Kausalistische vs. teleologische Handlungserklärungen

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Geringfügig überarbeitete Version der in Information
                                             Philosophie 5.2011 erscheinenden Fassung.

     Kausalistische vs. teleologische
        Handlungserklärungen
   Fragen an Guido Löhrer zur gegenwärtigen
        Debatte in der Handlungstheorie

1. Die Handlungstheorie kennt eine Art Standardtheorie. Donald Davidson hat
sie 1963 in seinem Aufsatz „Actions, Reasons and Causes“ vorgetragen. Was
beinhaltet diese Theorie?

    Davidsons Handlungstheorie setzt sich aus drei Bausteinen zusammen: einer
Ereignisontologie für Handlungen, einer Logik für Handlungssätze und Folge-
rungsbeziehungen zwischen solchen Sätzen und einer Handlungsepistemologie.
Die Standardtheorie ist im Wesentlichen eine Theorie der Handlungserklärung
durch mentale Einstellungen, die dem Handeln vorausgehen. Auch fünfzig Jahre
nach ihrer Grundlegung ist sie einer der Referenzpunkte für die handlungstheo-
retische Diskussion. An ihr und ihren Filiationen und Weiterungen muss sich
auch ihr teleologischer Widerpart, der Handlungen mittels Angabe ihrer Ziel-
richtung erklärt, abarbeiten. Teleologische Handlungserklärungen sind attraktiv,
wenn sie die Schwierigkeiten, die die Standardtheorie aufwirft, vermeiden.
    Handlung ist, was ein Akteur aus einem Handlungsgrund vollzieht, und die
Angabe dieses Grundes erklärt die Handlung. Dies ist der weitgehend unstrittige
Ausgangspunkt handlungstheoretischer Überlegungen. In „Actions, Reasons and
Causes“ fragt Davidson nach der Beziehung zwischen einer intentionalen
Handlung und dem handlungserklärenden Grund, aus dem der Akteur diese
Handlung ausgeführt hat. Die Auffassung, die heute als Standardtheorie gilt,
bringt dazu zwei Thesen ins Spiel: die Wunsch-Überzeugungs-These und die
Kausalthese. Die erste These betrifft die Form handlungserklärender Gründe
und die zweite die Art der Erklärung.
    Im Alltag werden Handlungsgründe häufig wie folgt angegeben: Ich bündele
das Altpapier, weil Mittwoch ist. Paul macht einen Kopfstand, um Paula zu
beeindrucken. Nach Davidson erklären Gründe einzelne Handlungen jedoch nur
dann, wenn sie die Form sogenannter Primärgründe besitzen oder sich auf diese
Form zurückführen lassen. Primärgründe – das ist die erste These – bestehen aus
zwei mentalen Einstellungen, nämlich der Pro-Einstellung eines Akteurs zu
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einem Typ von Handlungen mit einer bestimmten Eigenschaft und der
Überzeugung des Akteurs, dass die in Rede stehende Einzelhandlung eine
Instantiierung dieses Handlungstyps ist und die entsprechende Eigenschaft
aufweist: Paul hat eine Pro-Einstellung zu Handlungen, die Paula beeindrucken,
und ist überzeugt, dass hier und jetzt einen Kopfstand zu machen eine Handlung
ist, die Paula beeindruckt. Darum macht er einen Kopfstand.
    Diese Formulierung ist recht umständlich, und die Rede von Pro-
Einstellungen hat sich nicht durchsetzen können. Stattdessen spricht man bei
einem Primärgrund gewöhnlich von einem Wunsch-Überzeugungs-Paar,
bestehend aus dem Wunsch, ein Ziel zu erreichen, sowie der Überzeugung, die
zu erklärende Handlung sei ein geeignetes Mittel, um dieses Ziel zu erreichen.
Für sich genommen erklärt somit weder der Wunsch noch die Überzeugung die
Handlung. Zwar unterdrücken Alltagserklärungen gewöhnlich entweder die eine
oder die andere Komponente des Grundes oder setzen sie stillschweigend
voraus: Warum gehst du ins Café? Weil ich meine Freunde treffen möchte.
Warum gehst du ins Café? Weil ich glaube, dass ich meine Freunde treffe, wenn
ich ins Café gehe. Doch müssen sich diese Gründe gemäß der Standardtheorie in
die Form eines Primärgrunds überführen lassen. Dies ist die Wunsch-
Überzeugungs-These, die die Form handlungserklärender Gründe betrifft.
    Besitzt ein Grund diese Form, ist damit allerdings erst eine notwendige, aber
noch keine hinreichende Bedingung für eine Handlungserklärung im Sinne der
Standardtheorie erfüllt. Denn ich kann mehrere Gründe dieser Form für eine
Handlung haben und diese Handlung auch tatsächlich ausführen, aber nur aus
einem dieser Gründe gehandelt haben. So kann es sein, dass ich ins Café gehe,
weil ich meine Freunde treffen möchte und glaube, dies so zu erreichen, aber
auch, weil ich Kaffee trinken möchte und glaube, dies so zu erreichen. Bin ich
nur aus einem dieser beiden Gründe ins Café gegangen, erklärt auch nur dieser
eine Grund meine Handlung. Eine korrekte Handlungserklärung hat ebendiesen
Grund anzugeben. Darum muss nach der Beziehung zwischen einer intentiona-
len Handlung und dem handlungserklärenden Grund, aus dem der Akteur diese
Handlung ausgeführt hat, gefragt werden.
    An dieser Stelle kommt Davidsons Kausalthese ins Spiel. Sie besagt, dass
der handlungserklärende Primärgrund für eine Handlung deren Ursache ist.
Handlungserklärend ist danach nur derjenige Grund, der (bzw. dessen
neuronales Korrelat) kausal wirksam geworden ist. Davidson hat betont, dass es
sich bei Handlungserklärungen um eine Spielart der Kausalerklärung handelt.
Wichtig scheint mir in diesem Zusammenhang jedoch der Hinweis, dass in
Davidsons „Actions, Reasons and Causes“ mit der Kausalthese zunächst nicht
vorrangig ein Naturalisierungsprogramm verfolgt wird. Vielmehr geht es um die
Antwort auf ein epistemisches Problem: Wie bestimmen wir unter den Gründen,
die ein Akteur hat und die sein Verhalten allesamt rechtfertigen würden, den
Grund, der seine Handlung erklärt, weil der Akteur aus ihm auch tatsächlich
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gehandelt hat? Der Beitrag, den die Handlungsursache für eine
Handlungserklärung leistet, besteht gemäß der Standardtheorie darin, dass sie
aus der Menge möglicher rechtfertigender Gründe den erklärenden Grund
herausgreift. Handlungserklärungen sind somit hybride, nämlich sowohl kausale
als auch gründebasierte Erklärungen, und die Ursache, so die Idee, pickt den
richtigen Grund heraus.

2. Davidson hat seinerzeit den Mainstream der analytischen
Philosophie damit überzeugen können. Worin liegt die Stärke
dieses Ansatzes?

Der in „Actions, Reasons, and Causes“ dargelegte und verteidigte Ansatz ver-
drängte sehr rasch die in der analytischen Philosophie bis dahin vertretene Auf-
fassung, zwischen Grund und Handlung bestehe eine enge logisch-begriffliche
Verknüpfung, so dass sie nicht als zwei unterschiedliche Ereignisse begriffen
werden könnten. Folglich könnten sie auch nicht in einem Ursache-Wirkungs-
Verhältnis zueinander stehen. Zu dieser sogenannten logical-connection-These
hatte Wittgenstein mit einer Bemerkung im Blauen Buch den Anstoß gegeben.
Die Relation zwischen Ursache und Wirkung sei Gegenstand induktiver Gene-
ralisierungen bzw. Vermutungen, wie Wittgenstein sagt. Von unseren Hand-
lungsgründen wüssten wir dagegen unmittelbar. Dass wir unsere Handlungs-
gründe kennen und angeben können, sei eine grammatische Aussage. Hand-
lungs- und Kausalerklärungen müssten demnach als zwei distinkte Erklärungs-
typen betrachtet werden.
    Davidson attackierte diese Auffassung von zwei Seiten. Den ersten Einwand
habe ich schon genannt: Die vermeintlich enge logisch-begriffliche Verknüp-
fung zwischen den uns bekannten Gründen und unseren Handlungen wäre,
selbst wenn sie bestünde, nicht handlungserklärend. Denn man kann, wie gesagt,
mehrere Gründe für eine Handlung haben, sie aber nur aus einem einzigen die-
ser Gründe ausführen. Davidson denkt dem Grund, aus dem man tatsächlich
handelt, die kausale Rolle der Handlungsursache zu und verknüpft auf diese
Weise die Handlung mit dem richtigen, nämlich handlungserklärenden Grund.
Diese Argumentationsstrategie ist ein Schluss auf die beste Erklärung, in Er-
mangelung einer befriedigenden Alternative. Bekannt geworden ist sie unter
dem Namen „Davidson’s Challenge“. Sie fordert all diejenigen, die der Ansicht
sind, dass wir intentionale Handlungen aus Gründen vollziehen, dazu auf, eine
befriedigende Analyse dieser Gründe vorzulegen, ohne ihnen eine kausale Rolle
zuzuschreiben.
    Gegen die logical-connection-These bringt Davidson zum zweiten vor, dass
Handlungserklärungen als Kausalerklärungen sehr wohl Aussagen über zwei
unterschiedliche Ereignisse machen. Das eine Ereignis ist die Handlung, das an-
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dere ein mentales Ereignis. Dieses besteht in der Ausbildung eines Grundes
durch das Fassen einer Absicht. Im Einzelnen heißt dies, dass ein Wunsch ent-
steht und eine Überzeugung gewonnen wird. Die neuronalen Korrelate mentaler
Ereignisse verursachen Handlungsereignisse, beispielsweise Körperbewegun-
gen. Somit können Handlungserklärungen als singuläre Kausalaussagen aufge-
fasst werden.
    Diese Auffassung ist analytischer Mainstream geworden, eben die
Standardtheorie. Ihre Attraktivität und Stärke liegt, wie mir scheint, vor allem in
zwei Punkten. Zum einen passen Handlungserklärungen, obgleich sie
gewöhnlich mit einem alltagspsychologischen Vokabular formuliert werden, auf
diese Weise elegant zu Erklärungen der Art, die wir gewöhnlich als besonders
leistungsfähig ansehen, den Erklärungen der Naturwissenschaften. Hier drängt
sich ein erklärungsökonomischer Vorzug auf. Menschliche Handlungen sind
nichts derart Außergewöhnliches, dass wir dafür eine besondere Art der
Erklärung benötigten, die ansonsten nirgends Verwendung findet.
    Der zweite Punkt knüpft an das eben Gesagte an. Wenn der kausale
Erklärungsansatz das leistet, was er zu leisten verspricht, haben wir ein
Verfahren an der Hand, mit dem wir aus dem Angebot der ein Verhalten
rechtfertigenden Gründe den richtigen Grund herausfinden können, nämlich
denjenigen, aus dem der Akteur gehandelt hat und der die Handlung tatsächlich
erklärt. Die Frage aber ist: Leistet der Kausalismus in der Handlungstheorie das,
was er zu leisten verspricht?

3. Allerdings sind in den letzten Jahren von verschiedenen Seiten – auch von
Ihnen - Einwände gegen diese Theorie vorgebracht worden. Der prominenteste
Einwand ist wohl das Argument aus den abweichenden Kausalketten, das auf
Daniel Bennett und Davidson selbst zurückgeht. Was besagt dieser Einwand?

Gemäß der Standardtheorie sind Handlungen dasjenige Verhalten, das aus einem
Primärgrund geschieht, der Ursache dieses Verhaltens ist. Das Argument aus
den abweichenden Kausalketten versucht zu demonstrieren, dass diese Auffas-
sung inadäquat, weil zu weit ist. Gerade wenn eingeräumt wird, dass Gründe
Ursachen sind und daher zu den Antezedentien einer Handlung gehören, liefert
uns die Standardtheorie, so der Einwand, Erklärungen des falschen Typs für Er-
eignisse, die gar keine Handlungen sind.
   Wenn Davidson diesen Einwand anführt, operiert er mit einem Beispiel, das
sich Daniel Bennett ausgedacht hat. Ein Killer zielt auf sein Opfer, doch geht
der Schuss durch eine ungeschickte Bewegung weit an der ins Visier
genommenen Person vorbei. Stattdessen scheucht der Schuss Wildschweine auf,
die diese Person tot trampeln. Bedeutsamer als solche sekundären bzw. externen
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Abweichungen sind für die Diskussion jedoch primäre bzw. interne
Abweichungen, die sich gleichsam im Akteur zutragen. Davidsons eigenes
Beispiel handelt von einem Bergsteiger, der den Wunsch hat, sein eigenes
Risiko zu minimieren, und glaubt, dies erreichen zu können, indem er sich eines
anderen Mitglieds seiner Seilschaft durch Lösen der Seilsicherung entledigt. Die
Vorstellung vom Lösen der Seilsicherung irritiert ihn dermaßen, dass er
unwillkürlich genau die Handbewegungen ausführt, die die Sicherung lösen.
Weil diese Beispiele so schön grotesk sind, erwähne ich ein weiteres. Es stammt
von Harry Frankfurt. Ein Gangster verabredet mit seinen Komplizen, ihnen den
günstigsten Moment zum Raubüberfall auf die Gäste einer Party dadurch zu
signalisieren, dass er seinen Drink verschüttet; dies macht ihn so nervös, dass er
seinen Drink im exakt richtigen Moment durch ein Zucken seiner Hand
verschüttet.
   Beispiele für primäre Abweichungen folgen stets demselben Muster, und
man kann sich leicht neue ausdenken. Ein Akteur hat die Absicht, ein
Handlungsziel durch eine bestimmte Handlung zu erreichen. Doch verursacht
diese Absicht nicht die Handlung, sondern macht ihn sehr nervös. Durch seine
Nervosität wird eine unwillkürliche Körperbewegung hervorgerufen, die wie
von ungefähr den zuvor beabsichtigten Zweck herbeiführt.
   Fälle primärer Abweichung sind für Kausalisten besonders problematisch,
weil das Geschehen sowohl mit der Wunsch-Überzeugungs-These als auch mit
der Kausalthese im Einklang steht, aber kein intentionales Handeln vorliegt. Ein
Wunsch-Überzeugungs-Paar besitzt in diesen Fällen eine kausale Rolle, ist aber
nicht handlungserklärend. Oder anders gesagt: Etwas, das die kausaltheoreti-
schen Bedingungen für einen Handlungsgrund erfüllt, ist zwar die Ursache des
Geschehens, doch erklärt es keine Handlung; denn der Akteur handelt gar nicht.

   4. Was bringen die Verteidiger der Standardtheorie gegen dieses zentrale Ar-
gument vor?
   Da es die Kausalisten sind, die mit dem gravierenden Problem der
sogenannten abweichenden Kausalketten konfrontiert werden, liegt es nahe zu
erwarten, sie suchten nach einer kausaltheoretischen Lösung dieses Problems.
Ein erster Versuch dieser Art wurde von Christopher Peacocke entwickelt, der
auf eine Idee von John Bishop zurückgreift. Kausalursächliche Primärgründe
erklären Handlungen diesem Ansatz zufolge differentiell. Bei differentiellen
Erklärungen wird nach einer festen Regel jedem Element einer Ausgangsmenge
genau ein Element einer Zielmenge zugeordnet. Beispielsweise bilden
traditionelle Personenwaagen das Gewicht eines Menschen auf einer Skala so
ab, dass die Drehung der geeichten Scheibe dem Gewicht der gewogenen Person
entspricht, und jedes Gewicht ergibt genau einen bestimmten Zahlenwert. Ganz
analog sei beim intentionalen Handeln jeder Absicht, die Ursache ist, genau eine
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bestimmte Handlung zugeordnet. Dagegen lässt sich das Verschütten des Drinks
in Frankfurts Beispiel nicht differentiell erklären; denn die Absicht des
Gangsters, seinen Komplizen den günstigsten Moment zum Raubüberfall zu
signalisieren, und deren nervositätsbedingte Folge sind einander nicht eins zu
eins zugeordnet.
    Scott Sehon hat die Tragfähigkeit dieses Vorschlags angezweifelt. Nehmen
wir an, für die Geschwindigkeit, mit der eine Person eine Handlung ausführen
kann, gebe es eine physische Grenze, so dass jede Absicht, eine höhere
Geschwindigkeit zu erzielen, eine Handlungsgeschwindigkeit auf dieser Limite
zur Folge hätte. In diesem Fall gibt es keine differentielle Erklärung. Trotzdem
hätte die Person, wenn sie beabsichtige, mit der ihr möglichen
Maximalgeschwindigkeit zu handeln, aus diesem Grund gehandelt.
    Raffinierter erscheint mir der Versuch, den Alfred Mele vorgelegt hat, um
das Problem der abweichenden Kausalketten zu lösen. Er denkt sich dazu soge-
nannte Prometheische Akteure, bei denen Nervosität als Handlungsursache mit-
tels eines neurophysiologischen Mechanismus ausgeschlossen wird. Im Kortex
dieser Wesen werden Befehlssignale, die vom Fassen einer unmittelbar hand-
lungswirksamen Absicht ausgelöst werden, von solchen unterschieden, die von
einem zwischengeschalteten nervösen Zustand herrühren. Nur erstere werden in
Ausführungssignale für die entsprechenden Muskeln umgesetzt. Wenn solche
Ausführungssignale aufgrund von Nervosität nicht erzeugt werden, kommt es
bei Prometheischen Akteuren, anders als bei Davidsons Bergsteiger, erst gar
nicht zu Körperbewegungen. So können Handlungen nicht länger mit Ereignis-
sen verwechselt werden, die, obwohl sie von denselben Primärgründen verur-
sacht wurden und dieselben Resultate haben, keine Handlungen sind.
    Allerdings ist auch dieser Lösungsvorschlag einem Einwand ausgesetzt.
Greift das Argument aus den abweichenden Kausalketten den Kausalismus an,
weil er zu vieles als Handlung gelten lassen müsse, scheint Mele den Begriff der
Handlung zu eng zu fassen. In Wettkampf- oder Prüfungssituationen kann es
vorkommen, dass eine Höchstleistung ohne die Aufgeregtheit, die sich erst aus
der Absicht ergibt, eine Höchstleistung zu erbringen, gar nicht erzielt würde.
Intuitiv betrachtet besteht hier kein Grund, dem Akteur abzusprechen, absicht-
lich gehandelt zu haben.
    Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass ausgerechnet Davidson alle
Bemühungen, das Problem der kausalen Abweichungen mit einem kausalen
Instrumentarium zu lösen, für aussichtslos hält. Stattdessen sei zu fordern, dass
Gründe auf die richtige Weise verursachen und Kausalketten in der richtigen
Weise verlaufen. Was es aber heiße, auf die richtige Weise zu verursachen,
könne nicht auf nicht-zirkuläre Weise expliziert werden.
    Nun ist „Richtigkeit“ jedoch ein normativer Begriff, der in einer naturwissen-
schaftlichen Kausalerklärung keinen Platz hat. Dies gilt allerdings bereits für die
Rede von kausalen Abweichungen. Kausalbeziehungen bestehen oder bestehen
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nicht. Von Abweichungen bei Kausalketten zu sprechen, erscheint nur dann
sinnvoll, wenn man damit Abweichungen von einem intendierten, erwarteten
und für richtig befundenen Verlauf meint; Abweichungen, die sich einem
Handlungsinterpreten ex post eventu zeigen. Auf diesen Punkt hatte John Searle
in Intentionality (1983) hingewiesen.

5. George Frederick Schuler hat als Einwand gegen Davidsons Funktionalismus
vorgebracht, dieser sei nicht in der Lage, von der Handlungsursache her den
hand-lungserklärenden Grund unter den möglichen Rechtfertigungsgründen zu
ermitteln. Sie haben diesen Einwand unterstützt. Warum ist dieser Einwand so
wichtig und bringt er Davidsons Konzeption zu Fall?

Davidson unterscheidet eine ontologische Ebene beschreibungsunabhängig
existierender Entitäten, den Ereignissen, von den Ebenen ihrer Beschreibungen.
Ereignisbeschreibungen wiederum unterscheiden sich durch ihr Vokabular.
Wahre Ereignisbeschreibungen mit einem physikalischen Vokabular zeichnen
die ontologisch betrachtet beschreibungsunabhängigen Ereignisse als physische
Ereignisse aus, wahre Beschreibungen dieser Ereignisse mit einem alltagspsy-
chologischen Vokabular als mentale Ereignisse. Sämtliche Ereignisse erlauben
wahre Beschreibungen mit physikalischem, einige davon auch wahre Beschrei-
bungen mit alltagspsychologischem Vokabular.
   Kausalität ist eine beschreibungsunabhängig bestehende Relation zwischen
individuellen Ereignissen auf der ontologischen Ebene. Von Kausalität zu spre-
chen ist aber nur dann gerechtfertigt, wenn Ereignistypen so verknüpft sind, dass
Kausalgesetze, d.h. wahre Gesetzesaussagen in Form allquantifizierter Konditi-
onalsätze formuliert werden können. Singuläre Kausalaussagen wie „Ereignis p
verursachte Ereignis q“ erklären ein Ereignis q nur dann, wenn diese Verknüp-
fung die Exemplifizierung eines Gesetzes ist. Kausalgesetze können, so David-
son, nur mit einem rein physikalischem Vokabular formuliert werden. Zwar gibt
es demnach keine psychophysischen Korrelationsgesetze und auf der Ebene all-
tagspsychologischer Beschreibungen keine strikten Gesetze, die Voraussagen
über mentale Ereignisse und das Verhalten von Personen erlaubten. Gibt es aber
eine wahre Beschreibung der kausalen Beziehung eines mentalen zu einem phy-
sischen Ereignis, dann ist nach dem eben Gesagten garantiert, dass diese Bezie-
hung unter eine in rein physikalischem Vokabular formulierte wahre Gesetzes-
aussage fällt. Dies ist Davidsons These vom Anomalismus des Mentalen, mit der
er die Standardtheorie u.a. gegen den Einwand verteidigt, Kausalerklärungen
erforderten Gesetze, die für Erklärungen durch Gründe nicht zur Verfügung
stünden.
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   Nun hat Fred Schueler in Reasons and Purposes (2003) darauf hingewiesen,
dass Davidsons Kausalthese – „Ein primärer Grund für eine Handlung ist deren
Ursache“ – eine intensionale sowie eine extensionale Lesart erlaubt. Bei der in-
tensionalen Lesart, die sich in „Actions, Reasons, and Causes“ findet, hängt die
Erklärungskraft einer Handlungserklärung durch ein Wunsch-Überzeugungs-
Paar vom Informationsgehalt einer Ereignisbeschreibung ab. „Jephtha opferte
Gott das erste, was ihm nach gewonnener Schlacht aus seiner Haustür entgegen
ging“ und „Jephtha opferte Gott seine Tochter“ beschreiben jeweils dasselbe
Ereignis, aber die zweite Beschreibung ist aufschlussreicher für das Verständnis
des Geschehens. Intensional ist diese Lesart, weil alltagspsychologische Hand-
lungserklärungen intensional sind. Koreferentielle Ausdrücke können nicht
wahrheitswerterhaltend ausgetauscht werden, und Ereignisse sind unter einigen
Beschreibungen intentionale Handlungen, unter anderen nicht. Kausalerklärun-
gen in diesem Sinn sind kausale Neubeschreibungen alltagspsychologischer Er-
klärungen individueller Handlungen mittels singulärer Kausalaussagen.
   Die extensioniale Lesart macht geltend, dass Kausalität eine Beziehung zwi-
schen individuellen Ereignissen auf der ontologischen Ebene ist, ganz gleich,
wie diese Ereignisse beschrieben werden. Wenn sie aber in einer Kausalbezie-
hung zueinander stehen, gibt es auch eine Beschreibung dieser Beziehung, die
ein Gesetz exemplifiziert. Dabei wird es sich nicht um dieselbe Beschreibung
handeln, die eine alltagspsychologische Erklärung liefert. Kausal wirkt das Er-
eignis des Fassens einer Absicht, nicht deren Inhalt. Wie Davidson in „Mental
Events“ sagt, ist es allerdings möglich „zu wissen, dass ein geistiges Ereignis
mit einem physischen Ereignis identisch ist, ohne zu wissen mit welchem (d.h.
man ist nicht imstande, ihm eine eindeutige physikalische Kennzeichnung zu
geben, durch die es unter ein relevantes Gesetz gebracht wird).“ Schueler mo-
niert, dass diese Lesart zwar den kausalistischen Ansatz gegen den oben skiz-
zierten Einwand verteidigt, darüber jedoch die substanzielle Lesart der Kausal-
these verliert. Dann kann man aber nicht mehr behaupten, die Erklärung durch
Gründe sei eine Kausalerklärung.
   An diesen Punkt knüpfen Christoph Horn und ich an. Unter den skizzierten
Vorzeichen leistet die kausalistische Standardtheorie nicht, was sie zu leisten
beansprucht. Sie versichert lediglich, dass dem handlungserklärenden Grund
eine physische Ursache entspricht. Doch ist sie nicht in der Lage, aus der Menge
möglicher rechtfertigender Gründe für eine bestimmte Handlung den erklären-
den Grund herauszugreifen, indem sie ihn durch seine kausale Rolle zu
identifizieren erlaubte. Damit aber ist auch die Sprengkraft von Davidson’s
Challenge dahin. Ohne Zweifel werden Handlungen verursacht. Gründen eine
kausale Rolle zuzuschreiben, bringt uns bei der Ermittlung des richtigen Grun-
des jedoch keinen Schritt voran.
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6. Ein anderes vielgenanntes Argument ist das „Argument aus der Steuerung
und den Sinnmustern“, das auf Harry Frankfurt zurückgeht.

     Harry Frankfurts kurzer Essay „The Problem of Action“ (1978) stellt einen
wichtigen Ausgangspunkt für neuere Ansätze dar, die sich gegen Davidsons
Kausalismus richten. Frankfurt wendet sich dagegen, mit der Standardtheorie
lediglich die kausale Vorgeschichte von Handlungen zu betrachten. Gemäß sei-
ner Überzeugung ist es unzureichend, das entscheidende Merkmal einer Hand-
lung in etwas zu sehen, das zum Zeitpunkt ihrer Ausführung bereits abgeschlos-
sen ist und zurückliegt. Nach Frankfurt lassen sich Handlungen von bloßen Ge-
schehnissen nicht mittels ihrer unterschiedlichen Kausalgeschichten unterschei-
den. Zentral für Handlungen sei es vielmehr, dass sie während ihres Verlaufs
einer Steuerung oder Lenkung (guidance) unterliegen. Folgt man Frankfurt, so
charakterisiert es Handlungen, von einem steuernden Individuum kontinuierlich
kontrolliert zu werden. Zwar gleicht eine Akteurin in ihrem Steuerungsverhalten
nur bedingt einem Autofahrer, aber sie hat mit diesem doch immerhin gemein,
sich in ihrem Lenkungsverhalten auf gelegentliche Interventionen und Korrektu-
ren beschränken zu können. Hinzu kommt, dass Handlungen für Frankfurt durch
ein besonderes Merkmal gekennzeichnet sind: Sie folgen komplexen sinnhaften
Mustern. Danach unterscheiden sich Handlungen, etwa das geübte Klavierspiel
eines Pianisten, grundlegend von komplizierten anderen Bewegungen, z.B. ei-
nem epileptischen Anfall, durch ihre teleologischen Muster. Sie sind zielgerich-
tet.
     Kausalistische Handlungstheoretiker haben darauf mit der Konzeption einer
handlungsbegleitenden Absicht (intention in action) reagiert. Alfred Mele baut
sie den bereits erwähnten Prometheischen Akteuren ein. Danach erhält eine
Akteurin im Verlauf ihrer Handlung jeweils eine Rückmeldung darüber, ob der
eigene Körper sich im Sinne ihrer unmittelbar handlungswirksamen Absicht
plangemäß bewegt. In diesem Fall kann sie die Bewegungen einleiten, die für
die Umsetzung des nächsten Teils ihres Handlungsplans erforderlich sind. Wenn
die Rückmeldung dagegen anzeigt, dass die Dinge aus dem Ruder laufen, sorgt
sie sogleich für Korrekturen an ihren Körperbewegungen. Die Korrekturmaß-
stäbe liefert dabei ein in die sowohl unmittelbar wirksame als auch beständige
Absicht der Akteurin eingebetteter Plan. D.h., die unmittelbar wirksame Absicht
bleibt präsent und hält die nötigen Bewegungen kausal aufrecht, bis die Akteurin
entweder zur Auffassung gelangt, ihr Handlungsziel sei erreicht, oder aber ihre
Absicht aufgibt.
     Die handlungsbegleitende Absicht ist ein Addendum zur unmittelbar hand-
lungswirksamen Absicht. Letzterer kommt die kausale Auslöserrolle und die des
Durchhaltens dieser Absicht zu. Der handlungsbegleitenden Absicht wird hin-
gegen eine kausale Lenkungsrolle zugedacht.
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   Nun ist „Zielgerichtetheit“ allerdings ein offenkundig teleologischer Begriff.
Hier dürften also teleologische Vorstellungen im Spiel sein, und es ist fraglich,
ob sie sich restlos kausalistisch reduzieren lassen.

   7. In den letzten Jahren haben teleologische Handlungserklärungen als
Antwort auf die Krise der kausalistischen Ansätze wieder Zulauf. Was hat man
genauer unter einem teleologischen Ansatz zu verstehen?
   Teleologische      Theorien   der     Handlungserklärung         suchen    den
handlungserklärenden Grund nicht unter den kausalen Antezedentien einer
Handlung. Nach teleologischer Auffassung werden Handlungen vielmehr
erklärt, indem man das Ziel angibt, auf das sie gerichtet sind: Ich gehe ins Café,
um meine Freunde zu treffen. Die Erklärung nennt einen Akteur, sein Verhalten,
ein teleologisches Konnektiv und das Ziel, auf den das Verhalten gerichtet ist.
Handeln ist zielgerichtetes Verhalten. Eine Akteurin führt eine Handlung aus,
um einen Zweck zu verwirklichen. Wenn der Satz, der auf das teleologische
Konnektiv „um zu“ folgt, den handlungserklärenden Grund angibt, kann dieser
Grund nicht Ursache sein, weil er der Handlung zeitlich nicht vorausgeht. Of-
fensichtlich sind solche Ansätze nicht mit dem Problem abweichender Kausal-
ketten konfrontiert.

8. Welche Spielarten kann man unter den teleologischen Ansätzen, die gegen-
wärtig vertreten werden, unterscheiden?

Zum einen lassen teleologische Ansätze sich in reduktionistische und nicht-
reduktionistische einteilen. Zum anderen unterscheiden sie sich nach den ver-
schiedenen Bedeutungen, in denen der Ausdruck „Zweck“ (gr. telos, engl. pur-
pose) gebraucht wird. Ich greife davon nur zwei heraus. (1) Einerseits bezeich-
net „Zweck“ das Handlungsziel, das eine Akteurin setzt, verfolgt und im Er-
folgsfall erreicht. (2) Andererseits steht „Zweck“ aber auch für die Funktion, die
eine Sache, Tätigkeit oder Person erfüllt bzw. erfüllen soll. So haben Herzen die
Funktion, Blut zu pumpen. Die ausgequetschte Zahnpastatube auf dem Tisch
soll mich daran erinnern, neue Zahnpasta zu besorgen. Bei der zweiten Bedeu-
tung müssen wir wiederum unterscheiden zwischen (2.1) einer Funktion, die
Sachen, Tätigkeiten oder Personen auf natürliche, nämlich nicht intendierte
Weise zukommt, einerseits, und (2.2) einer Funktion, die Sachen, Tätigkeiten
oder Personen nur deswegen besitzen, weil sie ihnen von einem Akteur gezielt
beigelegt wurden, andererseits. Erste wird entdeckt, letztere verliehen.
   Entsprechend unterscheidet sich, was unter einer teleologischen
Handlungserklärung zu verstehen ist. Geht es um Zwecke im Sinne natürlicher
Funktionen (2.1), werden in der Regel Handlungstypen analysiert. Sind Zwecke
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im zuletzt genannten Funktionssinn gemeint, zielen Handlungserklärungen
darauf herauszufinden, welche Funktion ein Akteur einer individuellen
Handlung beigelegt hat (2.2) und auf welches Ziel sein Tun gerichtet ist (1).
    Einen teleologischen Ansatz der ersten Art stellen die „teleofunktionalen
Analysen“ von Ruth Millikan dar. Millikan versucht in ihrem Buch White Queen
Psychology and Other Essays for Alice von 1993 eine naturalistische Rekon-
struktion intentionalen Handelns als reproduktionserklärende Eigen- bzw. Teleo-
funktionen zu geben. Dazu deutet sie absichtliches oder rationales Verhalten als
evolutionäres Adaptionsmuster, das ähnlich dem animalischen Fluchtverhalten
eine ganze Bandbreite von Teilfunktionen einschließt. Diese können bei Gele-
genheit abgerufen werden, ohne das Individuum allerdings auf ein bestimmtes
Muster festzulegen. Denn diese Mechanismen sind stets in einer redundanten
Anzahl präsent und können einander im Versagensfall kompensieren. Millikan
betont, dass die teleofunktionalen Mechanismen nicht im Leben jedes Indivi-
duums einer Spezies auftreten müssten. Es genügt, dass sie in der Evolution der
Spezies gelegentlich von Nutzen sind und bei Bedarf reaktiviert werden können.
Zwar sei rationales Verhalten im Sinne einer für das Überleben vorteilhaften
Adaptionsleistung biologisch erklärbar, doch gebe es vermutlich weder strikte
Gesetze, mit denen menschliches Handeln vorausgesagt werden könne, noch
existierten ceteris-paribus-Gesetze für das Verhalten aller Besitzer einer be-
stimmten teleofunktionalen Eigenschaft.
    Dieser teleologische Ansatz trägt stark reduktionistische Züge; denn er führt
die Zielgerichtetheit menschlichen Handelns mithilfe einer Theorie der
natürlichen Selektion auf Überlebensvorteile zurück. Es dürften jedoch einige
Hürden zu nehmen sein, um Handlungen zu erklären, die für die Reproduktion
unerheblich sind und schwerlich auf Verhaltensdispositionen reduzierbar sind,
die unseren Vorfahren Überlebensvorteile verschafft haben: Ins Café gehen, um
Freunde zu treffen; Skifahren; Klavierspielen etc.
    Anders gelagert sind teleologische Ansätze der zweiten Art, denen es direkt
um die Erklärung individueller Handlungen geht. Hier spitzt sich die Debatte auf
die Frage zu, ob es sich bei teleologischen Handlungserklärungen um einen
eigenständigen Erklärungstyp handelt oder ob teleologische Erklärungen auf
Kausalerklärungen zurückgeführt werden können oder zumindest durch sie
ergänzt werden müssen.
    Anstoß zur zweiten Position gibt eine Bemerkung in Davidsons Vorwort zum
Sammelband seiner Aufsätze über Actions and Events: sowohl kausale als auch
teleologische Erklärungen müssten sich häufig auf kausale Zusammenhänge be-
rufen. So hat Alfred Mele zu zeigen gesucht, dass teleologische Erklärungen in-
dividueller Handlungen nur dann gute Erklärungen sind, wenn sie sich auf Kau-
salerklärungen reduzieren lassen: Ich gehe genau dann ins Café, um meine
Freunde zu treffen, wenn der Wunsch, meine Freunde zu treffen, und die Über-
zeugung, die Freunde im Café anzutreffen, verursacht, dass ich ins Café gehe.
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Nur auf diese gleichsam kausalteleologische Art werde der richtige Grund iso-
liert und Davidson’s Challenge gemeistert. Doch habe ich Gründe angeführt, die
Zweifel daran nähren, dass der Kausalismus dazu imstande ist.
    Für die Irreduzibilität teleologischer Handlungserklärungen durch Gründe ar-
gumentiert Scott Sehons Teleological Realism (2005). Sein Verfahren zur Er-
mittlung des richtigen Erklärungsgrunds macht von einer Variante des Principle
of Charity Gebrauch, das einem Akteur sowohl bei der Wahl seiner Handlungs-
ziele als auch bei der Wahl der zur Erreichung dieser Ziele ausgeführten Hand-
lungen größtmögliche Rationalität unterstellt. Sehon leitet aus diesem Grundsatz
zwei teleologische Handlungserklärungsprinzipien ab.
    Das erste Prinzip gebietet, das Ziel zu suchen, für dessen Realisierung die zu
erklärende Handlung die optimal angemessene Strategie darstellt. Das zweite
Prinzip fordert, das wertvollste Ziel zu suchen, das mit der zu erklärenden
Handlung erreicht werden kann. Für beide Prinzipien gilt, dass die zu erklärende
Handlung im Lichte einer Hintergrundtheorie der sonstigen intentionalen Ein-
stellungen und Handlungsumstände der Akteurin betrachtet werden muss. Eine
Handlung ist dann überzeugend teleologisch erklärt, wenn die Erklärung beiden
Prinzipien hinreichend Rechnung trägt.
    Teleologische Erklärungen stützen kontrafaktische Konditionale über
naheliegende mögliche Welten. Wenn ich ins Café gehe, um meine Freunde zu
treffen, statt um Kaffee zu trinken, wäre ich nicht ins Café gegangen, wenn ich
sie anderswo vermutet hätte. In allgemeiner Form: Wäre durch die Handlung ein
wertvolleres Ziel erreichbar gewesen, hätte die Akteurin – ceteris paribus – ge-
handelt, um dieses Ziel zu erreichen. Wäre eine andere Handlung die optimal
angemessene Strategie gewesen, um das Handlungsziel zu erreichen, hätte die
Akteurin – ceteris paribus – diese andere Handlung ausgeführt. Unterschiedli-
che teleologische Erklärungen desselben Verhaltens stützen also unterschiedli-
che kontrafaktische Konditionale. Dies ist die teleologische Antwort auf David-
sons Herausforderung.
    Dazu bedürfen die Prinzipien allerdings einer Ergänzung durch ein
Einfachheits- und ein Konservativitätsprinzip. Zwar mag es sein, dass das
Herbeiführen eines Kurzschlusses die optimal angemessene Strategie ist, um ein
Elektrogerät kaputt zu machen, und es kaputt zu machen das Beste, was man auf
diese Weise bewerkstelligen kann. Doch kann dieses Verhalten nur dann als
intentionales, zielgerichtetes und rationales interpretiert werden, wenn uns dies
nicht in eine der nachfolgenden Konsequenzen treibt: eine massive Revision der
Hintergrundtheorie und ihre erhebliche Verkomplizierung sowie eine
Rationalisierung dieses einen Verhaltens um den Preis, dass die Akteurin
insgesamt irrationaler erscheint. Somit ist ein Teleologe nicht gezwungen,
solches Verhalten als zielgerichtet zu betrachten, das es intuitiv nicht ist.
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9. Welche Ansätze präferieren Sie persönlich und aus welchen Gründen?

Ich sympathisiere mit Scott Sehons nichtreduktionistisch teleologischem Ansatz.
Dieser liefert ein Verfahren, das mir geeignet erscheint, den Grund herauszufin-
den, aus dem der Akteur gehandelt hat und der die Handlung tatsächlich erklärt.
Dabei kann er einen wichtigen Punkt für sich geltend machen. Teleologische
Handlungserklärungen stützen kontrafaktische Konditionale und leisten damit
etwas, was man sonst Kausalerklärungen zurechnet. Interessanterweise passen
die Erklärungsprinzipien des Teleologischen Realismus und seine Variante des
Principle of Charity zum Principle of Continence, das Davidson am Schluss von
„How is Weakness of the Will Possible?“ (1970) entwickelt: „Vollziehe die
Handlung, die auf der Basis aller verfügbaren relevanten Gründe als die beste
beurteilt wird.“
   Nun scheinen teleologische Ansätze allerdings einen gravierenden Nachteil
aufzuweisen. Sie führen neben der Kausalerklärung für Ereignisse einen
weiteren Erklärungstyp ein, der, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auf nichts
anderes als auf Handlungen angewandt werden kann. Unter einem
erklärungsökonomischen Gesichtspunkt müssten kausalistische Theorien wegen
ihrer Einfachheit vorgezogen werden. Ist mein zuvor skizzierter Einwand gegen
den Kausalismus allerdings stichhaltig, dann betrifft er auch einen
kausalteleologischen Ansatz, und wir müssen uns damit abfinden, dass
Erklärungen für Ereignisse, die Handlungen sind, und solche, die keine sind,
wechselseitig irreduzibel sind.
   Wie ich es sehe, lauten zwei grundlegende Annahmen teleologischer Hand-
lungserklärungen: (1) Akteure handeln im Großen und Ganzen aus normativen
Gründen; so etwa, weil etwas geboten ist, weil ihnen an etwas liegt, weil ihnen
etwas wichtig und am besten zu sein scheint, usw. (2) Ihr Handeln untersteht
Angemessenheitsbedingungen.
   Verhält sich das so, dann legt es sich als handlungstheoretisches Projekt
nahe, teleologische als wertbasierte Handlungserklärungen zu reformulieren und
zu präzisieren. Dabei sind Werturteile über Handlungsziele und Handlungsmittel
ebenso zu berücksichtigen wie epistemische Werte wie Konsistenz, Kohärenz,
Erklärungskraft und Einfachheit. Handlungen realisieren und offenbaren Wert-
orientierungen. Das zielgerichtete rationale Verhalten eines Akteurs wird durch
Gründe erklärt, indem man den Wert ermittelt, auf dessen Realisierung sein
Verhalten orientiert war.

Literatur
Handlungserklärungen, hg. v. Guido Löhrer, Internationale Zeitschrift für Phi-
  losophie 17.1 (2008).
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Constantine Sandis (Hg.), New Essays on the Explanation of Action, Basing-
   stoke: Palgrave Macmillan 2009.
Christoph Horn / Guido Löhrer (Hg.), Gründe und Zwecke. Texte zur aktuellen
   Handlungstheorie, Berlin: Suhrkamp 2010.
Jesús H. Aguilar / Andrei A. Buckareff (Hg.), Causing Human Actions. New
   Perspectives on the Causal Theory of Action, Cambridge, MA: MIT Press
   2010.
Timothy O’Connor / Constantine Sandis (Hg.), A Companion to the Philosophy
of Action, Civester: Wiley-Blackwell 2010.
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