Frühkindliche Bildung braucht Freiräume! - nds-zeitschrift.de
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nds 2-2019
Fridays for Future: Demos in NRW
Shareducation zum Nachmachen
Wirtschaft als Schulfach?
Tarifrunde 2019: Landesweite Streiks
Unterrichtsausfall erfassen: So nicht!
DIE ZEITSCHRIFT DER BILDUNGSGEWERKSCHAFT Hochschule: Exzellent kaputtgespart
71. Jahrgang Februar 2019 ISSN 0720-9673
Frühkindliche Bildung
braucht Freiräume!
K 5141GEW NRW auf der didacta Vielfalt bereichert. Mit gleich zwei Ständen war die GEW NRW vom 19. bis zum 23. Februar 2019 auf der didacta in Köln. So vielfältig wie die Bildungsgewerkschaft selbst waren auch die Fragen der Besucher*innen an die GEW-Expert*innen. Besonders gut kam in diesem Jahr eine Fotobox an, mit der die Besucher*innen der Bil- dungsmesse sich für ihre bildungspolitischen Forderungen starkmachten. Zu Gast am Stand war auch NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer, die von der Landesvorsitzenden Dorothea Schäfer und ihrer Stellvertreterin Maike Finnern begrüßt wurde. GEW-Bundesvorsitzende Marlis Tepe diskutierte beim „Forum Bildung“ zum Thema Wirtschaft und Schule. Mehr unter www.gew-nrw.de/ didacta Text: kue, Fotos: A. Etges
nds 2-2019 3
Die frühe Kindheit
braucht Spielwiesen!
Bildung beginnt mit der Geburt – eine Erkenntnis, mit der um die Jahrtausendwende die
„Entdeckung der frühen Jahre“ einsetzte. Sie wertet die frühe Kindheit nicht nur sozial- und bil-
dungswissenschaftlich auf. Sie strapaziert sie auch als nicht zu versäumende Entwicklungsphase,
in der pädagogisches Handeln nicht allein das Wohl der pädagogisch Behandelten fokussiert,
sondern vielmehr deren ökonomischen Nutzen und lebenslange Verwertbarkeit.
Institutionalisierung der frühen Kindheit Prof. Dr. Andrea Platte
Aufgefordert, sich als Kindheitspädagogik zu „disziplinieren“ und zu akademisieren, entstanden Professorin für Bildungs-
seit 2004 bundesweit über 100 neue Studiengänge, deren Absolvent*innen inzwischen in 13 didaktik an der Fakultät für
Bundesländern staatlich anerkannte Kindheitspädagog*innen sind. Die zunehmende Multipro- Angewandte Sozialwissen-
fessionalität erweitert Perspektiven und Expertisen, fordert die Kollegialität aber auch heraus: Die schaften der TH Köln
Anerkennung für die eingebrachte Arbeitskraft, die pädagogische Kompetenz und Engagiertheit
drückt sich nach wie vor nicht in der Entlohnung aus – und das für Bachelor-Absolvent*innen und
Erzieher*innen im Gruppendienst gleichermaßen. Ganz im Gegensatz zu ihrem Bedarf steigert sich
die Würdigung pädagogischer „Fach-Kraft“ mit dem Lebensalter ihrer Zielgruppe und divergiert
zudem zwischen formalen und non-formalen Bildungssettings.
Dem Ruf nach umfassenderer und früher einsetzender Betreuung folgend wurde die Pädagogik
der frühen Kindheit ausgebaut und die der mittleren Kindheit durch non-formale Bildung ergänzt.
Dadurch hat sich die institutionelle Verantwortung ausgedehnt, haben sich die informellen,
dem (kindlichen) Belieben überlassenen Spielräume zurückgebildet und haben sich pädago-
gische Professionen multipliziert. Seitdem sind Erzieher*innen, Kindheitspädagog*innen und
Sozialarbeiter*innen oft diejenigen, denen die Zuständigkeit für genuin pädagogische Fragen
übertragen wird: für Fragen der Übergänge, der Konflikte, des Sozialverhaltens, der Elternberatung,
der Mehrsprachigkeit, der Inklusion ...
Zwischen Anerkennung und Vereinnahmung
Als erste institutionalisierte und fremdbetreute Station in der Bildungsbiografie setzen Kitas
oft den Startpunkt sozialer Orientierungen und damit erste Erwartungen bezüglich individueller
Leistungsentwicklungen, Neigungen und Förderbedarfe. Gesellschaftlich relevante Themen wie
Inklusion, Migration, Armut und soziale Unterschiede spielen sich in ihnen ab und sie übernehmen
dort Verantwortung, wo sie zum Beispiel als Familienzentren explizit sozialräumlich eingebunden
sind, auch über das pädagogische Handeln hinaus. Interventionen werden von ihnen ebenso
erwartet wie die angemessene Vorbereitung auf eine wünschenswerte Schullaufbahn.
Als Kita gilt es dabei, sich zu positionieren: zwischen dem Vermögen, einerseits die einst wild
gewachsenen Felder frühkindlicher Entdeckungsreisen zu erhalten und nur mit größter Zurück-
haltung zu institutionalisieren, und der Erwartung, andererseits keine Lernzeit zu versäumen und
die sich öffnenden Fenster kindlicher Entwicklung effizient zu nutzen. Tatsächlich liegen Kraft und „Wir spielten und
Alleinstellungsmerkmal der Kindheitspädagogik in deren pädagogischem (Selbst-)Verständnis und spielten und spielten,
der weitgehenden Unabhängigkeit vom formalen Bildungssystem, das sie weder zu Platzierungen
sodass es das reine
und Zuweisungen von Kindern verpflichtet, noch an Bildungspläne und Entwicklungsvorstellungen
Wunder ist, dass wir
zwingend bindet. Es ist ihr zu wünschen, dass sie sich erlaubt, auf Spielwiesen (sich) selbst gestalten
zu dürfen und Kindern Freiräume zu erhalten. Vielleicht liegt der Kern pädagogischen Handelns
uns nicht totgespielt
weniger in der Beobachtung der „zu erziehenden“ Kinder als in der wachsamen Beobachtung haben.“
bildungspolitischer Entwicklungen mit ihren Verpflichtungen und Vereinnahmungen. // Astrid Lindgren4 INHALT
THEMA BILDUNG
16 10
Frühkindliche Bildung Zehn Jahre UN-Behindertenrechtskonvention
braucht Freiräume! Wo bitte geht’s zur Inklusion?
Seite 8
Kita Thomaszentrum in Bochum
„Inklusion beginnt bei uns an der Tür.“
Fridays for Future
Seite 16 Die Stimme der jungen Generation zum Klimawandel
Seite 10
U3-Betreuung
Notstand bei den Allerkleinsten
„Shareducation“-Projekt der Gesamtschule Langerfeld
Seite 20 Soft Skills lernen in Stadt, Land oder Fluss
Seite 12
Interessengemeinschaft Kindertagespflege in Essen e. V.
„Wir setzen uns ein für Anerkennung
und gute Arbeitsbedingungen.“ „Wirtschaft“ als Schulfach?
Sozialwissenschaftliche Disziplinen gehören zusammen
Seite 21
Seite 14
Reform des Kinderbildungsgesetzes
Zahlenspiele sind nicht genug!
Seite 22nds 2-2019 5
ARBEITSPL ATZ
IMMER IM HEFT
Nachrichten Seite 6
Weiterbildung Seite 33
Infothek Seite 34
Termine Seite 38
Impressum Seite 39
GEW-Kino Seite 40
24
Tarifrunde 2019: Warnstreiks in NRW
Tausende Kolleg*innen streikten lautstark für mehr Geld
Seite 24
Unterrichtsausfall
Digitale und schulscharfe Erfassung ist nicht sinnvoll
Seite 26
Vereinfachter Beihilfeantrag
Weniger Bürokratie durch die Beihilfe-App?
Seite 28
JA 13: Musterklagen für eine gerechte Bezahlung
Ich möchte anderen Mut machen!
Seite 29
Kürzungen an Hochschulen
Exzellent kaputtgespart
Seite 306 NACHRICHTEN
Betreuungsplätze für unter Dreijährige deutlich ausgebaut
Die Anzahl der Plätze für unter Dreijährige (U3) und über Drei-
Entwicklung der beantragten U3- und Ü3-Plätze in
Kindertageseinrichtungen und in der Kindertagespflege jährige (Ü3) in Kitas und in der Kindertagespflege stieg von 2010
bis 2019 deutlich an. Im Kindergartenjahr 2010 / 2011 waren es
unter Dreijährige über Dreijährige insgesamt 555.339 Plätze, neun Jahre später waren es 684.725
Plätze. Das geht aus einer aktuellen Statistik des Ministeriums
600.000
für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in NRW hervor.
Aufgeteilt nach Plätzen für unter Dreijährige und über Dreijährige
466.675 493.404
500.000 460.982 455.384 458.561 469.832
479.361
ist die Entwicklung sehr unterschiedlich: Die U3-Plätze haben sich
457.436 454.701
400.000 in den neun Jahren mehr als verdoppelt von 88.664 auf 191.321.
Die Anzahl der Plätze für ältere Kinder ist nahezu gleich geblieben.
300.000
2010 / 2011 waren es 466.675 Plätze, im Kitajahr 2018 / 2019
200.000
155.571 161.510 168.742 179.472 191.321 493.404 Plätze. Für das Kindergartenjahr 2018 / 2019 waren
117.079 144.831
88.664 100.901 von den 191.321 zur Verfügung stehenden U3-Plätzen 134.173
100.000
Betreuungsplätze für unter dreijährige Kinder in Tageseinrichtungen
0 und 57.148 in der Kindertagespflege. Bei den über Dreijährigen
2010/11 2011/12 2012/13 2013/14 2014/15 2015/16 2016/17 2017/18 2018/19
entfallen 489.158 Plätze auf Kindertageseinrichtungen und 4.246
auf die Kindertagespflege. Mehr ab Seite 16. KiBiz.web
Quelle: Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration NRW, KiBiz.web, 2019
Kitazeiten Mehr geförderte Studierende
Wie lange Kitas in NRW geöffnet Die Anzahl der Stipendiat*innen aus bislang unterrepräsentierten Gruppen
Begreifen sind, geht aus der Antwort auf eine wie Frauen, Migrant*innen oder Kindern aus Arbeiter*innenhaushalten
zum Eingreifen Kleine Anfrage der SPD NRW hervor. nimmt zu. Bei den jährlichen Neuaufnahmen ist die Zahl der Migrant*innen
Demnach öffnen mehr als die Hälfte von rund 11 Prozent im Jahr 2010 auf rund 24 Prozent im Jahr 2017
der 5.230 einbezogenen Einrich- gestiegen. 2017 lag der Gesamtanteil von geförderten Studierenden
tungen vor oder um 7.00 Uhr, mit Migrationshintergrund über alle Begabtenförderungswerke hinweg
www.
Prekäre Beschäftigung 1.480 öffnen um 7.15 Uhr und bei rund 21,4 Prozent. Auch bei den Neuaufnahmen von Menschen
Wie viele Menschen leben 2.689 um 7.30 Uhr. Damit ist aus nicht-akademischen Haushalten hat sich der Anteil von rund 29
dauerhaft in prekärer Beschäfti- im Vergleich zum vergangenen Prozent im Jahr 2010 auf rund 36 Prozent im Jahr 2017 erhöht. Verant-
gung? Die Hans-Böckler-Stiftung Jahr eine leichte Verschiebung der wortlich dafür ist unter anderem die Hans-Böckler-Stiftung, die gezielt
hat dazu eine Studie in Auftrag
Öffnungszeiten auf vor 7.00 Uhr Arbeiter*innenkinder unterstützt. Aktuell stammt etwa die Hälfte der
gegeben. Die Ergebnisse zeigen:
Jeder*r Achte ist betroffen. festzustellen. 1.844 Einrichtungen Stipendiat*innen aus nichtakademischen Familien. Nicht nur die Zahl
www.tinyurl.com/prekaere- schließen um 16.00 Uhr, 4.322 um der Studierenden, auch die der Stipendien ist seit 1998 bundesweit stark
jobs 16.30 Uhr und 2.093 schließen gestiegen: von 10.000 auf rund 29.500 im Jahr 2017. Mehr unter www.
Sozialstaat www. nach 16.30 Uhr. Landtag NRW tinyurl.com/hbs-stipendiumDGB
Was passiert mit Menschen,
die nicht arbeiten können? Die KiBiz-Bündnis Europawahl: Wahlbeteiligung steigt
Bundeszentrale für politische
Bildung hat in dem interaktiven Im Januar 2019 hat sich das 65 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland wollen an der Euro-
Tafelbild „Sozialstaat“ für die Bündnis „Mehr Große für die pawahl am 26. Mai 2019 teilnehmen. Das hat eine aktuelle Befragung
Grundschule und die Sekundar- Kleinen – #M23“ gegründet. Mit- im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung zur politischen Stimmung vor der
stufe I das Prinzip des Umlage-
systems erklärt. arbeiter*innenvertretungen der Wahl des europäischen Parlaments ergeben. Mit der Prognose deutet
www.tinyurl.com/bpb-sozial- Kirchen, Betriebsräte von AWO sich eine höhere Wahlbeteiligung an als beim letzten Urnengang im Jahr
staat und FRÖBEL, ver.di und GEW 2014. Damals gaben in Deutschland rund 48 Prozent der potenziellen
www. NRW, Berufsverbände, Personalräte Wähler*innen bei der Europawahl ihre Stimme ab. Der positive Trend
Armut und Reichtum
der kommunalen Kitas sowie der der vergangenen Jahre, dass die Wahlbeteiligung steigt, würde sich
Die Kluft zwischen Arm und Landeselternbeirat wollen aktiv in damit fortsetzen. Rund 31 Prozent der knapp 2.700 wahlberechtigten
Reich ist in Deutschland weiter
die Debatte um die Neufassung Befragten hatten eine Präferenz für die CDU / CSU. 17 Prozent gaben
ein Problem. Das geht aus dem
aktuellen Ungleichheitsbericht des Kinderbildungsgesetzes (KiBiz) an, die GRÜNEN wählen zu wollen. 16 Prozent äußerten eine Vorliebe
der Organisation Oxfam hervor. in NRW eingreifen. Für den 23. Mai für die SPD, 15 Prozent für die AFD. Die LINKE und die FDP kommen auf
www.tinyurl.com/ungleich- 2019 ruft das Bündnis zu einer jeweils 9 Prozent der potenziellen Wähler*innenstimmen. Mehr unter
heitsbericht
Großdemo auf. #M23 www.tinyurl.com/europawahl-2019 Hans-Böckler-Stiftungnds 2-2019 7
Fridays for Future Sprachunterricht Petition zum Einschulungsstichtag
Das NRW-Schulministerium Die NRW-Landesregierung plant, Mit ihrem Vorstoß gegen eine allzu frühe Einschulung von Kindern hat
nimmt die Proteste der internationa- Englisch an Grundschulen erst wie- eine Mutter aus Essen den Nerv vieler Eltern getroffen: Ihre Onlinepetition
len Klimabewegung „Fridays for Fu- der ab der dritten Klasse zu unter- mit der Forderung, den Einschulungsstichtag zu verschieben, unterstütz-
ture“ nicht mehr hin, an denen auch richten. Daraufhin forderte der ten bereits mehr als 33.000 Menschen. Die Initiatorin Sylvia Montanino
in NRW viele Jugendliche freitags in Vorsitzende des NRW-Integrations- will erreichen, dass Kinder mit Geburtstag im Spätsommer nicht schon
der Schulzeit teilnehmen. In einer rats, Tayfun Keltek, dass Englisch mit fünf Jahren zur Schule gehen müssen. Bislang ist jedes Kind, das bis
zum 30. September sechs Jahre alt wird, nach den Sommerferien schul-
Schulmail an alle Lehrer*innen hat- erst in der weiterführenden Schu-
pflichtig. Aus Sicht der Petitionsinitiatorin ist das für manche Kinder zu
te das Ministerium auf einen Rund- le unterrichtet werden soll. Statt-
früh. Die Essenerin will erreichen, dass Eltern mit Kindern, die zwischen
erlass aus dem Jahr 2007 zur dessen sollten Grundschulen wech-
Juli und Ende September geboren sind, selbst entscheiden können, ob
Überwachung der Schulpflicht selnde Sprachkurse ermöglichen,
sie ihr Kind schon für alt genug halten. Bisher müssen gravierende ge-
verwiesen. Darin werden Sank- die sich an der Zusammensetzung
sundheitliche Gründe vorliegen, um die Einschulung eines Kindes um ein
tionen beschrieben, die möglich der Klasse orientieren. Gebe es un- Jahr zurückzustellen. Das NRW-Schulministerium sieht keinen Grund, die
sind, wenn Schüler*innen nicht am ter den Kindern mit Migrationshin- Regelungen zu ändern. Eltern können inzwischen auch zusätzliche Gut-
Unterricht teilnehmen. Die GEW tergrund eine Mehrheit türkischer achten vorlegen, wenn sie ihr Kind später einschulen möchten. Dorothea
NRW setzt hingegen auf kreative Kinder, würde demnach ihre Mutter- Schäfer, Vorsitzende der GEW NRW, unterstützt die Initiative: „Wir haben
Lösungen beim Umgang mit dem sprache angeboten. GEW NRW und schon beim Regierungswechsel im Jahr 2010 die Rückkehr zum Stichtag
Engagement der Schüler*innen. das Schulministerium weisen diesen 30. Juni gefordert mit einer Antragsregelung für jüngere Kinder.“ Mehr
Mehr ab Seite 10. WDR/kue Vorschlag entschieden zurück. kue unter www.tinyurl.com/einschulung-petition dpa
Lehrkräftemangel bleibt ein Problem Weiterbildung sichert den Job
Die Vorsitzende der GEW NRW, Dorothea Schäfer, stellte der NRW- Wer das Abitur nachholt, neben dem Job noch ein Studium absolviert
Landesregierung anlässlich der Halbjahreszeugnisse ein Zwischenzeugnis oder den Meister macht, hat gute Chancen auf einen höher dotierten
aus: „Die Landesregierung muss sich mehr anstrengen. Der Lehrkräfte- Posten im Unternehmen. Ob das auch für die vielen kleineren Fortbil-
mangel ist keine Eintagsfliege, sondern ein Dauerphänomen. Wenn jetzt dungen gilt, an denen Arbeitnehmer*innen regelmäßig teilnehmen,
nicht gehandelt wird, verschärft sich die Situation in den kommenden haben die Forscher Christian Ebner vom Karlsruher Institut für Technologie
Jahren weiter.“ Diese Einschätzung belegen auch Meldungen aus den und Martin Ehlert vom Wissenschaftszentrum Berlin untersucht. Knapp
Personalvertretungen, wonach die Lage weiterhin angespannt bleibt 83 Prozent der Teilnehmer*innen betrieblicher Weiterbildung haben im
und erneut viele Stellen nicht besetzt werden konnten. Zum 1. Februar gesamten Untersuchungszeitraum dieselbe Tätigkeit verrichtet, stellten
2019 wurden zwar neue, aber immer noch zu wenige Lehrkräfte an den die Wissenschaftler fest. Bei den übrigen Beschäftigten waren es nur
Schulen in NRW eingestellt. „Insbesondere die Schulen in Stadtteilen mit rund 63 Prozent. Etwa fünf Prozent der Fortgebildeten sind beruflich
besonderem Erneuerungsbedarf müssen besser mit Lehrkräften versorgt aufgestiegen, bei den anderen waren es knapp 13 Prozent. „Betriebliche
werden“, fordert Dorothea Schäfer. Die GEW NRW schlägt deshalb vor, Weiterbildung scheint den Verbleib auf der aktuellen Position zu fördern
für drei Jahre das schulscharfe Einstellungsverfahren für Grundschulen und Mobilität – egal in welche Richtung – entgegenzustehen“, fassen
zugunsten eines landesweiten Listenverfahrens auszusetzen. Mehr unter die Forscher die Ergebnisse ihrer Studie zusammen. Mehr unter www.
www.tinyurl.com/zwischenzeugnisbp tinyurl.com/hbs-weiterbildung Hans-Böckler-Stiftung
Azubi-Ticket kommt im Sommer
Gewonnen!
Das NRW-Verkehrsministerium plant, nach den Sommerferien ein Azubi-
Ticket einzuführen. Die DGB-Jugend NRW begrüßte diese Entscheidung: Für die neue Mitgliederzeitschrift der GEW NRW haben Sie viele
„Seit 2017 machen sich die Jugendverbände der Gewerkschaften in NRW kreative Namensvorschläge eingereicht! Als Dankeschön haben wir
für ein landesweites Azubi-Ticket stark“, sagt Eric Schley, Jugendsekretär des unter allen Einsendungen 20 mal 2 Kinotickets verlost. Gewonnen
DGB NRW. „Unser Druck hat Wirkung gezeigt! Ab diesem Sommer können haben: Julian Schad, Katrin Disselhoff, Mia Feldmann, Jürgen
nicht nur Studierende, sondern auch Azubis mit einem vergünstigten Ticket Kamenschek, Marvin Stutzer, Philipp Einfalt, Joachim Krause, Petra
öffentliche Verkehrsmittel in ganz NRW nutzen.“ Ein Wermutstropfen des Hillnhütter, Michael Kaysers, Monika Scharf, Ulrich Dierkes, Christine
neuen landesweiten Tickets ist allerdings der Preis: „Für Auszubildende Pannhorst, Willi Köchling, Horst-Manfred Gerngreif, Monika Voigt,
sind 80,- Euro monatlich sehr viel Geld“, erklärt Eric Schley. Ein Semester- Ömer Yorgun, Britta Schwingel, Uwe Reich, Bärbel Sibbing und Simone
ticket für Studierende ist deutlich günstiger. „Azubis bleiben hier gegen- Flissikowski. Wir gratulieren allen Gewinner*innen und wünschen
über Studierenden benachteiligt, das ist nicht fair.“ Die GEW NRW wird viel Spaß im Kino! Die Tickets machen sich bereits mit der Post auf
sich ihrerseits dafür einsetzen, dass auch Lehramtsanwärter*innen und den Weg zu Ihnen. Alle eingereichten Namensvorschläge für das
Referendar*innen einbezogen werden. Mehr unter www.tinyurl.com/ neue Magazin zum Nachlesen auf Seite 23. nds-Redaktion
azubiticket-dgb DGB NRW8 BILDUNG
Zehn Jahre UN-Behindertenrechtskonvention
Wo bitte geht’s zur Inklusion?
Die Politik in NRW hat die Aufgabe Länder wie Bremen und Schleswig-Holstein, mit haft, es gebe eigentlich kaum Handlungsbedarf,
des Gemeinsamen Lernens völlig unter- Abstrichen auch Berlin und Hamburg, zumindest irgendwie sei jetzt schon alles inklusiv oder
schätzt. Der Weg aus der Krise gelingt eine beeindruckende inklusive Schulstatistik „dual-inklusiv“ wie es der Rehabilitationswis-
nur, wenn die Probleme benannt und vorweisen. Auf der Habenseite sei außerdem senschaftler Otto Speck beschreibt.
gemeinsam gelöst werden. vermerkt: Seitdem die Konvention verabschiedet Die andere Seite der Zange bilden gleich zwei
ist, wird über die Bildungschancen der Menschen Fehlinformationen: Das Gemeinsame Lernen
Die protokollierten Bundestagsreden wer- mit Behinderung und die pädagogische Antwort habe sich per se als vorteilhaft erwiesen und es
ten das Ereignis als „Meilenstein“ und „Grund der Schulen immerhin öffentlich gestritten. sei kostenlos zu haben. Diese Thesen wurden lan-
zum Feiern“. Das ist ziemlich untertrieben. Die Die Separierung in Förderschulen steht unter ge von vielen Inklusionsoptimist*innen verbreitet
UN-Behindertenrechtskonvention, die im März Rechtfertigungsdruck. und führten in ambitionierten Bundesländern
2009 in Deutschland geltendes Recht wurde, Diese Fortschritte können aber nicht darüber wie NRW geradewegs in die Misere. So war
ist nichts Geringeres als der vorläufig jüngste hinwegtäuschen, dass die schulische Inklusion die Debatte und in der Folge auch die Politik
Spross der allgemeinen Menschenrechte. Sie in der Krise steckt. „Lotta Schultüte“ heißt das geprägt von zwei pädagogischen Todsünden:
steht in einer Reihe mit den Menschheits- geradezu paradigmatische Buch dazu, in dem mangelnder Ehrlichkeit gepaart mit einer aus-
errungenschaften der Vereinten Nationen gegen die inklusionsbegeisterte Autorin Sandra Roth geprägten Bereitschaft, nur das in den Blick zu
Rassendiskriminierung (1965), für die Rechte der für ihre behinderte Tochter zunehmend verzwei- nehmen, was man sehen will.
Frauen (1979) und der Kinder (1989). Zehn Jahre felt einen guten Bildungsort sucht – und sich
später? Ausgerechnet beim Thema Inklusion, am Ende für eine Förderschule entscheidet. Ist
der Leitidee der Konvention: Katzenjammer. das ganze Projekt also am Ende ein „Märchen Zum Weiterlesen
Wie konnte es so weit kommen? Und wie geht von der Inklusion“ ohne Happy-End, wie es die
Wie wir das gemeinsame Lernen retten können
es jetzt weiter? aktuelle ARD-Doku suggeriert?
Inklusion: Ganz oder gar nicht
Schulische Inklusion steckt in der Krise Zangengeburt mit Folgeschäden
Zunächst einmal sei anerkannt: Vieles hat die Die Rückschau offenbart eine schwierige
UN-Behindertenrechtskonvention in Deutsch- Geburt mit gravierenden Folgeschäden. In weit
land in Bewegung gebracht. Angefangen von konkreterem Sinne als es Uwe Becker mit seiner Vandenhoeck & Ruprecht
Verlage, 2018
der mittlerweile in der Kita real praktizierten Grundsatzkritik „Die Inklusionslüge“ intendierte, ISBN 978-3-525-70248-2
Inklusion bis hin zu weniger gesetzlicher Dis- geriet Inklusion hierzulande von Anfang an in die 183 Seiten
kriminierung in den Schulgesetzen der Länder Zange absichtsvoll verbreiteter Unwahrheiten. 19,- Euro
oder mehr verbrieften Rechten für Menschen mit Auf der einen Seite lautet die These: In Deutsch- Ist Inklusion nicht möglich? Oder liegt ihr
Behinderung durch das Bundesteilhabegesetz. land entspreche die Realität bereits weitgehend schlechter Ruf am fehlenden Veränderungswillen
der Schulen? Autor Tillmann Nöldeke zeigt auf,
Und während die Inklusion im Berufsleben der Konvention, selbst in den Schulen. Bis heute wie Inklusion gelingen kann.
noch fast gar nicht angekommen ist, können argumentieren Inklusionsskeptiker*innen ernst-nds 2-2019 9
ansehen. Gut ausgestattet und von überzeugten
pädagogisch-therapeutischen Fachkräften getra-
gen, könnten sie sich zu Orten ganzheitlicher
Bildung entwickeln, die Kinder und Jugendliche
unabhängig vom sozioökonomischen Status
ihrer Elternhäuser stark machen für die mehr
denn je ungewisse Zukunft.
Ermöglichen könnte das eine nationale Bil-
dungskommission, in der sich nach dem Vorbild
der Kohlekommission Vertreter*innen aus Wis-
Fotos: go2 / photocase.de, iStock.com / Khosrork
senschaft, pädagogischer Praxis, Verbänden und
gesellschaftlichen Gruppen zusammensetzen.
Sie hätte verbindlich zu klären, wohin die in-
klusive Reise gehen soll, und müsste endlich
einen konkreten, realitätsnahen Reiseplan samt
Finanzierung liefern. Das allerdings steht wohl –
vorsichtig gesagt – nicht ganz oben auf der
politischen Agenda.
Reha für die behinderte Gesellschaft
So bleiben die Hoffnungen bescheiden. Das
liegt nicht zuletzt daran, dass ausgerechnet
das Thema Inklusion bislang mehr polarisiert
als verbindet, selbst unter Betroffenen. Das
Widerspenstige Wirklichkeit gesellschaftlichen Tendenzen, die sich in unserem
Reformvorhaben wird jedoch nur gelingen, wenn
Wahr ist: Bereits in den 1990er-Jahren hat selektiven Schulsystem widerspiegeln – samt
Menschen mit Handicap unabhängig von der
man in NRW die auf Amtsdeutsch personalkos- Bildungsstandards und permanenten PISA-Tests.
Schulfrage wieder zu neuer Gemeinsamkeit
tenneutral genannte Integration von Kindern Schule für das 21. Jahrhundert finden und sich zusammen mit reformbereiten
mit Behinderung in der Schule erprobt mit dem Pädagog*innen für echte Veränderungen ein-
Was müssen inklusive Schulen leisten? „Lottas
Ergebnis, dass sie nicht möglich ist. Ebenso wahr setzen. Helfen könnte die Erkenntnis, dass es
Schule sollte ein Kind unterrichten wollen, das,
ist: Es gibt in Deutschland seit den 1980er- wenig sinnvoll ist, die Förderschulen zu bekämp-
wie [ ihr älterer Bruder, Anm. d. Red.] Ben sagen
Jahren erfolgreiches Gemeinsames Lernen – an fen, weil sie nicht Feind sind, sondern Gehhilfe
würde, ‚so richtig behindert‘ ist. Ich wünsche ihr
Schulen, die sich mit großem Engagement und einer menschlich noch ziemlich behinderten
eine Schule, wo das Trinken aus einem Becher
klugen pädagogischen Konzepten dieser großen Gesellschaft. Schmeißt jemand mit gelähmten
ein genauso ernst zu nehmendes Lernziel sein
Aufgabe stellten und genug Lehrer*innen hat- Beinen einfach seine Krücken weg, fällt er auf
kann wie Bruchrechnen, wo Physiotherapie
ten, um sich den Kindern individuell widmen die Schnauze. Klammert er sich dran fest, wird
zu können. Ausgerechnet diese Schulen wur- und Sport sich ergänzen, wo eine mühsam
er nie auf eigenen Füßen laufen lernen. Wenn’s
den in den vergangenen Jahren im Zuge der geöffnete Hand genauso gelobt wird wie ein
was werden soll mit der Inklusion, braucht der
flächendeckend verordneten Inklusion immer sauber geschriebener Text“, schreibt Sandra Roth.
Patient Geduld, Achtsamkeit, Mut und eine
mehr kaputtgespart. Damit das klappen kann, brauchen Schulen
ziemlich gute Reha. //
Um zu verstehen, vor welchen Aufgaben die weit mehr als ausreichende Ressourcen und
Schulen stehen, hilft ein unverstellter Blick auf Lehrer*innen mit der richtigen Einstellung. Sie
die wissenschaftlichen Erkenntnisse. Um nur müssen ihre ganze pädagogische Konzeption,
ihre Organisation, ihren Unterricht und sogar www. GEW NRW: Themenseite „Inklusion“
einige zu nennen:
www.gew-nrw.de/inklusion
◆◆ Die Gefahr ist real, dass durch Gemeinsames ihre Bildungsziele neu ausrichten. Nur wenn das
www. Sandra Roth: Leseprobe „Lotta Schultüte“
Lernen das Lernniveau absinkt, wenn die tatsächlich geschieht, wird Gemeinsames Lernen
www.tinyurl.com/leseprobe-lotta
Schulen ohnehin viele sozial benachteiligte verantwortbar. Dabei muss ihnen der Ausgleich Uwe Becker: Leseprobe „Inklusionslüge“
Schüler*innen unterrichten und schlecht zwischen Bildungsstandards und individueller PDF www.tinyurl.com/leseprobe-inklusionsluege
vorbereitet sind. persönlicher Entfaltung, der Spagat zwischen www. ARD: Dokumentation „Märchen von der
◆◆ Förderkinder mit kognitiven Schwächen oder Förderung der Fähigkeiten und Chancenvertei- Inklusion“
www.tinyurl.com/ard-maerchen-inklusion
Verhaltensproblemen werden bis zu dreimal lung gelingen. Je „besonderer“ die Kinder und
häufiger sozial ausgegrenzt als ihre Peers. Jugendlichen, desto schwieriger ist das.
◆◆ Schulen, die schlecht in die Inklusion gestartet Wo geht’s jetzt lang zur Inklusion? Die Chance Tillmann Nöldeke
sind, haben sich oft auch nach vielen Jahren bestünde darin, inklusive Schulen so attraktiv zu Lehrer an einer Gesamtschule, Autor
und Pflegevater eines Jungen mit
kaum weiterentwickelt. machen, dass die Kinder gerne dort lernen und
Behinderung
Aber vor allem steht der Inklusionsgedanke im Eltern wie Lehrkräfte sie als zeitgemäße Antwort
eklatanten Widerspruch zu den exkludierenden auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts10 BILDUNG
Fridays for Future
Die Stimme der jungen
Generation zum Klimawandel
Jeden Freitag demonstrieren bundesweit Schüler*innen nach dem Vorbild von das sollten ja Politiker*innen mitbringen, die
Klimaaktivistin Greta Thunberg für wirksame Maßnahmen gegen den Klimawandel. Verantwortung für unsere Zukunft tragen. Wenn
In NRW organisiert Studentin Carla Reemtsma aus Münster viele Demos mit. Im Deutschland seiner wirtschaftlichen Vorreiter-
Interview erklärt sie, warum ihr das Thema so wichtig ist und welche Pläne die rolle noch länger entsprechen möchte, muss es
junge Klimabewegung für 2019 hat. das auch klimapolitisch tun und international
ein echtes Vorbild werden.
nds: Die Kohlekommission hat im Januar 2019 Braunkohleverstromung, Förderung des öffent-
einen stufenweisen Ausstieg bis 2038 vorge- lichen Nahverkehrs und des Fahrradverkehrs, Um den politisch Verantwortlichen klar und
schlagen. Warum seid ihr mit dem Ergebnis ein Umdenken in der Landwirtschaft und in deutlich eure Meinung zu sagen, demonstriert
nicht einverstanden? der Industrieproduktion, eine Reduktion des ihr freitags in unterschiedlichen Städten gegen
Flugverkehrs und vieles mehr. Nur dann kann die aktuelle Klimapolitik. Wie seid ihr auf die
Carla Reemtsma: Mit der Entscheidung für
Deutschland nicht nur wirtschaftlicher, sondern Idee gekommen mitzumachen?
einen Kohleausstieg weit nach 2030 zeigt die
Kohlekommission, dass ihr kurzfristige wirt- auch klimapolitscher Vorreiter sein und inter- Die Idee der Schulstreiks stammt ja gar nicht
schaftliche Interessen wichtiger sind als eine national zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels beitra- von uns, sondern von Greta Thunberg. Die 16-jäh-
konsequente, generationengerechte Klimapolitik. gen. Wir können nicht länger ideologisch über rige Schwedin streikt seit August jeden Freitag
Die Kohlekommission versucht, den Bericht als den Klimawandel reden wie über Steuersätze. vor dem schwedischen Parlament und hat damit
gelungenen Kompromiss darzustellen, allerdings Dass sich das Klima verändert, ist wissenschaft- eine weltweite Bewegung angestoßen. Wie die
ist diese Entscheidung kein Konsens: Die Stimme licher Fakt. Auch Maßnahmen sind längst be- Leute zu uns gekommen sind, ist sehr unter-
der jungen Generation, die mit den Folgen des kannt, allerdings mangelt es an politischem schiedlich. Ich selbst bin schon länger klimapoli-
Klimawandels leben muss, wurde nicht gehört. Willen, sie umzusetzen. Das braucht Vorstellungs- tisch engagiert und habe über Social Media von
Dass jetzt führende Unionspolitiker auch noch kraft und vielleicht auch etwas Mut, aber genau den Streiks erfahren. Spätestens nach dem Hitze-
diese Entscheidung in Frage stellen, zeigt, dass
hier eine auf Konzerninteressen ausgerichtete
Politik betrieben wird, anstatt endlich angemes- Demos gegen Klimawandel
sen auf die seit Jahrzehnten bekannte Klimakrise
zu reagieren. Wir fordern die Einhaltung der
GEW NRW begrüßt Klimaengagement
Klimaziele – sowohl des deutschen bis 2030 als Mehr als 30 Ortsgruppen der Klimabewegung die Schüler*innen für ihre Überzeugung einstehen.
Fridays for Future haben sich in NRW schon zusam- Androhungen von Sanktionen bei Verletzung der
auch des internationalen 1,5-Grad-Ziels. Schon
mengefunden. Ihr Ziel: die Politik aufzurütteln und Schulpflicht, wie der Eintrag von unentschuldigten
jetzt kommt die Klimakrise schneller und mit zum Handeln zu bewegen. Fehlstunden ins Zeugnis, halten wir nicht für den
gravierenderen Konsequenzen als erwartet, wes- Die Demonstrationen fanden unter anderem in Düssel- richtigen Weg. Wir begrüßen, wenn Schulleitungen
wegen gerade die international beschlossenen dorf, Aachen, Münster, Bochum und Dortmund statt. und Lehrkräfte verantwortungsvoll mit den Protest-
Ziele nicht verhandelbar sein dürfen. Die Bildungsgewerkschaft GEW NRW begrüßt, dass bedürfnissen der Schüler*innen umgehen und mit
junge Menschen sich Gedanken um ihre Zukunft ma- Projektunterricht, außerschulischem Lernen und De-
Gleichzeitig bedarf es einer entschlossenen
chen. GEW-Landesvorsitzende Dorothea Schäfer sagt: mokratiebildung die aktuellen Themen behandeln.
Klimapolitik in allen Bereichen. Das heißt kon- „Es ist beeindruckend, mit welcher Entschlossenheit Das ist gelebte Schulkultur.“ bp
kret: ein schnellstmöglicher Ausstieg aus dernds 2-2019 11
Die Reaktionen von Lehrer*innen, Schul- sie in dieser Form noch nie hatte und die wir
leitungen und Behörden sind sehr unterschied- jetzt nutzen werden.
lich: Teilweise wurde es ihnen verboten, Be- Innerhalb der Bewegung passiert gerade
urlaubungsanträge von Schüler*innen anzuneh- viel: Wir diskutieren über mögliche Ausrich-
men. Die Schulleitungen stecken oft in einem tungen und konkrete Forderungen. Bleiben
Dilemma, da die rechtliche Lage unklar ist. wir eine reine Protestbewegung oder vertreten
Viele Lehrer*innen unterstützen das Anliegen wir gewisse Positionen? Sollen andere Alters-
und freuen sich über das Engagement. Viele gruppen eingebunden werden und soll eine
Schüler*innen suchen das direkte Gespräch mit gesamtgesellschaftliche Bewegung entstehen?
der Schulleitung, um eine Lösung zu finden, die Wie wollen und können wir politisch agieren?
es allen ermöglicht, ohne Angst vor Strafen am Auch über Organisationsstrukturen wird viel
Streik teilzunehmen. Im persönlichen Austausch gesprochen, da momentan vieles wegen der
verstehen die Schulleitungen und Lehrer*innen kurzen Entstehungszeit etwas chaotisch läuft.
Carla Reemtsma studiert Politik und Wirtschaft in Münster. viel besser, wie sehr den Schüler*innen das Daneben tragen viele von uns ihren eigenen
In ihrer Freizeit engagiert sie sich für Klimaschutz und Teil zum Kampf gegen den Klimawandel bei,
organisiert die Demos der Klimabewegung Fridays for Thema am Herzen liegt und oft kann ein Kom-
achten schon jetzt in ihrem persönlichen Kon-
Future in NRW mit. promiss gefunden werden.
sumverhalten, bei der Ernährung oder der Wahl
An einer Schule in Münster ist es beispiels-
sommer und der ziemlich ergebnislosen Klima- der Fortbewegungsmittel auf Nachhaltigkeit.
weise so geregelt, dass die Schüler*innen ohne
konferenz „COP24“ wollte ich etwas bewegen Die Schüler*innen tragen das Thema in die
Probleme am Streik teilnehmen können, wenn
und den Politiker*innen zeigen, dass klima- Schulen, wo es noch einmal wissenschaftlich
sie den Stoff nacharbeiten und einen Aufsatz
politisches Nichthandeln keine Möglichkeit aufgearbeitet wird, aber auch in ihre Familien.
abgeben, warum und wofür sie streiken. Andere
Dort werden plötzlich Überlegungen angestellt,
mehr ist. Über eine bundesweite WhatsApp- Schulen gestalten die Teilnahme auch als Projekt
wie das Leben klimafreundlicher gestaltet wer-
Gruppe habe ich Mitstreiter*innen in Münster der Schüler*innenvertretung oder als Ausflug mit
den kann. Hierbei gilt das, was Greta Thunberg
gefunden, mit denen wir die Streiks ganz klein allen interessierten Schüler*innen und greifen
in ihrer Rede auf der Klimakonferenz gesagt hat:
begonnen haben und von da an sind wir stetig die Themen noch einmal im Unterricht auf. „Man ist nie zu klein dafür, um einen Unterschied
gewachsen. Einige sind natürlich bereits bei
Welche Pläne habt ihr für dieses Jahr, um zu machen.“//
Klimainitiativen oder Nichtregierungsorganisa- Die Fragen stellte Jessica Küppers.
den Kampf gegen den Klimawandel weiter
tionen aktiv, gleichzeitig erreichen wir durch die
voranzubringen und die Politik unter Druck
breite Mobilisierung viele Schüler*innen: Die
zu setzen?
Jugendlichen werden nicht nur für die klima-
Zuerst einmal werden wir weiter streiken. Die
politischen Fehler sensibilisiert und überdenken www. Klimabewegung „Fridays for Future“
Stimme der jungen Generation ist im politischen www.fridaysforfuture.de
ihr eigenes Verhalten, viele engagieren sich auch
Diskurs unterrepräsentiert, bei der Diskussion www. Berthold Paschert: GEW NRW zur
zum ersten Mal politisch und lernen dadurch
über Klimapolitik aber umso wichtiger, denn Schüler*innenbewegung „Fridays for
viel über Demokratie und Partizipation. Future“
wir sind die letzte Generation, die noch etwas
www.tinyurl.com/klimabewegung
Wie reagieren Lehrer*innen auf die Freitags- ändern kann. Gleichzeitig sind wir die Ersten,
www. Bundesregierung: Kommission „Wachstum
demos? Zeigen sie Verständnis dafür? Wie die mit den Folgen der Klimakrise leben müssen. Strukturwandel und Beschäftigung“
überzeugt ihr sie? Die Streiks geben der Jugend eine Stimme, die www.kommission-wsb.de
Hunderte Schüler*innen streikten unter anderem am Zeugnistag in unterschiedlichen NRW-Städten für
ein besseres Klima und ihre Zukunft. Fotos: J. Michaletz12 BILDUNG
„Shareducation“-Projekt der Gesamtschule Langerfeld
Soft Skills lernen in
Stadt, Land oder Fluss
Durch die Eifel wandern, Street-Art entwerfen oder ein Floß bauen – im neuen Gelernte wirkt lebenslang und wird nicht nur in
Projekt „Stadt Land Fluss“ (SLF) gehen die Achtklässler*innen der Gesamtschule der Berufswelt geschätzt und gesucht, sondern
Langerfeld an ihre Grenzen. Die Jugendlichen stellen sich ein Jahr lang einer ist auch für die persönliche Entwicklung von
selbst gewählten Herausfo(e)rderung und entdecken außerhalb ihrer Komfortzone großem Vorteil. Welches Potenzial in der Heraus-
neue, persönliche Fähigkeiten. forderung liegt, haben Reformpädagog*innen
wie Kurt Hahn und Maria Montessori oder die
Über Berge kraxeln, mit einem selbstge- im Zeichen von Street-Art, einer journalistischen Initiator*innen des Projekts „Schule im Aufbruch“
bauten Floß gegen den Strom paddeln oder Herausforderung in Zusammenarbeit mit dem schon lange erkannt und in ihren pädagogischen
mit dem Elektronenmikroskop in fremde Welten Westdeutschen Rundfunk in Köln oder einer Konzepten angeboten. Warum ist das Langer-
eintauchen: Ganz egal, für welche Heraus- wissenschaftlichen Expedition in Kooperation felder Modell also neu? Was unterscheidet „Stadt
forderung sich die Schüler*innen der Gesamt- mit dem naturwissenschaftlichen Zweig der Land Fluss“ von bisherigen Ideen?
schule Langerfeld in dem neuen Projekt „Stadt Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz.
Land Fluss“ entscheiden – sie kommen heraus, Projekt ist gleich vierfach innovativ
Schüler*innen erweitern ihre
sie fordern sich und die individuelle Förderung Erstens ist das Projekt an alle Schüler*innen
persönlichen Fähigkeiten
kommt dabei ganz von selbst. gerichtet und überall umsetzbar. Dank der
Entwicklungspsychologisch und neurobiolo- Durch die Art der Herausforderung, welche Struktur und des Engagements der Kolleg*innen
gisch ist die Pubertät genau das Alter, in dem die Schüler*innen gemeinsam und selbstständig sowie der lokalen und administrativen Partner
Erfahrungslernen besonders prägend ist. Mit ein Jahr lang vorbereiten und anschließend gewährleistet das Langerfelder Modell, dass
der Auseinandersetzung mit der eigenen Posi- bewältigen, lernen sie, wie Entscheidungen und Schüler*innen aller sozialen Herkünfte am
tion im Leben und in der Gesellschaft beginnt Wirkungen zusammenhängen sowie Entwick- Projekt teilnehmen können und zwar unab-
für die jungen Menschen die Suche nach sich lungen auf ihr eigenes Handeln zu beziehen. hängig von der Finanzkraft ihrer Familien.
selbst und nach den eigenen Fähigkeiten vor Sie tragen als Handelnde direkte Verantwortung Zudem machen alle Jugendlichen der inklusiven
allem im Hinblick auf ihre mögliche berufliche und müssen die heute erforderlichen Soft Skills Klassen und der internationalen Förderklassen
Orientierung. An dieser Stelle setzt das Projekt wie Selbstorganisation, Eigenverantwortlichkeit, mit, sodass Integration und Inklusion integrale
an und bietet den rund 170 Schüler*innen der Selbstständigkeit, Problemlösefähigkeit, Team- Bestandteile des Projekts sind.
achten Klassen verschiedene Herausforderungen fähigkeit und Stressresistenz einsetzen und weiter- Zweitens ist die intensive Auseinanderset-
an. Der Fokus liegt darauf, sie intellektuell, entwickeln. Gleichzeitig erfahren sie ein hohes zung mit der Wirksamkeit des Projekts relevant.
konditionell, sozial und emotional aus ihren Maß an Selbstwirksamkeit. Dadurch werden die So begleitet Bildungsforscher Dr. Matthias
persönlichen Komfortzonen herauszuholen und Schüler*innen handlungsfähiger und können in Rürup die Schule für eine nationale Studie der
ihre Grenzen zu verschieben. Situationen wie Klausurstress oder Vorstellungs- School of Education der Bergischen Universität
Wählen können die Schüler*innen zwischen ei- gesprächen zielgerichteter, selbstbewusster und Wuppertal bei der Umsetzung. Die Zusammenar-
ner Survival-, Berg-, Floß- oder Fahrradexpedition, lösungsorientierter agieren. beit führte zu einem gezielten Lehrangebot, das
einer sozialen Herausforderung in Zusammenar- Der Ausbau der genannten Fähigkeiten be- die Realisierung von Herausforderungsprojekten
beit mit den Wuppertaler Tafeln, einer künst- deutet eine Verbesserung der Lernsituation in der an Regelschulen in der Lehramtsausbildung ab
lerischen oder musikalischen Herausforderung Schule, geht aber noch weit darüber hinaus: Das dem Sommersemester 2019 zum Inhalt hat.nds 2-2019 13
Dies führt zur vierten Innovation: dem Jugendliche entwickeln sich persönlich
deutschlandweit ersten Schüler*innenfirmen- und in der Gesellschaft weiter
Franchise-System namens „stuffal“. Die Firma SLF orientiert sich mit seinem Profil und seinen
betreibt einen Pool, aus dem jede*r Equipment Zielen an den Biografien seiner Schüler*innen.
für seine nächste Eifelexpedition, Floßfahrt Alle Beteiligten bekommen eine in jeder Hinsicht
oder Bike-Tour ausleihen kann. Das Warenwirt- individuelle und lebensnahe Herausforderung
schaftsprogramm der Homepage ermöglicht und damit die Möglichkeit, sich persönlich
termingenaues Reservieren der gewünschten weiterzuentwickeln. Außerdem haben die
Ausrüstungen und macht es den Mitgliedern Schüler*innen die einmalige Möglichkeit, selbst
denkbar einfach, ihre Projekte umzusetzen. Ist gestaltend und nachhaltig auf ihre Schullauf-
man Schüler*in einer Netzwerkschule, erhält bahn einwirken zu können. Darüber hinaus
man einen Sozialtarif, der die Ausleihgebühr lernen die jungen Menschen, sich sicher im
erheblich senkt. nachhaltigen Umgang mit anderen Menschen
Schüler*innen pflegen einen und ihrer Umwelt zu bewegen sowie sich als Teil
eigenen Materialpool einer erfolgreichen, inklusiven, integrativen und
kulturoffenen Gesellschaft zu entwickeln. Wer
Der Materialpool von SLF wird von Schüle-
diese Ziele verfolgen möchte und Unterstützung
r*innen organisiert, geleitet, gepflegt und aus-
braucht, ist im SLF-Netzwerk genau richtig. //
gebaut. Selbst das Warenwirtschaftssystem des
Pools wurde von ihnen programmiert und ein-
gerichtet. Neben der Betreuung der Kundenkon-
takte, Terminvergabe und Ausleihe kümmern sich
Die größte Innovation aber ist mit dem www. Projekt: Stadt Land Fluss –
die Schüler*innen der Firma um die Instandset- Herausfo(e)rderung angenommen
Begriff „Shareducation“ – also Bildung teilen –
zung aller Ausleihgüter, deren Katalogisierung, www.stadtlandfluss-online.de
verbunden. Die Idee, eine Herausforderung für
die Organisation des Lagersystems und den Aus- www. Gesamtschule Langerfeld
eine Klasse, einen Jahrgang oder gar für die www.ge-langerfeld.de
bau durch kreative Ideen für Neuanschaffungen.
ganze Schule zu organisieren, ist eine anspruchs-
Daneben entwickeln sie eigene Geschäftsideen
volle Aufgabe für Organisator*innen und
wie Jugendcamps, digitale Dienstleistungen oder
das System Schule: Ablaufplanung, Material, Mathias Hugo Pfeiffer
die Gestaltung von Werbeaufträgen. Im Rahmen
Finanzierung, Sicherheitserlasse, Organisation, Netzwerkkoordinator an der Gesamt-
des Netzwerks entstehen so an SLF-Standort-
Betreuungsschlüssel, Elternbriefe und vieles schulen bundesweit neue Materialpools, die
schule Langerfeld
mehr wollen bedacht werden. Ein enormer ihrerseits Schüler*innenfirmen im Sinne eines
Aufwand, der Zeit, Personal und Ressourcen Franchise-Systems bilden können.
bindet. Doch was wäre, wenn all das bereits
vorbereitet wäre? Wenn man das Outdoor-
material zu einem sozialverträglichen Preis
mieten könnte? Und wenn die Organisation,
Dokumentation und Kommunikation mit den
Eltern einfach über eine bereits vorhandene
und für die Schule nutzbare Homepage zur
Verfügung stünden?
Dafür wurde 2018 das Herausforderungs-
netzwerk SLF gegründet, das über die Kon-
sequenzen und die Herausforderungen bei
der Etablierung eines solchen Projekts im
Schulalltag informiert. Ein spezielles Fortbil-
dungsprogramm für Lehrkräfte setzt sich mit
Finanzierungen, Sponsoring und Qualifizie-
rung für verschiedene Angebote auseinander.
In einem digitalen Austauschbereich finden
die Mitglieder des Netzwerks vorformulierte
Elternbriefe, Wanderrouten, Erfahrungsberichte,
Sponsorenschreiben und anderes Material.
Darüber hinaus unterstützt das Netzwerk
Schulen beim Aufbau weiterer Netzwerke. So
profitieren die Schulen einer Region sozialver-
träglich vom vorhandenen Material.
Die Qual der Wahl: Die Schüler*innen müssen sich aus verschiedenen Projekten für eins entscheiden. Sie können zum
Beispiel wissenschaftlich, journalistisch, künstlerisch oder handwerklich arbeiten. Fotos: Gesamtschule Langerfeld14 BILDUNG
„Wirtschaft“ als Schulfach?
€
Sozialwissenschaftliche
Disziplinen gehören zusammen
Soll „Wirtschaft“ ein neues Schulfach werden? Wenn es nach der NRW-Landes-
regierung geht, ja. Betrachtet man allerdings den Anteil ökonomischer Bildung im
Unterricht, ist der Bereich schon jetzt – ohne ein zusätzliches Fach – überrepräsentiert.
Politik und Gesellschaft kommen dagegen viel zu kurz, stellen die Bildungsforscher
Prof. Dr. Reinhold Hedtke und Mahir Gökbudak in ihrer aktuellen Untersuchung fest.
nds: Die Landesregierung plant, „Wirtschaft“ Aber das will es ausgerechnet dadurch errei-
als neues Schulfach einzuführen. Warum ist chen, dass es Ökonomiethemen aus dem bis-
das aus Ihrer Sicht nicht sinnvoll? herigen Fach „Politik“ beziehungsweise „Politik
Reinhold Hedtke: Jahrelang haben Wirt- und Wirtschaft“ herausnimmt und in ein neues
schaftsverbände, Kammern, unternehmensnahe Fach verschiebt. Tatsächlich wird eine sinnvolle
Stiftungen und Wirtschaftsredaktionen die For- politisch-ökonomische Bildung durch die Auf-
derung nach einem separaten Schulfach „Wirt- spaltung des integrativen Fachs massiv erschwert.
schaft“ wiederholt. Aber niemand hat geprüft, Reinhold Hedtke: Das Fehlen von empirischer Mahir Gökbudak, Lehrer im Hochschuldienst an der Fakul-
wie viel Lernzeit tatsächlich für ökonomische Evidenz für die Einrichtung eines Separatfachs tät für Soziologie der Universität Bielefeld Foto: privat
Bildung vorgesehen ist. Wir haben das mit zwei „Wirtschaft“ räumt auch das Schulministerium
ein. In einem Interview mit dem Campusradio Themen stehen je nach Schulform zwischen
empirischen Studien für die Sekundarstufe I in 56 und 69 Prozent der Gesamtlernzeit des
Hertz 87.9 begründet der zuständige Staats-
NRW nachgeholt. sozialwissenschaftlichen Lernbereichs – also
sekretär das neue Fach vor allem damit, dass viele
Mahir Gökbudak: Die Daten belegen: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft – zur Verfügung.
Unternehmer*innen sowie Ausbilder*innen dem
Vor allem an Gesamtschulen, aber auch an Für Politik schwankt dieser Wert zwischen
Ministerium Hinweise geben, dass die Schule
Gymnasien sind wirtschaftliche Inhalte in den 20 und 28 Prozent.
beim Wirtschaftswissen nacharbeiten müsse.
Lehrplänen bereits heute besser vertreten als Das durchschnittliche Zeitbudget für die
politische oder gesellschaftliche. Nimmt man Welchen Anteil nehmen ökonomische Inhalte vorgeschriebenen Maßnahmen zur Berufs-
das obligatorische wirtschaftliche Lernen für die denn im Vergleich zu politischen und gesell- orientierung ist deutlich größer als das für die
Berufsorientierung außerhalb des Unterrichts schaftlichen im Unterricht ein? Behandlung politischer Themen in der gesam-
hinzu, hat der Inhaltsbereich Wirtschaft sogar Reinhold Hedtke: Zunächst einmal muss ten Sekundarstufe I. Mindestens dreieinhalb
ein starkes Übergewicht. Angesichts knapper man wissen, dass der Anteil der Wirtschafts- Wochen sind für die außerunterrichtliche und
Lernzeit und vieler neuer Bildungsaufgaben themen in den höheren Jahrgangsstufen außerschulische ökonomische Bildung für alle
spricht nichts dafür, das Wirtschaftslernen zunimmt, das Gewicht politischer und ge- Schüler*innen obligatorisch. Gesellschaftliche
noch weiter auszubauen. Wer die Demokratie sellschaftlicher Themenbereiche sinkt also Themen haben dagegen laut Lehrplan nur
und den Zusammenhalt der Gesellschaft stär- mit zunehmendem Alter. Wenn wir uns die marginale Bedeutung, ihr Lernzeitanteil im
ken will, sollte vielmehr die politische und die Sekundarstufe I genauer anschauen, entfällt pro sozialwissenschaftlichen Lernbereich liegt
gesellschaftliche Bildung besser fördern. Schulwoche bis zu dreimal so viel Lernzeit auf zwischen 11 und 18 Prozent. Gemessen am
Wie die meisten Expert*innen findet es auch die ökonomische Bildung wie auf die politische Lernzeitanteil für Wirtschaftsthemen ist die
das NRW-Schulministerium wichtig, Wirtschaft Bildung: 17 bis 20 Minuten für Politik, 41 bis Gesamtschule die Schulform mit der höchsten
und Politik im Zusammenhang zu behandeln. 63 Minuten für Wirtschaft. Für ökonomische Wirtschaftsaffinität.nds 2-2019 15
Domäne nicht nur die verbindlichen Vorgaben in
Stundentafeln und Lehrplänen, sondern erstmals
auch die außerunterrichtlichen Pflichtveran-
staltungen. Beim außerschulischen Lernen hat
die ökonomische Bildung ein Alleinstellungs-
Illustrationen: Bogyofunk, Crocolot / shutterstock.com
merkmal. Denn im Rahmen der Landesinitiative
„Kein Abschluss ohne Anschluss (KAoA)“ sind
die Schulen in NRW verpflichtet, vier außerschu-
€ lische Maßnahmen zum ökonomischen Lernen
durchzuführen: das Betriebspraktikum, die Be-
rufsfelderkundung, die Potenzialanalyse sowie
die Berufsorientierung bei der Bundesagentur
für Arbeit. Dafür stehen mindestens dreieinhalb
Schulwochen zur Verfügung. Dagegen fehlen Prof. Dr. Reinhold Hedtke, Professor für Wirtschafts-
festgelegte außerunterrichtliche Lernformen soziologie und Didaktik der Sozialwissenschaften an der
Universität Bielefeld Foto: Universität Bielefeld
bei der politischen, gesellschaftlichen oder hi-
storischen Bildung.
Welches Fach beziehungsweise welche Inhalte Kontinuität über die gesamte Schullaufbahn der
würden Sie der Landesregierung anstelle eines Lernenden hinweg verleiht und den Bildungs-
Mahir Gökbudak: Wir haben für unsere neuen Wirtschaftsfachs empfehlen, damit anspruch der Domäne endlich auf Augenhöhe
Studie aber nur Instrumente analysiert, mit keiner der genannten Themenbereiche zu kurz mit den Naturwissenschaften definiert. Wir
denen Bildungspolitik gemacht wird: die amt- kommt und Schüler*innen möglichst umfas- raten auch, über den Ausbau der Subdomäne
lichen Stundentafeln, die Kernlehrpläne für die send und ausgewogen ausgebildet werden? „Recht“ im Rahmen von Sozialwissenschaften
einschlägigen Schulfächer sowie ministerielle Reinhold Hedtke: Bildung in der sozial- nachzudenken, ohne die anderen drei Teilbe-
Erlasse, etwa zum Berufspraktikum. Über das, wissenschaftlichen Domäne bezieht sich auf reiche zu beschränken. //
was Schulen freiwillig machen, liegen keine Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Gesell- Die Fragen stellte Jessica Küppers.
repräsentativen Daten vor. Wir messen also die schaftliche, ökonomische und politische Bildung
bildungspolitischen Vorgaben, nach denen sich sind am besten in einem gemeinsamen Fach
www. Reinhold Hedtke, Mahir Gökbudak: Studie
die Schulen und Lehrkräfte zu richten haben. aufgehoben, so kann man die Zusammenhän- „Wirtschaft gut, Politik mangelhaft“
Auf der Basis dieser Vorgaben berechnen wir die ge besser lehren und lernen. Wir empfehlen www.tinyurl.com/wirtschaft-politik
anteilige Lernzeit für die großen Inhaltsbereiche dringend, die große Ähnlichkeit der schul- www. Reinhold Hedtke, Mahir Gökbudak:
Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Unsere formspezifischen Lehrpläne für diesen Bereich Politische Bildung: 17 Minuten Politik,
20 Sekunden Redezeit (in nds 2-2018)
Daten zeigen, welche Bedeutung Gesetzgeber auch in einer einheitlichen Fachbezeichnung an
www.tinyurl.com/17-minuten-politik
und Schulministerium den Wirtschaftsthemen allen Schulformen abzubilden. Dafür schlagen
www. Berthold Paschert: GEW NRW lehnt Schul-
tatsächlich zumessen und wie sie die Prioritä- wir für die Sekundarstufen I und II den Namen fach „Wirtschaft“ ab
ten hinsichtlich ökonomischer, politischer und „Sozialwissenschaften“ vor, weil dies dem Fach www.tinyurl.com/gew-nrw-wirtschaft
gesellschaftlicher Bildung setzen.
Woran liegt es, dass wirtschaftliche Themen
Foto: iStock.com / skynesher
in den Lehrplänen so stark überrepräsentiert
sind?
Reinhold Hedtke: Das Fach „Politik“ bezie-
hungsweise „Politik und Wirtschaft“ besteht
laut den curricularen Vorgaben für allgemein-
bildende Schulen in NRW aus den drei Be-
reichen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.
Die Kernlehrpläne legen die Inhaltsfelder und
Inhalte fest. Darin kommt Politik seltener vor
als Wirtschaft. Die Bildungspolitik bewertet die
Wichtigkeit der beiden Bereiche offensichtlich
unterschiedlich.
Mahir Gökbudak: Zusätzlich zum Fachun-
terricht gibt es in NRW außerunterrichtliche
Veranstaltungen, an denen gesetzlich verpflichtet
alle Schüler*innen teilnehmen müssen. Unsere
Erhebung erfasst für die sozialwissenschaftlicheSie können auch lesen