder in den Zustand wie vor ihrem Sturz zu versetzen, sollten sie sie reani-
für eine gemeinsame Zukunft Group.
Wir engagieren uns im ganzen Land Swiss u
u mieren. Die Ärzte wollten von mir jedoch auf der Stelle ein JA oder ein NEIN hören. Also
habe ich nein gesagt und die Ärzte haben die Elektroden wieder entfernt.
Diesen folgenschweren Entscheid ganz alleine fällen zu müssen, war für mich ausser-
mit aller Kraft Power u
ordentlich schwierig. Im Nachhinein konnte ich meine Schwester erreichen und mir bestätigen
für eine gemeinsame Zukunft Group. u
lassen, dass unsere Mutter bei nicht rückgängig zu machendem Versagen lebenswichtiger Körper-
funktionen keine apparativen oder medikamentösen Wiederbelebungsversuche wünscht.
Zum Glück ist jedoch alles gut ausgegangen. Der Kreislauf meiner Mutter konnte
stabilisiert werden und sie wurde mit der Diagnose «Schädelbasisriss» ins Kantonsspital
St. Gallen transportiert.
Das Ganze hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, sich so früh wie möglich konkret mit den
Wünschen und der Patientenverfügung einer nahestehenden Person auseinanderzusetzen.
Die Ärzte helfen, soweit es in ihrer Macht steht. Doch die Grenze, bis wohin die medi-
zinischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden sollen, müssen die Patientin, der Patient oder
die Angehörigen bestimmen.
Willkommen
Willkommen
Hotline 08480848
Hotline 803
111
803 111
Fax
Fax 08480848 803
112
803 112
www.groupemutuel.ch
www.groupemutuel.ch
10 11Neue ZGB-Bestimmungen: Neue ZGB-Bestimmungen:
Rechtliche Regelung Neues Recht ab Januar 2013
Spezialfragen Neu enthält das Bundesrecht (Art. 370 nZGB ff.) eine ausdrückliche Bestimmung über die Spezialfragen
Gültigkeit und Tragweite von Patientenverfügungen. Das Gesetz sieht vor, dass die Patientin
Einsicht in das Patientendossier
von Patientenverfügungen oder der Patient seinen Willen für eine vorweggenommene Krankheitssituation festhalten
kann. Darüber hinaus kann die Patientin oder der Patient eine Vertrauensperson bestim-
Gilt die Patientenverfügung
über den Tod hinaus?
Patient / innen können in ihrer men, welche die notwendigen Entscheidungen in Bezug auf eine medizinische Massnahme
Patientenverfügung festlegen, Bisher waren Patientenverfügungen in der Schweiz gesetzlich nicht einheitlich geregelt. treffen soll. Es besteht somit die Möglichkeit, seine Wünsche hinsichtlich der medizinischen Dauer der Vollmacht
wer nach ihrem Tod Einsicht in Mit dem neuen Erwachsenenschutzrecht, das ab Januar 2013 in Kraft tritt, ändert sich Massnahmen schriftlich festzulegen und eine Vertrauensperson zu bestimmen, die berech- Mit dem Tod der Patientin
das gesamte Patientendossier diese für alle Beteiligten unbefriedigende Situation. tigt ist, die urteilsunfähige Person zu vertreten und den vorgesehenen medizinischen Mass- oder des Patienten erlöschen
nehmen darf. Äussern sie sich in in der Regel die Anweisungen
nahmen zuzustimmen oder diese abzulehnen.
ihrer Verfügung nicht dazu, an die Beauftragten. Ausnahmen
gilt in der Regel der postmortale von Barbara Züst, Co-Geschäftsführerin und fachliche Leiterin sind, wenn das Gegenteil
Persönlichkeitsschutz. Das heisst, Schweizerische Stiftung SPO Patientenschutz Der in der Verfügung geäusserte Wille ist verbindlich und muss von allen beachtet werden, vereinbart wurde oder wenn dies
dass die Daten der verstorbenen die der Patientin oder dem Patienten auf physischer, psychischer oder spiritueller Ebene aus der Natur des Geschäfts
Patient /innen über deren Bis anhin existierte schweizweit keine einheitliche gesetzliche Bestimmung zur Regelung beistehen. Die Wirksamkeit einer Patientenverfügung hängt direkt davon ab, wie detailliert hervorgeht (Art. 405 Abs. 1 nZGB).
Tod hinaus geschützt sind. Wollen von Patientenverfügungen. Auch das Bundesgericht hat sich damit bis jetzt noch nicht und situationsbezogen der schriftliche Wille festgehalten ist und wie gut sich dieser auf
in solch einem Fall Angehörige Autopsie (Obduktion)
speziell auseinandersetzen müssen. Einige Kantone haben in ihren Gesundheitsgesetzen medizinische Aufklärung abstützen lässt. Das heisst, es muss erkennbar sein, dass sich die
der verstorbenen Person die medi- Patient / innen, die ihren Körper
zinischen Umstände nach ei- Bestimmungen zu Patientenverfügungen erlassen. Person im Wissen um die medizinische Konsequenzen so entschieden hat. der medizinischen Forschung
nem Tod abklären lassen, müssen Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) hat in ihren Der Gesetzgeber hat bestimmt, dass die Verfügung der Schriftform bedarf. Das heisst, übergeben wollen, können
sich die damals behandelnden ursprünglichen Richtlinien zur Sterbehilfe zur Ermittlung des mutmasslichen Patienten- dass das schriftliche Dokument vom Verfassenden zwingend eigenhändig zu unterzeichnen dies mit einem entsprechenden
Ärzt / innen zuerst von der willens kurz Stellung genommen. Dabei sollten schriftliche Wünsche der Patientin oder des und zu datieren ist. Hinweis in der Patienten-
Gesundheitsdirektion von ihrer Patienten zwar berücksichtigen werden, der Ärztin oder dem Arzt stand jedoch die ab- verfügung tun. Bedenken sollten
Schweigepflicht entbinden lassen. sie dabei, dass sich eine Freigabe
schliessende Entscheidung zu. Im Hinblick auf das neue Erwachsenenschutzrecht hat die Neu kann, wer eine Patientenverfügung errichtet hat, diese Tatsache und den Hinter-
Die Entbindung von der des Körpers zur Autopsie
ärztlichen Schweigepflicht durch SAMW im Jahr 2009 spezifische Richtlinien zur Patientenverfügung erlassen. Diese Richt- legungsort auf der Krankenkasse-Versichertenkarte eintragen lassen. bzw. Forschung auf die Begräbnis-
die zuständigen Behörden linien sind jedoch rechtlich nicht direkt anwendbar. Für medizinische Fachpersonen (Ärzte, Die Ärzt / innen müssen bei der Patientin oder beim Patienten beim Eintreten der modalitäten auswirken kann.
funktioniert in der Praxis zwar Pflegefachpersonen etc.) sowie Patient / innen bestand bis anhin somit wegen der uneinheit- Urteilsunfähigkeit via Versichertenkarte abklären, ob eine Patientenverfügung vorliegt. Ist Legt die Patientin oder der Patient
meist gut, doch geht bei diesem lichen Rechtslage eine sehr unbefriedigende Situation. Insbesondere unklar war für alle dies der Fall, so sind die Anweisungen für die Ärztin oder den Arzt verbindlich. Vorbehal- Wert auf einen unversehrten
Vorgehen nicht selten wert- Beteiligten, wieweit ein zum Voraus geäusserter schriftlicher Wille als verbindlich zu gelten ten bleiben folgende Ausnahmen: Körper nach dem Tod, sollte sie
volle Zeit verloren. Es empfiehlt oder er dies entsprechend
habe. – Die Verfügung darf nicht gegen gesetzliche Vorschriften verstossen, das heisst,
sich daher, die Vertrauens- in der Verfügung festhalten.
personen mit einer entsprechen- in einer Verfügung kann die Patientin oder der Patient von den Behandelnden In speziellen Fällen (ausser-
den Vollmacht auszustatten Neues Recht ab Januar 2013 beispielsweise keine direkte aktive Sterbehilfe verlangen. gewöhnlicher Todesfall, Unfall,
oder in der Patientenverfügung Das im Zivilgesetzbuch (ZGB, Bundesprivatrecht) geregelte Vormundschaftsrecht, das vor – Zudem dürfen über den freien und mutmasslichen Willen der verfassenden Person Verbrechen etc.) kann eine
ausdrücklich die Einsicht in rund 100 Jahren in Kraft trat, ist veraltet und muss den heutigen gesellschaftlichen Verhält- keine Zweifel bestehen. pathologische Untersuchung
die Krankenakte nach dem Tod nissen und Anschauungen angepasst werden. Das revidierte Vormundschaftsrecht heisst nach dem Tod jedoch auch auf
zu erlauben. gerichtliche Anordnung hin
neu Erwachsenenschutzrecht und trägt vor allem der Bedeutung des Selbstbestimmungs- Neu trifft die Ärztin oder den Arzt eine Rechenschaftspflicht, wenn dem Patientenwillen
und unabhängig von der Willens-
rechts, aber auch der Hilfe zur Selbsthilfe Rechnung. gemäss Verfügung nicht nachgekommen wird. Dann muss nämlich im Patientendossier äusserung der Patientin oder
Bereits im Dezember 2008 hat das eidgenössische Parlament dem neuen Erwachsenen- festgehalten werden, aus welchen Gründen nicht der Verfügung entsprochen wurde. des Patienten erfolgen.
schutzrecht im Zivilgesetzbuch zugestimmt. Damit das neue Recht in den Kantonen auch
umgesetzt werden kann, war Zeit zur Vorbereitung nötig. Endlich ist es soweit, die Inkraft- Einen individuellen Vorsorgeauftrag erstellen Transplantation
setzung der neuen Bestimmungen erfolgt auf den 1. Januar 2013. Ist die Patientin oder der Patient noch urteilsfähig, kann sie oder er umfassend vorsorgen, In der Patientenverfügung
können sich Patient / innen dazu
indem eine natürliche oder juristische Person (z. B. ein Treuhand- oder Anwaltsbüro) be-
äussern, ob sie bereit sind,
Das neue Erwachsenenschutzrecht auftragt wird, die sich um die Patientin oder den Patienten und ihr bzw. sein Vermögen Organe zu spenden, und wenn ja,
Sechs Kernbereiche zeichnen das neue Erwachsenenschutzrecht aus: sorgt und sie oder ihn rechtsgültig vertritt. Nötig ist hierbei, dass die Patientin oder der mit welchen allfälligen Ein-
1. Die Selbstbestimmung ist durch den Vorsorgeauftrag und mit der Patientenverfügung Patient eine natürliche oder juristische Person mit der Vertretung beauftragt bzw. diese schränkungen. Laut Transplan-
zu fördern. hierzu bevollmächtigt. tationsgesetz von 2007 werden
2. Eingeführt wird ein gesetzliches Vertretungsrecht bei medizinischen Massnahmen. zur Organentnahme die nächsten
Angehörigen befragt, falls
Dieses ist vor allem wichtig, wenn eine urteilsunfähige Patientin oder ein urteils- Patient / innen müssen dazu die Aufgaben, die sie übertragen wollen, umschreiben. Zudem
hierzu keine Erklärung von der
unfähiger Patient keine Patientenverfügung ausgefüllt hat. In dieser Situation bestimmt können sie zur Erfüllung von Aufgaben Weisungen erteilen. Dabei geht es um Alltagsrou- oder dem Verstorbenen bekannt
das Gesetz, wer die urteilsunfähige Person vertreten darf. tine wie Rechnungen bezahlen, das Haus in Ordnung halten, Tiere betreuen, Forderungen ist. Angehörige können dann
3. Vorgesehen ist ein verbesserter Schutz von Bewohnern in Wohn- von Versicherungen beantworten oder eintreiben, aber auch eine umfassende Vertretung in einer Organentnahme rechtsgültig
und Pflegeeinrichtungen. allen rechtlichen Angelegenheiten etc. ist möglich. zustimmen. Bekannt ist aller-
4. Die behördlichen Massnahmen im Erwachsenenschutz sollen nach Mass erfolgen. dings, dass sich nahestehende Per-
sonen mit dem Entscheid zur
5. Verbesserter Rechtsschutz im Bereich der fürsorgerischen Unterbringung. Patient / innen können den Vorsorgeauftrag auf ihre individuellen Bedürfnisse zuschneiden.
Organentnahme sehr schwer tun.
6. Aufbau einer professionalisierten Behördenorganisation. Und zwar, indem sie eine Person zur umfassenden Vertretung für alle finanziellen und Eine grosse Hilfe ist es, wenn
persönlichen Angelegenheiten beauftragen. Oder etwa, indem sie eine Person nur zur Ver- sich die Patient / innen vorher klar
tretung bei finanziellen Angelegenheiten beauftragen. dazu geäussert haben.
12 13Der Vorsorgeauftrag samt Vollmacht unterliegt strengen Formvorschriften (Art. 361 nZGB): Als Kriterium wird immer an die gelebte Beziehung angeknüpft. Es ist somit nicht mehr in Neue ZGB-Bestimmungen:
Er ist eigenhändig zu errichten, d. h. von Anfang bis zum Schluss von Hand zu schreiben, zu erster Linie eine nahe rechtliche oder verwandtschaftliche Beziehung nötig, sondern die tat- Spezialfragen
datieren und zu unterzeichnen oder öffentlich zu beurkunden. sächlich gelebte Beziehung.
Sind mehrere Personen derselben Stufe berechtigt, darf die Ärztin oder der Arzt voraus-
Patientenverfügung und
Die auftraggebende Person kann ihren Vorsorgeauftrag jederzeit in einer Form widerrufen, setzen, dass jede im Einverständnis mit den anderen handelt. Wenn sich die Vertretungs- Versichertenkarte
die für die Errichtung vorgeschrieben ist. Ein Widerruf ist auch durch Vernichten der berechtigten nicht einigen können, wenn z. B. mehrere Kinder in Bezug auf ihre urteils-
Urkunde möglich. unfähige Mutter widersprechende Wertvorstellungen haben und keine gemeinsame Auf- Die mit einem Mikroprozessor
Die vorsorgebeauftragte Person haftet nach den Bestimmungen des Obligationenrechts fassung zustande kommt, muss die Erwachsenenschutzbehörde informiert werden. In ausgestattete neue Karte der
über den Auftrag. Die Verantwortung, die eine bevollmächtigte Person für die Patientin dringlichen Fällen ergreift die Ärztin oder der Arzt medizinische Massnahmen nach dem Krankenversicherer im Kredit-
kartenformat kann neben
oder den Patienten übernimmt, ist gross. Es ist möglich, dass die bevollmächtigte Ver- mutmasslichem Willen und den Interessen der urteilsunfähigen Person.
administrativen Angaben auch
tretung schwerwiegende Entscheidungen fällen muss. Ein Vorsorgeauftrag sollte deshalb medizinische Daten speichern.
«Patientenverfügungen geben nur mit vorgängiger persönlicher Beratung und Unterstützung durch spezialisierte Stellen Wenn keine vertretungsberechtigte Person vorhanden ist oder das Vertretungsrecht aus- Dazu müssen Patient / innen
nicht nur den PatientInnen verfasst werden. üben will, so errichtet die Erwachsenenschutzbehörde eine Vertretungsbeistandschaft. Die ihre Versichertenkarte dem medi-
die Sicherheit, das Gewünschte Behörde handelt auf Antrag des Arztes oder einer anderen nahestehenden Person oder von zinischen Leistungserbringer
zu erhalten, sondern auch Amtes wegen. vorlegen. Leistungserbringende
im Sinne der Verordnung
den ÄrztInnen, Pflegenden
über die Versichertenkarte für
«Neu enthält das Bundesrecht
und übrigen Gesundheits- die obligatorische Kranken-
fachleuten die Gewissheit, das pflegeversicherung sind Ärzt / in-
eine ausdrückliche Bestimmung
Richtige zu tun. Für die nen, Apotheker / innen, Zahn-
Schweizerische Akademie der ärzt /innen, Chiropraktor / innen,
Hebammen, Physio- und
über die Gültigkeit und Tragweite Einladung zum Anlass
Medizinischen Wissen-
Ergotherapeut/innen, Pflegefach-
schaften ist dies ein doppelter
Patientenverfügung und Versichertenkarte personal, Logopäd / innen
von Patientenverfügungen.»
Grund, sich seit Jahren und Ernährungsberater / innen.
zusammen mit der Schweize- Neben medizinischen Daten
rischen Stiftung SPO Patien- (Blutgruppe, Allergien, Krank-
tenschutz und weiteren heiten, Medikamente etc.) können
Partnern für die Verwendung Versicherte die Tatsache, dass
sie eine Patientenverfügung
und Beachtung von Patienten-
verfasst haben auf der Versicher-
verfügungen einzusetzen.» Gesetzliches Vertretungsrecht bei medizinischen Massnahmen tenkarte registrieren lassen –
Dr. Hermann Amstad, Neu muss die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt bei der Planung der Behand- und ebenso deren Hinterlegungs-
Generalsekretär Schweizerische
Akademie der Medizinischen
lung bei urteilsunfähigen Patient / innen die zur Vertretung berechtigten Personen beiziehen ort. Ebenfalls ist es möglich,
Wissenschaften (SAMW) und diese über alle Umstände informieren. In erster Linie entscheidet diejenige Person, die medizinische oder persönliche
die der Patient oder die Patientin damit in der Patientenverfügung oder im Vorsorgeauftrag Kontaktadresse für den Notfall
auf der Versichertenkarte
beauftragt hat. Die Vertrauensperson, die eine urteilsunfähige Patientin oder einen urteilsun- Wann: Wo:
einzutragen. Ein Zugriff auf diese
fähigen Patienten vertritt, muss ihre Entscheide im Hinblick auf deren Wohl und Fürsorge Dienstag, 30. Oktober 2012, 13.30 – 16.00 Uhr Saal der evang.-ref. Landeskirche Kt. Zürich,
freiwilligen Daten ist nur den
fällen. Zur Orientierung dient der mutmassliche Wille, der einer ausformulierten Patienten- Hirschengraben 50, Zürich
oben erwähnten medizinischen
verfügung zu entnehmen ist. Leistungserbringern möglich.
Was:
Die Einwilligung der Vertretungsperson in eine Behandlungsmassnahme muss nicht Wichtig: Der Krankenversicherer
1. Die Patientenverfügung 3. Demonstration
in jedem Fall ausgesprochen werden. Denn die Einwilligung kann auch durch eine still- kann auf diese Daten nicht
– Was gilt bei Patientenverfügungen – Wie kann ich meine Daten zur Patienten-
zugreifen.
schweigende Willensäusserung erfolgen. Um Missverständnissen vorzubeugen, empfiehlt grundsätzlich? verfügung auf der Versichertenkarte
Nur Leistungserbringer, die
es sich daher, klar zu kommunizieren, wenn eine medizinische Massnahme abgelehnt wird. – Was ist das neue Erwachsenenschutzrecht speichern lassen?
mit dem entsprechenden Lesegerät
Hat die Patientin oder der Patient seiner Vertrauensperson in der Patientenverfügung ab Januar 2013?
ausgestattet sind, können
– Wie wird künftig die Patientenverfügung Bei einem Apéro können sich die Teil-
keine Weisungen erteilt, so entscheidet bei medizinischen Massnahmen die Vertrauens- die Daten elektronisch abfragen,
rechtlich geregelt? nehmenden austauschen und auf
person nach dem mutmasslichen Willen, welcher anhand von früheren Äusserungen oder wobei die Patientin oder der
– Was ist ein gesetzliches Vertretungsrecht Wunsch Inhalte auf der Versichertenkarte
der Art der Lebensführung der Patientin oder des Patienten zu bestimmen ist. Patient dazu stets zustimmen muss.
in medizinischen Massnahmen? hinterlegen lassen.
Da das dafür nötige Lesegerät
Hat die Patientin oder der Patient vor Eintritt der Urteilsunfähigkeit keine Person zur
nicht in jedem Fall zum erforder-
Vertretung bestimmt und nicht über einen Beistand mit entsprechender Vertretungsbefug- 2. Die Versichertenkarte Die Platzzahl ist begrenzt.
lichen Zeitpunkt vorhanden
nis verfügt, wird er bei medizinischen Massnahmen von Personen in folgender Reihenfolge – Was hat die Versichertenkarte mit der Bitte melden Sie sich an:
ist, empfiehlt sich sehr, die Angaben
Patientenverfügung zu tun? Tel. 044 252 54 22
vertreten: über die Patientenverfügung
– Wie funktioniert die Versichertenkarte? E-Mail: zh@spo.ch
1. Ehegatte oder eingetragene / r Partner / in; nach wie vor zusätzlich in Papier-
– Welche Daten zur Patientenverfügung sind SPO Patientenschutz
2. die Person im gemeinsamen Haushalt, die regelmässig und persönlich; form (in Kreditkartenformat)
auf der Karte speicherbar? Häringstrasse 20
im Portemonnaie auf sich
Beistand leistet (Lebenspartner / in, Mitbewohner / in); – Welche weiteren freiwilligen Daten sind 8001 Zürich
zu tragen. Nur dann ist garantiert,
3. Kinder, wenn diese regelmässig und persönlichen Beistand leisten; für den medizinischen Notfall speicherbar?
dass die Beteiligten im Notfall
4. Eltern, wenn diese regelmässig und persönlichen Beistand leisten; Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme!
auf diese wichtigen Daten
5. Geschwister, wenn diese regelmässig und persönlichen Beistand leisten. zugreifen können.
14 15« Mit dem Papier allein «Eine Patientenverfügung
ist es nicht getan » ist für mich eine Art
Lebens- und Altersvorsorge.»
Beim Verfassen einer Patientenverfügung ist es wichtig, den eigenen Willen kon-
kret schriftlich festzuhalten und die wichtigen Vertrauenspersonen gut darüber zu
informieren. Auch der Einbezug des vertrauten Hausarztes ist dabei hilfreich.
Interview: Katrin Bachofen
«Als ich mich nach einer
Herz-Operation mit der
Komplikation ‹Hirnschlag› in
Herr Schläpfer, wie stehen Sie persönlich zu einer Patientenverfügung (PV)? Sollte man eine PV regelmässig aktualisieren?
der Intensivstation wieder-
Hansueli Schläpfer: Ich finde eine gute PV etwas sehr Wertvolles. Das ist sicher von Vorteil, geht aber gerne vergessen. Es ist dann einfach fand, war einer meiner ersten
Sie ist zwar auch ein juristisches Dokument, aber vor allem das Resultat ein Papier in der Krankengeschichte. Wenn aber die Aussagen von Gedanken: «Zum Glück
Dr. med. Hansueli Schläpfer, einer persönlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit, Angehörigen bestätigt werden, spielt es auch keine Rolle, wenn eine PV habe ich einen rudimentären
VRP Ärztenetz säntiMed AG mit sich selbst und mit den Angehörigen. Dies ist ein Thema, das uns allen schon etwas älter ist. Problematisch ist eher, wenn die Aussagen zu allgemein letzten Willen aufgesetzt.»
Angst macht. Wer den Mut hat, es trotzdem ins Auge zu fassen, mit formuliert sind. Der Ermessensspielraum ist dann sehr gross. Mit meinem Partner waren
den Nächsten darüber zu sprechen und die Verfügung reifen zu lassen, wird Dinge wie ‹lebensverlän-
sehr viel gewinnen: Die Angst wird kleiner, die Zuversicht grösser, gernde Massnahmen – was
Welches sind die häufigsten Probleme, die sich im Ernstfall stellen?
dass ein gutes Ende möglich ist und das Leben gewinnt eine neue Qualität. heisst das für mich?› be-
Wenn dies gelingt und insbesondere die Angehörigen einbezogen sind Juristische Probleme habe ich noch nie erlebt. Das klappt bei uns in der sprochen und ich vertraute
und sich ihrem Loslassen auch stellen, kommt es fast immer richtig heraus, Schweiz in der Regel gut. Am häufigsten sind die fehlende PV und darauf, dass er meine
weil alle spüren: Da steht ein klarer und gemeinsamer Wille dahinter. Probleme mit Angehörigen, besonders wenn sie ganz unterschiedliche Wünsche respektierte. Erst im
Es kann so viel menschliches Leid vermieden werden. Meinungen haben. Der Konsens unter den massgebenden Bezugspersonen Nachhinein wurde mir
ist sehr wichtig. Wenn es ihn gibt, lässt er sich im konkreten Fall auch bewusst, welche Verantwor-
gut durchsetzen. Dann kann auch die Verantwortung für Entscheidungen tung ich ihm damit auf-
Was muss ich als Patient beim Ausfüllen einer PV bedenken?
an der Grenze von Leben und Tod gemeinsam getragen werden. gebürdet hatte. Deshalb heisst
Viele Patienten neigen dazu, nur allgemeine Empfehlungen abzugeben. für mich Selbstbestimmung,
Sie können so den konkreten Detailfragen ausweichen. Sie fürchten sich dass ich in guten Zeiten –
Was empfehlen Sie also dem Einzelnen?
vor einem hilflos ausgelieferten Dasein in einem Heim oder vor schlimmen gemeinsam mit der Familie
Krebsschmerzen, die man nicht behandeln kann und wollen einfach Es ist wichtig, den eigenen Willen konkret schriftlich festzuhalten und die und/oder in der Partnerschaft
«Zum lebenswerten Leben eine Notbremse einbauen, ohne viel über das Ende nachdenken zu müssen. wichtigen Vertrauenspersonen gut darüber zu informieren. Sie können – eine Patientenverfügung
gehört ein würdiges Sterben, Das ist besser als nichts, genügt aber als Entscheidungshilfe in einer dann im Sinne des Patienten handeln, wenn er nicht mehr selbst entscheiden ausfülle und hinterlegen lasse.»
dazu zählt meines Erachtens schwierigen Situation oft nicht. Die PV ist etwas sehr Wichtiges, aber mit kann. Probleme tauchen später ja vor allem auf, wenn die Situation im Cristina Galfetti,
Patientin und Patienten-Coach
auch der bewusste Ver- dem Papier allein ist es nicht getan. Umfeld nicht klar ist. Der Einbezug des vertrauten Hausarztes ist hier oft cg empowerment,
zicht auf medizinische Hilfe. hilfreich. Meisterschwanden
Ich werde deshalb die
Was empfehlen Sie?
Gelegenheit nutzen und die
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Patientenverfügung der Ich befürworte, dass die Betroffenen versuchen, sich in die Situationen
Schweizerischen Stiftung SPO hineinzuversetzen, die auf sie zukommen könnten. Sie müssen im Voraus Eine PV ist für mich eine Art Lebens- und Altersvorsorge. Sie sollte
Patientenschutz ausfüllen.» entscheiden, was dann geschehen soll. Das ist für viele sehr schwierig, etwas Selbstverständliches werden, denn niemand weiss, wann ihn ein
Dr. pharm. Lorenz Schmid, denn die PV spricht ein Thema an, mit dem wir nicht gelernt haben Schicksalsschlag trifft. Man kann sich nie zu früh mit der Endlichkeit
Präsident des Kantonalen
Apothekerverbands
umzugehen. Ein einfühlsames Gespräch mit einer erfahrenen Person kann des Lebens befassen – warum nicht schon in der Schule? Mit der Zeit könnte
und Kantonsrat Kt. Zürich hier hilfreich sein. eine Kultur entstehen, um das Ende des Lebens ohne unnötiges Leid
würdevoll zu gestalten.
Was ist aus Ihrer Sicht als Arzt problematisch?
Für einen Arzt ist es manchmal heikel, eine PV zu thematisieren.
Denn wenn ich als Patient von einem Arzt auf eine PV angesprochen werde
so frage ich mich: Was beutet das? Denkt er, mein Ende sei nahe oder hat
er mich schon abgeschrieben?
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