DIGITALES GESUNDHEITSWESEN - Risiken und Nebenwirkungen von eHealth - FVDZ

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DIGITALES GESUNDHEITSWESEN - Risiken und Nebenwirkungen von eHealth - FVDZ
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          DIGITALES
          GESUNDHEITSWESEN
          Risiken und
          Nebenwirkungen von
          eHealth

                                            © Andrey Suslov / Getty Images / iStock

DER FREIE ZAHNARZT - Februar 2019
DIGITALES GESUNDHEITSWESEN - Risiken und Nebenwirkungen von eHealth - FVDZ
TITEL                                                             15

Nichts ist sicher
Elektronische Patientenakte. Die elektronische Patientenakte (ePa) kommt. Spätestens 2021 soll sie
flächendeckend für jeden verfügbar sein. Soviel ist sicher. Das ist aber auch schon das einzig Sichere. Wie
die ePa tatsächlich aussehen wird, welche Funktionen sie haben soll, ob sie auf mobilen Geräten zugäng-
lich sein soll – all dies sind ungeklärte Fragen. Denn über allem schwebt das Grundproblem: Wie sicher
werden all diese Gesundheitsdaten sein?

AUTORIN: SABINE SCHMITT

E   IGENTLICH HÄTTE ES KAUM BESSER KOMMEN KÖNNEN.                       Gesundheitskarte (eGK) zu beschleunigen. Denn dieses Pro-
                                                                        jekt dümpelt seit 2004 und kommt trotz Milliardeninvestitio-
Kurz nach den Silvesterfeierlichkeiten, kaum aus der Lethargie          nen nicht so recht in Gang. Schritt für Schritt sollte nun also
zwischen Gänsebraten und Sektflasche erwacht, hat ein Daten-            die Neuzeit und mit ihr die Digitalisierung Einzug in die Pra-
diebstahl auf höchster Ebene die Republik aufgerüttelt. Tausend         xen halten: Erst die Anbindung aller Praxen an die Telematik­
Politiker und Prominente fanden gleich zu Anfang des Jahres             infrastruktur (TI), dann der Stammdatenabgleich, dann die
ihre Telefonnummern, Mailadressen, Chatverläufe und andere              Notfalldaten, und schließlich kommt die ePA dazu. „Das
Daten im Internet wieder. Die Aufregung war groß, und es stellte        eHealth-Gesetz legt den Grundstein für die digitale Infra-
sich heraus, dass es offenbar mit den recht trivialen Mitteln eines     struktur“, heißt es in einem Zwölf-Punkte-Programm der
Hobbyhackers möglich gewesen war, die Daten abzugreifen. Ein            CDU zur „E-Health-Strategie für Deutschland“. Im Mittel-
20-jähriger Schüler war der Täter, passiert ist letztlich nicht viel,   punkt stehe dabei der selbstbestimmte Patient: „Der Patient
und deshalb hatte das Ganze sein Gutes: Spätestens in diesem            ist Herr seiner Daten und entscheidet darüber, wem er welche
Moment war allen klar, dass mit etwas mehr krimineller Ener-            Daten verfügbar macht“, heißt es weiter. „Mit der ePA, auf die
gie, Professionalität und besseren Mitteln viel mehr mit sehr viel      der Patient über das Internet jederzeit zugreifen kann, hat er
sensibleren Daten hätte passieren können. Plötzlich war sie wie-        selbst einen Überblick über Diagnosen und Therapien und ist
der da: die Aufmerksamkeit für den Datenschutz.                         wesentlich umfassender informiert als bisher und kann somit
                                                                        auch weit besser in gemeinsame Entscheidungsprozesse einge-
HERZSTÜCK DER VERNETZTEN VERSORGUNG                                     bunden werden.“ Im Koalitionsvertrag, den CDU/CSU und
Gesundheitsdaten sind solche sensiblen Daten, von denen wohl            SPD 2018 geschlossen haben, ist die Einführung der ePA
niemand wünscht, dass sie ausgelesen, abgegriffen und öffent-           ebenfalls als Zielvorgabe verankert.
lich gemacht werden können. Deshalb hat die Diskussion um
die Digitalisierung im Gesundheitswesen und vor allem auch              GESUNDHEITSDATEN AUF DEM SMARTPHONE
um die ePA noch einmal richtig Fahrt aufgenommen.                       Bundesgesundheitsminister Jens Spahn legte dann recht zügig
Die ePA soll zum Herzstück der vernetzten Gesundheitsver-               die Latte noch ein wenig höher: Der Zugriff auf medizinische
sorgung werden. Den Grundstein dafür hat vor drei Jahren                Daten der ePA soll auch mittels Smartphone oder Tablet mög-
das sogenannte eHealth-Gesetz gelegt, das vor allem dafür               lich werden. Sicherheitsbedenken wischte der Minister
sorgen sollte, den stockenden Prozess der Digitalisierung               zunächst einmal beiseite. Standards wie in der Arztpraxis
sowie die Einführung und Nutzung der elektronischen                     seien bei mobiler Anwendung der ePA sicher nicht notwendig,

                                                                                                       Februar 2019 - DER FREIE ZAHNARZT
DIGITALES GESUNDHEITSWESEN - Risiken und Nebenwirkungen von eHealth - FVDZ
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sagte Spahn im Mai 2018 beim Frühjahrsfest der Zahnärzte-          rium bei der Einführung der digitalen Infrastruktur im
schaft. Kurz später folgte dann der Entwurf des Terminser-         Gesundheitswesen. Der gesamte Digitalisierungsprozess im
vice- und Versorgungsgesetzes (TSVG), das ebenfalls Voraus-        Gesundheitswesen sei zu überdenken, um Sicherheitsdefizite
setzungen für die ePA setzt. In einem Interview mit dem            erkennen und beheben zu können. Demonstrativer Aktionis-
Tagesspiegel sagte Spahn: „Wir sorgen jetzt für Tempo, nach        mus sei nicht zielführend, warnte der FVDZ-Bundesvorsit-
14 Jahren Blockade ist es auch bitter nötig.“                      zende Harald Schrader.
Bei der ersten Lesung zum TSVG erläuterte der Bundesge-
sundheitsminister: „Dieses Gesetz enthält wichtige Bestand-        ABSTRICHE BEIM DATENSCHUTZ
teile für die Versorgung. Wir wollen jetzt zügig dazu kom-         Dass in dieser Gemengelage selbst die Digital-Staatsministe-
men, dass es einen spürbaren Mehrwert für Ärztinnen und            rin Dorothee Bär (CSU) mal den Überblick verliert und
Ärzte, Patienten und andere Beteiligte gibt.“ Deshalb solle es     Abstriche beim deutschen Datenschutz fordert, um die Digi-
spätestens ab 2021 eine Verpflichtung der Kassen gegenüber         talisierung im Gesundheitswesen zu forcieren, ist fast schon
ihren Patienten und ihren Versicherten geben, die Verfügbar-       verständlich. Nur, ob es der Sache dienlich ist, darf weitge-
keit von und den Zugang zur elektronischen Patientenakte           hend bezweifelt werden. Bär jedenfalls hatte im Dezember,
sicherzustellen – „im Übrigen auch auf dem Smartphone“.            etwa einen Monat vor dem Datenleak von Politikern und Pro-
                                                                   mis, gesagt: „Wir haben in Deutschland mit die strengsten
GESUNDHEITSAKTEN SOLLEN IN TI ÜBERGEHEN                            Datenschutzgesetze weltweit und die höchsten Anforderun-
Wie in vielen anderen Bereichen drückt Gesundheitsminister         gen an den Schutz der Privatsphäre. Das blockiert viele Ent-
Spahn aufs Tempo in Sachen Patientenakte. Spahns Ansinnen          wicklungen im Gesundheitswesen, deshalb müssen wir da
ist durchaus berechtigt, denn dass Deutschland in der Digita-      auch an der einen oder anderen Stelle abrüsten, einige Regeln
lisierung des Gesundheitswesens nicht gerade an vorderster         streichen und andere lockern.“ Der Welt am Sonntag sagte
Front zu finden ist, bestätigen internationale Vergleiche          Bär, die Deutschen seien insgesamt bei allem „zu zögerlich
immer wieder. Der Minister möchte gestalten und „nicht             und zu sehr von Ängsten getrieben und gehemmt“. Im
gestaltet werden“, wie er zu diversen Gelegenheiten immer          November hatte eine Studie der Bertelsmann-Stiftung erge-
wieder wiederholt hat. Doch die Entwicklungen ziehen teil-         ben, dass Deutschland in Fragen der Digitalisierung des
weise rasant an ihm vorbei. Mitte vergangenen Jahres starte-       Gesundheitswesens in einem internationalen Vergleich auf
ten mehrere Krankenkassen die digitale Gesundheitsakte             dem vorletzten Platz gelandet war.
„Vivy“, die Techniker Krankenkasse brachte eine Gesund-
heitsakte an den Start, auch die AOK hat eine digitale Lösung      SCHLUSSLICHT MIT POSITIVER KONNOTATION
– die Liste ließe sich beliebig verlängern. Die Zeit drängt für     Schlusslicht zu sein, ist in Deutschland schwer erträglich.
eine Lösung, denn am Ende heißt es, all diese Einzellösungen        Martin Tschirsich, IT-Security Analyst des Schweizer IT-
solcher Gesundheitsakten, die tatsächlich bereits auf dem           Sicherheitsunternehmens Modzero, der beim diesjährigen
Smartphone nutzbar sind, müssen in die ePA übergehen. Der           Kongress des Chaos Computer Clubs in Leipzig einen vielbe-
Datenverkehr soll dann über die bisher aufgebauten Zugriffs-        achteten Vortrag zum Thema Sicherheit von Gesundheitsak-
punkte der Telematikinfrastuktur laufen. Dass dies nicht über       ten gehalten hat, sieht die Sache allerdings etwas anders. „In
Nacht passieren kann, davon ist der Freie Verband Deutscher         Deutschland sind wir historisch bedingt besonders für die
Zahnärzte (FVDZ) überzeugt und forderte jüngst ein Morato-          Gefahren sensibilisiert, die sich aus der Sammlung und Verar-
                                                                                             beitung personenbezogener Merkmale
                                                                                             und Daten ergeben“, sagt Tschirsich im
                                                                                             DFZ-Interview. „Wenn wir jetzt sehen,
                                                                                             wie in anderen Ländern mit Vorreiter-
                                                                                             rolle in der Digitalisierung nach und
                                                                                             nach die Gesundheitsdaten – darunter
                                                                                             genetische Merkmale – der Bevölke-
                                                                                             rung abfließen, dann bekommt das
                                                                                             Wort ‚Schlusslicht‘ auf einmal eine
                                                                                             positive Konnotation.“ Denn das ver-
                                                                                             schaffe Deutschland Zeit, die nachteili-
                                                                                             gen Folgen der Digitalisierung zu ver-
                                                                                             stehen und abzufangen. „Wir können
                                                                                                                                        © momius / stock.adobe.com

                                                                                             aus den Fehlern der anderen lernen“,
                                                                                             sagt der IT-Sicherheitsexperte. Bei sei-
                                                                                             nem Vortrag in Leipzig hatte er gezeigt,
                                                   Die gesammelten Patientendaten sind       dass in jeder Gesundheitsakte – egal
                                                   nur einen Tastendruck entfernt.           von welchem Anbieter – Sicherheitslü-

DER FREIE ZAHNARZT - Februar 2019
DIGITALES GESUNDHEITSWESEN - Risiken und Nebenwirkungen von eHealth - FVDZ
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cken vorhanden sind. Eindrucksvoll belegte er, dass auch hier         gen ohne Zusatz-Hardware auskommen und damit komfortab-
mit nicht besonders hohem Aufwand die eingebauten Sicher-             ler sein, aber eben auch weniger sicher.“ Ein weiteres Risiko
heitshürden für Hacker mit etwas Potenzial recht leicht zu            ergebe sich aus den vielen im Umlauf befindlichen Smartphones
überwinden sind.                                                      mit veralteter Software. „Soll die ePA einem großen Nutzerkreis
                                                                      zur Verfügung stehen, dann müssen Abstriche bei den Sicher-
FORDERUNG NACH SICHERHEIT NICHT ERFÜLLBAR                             heitsanforderungen an die mobile Plattform gemacht werden“,
„In jedem Fall wissen wir, dass Forderungen nach absoluter oder       ist Tschirsich überzeugt. Viele Nutzer wollen ihre Daten schnell
wirklicher Sicherheit nicht ehrlich, da nicht erfüllbar sind.“ Auch   und leicht zur Verfügung haben. Der Datendiebstahl im Januar
die gematik (Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesund-        hat gezeigt, dass es den meisten Nutzern offenbar der Komfort-
heitskarte) sehe bei der ePA Restrisiken, die trotz Zulassung (über   gewinn wichtiger ist als die Sicherheit – schneller Zugang, einfa-
das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik – BSI)        che Passwörter, wenige Klicks.
und Sicherheitsmonitoring nicht ausgeschlossen werden können.         Vielfach ist auch zu hören, dass man sich vor 15 Jahren auch noch
Ärzte, Krankenkassen und das Gesundheitsminsterium haben              nicht vorstellen konnte, seine Bankgeschäfte online oder gar per
sich im vergangenen Herbst auf ein Grundkonzept zur Ein­              Smartphone abzuwickeln. Also alles eine Frage der Gewohnheit?
führung der elektronischen Gesundheitsakte geeinigt. Die              „Bankdaten sind keine Gesundheitsdaten“, betont IT-Experte
Gesundheitsakten, die derzeit im Umlauf sind, sind die Vorläu-        Tschirsich. „Wir haben uns im Online-Banking daran gewöhnt,
fer der ePA. „Dennoch sind auch diese Akten in Teilen bereits         dass die Banken den Kunden das Geld im Betrugsfall meist aus
an die TI angebunden und sollen, so die Intention, schrittweise       Kulanz erstatten.“ Die Verluste durch Betrug im Online-Banking
in die ePA übergehen“, gibt Tschirsich zu bedenken. „Die Ent-         stiegen regelmäßig an, wie zuletzt Statistiken aus England beleg-
wickler der künftigen ePA werden also zum Teil dieselben sein,        ten. „Während ein finanzieller Schaden einfach ausgeglichen wer-
die für die jetzigen Anwendungen verantwortlich zeichnen.“            den kann, sieht dies bei Gesundheitsdaten anders aus“, gibt
Man könne optimistischerweise erwarten, dass die in Zusam-            Tschirsich zu bedenken. Gesundheitsdaten seien langlebig, und
menarbeit mit dem BSI entstandene Spezifikation der ePA viel          es müsse dafür Sorge getragen werden, dass sie ein Leben lang
der zurzeit vorgefundenen konzeptionellen Sicherheitsmängel           sicher verwahrt werden müssten. „Ein bisher ungelöstes Prob-
von vornherein ausschließen würden, sagt Tschirsich. Risiken          lem“, warnt der Sicherheitsexperte.
bestünden dann jedoch noch in einer fehlerhaften Umsetzung
der Spezifikation. „Grundsätzlich aber ist zu erwarten, dass          MAMMUTAUFGABE BIS 2021
Daten an den Schnittstellen des Systems abfließen.“                   Dies sieht auch der Präsident des BSI, Arne Schönbohm, ähn-
                                                                      lich. Bei einem Expertengespräch mit dem Gesundheitsaus-
GESUNDHEITSDATEN SIND LANGLEBIG                                       schuss des Bundestages betonte er, dass sensible Daten, die von
Absolute Datensicherheit gibt es nach Tschirsichs Einschätzung        Bürgern ins Netz gestellt werden, nicht einfach zurückgerufen
nicht. Besonders problematisch schätzt er die geforderte Verfüg-      werden könnten. Das könnte sich durchaus als Problem erwei-
barkeit von Patientendaten auf Smartphones und Tablets ein.           sen. Denn die Fachleute im Bundestag waren sich einig darü-
Die Forderung nach einer Patientenakte für das Smartphone sei         ber, dass Patienten jederzeit über ihre Gesundheitsdaten verfü-
eng verbunden mit einer zweiten Forderung nach einem einfa-           gen können müssten und selbst entscheiden dürften, wer außer
cheren Zugang zur ePA unter Verzicht auf die Gesundheitskarte         ihnen Zugang dazu bekommt. Die Souveränität der Patienten
(eGK), erläutert Tschirsich. Bislang sehe die Spezifikation eine      dürfe keinesfalls infrage gestellt werden, hieß es bei dem
sichere Authentifizierung des Versicherten über seine eGK vor.        Gespräch. Wie Sicherheit, Souveränität und Bequemlichkeit
„Typischerweise wird die eGK über ein Kartenlesegerät mit             unter einen Hut zu bringen sind, das dürfte die Mammutauf-
PIN-Eingabepad ausgelesen, die wenigsten Versicherten besit-          gabe der nächsten zwei Jahre sein, bis die ePA dann flächende-
zen ein solches Lesegerät für ihr Smartphone“, sagt der IT-           ckend stationär wie mobil für alle einsatzbereit sein wird.
Sicherheitsexperte. „Der geplante Zugang ohne eGK wird dage-          Das Interview mit Martin Tschirsich lesen Sie in voller Länge unter fvdz.de

                                                                                                                                     Sandra Sandmann-Bettruh
                                                                                                                                     Fraktionsvorsitzende
                                                                                                                                     der Schlafpartei

                                                                                                                  Februar 2019 - DER FREIE ZAHNARZT
DIGITALES GESUNDHEITSWESEN - Risiken und Nebenwirkungen von eHealth - FVDZ
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Künstliche Intelligenz –
Fluch oder Segen?
Risiken und Nebenwirkungen im Gesundheitswesen. Wer
sich heute mit Digitalisierung beschäftigt, kommt am Thema „Künst-
liche Intelligenz (KI)“ nicht vorbei. Zwar waren schon in den achtziger
Jahren einzelne technische Errungenschaften wie kommerzielle
Schachcomputer auf dem Vormarsch, aber aktuell sind Diskussionen
und vor allem umfassende Visionen im Zusammenhang mit KI omni-
präsent. Auch das Gesundheitswesen ist in den Fokus gerückt.

AUTORIN: MELANIE FÜGNER

Neu und fremd ist Künstliche Intelligenz          Da wundert es nicht, dass auch die        Auch werden mögliche nächste Schritte
schon lange nicht mehr. Der Alltag im             Medizin verstärkt KI einsetzt, um         aufgezeigt, zum Beispiel ob sofort ein
Jahr 2019 ist geprägt von Algorithmen             Krankheiten zu erkennen und Behand-       Arzt eingeschaltet werden soll oder ob
und neuronalen Netzen. Ob digitale                lungen nachzuvollziehen. Ein Beispiel     eine Behandlung noch warten kann.
Sprachassistenten, Streamingdienste,              ist die App „Ada“ der Techniker Kran-     Zusätzlich ist Anfang 2019 der Beta-Test
Staubsaugerroboter, Fitness-Apps oder             kenkasse (TK). Über diese können Ver-     einer neuen „TK-Doc“-App an den Start
Navigationsgeräte – Berührungspunkte              sicherte ihre Beschwerden mit Hilfe       gegangen, über die Versicherte nach der
mit KI hat fast jeder. Weitere Anwen-             eines KI-gesteuerten Fragenkatalogs       Bewertung ihrer Beschwerden telefo-
dungsgebiete: autonomes Fahren, Aus-              eingeben. Danach spuckt „Ada“ eine        nisch, per Text- oder Videochat mit
wertungen riesiger Datenmengen (Stich-            persönliche Analyse, also eine Art Vor-   einem Arzt Kontakt aufnehmen können.
wort: Big Data) sowie Analysen und Pro-           abdiagnose, aus und informiert auf
gnosen. Selbst eine musikkomponie-                Wunsch des Nutzers über passende          TK: „SERIÖSE VALIDIERTE
rende Software wurde bereits entwickelt.          digitale Versorgungsangebote der TK.      GESUNDHEITSINFORMATIONEN“
                                                                                            Allein der Symptomcheck ist nicht ohne
                                                                                            Tücken: Ein Test von „Ada“ hat gezeigt,
                                                                                            dass die App nach der Angabe von relativ
                                                                                            harmlosen Symptomen wie Kopfschmerz
     SCHWACHE UND STARKE KI                                                                 und Wärmegefühl eine Serie von mögli-
                                                                                            chen Krankheitsbildern diagnostizierte –
                                                                                            von Bluthochdruck über Schilddrüsen-
     Künstliche Intelligenz bezeichnet in der Regel den Versuch, Entscheidungsstruk-
                                                                                            überfunktion bis hin zu einem gutartigen
     turen des Menschen zu simulieren. Dafür wird etwa ein Computer so program-
                                                                                            Tumor der Hypophyse. Empfohlen wurde
     miert, dass er relativ eigenständig Probleme bearbeiten kann. Unterschieden wird
                                                                                            ein sofortiger Arztbesuch mit unverzüg­
     zwischen schwacher und starker KI. Die schwache KI, die heutzutage eingesetzt
                                                                                            licher medizinischer Behandlung. Nicht
     wird, kann das menschliche Denken in einzelnen Bereichen unterstützen. Es geht
                                                                                            jeder Versicherte bewahrt in einem sol-
     um die Simulation intelligenten Verhaltens mit Hilfe der Mathematik und Infor-
                                                                                                                                       © Andrea Danti / Fotolia

     matik. Das Ziel einer starken KI ist es, die gleichen intellektuellen Fertigkeiten     chen Fall die Ruhe. Das bedeutet mitun-
     eines Menschen zu erlangen oder sogar zu übertreffen. Eine starke KI, die ihre         ter Notarzt oder Notaufnahme im Kran-
     Erkenntnisse auf andere Bereiche übertragen kann, gibt es derzeit noch nicht.          kenhaus. Versetzen derartige Diagnosen
                                                                                            Patienten nicht eher in Panik? Wäre bei

DER FREIE ZAHNARZT - Februar 2019
DIGITALES GESUNDHEITSWESEN - Risiken und Nebenwirkungen von eHealth - FVDZ
TITEL                                  19

„Die Erschaffung einer echten künstlichen Intelligenz könnte
            das Ende der Menschheit bedeuten.“
       Stephen Hawking (2018 verstorbener Physiker und Astrophysiker)

solchen Beschwerden der Besuch beim Hausarzt nicht sinnvol-
ler? Fragen wie diese beantwortet die Techniker Krankenkasse
recht ausweichend: „Die TK kooperiert mit Ada, um Versicher-
ten seriöse, validierte Gesundheitsinformationen an die Hand zu
geben. Bereits heute informiert sich das Gros der Patienten vor
und nach einem Arztbesuch im Internet und googelt die Symp-
tome. Vielen fällt es jedoch schwer, seriöse Informationen im
Internet zu finden“, schrieb die TK auf Anfrage der DFZ-Redak-
tion. Die Krankenkasse preist die App vor allem vor dem Hinter-
grund an, dass sie sieben Jahre lang von Medizinern mit Tausen-
den von Fällen gespeist worden sei und täglich durch die Nutzer
der App mit rund 30.000 neuen Fällen erweitert werde.
Dass diese Informationen deutlich seriöser und somit sinnvol-
ler sind als die oft gewerblichen Treffer bei Google, steht
sicherlich außer Frage. Aber was ist mit der Haftung? Wer haf-
tet, wenn ein Patient nach einer nicht eindeutigen Diagnose
via „Ada“-App nicht rechtzeitig zum Arzt geht und sich sein
gesundheitlicher Zustand dadurch (und vielleicht dauerhaft)
verschlechtert? Auch diese Frage hat die Techniker Kranken-
kasse nicht zufriedenstellend beantwortet: „Die Diagnostik
durch einen Arzt ersetzt Ada in keinem Fall“, räumte die
Kasse nur ein. „Ada stellt keine Diagnosen. Es geht darum,
dass Versicherte qualifizierte Gesundheitsinformationen
bekommen und so besser informiert sind. Ada ersetzt in kei-
nem Fall den Besuch beim Arzt.“
Etwas konkreter als die Pressestelle der TK zeigte sich dage-
gen ihr Vorstandsvorsitzender Dr. Jens Baas nach der Vorstel-
lung der App im vergangenen Jahr: „Mit dem digitalen Symp-
tomcheck und anschließendem Arzt-Chat geben wir bereits
heute einen Ausblick darauf, wie Versorgung in der Zukunft
aussehen kann“, sagte Baas. Und mit dieser Einschätzung
steht er nicht alleine da.

DAS GESUNDHEITSWESEN IST EIN SCHLÜSSELBEREICH
Auch die Bundesregierung setzt verstärkt auf Künstliche Intel-
ligenz. Der Deutsche Bundestag hat 2018 eine sogenannte
Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz“ (siehe Kasten,
S. 20) ins Leben gerufen. Und die solle sich besonders auf das
Gesundheitswesen konzentrieren, forderte beispielsweise der
CDU-Gesundheitspolitiker Tino Sorge, Berichterstatter der
Unionsfraktion für Digitalisierung und Gesundheitswirtschaft
und stellvertretendes Mitglied in der neuen Kommission.
Das Gesundheitswesen „gehört zu den wenigen Gebieten, auf
denen die Chancen von KI schon heute ganz konkret greifbar
sind“, sagte der Magdeburger Bundestagsabgeordnete laut
Ärzteblatt. Als Beispiel nannte er die digitale Bildauswertung:
„Maschinen können Bilder oft schon präziser auswerten als

                                     Februar 2019 - DER FREIE ZAHNARZT
DIGITALES GESUNDHEITSWESEN - Risiken und Nebenwirkungen von eHealth - FVDZ
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der Arzt – denn durch KI lernen sie auf        brachte es der Chef der Kassenärzt­          Intelligenz, jedoch will ich als Arzt
der Grundlage von Tausenden Bildern,           lichen Bundesvereinigung (KBV), Dr.          natürlich nicht für deren Fehler haften.“
verlässlich zwischen gesund und krank          Andreas Gassen, gegenüber der Deut-          Computerprogramme könnten zwar
zu unterscheiden“, sagte er.                   schen Presse-Agentur auf den Punkt. „Es      heutzutage schon durchaus verwertbare
In dieselbe Richtung zielt die Antwort         wird ärztliche Sache bleiben, Dinge          Diagnosen stellen, sagte Kisro. Bei-
der Bundesregierung auf eine Kleine            zusammenzuführen und für die indivi-         spielsweise könne die radiologische Dia-
Anfrage der FDP-Fraktion. „Die Bun-            duelle Patientensituation zu werten.“        gnostik offenbar inzwischen eine mit
desregierung will Künstliche Intelligenz       Helfen kann KI laut Gassen etwa beim         einem menschlichen Diagnostiker ver-
(KI) als Schlüsseltechnologie intensiv         Auswerten komplexer Laborbefunde.            gleichbare Treffsicherheit erreichen.
und in der Breite fördern. Deutschland         Jedoch bei allem, wo menschliche             Selbst dass ein Roboter zahnärztliche
soll führender Standort für die Ent-           Wärme und Zuwendung gefragt seien,           Arbeiten übernimmt, hält Kisro für
wicklung und Anwendung von KI-Tech-            sei KI genauso wie Robotik keine erstre-     „technisch denkbar“. Doch nach den
nologien werden, auch um die Wettbe-           benswerte Variante. Stattdessen solle        derzeitigen Bedingungen müsse ein
werbsfähigkeit des Landes zu sichern“,         lieber die sprechende Medizin gestärkt       Arzt oder Zahnarzt für dessen Arbeit
heißt es in der Stellungnahme. Dazu            werden, waren sich die Mediziner auf         geradestehen, wenn etwas schiefgeht.
habe das Kabinett im November 2018             dem Deutschen Ärztetag 2018 einig.           Das bestätigt der Justiziar des Freien
eine Strategie Künstliche Intelligenz          Auch bei einem „Health-IT Talk“ Anfang       Verbandes Deutscher Zahnärzte,
beschlossen, die für die nächsten sieben       des Jahres in Berlin haben unterschiedli-    Rechtsanwalt Michael Lennartz: „KI
Jahre Investitionen in Höhe von drei           che Experten im Gesundheitswesen die         kann (zahn)medizinische Behandlungen
Milliarden Euro vorsehe.                       sinnvolle Nutzung von Künstlicher Intel-     nur ergänzen. Für die eigene Anamnese,
                                               ligenz angemahnt. Dr. Bernhard Tenck-        die Untersuchung des Patienten in Per-
TECHNISCH MÖGLICH, ABER                        hoff von der Stabsstelle Innovation, stra-   son und darauf fußende Diagnostik gibt
Damit ist klar, wohin die Reise geht.          tegische Analyse und IT-Beratung der         es auch haftungsrechtlich keinen Ersatz.
Was das Gesundheitswesen betrifft, ste-        KBV nannte drei entscheidende Voraus-        Sich auf KI, insbesondere von Algorith-
hen Ärzte- und Zahnärzteschaft der             setzungen für den Einsatz von KI: Sie        men erstellte Diagnosen zu verlassen,
Thematik eher kritisch gegenüber. Viele        dürfe in erster Linie dem Patienten nicht    würde im Schadensfall zur Haftung
Verbände haben sich nach der Vorstel-          schaden, müsse verlässlich funktionieren     wegen Behandlungsfehlern führen.“
lung der TK-Apps deutlich positioniert.        und natürlich auch medizinisch von Nut-
Hauptkritikpunkt: Mit dem Angebot              zen sein, forderte Tenckhoff.                ROBOTER HABEN (NOCH) KEINE GEFÜHLE
mischt sich die TK unbotmäßig in das           Für Arzt und Zahnarzt Dr. Rolf Kisro         Ganz abgesehen von der juristischen Seite
vertrauliche Arzt-Patienten-Verhältnis         aus Berlin gibt es beim Thema KI eine        ist gerade im Gesundheitswesen die
ein. „Ich warne davor, eine Künstliche         entscheidende Frage – die Frage der          menschliche Komponente von großer
Intelligenz Diagnosen stellen zu lassen“,      Haftung: „Ich bin Fan der Künstlichen        Bedeutung. In Medizin und Pflege wird
                                                                                            schon seit Längerem darüber gesprochen,
                                                                                            Roboter zukünftig als Betreuer einzuset-
                                                                                            zen. Aber können Roboter Empathie, und
                                                                                            Emotionen zeigen und auf die Gefühle
     ENQUETE-KOMMISSION ZU KI                                                               von Menschen eingehen? Prof. Dr. Oliver
                                                                                            Bendel, Wirtschaftsinformatiker und
                                                                                            selbsternannter Roboterphilosoph, sieht
     Der Deutsche Bundestag hat im Juni 2018 die Einset-
                                                                                            da einem teachtoday-Interview zufolge
     zung einer Enquete-Kommission „Künstliche Intelli-
                                                                                            ganz klare Grenzen: „Wir verfügen über
     genz – Gesellschaftliche Verantwortung und wirt-
                                                                                            Roboter, die Emotionen erkennen und
     schaftliche, soziale und ökologische Potenziale“ be-
                                                                                            zeigen, aber natürlich nicht haben. Robo-
     schlossen. Die Enquete-Kommission setzt sich zu glei-
                                                                                            ter und KI-Systeme werden meiner Mei-
     chen Teilen aus Mitgliedern des Deutschen Bundestages
     und externen Experten zusammen und soll den künf-                                      nung nach nie Gefühle haben. Für diese
     tigen Einfluss der KI auf das Zusammenleben, die deut-                                 braucht es biochemische Grundlagen.“ Es
     sche Wirtschaft und die Arbeitswelt untersuchen. Im                                    fehlt also an emotionaler Intelligenz.
     Mittelpunkt stehen sowohl die Chancen als auch die                                     Zumindest vorerst. Denn Forscher gehen
     Herausforderungen der KI. Dabei nehmen die Kom-                                        schon davon aus, dass die Künstliche
     missionsmitglieder technische, rechtliche und ethische                                 Intelligenz die Intelligenz des Menschen
     Fragen unter die Lupe. Die Enquete-Kommission hat                                      eines Tages übersteigen wird. Das Deut-
                                                                                                                                        © psdesign1 / Fotolia

     den Auftrag, den Handlungsbedarf auf nationaler, eu-                                   sche Forschungszentrum für Künstliche
     ropäischer und internationaler Ebene auszumachen.                                      Intelligenz rechnet allerdings frühestens
                                                                                            in 50 Jahren damit.

DER FREIE ZAHNARZT - Februar 2019
DIGITALES GESUNDHEITSWESEN - Risiken und Nebenwirkungen von eHealth - FVDZ
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Ein völlig                                                          Gesundheitsapps. Wie viele Health-Apps es gibt, weiß niemand,
                                                                    und gerade in der Zahnmedizin sind die Angebote meist noch sehr

wilder Markt
                                                                       schlicht. Aber auch vor diesem Bereich werden die mobilen
                                                                                   Anwendungen kaum Halt machen.

AUTORIN: MARION MEYER-RADTKE

Warum lange beim Arzt im Wartezim-          Appell bereits gefolgt. Laut den Betrei-     lyse oder gar der Bekämpfung von
mer sitzen, wenn man auch einfach eine      bern klickt sich alle drei Sekunden ein      Schlafstörungen, Migräne und Tinnitus
                                                                                                                                      © links: kebox / stock.adobe.com, rechts: [M] Andrey Popov / stock.adobe.com
App fragen kann? „Hallo, ich bin Ada.       Nutzer durch die Symptomanalyse. Eine        wird in den App-Stores alles angeboten,
Ich kann dir helfen, wenn du dich nicht     Weltkarte auf der Webseite verkündet         was denkbar ist. Einen wirklichen
wohlfühlst.“ Ob Kopfschmerzen oder          spektakuläre Beispielergebnisse: Geni-       Überblick hat niemand. Weder das
Lippenbläschen, Gelenkprobleme oder         talherpes, Dengue-Fieber, Morbus             Bundesamt für Sicherheit in der Infor-
neurologische Störungen – die Medizin­      Fabry.                                       mationstechnik (BSI) noch der Bran-
app „Ada – Die Gesundheitshelferin“                                                      chenverband Bitkom oder das Bundes-
(siehe auch Seite 18), Produkt eines Ber-   ZAHN-APPS NOCH IN DEN                        gesundheitsministerium können die
liner Startups, verspricht eine Art erste   KINDERSCHUHEN                                Frage beantworten, wie viele Gesund-
Hilfe: „Du fühlst dich unwohl? #tell        Gesundheit ist ein Riesenthema, ent-         heitsapps überhaupt auf dem Markt
Ada“, ruft es von Plakaten und aus dem      sprechend boomt auch der IT-Markt.           sind. Schätzungen bewegen sich
Netz. Mehr als fünf Millionen Men-          Vom Bewegungstracker über den Blut-          irgendwo zwischen 100.000 und
schen in über 130 Ländern sind diesem       druckmesser bis hin zur Symptomana-          380.000.

DER FREIE ZAHNARZT - Februar 2019
DIGITALES GESUNDHEITSWESEN - Risiken und Nebenwirkungen von eHealth - FVDZ
TITEL                                       23

                                          DAS ANGEBOT
                                          FÜR ZAHN-
                                          APPS STECKT
                                          OFFENBAR
                                          NOCH IN DEN
                                          KINDER-
                                          SCHUHEN

Wie viele davon die Zahnmedizin           500 Downloads seit der Einrichtung im
betreffen, weiß erst recht niemand, und   März 2017 an.
auch die Qualität ist bislang kaum eva-   Auf über eine Million Downloads
luiert. Warum sie keine Zahnmedizin-      kommt „Oral B – Ihr persönlicher Putz-
App für ihre Versicherten im Angebot      assistent“, eine App, die sich mit der
haben, könne sie auch nicht sagen, sagt   Zahnbürste verbindet und per Positi-
eine Sprecherin einer gesetzlichen        onserkennung und Smartphone-
Krankenkasse, die das Feld der Gesund-    Kamera das Putzverhalten analysieren
heitsapps recht offensiv angeht. Über     will. In den Kommentaren bemängeln
Zahn-Apps habe sie noch gar nicht         Benutzer schlechte Bluetooth-Verbin-
nachgedacht. Möglicherweise weil die      dungen und die ausführliche Datenab-
bisherigen einfach nicht sehr hilfreich   frage durch die App, darunter auch eine
sind? Auskunft gibt die Kassenspreche-    Standortbestimmung. Bei Monitoring-
rin darüber keine, einen Interviewter-    Angeboten anderer Anbieter für Kinder
min sagt sie ab.                          beschweren sich die Eltern darüber, dass
Der Blick in die App-Stores aber zeigt:   die Anwendungen abstürzen, die eigene
Das Angebot für Zahn-Apps steckt          Zeitvorgabe nicht einhalten oder gar
offenbar großenteils noch in den Kin-     nicht erfassen, ob wirklich geputzt wird
derschuhen. Bislang erschöpft es sich     oder einfach jemand vor der Kamera
vor allem in Zahnarzt-Spielchen für       herumzappelt.
Kinder, in Motivations- und Monito-
ring-Angeboten rund ums Zähneput-         ZAHNMEDIZIN EIN BISSCHEN ZU KOMPLEX
zen und im Informationsaustausch mit      Und natürlich finden sich auch schon
Zahnarztpraxen oder Krankenkassen.        wieder Apps, die in unterirdischer
GoDentis, eine Tochter der DKV, bietet    Deutsch-Übersetzung verkünden, sie
mit ihrer App „Zähne!“ den Patienten      würden aufklären über „Die wahre Ursa-
allerlei praktische Tools: eine Zahn-     che von Hohlräumen, Gummi-Krank-
arztsuche vor Ort, Speicher für Doku-     heit und alle Formen der Karies (Hin-
mente wie Röntgenaufnahmen,               weis: Es ist NICHT in Zucker)“. Dieses
Behandlungsplan, Rechnungen und           2,99-Euro-Angebot fand gerade eben 50
Bonusheft, Hinweise zur Zahnpflege        Downloads. Für völlig doof lassen sich
und einen Timer fürs Zähneputzen. So      die meisten dann doch nicht verkaufen.
richtig eingeschlagen ist das Angebot     Dennoch: Abtun sollte man den App-
noch nicht: Der Google Playstore gibt     Markt für Zahnmedizin nicht. „Das

                                                  Februar 2019 - DER FREIE ZAHNARZT
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wird kommen, da bin ich mir ganz           sollen sich Zahnarzt und Patient etliche
sicher“, sagt Dirk Ruffing, Mitglied des   Besuche in der Praxis sparen. In Frank-
FVDZ-Bundesvorstandes, der in Bexbach      reich, Australien, USA und Hongkong
im Saarland von der Patientenakte bis      hat die Firma schon Niederlassungen, in
zum Röntgenbild seit Jahren eine digita-   Deutschland noch nicht.
lisierte Praxis betreibt. „Im Moment
überzeugen mich die Angebote noch          90 PROZENT MÜLL
nicht. Vielleicht ist die Zahnmedizin      Dirk Ruffing bleibt bei solchen Verspre-
auch ein bisschen zu komplex.“ Ein Kin-    chen skeptisch: „Wenn etwas Sinnvolles
derarzt könne schon viel übers Telefon     entwickelt wird, bin ich gerne dabei.
klären, das sei bei Zahnärzten anders:     Bisher sehe ich das nicht.“ Und ohnehin
„Wenn bei mir ein Patient anruft und       begleite er die Entwicklung hin zur
beschreibt, was er hat, kann ich immer     Telematik kritisch. „Vor allem die
nur sagen, er müsse mal vorbeikommen.“     Datensicherheit wird ja immer mehr in
Allerdings arbeiten Entwickler bereits     den Hintergrund gedrängt. Mir kann
daran, die Telemedizin (siehe auch Seite   keiner erzählen, dass diese zentrale
25) auch auf den Zahnbereich auszu-        Datensammelwut im Gesundheitsbe-
dehnen. Der Franzose Philippe Salah        reich sicherer wird.“
brachte vor einigen Jahren die App Den-    Das sieht auch der Mainzer Orthopäde
tal Monitoring auf den Markt – die nach    und Unfallchirurg Dr. Sebastian Kuhn
seiner Aussage erste mobile Anwen-         so, der an der Uni die Lehrveranstaltung
dung, mit der Patienten die Fortschritte   „Medizin im digitalen Zeitalter“ leitet.
ihrer Zahnbehandlung selbst dokumen-       Von den Hunderttausenden Gesund-
tieren: Patienten, die Aligner zur         heitsapps seien „90 Prozent Müll. Die
Behandlung einer Okklusionsstörung         wollen vor allem die Daten der Nutzer
angepasst bekommen, sollen die Aus-        ausspionieren“, sagte er „Carta 2020“,
wirkungen auf ihre Zahnstellung per        einem Magazin des Stifterverbands.
3-D-Scanner auf ihrem Smartphone           Umso wichtiger sei es, dass die Medizin
festhalten. Die Aufnahmen werden an        sich nicht das Heft des Handelns aus der
den Zahnarzt geschickt, dem die App        Hand nehmen lasse, um solchem Wild-
auch gleich eine Analyse liefert. Damit    wuchs zu begegnen.

                                                                                      DIE MEDIZIN
                                                                                      SOLLTE SICH
                                                                                      NICHT DAS
                                                                                      HEFT DES
                                                                                      HANDELNS
                                                                                      AUS DER
                                                                                      HAND NEH-
                                                                                                    © links: Andrey Popov / stock.adobe.com, rechts: PhonlamaiPhoto / Getty Images / iStock
                                                                                      MEN LASSEN

DER FREIE ZAHNARZT - Februar 2019
TITEL                                                            25

Mit Vorsicht
zu genießen
Telemedizin. Sie findet einen immer breiteren Einsatz in der Patien-
tenversorgung, auch in Zahnarztpraxen: Telemedizin. Chancen und
Risiken telemedizinischer Anwendungen.

AUTORIN: MAIKE RAACK

Keine Frage, es spart kostbare Zeit und         bei werden Informations- und Kommuni-       in Deutschland ansässige Mediziner
Wege, wenn zum Beispiel Tele-Stroke-            kationstechnologien eingesetzt.“            über digitale Medien ermöglicht. Vor-
Units in kleineren Krankenhäusern auf           Bereits seit den 1980er Jahren kommen       aussetzung: Die ärztliche Sorgfalt bei
dem Land Schlaganfallpatienten versor-          telemedizinische Methoden bei einer         Diagnostik, Beratung, Therapie und
gen, wenn keine reguläre Stroke Unit in         räumlichen Trennung von Arzt und            Dokumentation muss gewährleistet
erreichbarer Nähe ist, oder wenn Herz-          Patient oder von Arzt und Facharzt zum      sein, Patienten müssen über die Online-
schrittmacherwerte den Kardiologen in           Einsatz, etwa bei militärischen Einsät-     Behandlung aufgeklärt werden.
Echtzeit erreichen. Telemedizin bringt          zen, bei Expeditionen oder in entlege-      Es gibt aber durchaus auch Abweichler:
viele Chancen – birgt aber auch Risiken.        nen Wohngegenden (Flying Doctors).          So schließt etwa die Ärztekammer
Die Bundesärztekammer definiert Tele-           Zunehmend auch in medizinisch gut           Brandenburg in ihrer Berufsordnung
medizin als „einen Sammelbegriff für            versorgten Gebieten soll Telemedizin        die ausschließliche Fernbehandlung
verschiedenartige ärztliche Versorgungs-        seit einiger Zeit die Möglichkeit verbes-   weiterhin aus.
konzepte“, mit der Gemeinsamkeit, „dass         sern, eine Zweitmeinung einzuholen          Heruntergebrochen auf die Zahnmedi-
medizinische Leistungen der Gesund-             oder etwa Notfälle durch apparative         zin sieht das Pflegepersonal-Stärkungs-
heitsversorgung der Bevölkerung in den          Fernbeobachtung verhindern helfen.          Gesetz (PpSG), das zum 1. Januar 2019
Bereichen Diagnostik, Therapie und              Im Mai 2018 beschloss nun der Deut-         in Kraft getreten ist, die Möglichkeit von
Rehabilitation sowie bei der ärztlichen         sche Ärztetag eine Änderung der Mus-        Videosprechstunden und -fallkonferen-
Entscheidungsberatung über räumliche            terberufsordnung für Ärzte, die eine        zen vor, „zur Weiterentwicklung der
Entfernungen (...) erbracht werden. Hier-       ausschließliche Fernbehandlung durch        zahnärztlichen Versorgung von Pflege-

                                                                                                     Februar 2019 - DER FREIE ZAHNARZT
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bedürftigen und zur Verbesserung der Kommunikation zwi-          Ein weiterer Vorteil der Digitalisierung der Medizin sei die
schen Zahnärzten und Pflegepersonal.“ Ergänzend heißt es         Möglichkeit einer Versendung von Röntgenbildern und digi-
darin weiter: „Auch wenn telemedizinische Verfahren im           talen Fotos in Echtzeit, um eine Zweitmeinung zwischen Ärz-
zahnärztlich-kurativen Bereich sicherlich von geringerer         ten einzuholen. Aber, bemängelt van Rijt, in der Praxis ist die
Bedeutung sind als in anderen medizinischen Bereichen,           Technik häufig nicht kompatibel - und es stelle sich die Frage,
kommt diesen Verfahren bei Information, Beratung und Auf-        welcher Anbieter die Bilder überträgt? Und was passiert, wenn
klärung hohe Bedeutung zu.“                                      die Technik gehackt wird?

FÜR ERSTKONTAKT PERSÖNLICHE BEGEGNUNG WEITERHIN                  VORSICHT BEI TELEMEDIZIN IN SACHEN DATENSCHUTZ
NOTWENDIG                                                        In datenschutzrechtlicher Hinsicht betreten technikaffine
Auch drs. Hubertus van Rijt, Vorstandsmitglied des Freien        Zahnmediziner tatsächlich eine Grauzone: Die einschlägigen
Verbandes Deutscher Zahnärzte und Verbandsbeauftragter           Gesetze bieten diesbezüglich in Sachen Zahnmedizin bislang
für Digitales, sieht durchaus Chancen telemedizinischer          wenig Vorgaben. Rechtsanwältin Walburga van Hövell rät
Methoden im Bereich der aufsuchenden Zahnheilkunde.              daher zu großer Vorsicht bei telemedizinischen Anwendungen
So könne etwa bei pflegebedürftigen Patienten eine zahnärzt-     in der Zahnmedizin. So solle ein Zahnmediziner vorab unbe-
liche Fachangestellte (ZFA) mit Hilfe einer intraoralen          dingt abklären, ob seine Berufshaftpflichtversicherung eine
Kamera vor Ort Befunde aufnehmen und diese an den live           telemedizinische Behandlung abdeckt. Abzuklären seien
zugeschalteten Zahnarzt übermitteln. Voraussetzung sei, dass     bezüglich einer Videokonferenz etwa auch die Verschwiegen-
die ZFA von der Berufsgruppe geschult und die Technik aus-       heitsverpflichtung und der Datenschutz. Aus Sicht des Daten-
gereift sei, betont van Rijt. „Auf der Grundlage der übermit-    schutzes sei für den Einsatz von Telemedizin womöglich auch
telten Bilder kann ich als Zahnarzt unmittelbar eine grobe       eine Datenschutzfolgeabschätzung nach Art. 35 DSGVO
Einteilung des Behandlungsbedürfnisses vornehmen.“               (Datenschutzgrundverordnung) erforderlich sowie auch bei
Damit müssten Pflegebedürftige nicht häufiger als nötig in die   kleinen Praxen (weniger als zehn datenverarbeitende Perso-
Praxis kommen, für den Zahnarzt ließen sich Doppelfahrten        nen) gegebenenfalls die Benennung eines Datenschutzbeauf-
vermeiden.                                                       tragten.
Allerdings könne der dank intraoraler Kamera übermittelte
Befund nur als Ersteindruck dienen, anhand dessen der Zahn-      NEUREGELUNG ERFORDERLICH
arzt beurteilt, ob eine Behandlung nötig ist, und wie umfang-    Anders als bei den Humanmedizinern, deren Musterberufs-
reich diese sein muss. Für den Erstkontakt sei weiterhin eine    ordnung mittlerweile ein gelockertes Fernbehandlungsverbot
persönliche Begegnung zwingend notwendig, unterstreicht          regelt, gibt die Musterberufsordnung der Zahnärzte keine kla-
van Rijt. Und um letztlich einen Schaden am Zahn in Ord-         ren Vorgaben für eine telemedizinische Behandlung. Laut § 9
nung zu bringen, sei in der Zahnmedizin immer manuelle           Abs. 1 Muster BerufsO-Z ist die Berufsausübung des selbstän-
Tätigkeit notwendig. „Eine Behandlung am Patienten darf in       digen Zahnarztes an einen Praxissitz gebunden, woraus sich
jedem Fall nur ein Arzt oder Zahnarzt vornehmen. Ohne            bislang ein Fernbehandlungsverbot ableitet. Darüber hinaus
Ertasten und Fühlen, ob beispielsweise eine Verfärbung hart      regelt § 9 Abs. 1 des Bundesmantelvertrages der Zahnärzte die
oder weich ist, kann man sich kein vernünftiges Bild von der     persönliche Leistungserbringung durch den Zahnarzt. „Beide
Zahn- und Mundgesundheit machen.“                                Vorschriften sind vor anderen Hintergründen sowie ohne
                                                                                         Kenntnis um die heutige Technik ent-
                                                                                         standen und heute möglicherweise neu
                                                                                         zu interpretieren. Nichtsdestotrotz
                                                                                         wird bislang standesrechtlich ein Fern-
                                                                                         behandlungsverbot angenommen. Zur
                                                                                         Rechtssicherheit ist eine diesbezügliche
                                                                                         Neuregelung absolut erforderlich“, sagt
                                                                                         van Hövell. Auch bedürfe es klarer
                                                                                         gesetzlicher Vorgaben für die Abrech-
                                                                                         nung sowie sonstiger rechtlicher Rah-
                                                                                         menbedingungen für eine zahnmedizi-
                                                                                         nische Telemedizin.

                                                                                        VERSCHWIEGENHEITSVERPFLICHTUNG
                                                                                                                                    © angellodeco / Fotolia

                                                                                        UND DATENSCHUTZ
                                                                                        Beides bedingt, dass die telemedizini-
                                                                                        sche Dienstleistung sicher vor dem
                                                                                        unbefugten Zugriff Dritter stattfindet.

DER FREIE ZAHNARZT - Februar 2019
TITEL                                 27

 Sollten die Rahmenbedingungen rechtliche Sicherheit bie-
ten, ist der Einsatz von Telemedizin in der eigenen Praxis laut
 Datenschützerin van Hövell „auf den Prüfstand zu stellen“,
  also eine mögliche Nutzung rechtlich abzuklären – etwa
über die Rechtsberatung des Freien Verbandes für Mitglieder
   oder über eine Prüfung durch einen Anwalt – und auch
  durch eine entsprechende Berufshaftpflicht abzusichern.

„Für die Umsetzung bedeutet dies, dass datenschutzrechtlich
zertifizierte Videoportale zu nutzen sind. Das sind mit Sicher-
heit nicht Facetime, WhatsApp oder Skype, sondern speziali-
sierte Videoportale“, empfiehlt die Juristin. Diese sollten eine
Ende-zu-Ende-Verschlüsselung garantieren. Die weitere
Datenverarbeitung (etwa Aufzeichnung und Speicherung von
Videosprechstunden) hat nach den Vorschriften der DSGVO
und des Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG) zu erfolgen.
Auch wenn im zahnärztlichen Bereich, etwa bei Versorgungs-
verträgen mit Altersheimen, Telemedizin bei Diagnose oder
Nachsorge entlastet und Transportwege einsparen hilft, sollten
Zahnärzte angesichts der unklaren rechtlichen Rahmenbedin-
gungen Telemedizin vorerst nicht nutzen, wenn dieses Vorha-
ben nicht zuvor durch eine fachkundige Stelle überprüft wurde,
betont van Hövell.

DIFFERENZIERUNG, NICHT PAUSCHALKRITIK
Eine Reflexion darauf, was Telemedizin leisten kann und was
nicht, fordert Medizinethiker Prof. Dr. Giovanni Maio von
der Universität Freiburg. „Gegenwärtig wird so getan, als
könne man über Digitalisierung alles besser machen“, so
Maio. „Das ist grundlegend falsch. Man kann einiges verbes-
sern und erleichtern, aber die Digitalisierung kann erstens
nicht alle Probleme lösen und zweitens schafft die Überbewer-
tung der Digitalisierung neue Probleme.“
Die Digitalisierung der Kommunikation verändere laut Maio
die Information durch Selektion und Verformung. Dies führe
letzten Endes zu einer „Entkörperlichung“ von Informatio-
nen. Und genau diesen Trend gilt es kritisch zu reflektieren.
„Wir nehmen ganzheitlich wahr, mit allen Sinnen, und
machen uns ein Gesamtbild, indem wir verschiedene Eindrü-
cke zusammenführen. Das kann das Bild schlichtweg nicht“,
kritisiert Maio. Das Bild bleibe, auch wenn es vielleicht präzi-
ser ist, immer etwas Ausschnitthaftes. Es müsse also in der
Diskussion von Nutzen und Risiko der Telemedizin um Diffe-
renzierung gehen, nicht um Pauschalkritik. „Die größte
Gefahr besteht darin, dass man irgendwann glauben könnte,
das persönliche Untersuchen war gestern, heute machen wir
es genauer, nämlich über Maschinen“, betont Maio. „Das wäre
ein eindeutiger Rückschritt. Die persönliche Untersuchung,
gekoppelt an das persönliche Gespräch wird immer der
Königsweg bleiben.“

                                                                      Februar 2019 - DER FREIE ZAHNARZT
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