HISTO RISCHE VERANT WOR TUNG - before-muenchen.de

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H I STO
RISCHE
V E R A NT
WO R
TUNG
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I N H A LT

01     VO RWO R T
02     D E R A N S C H LAG
03     DIE POLITISCHE
			 E I N O R D N U N G
04 		 D E R B E H Ö R D L I C H E
			 U M GA N G M I T D E N
			 B ET R O F F E N E N
05 			 D E R STÄDT I S C H E
			 U N T E R STÜT Z U N G S FO N D
06 			 G E S P R ÄC H M I T
			 R O B E R T H Ö CK M AY R ,
			 A L EX A N D E R F R EY U N D
			 M A R I A N O F F M A N N
07 		 G E S P R ÄC H M I T
			 C LAU D I A Z . U N D
			 G U D R U N L .
0 8 		 G E S P R ÄC H M I T
			 W E R N E R D I ET R I C H
HISTO RISCHE VERANT WOR TUNG - before-muenchen.de
29. September 1980
                                                                  01      VO RWO R T

                                   ap/dpa/picture alliance/
                                Süddeutsche Zeitung Photo
Trauerbeflaggung am Münchner
Rathaus im Gedenken an die
Betroffenen des Anschlags auf
das Oktoberfest.

                                                                  Wer die Täter*innen nicht sehen
                                                                  will, will auch die Perspektive der
                                                                  Opfer nicht sehen

                                                              3   40 Jahre lang wurde das Attentat auf das Okto-         Wer die menschenverachtende Motivation für die
                                                                  berfest nicht als rechtsextrem motivierte Tat einge-   Tat nicht sehen will, der will die Perspektive der
                                                                  stuft, sondern als Handlung eines verwirrten Ein-      Opfer nicht sehen, der verhindert die Aufarbei-
                                                                  zeltäters. Nur dem langjährigen Engagement Be-         tung und Auseinandersetzung mit dem Terror und
                                                                  troffener und zivilgesellschaftlicher Akteur*innen     dessen Nährboden. Nach den Morden des NSU,
                                                                  ist es zu verdanken, dass dieses größte rechtsex-      der langen Leidensgeschichte von deren Betroffe-
                                                                  treme Attentat mit 13 Toten und mindestens 221         nen und Angehörigen, nach dem OEZ-Attentat
                                                                  Verletzten und Traumatisierten nach mühsam er-         und nach den Anschlägen von Halle und Hanau
                                                                  reichter Wiederaufnahme der Ermittlungen inzwi-        hat sich der Blick verändert.
                                                                  schen offiziell als rechtsextremes Verbrechen an-
                                                                  gesehen wird. Das Ausblenden des politischen           Die Stadt München hat sich 2018 ihrer Verant-
                                                                  Hintergrunds des Täters hatte immense Auswirkun-       wortung gestellt und für die Opfer einen Fonds
                                                                  gen auf die Opfer. Die drängende Frage nach            in Höhe von 100.000 Euro bereitgestellt, den
                                                                  dem ‚Warum“, nach dem Motiv des Täters und dem         BEFORE an die Überlebenden und ihre Angehöri-
                                                                  Grund des eigenen Leidens blieb unbeantwortet.         gen verteilt hat. Wir sind Zeug*innen der massi-
                                                                  Die frühen Zweifel an der Einzeltätertheorie wurden    ven körperlichen und seelischen Folgen geworden,
                                                                  bagatellisiert und abgetan und in der Folge später     unter denen die Betroffenen und ihre Familien
                                                                  der Zugang zu entsprechenden Hilfsfonds versperrt.     bis heute leiden, aber auch der enormen Bedeu-
                                                                  Statt Solidarität und Unterstützung von den Be-        tung dieser symbolischen und konsequenten
                                                                  hörden zu erfahren, wurden die oftmals schwer          Hinwendung der Landeshauptstadt München zu
                                                                  verletzten und massiv traumatisierten Überleben-       den Opfern.
                                                                  den und Angehörigen des Anschlags über Jahr-
                                                                  zehnte in die Rolle der störenden Bittsteller*innen    Viele Betroffene des Oktoberfestattentats werden
                                                                  gedrängt. Rentenanträge wurden genauso abge-           von BEFORE begleitet. Wir freuen uns, dass die
                                                                  lehnt wie dringend nötige Hilfsmittel. Ärzt*innen      Landeshauptstadt München der Beratungsstelle
                                                                  stempelten Betroffene als Simulant*innen ab, wenn      außerdem diesen Fonds anvertraut hat und die
                                                                  diese auch noch nach Jahren über Beschwerden           Betroffenen in einer ganzen Reihe von Fällen un-
                                                                  berichteten. Die Betroffenen kämpften meist auf        terstützt.
                                                                  sich allein gestellt gegen unwillige und desinter-
                                                                  essierte Behörden. Eine psychosoziale Hilfestellung    Wir müssen daraus, dass die Betroffenen nach
                                                                  gab es nicht. Zusätzlich verhinderte das Negieren      dem 26. September 1980 40 Jahre alleingelassen
                                                                  eines politischen, eines rechtsextremen Tatmotivs,     wurden, eines lernen: Die Opfer rechtsextremer
                                                                  dass die Gesellschaft die Dimension der Tat ein-       Anschläge brauchen die Solidarität und Unterstüt-
                                                                  ordnen und entsprechende Solidarität mit den Be-       zung dieser Gesellschaft – und dafür müssen
                                                                  troffenen zeigen konnte. Und es verstellte den         solche Taten möglichst schnell und deutlich als das
                                                                  Blick auf die rechtsextremen Netzwerke, die be-        gekennzeichnet werden, was sie sind: Morde von
                                                                  reits in den 1980er-Jahren hätten erkannt und          rechtsextremen und rassistischen Täter*innen, die
                                                                  bekämpft werden können.                                eine moderne und vielfältige Gesellschaft treffen
                                                                                                                         wollen. Deswegen brauchen diejenigen, die getrof-
                                                                                                                         fen wurden, auch den bedingungslosen Rückhalt
                                                                                                                         dieser Gesellschaft.

                                                                                                                         Siegfried Benker
                                                                                                                         Diplom-Sozialpädagoge und Geschäfts­führender
                                                                                                                         Vorstand des BEFORE e. V.
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Die drängende Frage
nach dem Warum,
nach dem Motiv des
Täters und dem Grund
des eigenen Leidens
blieb unbeantwortet.
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dpa/Süddeutsche Zeitung Photo

30. September 1980
Nur während der Trauerfeier für
die Opfer des Attentats auf
das Oktoberfest bleibt die Fest-
wiese geschlossen.
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02   D E R A N S C H LAG

Am Abend des 26. September 1980
explodiert am Haupteingang
zum Oktoberfestgelände eine Bombe.

Wie an einem Freitagabend in der      Viele Betroffene schildern, dass      8   9   Unmittelbar nach der Explosion         Der Münchner Oberbürgermeister
Wiesnzeit üblich, drängen sich am     sie zunächst einen ohrenbetäuben-             liegen mehrere hundert von der         Erich Kiesl entscheidet nach Rück-
Nordeingang der Theresienwiese        den Knall hörten und ein grelles              Bombe getroffene Menschen auf          sprache mit der Polizei und den
sehr viele Besucher*innen. Um         Licht sahen. So berichtet etwa die            dem Boden vor dem Wiesn-Ein-           Festwirten, dass das Oktoberfest
22.19 Uhr detoniert der Spreng-       Betroffene A. der Süddeutschen                gang. Nur langsam gelingt es der       zunächst weitergeht wie gewohnt.
satz in einem Mülleimer, der an       Zeitung: ‚Auf dem Weg zum Aus-                Polizei, den Tatort abzusperren.       Ausschlaggebend sei hier die Ent-
einem Verkehrsschild angebracht       gang muss ich so 20 oder 30                   Die vielen Verletzten werden vor       scheidung der Polizei gewesen:
ist. Die Polizei schätzt, dass sich   Meter vom Explosionszentrum ent-              Ort von freiwilligen Helfer*innen      Deren Führungsspitze habe auf
zu diesem Zeitpunkt ca. 1.000 Men-    fernt gewesen sein, als die Bombe             und Sanitäter*innen versorgt und       eine Weiterführung bestanden,
schen in der unmittelbaren Um-        hochging. Es gab einen fürchter-              mit Krankenwagen und zwei Bus-         weil sie die Besucher*innen nicht
gebung befinden. Die Erschütte-       lichen Knall und ich sah überall              sen in Krankenhäuser gebracht.         rechtzeitig über Medien warnen
rung der heftigen Explosion ist       Funken sprühen. In meinem rechten             Bis in die frühen Morgenstunden        könne und nicht über genug Per-
weit über die Theresienwiese hin-     Fuß verspürte ich einen dumpfen               werden dort Betroffene operiert        sonal verfüge, um das Gelände zu
aus in München zu hören und zu        Schlag und stürzte hin.“                      und behandelt.                         sperren. Der Sprecher der Wiesn-
spüren. 13 Menschen werden ge-                                                                                             wirte, Richard Süßmaier, drängt
tötet, die Zahl der Verletzten wird   Die Druckwelle der Detonation                 Auf der Wiesn selbst feiern zum        ebenfalls auf die Fortsetzung der
zunächst auf 211 beziffert. Späte-    schleudert die Betroffenen im Um-             Zeitpunkt des Attentats rund           Wiesn, um eine Massenpanik zu
re Ermittlungen zeigen, dass min-     kreis zu Boden. ‚Es sind alle Leute           200.000 Besucher*innen. Als sie        vermeiden, auch wenn die Feier-
destens noch zehn Menschen            am Boden gelegen“, erinnert sich              nach 23 Uhr vom Festgelände            laune leide. Mit Blick auf den Fest-
mehr von dem Sprengsatz getrof-       der Betroffene H. ‚Eine Sekunde               strömen, hält die Polizei Schaulus-    betrieb – nicht etwa die Betroffe-
fen wurden. Splitterverletzungen,     lang dachte ich an ein großes Feu-            tige mit Sperrgittern zurück und       nen – sagt er: ‚Unter welchen Vor-
Knochenbrüche, Traumata, Ver-         erwerk in der Silvesternacht. Als             leitet sie am Tatort vorbei. Die Be-   zeichen auch immer es weitergeht,
brennungen, durchtrennte Mus-         ich dann aber zu Boden gerissen               hörden von Stadt und Land müs-         die Belastung ist ungeheuerlich.“
keln – die Liste der medizinischen    wurde, war mir sofort klar, dass              sen so schnell wie möglich auf die     Der Oberbürgermeister behauptet
Folgen des Anschlags für die Be-      etwas Entsetzliches geschehen                 neue Situation reagieren: Die Ver-     außerdem, dass jede längere Un-
troffenen ist lang.                   war“, sagt der Betroffene R. im               sorgung der Betroffenen, die Auf-      terbrechung oder gar die Schlie-
                                      Gespräch mit der SZ.                          klärung des Attentats und der          ßung des Oktoberfestes den ver-
                                                                                    Umgang mit dem weiteren Verlauf        werflichen Absichten der Attentäter
                                                                                    des Oktoberfestes müssen gere-         entgegenkomme.
                                                                                    gelt werden.
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A N T R AG AU F                                                                                             02   D E R A N S C H LAG

                                  Antrag auf Wiesn-Schließung abgelehnt: Süddeutsche Zeitung, 07.03.1985
                                          Wies‘n-Attentat: Demonstranten bestraft, Abendzeitung 29.05.1981
                               Gedenkfeier für Wiesn-Opfer: Stadtrat hat keine Zeit, Abendzeitung, 27.09.1990
                                    Wies‘n-Opfer: Keine Namen am Mahnmal, Abendzeitung, 27./28.09.1986
                  WIESN-
      SCHLIESSUNG
          ABGELEHNT                                                                                             11   Den selbstgebauten Sprengsatz,
                                                                                                                     der so viele Menschen traf, hatte
                                                                                                                                                             Ganz ungebrochen läuft das Okto-
                                                                                                                                                             berfest jedoch nicht weiter: Vor

W I E S ’ N - AT T E N TAT:                                                                                          der Student Gundolf Köhler im
                                                                                                                     Abfalleimer an der Theresienwiese
                                                                                                                                                             Ort intervenieren Betroffene und
                                                                                                                                                             andere Menschen, die nicht hin-
                                                                                                                     deponiert. Köhler bewegte sich          nehmen wollen, dass einfach wei-
D E M O N ST R A N T E N                                                                                             zuvor in verschiedenen extrem
                                                                                                                     rechten Zusammenhängen, unter
                                                                                                                                                             tergefeiert werden soll, als wäre
                                                                                                                                                             nichts geschehen. Einige Betroffe-
                                                                                                                     anderem war er in der militanten        ne erzählen im Strom der Besu-
              B E ST R A F T                                                                                         ‚Wehrsportgruppe Hoffmann“ aktiv.
                                                                                                                     Die Ermittlungen konzentrierten
                                                                                                                                                             cher*innen von dem Geschehenen.
                                                                                                                                                             Ein Mann verteilt Handzettel mit

      G E D E NK F E I E R                                                                                           sich jedoch früh auf eine alleinige
                                                                                                                     Täterschaft Köhlers, die Frage
                                                                                                                                                             der Aufschrift: ‚Hier starben gestern
                                                                                                                                                             Menschen! Wenn Sie noch Lust
                                                                                                                     nach möglichen Mittäter*innen           haben auf das Oktoberfest zu ge-
          FÜ R W I E S N -                                                                                           und Unterstützer*innen ist bis heu-
                                                                                                                     te nicht endgültig beantwortet.
                                                                                                                                                             hen, denken Sie daran, dass an
                                                                                                                                                             der Stelle, an der Sie jetzt stehen,

O P F E R : STADT R AT
                                                                                                                                                             Kinder, Frauen und Männer zer-
                                                                                                                     Am Morgen nach dem Anschlag             fetzt wurden.“ Einige Menschen
                                                                                                                     verkündet Oberbürgermeister             schließen sich der Aktion an und

   H AT K E I N E Z E I T                                                                                            Kiesl seine Entscheidung: Die
                                                                                                                     Festzelte öffnen am Samstag wie
                                                                                                                                                             versuchen, im Strom der Feier-
                                                                                                                                                             wütigen auf das Attentat aufmerk-
                                                                                                                     gewohnt für die Besucher*innen.         sam zu machen. Viele Betroffene
    WIES’N-OPFER:                                                                                                    Wagen der Stadtreinigung spülen
                                                                                                                     die Spuren des Anschlags weg,
                                                                                                                                                             ringen in den Krankenhäusern mit
                                                                                                                                                             ihren Verletzungen – für sie ist

KEINE NAMEN AM
                                                                                                                     über Nacht wird neues Pflaster an       dies der Auftakt einer jahrzehnte-
                                                                                                                     der Stelle verlegt, wo die Bombe        langen Auseinandersetzung mit
                                                                                                                     einen Krater hinterlassen hat. Die      den Folgen des Anschlags.
              MAHNMAL                                                                                                Girlande über dem Eingangstor
                                                                                                                     verkündet weiterhin: ‚Willkommen
                                                                                                                     zum Oktoberfest“. Erst vier Tage
                                                                                                                     nach dem bis heute größten Terror-
                                                                                                                     anschlag in der Geschichte der
                                                                                                                     Bundesrepublik wird der Festbe-
                                                                                                                     trieb während der offiziellen Trauer-
                                                                                                                     feier für 24 Stunden ausgesetzt.
HISTO RISCHE VERANT WOR TUNG - before-muenchen.de
26. September 1987
                            Fackelzug zum Gedenken an
                            die Betroffenen des Bomben-
                            anschlags auf das Oktoberfest.
                            An der Spitze (von links nach
                            rechts) Bürgermeister Klaus
                            Hahnzog, der Vorsitzende der
                            Stiftung Weiße Rose, Franz
                            Müller, und der DGB-Landesju-
                            gendsekretär Klaus Dittrich.

Süddeutsche Zeitung Photo
Karl-Heinz Egginger/
Schon wenige
Stunden nach dem
Oktoberfestattentat
beginnt der
Kampf um seine
politische Einordnung.
03      DIE POLITISCHE EINORDNUNG

„„In eine ganz andere Richtung“ –
Die politische und gesellschaftliche
Einordnung des Oktoberfestattentats

Schon wenige Stunden nach dem Oktoberfest-             Instrumentalisiert wird das Oktoberfestattentat in   16   17   Die Einordnung des Oktoberfestattentats ist da-       Nach dem Oktoberfestattentat sehen sich die Be-
attentat beginnt der Kampf um seine politische         der Folge dennoch nach Kräften: Die Staatsregie-               her untrennbar mit der Einordnung der extremen        hörden zum Handeln gegen die Wehrsportgruppe
Einordnung. Zwei Fragen sind dabei zentral:            rung versucht etwa, es gegen den Bundesinnen-                  Rechten in der damaligen Bundesrepublik verbun-       gezwungen. Am 27. September 1980 werden
Wer war für den Anschlag verantwortlich – ein          minister Gerhart Baum in Anschlag zu bringen.                  den. Ihr werden gewalttätige Aktionen schlicht        sechs WSG-Mitglieder in einem Konvoi, der alte
Einzeltäter oder größere Netzwerke? Was war            Direkt nach dem Attentat, als Gundolf Köhler noch              nicht zugetraut und damit nicht zugeschrieben.        Wehrmachtsfahrzeuge in die Schweiz bringen soll,
der politische Hintergrund der Tat?                    unbekannt war und die Tat linken Täter*innen zu-               Noch 1979 verharmlost die zuständige Polizei ein      verhaftet. Zwei Tage später werden sie freigelas-
                                                       geschrieben wurde, verkündet der Ministerpräsi-                winterliches Kampftraining der Wehrsportgruppe        sen.
Auf beide Fragen gibt es seitens des bayerischen       dent, man müsse jetzt ein Flugblatt verfassen, das             als ‚Kasperletheater“. Ministerpräsident Strauß
Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß eindeutige,     Baum im Gespräch mit dem damaligen linken An-                  bezeichnet die Gruppierung im März 1980 als           Die politischen Überzeugungen Köhlers werden
aber falsche Antworten. Strauß erklärt zunächst:       walt Horst Mahler zeige, um den Minister als nach-             ‚zwanzig Verrückte“, und höhnt, Hoffmann sehe         aber in der Diskussion über den Hintergrund der
Es spreche ‚alles dafür, dass es sich um die Tat ei-   lässig im Umgang mit links darzustellen. Strauß                ‚wirklich aus wie ein Kasper“. Mit der folgenden      Tat weniger thematisiert als seine psychische Ver-
nes Einzelnen handele“, ‚Spuren des Attentats“         nutzt das Attentat für Attacken auf Baum, dieser               fatalen Fehleinschätzung zu den militärischen         fassung. Die Ermittlungsbehörden stellen ihn als
führten ‚in eine ganz andere Richtung“. Das Atten-     verunsichere als ‚Skandalfigur“ die Sicherheits-               Übungen, die als Training für den bewaffneten         verzweifelten Einzelgänger mit Beziehungsschwie-
tat als Werk eines Einzelnen, der nicht aus der        behörden mit seinen Bedenken und verharmlose                   Kampf dienen, ist Strauß in den 1970er-Jahren         rigkeiten und anderen psychischen Problemen dar.
extremen Rechten stamme – so die Lesart der            den (linken) Terrorismus. In einem Kommentar                   nicht allein: ‚Mein Gott, wenn ein Mann sich ver-     Diese Deutung wird in der Folge beherrschend:
Staatsregierung.                                       in der Welt am Sonntag schreibt Strauß: ‚Zunächst              gnügen will, indem er am Sonntag auf dem Land         Münchens Fremdenverkehrsdirektor Heinz Strobl,
                                                       hat der Terror aus der Linken begonnen, und da-                mit einem Rucksack und mit einem mit Koppel           Leiter des Oktoberfestes, bezeichnet Köhler schon
Es sind vor allem die politische Instrumentali-        mit ist der Terror der Rechten da und dort großge-             geschlossenen ‚Battle Dress“ spazieren geht, dann     am 29. September als ‚verrückt“: ‚Das Oktober-
sierung des Anschlags, die Loslösung von Tat und       zogen worden“. Dieses fatale Deutungsmuster in                 soll man ihn in Ruhe lassen.“ ‚Für besondere Maß-     fest geht weiter, weil wir uns von Verrückten nicht
Täter von ihrem politischen Hintergrund und die        dem der Anschlag als Ergebnis von ‚Extremisten“                nahmen zum Schutz Andersdenkender vor Über-           ins Bockshorn jagen lassen. Mit Verrückten haben
Verkennung der extremen Rechten, welche die Ein-       erscheint, die ‚sich gegenseitig hochschaukeln,                griffen der Wehrsportgruppe Hoffmann sieht das        wir schon lange gerechnet.“ Als labil und verrückt
ordnung des Oktoberfestattentats in den folgen-        wie Wasser in kommunizierenden Röhren“, verbrei-               Staatsministerium des Innern keinen Anlaß“, be-       wird der Attentäter dargestellt und auf persönliche
den Jahrzehnten kennzeichnen.                          ten auch andere Kommentator*innen. So heißt es                 findet auch der ehemalige bayerische Innenminis-      Fehlschläge im Beruf oder Beziehungsprobleme
                                                       in einem Leserbrief an den Münchner Merkur am                  ter Alfred Seidl. Im Bund wird die Bedrohung          verwiesen. Einige Stellen gehen dabei so weit, Köh-
Viele Stimmen verwehren sich im September 1980         30.09.1980 exemplarisch: ‚Und daß die Baader-                  durch die extreme Rechte ebenfalls nicht gesehen:     ler eine Selbstmordabsicht aus Verzweiflung über
gegen eine angebliche ‚Politisierung“ der Tat. Sie     Meinhof-Bande und ihre Nachfolger die Kollegen                 ‚Eine wirkliche Gefahr von rechts besteht gegen-      seine Lebenssituation nachzusagen. Wie bei ande-
solle im nahenden Bundestagswahlkampf nicht in-        auf der anderen Seite zu verbrecherischen Akti-                wärtig nicht“, gibt etwa der CDU-Bundestagsabge-      ren extrem rechten Anschlägen wie dem Attentat
strumentalisiert werden. Damit wurde der Ver-          vitäten animiert haben, steht außer Zweifel“.                  ordnete Gerhard Reddemann 1978 an. Die Frank-         am Olympia-Einkaufszentrum 2016, stellen Behör-
such unternommen, den Anschlag von seinen po-                                                                         furter Allgemeine Zeitung fürchtet nach dem           den und Teile der Medienlandschaft eine politi-
litischen Hintergründen zu trennen.                    In den Tagen nach dem Attentat wird bekannt, dass              Anschlag, dass sich die Linke jetzt freue, weil sie   sche Motivation und die psychische Verfassung
                                                       Gundolf Köhler sich in extrem rechten Zusammen-                ‚Scheinbeweise“ für ihre ‚unbewiesene These“          des Täters als sich ausschließende mögliche Tathin-
                                                       hängen bewegte und linker Kontakte unverdächtig                von der riesigen ‚Gefahr von rechts“ habe.            tergründe dar.. Dabei übersehen sie, dass psychi-
                                                       war. Köhler hatte unter anderem an bewaffneten                                                                       sche Erkrankungen mit extrem rechten Einstellun-
                                                       Übungen der ‚Wehrsportgruppe“ (WSG) um Karl-                   Zusätzlich verstellt die falsche Erzählung, dass      gen zusammenfallen können. Zum anderen gerät
                                                       Heinz Hoffmann teilgenommen. Er schrieb Hoff-                  die extreme Rechte überwiegend aus der DDR ge-        der politische Hintergrund der Tat aus dem Blick
                                                       mann in einem ersten Briefwechsel, dass er in sei-             steuert werde, den Blick auf die Gefahr gut orga-     – sie wird aus ihrem eigentlichen Zusammenhang
                                                       nem Wohnort eine eigene Ortsgruppe der militan-                nisierter eigenständiger extrem rechter Netzwerke     herausgerissen und entpolitisiert.
                                                       ten extrem rechten Gruppierung aufbauen wolle.                 in der Bundesrepublik. So sah es etwa im Bayern-
                                                       Im Jahr 1979 war Köhler auf dem Titelbild der von              kurier ein Autor damals als erwiesen an, dass ‚gut
                                                       Hoffmann herausgegebenen Zeitschrift ‚Komman-                  70 Prozent“ der Neonazis ‚aus der DDR kommen
                                                       do“ zu sehen.                                                  oder von daher nachrichtendienstlich geführt und
                                                                                                                      gefüttert werden“.
03      DIE POLITISCHE EINORDNUNG
                                                                                                                                                                                                              ST E I N FÜ R ST E I N

                                                                                                                            Stein für Stein erwächst ein Mosaik des Horrors, Münchner Merkur, 29.09.1980
                                                                                                                                             6 Jahre danach: Zweifel bleiben, Münchner Merkur, 26.09.1986
                                                                                                                                            Wiesn Anschlag: Keine Ermittlungen; Abendzeitung, 09.06.1984
                                                                                                                    Wiesn-Attentat - wer glaubt die Theorie vom Einzeltäter?, Tageszeitung (TZ), 27.09.2000
                                                                                                                                                        Verschlusssache, Süddeutsche Zeitung, 12.05.2016
                                                                                                                                                     Späte Aufarbeitung, Süddeutsche Zeitung, 12.02.2010
                                                                                                                                                                                                              E RWÄC H ST
                                                                                                                                                                                                              E I N M O SA I K D E S
Der Einordnung des Attentats als unpolitisches
Werk eines Verwirrten widersprechen einige der
hunderten Münchner*innen, die sich am 30. Sep-
                                                         Wie wichtig es ist, rechte Gewalt richtig einzuord-
                                                         nen und rechte Netzwerke zu erkennen, zeigt sich
                                                         schon kurz nach dem Oktoberfestattentat einmal
                                                                                                               18                                                                                             HORRORS
tember 1980 zur offiziellen Trauerfeier vor dem
Münchner Rathaus versammeln. Vor dem schwarz-
beflaggten Gebäude gedenken sie der Betroffe-
                                                         mehr: Keine 48 Stunden nachdem an der Theresi-
                                                         enwiese hunderte Menschen von der Bombe
                                                         getroffen wurden, verüben rechte Terroristen den
                                                                                                                                                                                                              6 JA H R E DA N AC H :
                                                                                                                                                                                                              ZWEIFEL BLEIBEN
nen, in der Menge ist unter anderem ein Transpa-         nächsten Anschlag: In Bielefeld setzen drei Männer
rent mit der Aufschrift ‚Wir trauern um die Opfer        mit Molotowcocktails den Bauernhof engagierter
der faschistischen Mörderbande“ zu sehen. ‚Wir           Umweltschützer*innen in Brand. In dem kleinen
klagen an Gerold Tandler, der die WSG Hoffmann           Ort Lämershagen (NRW) verbrennt die junge Fa-
als halbverrückte Organisation nicht eine gefähr-
liche Organisation im eigentlichen Sinne bezeich-
nete“, heißt es auf einem Schild über den dama-
                                                         milie am 28. September 1980 nur nicht, weil sie
                                                         noch wach ist, als die Brandsätze auf ihr Haus
                                                         geworfen werden. So überleben die schwangere
                                                                                                                                                                                                              W I E S N A N S C H LAG :
ligen bayerischen Innenminister.                         Frau, ihr Mann und deren zweijähriger Sohn den

Die Frage, ob Gundolf Köhler allein handelte, be-
jahen die Ermittlungsbehörden im November 1982
                                                         Anschlag.
                                                                                                                                                                                                              KEINE
                                                                                                                                                                                                              E R M I T T LU N G E N
im Abschlussbericht der Generalbundesanwalt-
schaft. Seiner Einbindung in gewalttätige extrem
rechte Netzwerke zum Trotz habe er den Spreng-
satz allein gebaut und gelegt. 2014 werden die Er-
mittlungen auf Drängen von Betroffenen und Un-
terstützer*innen wiederaufgenommen. Im Juli 2020
kommt die Bundesanwaltschaft zu dem Schluss,
                                                                                                                                                                                                              W I E S N - AT T E N TAT -
                                                                                                                                                                                                              W E R G LAU B T
dass politische Überzeugungen, nicht psychische
Probleme, Köhler zu der Tat brachten. Die Frage,
ob er den Anschlag allein beging, bleibt weiter offen.

                                                                                                                                                                                                              D I E T H E O R I E VO M
                                                         ‚Wir trauern um die Opfer der
                                                         faschistischen Mörderbande“ –                                                                                                                        E I N Z E LTÄT E R ?
                                                         ‚Wir klagen an Gerold Tandler, der
                                                         die WSG Hoffmann als halbver-
                                                         rückte Organisation nicht eine ge-
                                                                                                                                                                                                              V E R S CH LU S S SACH E
                                                                                                                                                                                                              S PÄT E
                                                         fährliche Organisation im eigent-
                                                         lichen Sinne bezeichnete“: Schilder
                                                         mit diesen Aufschriften sind auf
                                                         dem Marienplatz bei der offiziellen
                                                         Trauerfeier für die Betroffenen
                                                         des Anschlags zu sehen.
                                                                                                                                                                                                              AU FA R B E I TU N G
26. September 1981
                                                Nach einer Kranzniederlegung
                                                an der Gedenkstätte auf der
                                                Theresienwiese und einer De-

Karl-Heinz Egginger/Süddeutsche Zeitung Photo
                                                monstration durch die Münch-
                                                ner Innenstadt wird bei der Ab-
                                                schlusskundgebung auf dem
                                                Marienplatz an die Betroffenen
                                                des Anschlags erinnert.
04   D E R B E H Ö R D L I C H E U M GA N G M I T D E N B ET R O F F E N E N

Der Umgang der Behörden
mit den Betroffenen
des Oktoberfestattentats

Nach dem Anschlag auf das Okto-      Der behördliche Umgang mit den            22   23   Aber auch bei der Bewältigung        Solche Auseinandersetzungen
berfest sichert der Münchner Ober-   Betroffenen des Oktoberfestatten-                   der körperlichen Folgen wurden       sind ermüdend und anstrengend.
bürgermeister Erich Kiesl den        tats war nicht in jedem Fall gleich-                und werden Betroffenen Steine        Abgesehen davon hat es natür-
Betroffenen schnelle und unbüro-     förmig. Die Erfahrungen sind so                     in den Weg gelegt. Eine Behörde,     lich finanzielle Konsequenzen,
kratische Hilfe seitens der Stadt-   unterschiedlich wie die jeweiligen                  die in den Erzählungen dabei         wenn Teile der medizinischen Kos-
verwaltung zu. Das städtische So-    Perspektiven der Betroffenen. Und                   immer wieder auftaucht, ist das      ten nicht übernommen werden.
zialbüro richtet ein provisorisches  doch ziehen sich einige Parallelen                  Versorgungsamt. Das Versorgungs-     Die Betroffenen müssen sie selbst
Sonderbüro mit einer Hotline für     durch die Erzählungen. Unmittel-                    amt ist für Leistungen nach dem      tragen und reduzieren die Be-
Hilfesuchende ein. Die Allgemeine    bar nach dem Attentat wurden die                    Opferentschädigungsgesetz (OEG)      handlungen zum Teil auf das not-
Ortskrankenkasse informiert über     Betroffenen gesundheitlich ver-                     zuständig. Nach dem OEG kön-         wendigste Minimum. Um damit
die Leistungen der Krankenkassen.    sorgt. Weil die Kapazitäten in der                  nen Betroffene von Gewalttaten       nicht mehr als erforderlich kon-
Für Spenden wird ein Sonderkon-      Stadt selbst bald erschöpft waren,                  Leistungen zur Bewältigung kör-      frontiert zu werden, haben einige
to eingerichtet, auch vor Ort sam-   wurden einige auch in Kranken-                      perlicher Schäden beantragen,        Betroffene über Jahre hinweg
meln Menschen für die Betroffe-      häuser in den umliegenden Orten                     die – in der Theorie – weit über     Ärzt*innen gemieden. Das hat zum
nen. ‚Wir sollten es nicht bei Mit-  gebracht. Möglichkeiten, das Er-                    die Leistungen der gesetzlichen      Teil gravierende gesundheitliche
und Beileid belassen“ heißt es       lebte psychisch zu verarbeiten,                     Krankenkassen hinausgehen.           Folgen, wenn dadurch notwendige
auf einem Schild an einem spon-      beispielsweise in Form einer The-                                                        Behandlungen nicht stattgefun-
tan errichteten Spendenstand.        rapie, waren aber nicht im glei-                    In der Praxis müssen und mussten     den haben. Hier wird deutlich, dass
                                     chen Maße etabliert wie heute. Ei-                  Betroffene aber um die Übernah-      das behördliche Handeln unmit-
Die Realität vieler Betroffener ist  nige Betroffene berichten, dass                     me kleinster Beträge kämpfen. Ei-    telbare und mittelbare Auswirkun-
in der Folge aber leider nicht von sie erst in der jüngeren Vergangen-                   nige berichten von jahrelangen       gen auf die Gesundheit haben
großzügiger Unterstützung und        heit, unter anderem ausgelöst                       Widerspruchsprozessen bis hin zu     kann.
verständnisvoller Hilfe geprägt. Sie durch die Wiederaufnahme der                        Aussagen von Mitarbeiter*innen
haben vielfältige gesundheitliche    Ermittlungen durch die General-                     des Versorgungsamts, dass sie sich
Schäden erlitten, von den Folge-     bundesanwaltschaft im Jahr 2014,                    nicht ihr ganzes Leben ‚darauf
schäden, die sich in den letzten     Therapien begonnen haben, um                        ausruhen“ könnten, Opfer des At-
Jahrzehnten entwickelt haben,        das Erlebte aufzuarbeiten. Andere                   tentats zu sein.
ganz zu schweigen. Die Behörden tun dies bis heute nicht.
unterstützen die notwendigen
Behandlungen, wenn überhaupt,
nur zum Teil.
04   D E R B E H Ö R D L I C H E U M GA N G M I T D E N B ET R O F F E N E N                                             18. September 1981
                                                                                                                         Das Denkmal für die Opfer des
                                                                                                                         Oktoberfestattentats wurde
                                                                                                                         von dem bayerischen Bildhauer
                                                                                                                         Friedrich Koller geschaffen
                                                                                                                         und am 18. September der
                                                                                                                         Öffentlichkeit übergeben.
                                                                                                                         Standort ist der Ort der Explo-
                                                                                                                         sion am nördlichen Rand der
                                                                                                                         Theresienwiese beim Hauptein-
                                                                                                                         gang des Oktoberfests.

Auch wenn die Kosten (teilweise)        Das Vorgehen der zuständigen           24
übernommen wurden, so stellt der        Behörden verstärkte über die lan-
sich immer wiederholende büro-          ge Zeit von 40 Jahren hinweg,
kratische Akt per se bereits eine       dass sich Betroffene nicht ernst
nicht zu unterschätzende Anstren-       genommen fühlten, nicht aner-
gung dar. Die Betroffenen müssen        kannt in ihrem Erleben, ihrem Lei-
ihn auf sich nehmen, um über-           den und den Folgen der körper-
haupt die Chance auf Unterstüt-         lichen und seelischen Verletzun-
zung zu haben. Die Behörden,            gen. Letztere werden punktuell
unter ihnen das städtische Versor-      sogar noch verstärkt. Mit steigen-
gungsamt, lassen sich von den           dem Alter nehmen die Beein-
Betroffenen um Unterstützung bit-       trächtigungen für viele Betroffene
ten. Sie mussten und müssen             zu, der Bedarf an Unterstützung
hierbei ihre Bedürftigkeit immer        etwa durch psychologische Be-
wieder aufs Neue nachweisen.            gleitung und medizinische Behand-
Im Kampf um die Eingruppierung          lungen steigt. Der durch die Stadt
ihrer körperlichen Beeinträchti-        München 2018 eingerichtete
gung müssen Betroffene Untersu-         Fonds für Hilfsleistungen ist ein
chungen über sich ergehen lassen        erster Beitrag zur Unterstützung
und eigene Gutachten beibrin-           der Betroffenen – langfristig müs-
gen. Die Frage, ob eine Beschwer-       sen sich endlich auch der Frei-
de auch wirklich Folge des An-          staat Bayern und der Bund ihrer
schlags ist, müssen Betroffene          Verantwortung gegenüber den
selbst bei offensichtlichen Fällen      Betroffenen stellen. Nach 40 Jah-
wieder und wieder beantworten.          re ist es höchste Zeit, dass sie
Sonst riskieren sie, einen noch         umfassend und angemessen un-
größeren Teil der Folgen allein be-     terstützt werden.
wältigen zu müssen.
                                                                                    Picture alliance/dpa/Peter Kneffel
Die Folgen rechter
Anschläge gehen
weit über den eigent-
lichen Zeitraum der
Tat hinaus und können
viele Jahre andauern.
05      D E R STÄDT I S C H E E U N T E R STÜT Z U N G S FO N D

Eine Anerkennung auf kommunaler
Ebene – der städtische Fonds für
Betroffene des Oktoberfestattentats

Als die Stadt München 2016 Betroffene des Okto-        teten, dass es sie freue, nach so vielen Jahren        28   29   Wie im Antrag vorgesehen, wurde der städtische        Manche Betroffene wandten sich erstmals an
berfestattentats zu einem gemeinsamen Treffen          endlich gehört und ernst genommen zu werden.                     Unterstützungsfonds bei BEFORE angesiedelt.           BEFORE, weil sie von den Unterstützungsmöglich-
einlud, lag das Attentat 36 Jahre zurück. Bis dahin    Das sei vorher nicht geschehen. Es wurde klar,                   Der Fonds wurde für die Betroffenen, Hinterbliebe-    keiten durch den Fonds erfahren hatten. In den
gab es neben den jährlichen Gedenkfeiern am            dass sich Verletzungen und Spätfolgen des Atten-                 nen und traumatisierten Angehörigen so gestal-        Gesprächen wurde neben den Antragsstellungen
26. September und dem seit 2015 vom Kulturre-          tats mit dem Alter verschlimmert hatten, beson-                  tet, dass er niedrigschwellig und unbürokratisch      zum Teil auch Beratungsbedarfe darüber hinaus
ferat der Landeshauptstadt München durchge-            ders, wenn mangelhafte oder keine adäquate me-                   in Anspruch genommen werden kann. Mit einem           deutlich, in denen die Berater*innen unterstützen
führten Forschungsprojekt nur wenige Gelegen-          dizinische oder therapeutische Behandlung statt-                 unkomplizierten Antrag werden die Unterstüt-          und begleiten. So erleben wir den Fonds auch
heiten, zusammenzukommen. Es kamen daher               gefunden hatte. Außerdem hatte es Auswirkungen,                  zungswünsche eingereicht. Ein Gremium, beste-         ein Stück weit als einen Austausch- und Begeg-
viele, das Interesse war groß. Zwei Jahre vorher wa-   dass jahrelang nicht anerkannt wurde, dass sie                   hend aus Vorstandsmitgliedern von BEFORE e.V.,        nungsraum, der sich Betroffenen eröffnen kann,
ren die mittlerweile eingestellten Ermittlungen        Opfer einer politisch motivierten Gewalttat wurden.              bescheidet die Anträge. Die Berater*innen von         als einen Anlass, von ihren Erfahrungen zu berich-
durch die Generalbundesanwaltschaft wiederauf-         Es verletze sie, dass sie bis dato nicht entschä-                BEFORE besprechen mit den Betroffenen deren           ten und dabei gehört zu werden, Wünsche und
genommen worden. Umso wichtiger war es nun,            digt wurden – weder durch den Freistaat Bayern                   Bedarfe und begleiten und unterstützen sie bei        Erwartungen zu formulieren und sich mit dem Er-
die Betroffenen zusammenzubringen und zu hören,        noch durch den Bund.                                             der Antragsstellung.                                  lebten zum Oktoberfestattentat selbst und in den
wie es ihnen ging. Die meisten Betroffenen haben                                                                                                                              vielen Jahren danach auseinanderzusetzen.
einen Umgang mit dem Attentat und den Nach-            Bereits seit vielen Jahren forderten Betroffene und              Wie im Zuge dessen ersichtlich wurde, haben die
wirkungen gefunden – das darf aber nicht darüber       engagierte Akteur*innen eine Entschädigung                       Betroffenen nicht nur in den vielen Jahren seit       Die Verwaltung und Ausgestaltung stellte BEFORE
hinwegtäuschen, dass so viele Jahre später die         der Betroffenen des Attentats. Nachdem auch bei                  dem Attentat im Jahr 1980 um Unterstützung ge-        vor die Herausforderung, dass die vergleichswei-
körperlichen und psychischen Folgen noch immer         BEFORE dieser Wunsch mehrfach geäußert                           kämpft. Teilweise stehen sie jetzt vor dem Prob-      se geringe Summe den tatsächlichen Bedarfen der
präsent sind, teilweise sogar zunehmen. Das hat        wurde, wurde die Umsetzung eines Fonds auf                       lem, dass notwendige Zuzahlungen beispielsweise       Betroffenen nicht in allen Teilen gerecht werden
verschiedene Gründe: das zunehmende Alter, eine        kommunaler Ebene angestoßen.                                     von den Krankenkassen nicht geleistet werden.         konnte. Der Fonds kann daher ein Teil der Erinne-
lange Zeit der Verdrängung, die fehlende Aner-                                                                          Die beantragten Bedarfe sind daher genauso un-        rung und Auseinandersetzung mit dem Oktober-
kennung der gesundheitlichen Folgen durch Behör-       Federführend wurde die Idee bei der Fachstelle                   terschiedlich wie der individuelle Umgang mit den     festattentat sein, ein Symbol, dass das Bewusstsein
den und deren mangelnde medizinische Unter-            für Demokratie entwickelt und anschließend vom                   Folgen des Oktoberfestattentats. Im Laufe des         für rechte Gewalt in der Stadt München auch auf
stützung. Das Oktoberfestattentat zeigt, dass die      Stadtrat einstimmig beschlossen. Im April 2018                   Jahres 2018 konnten mithilfe des Fonds vielfältige    politischer Ebene stärker wird. Eine Entschädigung
Folgen rechter Anschläge oft weit über den eigent-     stellte der Stadtrat 50.000 Euro zur Linderung sozi-             wichtige Anliegen unterstützt werden. Zweck der       kann der Fonds letztendlich für viele nicht sein,
lichen Zeitraum der Tat hinausgehen und viele          aler, psychischer, physischer und materieller Fol-               Hilfen war und ist es, eine Linderung der nachhal-    aber ein Zeichen der Anerkennung, wie Betroffene
Jahre andauern können. Sie werden zum Teil der         gen der Betroffenen des Oktoberfestattentats zur                 tigen Folgen und einen Umgang mit den Ein-            berichteten: ‚Es fehlen uns ehrlich ein bisschen
Biographien der Betroffenen.                           Verfügung. Die Abgeordneten setzten so ein wich-                 schränkungen des Attentats herzustellen, u.a. durch   die Worte; aber es tut gut zu erleben, dass wir
                                                       tiges politisches Zeichen und trugen den Stimmen                 Rehabilitationsangebote, Maßnahmen zur Förde-         nach 38 langen Jahren diese Unterstützung von
Im Nachgang des Treffens wandten sich einige           der Betroffenen Rechnung. Im Antrag heißt es                     rung gesunden Erholens, orthopädische Hilfsmittel,    Ihnen erfahren. Ihre Unterstützung gibt uns Si-
Betroffene an unsere Beratungsstelle, konkrete         darüber hinaus: ‚Die Landeshauptstadt München                    Behandlungen und medizinische Anwendungen             cherheit. Es ist schön zu erfahren, dass wir als Op-
Bedarfe wurden formuliert, Unterstützung angebo-       wirkt in Wahrnehmung ihrer historischen Verant-                  für Förderung und Erhalt der Mobilität und der ei-    fer dieser „schrecklichen Nacht‘ nicht in Verges-
ten. Etliche Betroffene leben in und um München,       wortung darauf hin, dass die gesellschaftspoliti-                genständigen Gestaltung des Alltages.                 senheit geraten sind.“
einige sind aber auch in den Jahren nach dem           sche Aufarbeitung des Oktoberfest-Attentats
Attentat weiter weggezogen, viele waren 1980 nur       weiter vorangeht.“ Die Initiative nahm also auch                 Schnell zeichnete sich aber ab, dass die Summe        Die Reaktionen der Betroffenen, ihre Worte und
als Besucher*innen auf die Wiesn gekommen.             den gesellschaftlichen Umgang sowie das Ge-                      von 50.000 Euro nicht ausreichend sein würde.         Erzählungen, die Schilderungen, wie sie ihr Leben
Mit der Zeit wurde ersichtlich, dass nach solch lan-   denken an den Anschlag in den Blick.                             Ende 2018 signalisierte BEFORE daher, dass eine       mit dieser Erinnerung gelebt haben, zeigen uns,
gen Jahren ohne Unterstützung und Entschädi-                                                                            Erhöhung unausweichlich sei, da wie zu erwarten       dass Solidarität und Unterstützung konstant sein
gungsleistungen noch immer oder sogar gerade                                                                            mehr Anträge gestellt wurden, als beschieden          müssen. Außerdem können sich Bedarfe von Be-
jetzt Unterstützung benötigt wird. Einige berich-                                                                       werden konnten. Im Juli 2019 bewilligte der Stadt-    troffenen über die Jahre verändern. Damit müssen
                                                                                                                        rat ohne Zögern eine zweite Runde mit erneuten        auch die Unterstützungsangebote Schritt halten
                                                                                                                        50.000 Euro, sodass weitere Maßnahmen gefördert       und wenn nötig angepasst werden.
                                                                                                                        wurden und werden. Insgesamt wurden bis heute
                                                                                                                        (Stand: September 2020) über 40 Anträge an den
                                                                                                                        Fonds gestellt und genehmigt.
BEFORE berät und begleitet
seit 2016 Betroffene von rech-
ter, gruppenbezogen men-
schenfeindlicher Gewalt und
Diskriminierungen in München.
Sie erhalten hier einen ge-
schützten Raum, um ihre Erfah-
rungen zu teilen und wenn
nötig langfristige Unterstützung.
Ich finde toll, dass die
Stadt München vieles
in Bewegung gesetzt
hat, uns entgegenge-
kommen ist und zeigt,
dass wir wichtig sind.
                       Zitat
                       Robert
                       Höckmayr
06     G E S P R ÄC H M I T R O B E R T H Ö CK M AY R ,                                                                  Gespräch
       A L EX A N D E R F R EY U N D M A R I A N O F F M A N N

„„Ich kann zwar vieles nicht
mehr machen, aber ich habe
doch dasselbe Recht!“

Im Februar 2020 fand in den Räumlichkeiten von        Frey: Man braucht nach einem solchen Attentat            34   35
BEFORE eine Gesprächsrunde über das Thema             sofort Unterstützung für die Geschädigten, eine
Unterstützung Betroffener des Oktoberfestes statt.    juristische und von Fachleuten, die sehen wie es
Teilgenommen daran haben Robert Höckmayr              bildungsmäßig weitergeht und wie gesundheitlich,
(Überlebender des Oktoberfestattentats), sein         welche Reha-Maßnahmen einzuleiten sind. Das
Rechtsanwalt Alexander Frey, der mit ihm um Ent-      muss sofort passieren und bei einem Minderjähri-
schädigung kämpft, Marian Offman (ehemaliger          gen erst recht.
Stadtrat) und Christine Umpfenbach (ehemalige
Beraterin bei BEFORE).                                Hat sich inzwischen etwas verändert?
                                                      Frey: Die Gutachter waren immer nur vom Versor-
Frau Umpfenbach, Sie begleiten Herrn Höckmayr         gungsamt bestellt und haben erklärt, dass beispiels-
ja schon eine lange Zeit. Was war Ihnen dabei         weise der Schaden am Rücken selbstverständlich
wichtig?                                              ein Vorschaden sei. An den Ohren habe Herr Höck-
Umpfenbach: Mir war wichtig zuzuhören und             mayr laut Versorgungsamt gar nichts, obwohl das
Herrn Höckmayr bei dem, was er Jahrzehnte lang        Trommelfell bei dem Attentat geplatzt ist. Als ich als
allein bewältigen muss, zu unterstützen. Da ging      Rechtsanwalt eingestiegen bin, hatten wir immer
es darum, geeignete Stellen und Ansprechpart-         noch denselben Richter im Sozialgericht. Da habe
ner*innen zu finden. Ich habe ihn begleitet, Briefe   ich schon gedacht: ‚Na, das kann aber lustig wer-
an Ämter und Behörden geschrieben und Kontak-         den“. Dann hat der sich aber entschuldigt und ge-
te hergestellt. So entstand auch der Kontakt zu       sagt, jetzt wisse man mehr und er sehe das heute
Herrn Frey oder zu Politikern wie Herrn Offman.       anders. Und jetzt wurde vom Gericht eine neue
                                                      Gutachterin bestellt und die hat wirklich Herrn
Wie ging es Ihnen damit, Herr Höckmayr?               Höckmayr Recht gegeben. Das war so der erste
Höckmayr: Die Begleitung von Christine Umpfen-        positive Schritt.
bach und Marian Offman war für mich wichtig.
Man ist stärker, wenn man einen Rückhalt hat und      Die Auseinandersetzung mit dem Versorgungsamt
weiß, da ist jemand, wo man sich hinwenden            geht jetzt in die nächste Runde. Was ist da der ak-
kann, wo Zeit ist, sich auszutauschen und Wege        tuelle Stand?
zu finden. Herrn Frey habe ich etwas später auch      Höckmayr: Wir haben jetzt vier Gutachten über
bei BEFORE das erste Mal meine Geschichte             das Gericht gemacht, zwei Gutachter haben posi-
geschildert.                                          tiv geschrieben, die Gutachter des Versorgungs-
Frey: Mir war klar, dass den Fall zu übernehmen       amts schreiben wieder mal ‚laut Aktenlage“, die
nur Sinn macht, wenn man sich voll reinhängt. Es      Ärzte hätten unrecht und hätten sich auf meine
stand in den Unterlagen, Herr Höckmayr sei im         Seite geschlagen, um ein positives Gutachten für
Hasenbergl aufgewachsen und die Schäden, die          mich zu schreiben. So wird das dahingestellt.
er hat, könnten ‚wenn überhaupt“, nur durch seine     Offman: Bekommen Sie eine Rente vom Versor-
Vorgeschichte passiert sein. Das hat mich auf-        gungsamt?
geregt, weil ich auch vom Hasenbergl komme.
Höckmayr: Mir war wichtig, dass endlich mein
Recht vertreten wird. Ich kann zwar Paragrafen le-
sen, aber ich kann sie nicht anwenden. Ich bin
kein Jurist. Egal, wo man hinschreibt, man wird
abgeschmettert und immer wie ein Bittsteller          Bild oben von links: Alexander Frey,
behandelt.                                            Robert Höckmayr, Marian Offman
                                                      Bild unten von links: Robert Höckmayr,
                                                      Marian Offman, Christine Umpfenbach
Dachzeile             06     G E S P R ÄC H M I T R O B E R T H Ö CK M AY R ,
                             A L EX A N D E R F R EY U N D M A R I A N O F F M A N N

            36   37   Höckmayr: Durchgebracht habe ich erst 2008 eine       Herr Offman, war das eine Idee, bei der Sie auch
                      Grundsicherungsrente, die vier Jahre rückdatiert      gleich gesagt haben, das brauchen wir so in der
                      wurde. 270 Euro im Monat. Die berufen sich auf        Form?
                      1981. Da hätte ich auf beiden Ohren gleich ge-        Offman: Wir haben uns gefragt, ob das Geld reicht,
                      hört, als kleiner Junge, eingeschüchtert von den      da es ein einmalig gebildeter Fonds ist und wel-
                      Ärzten. Für mich geht es um 22 Jahre, die das         che Stelle das Geld gerecht verteilen kann. Da bin
                      Versorgungsamt mir unterschlagen hat, weil das        ich der Beratungsstelle BEFORE sehr dankbar,
                      Recht auf Versorgung stand mir zu. 1981 hat man       dass sie das in die Hand genommen hat.
                      mir diese Rente auf Null gesetzt und bis 2004
                      habe ich nichts bekommen. Ich habe 2008 eine          Umpfenbach: Die ersten Mittel haben Betroffene
                      Petition ans Kanzleramt geschrieben, die ging         erhalten, die über die Presse und die Stadt davon
                      bis ans Innenministerium weiter. Das Innenminis-      erfahren haben. Aber da nicht alle Verletzten und
                      terium sagte, das sei Ländersache, das müsse          Überlebenden erreicht wurden, baten wir die Fach-
                      Bayern klären, und Bayern sagte, das ist fürs Ver-    stelle für Demokratie, dass alle Geschädigten des
                      sorgungsamt und da blieb es bis heute hängen.         Attentats über das LKA informiert würden. So haben
                      Offman: Das Versorgungsamt ist das ZBFS, Zent-        nochmal viele betroffene Personen einen Antrag
                      rum Bayern Familie und Soziales. Wenn das Ver-        gestellt. Manche waren erst skeptisch, weil sie Sor-
                      sorgungsamt nicht das Interesse hat, Sie zu versor-   ge hatten, dass man denken könnte, die Mittel des
                      gen, sondern Sie möglichst wenig zu versorgen,        Fonds seien eine Entschädigung.
                      dann ist der Vorgang skandalös.
                                                                            Was hat sich verändert durch den Fonds?
                      Herr Offman, Sie haben sich als Stadtrat für Herrn    Umpfenbach: Viele der Geschädigten des Okto-
                      Höckmayr eingesetzt. Wissen Sie noch, wie der         berfestattentats wären ohne den Fonds wahrschein-
                      erste Kontakt zustande kam?                           lich gar nicht zu BEFORE gekommen. Dadurch
                      Offman: Im Rathaus 2016: Es waren auch andere         sind wir aber ins Gespräch gekommen, darüber was
                      Stadträte da, die gesehen haben, dass die Folgen      passiert ist und wie es ihnen heute geht und was
                      des Attentats unglaublich sind und dass sich um       ihnen helfen würde, um die Folgen des Attentats
                      die Betroffenen und die Verletzten kein Mensch        besser bewältigen zu können. Insofern hat der
                      kümmert. Die Einladung war zunächst gedacht als       Fonds Türen geöffnet.
                      eine Anerkennung, als ein Zeichen der Stadt, ein
                      Zeichen der Empathie, an einen Fonds hat zu dem       Was für Aspekte müssen noch angegangen wer-
                      Zeitpunkt noch niemand gedacht.                       den, um den Betroffenen in Zukunft zu helfen?
                                                                            Höckmayr: Man sieht immer nur Kosten, nur Geld.
                      Es gab 2018 die erste Runde des städtischen           Man sieht nicht den Menschen, der eigentlich
                      Fonds und im vergangenen Jahr die zweite. Ist der     Hilfe bräuchte. Ich habe es geschafft, mit der Hilfe
                      Fonds so geworden, wie Sie ihn sich vorgestellt       meiner Frau, die mir ein Stützpfeiler war. Ich geh
                      haben?                                                in die Arbeit und ich will genauso Spaß haben wie
                      Höckmayr: Ich finde toll, dass die Stadt München      jeder andere. Ich kann zwar vieles nicht mehr ma-
                      vieles in Bewegung gesetzt hat und uns entge-         chen, aber ich habe doch dasselbe Recht.
                      gengekommen ist und uns zeigt, dass wir wichtig       Offman: Mir ist wichtig, dass man die Auseinander-
                      sind.                                                 setzung mit Rechtspopulisten und Nazis offensiv
                                                                            führt. Man muss jungen Leuten, die Gefahr laufen
                                                                            von Nazis vereinnahmt zu werden, die Folgen sol-
                                                                            cher Attentate zeigen, damit sie erfahren, was das
                                                                            eigentlich bedeutet. So ein Attentat beeinträchtigt
                                                                            viele Menschen ein ganzes Leben lang.
Karl-Heinz Egginger/
Süddeutsche Zeitung Photo

                            26. September 1991
                            Die Dritte Bürgermeisterin
                            Sabine Csampai legt am Jahres-
                            tag des Oktoberfestattentats
                            einen Kranz am Denkmal für die
                            Opfer nieder.
Es ist gelungen, klar
zu machen, dass zur
Münchner Geschichte
nicht nur das Positive,
sondern auch das
Negative gehört.
07      G E S P R ÄC H M I T C LAU D I A Z . U N D G U D R U N L .

‚Der Umgang ist auf einmal so positiv. Wir hatten
auf einmal Raum, wir durften sprechen, wir durften weinen,
wir durften lachen. Das war so angenehm.“

Am 14. September 2020 sprach Karoline Staude,         Claudia Z.: Ich war 16 Jahre alt und ich bin mit      42   43   Claudia Z.: Ich glaub, das Allerschlimmste für mich    das auch. Als ich meine Ausbildung begonnen
Beraterin bei BEFORE mit Claudia Z. und Gudrun        meinem damaligen Freund auf die Oktober-Wiesn                   war eigentlich damals dieses Alleingelassensein.       hatte, war‘s, als ob dieses Ereignis nicht stattge-
L., Betroffenen des Oktoberfestattentats.             gegangen. Wir gingen zeitig nach Hause und sind                 Ich bin mir sehr alleine vorgekommen mit meinem        funden hätte. Es wurde erst wieder danach ge-
                                                      zu dem Zeitpunkt, wo die Bombe explodiert ist, an               Schicksal.                                             fragt, als eine Feststellung der Minderung der Er-
BEFORE: Frau L., Frau Z., herzlich willkommen.        der Stelle gewesen, wo‘s uns beide erwischt hat.                                                                       werbstätigkeit im Rahmen der Rente zur Sprache
Könnten Sie sich zu Beginn vorstellen?                Ich habe auch relativ schwere Beinverletzungen                  Gudrun L.: Da muss ich Ihnen beipflichten. Am          kam. Da wurde ich in das Versorgungsamt zitiert.
Gudrun L.: Als der Anschlag passiert ist, war ich     gehabt, mein ganzer Unterschenkel war zertrüm-                  Anfang war das schon ein Thema. Aber nach einer        Das war ein Besuch unter der untersten Gürtellinie.
19 Jahre alt. Ich habe damals das Oktoberfest mit     mert. Mein Freund hatte eine Oberschenkelfraktur.               relativ kurzen Zeit wollte das die Umwelt nicht        Als Bittsteller wahrgenommen zu werden, nach
Axel Hirsch, einem sehr guten Freund, besucht.        Wir hatten beide sehr starke Verbrennungen im                   mehr hören. Mit meiner Tochter konnte ich sehr         dem Motto: ‚Was willst denn du? Du kommst ja auf
Er ist leider bei diesem Attentat ums Leben gekom-    Gesicht und an den Händen. Mein Klinikaufenthalt                viel darüber sprechen, auch mit meinem Mann,           zwei Beinen daher. Es ist doch alles verheilt.“ Was
men. Ich selber bin sehr schwer verletzt worden.      war auch sehr lang, ich war über eineinhalb Jahre               innerhalb der Familie, ja. Aber außerhalb war das      mit der Psyche damals passiert ist, wurde ja über-
Ich war 14 Tage auf der Intensivstation und später    immer wieder stationär. Es waren sehr viele Re-                 kein Thema.                                            haupt nicht bewertet. Die nächste Konfrontation
noch relativ lang immer wieder im Krankenhaus,        konstruktions-OPs notwendig, dass ich überhaupt                                                                        war dann über das Bundeskriminalamt. Ich war
weil ich ziemlich viele Splitter abbekommen habe.     wieder auf den Beinen laufen konnte. Ich habe ein               BEFORE: Wie empfinden Sie den Umgang mit               heilfroh, dass meine Tochter mich begleitet hat zur
Die Narben sind da, mir ist aber Gott sei Dank        steifes Sprunggelenk. Ich habe sehr viele Vernar-               den Betroffenen denn heute? Was hat sich nach          Zeugenaussage, weil ich auf‘s Tiefste aufgewühlt
keine Gliedmaße abhandengekommen. Aber die            bungen durch Hauttransplantate, Knochentrans-                   Ihrer Wahrnehmung in den 40 Jahren entwickelt          war. Mein Termin dauerte drei Stunden. Danach
Narben, die sieht man und die haben mich mein         plantate und Gewebe wurde mir transplantiert. Ich               und verändert?                                         war ich fix und fertig. Mich haben wieder Albträu-
ganzes Leben begleitet. Manchmal war es ein           hatte auch sehr viele Splitter am ganzen Körper.                Claudia Z.: Ich glaube, durch die Neuaufnahme          me gejagt wie am Anfang. Eine gute Woche hat es
bisschen schwierig, wenn man auf diese Narben         Ich habe immer darüber gesprochen. Ich bin mit                  des Verfahrens und durch das Engagement von            gedauert, bis sich alles wieder ein bisschen be-
angesprochen wurde, dass man entscheiden              meinem Bein zum Schwimmen gegangen. Ich mag                     Herrn Dietrich ist sehr viel jetzt bewegt worden,      ruhigt hatte. Dann kam für mich die Frage, wie gehe
musste, möchte man sich dazu äußern. Als ich vor      Skifahren. Ich bin da sehr offen. Es hat lange Zeit             auch durch das Kulturreferat. In den letzten Jahren    ich jetzt mit dieser Sache um. Öffne ich mich jetzt?
fünf Jahren von der Bundesanwaltschaft ange-          gedauert, bis ich auch selber wieder auf die Wiesn              ist anders damit umgegangen worden. Das Okto-          Melde ich mich beim Kulturreferat? Beteilige ich
schrieben worden bin, wurde das Ganze wieder-         durch den Haupteingang gehen konnte, aber ich                   berfestattentat gehört zur Münchner Geschichte         mich [an dem Forschungsprojekt]? Ich habe die
erweckt. Es war ein ziemlich einschneidendes          geh auf die Wiesn. Ich will diesem Terrorismus                  dazu. Es ist mit Sicherheit kein toller Geschichts-    Flucht nach vorn ergriffen und habe mich an diesem
Erlebnis für mich, mit dem ich auch erstmal klar-     überhaupt keinen Platz einräumen. Aber auch mich                eintrag, aber sowas darf nie wieder passieren          Projekt beteiligt. Das hat mir in den letzten zwei
kommen musste, weil es ganz schön wehgetan            hat durch diese Zeugenaussage vor fünf Jahren                   oder soll nie wieder passieren. Ich finde, dass sich   Jahre sehr gut getan und aufgrund dessen bin ich
und mich aufgewühlt hat. Ich hatte auch im Prinzip    das Ganze noch mal eingeholt. Ich muss wirklich                 in den letzten Jahren diesbezüglich was bewegt         auch ziemlich mit mir im Reinen. Was mit mir pas-
keine Unterstützung von offizieller Seite, man        sagen, es bewegt einen immer noch. Alles, was                   hat. Auch Sie als BEFORE, dass Sie teilweise die       siert ist, kann ich nicht rückgängig machen. Der
musste privat mit sich ins Reine kommen. So sind      wir erlebt haben, ist in uns so eingebrannt. Es ist             Opfer mitbegleiten oder auch über den Fonds            Umgang in den letzten Jahren mit mir als Person
diese 40 Jahre einfach vergangen und ich per-         ja auch ein Teil von meinem Leben. Ich hatte auch               Maßnahmen finanzieren werden, die die Ämter            war extrem zuvorkommend vom Kulturreferat,
sönlich beschäftige mich erst seit fünf Jahren wie-   in der Vergangenheit damit zu tun, wem vertraue                 nicht tragen. Ich glaube, da bin ich nicht die Ein-    auch von BEFORE. Da wusste ich überhaupt gar
der damit und ganz intensiv in den letzten zwei       ich es an, wem erzähle ich das. Nicht jedem habe                zige, die sagt, wir haben uns dort alles erkämpfen     nicht, wie mir geschah.
Jahren, seit ich Kontakt mit BEFORE habe und mit      ich tatsächlich erzählt, dass die Verletzungen bei              müssen.
dem Kulturreferat. Diese letzten zwei Jahre haben     dem Attentat passiert sind. Da braucht man auch                                                                        Claudia Z.: Der Umgang ist auf einmal so positiv.
mir sehr gut getan.                                   Menschen, die empfänglich oder sensibel genug                   Gudrun L.: Ich konnte damals nach der Genesungs-       Wir hatten auf einmal Raum, wir durften sprechen,
                                                      sind.                                                           zeit meine Ausbildung nicht anfangen. Das Jahr         wir durften weinen, wir durften lachen. Das war
                                                                                                                      danach war für mich ein Jahr der Hölle. Mein Vater     so angenehm. Da sind Menschen, die hören zu, die
                                                      Gudrun L.: Wie sich das anhört, ist es Ihnen ähn-               ist zu den ganzen Ämtern marschiert und hat            nehmen das ernst, was du sagst, die sehen dich
                                                      lich ergangen wie mir. Wir leben nicht direkt in                Unterstützung beantragt. Mir wurde dann die Aus-       nicht als Nummer, wie ich mir im Versorgungsamt
                                                      München, so war der Besuch auf dem Oktoberfest                  fallszeit erstattet und ich habe eine geringe Ab-      immer vorgekommen bin. Die Einzigen, die uns
                                                      nie ein Thema bei uns. Der 26. September ist im                 schlagszahlung erhalten. Außerdem hat mich der         damals [nach dem Attentat] unterstützt haben, das
                                                      Prinzip mein zweiter Geburtstag. Das wurde rekon-               Weiße Ring kurzfristig unterstützt. Aber dann war‘s    war der Weiße Ring. Die haben mir einen Betreuer
                                                      struiert, ich war so nah dran, dass das ein Wunder                                                                     an die Seite gestellt und haben meiner Mama
                                                      ist, dass ich heute hier im Ganzen sitze.                                                                              gesagt, welche Anträge sie stellen muss. Ich war
                                                                                                                                                                             ja damals noch nicht einmal volljährig.
07     G E S P R ÄC H M I T C LAU D I A Z . U N D G U D R U N L .

                                          BEFORE: Welche Ratschläge würden Sie retro-               44                                   45   Gudrun L.: Dieser Ort wird – und das ist auch die
                                          perspektiv den Verantwortlichen in Behörden                                                         Intention gewesen bei den beteiligten Betroffenen,
                                          und Politik mitgeben, um einen richtigen Umgang                                                     die sich für diesen Entwurf entschieden haben –
                                          und angebrachte Hilfen zu gewährleisten?                                                            ein Eye Catcher sein, der neugierig macht. Ich finde
                                          Gudrun L.: Das Ernstnehmen von Anfang an und                                                        das großartig und für mich persönlich wird es auch
                                          die Begleitung direkt danach. Inzwischen ist ja                                                     ein Anker bleiben. Es ist anfassbar.
                                          der Umgang mit Terroropfern ein bisschen anders.
                                          Es wird ein psychologischer Dienst zur Verfügung                                                    Claudia Z.: Es ist greifbar.
                                          gestellt. So etwas gab es früher nicht. Es gab frü-
                                          her keine Physiotherapie, die einen wieder auf die                                                  Gudrun L.: Mir gibt es auch Halt. Ich denke, weiter-
                                          Beine gestellt hat. Ich denke, man muss mit Be-                                                     gehen sollte es gerne in dieser Richtung, dass
                                          troffenen sehr individuell umgehen und auch mal                                                     Anlaufstellen bleiben. Dass wir, wenn Emotionen
                                          sehr genau hinhören, welche Bedürfnisse sie ha-                                                     hochkommen und wir jemanden zum Reden brau-
                                          ben, weil es jeder ein bisschen anders verarbeitet.                                                 chen, inzwischen Anlaufstellen haben und dass
                                                                                                                                              die bleiben. Das wäre mein Wunsch. Auch BEFORE,
                                          Claudia Z.: Dass es vielleicht auch gesetzlich einen                                                Sie sind ein Verein, die ein Ohr haben für Men-
                                          Opferhelfer gibt, der dich begleitet über Jahre.                                                    schen, die Attentaten zum Opfer gefallen sind.
                                          Solche Attentate traumatisieren. Wir sind unver-                                                    Dieses Ohr, das ist so wertvoll.
                                          schuldet einfach lustig auf der Wiesn gewesen.
                                          Wir haben keine Fehler gemacht und sind eigent-                                                     Claudia Z.: Das sehe ich genauso. Dieses Ohr
                                          lich bestraft worden. Da muss es von staatlicher                                                    muss bleiben.
                                          Seite eine Lösung geben, dass man betreut wer-
                                          den kann ein Leben lang, weil das nicht aufhört.                                                    Gudrun L.: Es gibt auch ein gutes Gefühl, wenn
                                                                                                                                              man als Betroffener weiß, dass es neuen Betroffe-
                                          BEFORE: Was wünschen Sie sich, wie es nun wei-                                                      nen nicht so schlimm ergehen wird, wie es einem
                                          tergehen sollte nach dem 26. September 2020?                                                        selbst ergangen ist.
                                          Gudrun L.: Für mich persönlich soll das kein Schluss-
                                          punkt sein. Man läuft ja immer Gefahr, dass nach                                                    Claudia Z.: Wenn ein Mensch so ein hartes Schick-
Gudrun L.                                                                                                                                                                                            Claudia Z.
                                          einem großem Datum die Pflicht und Schuldigkeit                                                     sal hat, dass er eine Anlaufstelle hat, wo er darü-
                                          getan ist. Aber ich nehme an, so wie der Umgang                                                     ber sprechen kann, wo es diesen Raum und diese
                                          damit momentan ist, dass es auch keinen Schluss-                                                    Zeit gibt – ich glaub, das ist das Allerwichtigste.
                                          punkt gibt. Wir haben ja auch den Informations-
                                          ort so gestaltet, dass jederzeit ein Eingriff stattfin-                                             BEFORE: Vielen Dank für das Gespräch!
                                          den kann in die Medienstationen.

                                          Claudia Z.: Für mich ist ganz wichtig, dass es
                                          Raum hat. Ich finde, dieser Informationsort gibt
                                          dem jetzt Raum und Platz, weil du auch als
                                          Nicht-Münchner hingehen und dich informieren
                                          kann. Da gab‘s vorher keine Informationen. Das
                                          Denkmal allein, das hat es nicht ausgesagt.
                                                                                                         Fot:o: privat

                                                                                                                         Fot:o: privat
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