DROGENKURIER - CORONA VIRUS Drogengebrauchende und Drogenhilfe in Gefahr - JES ...
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DROGENKURIER
magazin des jes-bundesverbands
mai 2020
nr. 122
CORONA
VIRUS
Drogengebrauchende
und Drogenhilfe
in Gefahreditorial DROGENKURIER
Liebe Leserinnen und Leser,
IMPRESSUM
Nr. 122, Mai 2020
Förderinnen und Förderer
des DROGENKURIER,
Herausgeber des DROGENKURIER:
JES*-Bundesverband e. V.
Wilhelmstraße 138
10963 Berlin
Tel.: 030/69 00 87-56
liebe Freundinnen und Freunde
Fax: 030/69 00 87-42
Mail: vorstand@jes-bundesverband.de des JES-Bundesverbands
www.jes-bundesverband.de
DAH-Bestellnummer: 102122
ISSN: 2512-4609
Auflage: 4.500 Exemplare
Seit vielen Wochen hat uns Covid-19 fest im Griff. Das Virus bestimmt mittlerweile
unser ganzes Leben, unsere Arbeit, unsere Freizeit und unser Verhalten.
Redaktion: JES-Bundesvorstand,
Dirk Schäffer
Das Hilfesystem für Menschen die Drogen gebrauchen sowie Drogengebraucher_
Mitarbeit: Andreas Kramer, Maria Kuban, innen selbst sind in besonderer Weise von den aktuellen Einschränkungen und
Susan, Ascho Veränderungen betroffen. Der von uns diskutierte „Supergau“ mit einem totalen Zu-
Titelfoto: zodebala/istockphoto.com sammenbruch der legalen und illegalen Versorgungsstrukturen ist allerdings bisher
ausgeblieben. Dies hat zum einen mit der Flexibilität von Aids- und Drogenhilfen zu
tun, die die Kernbereiche von Prävention und Schadensminderung aufrechterhalten
haben. Zum anderen aber auch mit uns als Konsumentinnen und Konsumenten
selbst. Der großen Mehrheit von uns ist es gelungen in kurzer Zeit einen angemes-
senen Umgang mit den aktuellen Herausforderungen zu finden.
Auch wenn der Titel dieser Ausgabe etwas anderes suggeriert, haben wir uns ganz
bewusst dafür entschieden in dieser Ausgabe des DROGENKURIER mehrheitlich
Themen zu betrachten, die nichts mit Covid-19 zu tun haben.
Wir hoffen, dass das von uns gewählte Verhältnis von Beiträgen euren Erwartungen
und Interessen entspricht.
Layout, Satz: Carmen Janiesch
Druck: diedruckerei.de So findet ihr in dieser Ausgabe einen Bericht zur neuen App Checkpoint S, einer
App die den Fokus auf Substituierte richtet und ihnen die Möglichkeit gibt das tägli-
Der DROGENKURIER wird che Befinden, Beikonsum und vieles Andere mehr zu dokumentieren (➞ S. 10).
unterstützt durch:
(Nennung in alphabetischer Reihenfolge) Mit der Auswertung der Notfalldaten der Drogenkonsumräume in Deutschland zei-
Camurus gen wir einmal mehr die Effekte dieses Angebots im Hinblick auf die Vermeidung
Deutsche Aidshilfe e. V. von drogenbedingten Todesfällen (➞ S. 14).
GL Pharma
Hexal Uns ist es gelungen ein Arzt-Patienteninterview zu führen um über die Substitution
INDIVIOR und die neuen Medikamente zu sprechen. An dieser Stelle möchten wir uns herzlich
Sanofi Aventis bei Herrn Schubert, aber auch bei Dieter bedanken, die sich für dieses Interview zur
Verfügung gestellt haben (➞ S. 22).
Wir würden uns freuen, wenn die thematische Vielfalt auch eure Interessen trifft und
* Junkies, Ehemalige, Substituierte
Die Nennung von Produktnamen bedeutet keine ihr euch mit dieser Ausgabe wieder ein bisschen besser informiert fühlt.
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Das Redaktionsteam
2www.jes-bundesverband.de topthema
Der Einfluss von Corona
auf Drogenhilfe und
Drogengebraucher_innen
Seit zwei Monaten befindet sich die ge- Was also tun? Drogenkonsumräume
samte Welt im Ausnahmezustand. Nie- Drogengebraucher_in n en sind erfin- und Drogenhilfen laufen
mand hätte gedacht, dass es einen derisch und hartgesotten. Die meis- im Notbetrieb
Umstand geben könnte, der dazu führt, ten von ihnen haben es über Jahre und Auch die Drogenhilfen mussten sich
dass weltweit der Flugverkehr „gen Null“ Jahrzehnte hinbekommen, sich mit schnell umstellen. Zumeist ohne Schutz
geht, Europa seine Grenzen schließt und Schwarzmarktsubstanzen zu versorgen. ausrüstung stellten sie eine Art Notbe-
es in Deutschland eine Ausgangsbe- Erstaunlicherweise schaffen dies auch ei- trieb auf die Beine, damit die wichtigsten
schränkung gibt. nige in dieser außergewöhnlichen Situa- Angebote aufrechterhalten werden kön-
tion – wie, das bleibt ihr Geheimnis. Die nen. Die Vergabe von Konsumutensilien
Die Szenerie ist gespenstisch Tatsache, dass die Konsumräume wei- ist gesichert, die Konsumräume haben
Leere Innenstädte, leere Straßen und Au- ter gut frequentiert werden, darf nicht bis auf wenige Ausnahmen geöffnet,
tobahnen. Die Geschäfte sind geschlos- darüber hinwegtäuschen, dass viele auf die Essenvergabe „to go“ wird eingerich-
sen. Die Menschen halten sich zu Hause „Pillen“ umsteigen oder immer wieder tet. Die Kontaktläden sowie die Beratung
auf. Aber es gibt einige Bevölkerungs- Entzugserscheinungen haben. sind geschlossen. Einige stellen auf tele-
gruppen, die sich weiterhin auf der Stra- fonische Beratung um.
ße aufhalten müssen. Dies sind jene, die
kein Obdach haben. Aber auch hundert- Corona legt Defizite
tausende von Drogenkonsument_innen schonungslos offen
die opioid- und alkoholabhängig sind, die Es gibt einige Expert_innen die sagen,
Crack und Kokain konsumieren und ggfs. dass uns nun die Fehler und Versäum-
der Beschaffungsprostitution nachgehen. nisse der Jahre zuvor auf die Füße fallen.
So werden mindestens 80.000–100.000
Von heute auf morgen Opioidkonsument_innen nicht be-
sind Einkommensquellen handelt. Das System „Substitution“ ist
weggebrochen längst an der Belastungsgrenze. Trotz
Schnorren in der Bahn oder in den sonst guter Entwicklungen findet bis heute
bevölkerungsreichen Innenstädten ist keine niedrigschwellige Substitution
vorbei, da es nur noch wenige Menschen statt. Das soziale und medizinische Hil-
gibt, die den ÖPNV oder die Innenstäd- fesystem hat sich in den letzten 20 Jah-
te nutzen. Die Straßenzeitung verkau- ren separiert. Dies wird vielerorts daran
fen, ein schon vor Corona mühsames deutlich, dass es flächendeckend keine
Geschäft, kommt zum Erliegen. Den täg- existierende Kooperation zwischen Ärz-
lichen Bedarf für ein paar Kugeln Heroin ten und Drogenhilfe gibt. Somit sind
oder ein paar Steine über kleinere Dieb- viele tausend Drogenkonsument_innen
stähle zu decken, auch das geht nicht, da Dieser Aufkleber ist in Dortmund an Spritzenau-
medizinisch nicht oder nur sehr schlecht
fast alle Geschäfte geschlossen waren tomaten, im Konsumraum und in Einrichtungen versorgt. „Bei uns sind die Innenstädte
und sind. der Drogenhilfe zu finden. und Bahnhofsviertel für unsere Klien-
3topthema DROGENKURIER
Krankenversicherungsschutz. Gleichzei-
tig werden Personen, die COVID-19-Sym-
ptome aufweisen, gemäß der Empfeh-
lungen des Robert Koch Instituts, auf
COVID-19 getestet. Für diese Aufgabe
stellt Jugendhilfe e.V. vier Ärzte und Ärz-
tinnen sowie auch Sozialpädagog_innen
aus ihrem Personal zur medizinischen
und psychosozialen Versorgung bereit.
Weitere substituierende Ärzte, die nicht
bei der Jugendhilfe e.V. beschäftigt sind,
haben bereits ihre Unterstützung zuge-
sagt. Die Ambulanz im Drob Inn ist seit
Montag, dem 6. April täglich für dreiein-
Eine Sozialpädagogin des Drob Inn erklärt einem Klienten das Informationsblatt zur Substitution mit Me- halb Stunden geöffnet. Nach Auskunft
thadon. Foto: Jugendhilfe e.V. der dort tätigen Mitarbeiter_innen wur-
den in den ersten Tagen bereits mehre-
tel Wohnzimmer, Arbeitszimmer und Medizin wieder zusammengewachsen. re Dutzend Opioidkonsument_innen auf-
Schlafzimmer“, sagt Gabi Becker, Leite- Aus den Mitteln, die zur Bekämpfung genommen.
rin der IDH in Frankfurt. der COVID-19-Pandemie zur Verfügung Aber auch in vielen anderen Städten
gestellt wurden, hat sich die Behörde reagieren Aids- und Drogenhilfen über-
Aber es gibt Lichtblicke – für Gesundheit- und Verbraucherschutz aus flexibel und szenenah, indem sie
wie in Hamburg und vielen entschlossen, für bisher unversorgte unter Einsatz ihrer eigenen Gesundheit
anderen Städten Opiatabhängige eine niedrigschwellige zentrale Versorgungsstrukturen erhalten
Um Gewaltdelikte zur Erlangung von Substitutionsambulanz im Drob Inn zu und Öffnungszeiten ausweiten. Viele Ein-
Heroin, Crack und Koka zu vermeiden finanzieren. richtungen arbeiten knapp besetzt in ab-
und unbegleiteten Entzügen vorzubeu- Die Ambulanz im Drob Inn versorgt wechselnden Teams. Hierbei ist viel Ide-
gen, sind in Hamburg Drogenhilfe und Opiatkonsument_innen mit und ohne enreichtum und Idealismus gefragt.
Kommentar des JES-Bundesverbands
Hier wird deutlich, dass es große Einnahmeunterschiede
Auch wenn einige der Aussagen auf Seite 5 unfachlich und wischen der täglichen Vergabe und einer Take-Home-Ver-
z
nicht nachvollziehbar sind, möchten wir als Interessenver- schreibung gibt, die insbesondere jene Praxen treffen, die
tretung substituierter Menschen ergänzen, dass wir natürlich ausschließlich substituieren. Wir können nachvollziehen,
auch eine Vielzahl toller Beispiele haben, dass Ärzt_innen mit dass gerade jene Praxen diese Einnahmen benötigen, um
viel Empathie und einem hohen Verantwortungsgefühl pati- den Praxisbetrieb fortzuführen und die Mitarbeiter_innen
entennahe Regelungen finden. zu bezahlen. Aber wir sagen auch ganz klar, dass in diesen
Natürlich gibt es Patient_innen, denen die eigenverant- Fällen die gesundheitliche Gefährdung von vorgeschädig-
wortliche Einnahme des Medikaments schwerfällt. Aber ten Menschen in Kauf genommen wird, um bisherige Ein-
auch hier ließe sich eine wohnortnahe Versorgung durch nahmen auch unter Corona zu erzielen.
Apotheken realisieren. Stattdessen sehen wir weiterhin Unserer Ansicht nach ist auch die Angst vor einer Über-
Menschenansammlungen vor Substitutionspraxen ohne Ab- flutung des Schwarzmarktes bei umfänglich praktizierter
standsregelung und Masken. Take-Home weitgehend unbegründet. Natürlich wird die
Viele Ärzte, die sich bei uns gemeldet haben, sagten „Na- ein oder andere Pille oder Milliliter auf der Szene landen.
türlich könnte ich mehr Patient_innen ein Take-Home Rezept Aber gerade unter diesen Bedingungen wird kaum jemand
für 1–2 Wochen ausstellen, aber die Einnahmeausfälle kann sein hochpotentes Substitut gegen 10 %iges Heroin eintau-
und will ich nicht hinnehmen.“ Andere sagten, dass selbst, schen. Und selbst wenn sie es verkaufen, dann bleibt es in
wenn alle Patient_innen einen verantwortlichen Umgang der Szene und hilft anderen Heroinkonsument_innen ihren
mit dem Medikament haben, nicht mehr als 30 % ein Take- Bedarf zu decken. Niemand konsumiert Medikamente zur
Home-Rezept erhalten können, egal ob Corona oder nicht. Substitution, der sie nicht benötigt.
4www.jes-bundesverband.de topthema
ARUD (Schweiz) bringt
Heroin und Morphin
nach Hause
Das größte Schweizer Suchtzen-
trum geht neue Wege: Es bringt
wegen der Coronakrise Drogen
konsument_innen ihr Medikament
nach Hause. Mit dem Fahrrad oder
dem Auto liefert das Suchtzentrum
Arud (Arbeitszentrum für einen ri-
sikoarmen Umgang mit Drogen)
derzeit Heroin, Methadon oder
Morphin in Zürich aus. „Diese Haus-
lieferungen dienen dem Schutz der
Patienten“, sagt Philip Bruggmann,
Chefarzt bei Arud. „Im Heroinpro-
gramm muss man normalerwei-
se jeden Tag oder jeden zweiten
Tag erscheinen. Jedes Mal ist man
den Risiken ausgesetzt.“ Er spricht
damit die Risiken in den öffentli-
chen Verkehrsmitteln sowie in der
Praxis selbst an. Notlösung für die nötige Distanz: Vor dem Drogenkonsumraum „Stellwerk“ in Hannover reichen Mitarbeiten-
de Konsumutensilien und Essen auf einer Schippe zu den Menschen | Foto: Stellwerk
Wenig einheitliches
Handeln in der
Substitutionsbehandlung Hier einige Aussagen „Ich muss auch
jeden Tag in
Trotz der Empfehlungen der Vor- von Ärzt_innen: die Praxis, da ka
sitzenden von Qualitätssiche- nn ich das
- von meinen Pati
rungskommissionen der Kas- „Nun will Herr X Take auch erwarten.“
ent_innen
al so
Home. Wenn er sich m
senärztlichen Vereinigungen in
Deutschland, den Kontakt mit Sub- um
stitutionspatient_innen auf das engagiert hätte, als es
uch
unumgängliche Maß zu beschrän- seinen Heroinbeigebra Und eine Aussage eines
ken und möglichst viele Substi- ging …“ Patienten:
tuierte mittels Abgaben zur ei-
einem
genverantwortlichen Einnahme „Toll, nun habe ich m
„Frau Y hat keine Risik gedruck-
(„Take-Home“) in den kommenden en Arzt den bei Ihnen ab
auf dem Weg zum mir. d nach
ten KV-Brief gezeigt un
Wochen von den Praxen und Am-
bulanzen fernzuhalten, erleben Pa- Der Weg von 3,3 km ist hat
tient_innen vor Ort einen höchst zu Take-Home gefragt. Er
bewältigen. Sie kann r nicht
unterschiedlichen Umgang. sich mir gesagt, dass ich ga
auch ein Fahrrad orga brauche
ni mehr wiederkommen
sieren.“ n Arzt
und mir einen andere
Ich erhalte viele Anrufe von rat-
losen, traurigen und ängstlichen
ch suchen soll.“
eigentlich au
Substitutionspatient_innen, deren
Anfragen nach Take-Home abge- „Denken Sie e-
inm a l an m eine Einnahm
lehnt wurden. Hierbei scheint es e (Dirk Schäffer hierzu: „Diese Aussage und
n ich nur noch
ausfälle, wen
nicht immer um Beikonsum zu der sofortige Behandlungsabbruch ist ve-
gehen, sondern um völlig andere verschreiben
Take- Home
rifiziert. Der Patient hat am Folgetag einen
Beweggründe. ❖ großartigen Arzt gefunden, der ihn aufge-
Dirk Schäffer soll ?“ nommen hat.“)
5topthema DROGENKURIER
Corona und Sexualität –
das Wichtigste in Kürze
Ist das Coronavirus (SARS-CoV-2) sexuell übertragbar?
Muss ich grund
Foto magazin.hiv.de
sätzlich auf Sex
verzichten?
Nein! Wer sich entschei-
det, Sex mit direktem Kör-
perkontakt zu haben, kann
jedoch ein paar Dinge be-
rücksichtigen, um Risiken
für sich und andere zu sen-
ken. Darüber hinaus gibt
es natürlich auch andere
Formen wie Sexting, On-
line-Sex oder Selbstbefrie-
digung, die auch in Zeiten
von Corona keine Risiken
bergen.
Wie kann ich das
Risiko für eine
Übertragung von
Coronaviren
Beim Sex hat man allein durch die Nähe Allein schon durch die große Nähe und senken, wenn ich Sex mit
ein hohes Risiko einer Übertragung von weil Viren sich auch im Speichel befinden. Körperkontakt habe?
Coronaviren – egal, um welche Sexprak- Der Sex mit Partner_innen, mit denen
tik es geht, sogar beim Kuscheln. Das Kann man sich mit Corona auch man ohnehin im selben Haushalt lebt
neue Coronavirus SARS-CoV-2 scheint im beim Oralverkehr anstecken? und Körperkontakt hat, bedeutet kaum
engeren Sinne nicht sexuell übertragbar Nein und ja. Der Oralverkehr selbst wäre erhöhtes Risiko. Wenn man mit ande-
zu sein, also zum Beispiel über Sperma nicht riskant. Aber beim „Blasen“ oder ren Personen Sex mit Körperkontakt hat,
oder Vaginalflüssigkeit oder den Kontakt auch beim Lecken der Vulva (Cunnilin- senkt die Reduzierung der Partner_in-
zur Harnröhre beim Oralverkehr. Nachge- gus) hat man weniger als 1,5 Meter Ab- nenzahl das Risiko.
wiesen wurde es in diesen Körperflüssig- stand voneinander, kann also von einer
keiten nicht. Aber das spielt kaum eine infizierten Person angehaucht, angehus- Wann sollte ich auf Sex mit
Rolle, solange man weniger als 1,5 Meter tet oder angeniest werden. Außerdem Körperkontakt ganz verzichten?
Abstand zum_zur Partner_in und da- könnte eine Schmierinfektion möglich Klar ist: wer Symptome hat oder Kontakt
durch ein Übertragungsrisiko hat. sein, wenn eine infizierte Person mit der zu Personen mit COVID-19 hatte und in
Hand Viren in die Genital- oder Analre- Quarantäne ist, sollte keinen Sex mit an-
Sind Coronaviren beim Küssen gion bringt oder einem ins Gesicht fasst deren haben. ❖
übertragbar? und man die Viren mit dem Mund auf-
Ja. Küssen ist natürlich die Sexualpraktik nimmt – auch indirekt, über den Weg Fin- ▶ Quelle: magazin.hiv
mit dem höchsten Übertragungsrisiko. ger → Mund. (gekürzte Fassung)
61. Auflage 2020 | Gestaltung: Die Goldkinder Berlin, diegoldkinder.de | Druck: Onlineprinters GmbH, diedruckerei.de | Bestellnummer: 052056
Abstand halten
1 und Hände waschen!
1,5 – 2,0 M 20 SEK
„Kugeln“ nicht in Mund, Vagina und po
transportieren! 2
In Substitution?
3 Frag nach einer Take-Home-Verschreibung!
Konsumutensilien,Zigaretten,
Joints und Flaschen 4
nicht teilen.
Kein Geld, keine Substanzen?
5 Substitution kann eine Alternative sein.
Auch über Facebook
ist Kontakt möglich!topthema DROGENKURIER
1.398 drogenbedingte
Todesfälle – ein trauriger
Rekord
1.398 Menschen sind 2019 an den Folgen Wir nehmen erfreut zur Kenntnis, dass „Es ist schlicht traurig,
ihres Drogenkonsums gestorben – fast 10 sich die neue Drogenbeauftragte hinter
dass es keine Trendwende
Prozent mehr als im Jahr zuvor. Hauptur- all diese Maßnahmen wie Drogenkon-
sachen sind, wie auch in den vergange- sumräume, Konsumutensilienvergabe,
bei drogenbedingten
nen fünf Jahren, Überdosierungen von Substitution, Naloxon, und Drug Che- Todesfällen gibt“
Opioiden sowie die Kombination von Opi- cking stellt. Sie ist für die Zahlen des Jah- Sandra aus Mainz
oiden mit anderen Substanzen. Besonders res 2019 nicht verantwortlich, aber die
signifikant ist der Anstieg aufgrund von Verantwortung von Frau Ludwig ist es, 650 Tote unter Beteiligung
Langzeitschädigungen in Kombination gemeinsam mit allen Beteiligten über von Opioiden
mit Überdosierungen von 38 Todesfällen Veränderungen ins Gespräch zu kommen, Weiterhin stirbt fast die Hälfte der Men-
im Vorjahr auf 172 Fälle im Jahr 2019. um endlich die Ursachen und nicht nur schen in Deutschland infolge oder unter
die Symptome in den Blick zu nehmen. Einfluss von Opioiden (Abb. 1). Wenn man
Reicht der Fokus auf Wirft man aber einen detaillierten dann bedenkt, dass Drogenkonsumräu-
Schadensminderung? Blick auf die aktuellen Zahlen der dro- me mehr als 300 schwere Überdosie-
Deutschland gehört zu den Ländern der genbedingten Todesfälle, so fällt auf, dass rungen im Jahr 2019 verzeichnet haben
Welt, das die größte Bandbreite an Maß- alle bisherigen Maßnahmen nicht aus- (siehe Seite 16) und diese Menschen ohne
nahmen der Schadensminderung vor- reichen, um eine Trendwende zu erzielen. die schnelle Hilfe der Mitarbeiter_innen
hält. Klar, es fehlt an Angeboten des
Drug Checking, aber ansonsten ist an Abb.1 Drogentodesfälle durch Opioide und unter Einfluss von Opioiden
niedrigschwelligen Hilfen alles vorhan-
Ursache 2018 2019 Veränderung
den – wenn auch nicht im erforderlichen
Monovalente Vergiftungen durch Opioide/Opiate 260 217 -17 %
Umfang. Dennoch bewegt sich die offizi-
• Heroin/Morphin 175 160 -9 %
elle Zahl der Todesfälle seit vielen Jahren,
• Opiat-Substitutionsmittel 50 24 -52 %
auf einem unerträglich hohen Niveau,
davon Methadon (u. a. Polamidon) 44 22 -50 %
von mehr als 1.000 Menschen, die jedes
davon Buprenorphin (u. a. Subutex) 4 2 -50 %
Jahr ihr Leben verlieren.
davon Sonstige (Dihydro-Codein, Diamorphin u. a.) 2 0 -100 %
• Opiat-/Opioid basierte Arzneimittel 30 32 7%
„Wir sehen Jahr für Jahr, davon Fentanyl 25 25 0%
dass unsere Freunde, • Synthetische Opioide (u. a. Fentanylderivate) 5 1 -80 %
Polyvalente Vergiftungen durch Opioide/Opiate* 369 433 17 %
Klienten und Patienten • Heroin/Morphin i. V. m. anderen Stoffen 230 289 26 %
versterben. Dieser Um • Opiat-Substitutionsmittel i. V. m. anderen Stoffen 155 155 0%
stand muss uns dazu davon Methadon (u. a. Polamidon) i. V. m. anderen Stoffen 133 116 -13 %
bringen die seit 30 Jahren davon Buprenorphin (u. a. Subutex) i. V. m. anderen Stoffen 7 25 257 %
davon Sonstige i. V. m. anderen Stoffen 17 16 -6 %
geltenden Grundfeste der
• Opiat-/Opioid basierte Arzneimittel i. V. m. anderen Stoffen 54 58 7%
Drogenpolitik in Deutsch davon Fentanyl 28 34 21 %
land zu überprüfen.“ • Synthetische Opioide (u. a. Fentanylderivate) i. V. m. anderen Stoffen 1 1 0%
Peter aus Köln * In den Unterkategorien sind Mehrfachzählungen möglich.
8www.jes-bundesverband.de topthema
Immer noch hören wir Methamphetamin in den Fokus die Wartezimmer substituierender Ärzte
rücken und in Drogenkonsumräume reicht aus,
„Wir dulden keine
Die aktuellen Zahlen der Bundesregie- um festzustellen, dass gerade diese Men-
rechtsfreien Räume“ oder rung zeigen einen Anstieg von Dro- schen manifeste körperliche und seeli-
„für Drogenkonsumräume gentodesfällen in Folge von Kokain-, sche Schäden genommen haben.
gibt es bei uns keinen Crack- und vor allem Methamphetamin- Schädigungen, die maßgeblich durch
Konsum (Abb.2). Mit Informationen bei eine jahrzehntelange Kriminalisierung
Bedarf“ sowie „Drogen
Festivals und in Clubs sowie Chillout und Verfolgung, langjährige Inhaftierun-
konsumräume sind das Zonen ist es wohl nicht allein getan. Es gen, dutzende Entgiftungen gefolgt von
falsche Signal, das ist muss darum gehen, jene Konsument_ einem Wiedereinstieg in den Konsum,
unerträglich.“ innen, die weitaus weniger die Angebo- begünstigt wurden.
te der Drogenhilfe in Anspruch nehmen Diese Menschen führen uns vor Au-
Mahmoud aus München
als Heroinkonsument_innen, mit einem gen, dass die Möglichkeiten unseres Hil-
zielgruppenspezifischen und vor allem fesystems nicht ausreichen, um diesen
alleine im öffentlichen oder privaten szenenahen Angebot zu erreichen. Drug vielen zehntausend Menschen ein Le-
Raum verstorben wären, so ist es mehr Checking inklusive Beratung und In- ben in Menschenwürde zu ermöglichen.
als unverständlich, dass Länder wie z. B. formationen wird nicht alle Probleme Menschenwürde bedeutet hier ein Le-
Schleswig Holstein, Bayern, Rheinland lösen, aber wäre eine wichtige Hilfestel- ben mit Teilhabe am gesellschaftlichen
Pfalz und Sachsen sich mit schier unver- lung mit dieser Gruppe von Drogenkon- Leben. Stattdessen erleben wir, dass die-
ständlichen Argumenten diesem wich- sument_innen in Kontakt zu kommen. se Menschen desillusioniert, allein und
tigen Angebot der Überlebenssicherung krank sind. (Abb.3)
verschließen. Suizide und Tod nach
Wenn es diese Einrichtungen nicht Langzeitkonsum sind ein
gäbe, läge die Anzahl der drogenbeding- Weckruf für eine „Wir können es nicht
ten Todesfälle um viele hundert Men- grundsätzliche Diskussion
hinnehmen, dass mehr
schen höher. Im Umkehrschluss würde Bedingt durch die Behandlungserfolge
eine Ausweitung dieses Angebots bedeu- werden Drogengebraucher_innen heute als tausend drogen
ten, dass viele der 1.398 Drogentodesfälle deutlich älter als noch vor 25 Jahren. Dies gebrauchende Menschen
hätten verhindert werden können. ist ein Erfolg aller Beteiligten. Ein Blick in pro Jahr in Deutschland
versterben.“
Abb.2 Drogentodesfälle durch Kokain, Crack, Amphetamin, Methamphetamin, NPS Andreas aus Halle
Monovalente Vergiftungen durch andere Substanzen 120 118 -2 %
als Opioide/Opiate
Drogenverbote und Strafrecht
• Kokain/Crack 41 36 -12 %
machen krank
• Amphetamin/Metamphetamin* 49 55 12 %
Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass
davon Amphetamin 37 37 0%
auch die Prohibition – also das Drogen-
davon Methamphetamin 12 20 67 %
verbot in Kopplung mit dem Strafrecht
• Amphetaminderivate 13 8 7%
– gerade Langzeitkonsument_innen see-
• Neue Psychoaktive Stoffe (NPS) 7 9 29 % lisch und körperlich krank macht. Wenn
davon Synthetische Cannabinoide 5 +/- dies unbestritten ist, kommen wir nicht
davon sonstige NPS 4 +/- umhin eine ernsthafte und ergebnisof-
* In den Unterkategorien sind Mehrfachzählungen möglich. fene Diskussion um die Strafbewährung
des Drogenerwerbs und Drogenbesitzes
Abb. 3 Drogentodesfälle durch Suizide und Langzeitschädigungen zu beginnen. Hier müssen sich die poli-
tisch Verantwortlichen, die Kritiker und
Suizide 72 96 33 %
Befürworter von veränderten Rahmen-
• Suizid durch Intoxikation 23 42 83 %
bedingungen, schnellstmöglich an einen
(bereits unter den zuvor genannten Ursachen in Abb. 2 enthalten)
Tisch setzen. ❖
• Suizid durch andere Mittel als Intoxikation 49 54 10 %
Dirk Schäffer
Langzeitschäden 230 318 38 %
• davon Langzeitschäden in Kombination mit Intoxikationsfolge 38 172 353 %
▶ Quelle www.drogenbeauftragte.de
9leben mit drogen DROGENKURIER
orientierten App umzusetzen. Zu diesem
Zweck wollen wir möglichst viele Pati-
ent_innen und deren Behandler_innen
– d. h. Substitutionsärzt_innen, Physio-
und Psychotherapeut_innen sowie Sozi-
alarbeiter_innen in die Entwicklung der
App mit einzubeziehen.
Entscheidender Vorteil einer App im
Gesundheitssektor ist die Möglichkeit
zum sogenannten Self-Tracking. Dieser
Begriff meint die freiwillige Erfassung
von Daten über verschiedene Lebensas-
pekte. Bislang erfolgt dies in der Sub-
stitution durch das Führen eines
Tagebuches. Überträgt man das
Tagebuchführen aber auf Soft-
ware und Hardware, dann wer-
den Auswertungen möglich, die
ganz neue Einsichten verschaffen.
Dosis und Zeitpunkt der
Checkpoint S –
Einnahme deiner Substitutions-
medikamente dokumentieren
Die erste Version der App, die seit Sep-
tember 2019 im Google-Playstore zum
Die „Substi-App“
Download bereitsteht, umfasst vier di-
gitale Tagebücher: Im Substitutionsta-
gebuch lassen sich die verschriebenen
Substitutionsmittel mit Dosis und Zeit-
punkt der Einnahme dokumentieren. Im
Digitalisierung ist nicht nur ein allge- „Befinden-Tagebuch“ können die tägli-
genwärtiges Schlagwort, sondern längst che emotionale Verfassung genauso fest-
im Alltag angekommen – allerdings bis- gehalten werden wie die Gründe, die für
lang nur eingeschränkt innerhalb medi- gute und schlechte Stimmung sorgen.
zinischer Behandlungen und noch nicht
in der Substitution. Dabei können Smart- Welche Auslöser gibt es für
phone-Apps eine sinnvolle Hilfestellung Beikonsum?
gerade für langfristige Behandlungen Im Konsumdruck-Tagebuch (s. Abb.)
darstellen, sofern sie auf die Bedürfnis- könnt ihr notieren, wie stark oder
se der Patient_innen zugeschnitten ist. schwach das Bedürfnis nach Drogenkon-
sum ist sowie ob und welche Auslöser es
Substitutionsbegleitung mit hierfür gibt. Schließlich kann mittels des
dem Smartphone Beikonsum-Tagebuchs erfasst werden,
An der Hochschule Merseburg stellen wann und welche legalen oder illega-
wir uns mit unserem Forschungspro- len Substanzen während der Substituti-
jekt „Checkpoint-S“ der ehrgeizigen Auf- onstherapie konsumiert werden. Durch
gabe, eine solche App für Substituierte visuelle Aufbereitung könnt ihr als die
zu entwickeln. Unser Ziel ist, die techni- Nutzer_innen selbstständig und nieder-
schen Möglichkeiten einer App für die schwellig etwas über die Gründe und den
Unterstützung der Substitution zu er- Verlauf eurer emotionalen Höhen und
kunden und diese in einer kostenfreien, Tiefen, eurer körperlichen Beschwerden,
bedienfreundlichen und zielgruppen eures Suchtdrucks oder aber auch des
10www.jes-bundesverband.de leben mit drogen
Beikonsum erfahren. Wir, als Entwickler_ positiven Einfluss auf die Kooperations- Das heißt, es entstehen im Alltag der Pa-
innenteam hoffen, dass euch derartige und Mitwirkungsbereitschaft an der Be- tient_innen gesammelte Daten, die ge-
Einsichten ermöglichen, Eure individu- handlung insgesamt hat. Wir möchten meinsam mit den Patient_innen, die
elle Erkrankung und deren Behandlung mit dieser App dazu beitragen, dass sich Basis für psycho- oder physiothera-
besser zu verstehen. substituierte Patient_innen als eman- peutische Interventionen werden oder
zipierte Partner_innen in die Therapie Anhaltspunkte für eine zielgenauere psy-
Patient_innen können die Daten aktiv einbringen. chosoziale Beratung liefern können.
mit dem Arzt teilen
Im besten Fall können diese Einsichten in Auch Behandler_innen sollten Auf Facebook und Instagram
die Gestaltung der Substitutionsbehand- diese App aktiv bewerben die Entwicklung der App
lung einbezogen werden. Wir haben des- Auch für Behandler_innen haben die begleiten
halb vorgesehen, dass Patient_innen, die Daten einen innovativen Wert für Diag- Zu unserem Forschungsprojekt haben
dies wünschen, ihre Daten mit ihren Be- nose, Therapie und Beratung. Durch sie wir Kanäle auf Facebook und Instagram
handler_innen teilen können. Wir gehen lassen sich Hinweise auf Über- oder Un- eingerichtet, über die wir über die Ent-
davon aus, dass die aktive Mitarbeit von terdosierungen des Substitutionsmit- wicklung der App berichten und mit
euch als Patient_innen, die sich schon in tels erkennen, Ursachen für emotionales allen in Kontakt kommen wollen, die
der Nutzung der App zeigt, auch einen Missbefinden klarer herausarbeiten u. ä. sich direkt in die App-Entwicklung ein-
bringen möchten. Insofern laden wir alle
Leser_innen herzlich ein, unsere App zu
testen, und unsere Webseite checkpoint-
Der JES-Bundesverband s.de zu besuchen. Wir freuen uns über
zur App Checkpoint-S jede konstruktive Kritik und über alle
Ideen für die Weiterarbeit.
Wir als JES-Bundesverband begrüßen die Initiative zur
Entwicklung einer Smartphone App zum Thema Substitu- Partner_innen und Sponsoren
tionsbehandlung. Wir rufen Sie als substituierende Ärzt_ Ein solches Projekt ist nur mit einer
innen und Euch als substituierte Patient_innen dazu auf, Reihe von Sponsoren und Partner_innen
die App downzuloaden und sie auszuprobieren. umsetzbar. Das Projekt wird durch das
Das Entwickler_innenteam ist offen für eure Rückmeldungen und freut sich auf Bundesministerium für Forschung und
weitere Vorschläge wie die App vielleicht noch besser die Bedarfe von Substi- Bildung, die Hochschule Merseburg,
tuierten aufgreifen kann. Die App steht auf google play zum Download bereit. sowie Indivior, Hexal, dem MVZ Labor
Dessau und der Ostdeutschen Arbeits-
http://app.checkpoint-s.de gemeinschaft Suchtmedizin gefördert.
https://checkpoint-s.de/ Unsere Partner_innen vor Ort sind der
Drogennotdienst Berlin, die Klinik für
Viele von Euch besitzen einen Internetzugang. Die Webseite des Projektes Geburtsmedizin – Ambulanz für Sucht
https://checkpoint-s.de/ ermöglicht Euch einen Einblick in alle Bereiche der erkrankungen und Infektionen in der
App, ohne sie direkt auf euer Handy laden zu müssen. Ihr könnt nach Herzens- Schwangerschaft der Charité Berlin, die
lust alles ausprobieren und Euch über die verschiedenen Inhalte nicht nur per Klinik für Geburtshilfe Krankenhaus St.
Text informieren. Die Webseite hält zudem sehr viele Screenshots bereit, also Elisabeth und St. Barbara sowie die Ost-
Abbildungen der jeweiligen Darstellungen auf dem Handy. Die App lebt von ihren deutsche Arbeitsgemeinschaft Sucht-
Nutzer_innen. Wir als JES-Bundesverband würden uns freuen, wenn möglichst medizin und Praxis für Neurologie/
viele einen kleinen Teil zur Weiterentwicklung der App beitragen und natürlich Psychiatrie der Poliklinik Silberhöhe. Die
selbst von der App profitieren. technische Umsetzung der Checkpoint-S
Noch ein Wort zur Datensicherheit, dem gerade beim Thema „Konsum illegaler App wird durch die Berliner Softwarema-
Substanzen“ ein wichtiger Stellenwert zukommt. Für Deine Datensicherheit ist nufaktur Curamatik geleistet. ❖
die App mit einem Pin-Schutz versehen, so dass niemand unbefugt Zugriff auf
Deine sensiblen Daten hat. Richte Dir diesen also gleich ein. Alle Deine Daten Euer Forschungsteam
sind ausschließlich in der App gespeichert und werden nicht an Dritte weiterge-
ben. Klar ist auch, dass Eure Daten nur mit Eurer ausdrücklichen Zustimmung
mit Eurem Arzt bzw. Eurer Ärztin geteilt werden.
11leben mit drogen DROGENKURIER
Sechs Punkte für die
Elimination der Hepatitis C
bis 2030
Bis zum Jahr 2030 soll Hepatitis
Foto: hepmag.com
C weltweit eliminiert sein, so das
Ziel der Weltgesundheitsorganisa-
tion (WHO) und der Bundesregie-
rung.1 Dank neuer Medikamente
ist die Krankheit heute schnell
und gut verträglich bei nahezu
allen Patienten heilbar.2 Trotz der
therapeutischen Möglichkeiten
und Erfolge bleibt bis zur geplan-
ten Eliminierung des Hepatitis-
C-Virus (HCV) noch viel zu tun. Sechs-Punkte-Plan zur Infektionsrisiko für bisher nicht infizier-
Elimination te Menschen verringern. In einem ersten
Die „PLUS-Gesundheitsinitiative Neben dem regionalen Engagement dis- Schritt gilt es, ein Screening für einzelne
Hepatitis C“ engagiert sich für kutieren die PLUS-Partner in Zusammen- Bevölkerungsgruppen mit einem erhöh-
die Verbesserung der regionalen arbeit mit Experten auch überregionale ten Infektionsrisiko einzuführen. Zu die-
Eliminationsstrategien im Suchtumfeld. sen Risikogruppen zählen beispielsweise
Gesundheitsversorgung von Dro- Im Rahmen des zweiten bundeswei- Drogenkonsumierende und Menschen in
genkonsumenten und Substituier- ten PLUS-Forums am 18. und 19. Sep- Haft. Im nächsten Schritt sollte das Scree-
ten. Der partizipative Peer-Ansatz tember 2019 trafen sich in Bochum rund ning in die Gesundheitsuntersuchungs-
60 Experten aus Medizin, Drogenhil- Richtlinie aufgenommen werden. Für die
(Peer-PLUS-Peer-Konzept) hilft,
fe, Selbsthilfegruppen, Sozialverbänden, Umsetzung dieses Ziels setzt sich aktu-
die Maßnahmen und Aktivitäten Gesundheits- und Sozialämtern, Justiz- ell der Gemeinsame Bundesausschuss (G-
von PLUS entsprechend der vollzug und pharmazeutischen Unter- BA) ein.
nehmen.
Lebensumstände auszurichten.
Das Ergebnis ist eine 6-Punkte-Erklä- 2. HCV-Antikörpertests müssen
PLUS wurde 2015 vom Caritas- rung mit konkreten Forderungen an die wieder budgetneutral werden
verband für Stuttgart e.V., der Politik, damit eine Hepatitis-C-Eliminati- Ein wichtiger Schritt zur Therapie ist die
on nicht unrealistisch bleibt: Testung auf Hepatitis C. In der Regel ist
Deutschen Leberhilfe e.V. und
der niedergelassene Arzt die erste An-
AbbVie Deutschland in Stuttgart 1. Deutschland braucht ein laufstelle bei grippeähnlichen Sympto-
ins Leben gerufen. Mittlerweile umfassendes HCV-Screening men – eine unspezifische Symptomatik
wird das Konzept bereits in acht Ein umfassendes Screening, also eine tritt bei etwa drei Vierteln aller Hepati-
breite Testung der Bevölkerung auf He- tis-C-Infektionen auf.3 Deshalb sollte der
Städten und Regionen mit regio- patitis C, kann die gesundheitlichen Ri- Hepatitis-C-Antikörpertest aus dem La-
nalen Partnern umgesetzt. siken für einzelne Infizierte und das borbudget wieder budgetneutral werden.
12www.jes-bundesverband.de leben mit drogen
3. Stärkung präventiver Maßnah- den. Der Gesetzgeber auf Länderebene sem Hintergrund sollte es eine bundes-
men gegen „Needle-Sharing“ sollte dafür sorgen, dass das Äquivalenz- weite Aufklärungskampagne mit dem
80 % der Hepatitis-C-Neudiagnosen, prinzip – die gesundheitliche Gleichbe- Fokus auf die allgemeinmedizinische
deren Infektionsweg bekannt ist, gehen handlung für Menschen in Haft und in und hausärztliche Versorgung geben.
auf intravenösen Drogenkonsum zu- Freiheit – konsequenter umgesetzt wird. Haben Sie Interesse am ausführlichen
rück.4 Das erhöhte Hepatitis-C-Infekti- politischen Eckpunktepapier Sechs Punk
onsrisiko entsteht z. B. durch das Teilen 5. Bessere Maßnahmen für eine te für eine Elimination im Suchtumfeld?
von Konsumutensilien wie dem Spritz- nachhaltige Substitution Das Dokument finden Sie unter folgen-
besteck (Needle-Sharing). Dies bedeu- In den nächsten zehn Jahren wird ein dem Link auf der PLUS-Webseite:
tet ein hohes Infektionsrisiko für bisher Großteil der jetzt praktizierenden Ärzte ▶ HCVVersorgungPLUS.de
nicht infizierte Menschen, wie z. B. Dro- in den Ruhestand gehen. Damit droht
gengebraucher. Mehr flächendeckend auch in der Substitutionstherapie eine JES-Redaktionsteam
Foto magazin.hiv.de
Foto magazin.hiv.de
aufgestellte Spritzenautomaten mit Kon- Unterversorgung. Substitution kann
sumutensilien inkl. Kondomen können Opioidkonsumierende unterstützen,
das Ansteckungsrisiko deutlich verrin- eine Therapie gegen Hepatitis C zu star-
gern. Dabei muss auch die Nachhaltigkeit ten und letztlich erfolgreich zu beenden.
gesichert werden (z. B. Bestückung der Eine Substitution verringert zudem das
Automaten, Instandsetzung und Repa- Infektionsrisiko. Viele Experten aus der
raturen). Ferner benötigen Drogen- und Drogenhilfe vertreten die Meinung, dass
Aidshilfe-Einrichtungen ausreichend die völlige Betäubungsmittelabstinenz
Mittel, um eine bedarfsgerechte Verga- nicht mehr das vordringliche Ziel sein
be von Konsumutensilien vorhalten zu kann, sondern dass auch eine dauerhaf-
können. te Substitutionstherapie ein menschen-
würdiges Leben mit Partizipation an der
4. Konzertierte Maßnahmen Gesellschaft ermöglichen kann. Der Ge-
gegen Hepatitis C in Haft setzgeber sollte Anreize und Rahmen- Informationen für Drogen
Laut Robert-Koch-Institut (RKI) konsu- bedingungen schaffen, damit sich auch gebrauchende und substituierte
Frauen und Männer
mieren nach eigenen Aussagen 30 % der zukünftig Ärzte dafür entscheiden, Sub-
intravenös Drogenkonsumierenden auch stitutionstherapien anzubieten.
in Haft, einige starten sogar in Haft mit
intravenösem Drogenkonsum. Inhaftierte 6. Deutschland braucht eine
sind damit einem erhöhten Hepatitis-C- Informationskampagne zur
Risiko ausgesetzt. Durch die Ausgabe von Aufklärung über Hepatitis C
Konsumutensilien könnte das Hepatitis- Noch immer weiß die Bevölkerung zu 1 World Health Organization. Global Hepatitis Report,
C-Infektionsrisiko deutlich reduziert wer- wenig über Hepatitis C, die Testung, die 2017
2 Sarrazin C, et al. Z Gastroenterol. 2018; 56:756-838
den. Zudem sollte die Haftzeit auch für möglichen Folgen einer Infektion und die 3 Robert Koch-Institut Epid Bull. 2017; 30:279-290
eine Hepatitis-C-Therapie genutzt wer- therapeutischen Möglichkeiten. Vor die- 4 Robert Koch Institut. Epid Bull. 2018; 31:299-307
13leben mit drogen DROGENKURIER
Drogenkonsumräume
retten Menschenleben
Auswertung der Notfallstatistik des Jahres 2019
Seit mehreren Jahren gibt es ein einheitliches Dokumentations- nis zur Gesamtzahl der dokumentierten Notfälle) angegeben, um
system für Drogennotfälle in deutschen Drogenkonsumräumen. kein verfälschtes Bild zu erzeugen. In den Balken der Diagramme
Viele Drogenkonsumräume schicken ihre Statistik zum Jah- werden die absoluten Zahlen, also die tatsächlichen Fälle trotz-
resende an die Deutsche Aidshilfe e.V. (DAH). Dort werden die dem angegeben. Insgesamt wurden 655 Notfälle dokumentiert.
Auswertungen zusammengeführt. Die Daten können die Ein-
richtungen in der Darstellung ihrer Arbeit gegenüber Zuwen- Geschlechterverhältnis weitgehend unverändert
dungsgebern und der Öffentlichkeit unterstützen. 80 % der Notfälle traten bei Männern auf, 20 % bei Frauen. Das
Auf Basis der Dokumentation können Aussagen zur Anzahl, entspricht dem Verhältnis in den letzten Erhebungen (siehe
den Orten und Schweregraden von Drogennotfällen getroffen Abb. 1.) und spiegelt auch in etwa das Geschlechterverhältnis von
werden. Darüber hinaus bietet die Dokumentation die Möglich- Drogengebraucher_innen wider.
keit, Risikofaktoren für Intoxikation zu erkennen sowie Sympto-
me und Maßnahmen im Notfall abzubilden. In den Jahren 2013 Zunahme von Notfällen ohne Nutzung des
und 2017 wurden die Daten in der gleichen Form aufbereitet. Das Konsumraums
bietet die Möglichkeit, die aktuellen Daten mit denen aus den Zu den Fragen nach der Situation (nach oder ohne Konsumraum-
letzten Jahren zu vergleichen, Veränderungen und Entwicklun- nutzung) und dem Schweregrad (leicht/mittel oder schwer) des
gen sichtbar zu machen, und diese zu bewerten. Notfalls zeigen sich eher unerwartete und unerfreuliche Ent-
Der aktuellen Auswertung liegen Daten aus 14 Einrichtungen wicklungen. So ist der Anteil an Notfällen ohne Konsumraum-
und einem Mobil vor. Diese sind verteilt auf 11 Städte. Das ist et- nutzung deutlich höher als in den Vorjahren. 74 % der Notfälle
was weniger als in den letzten Erhebungen (2013: 18 Einrichtun- ereigneten sich infolge der Nutzung eines Drogenkonsumraums,
gen aus 15 Städten; 2017: 20 Einrichtungen aus 14 Städten). Da in 26 % der Notfälle fanden ohne die Nutzung des Drogenkonsum-
diesem Jahr weniger Einrichtungen teilgenommen haben, wer- raums z. B. im Umfeld der Einrichtung statt. Letzteres entspricht
den in diesem Artikel die meisten Daten prozentual (im Verhält- einem Anstieg von 10 % gegenüber 2017 (siehe Abb. 2).
Abb. 1: Geschlechterverhältnis weiblich Abb. 2: Situation Notfall ohne Konsumraumnutzung
männlich nach Konsumraumnutzung
100 % 100 %
134 140 129 98 118 171
80 % 80 %
60 % 60 %
450 580 519 486 603 484
40 % 40 %
20 % 20 %
0% 0%
2013 2017 2019 2013 2017 2019
14leben mit drogen DROGENKURIER
diglich 15 Einrichtungen einbezieht so dürfen wir mutmaßen,
Abb. 3: Schweregrad des Notfalls schwer dass die tatsächliche Zahl der vermiedenen tödlichen Verläufe
leicht/mittel von Notfällen noch deutlich höher liegt. (siehe Abb. 3).
100 %
Es gibt mehrere mögliche Zusammenhänge und
194 306 346 Entwicklungen, die das erklären könnten:
80 % 1. Die Alterspyramide: Der Altersdurchschnitt von Drogen-
gebraucher_innen steigt. Oftmals befinden sich sowohl
60 % Langzeitkonsumierende als auch ältere Konsument_innen all-
gemein im Vergleich zu jüngeren in einer schlechteren kör-
40 % perlichen Verfassung. Das kann zu mehr Notfällen führen
309 404 300
2. Der Reinheitsgehalt der Substanzen: Die fortlaufende Stu-
die „Drusec“, hat gezeigt, dass es sowohl zwischen den Städ-
20 %
ten große Unterschiede im Reinheitsgehalt der Substanzen
gibt als auch teilweise innerhalb einer Stadt. So wurden z. B.
0% in Berlin Schwankungen von 30 % bis 70 % im Reinheitsgehalt
2013 2017 2019
von Heroin registriert (vgl. Klaus et al.: Substanzmonitoring –
eine neue Methode zur Schadensminimierung. In: Drogenku
Schwere Notfälle nehmen zu rier Nr. 121. Feb. 2020. Seite 3–5). Das Ergebnis, dass Heroin und
Ebenfalls auffällig ist der Anstieg von schweren Notfällen. Im Kokain besonders von Schwankungen betroffen sind, würden
Vergleich zu 2017 sind 10 % mehr schwere Notfälle, im Vergleich auch dazu passen, dass diese Substanzen Hauptverursacher
zu 2013 sogar 14 % zu verzeichnen. Im Jahr 2019 wurden erstma- für Notfälle sind (siehe Abb. 5).
lig mehr schwere Notfälle (53 %) als leichte/mittlere (47 %) doku- 3. Hohe Rate von Ablehnungen: Trotz der Zulassung von Subs-
mentiert. Insgesamt wurden 346 schwere Notfälle dokumentiert. tituierten in Drogenkonsumräumen in NRW seit dem 1.1.2016
Wenn die Einschätzung der Mitarbeiter_innen aus den Vorjah- ist der Anteil an Ablehnungen in diesem Bundesland immer
ren noch zutrifft, dass ein sehr hoher Anteil der schweren Not- noch sehr hoch (insgesamt über 2.300 Ablehnungen in 2018).
fälle ohne die unmittelbare und kompetente Notfallhilfe des „Gründe“ für diese Ablehnungen sind insbesondere Hausver-
Personals im privaten oder öffentlichen Raum tödlich verlau- bote, Verständigungs-/Kommunikationsschwierigkeiten und
fen wären, müssen wir konstatieren, dass durch Drogenkon- die Schließzeiten. Dass die Öffnungszeiten eingehalten wer-
sumräume in Deutschland in 2019 346 Menschenleben gerettet den müssen, ist nachvollziehbar. Wenn allerdings über 90 %
wurden. In Anbetracht des Umstands, dass die Auswertung le- der Ablehnungen disziplinarische Gründe haben, muss das
Abb. 4: Risikofaktoren 2017 2019
100 %
80 %
60 %
40 %
20 %
197 130 127 112 128 69 83 61 68 47
0%
Schlechte Verfassung Alkoholkonsum Benzodiazepine Abstinenz Sonstiges
16www.jes-bundesverband.de leben mit drogen
als Alarmsignal gewertet werden. Die nur für NRW vorliegen- ben, die als reguläre, zugelassene Substanzen im Konsumraum
den Daten können exemplarisch dafür herangezogen werden, konsumiert wurden und mutmaßlich ausschlaggebend für das
dass die Ablehnungsrate eine Gefahr einer Überdosierung für Notfallgeschehen sind. Auch hier waren Mehrfachnennungen
Drogengebraucher_innen erhöht. möglich (z. B. Heroin/Kokain bei konsumierten „Cocktails bzw.
Speedballs“).
Die vorliegenden Zahlen machen einmal mehr deutlich, dass Dro- Heroin dominiert mit 430 Fällen (66 % der gesamten Not-
genkonsumräume in ihren Städten ein entscheidender Faktor fälle) weiterhin als Substanz, die mutmaßlich für die meisten
sind um Drogentodesfälle in beträchtlicher Zahl zu vermeiden. Notfälle verantwortlich ist. Es liegt hier keine signifikante Ver-
änderung zu den Erhebungen von 2013 und 2017 vor. Dass alle
Risikofaktoren für Drogennotfälle anderen Substanzen eine deutlich untergeordnete Rolle spielen,
Zu 290 (44 %) Drogennotfällen lagen Erkenntnisse zu Risikofak- entspricht auch den Beobachtungen der Vorjahre. Eine sichtba-
toren vor, die das Eintreten des Notfalls mutmaßlich begünstigt re Entwicklung gibt es jedoch bei Kokain.
haben. Als Risikofaktoren wurden benannt:
• Abstinenz Zusammenfassung
• schlechte Verfassung
• Alkoholkonsum Die gemeinsam mit dem Arbeitskreis „Drogenkonsumräume“ er-
• Benzodiazepine hobenen Daten geben u. a. einen Einblick welche Risikofaktoren
• Sonstiges Einfluss auf das Eintreten eines Notfalls haben und welche Sub-
stanzen zuletzt konsumiert wurden und wahrscheinlich im Zu-
Die Häufigkeit der Risikofaktoren verteilt sich folgendermaßen sammenhang mit dem Notfall stehen. Sie können allerdings das
(hier gelten die prozentualen Angaben im Verhältnis zu den ins- Fehlen einer bundesweiten Erhebung relevanter Daten nicht er-
gesamt bekannten Risikofaktoren – nicht den Notfällen gesamt): setzen.
Die Verteilungen entsprechen im Wesentlichen denen aus Wir wissen, dass die Mitarbeiter_innen in Drogenkonsumräu
2017. Es gibt leichte Abfälle bei dem Konsum von Benozdiazepi- men bereits jetzt einen immensen Dokumentationsaufwand
nen (von 35 % auf 24 %) sowie der schlechten Verfassung (54 % betreiben. Da aber eine bundesweite Zusammenführung fehlt,
auf 46 %). Letztere ist mit 31 % bei allen, bei denen der Risikofak- vergeben wir die Chance die wissenschaftliche Evidenz von Dro-
tor bekannt ist, weiterhin der dominierende Faktor. genkonsumräumen zu stärken. Die Beispiele aus NRW und Hes-
sen und die hierdurch belegbaren Veränderungen und Trends
Der Konsum von Heroin und Kokain bleibt riskant sollten als Muster für eine Ausweitung auf Bundesebene die-
Unter der Angabe zu „konsumierte Substanzen“ wurden von nen. ❖
den Einrichtungen ausschließlich jene Substanzen angege- Maria Kuban
Abb. 5: Vor dem Notfall konsumierte Substanzen 2013 2017 2019
100 %
80 %
60 %
40 %
495
392
430
20 %
192
178
130
16
23
13
72
69
61
60
47
39
2
0
3
0%
Heroin Kokain Sonstige Benzodiazepine Substitutionsmittel Amphetamine
17leben mit drogen DROGENKURIER
Wie steht es um
die Substitution
in Deutschland?
Bericht zum Substitutionsregister 2019 der Bundesopiumstelle
Wenige Wochen bevor Covid-19 das ge- von Mehrfachverschreibungen, die Über- Deutschland 79.700 Opiatkonsument_
samte medizinische und soziale Hilfesys- mittlung statistischer Auswertungen an innen substituiert.
tem vor völlig neue Herausforderungen die zuständigen Überwachungsbehör- Dies sind nochmals 300 Patient_innen
stellte, erschien der Bericht der Bundeso- den und obersten Landesgesundheitsbe- mehr als 2018 und die höchste jemals ge-
piumstelle, im Bundesinstitut für Arznei- hörde. meldete Zahl behandelter Patient_innen
mittel und Medizinprodukte (BfArM). (siehe Abb. 1).
Seit dem 1. Juli 2002 hat jeder Arzt, der 79.700 substituierte Patient_ Ob die zuletzt nur noch geringen Stei-
Substitutionsmittel für opiatabhängige innen – ein neuer Höchststand gerungsraten bei den Patient_innenzah-
Patient_innen verschreibt, dem BfArM Die Zahl der gemeldeten Substitutions- len mit der geringen Anzahl substituie-
unverzüglich die vorgeschriebenen An- patient_innen ist in den ersten Jahren render Ärzte in Verbindung steht, oder
gaben u. a. zum Patienten und dem Sub- der Meldepflicht kontinuierlich ange- die Grenze der erreichbaren oder be-
stitutionsmedikament zu übermitteln. stiegen. Von 46.000 Patient_innen im handlungswilligen Opiatgebraucher_in-
Zu den Aufgaben des Substitutionsre- Jahr 2002 auf 75.400 Patient_innen zehn nen erreicht ist, darüber gibt der Bericht
gisters gehören neben der Überprüfung Jahre später. Am 1. Juli 2019 wurden in keine Auskunft.
Abb. 1: Anzahl gemeldeter Substitutionspatienten in Deutschland von 2010 bis 2019 (jeweils Stichtag 1. Juli)
78.800 79.400 79.700
80.000 78.500
77.400 77.300 77.500 77.200
76.200 75.400
70.000
60.000
50.000
40.000
2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019
Quelle: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte / Substitutionsregister
18www.jes-bundesverband.de leben mit drogen
Zahl der substituierenden Ärzte ohne Fachkunde behan-
Ärzte auf niedrigem Niveau deln nur 1 % der Substituierten Kommentar des
stabil Die Angaben des Substitutionsregisters JES-Bundesverbands
2019 haben insgesamt 2.607 Substituti- zeigen, dass die 568 Ärzt_innen nur 1 % Für uns als Patient_innen wäre es
onsärzte Patienten an das Substitutions- aller Patient_innen behandeln. Dies sind wünschenswert, wenn eine Rege-
register gemeldet. etwa 800 Patient_innen. Im Umkehr- lung etabliert würde, dass Ärzte
Die Entwicklung der letzten 10 Jah- schluss bedeutet dies, dass die verblei- ohne Fachkunde nach zwei Jahren
re stellt sich wie folgt dar (Abbildung 2): benden ca. 2000 Behandler_innen 99 % eine Fachkunde erwerben müssen.
Trotz einiger Kampagnen und gezielter (78.900) der Patient_innen behandeln. Hiermit würde man die Doppelbe-
Maßnahmen zur Steigerung der Zahl von Dies macht einmal mehr die drama- lastung der betreuenden Ärzt_in-
Ärzt_innen, die sich für die Substitutions- tische Situation deutlich. Wir stellen nen verringern und die Möglichkeit
behandlung interessieren und auch Opi- in Frage ob die hieraus resultierenden geben, dass pro Ärzt_in mehr als
oidkonsument_innen behandeln, gibt es Großpraxen mit einigen hundert Substi- 10 Patient_innen behandelt werden
nur einen sehr leichten Anstieg der Zahl tuierten und einer geringen Anzahl von können. Sollte sich tatsächlich be-
der substituierenden Ärzte Ärzt_innen die erforderlichen Qualitäts- stätigen, dass die Konsiliarregelung
ansprüche erfüllen können. wirklich so schlecht ist wie ihr Ruf,
Jedem fünftem substituieren- sollte man über eine gänzliche Ab-
dem Arzt fehlt weiterhin die Ist die Konsiliarregelung so schaffung dieser Regelung diskutie-
Fachkunde schlecht wie ihr Ruf? ren. Die etwa 800 Patient_innen kön-
2018 behandelten 568 Ärzte, also etwa Wir hören zudem von erfahrenen Be- nen sicherlich von den Ärzten mit
22 Prozent, ihre Patient_innen ohne handler_innen, dass die Konsiliarrege- Fachkunde aufgenommen werden.
die Fachkunde Suchtmedizin. Die soge- lung nicht gut funktioniert. Dies können
nannte „Konsiliarregelung“ ermöglicht wir nicht kommentieren, wenn aber 568
Ärzt_innen ohne suchtmedizinische Ärzt_innen in Deutschland diese Form Methadon verliert weiter an
Qualifikation seit dem 2.10.2017 bis zu der Behandlung nutzen und es im Gegen- Bedeutung
zehn Patient_innen (vorher bis zu drei zug auch viele hundert Ärzt_innen mit Ein Blick auf die Entwicklung der zur Sub-
Patienten) gleichzeitig zu substituieren. Fachkunde geben muss, die Ärzte ohne stitution verschriebenen Medikamente
Erforderlich ist allerdings, dass ein sucht- Fachkunde betreuen, dann stellt sich die zeigt interessante Veränderungen. Die
medizinisch qualifizierter Arzt in die Be- Frage ob die Konsiliarregelung tatsäch- Vormachtstellung des Medikaments „Me-
handlung einbezogen wird. lich so schlecht ist wie ihr Ruf? thadon“ verringert sich von Jahr zu Jahr.
Abb. 2: Anzahl der meldenden, substituierenden Ärzte von 2010 bis 2019 (jeweils Stichtag 1. Juli)
2.800
2.710 2.703 2.731 2.691
2.650
2.613 2.599 2.607
2.590 2.585
2.600
2.400
2.200
2.000
2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019
Quelle: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte / Substitutionsregister
19leben mit drogen DROGENKURIER
Während 2002 fast dreiviertel (72,1 %)
Abb. 3: Art und Anteil der gemeldeten Substitutionsmittel (Stichtag 1.Juli 2019)
der Patient_innen mit Methadon subs-
tituiert wurden, lag der Anteil am 1. Juli
2019 nur noch bei 38,1 %. Methadon bleibt Methadon 38,1 %
noch das überwiegend verschriebene
Medikament, dessen Anteil jedoch seit Levomethadon 35,9 %
15 Jahren fast kontinuierlich abnimmt.
Buprenorphin 23,2 %
(Abb. 3).
Eine genau gegensätzliche Entwick- Morphin 1,5 %
lung zeigt sich bei der Verschreibung von
Levomethadon. Hier steigt der Anteil der Diamorphin 1,1 %
Verschreibung seit 15 Jahren kontinuier-
lich an. Während 2002 lediglich 16,2 % Codein 0,1 %
der Patient_innen Levomethadon erhiel-
Dihydrocodein 0,1 %
ten, hat sich die Zahl bis heute mit 35,9 %
mehr als verdoppelt.
Eine ähnliche Entwicklung, wenn- Quelle: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte / Substitutionsregister
gleich auf geringerem Niveau, voll-
zieht sich bei der Verschreibung von Bu-
prenorphin. Während der Anteil kurze
Zeit nach der Markteinführung bei 9,7 % Kommentar des Wir als JES-Bundesverband glau-
lag, haben sich die Anteile der Buprenor- JES-Bundesverbands ben zudem, dass das Interesse und
phin Verschreibung in den letzten 15 Jah- der Bedarf an einer Diamorphin-
Die besonders kritische Betrach-
ren mit 23,1 % ebenso mehr als verdop- behandlung höher ist, als dies die
tung von Substitol führt u.a. dazu,
pelt. Allerdings stagnieren d ie Anteile Zahlen ausweisen. Um diese Be-
dass viele Ärzte dieses Medikament
der mit Buprenorphin behandelter Pati- handlungsform für Ärzte und Pa-
nicht als Take-Home-Rezept ver-
ent_innen seit etwa vier Jahren. tient_innen einfacher zu machen
schreiben. Andere verzichten völlig
Bedarf es zwei grundsätzlicher Ver-
auf die Verschreibung, da umfang-
Retardiertes Morphin legt änderungen.
reiche Begründungen erforderlich
leicht zu – trotz Gegenwind
werden. Wir als Patientenorgani- 1. D ie Rahmenbedingungen der
der Krankenkassen
sation würden uns wünschen, dass Diamorphinsubstitution des GBA
Im April 2015 wurde mit retardiertem
Ärzt_innen ohne Vorbehalte das müssen grundlegend überarbei-
Morphin die bisher letzte neue Substanz
Medikament wählen, das nach An- tet werden. Es gilt hierbei unnöti-
in Deutschland zur Substitutionsbehand-
sicht von Behandler_in und Patient_ ge Hürden, die aus unserer Sicht
lung zugelassen. Der aktuelle Anteil der
in den größten Nutzen erbringt. Nur vorrangig gesetzt wurden, um die
Patient_innen die mit Morphin substitu-
dies darf handlungsleitend sein. Behandlungszahlen möglichst
iert werden liegt bei 1,5 %. Dies entspricht
klein zu halten, zu beseitigen.
etwa 1200 Patient_innen.
2. Die aktuelle BtmVV ermöglicht be-
Als JES-Bundesverband unterstützen Was ist eigentlich aus der
reits die Diamorphinbehandlung
wir die Zulassung neuer Darreichsfor- Diamorphinbehandlung
mit Tabletten. Nun muss es darum
men und neuer Substanzen. Durch eine geworden?
gehen, die im Ausland seit vielen
große Palette unterschiedlicher Medi- Auf Seite 28 dieser Ausgabe berichten
Jahren eingesetzten Diamorphin-
kamente wird die Individualität der Be- wir über die Neueröffnung einer zwei-
tabletten (DAM) auch in Deutsch-
handlung erhöht. Wie schwer sich al- ten Diamorphinambulanz in Berlin. Das
land verfügbar zu machen.
lerdings die Krankenkassen mit der ist sehr erfreulich, dass sich Ärzt_innen,
Substitutionsbehandlung und neuen trotz der schwierigen Rahmenbedingun- Man muss sich allerdings zuerst
Substanzen tun, zeigt sich in besonderer gen wagen, in den Aufbau einer Diamor- entscheiden was man möchte:
Weise beim retardierten Morphin (Sub- phinambulanz zu investieren. Dennoch Diamorphin als Feigenblatt oder
stitol). So erhalten Ärzte, die dieses Me- fristet die Diamorphinbehandlung ein Diamorphin als gleichwertige Be-
dikament verschreiben wollen, Andro- Schattendasein. Im Juli 2019 wurden handlungsform.
hungen von Überprüfungen oder gar etwa 880 Opioidkonsument_innen (1,1 %)
Regressandrohungen. mit Diamorphin behandelt. ❖ Dirk Schäffer
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