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SEPTEMBER 2020
©Evangeline Shaw on Unsplash
STUDIE
DIE TALKSHOW-
GESELLSCHAFT
Repräsentation und Pluralismus in
öffentlich-rechtlichen Polit-Talkshows
Paulina Fröhlich
Programmleitung „Zukunft der Demokratie“, Das Progressive Zentrum
Johannes Hillje
Policy Fellow, Das Progressive Zentrum
Wir denken weiter.STUDIE „DIE TALKSHOW-GESELLSCHAFT“
Inhalt
DIE STUDIE AUF EINEN BLICK 3
I. EINLEITUNG 4
II. STUDIENDESIGN 9
III. ERGEBNISSE 10
IV. HANDLUNGSPOTENZIALE 19
1. Vertrauen schaffen 19
2. Konstruktiver werden 20
3. Mehr politische Ebenen einbeziehen 21
DIE AUTORINNEN / DANKSAGUNG 22
DAS PROGRESSIVE ZENTRUM / IMPRESSUM 23
www.progressives-zentrum.org 2STUDIE „DIE TALKSHOW-GESELLSCHAFT“
Die Studie auf einen Blick
Politische Talkshows erreichen Woche für Woche die als Diagnose zeitgenössischer Demokratieherausfor-
ein Millionenpublikum. Während der „ersten Welle“ derungen überzeugender erscheint als eine systemische
der Corona-Pandemie nahm die Reichweite mancher „Krise der Demokratie“. Die Studie untersucht, wie es
Gesprächsformate von ARD und ZDF um weitere 30 Pro- um die Repräsentation gesellschaftlicher Bereiche und
zent zu. Gleichzeitig stehen diese Sendungen für die Art politischer Ebenen in öffentlich-rechtlichen Talkshows
von medialem Diskurs, durch die sich eine gesellschaft- bestellt ist. Pointiert lautet die Forschungsfrage: Wer
liche Minderheit nicht (mehr) repräsentiert fühlt und spricht für wen? Untersucht wurden die Gästelisten und
seinen VertreterInnen mitunter zunehmend aggressiv Themen von 1.208 Sendungen über einen Zeitraum von
gegenübertritt, zuletzt zu beobachten auf den Demonstra- drei Jahren (März 2017 - März 2020), plus der Sendungen
tionen gegen die Corona-Politik. aus der Hochphase der Corona-Pandemie (04. März -
24. April). Der Fokus der Analyse liegt auf den „Big 4“
Diese Entfremdung von Medien ist eine Distanzierung von der Talkshow-Landschaft (Anne Will, hart aber fair,
einer zentralen Vermittlungsinstanz unserer pluralisti- Maischberger und Maybrit Illner), für punktuelle Vergleiche
schen Gesellschaft. In dieser Studie wird dieses Phänomen wurden außerdem Markus Lanz und die Phoenix Runde
als Symptom einer „Krise der Repräsentation“ verstanden, ausgewertet.
Die wichtigsten Ergebnisse
Die Datenanalyse der Gästebesetzung der Talkshows offenbart Unterschiede in der Repräsentation verschiedener
gesellschaftlicher Kräfte und politischer Ebenen. Die zentralen Ergebnisse für die „Big 4“ der Talkshows lauten:
● Zwei Drittel aller Gäste kommen aus Politik und Medien; 8,8 Prozent aus der Wissenschaft; 6,4 Prozent aus
der Wirtschaft; 2,7 Prozent aus der organisierten Zivilgesellschaft
● 70 Prozent der talkenden PolitikerInnen sind von der Bundesebene; 7,3 Prozent von der europäischen und
2,4 Prozent von der kommunalen Ebene
● 84,8 Prozent der PolitikerInnen haben eine westdeutsche, 15,2 Prozent eine ostdeutsche politische Biografie
● Acht von zehn Gäste aus der Wirtschaft repräsentieren die Unternehmerseite, Gewerkschaften und
Verbraucherschutz sind selten präsent
● Zwei Drittel der Gäste aus der organisierten Zivilgesellschaft sind AktivistInnen (Hauptthema: Klima),
Nichtregierungsorganisationen kommen kaum zu Wort
● Zu Corona stieg der Anteil der Gäste aus der Wissenschaft auf 26,5 Prozent, aus dem Sozialbereich und der
Bildung kamen zu Beginn der Krise nur jeweils 0,7 Prozent der Gäste
Fazit
Talkshows können freilich nicht die ganze Bandbreite nur unzureichend abgebildet, worunter insbesondere die
relevanter Stimmen zu einem Thema zu Wort kommen Wertschätzung der kommunalen und europäischen Ebene
lassen. Überraschend ist allerdings: Besonders niedrig ist leiden könnte. Basierend auf den Ergebnissen identifiziert
die Talkshow-Präsenz von Organisationen, die besonders die Studie Handlungspotenziale um Vertrauen zu stärken,
hohes Vertrauen in der Gesellschaft genießen (z.B. Ver- lösungsorientierter zu debattieren und den politischen
braucherschutz, NGOs, Gewerkschaften). Gleichzeitig Blickwinkel zu weiten.
wird die Realität des politischen Mehrebenensystems
www.progressives-zentrum.org 3STUDIE „DIE TALKSHOW-GESELLSCHAFT“
Beispiel: Am 27. April 2020 lautete eine Schlagzeile im
Tagesspiegel: „Nach dieser Sendung wird Laschet niemals
I. Einleitung Kanzler“. Gut möglich, dass ein missglückter Talkshow-
WARUM NOCH EINE TALKSHOW-STUDIE? Auftritt die Karrierechance eines Politikers nicht erhöht.
Dass allerdings ein einziger Auftritt, zumal viele Monate
Ob als „Ersatzparlament“ verklärt oder als „Quassel- vor der parteiinternen Kandidatenkür, über die Kanzler-
runde“ polemisiert: Politische Talkshows sind nicht nur schaft entscheiden soll, erscheint wenig plausibel.
ein populäres Fernsehformat, sondern auch beliebter
Untersuchungsgegenstand wissenschaftlicher Studien, RELEVANZ VON TALKSHOWS
journalistischer Analysen oder privater Gespräche. Der
„Talk über den Talk“ wird mittlerweile fast leidenschaft- Möchte man sich anhand objektivierbarer Kriterien der
licher geführt als manch eine Sendung selbst. Themen- Relevanz von Polit-Talkshows nähern, hilft ein Blick auf die
setzung, Gästeauswahl, Sendungstitel, Diskursführung Zuschauerzahlen. Unter den vier großen, rein politischen
– nahezu jeder Aspekt gerät regelmäßig auf den Prüf- Talkshows (Anne Will, hart aber fair, Maischberger2 und
stand. Nicht immer mit überzeugenden Argumenten, Maybrit Illner, unten als „Big 4“ etikettiert) erreichte Anne
häufig auch mit persönlichen Empfindlichkeiten. Will 2019 mit durchschnittlich 3,3 Millionen ZuschauerIn-
nen das größte Publikum. Dahinter liegen hart aber fair
Grundsätzlich verwundert dieses Interesse aber nicht, mit durchschnittlich 2,5 und Maybrit Illner mit 2,4 Millio-
vergegenwärtigt man sich die Omnipräsenz der Talk- nen ZuschauerInnen. Maischberger erreichte, mutmaßlich
Formate im Abendprogramm der öffentlich-rechtlichen dem späten Sendeplatz geschuldet, mit 1,2 Millionen die
Sender: Im Jahre 2020 gibt es nur noch zwei Abende in der wenigsten Menschen. Im Vergleich zu 2018, ging bei allen
Woche, an denen bei ARD oder ZDF keine Gesprächsrunde Sendungen der Publikumsdurchschnitt zurück. Den Talk-
ausgestrahlt wird, die zumindest teilweise als politische shows macht schon seit Längerem ein Negativtrend zu
Talkshow gelten kann. Die Gesprächsanordnung des schaffen: 2016 sahen Anne Will noch durchschnittlich über
heutigen Talk-Standards (ein Thema, vier bis sechs Gäste, 4 Millionen Menschen pro Sonntagabend. Ihr Vorgänger
möglichst viel Dissens) wurde in den späten 1990er Jahren Günther Jauch kam in seinen erfolgreichsten Jahren gar
von Sabine Christiansen und ihrer Produktionsfirma TV21 auf fast fünf Millionen. Gestiegen ist hingegen in der
etabliert. Seitdem ist eine regelrechte „Talkshowisierung“ Tendenz das Publikumsinteresse an Markus Lanz. 2018
des politischen Diskurses zu beobachten.1 erreichte die Sendung mit durchschnittlich 1,61 Millionen
ZuschauerInnen den höchsten Wert ihrer Geschichte. 2019
Wie groß der Einfluss der Talkshows auf die Meinungs- ging dieser allerdings auf 1,4 Millionen zurück.3
bildung in der Republik tatsächlich ist, lässt sich schwer
messen. Einfacher ist hingegen festzustellen, dass der Zur Corona-Pandemie verzeichneten alle Sendungen
Einfluss einer Sendung nicht damit endet, dass die Mode- mitunter deutlich höhere Einschaltzahlen. Das gestiegene
ration das Publikum in die Nacht verabschiedet. Prompt Informationsbedürfnis während der Pandemie führte
folgt die „Spielanalyse“. Einerseits in den sozialen Medien, nicht nur bei Nachrichtensendungen, sondern auch bei
wo umgehend Redeschnipsel herumgereicht und kom- Polit-Talkshows zu einer überdurchschnittlich hohen
mentiert und folglich noch mehr Menschen mit Inhalten Nachfrage. Prozentual legten hart aber fair, Maischberger
der Sendung versorgt werden. Anderseits in journalis- und Markus Lanz am stärksten bei ihrer Reichweite zu
tischen Medien, bei denen die „Talkshow-Kritik“ zum – um jeweils fast 30 Prozent im Vergleich zu den präpan-
festen Bestandteil der Berichterstattung geworden ist. demischen Wochen des gleichen Jahres.4
Nicht selten wird dabei die Wirkung einer singulären
Sendung maßlos überhöht.
1. Dieser Trend kann als eine Ausformung der in den letzten zwanzig Jahren
2. Seit Juni 2019 “maischberger.die woche.”, im Folgenden “Maischberger”
stark beschleunigten „Mediatisierung“ der Politik gesehen werden.
genannt.
Unter Mediatisierung versteht man in der Politik- und Kommunikati-
onswissenschaft in diesem Zusammenhang den Bedeutungsgewinn 3. Die Zuschauerzahlen stammen vom Mediendienst DWDL.
der Medien im demokratischen Beziehungsdreieck von Politik, Medien 4. Die Werte stammen aus der Corona-Quotenbilanz von DWDL;
und Öffentlichkeit. Als Literatur empfiehlt sich hierzu: Birkner, Thomas https://w w w.dwdl.de/magazin/77648/coronaquotenbilanz_
(2019): Medialisierung und Mediatisierung, Nomos Verlag, Baden-Baden. die_grossen_gewinner_und_verlierer/.
www.progressives-zentrum.org 4STUDIE „DIE TALKSHOW-GESELLSCHAFT“
EINFLUSS AUF POLITISCHE THEMEN- Zusammengefasst: Talkshows beeinflussen potenziell ob,
UND PERSONENWAHRNEHMUNG wie und anhand welcher Personen wir über ein Thema
nachdenken.
Gemessen am Publikumsinteresse lässt sich somit über
die Relevanz der TV-Debatten feststellen: Die Sendungen WAS WIR SCHON ÜBER TALKSHOWS WISSEN
erreichen ein Millionenpublikum, wenn auch größtenteils
mit rückläufiger Tendenz und einem strukturellen Prob- Neben einer Flut an feuilletonistischen Abhandlungen
lem der Sender bei der jungen Zielgruppe. Bei wichtigen über Talkshows, gibt es mittlerweile auch eine beträcht-
politischen Ereignissen wie einer Bundestagswahl oder liche Menge empirischer Daten. Bisherige Erhebungen
einer akuten Krise schalten jedoch sogar noch mehr lassen sich grob in drei Kategorien einteilen: Der erste
BürgerInnen ein. Bereich von Analysen beschäftigt sich mit den Talkshow-
Gästen und liefert Daten über die soziodemographischen
Die Talkshows gehören offensichtlich zu einem Reper- oder politischen Merkmale der Diskutierenden. Die zweite
toire von Medienangeboten, auf die Menschen bei einem Kategorie von Studien widmet sich den Themen der Sen-
gesteigerten Informationsbedürfnis zurückgreifen. Ob dungen und macht in erster Linie Aussagen über deren
aus Begeisterung oder Alternativlosigkeit lässt sich mit Verteilung. Eine dritte, etwas vielschichtigere Katego-
diesen Daten zwar nicht sagen. Klar ist aber: Die Talk- rie untersucht die Talkshows auf qualitative Weise und
shows tragen zur Meinungsbildung und Wahrnehmung nimmt etwa Inszenierungsstrategien oder den Diskurs
politischer Themen bei; und dies potenziell auf mehreren (allgemein oder zu einem bestimmten Thema) in den
Ebenen5: Blick. Im Folgenden wird ein kurzer Überblick über zen-
trale Erkenntnisse solcher Analysen gegeben:
Erstens, die Sendungen weisen mit ihrer Themenaus-
wahl einem politischen Thema eine besondere Wichtig- TALKSHOW-GÄSTE
keit zu, küren gewissermaßen „das Thema der Woche“,
während andere Themen in Relation dazu an Bedeu- Der Journalist Fabian Goldmann hat die Gäste von Anne
tung einbüßen. Mit der Sendung an sich, aber auch ihrer Will, hart aber fair, Maischberger und Maybrit Illner aus
medialen Nachbetrachtung, wird also Einfluss auf die dem Jahr 2019 entlang einer Reihe soziodemographi-
Zusammensetzung und Reihenfolge von Themen auf scher Merkmale untersucht.6 Er kommt zu dem Schluss,
der öffentlichen Agenda genommen (Agenda Setting). dass die Gästelisten die Diversität der Gesellschaft nur
unzureichend abbilden. Im Gegensatz zur Gesamtge-
Zweitens, die Sendungen treffen mit ihrer Gästeaus- sellschaft sind seinen Zahlen zufolge Frauen (38,2 Pro-
wahl eine Entscheidung darüber, wer für das jeweilige zent der Talkshow-Gäste), MigrantInnen (5,4 Prozent),
Thema wichtig ist. Präsenz bedeutet Relevanz. Neben Ostdeutsche (11,8 Prozent) und „People of Color“ (6,6
den Themen wird somit auch Personen eine besondere Prozent) in der Talkshow-Gesellschaft mitunter deutlich
Stellung für ein bestimmtes Thema zugewiesen, sie reprä- unterrepräsentiert.
sentieren im Moment der Talkshow den Diskurs zu einem
bestimmten Streitgegenstand (Personalisierung). Der SPIEGEL untersuchte während der Hochphase der
Corona-Pandemie die Besetzung der Talkshows nach per-
Drittens haben die Art und Weise wie das Thema sonenbezogenen Merkmalen.7 Junge Menschen, Frauen,
zugeschnitten wird, welche Aspekte diskutiert werden, Migranten, Ostdeutsche und Menschen mit niedrigem
welche Schwerpunkte durch Einspieler gesetzt werden, sozialem Status waren dieser Datenanalyse zufolge in
potenziell einen Einfluss darauf, wie das Publikum das den Corona-Talkshows unterrepräsentiert. Die Auswer-
Thema wahrnimmt (Framing). tung zeigt außerdem, dass Frauen allein in der Rolle der
6. „Wie divers sind deutsche Talkshows?“, abgerufen am 22. Juli 2020:
http://bliq-journal.de/analyse/wie-divers-sind-deutsche-talkshows.
5. Für eine ausführliche kommunikationswissenschaftliche Einord- html.
nung der hier erwähnten Medieneffekte, empfiehlt sich als Literatur: 7. „Anne trifft Armin und Karl“, abgerufen am 22. Juli 2020: https://www.
Bonfadelli, Heinz/Friemel, Thomas (2017): Medienwirkungsforschung, spiegel.de/kultur/corona-talkshows-viele-aeltere-maenner-kaum-junge-
UVK, Konstanz. menschen-a-2640650f-f9e3-446e-9a3d-d74933efd7df.
www.progressives-zentrum.org 5STUDIE „DIE TALKSHOW-GESELLSCHAFT“
„Betroffenen“ den Männern zahlenmäßig überlegen sind. DISKURS
Bei den Gästen aus Politik, Wissenschaft oder Journalismus
dominieren jeweils männliche Teilnehmer. Immerhin war Qualitative Studien, die Stil und Form der Debatten in den
die am häufigsten talkende Person mit biomedizinischem Talkshows untersuchen, sind aufwendiger und deswegen
Fachwissen eine Frau: die Virologin Melanie Brinkmann. auch weniger verbreitet. Der Medienwissenschaftler Bernd
Gäbler untersuchte bereits 2011 die Inszenierungsstrategien
Ein bekanntes Ritual der jährlichen Talkshow-Analyse von Talkshows und führte dazu qualitative Interviews mit
ist die Auszählung der Auftritte einzelner PolitikerInnen Sendungsmachern (prägender Satz: „Sie sollen aufeinan-
sowie ihrer Parteizugehörigkeit. Das „Redaktionsnetzwerk der losgehen“).12 Ein anderes Beispiel ist die Promotion
Deutschland“ (RND) ernannte Annalena Baerbock (Bündnis von Simon Goebel über die Wirklichkeitskonstruktion der
90/Die Grünen) zur „Talkshow-Königin 2019“.8 Die Aus- Talkshows im Themenbereich Migration und Flucht. Mittels
wertungen des Branchendienstes Meedia zeigen, dass in Diskursanalyse zeigt Goebel, dass Geflüchtete vornehm-
den Jahren 2018 und 2019 die CDU am meisten Auftritte lich als Gefahr oder ökonomischer Nutzen geframed und
hatte (116 [2018] + 91 [2019]), gefolgt von der SPD (73 + 65), Differenzen zu den sogenannten „Einheimischen“ in den
den Grünen (49 + 39), der FDP (28 + 26), der Linken (23 + 21) Sendungen häufig reproduziert werden.13
und der AfD (13 + 13).9 Auch die Gäste aus dem Journalismus
wurden in dieser Analyse ausgewertet. 2019 löste Markus WAS WIR ÜBER TALKSHOWS WISSEN WOLLEN
Feldenkirchen vom SPIEGEL den WELT-Journalisten Robin
Alexander vom „Talkshow-Thron“ ab. Die vorliegende Studie versucht nicht zu reproduzieren,
was andere Analysen zu den Talkshows bereits zutage
THEMEN gefördert haben. Wie oben dargelegt, beschäftigt
sich eine Reihe von Abhandlungen mit der Frage: „Wer
Die Themen der Talkshows werden ebenfalls jährlich ausge- spricht?“. Insbesondere die Empirie zur Unterrepräsenta-
zählt.10 Als Trend hat sich dabei über die Jahre gezeigt, dass tion von Personengruppen, die gesellschaftlich ohnehin
es regelmäßig Phasen mit monotonen Themenkonjunk- strukturell benachteiligt werden (z.B. Frauen oder „People
turen gibt. Insbesondere wenn ein Thema in der Öffent- of Color“), macht auf wichtige Defizite bei der Besetzung
lichkeit als „Krise“ definiert wird – z.B. Euro, Geflüchtete, der Runden aufmerksam. Möchte man die Abbildung
Corona – bekommt es oftmals wochenlang die ungeteilte gesellschaftlicher und politischer Vielfalt auf Talkshow-
Aufmerksamkeit der Talkshows. Neben diesen Krisen- Podien untersuchen, stellt sich allerdings nicht nur die
schwerpunkten zeigen die Themenauswertungen einen Frage „Wer spricht?“. Es stellt sich auch die Frage: „Wer
starken Fokus auf Wahlen, Parteipolitik und internatio- spricht für wen?“.
nale Politik. Soziales und Umweltthemen kommen in der
Langzeitbetrachtung eher zu kurz. 2019 änderte sich das TALKSHOWS UND DIE KRISE DER REPRÄSENTATION
zumindest mit Blick auf das Thema Klimaschutz (zweit-
häufigster Themenkomplex).11 Hinter der Frage „Wer spricht für wen?“ steckt der Begriff
der Repräsentation. Repräsentation ist ein zentraler Funk-
tionsmechanismus unserer demokratischen Ordnung.
Meist wird sie in einem engen Sinne verstanden, als Über-
8. „Grünen-Chefin Annalena Baerbock ist deutsche Talkshow-Königin
2019“, abgerufen am 22. Juli 2020: https://www.rnd.de/politik/grunen- tragung von politischer Entscheidungsmacht von den
chefin-annalena-baerbock-ist-deutsche-talkshow-konigin-2019-NX- Repräsentierten auf die (auf Zeit gewählten) Repräsentant-
QYQS4R7RDTXHAMTZYDY5LIKU.html.
9. „Die große Talkshow-Auswertung 2019: Annalena Baerbock ist neue
Innen. Demokratische Repräsentation findet allerdings
Talkshow-Königin, Markus Feldenkirchen meistgeladener Journalist“, nicht nur in Parlamenten statt, sondern auch in Parteien,
abgerufen am 22. Juli 2020: https://meedia.de/2019/12/17/die-grosse-
talkshow-auswertung-2019-annalena-baerbock-ist-die-neue-talkshow- Verbänden, zivilgesellschaftlichen Organisationen und
koenigin-markus-feldenkirchen-meisteingeladener-journalist/.
10. „Die Flüchtlinge waren nur eine Phase“, abgerufen am 22.
Juli 2020: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-06/
talkshows-themensetzung-fluechtlinge-populismus-analyse. 12. „...und unseren täglichen Talk gib uns heute!“, abgerufen am
11. „Die große Talkshow-Auswertung 2019: Annalena Baerbock ist neue 22. Juli 20202: https://www.otto-brenner-stiftung.de/wissen-
Talkshow-Königin, Markus Feldenkirchen meistgeladener Journalist“, schaf tspor tal/informationsseiten-zu-studien/studien-2011/
abgerufen am 22. Juli 2020: https://meedia.de/2019/12/17/die-grosse- und-unseren-taeglichen-talk-gib-uns-heute/.
talkshow-auswertung-2019-annalena-baerbock-ist-die-neue-talkshow- 13. Goebel, Simon (2017): Politische Talkshows über Flucht. Wirklichkeitskon-
koenigin-markus-feldenkirchen-meisteingeladener-journalist/. struktionen und Diskurse. Eine kritische Analyse, Bielefeld: transcript.
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der Medienöffentlichkeit. Weil BürgerInnen demokrati- Deutschen erkennt sich weder in den Themen noch den
sche Prozesse in beträchtlichem Umfang über Medien RepräsentantInnen des medialen Diskurses wieder.17 Die
wahrnehmen, prägt der mediale Diskurs auch in erhebli- AutorInnen der Mainzer Langzeitstudie zum Medienver-
chem Maße das Demokratie- und Repräsentationsemp- trauen schreiben: „Der Eindruck fehlender Repräsentation
finden von Menschen. in der Berichterstattung und mangelnder Responsivität
des Journalismus mit Blick auf möglicherweise kulturell
Eine gängige Diagnose, die oft im Zusammenhang mit und sozial anders eingebettete Menschen, die nicht zu
dem Aufstieg des illiberalen Rechtspopulismus getrof- den Kommunikationseliten in diesem Land zählen, führt
fen wird, lautet: Die Demokratie sei in der Krise. Bei zu steigender Entfremdung.“ Das wirft die Frage auf, ob
genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass gerade in der mediale Diskurs seine Repräsentationsfunktion für
Deutschland weniger die Herrschaftsform an sich, son- gesellschaftlichen Pluralismus – trotz der unvermeidbaren
dern vielmehr das Funktionieren der (repräsentativen) medialen Verdichtung – ausreichend erfüllt. Analog sollte
Demokratie in der Kritik steht14. Statt einer Systemkrise diese Frage für politische Talkshows als einer zentralen
handelt es eher um eine „Krise der Repräsentation“. Der Arena des öffentlichen Diskurses gestellt werden: Kom-
Politikwissenschaftler Philip Manow sieht diese Reprä- men Talkshows ihrer Repräsentationsfunktion für gesell-
sentationskrise dadurch gekennzeichnet, dass „traditi- schaftlichen Pluralismus in ausreichendem Maße nach?
onelle Vermittlungsinstanzen, Parteien, Parlamente, die
Presse, ihre politischen Aggregierungs-, Moderierungs- FOKUS: REPRÄSENTATION GESELLSCHAFTLICHER UND
und Kanalisierungsfunktionen immer weniger erfüllen DEMOKRATISCHER KOMPLEXITÄT IN TALKSHOWS
können.“15
Die Frage, für wen Talkshow-Gäste sprechen, wird in
Davon profitieren unter anderem (rechts-)populistische dieser Studie insgesamt auf zwei Dimensionen von Plura-
AkteurInnen, indem sie etablierte Repräsentationsins- lismus und Repräsentation angewandt: Gesellschaft und
tanzen (z.B. Parteien, Verbände, Medien) als Feindbilder Politik. Erstens: Der Pluralismus von Interessen wird in
konstruieren. Unzufriedenheit über die Demokratie ist einer demokratischen Gesellschaft nicht allein durch Indi-
demzufolge auch Unzufriedenheit damit, „wer“ Demo- viduen artikuliert, sondern auch über gesellschaftliche
kratie macht und „wie“ Demokratie gemacht wird – und Organisationen (z.B. Wirtschaftsverbände, Nichtregie-
zwar in der Wahrnehmung der Unzufriedenen. Diese rungsorganisationen, Kirchen), welche die Interessen ihrer
Wahrnehmung demokratischer Realitäten wird maß- Mitglieder bündeln. Organisierte Interessen sind für die
geblich durch den medialen Diskurs als ein zentraler pluralistische Demokratie „notwendig und stabilisierend“,
Repräsentationsmechanismus geprägt. Die Forschung durch ihre Einbindung wird die Komplexität der vielfälti-
über Medienvertrauen zeigt, dass Demokratie- und (pau- gen Ansprüche an die Entscheidungstragenden reduziert
schale) Medienunzufriedenheit zusammenhängen.16 In und die Legitimität ihrer Entscheidungen erhöht.18
bestimmten Milieus hat sich in den vergangenen Jahren
regelrechte Feindseligkeit gegenüber Qualitätsmedien Da die Willensbildung im politischen Prozess nicht nur auf
wie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk verhärtet. institutionellen Wegen (z.B. Anhörungen, Lobbyismus),
sondern auch über den öffentlichen Diskurs stattfin-
Ein wesentlicher Teil der lauter werdenden Kritik an det, ist an dieser Stelle die Einbindung unterschiedlicher
Medien ist auch eine Kritik an deren Repräsentation gesellschaftlicher Interessen für die Demokratie ebenso
gesellschaftlicher Realität und demokratischer Aushand- notwendig wie stabilisierend. Untersucht werden soll also
lungsprozesse. Empirisch lässt sich dieses Phänomen als zum einen, die Repräsentation von gesellschaftlichen
„Medienentfremdung“ nachweisen: Knapp ein Viertel der Organisationen in Talkshows.
14. Empirische Daten gibt es dazu u.a. in: Decker, Frank et al. (2019): Vertrauen
in Demokratie, Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung.
15. „Das Volk und die Eliten“, abgerufen am 22. Juli 2020: https://www. 17. vgl. Ziegele, M., Schultz, T., Jackob, N., Granow, V., Quiring, O. &
tagesspiegel.de/meinung/demokratie-in-der-debatte-das-volk-und- Schemer, C. (2018). Lügenpresse-Hysterie ebbt ab. Mainzer Langzeitstudie
die-eliten/25692662.html. „Medienvertrauen“. Media Perspektiven 4/2018, 150-162.
16. vgl. die “Langzeitstudie Medienvertrauen” der Johannes Gutenberg- 18. vgl. Rudzio, Wolfgang (2019): Das politische System der Bundesrepublik
Universität Mainz: https://medienvertrauen.uni-mainz.de. Deutschland, S.50.
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Zweitens: In einem „Mehrebenensystem“ sind Verant- für ihre Formate, an denen sie in dieser Studie gemessen
wortlichkeiten auf unterschiedliche politische Ebenen werden sollen. Bei der ARD sind die drei Polit-Talks im
verteilt. Ein Vorteil solcher Strukturen ist das Subsidiari- Programmbereich „Information“ beheimatet. Für diesen
tätsprinzip, also die Möglichkeit auf Herausforderungen Bereich hat der ARD „genrespezifische Qualitätskriterien“
mit regionalen und spezifischen Lösungen reagieren zu definiert. Neben journalistischen Selbstverständlichkeiten
können. Demokratischer Diskurs wird durch mehrere wie Relevanz und Unabhängigkeit zählen zu diesen selbst
Entscheidungsebenen komplexer, da unterschiedliche gesetzten Qualitätsindikatoren auch Meinungsvielfalt,
Ebenen an ein und demselben Thema auf unterschiedli- Ausgewogenheit, Bürgernähe und Nutzwert.19 Zu den
che Weise mitwirken. Diese Ebenen erstrecken sich von allgemeinen Qualitätskriterien, die für alle Genres der ARD
der europäischen (teilweise auch globalen) bis hin zur gelten, gehört außerdem die „Vernetzung der globalen,
lokalen Ebene. Die Studie untersucht als zweiten Aspekt, europäischen, nationalen und regionalen Perspektive“.20
inwiefern die unterschiedlichen politischen Ebenen in
der Besetzung von Talkshows berücksichtigt werden. Ähnliche Ansprüche formuliert das ZDF, bei dem die
Sendung Maybrit Illner der Sparte „Politik und Zeitge-
UNSERE FRAGESTELLUNGEN schehen“ zugeordnet ist. In den Richtlinien des Senders
heißt es etwa: „Die Pluralität im politischen Meinungsbil-
Diese Untersuchung von Polit-Talkshows wird von fol- dungsprozess ist sowohl auf nationaler Ebene als auch in
genden Fragestellungen geleitet: europäischer Hinsicht zu sichern.“21 Neben den Kriterien
und Leitlinien der Sender und ihrer Genres formulieren
Für wen wird gesprochen? Wie verteilen sich Talkshow- alle Talk-Sendungen in ihren Selbstbeschreibungen den
Gäste auf unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche (z.B. Anspruch an eine diversifizierte Rundenzusammenset-
Politik, Journalismus, Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur, zung. Für Markus Lanz gilt als thematisch breiter auf-
Zivilgesellschaft) und darin auf unterschiedliche Organi- gestellte Sendung ein anderer Anspruch. Lanz versteht
sationen (z.B. Gewerkschaften, Unternehmerverbände, sich in erster Linie als „Late-Talk mit unterhaltsamen
NGOs, Bürgerinitiativen)? Gesprächen über aktuelle und biografische Themen.“22
Von oben aufgeführten allgemeinen Qualitätsstandards
• Wer spricht zu was? Wie verteilen sich unterschied- ist das Format damit freilich nicht entbunden.
liche gesellschaftliche Organisationen auf die unter-
schiedlichen Themen der Talkshows?
• Welche politische Ebenen sprechen? Wie verteilen
sich Talkshow-Gäste auf unterschiedliche politische
Ebenen (Global, EU, National, Länder, Lokal)?
• Welche Unterschiede gibt es zwischen den Talk-
shows? Wie unterscheiden sich die „Big 4“ (Anne
Will, hart aber fair, Maischberger, Maybrit Illner),
Markus Lanz und die Phoenix Runde untereinander
hinsichtlich der in den anderen Fragen angespro-
chenen Aspekte?
TALKSHOWS AN IHREM ANSPRUCH MESSEN 19. „Genrespezifische Qualitätskriterien - Das Erste“, abgerufen am 22.
Juli 2020: https://www.daserste.de/specials/ueber-uns/telemedien-
genrespezifische-qualitaetskriterien-das-erste100.pdf.
Allein aus dem hohen Publikumsinteresse und dem 20. „Bericht der ARD über die Erfüllung ihres Auftrags, über die Qualität
und Quantität ihrer Angebote und Programme sowie über die geplanten
öffentlichen Auftrag von ARD und ZDF ergeben sich eine Schwerpunkte“, abgerufen am 22. Juli 2020: https://www.daserste.de/
Verantwortung der Talkshows für den demokratischen specials/ueber-uns/ard-leitlinien-2018-2019-102.pdf.
21. „Bericht der ARD über die Erfüllung ihres Auftrags, über die Qualität
Diskurs. Die Sender formulieren zudem eigene Ansprüche und Quantität ihrer Angebote und Programme sowie über die geplanten
Schwerpunkte, ZDF“, abgerufen am 22. Juli 2020: https://www.zdf.de/
assets/zdf-richtlinien-sendungen-telemedienangebote-100~original.
22. ebd.
www.progressives-zentrum.org 8STUDIE „DIE TALKSHOW-GESELLSCHAFT“
Die Phoenix Runde wurde als weiterer „Sonderfall“ aufge-
nommen. Die Sendung wendet sich an ein spezifischeres
II. Studiendesign (politisch interessierteres) Publikum und hat entspre-
chend seiner Ausstrahlung auf einem Spartenkanal
Für das methodische Vorgehen wurde für diese Studie deutlich niedrigere Publikumszahlen. Mit dem Wissen
eine quantitative Medienanalyse gewählt. Die Materi- um die Unterschiede zu den „Big 4“ werden auch die
algrundlage setzte sich aus den Sendungstiteln, Sen- Daten über die Phoenix Runde in erster Linie vergleichend
dungsbeschreibungen und Gästelisten aller untersuchten herangezogen.
Talkshows zusammen. Weitere wichtige Eckdaten des
Studiendesigns lauten: ANALYSEKATEGORIEN:
AUSWERTUNG DER TALKSHOW-GÄSTE
UNTERSUCHUNGSZEITRAUM:
3 JAHRE + CORONA-PANDEMIE Der Schwerpunkt der Analyse liegt auf der Auswertung der
Talkshow-Gäste. Hauptsächlich wurden hierbei Merkmale
Untersucht wurden Talkshows aus den letzten drei Jahren analysiert, die sich auf die Institution oder Organisation
(zum Zeitpunkt der Erhebung in der ersten Jahreshälfte beziehen, die der Gast repräsentiert (gemäß der Sen-
2020). Dieser Zeitrahmen beläuft sich auf März 2017 bis dungsbeschreibung). Ausgewertet wurden unter anderem
März 2020. Zusätzlich und separat ausgewertet wurden der gesellschaftliche Bereich des Gastes (z.B. Wirtschaft,
die Sendungen zur Hochphase der Corona-Pandemie in Journalismus, Wissenschaft, Zivilgesellschaft), die jewei-
Deutschland (04. März bis 24. April 2020). lige Organisation (z.B. Gewerkschaft, Unternehmen,
Verbraucherorganisation, Nichtregierungsorganisation,
1.208 SENDUNGEN: Bewegung/Aktivismus), die politische Ebene von Gäs-
DIE „BIG 4“ + MARKUS LANZ + PHOENIX RUNDE ten aus der Politik (Global, EU, Bund, Land, Kommune),
Parteizugehörigkeit und eine Ost-West-Zuordnung der
Insgesamt flossen 1.208 Ausgaben von sechs öffentlich- jeweiligen politischen Biographie. Außerdem wurden
rechtlichen TV-Gesprächsformaten in die Analyse ein: wenige personenbezogene Merkmale der Gäste (Alter
Anne Will, hart aber fair, Maischberger, Maybrit Illner, und Geschlecht) erfasst. Neben diesen Merkmalen der
Markus Lanz und Phoenix Runde23. Die ersten vier sind Gäste, floss auch das jeweilige Sendungsthema in die
sozusagen die “Big 4” der deutschen Polit-Talkshows. Sie Auswertung mit ein (bei Markus Lanz war dies nicht
sind rein politische Gesprächsrunden und haben innerhalb möglich, weil es dort keine thematischen Sendungs-
dieses Genres aufgrund ihrer Zuschauerzahlen die größte titel gibt). Vorrangiges Ziel der Untersuchung ist es zu
Bedeutung für den öffentlichen Diskurs. ermitteln, wie sich die Talkshow-Gäste auf verschiedene
gesellschaftliche Bereiche (und in diesen auf verschiedene
Markus Lanz ist keine rein politische Talksendung, seine Organisationen) und politische Ebenen verteilen.
Gäste kommen häufig auch aus den Bereichen Film,
Literatur, Musik, Kabarett oder Sport. Das Gespräch
wird überwiegend als „one on one“ zwischen Lanz und
einem Gast geführt. Da bei Lanz aber eben auch poli-
tische Gäste Platz nehmen und die Bedeutung seiner
politischen Gespräche für den öffentlichen Diskurs in
den letzten Jahren zugenommen hat, wurde die Sendung
mit aufgenommen. Ein Vergleich zu den „Big 4“ wird in
der Ergebnisdarstellung jedoch nur dann gezogen, wenn
er trotz der Unterschiedlichkeit der Sendungen sinnvoll
und möglich erscheint.
23. Anne Will: 96 Sendungen, Maischberger: 107 Sendungen, Maybrit Illner:
129 Sendungen, Hart aber fair: 108 Sendungen, Markus Lanz: 417 Sen-
dungen, Phoenix Runde: 351 Sendungen
www.progressives-zentrum.org 9STUDIE „DIE TALKSHOW-GESELLSCHAFT“
ZWEI DRITTEL ALLER GÄSTE KOMMEN
AUS POLITIK UND MEDIEN
III. Ergebnisse
Alle Talkshow-Gäste wurde einem gesellschaftlichen
Im Folgenden werden die Ergebnisse der Auswertung Bereich zugeordnet, in dem ihre hauptsächliche Tätigkeit
1.208 öffentlich-rechtlicher Talkshows aus den letzten verordnet werden kann, die der Einladung zur Diskussion
drei Jahren vorgestellt. Im Vordergrund stehen die Daten zugrunde liegt. Folgendes Bild ergibt sich für die „Big 4“
über die „Big 4“ der Polit-Talkshows (Anne Will, hart aber (siehe Abb.1): 42,6 Prozent der Gäste sind VertreterInnen
fair, Maischberger, Maybrit Illner). Komparativ werden von Parteien, 22,9 Prozent stammen aus dem Journalis-
an jenen Stellen die Daten über Markus Lanz und die mus. Zusammengenommen kommen damit 65,5 Prozent
Phoenix Runde herangezogen, wo ein Vergleich inhaltlich der Gäste in den wichtigsten vier Polit-Talkshows aus
sinnvoll ist und relevante Unterschiede sichtbar macht. Politik und Medien. Die Anteile der anderen gesellschaft-
Einschränkend gilt: Vergleiche zwischen den „Big 4“ und lichen Bereiche fallen unterdessen deutlich geringer
den zwei anderen Formaten sind Vergleiche von Unglei- aus: 8,8 Prozent der Gäste kommen aus der Wissen-
chen, da Lanz keine reine Polit-Talkshow und die Phoenix schaft; 6,4 Prozent aus der Wirtschaft; 2,8 Prozent aus
Runde nicht für ein Massenpublikum konzipiert ist. Die dem Kulturbereich und 2,7 Prozent aus der organisierten
Daten aus der Zeit vor und während der Corona-Pandemie Zivilgesellschaft. Besonders klein fallen die Anteile von
werden getrennt voneinander behandelt, da die beson- Gästen aus den Bereichen Soziales (1,4 Prozent), Religion
deren Eigenschaften dieser Krise die Gesamtergebnisse (0,7 Prozent) und Bildung (0,1 Prozent) aus.
verzerren würden.
Abb.1
1,5% Soziales Big 4: Zuordnung der
2,1% Staat / Verwaltung Talkshow-Gäste zu
2,7% Zivilgesellschaft gesellschaftlichen
2,8% Kultur Bereichen
6,4% Wirtschaft
7,5% Einzelpersonen
Politik
42,6%
Wissenschaft
8,8%
Journalismus
22,9%
„Big 4“: Anne Will, Maybrit Illner, Maischberger, hart aber fair. Untersuchungszeitraum: März 2017 - März 2020
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Politik und Medien sind in allen vier Sendungen die zwei Prozent), Religion (0,7 Prozent) und Bildung (0,2 Prozent).
dominanten Gruppen, allerdings mit kleinen Unter- Während bei den „Big 4“ also vornehmlich Politik auf
schiedenen zwischen den Sendungen (siehe Abb.2): Bei Journalismus trifft, diskutieren bei Phoenix primär Jour-
Anne Will ist der Anteil von Parteien mit 58,5 Prozent am nalismus und Wissenschaft miteinander. Ein Vergleich
größten, während der Journalismus hier unter den vier zur Zusammensetzung der Gäste bei Markus Lanz ist
Hauptsendungen mit 17 Prozent auf den geringsten Wert wenig sinnvoll, da aufgrund der nicht rein politischen
kommt. Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Politik Ausrichtung der Sendung ein größerer Anteil von Gästen
und Medien von jeweils knapp einem Drittel der Gäste aus Bereichen wie Sport und Film vorliegt, mit denen
findet sich bei Maischberger. Bei Maybrit Illner beläuft überwiegend zu politikfernen Themen gesprochen wird.
sich das Verhältnis zwischen Politik und Medien auf 2:1,
bei hart aber fair ist es sehr ähnlich. 70 PROZENT DER POLITIKERINNEN SIND
VON DER BUNDESEBENE
Bei der Phoenix Runde ergibt sich ein abweichendes Bild
(siehe Abb.2): Über zwei Drittel der Gäste dieser Sendung Im Kontext der zunehmenden politischen Verflechtung
kommen aus Medien (39,2 Prozent) und Wissenschaft (31,1 von europäischer (bzw. globaler) bis lokaler Ebene, ist es
Prozent). Dieser größere Anteil an Diskutierenden aus der von Interesse, wie sich die Gäste auf die unterschiedli-
Wissenschaft geht in erster Linie zu Lasten der Politik. Der chen Ebenen politischer Verantwortung aufteilen. Dazu
Anteil von VertreterInnen aus der Politik beträgt in dieser wurden alle Gäste aus der Politik jener Ebene zugeordnet,
Sendung nur 14,2 Prozent. Dahinter folgen mit deutlichem auf der ihr hauptsächliches politisches Amt bzw. ihre
Abstand Gäste aus den Bereichen Staat/Verwaltung (4,1 hauptsächliche Tätigkeit angesiedelt ist. Bei den „Big
Prozent), Wirtschaft (3,7 Prozent), Soziales (2,5 Prozent), 4“-Talkshows zeigt sich insgesamt eine sehr deutliche
organisierte Zivilgesellschaft (2,1 Prozent), Kultur (1,4 Dominanz der Bundesebene (siehe Abb.3): 70,2 Prozent
Abb.2
Talkshow-Gäste nach gesellschaftlichen Bereichen
Anne Will
hart aber fair
Maischberger
Maybrit Illner
Phoenix Runde
0% 25% 50% 75% 100%
Politik Staat / Verwaltung Zivilgesellschaft
Journalismus Bildung Sport
Wissenschaft Religion Einzelperson
Wirtschaft Kultur
Soziales Medizin
Untersuchungszeitraum: März 2017 - März 2020
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der talkenden PolitikerInnen kommen von der bundes- globale politische Ebene ist bei Phoenix mit 1,5 Prozent
politischen Ebene, also aus dem Berliner Politikbetrieb. vertreten. Auch Markus Lanz wartet mit Differenzen auf
Danach folgen die Landesebene mit einem Anteil von (siehe Abb.3): In dieser Sendung kommt mit über einem
19,3 Prozent, die EU-Ebene mit 7,3 Prozent24, die Lokal- Viertel ein verhältnismäßig großer Anteil der politischen
ebene mit 2,4 Prozent und die globale Ebene mit 0,7 Pro- Gäste von der Landesebene.
zent. Bundes- und Landesebene zusammen genommen
machen fast 90 Prozent der Gäste aus der Politik aus. WESTDEUTSCHE POLITIKERINNEN ÜBERREPRÄSENTIERT
Als Ausreißer innerhalb der „Big 4“ stellt sich in diesem
Zusammenhang Maischberger heraus: In dieser Sendung Mit Blick auf die Repräsentation politischer Realitäten der
sind die Anteile der Landesebene (28,1 Prozent) deutlich Bundesrepublik ist auch die Frage nach dem Verhältnis
und die der europäischen Ebene (8,6 Prozent) geringfügig von ost- und westdeutschen PolitikerInnen in den Talk-
größer. Die Bundesebene kommt bei Maischberger nur shows relevant. Ausschlaggebend für die Zuordnung war
auf einen Anteil von 57,8 Prozent. hierbei nicht, wo ein Gast geboren ist, sondern ob die
Person eine westdeutsche oder ostdeutsche politische
Bei der Phoenix Runde weichen die Verhältnisse erneut Biographie hat.25
etwas von den vier Hauptsendungen ab (siehe Abb.3):
Hier sind die europäische Ebene mit 14,4 Prozent und die Für die „Big 4“ ergibt sich folgendes Ost-West-Verhältnis
Lokalebene mit 6,0 Prozent häufiger vertreten. Dies geht (siehe Abb.4): 84,8 Prozent der Talkshow-Gäste haben
in erster Linie zulasten der Landesebene (12,4 Prozent) eine westdeutsche und 15,2 Prozent eine ostdeutsche
und in zweiter Linie der Bundesebene (65,5 Prozent). Die politische Biographie. Dieses Ost-West-Verhältnis der
Abb.3
Politische Gäste und ihre politische Ebene
100%
75%
50%
25%
0%
Big4 Phoenix Runde Markus Lanz
Anne Will hart aber fair Maischberger Maybrit Illner
Bund Länder EU Kommunal Global
Untersuchungszeitraum: März 2017 - März 2020
24. Unter „EU-Ebene“ fallen Gäste aus anderen EU-Mitgliedsstaaten (z.B. 25. Gemessen an Funktionen und Ämtern im Leben der Person.
ein österreichischer Minister) sowie deutsche und nicht-deutsche Poli-
tikerinnen und Politiker aus EU-Institutionen (z.B. EU-Abgeordnete).
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Abb.4
Ost-West-Verhältnis der Talkshow-Gäste
100%
75%
50%
25%
0%
Big4 Phoenix Runde Markus Lanz
Anne Will hart aber fair Maischberger Maybrit Illner
Politische West-Biografie Politische Ost-Biografie
Untersuchungszeitraum: März 2017 - März 2020
Abb.5
Big 4: Themen der Sendungen mit EU-PolitikerInnen
und Themen aller Sendungen
Big 4
(mit EU-PolitikerInnen)
Big 4
(alle Sendungen)
0% 25% 50% 75% 100%
Europa Rechtspopulismus Steuern / Finanzen
Außenpolitik Migration / Asyl Wirtschaft
Kriminalität Gesundheit / Pflege
Parteien /Wahlen Klima / Umwelt
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Talkshow-Gäste ist sehr ähnlich jenem der Gesamtbe- Gäste aus einem anderen EU-Land kommen hauptsächlich
völkerung (83,2 Prozent zu 16,8 Prozent). Gemessen an aus Österreich und Luxemburg. Mit Blick auf die euro-
dem Verhältnis west- und ostdeutscher Länder in der päische Dimension wurde auch untersucht, zu welchen
Bundesrepublik von 11 zu 5 (und damit dem Ost-West- Themen Gäste von der EU-Ebene eingeladen wurden.
Verhältnis im Bundesrat), sind ostdeutsche PolitikerInnen Zwei Themen dominieren hierbei (siehe Abb.5): 40,4
jedoch unterrepräsentiert. Auf den höchsten Anteil von Prozent der Sendungen mit EU-Beteiligung drehten sich
Gästen mit ostdeutscher politischer Biographie kommt um Europapolitik (z.B. Brexit), gefolgt von Außenpolitik
Anne Will mit 21,3 Prozent, hart aber fair weist mit 10,5 mit einem Anteil von 25,0 Prozent.
Prozent den geringsten Ost-Anteil auf.
Zu Themen, bei denen Kompetenzen sowohl auf euro-
THEMEN: EUROPA DURCH DIE NATIONALE BRILLE päischer als auch nationaler Ebene liegen, diskutieren
EU-PolitikerInnen eher selten mit: In drei Viertel aller
Gemessen an der hohen Bedeutung der europapolitischen Sendungen von Will, Plasberg, Illner und Maischberger
Ebene – fast jedes zweite Gesetz in Deutschland geht auf zum Thema Migration/Asyl waren keine EU-PolitikerInnen
einen Impuls aus Brüssel zurück26 – sind PolitikerInnen anwesend. In den insgesamt 25 Sendungen zum Thema
aus EU-Institutionen und anderen EU-Mitgliedsstaaten Klima/Umwelt war sogar nur in einer einzigen Sendung
sehr selten in Talkshows zu Gast. Sie machen nur 7,3 Pro- ein Gast von der EU-Ebene dabei. Das heißt also: Zahl-
zent der Gäste aus der Politik in den „Big 4“ aus. Mehrheit- reiche Themen, die heute maßgeblich auf europäischer
lich handelt es sich dabei um deutsche EU-PolitikerInnen, Ebene verhandelt werden, debattieren die Talkshows
Abb.6
2,2% Kammern Big 4: Wen die Talkshow-
Gäste aus dem Bereich
7,2% Arbeitgeberverbände Wirtschaft repräsentieren
8,0% Gewerkschaften
8,7% Verbraucherorganisationen
Unternehmen
46,4%
Branchenverbände
27,5%
„Big 4“: Anne Will, Maybrit Illner, Maischberger, hart aber fair. Untersuchungszeitraum: März 2017 - März 2020
26. Annette Elisabeth Töller (2012): Claims that 80 per cent of laws adopted
in the EU Member States originate in Brussels actually tell us very little
about the impact of EU policy-making. Beitrag für den europapolitischen
Blog der London School of Economics (LSE), Juni 2012, https://blogs.lse.
ac.uk/europpblog/2012/06/13/europeanization-of-public-policy/.
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immer noch stark aus nationaler Sicht. Und wenn die Arbeitgeberverbänden (7,2 Prozent) machen zusammen
europäische Ebene zu einem Thema mitreden darf, dann 81,1 Prozent der Gäste aus der Wirtschaft aus. Nur 8 Pro-
zuvorderst repräsentiert durch deutsche EU-PolitikerIn- zent kommen aus Gewerkschaften und 8,7 Prozent von
nen. Europa wird durch die nationale Brille betrachtet. Verbraucher- und Konsumentenorganisationen.
UNTERNEHMERSEITE DOMINIERT BEI Bei der Phoenix Runde ist die Unternehmerseite zwar
GÄSTEN AUS DER WIRTSCHAFT insgesamt ähnlich stark überrepräsentiert, aber der Ver-
braucherschutz ist mit einem Anteil von 16,7 Prozent
Beim Themenranking der Talkshows steht Wirtschaft auf stärker vertreten als in den vier Hauptsendungen. Auf der
Platz vier. Die Wirtschaft ist auch der gesellschaftliche Unternehmerseite dominieren bei Phoenix die Branchen-
Bereich, aus dem die viertmeisten Talkshow-Gäste kom- verbände (39,6 Prozent) gegenüber Einzelunternehmen
men. Der Begriff „Wirtschaft“ steht bei der Auswertung (14,6 Prozent).
der Talkshows als Überbegriff für die volkswirtschaftliche
Trias aus Unternehmerseite, Beschäftigten und Konsu- WENN ZIVILGESELLSCHAFT MITREDET,
mierenden. Diese drei Akteure kommen in den Talkshows DANN DER AKTIVISMUS
jedoch alles andere als gleichmäßig vor, in acht von zehn
Fällen wird die Wirtschaft durch die Unternehmerseite Dem Bereich der organisierten Zivilgesellschaft sind
repräsentiert (siehe Abb.6): VertreterInnen von Unterneh- nur 2,7 Prozent der Talkshow-Gäste der „Big 4“ zuzu-
men (46,4 Prozent), Branchenverbänden (27,5 Prozent) und ordnen (siehe Abb.7). Zu diesem Bereich zählen Gäste
Abb.7
Big 4: Wen die Talkshow-Gäste aus dem Bereich
Zivilgesellschaft repräsentieren
40
30
Gäste (in absoluten Zahlen)
20
10
0
NGO Bewegung / Aktivismus Lokale Bürgerinitiative
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aus Nichtregierungsorganisationen (NGOs), lokalen Bür- Für die vier Hauptsendungen zeigt sich ein interessanter
gerinitiativen und Bewegungen bzw. dem Aktivismus27. Trend im Verlauf des Untersuchungszeitraums (siehe
Insgesamt ergibt sich somit für den Beobachtungszeit- Abb.8): Die Gästeanzahl aus der organisierten Zivilge-
raum von drei Jahren eine Gästeanzahl von lediglich 58 sellschaft hat bei allen Sendungen zwischen 2018 und
Personen. Maybrit Illner hat dabei mit 20 Gästen aus der 2020 zugenommen. Dieser Anstieg liegt vor allem an
Zivilgesellschaft den größten Anteil, Maischberger und der häufigeren Präsenz von Gästen aus dem Bereich
Anne Will mit jeweils 11 Personen den geringsten. Zwei Bewegung/Aktivismus.
Drittel der zivilgesellschaftlichen Gäste stammen dabei
aus dem Unterbereich „Bewegung/Aktivismus“. Eine Ein Blick auf die Themen und Zeitpunkte verrät: Die
deutliche Diskrepanz in der Talkshow-Präsenz tut sich Klima-Debatte hat in den Jahren 2018 und 2019 zu einer
zwischen AktivistInnen und Nichtregierungsorganisa- häufigeren Präsenz von AktivistInnen in Talkshow-Runden
tionen auf: 15 Gäste sind Nichtregierungsorganisatio- geführt. Man könnte sagen: Die „Fridays for Future“-
nen zuzuordnen, 39 Gäste repräsentieren den Bereich Bewegung schaffte es von der Straße in die Talkshow-Ses-
Bewegung/Aktivismus. sel: Nach den großen Klimastreik-Protesten im März und
September 2019 fanden sich jeweils mehr AktivistInnen
Bei Markus Lanz (1,4 Prozent) und der Phoenix Runde (2 in den Sendungen. VertreterInnen von NGOs erleben im
Prozent) ist der Gesamtanteil der Gäste aus der Zivilge- Zeitverlauf der „Big 4“ weder einen sprunghaften Anstieg
sellschaft jeweils noch geringer als bei den „Big 4“. von Auftritten, wie jene aus dem Bereich Aktivismus/
Abb.8
Big 4: Talkshow-Gäste aus der Zivilgesellschaft im Zeitverlauf
8
6
4
2
0
Q2 Q3 Q4 Q1 Q2 Q3 Q4 Q1 Q2 Q3 Q4 Q1
2017 2017 2017 2018 2018 2018 2018 2019 2019 2019 2019 2020
Bewegung / Aktivismus NGO Lokale Bürgerinitiative
„Big 4“: Anne Will, Maybrit Illner, Maischberger, hart aber fair. Untersuchungszeitraum: März 2017 - März 2020
27. Unter NGOs werden in dieser Studie politische und ideelle Vereinigungen verstanden, die ein bestimmtes Ziel verfolgen (z.B. grundlegender sozi-
verstanden, die staatlich unabhängig, mit formalen Strukturen organi- aler Wandel) und häufig Proteste als Aktionsform wählen (z.B. Fridays
siert (z.B. Verwaltung und Mitgliedschaft) und nicht gewinnorientiert for Future oder das Bündnis „unteilbar“). Diese Definition ist angelehnt
sind. Sie richten ihre Arbeit langfristig an Organisationszielen aus und A. Zimmer, E. Priller und H.K. Anheier (2013): Der Nonprofit-Sektor in
haben ein konsolidiertes Auftreten nach außen. Beispiele für NGOs sind Deutschland. In: Handbuch der Nonprofit-Organisation: Strukturen
Greenpeace e.V., Oxfam oder LobbyControl. Unter Bewegungen und und Management, hg. von R. Simsa, M. Meyer, und C. Badelt, 15–36. 5.
Aktivismus werden in dieser Studie lose organisierten Gruppierungen Auflage. Stuttgart: Schäffer-Poeschel.
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Bewegung, noch sind sie permanent zugegen. In einigen sprachen: Europa, Rechtspopulismus, Linksextremismus
Quartalen treten sie sogar gar nicht in den Talksendun- und islamistischer Terror. Bei der Phoenix Runde hingegen
gen auf. war die Initiative „Pulse of Europe“ zweifach zu Gast und
sprach zu Europa.
BEIM KLIMA SPRICHT DIE ZIVILGESELLSCHAFT
(MITTLERWEILE) MIT CORONA: WISSENSCHAFT TRIFFT POLITIK UND MEDIEN
Bei drei Viertel aller Talkshows der „Big 4“ zum The- Zusätzlich zu und getrennt von den obigen Ergebnis-
menbereich „Klima/Umwelt“, waren RepräsentantInnen sen wurden 71 Sendungen während der Hochphase der
der Zivilgesellschaft zugegen. Aufgrund der insgesamt Corona-Pandemie ausgewertet. In dem Zeitraum vom 03.
niedrigen Repräsentation der Zivilgesellschaft bedeutet März bis 24. April 2020 sendeten die „Big 4“-Talkshows
das auch: Sitzen bei den „Big 4“ zivilgesellschaftliche zusammen 28 Ausgaben, die Phoenix Runde strahlte 19
RepräsentantInnen im Sessel, so sprechen sie mit großer und Markus Lanz 24 Sendungen aus.
Wahrscheinlichkeit über den Klima- und Umweltschutz
(siehe Abb.9). Etwa jede dritte Sendung, bei der Gäste Während Gäste aus der Wissenschaft vor Corona auf einen
aus der Zivilgesellschaft sprachen, drehte sich explizit Anteil von 8,8 Prozent bei den „Big 4“ kamen, waren es
um dieses Thema. Doch selbst in Sendungen, die hier auf während der Pandemie ganze 26,5 Prozent. Die Wissen-
Grund des Titelthemas oder der Sendungsbeschreibung schaft ist der Politik in den Talkshows dadurch deutlich
unter einem anderen Themenkomplex gefasst sind (z.B. nähergekommen, die Politik lag in der Corona-Zeit nur
bei Mobilität oder Wirtschaft), sprachen die eingeladenen noch mit einem Anteil von 30 Prozent aller Gäste (vorher
Gäste aus der organisierten Zivilgesellschaft hauptsäch- 42,6 Prozent) vorne. Zwar sind nun im Verhältnis auch
lich über Klimafragen. Themen zu denen keine Gäste weniger Diskutierende aus dem Journalismus zu sehen,
aus der organisierten Zivilgesellschaft bei den „Big 4“ jedoch machen sie immer noch die drittgrößte Gruppe
Abb.9
Big 4: Themen der Sendungen mit VertreterInnen
der Zivilgesellschaft
20
15
10
5
0
t
us
t
ft
l
ge
lt
it
k
len
e*
sy
tä
tä
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Kl
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M
su
Pa
ch
r
m
Ve
Ge
Re
Ar
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Bewegung / Aktivisums NGO Lokale Bürgerinitiative denen jeweils nur eine Person aus der Zivilgesellschaft sprach.
„Big 4“: Anne Will, Maybrit Illner, Maischberger, hart aber fair. Untersuchungszeitraum: März 2017 - März 2020
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Abb.10
Corona: Zuordnung der Talkshow-Gäste zu
gesellschaftlichen Bereichen
Big 4
Markus Lanz
Phoenix Runde
0% 25% 50% 75% 100%
Politik Bildung Journalismus
Wirtschaft Kultur Einzelperson
Religion Staat / Verwaltung Sport
Soziales Zivilgesellschaft
Medizin Wissenschaft
„Big 4“: Anne Will, Maybrit Illner, Maischberger, hart aber fair. Untersuchungszeitraum: 04. März - 24. April 2020
mit 13,3 Prozent aus. Gäste aus der Wirtschaft (9,8 Pro- Von den 341 Gästen aus 71 Talkshows während des unter-
zent) haben eine nahezu gleiche Präsenz wie jene aus suchten Corona-Zeitraums, repräsentieren nur zwei Per-
der praktizierenden Medizin (9,1 Prozent), also Ärzte sonen den Bereich Soziales und weitere zwei Personen
oder Krankenhauspersonal. Nur bei hart aber fair dreht den Bereich Bildung28.
sich der leichte Vorsprung zu Gunsten der Medizin um.
Repräsentierende anderer gesellschaftlicher Bereiche fal-
len bei den „Big 4” dementsprechend weit zurück (siehe
Abb.10). Personen aus der Zivilgesellschaft machen nur
1,4 Prozent, Gäste aus dem Sozialbereich und der Bildung
sogar nur jeweils 0,7 Prozent der Diskutierenden aus.
Bei Markus Lanz zeigt sich ein ähnliches Bild: Die Politik
dominiert mit einem Anteil von 34,3 Prozent, danach folgt
die Wissenschaft mit 25,9 Prozent und der Journalismus
mit 14,8 Prozent. Die Wirtschaft liegt mit 8,3 Prozent vor
der praktischen Medizin (6,5 Prozent).
In der Phoenix Runde sind die Verhältnisse etwas anders:
Mit 38,4 Prozent ist der Journalismus der Bereich, aus
dem die meisten Gäste kommen. Danach folgt die Wis-
senschaft mit 29,5 Prozent, dann erst die Politik mit 12,8
28. Zu dem Bereich Soziales wurden Gäste aus Wohlfahrts-, Sozial-,
Prozent. Kriegsfolgen- und Pflegeverbände gezählt. Zu Bildung zählten Lehre-
rInnen, Bildungs- oder LehrerInnenverbände sowie SchülerInnen oder
SchülerInnenvertretungen.
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