Ökosozialer Gemeindekompass - Ein Leitfaden für nachhaltige Gemeinde- und Regionalpolitik

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Ökosozialer Gemeindekompass - Ein Leitfaden für nachhaltige Gemeinde- und Regionalpolitik
Ökosozialer Gemeindekompass
Ein Leitfaden für nachhaltige Gemeinde- und Regionalpolitik
Ökosozialer Gemeindekompass - Ein Leitfaden für nachhaltige Gemeinde- und Regionalpolitik
Wir tun was – seit über fünf Jahren.

                            Verantwortung
                                für die Zukunft.
                                                                                                                                                                                                                           Inhalt
                               Die Raiffeisen Klimaschutz-Initiative, Plattform und Impuls-
                               geber der Raiffeisen Organisationen steht für Maßnahmen
                               im Bereich Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Energieeffizienz,
                               erneuerbare Ressourcen und Corporate Responsibility.
                               Die 25 Mitglieder setzen aktiv Initiativen und stehen ihren                                                                                                                                     Wir machen Zukunft							 4
                               Kunden für Umweltfinanzierungen mit professionellen An-
                               sprechpartnern und konkreten Lösungen zur Seite.                                                                                                                                                Ökosoziale Marktwirtschaft						 6
                               www.raiffeisen-klimaschutz.at
                                                                                                                                                                                                                               Ökosoziales Forum							 7

                                                                                                                                                                                                                               Der ländliche Raum							 8

                                                                                                                                                                                                                               Aktionsfelder
rki2013_210x104_abfall.indd 1                                                                                                                                                                       8/23/2013 7:20:49 AM

                                                                                                                                                                                                                                      1. Arbeit und Wirtschaft					10
                            UNSERE STRASSEN. UNSER EINSATZ. UNSER STEYR.                                                                                                                                                              2. Lebenswerte Region – lebendige Gemeinschaft   18
www.strobl-kriegner.com

                                                                                                                    !*

                                                                                                                         ecotech im Kommunal-Bereich                                                                                  3. Standortentwicklung und Raumplanung		         30
                                                                                                            BS RT
                                                                                                                 FF
                                                                                                          EI PA
                                                                                                              TO
                                                                                                        TR E S
                                                                                                     RO LU

                                                                                                                            bis zu 90 % weniger Emissionen
                                                                                                   EU DB
                                                                                                 10 O A

                                                                                                                            rund 10 % weniger Dieselverbrauch                                                                         4. Tourismus, Landwirtschaft und Energie			      36
                                                                                               ZU UR
                                                                                              S 1E

                                                                                                                            Abgas-Stufe III B
                                                                                              BI

                                                                                                                         * Ausgehend von 0,35 Euro für 1 Liter AdBlue und 1,40 Euro für 1 Liter Diesel
                                                                                                                                                                                                                                      5. Ökosozialer Gemeindehaushalt				44

                                                                                              Mit effizienten Technologien für die Arbeit geboren, dank seiner Wertbeständigkeit für Gene-
                                                                                              rationen im Einsatz. Die Kommunaltraktoren von Steyr sind bestens für ihre Spezialaufgaben
                                                                                              gerüstet und entsprechen bereits ab 85 PS der Abgas-Stufe III B. Ob Schneeräumung im
                                                                                              Winter oder Straßenerhaltung im Sommer – ein Kommunaltraktor von Steyr bietet immer
                                                                                              eine optimale und maßgeschneiderte Lösung für den jeweiligen Einsatzbereich.

                                                                                              STEYR HÄLT, WAS SIE SICH VON ZUKUNFT VERSPRECHEN.

                                                                       Symbolfoto

                            WWW.STEYR-TRAKTOREN.COM
Ökosozialer Gemeindekompass - Ein Leitfaden für nachhaltige Gemeinde- und Regionalpolitik
Wir machen Zukunft
                                                                                                                                           Machen Sie mit!

    Zukunft ist kein Schicksal. Zukunft liegt zu ei-          Aber der ländliche Raum bietet mehr als Idylle      Ökosoziale Marktwirtschaft und ihre Überset-
    nem großen Teil in unserer Hand. Es sind fast             und schöne Landschaften. Er ist Lebensraum          zung für Regionen und Gemeinden. Oder an-
    immer Einzelne, die den Unterschied ausma-                für über zwei Drittel der österreichischen Bevöl-   ders gesagt: eine Landkarte für ein attraktives
    chen. Vor allem im ländlichen Raum gibt es                kerung – Menschen, die hier leben, zur Schule       Leben in Ihrer Gemeinde.
    viele Gestaltungsmöglichkeiten – durch Kleines            gehen, arbeiten und wohnen.
    entsteht oft ganz Großes.                                                                                     Enkeltauglich heißt, für seine Nachkommen
                                                              Ich bin davon überzeugt, dass Ihr Leben, das        einen gesunden Lebensraum zu hinterlassen.
    Der Begriff „ländlicher Raum“ ist eigentlich zu           Ihrer Kinder, Enkel, Nichten und Neffen und das     Enkeltauglich heißt auch zu überlegen, was die
    sperrig für das, was dahintersteckt. Fast jeder           der Bürgerinnen und Bürger Ihrer Gemeinde           Menschen in zwanzig, dreißig, vierzig Jahren
    liebt es: das „Land“ mit seinen kleinen Dörfern           schöner sein könnte als es heute ist. Mit einer     oder mehr brauchen und schon jetzt den richti-
    und Städten. Fast jeder lässt gerne einmal die            gesünderen Wirtschaft, einer gesünderen Um-         gen Weg einzuschlagen.
    Seele baumeln und genießt, was das „Land“                 welt und gesünderen sozialen Beziehungen
    zu bieten hat, sei es ein Spaziergang zwischen            und Netzwerken. Dass das möglich ist, zeigen        Setzen wir die richtigen Schritte!
    dem Duft von Holunder, ein Speckbrot beim                 unzählige Beispiele aus ganz Österreich.            Handeln wir!
    Bauern oder das Knatschen von gefrorenem
    Schnee beim Rodeln im Winter. Auch viele,                 Wir können Ihnen zwar keine Garantie geben,
    die das „Land“ verlassen haben und zu Groß-               aber einen Kompass in die Hand legen, mit
    städtern geworden sind, suchen diese Schätze              dem Sie in Ihrer Gemeinde oder Region et-           Stephan Pernkopf
    immer wieder gerne auf.                                   was bewegen können. Dieser Kompass ist die          Präsident des Ökosozialen Forums

4                       Ökosozialer Gemeindekompass    Ein Leitfaden für eine nachhaltige Gemeinde- und Regionalpolitik                                             5
Ökosozialer Gemeindekompass - Ein Leitfaden für nachhaltige Gemeinde- und Regionalpolitik
Ökosoziale Marktwirtschaft                                                                            Ökosoziales Forum
    Mehr Lebensqualität für alle                                                                               Vom Think-Tank zum Do-Tank

    Mehr Lebensqualität für alle. Heute und mor-        Energie Schritt für Schritt durch erneuerbare     Jede gute Idee braucht eine Plattform. Für die
    gen. Das ist das Ziel der Ökosozialen Markt-        Energie zu ersetzen, Eigenverantwortung und       Idee der Ökosozialen Marktwirtschaft ist das
    wirtschaft. Es geht darum, ein Gleichgewicht        Unternehmertum zu stärken, das Steuersystem       das Ökosoziale Forum – ein Think-Tank, der
    zwischen Umwelt, sozialen Anliegen und Wirt-        leistungs- und umweltfreundlicher zu gestalten,   sich über Parteigrenzen hinaus für die politische
    schaft herzustellen. Von dieser Balance sind wir    faire Rahmenbedingungen für internationale        Umsetzung dieser Idee einsetzt. Ein Think-Tank
    weit entfernt. Und das, obwohl Österreich zu        Investments einzurichten, den öffentlichen        ist eine Denkfabrik, die Konzepte auf wissen-
    den reichsten Ländern der Erde zählt. Wir leben     Verkehr auszubauen, zukunftstaugliche For-        schaftlicher Basis entwirft, Antworten auf ak-
    auf Kosten der nächsten Generationen oder           schungsaktivitäten zu fördern und vieles mehr.    tuelle gesellschafts- und wirtschaftspolitische
    anders gesagt: Wir zahlen mit der Kreditkarte       Kriterium und Maßstab jeder Entscheidung ist      Fragen liefert und diese in weiterer Folge auf
    unserer Kinder und Enkel. Egal, ob es um die        die Enkeltauglichkeit.                            die Tagesordnung der EntscheidungsträgerIn-
    Finanzkrise mit ihren wirtschaftlichen und so­                                                        nen bringt.
    zialen Folgen geht oder um den Klimawandel –        Die Ökosoziale Marktwirtschaft baut auf drei
    unsere Lebensweise ist nicht enkeltauglich.         Säulen auf:                                       Das Ökosoziale Forum geht einen Schritt weiter
                                                           • einer leistungsfähigen, innovativen          und engagiert sich nicht nur als Denk-, sondern
    Die Marktwirtschaft hat uns Wohlstand ge-                Marktwirtschaft,                             auch als Umsetzungsfabrik, also als Do-Tank.
    bracht. Sie kann viel, aber nicht alles. Sie kann      • sozialer Gerechtigkeit und                   Ein Do-Tank begleitet aktiv zukunftsrelevante
    und soll die Wertschöpfungsfähigkeit der Wirt-         • öko­­logischer Verantwortung.                Veränderungen.
    schaft verbessern und innovatives Unterneh-
    mertum fördern. Doch der Markt braucht klare        Eine florierende Wirtschaft ist die Vorausset-
    Regeln, damit fair gespielt wird.                   zung für Wohlstand, der soziale Ausgleich ist     Weitere Informationen unter www.oekosozial.at
                                                        notwendig für gesellschaftlichen Konsens und
    Ökosozial Wirtschaften heißt Wirtschaften mit       die ökologische Nachhaltigkeit für das Über-
    Verantwortung. Konkret geht es darum, fossile       leben der Zivilisation schlechthin.

6                                                                           Ökosozialer Gemeindekompass                                                       7

                                                                                                                                                                  © iStockphoto
Ökosozialer Gemeindekompass - Ein Leitfaden für nachhaltige Gemeinde- und Regionalpolitik
Der ländliche Raum
                                                                                           Raum für Vielfalt, Eigenständigkeit und Leistungsfähigkeit

                    Der ländliche Raum hat in Österreich eine hohe            • Aus strukturschwachen ländlichen Gebieten       Umwelt und Klima und erhöhen die Abhän-
                    Bedeutung. Mehr als 78 Prozent der Öster-                   wandern junge und gut ausgebildete Arbeit-      gigkeit von Energieimporten.
                    reicherinnen und Österreicher leben in Regi-                nehmerInnen ab.                               • Der Klimawandel zwingt die ländlichen Regi-
                    onen, die man im weitesten Sinn als ländlich              • Gerichte, Polizeiinspektionen, Post­ ämter,     onen zu Anpassungen. Das betrifft Naturge-
                    bezeichnen kann. Verglichen mit dem europä-                 Bankfilialen und andere öffentliche Diens-      fahren ebenso wie die Wasserversorgung,
                    ischen Durchschnitt von 21 Prozent ist dieser               te werden oft aus wirtschaftlichen Grün-        die touristische Nutzung oder die land- und
                    Wert hoch. Bezeichnend für die Vielfalt des                 den aufgelassen. Gemeinden werden zum           forstwirtschaftliche Produktion.
                    ländlichen Raums ist schon allein die Tatsache,             Teil zusammengelegt.
                    dass es keine einheitliche Definition gibt. Jede          • Der globale Wettbewerb erhöht den wirt-       Auch wenn die Herausforderungen komplex
                    Region ist einzigartig und hat ihre Stärken und             schaftlichen Druck auf regionale Betriebe     und ungreifbar scheinen, kann jede Gemeinde
                    Schwächen. Eine wesentliche Stärke ist das                  und Gemeinden.                                und Region etwas tun. Es gibt kein Universal-
                    Engagement der in der Region lebenden Men-                • Die uneingeschränkte Nutzung von natürli-     rezept, um die Lebensqualität am Land zu ver-
                    schen. Gemeinschaft und Zusammenhalt sind                   chen Ressourcen führt in manchen Regio-       bessern. Doch es gibt genügend Instrumente,
                    gelebte Realität am Land, aber es gibt auch                 nen zu einem Verlust der kulturlandschaft­    um etwas zu bewegen und den Stein ins Rollen
                    Herausforderungen:                                          lichen Vielfalt.                              zu bringen. Auf den folgenden Seiten finden Sie
                                                                              • Wohnen, Verkehr, Ver- und Entsorgung, Er-     Beispiele, wie lokale Akteure, BürgermeisterIn-
                    • Der demografische Wandel betrifft die Stadt               holung und Freizeit benötigen immer mehr      nen, UnternehmerInnen und BürgerInnen er-
                      und das Land. Statistik Austria prognostiziert            Platz. Das führt zu einer Verknappung von     folgreiche Projekte umgesetzt haben – und das
                      für 2075 eine Zunahme der über 65-Jähri-                  verfügbaren Flächen sowie zum Verlust von     aufbauend auf den Prinzipien der Öko­sozialen
                      gen von derzeit 18 auf 30 Prozent der Bevöl-              landwirtschaftlich wertvollen Böden.          Marktwirtschaft. Es sind Menschen, die Mut
                      kerung. Das heißt, drei Millionen Menschen              • Der steigende Energieverbrauch und das        machen, unsere Zukunft enkeltauglich zu ge-
                      werden dann älter als 65 Jahre sein.                      wachsende Verkehrsaufkommen gefährden         stalten.
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                8                       Ökosozialer Gemeindekompass    Ein Leitfaden für eine nachhaltige Gemeinde- und Regionalpolitik                                         9
Ökosozialer Gemeindekompass - Ein Leitfaden für nachhaltige Gemeinde- und Regionalpolitik
So kann‘s gehen!

     Wirtschaftsplattform Wechselland, Niederösterreich – Steiermark
     Die Wirtschaftsplattform Wechselland ist eine niederösterreichisch-steirische Initiative der Unter­
                                                                                                                                                                   1. Arbeit und Wirtschaft
     nehmen und Gemeinden des Wechsellandes. Der gemeinnützige Verein versteht sich als Impuls-
     geber, Initiator und Katalysator für wirtschaftliche, touristische und kulturelle Initiativen und setzt
     sich für eine verstärkte regionale Zusammenarbeit der Unternehmen, Gemeinden und Vereine                                Österreich ist laut EUROSTAT das zweitreichs-          terschiedlichen Branchen sind Grundvoraus-
     ein. Fünf steirische Gemeinden – Dechantskirchen, Friedberg, Pinggau, Schäffern und St. Loren-                          te Land in der Euro­päischen Union. Wirtschaft         setzung für zukunftsfähige ländliche Regionen.
     zen am Wechsel – und neun niederösterreichische Gemeinden – Aspang-Markt, Aspangberg,                                   und Arbeitsmarkt stehen trotz Krise gut da. Die
     Feistritz am Wechsel, Kirchberg am Wechsel, Mönichkirchen, Otterthal, Raach am Hochgebirge,                             Menschen haben im Durchschnitt einen hohen             Familienbetriebe bilden das Rückgrat des länd-
     St. Corona am Wechsel und Trattenbach – sind beteiligt. Projektstart war 2005. Seither hat die                          Lebensstandard. Diesen zu erhalten bzw. aus-           lichen Raums. Sie sind in der Region verwurzelt
     Plattform folgende Fortschritte erzielt:                                                                                zubauen ist Ziel einer ökosozialen Politik. Dabei      und sich dadurch meist ihrer gesellschaftlichen
        • Ein intensiver innerregionaler Leistungsaustausch zwischen den Unternehmen hat die                                 ist eine langfristige Standortentwicklung wich-        Verantwortung viel mehr bewusst.
           regionale Wertschöpfung erhöht.                                                                                   tig, sowohl in der Stadt als auch am Land.
        • Die gegenseitige Unterstützung bei der Vermarktung gewerblicher Leistungen in den                                                                                         Eine ökosoziale Standortpolitik macht Jung­
           Ballungsräumen Graz und Wien hat zu zusätzlichen Umsätzen geführt.                                                Eine ökosoziale Standortpolitik unterstützt            unternehmerInnen Mut, ihre Geschäftsideen
        • Gemeinsame Wirtschaftsprojekte wurden umgesetzt.                                                                   dauerhafte und qualitätsvolle Arbeits- und Wirt-       umzusetzen. Neben Beratung und Vernetzung
        • Gemeinsame Marketingaktivitäten haben mehr Gäste angelockt und die regionalen                                      schaftsbeziehungen. Betriebsansiedlungen, die          brauchen diese ein ermutigendes gesellschaft-
           Produkte bekannter gemacht (z. B. Wechsellandkorb).                                                               zeitlich begrenzt Arbeitsplätze schaffen, sind         liches Umfeld, in dem es erlaubt ist, Fehler zu
                                                                                                                             nicht als Erfolg zu verbuchen. Vorausschauen-          machen. Viele erfolgreiche UnternehmerInnen
     Nähere Informationen unter www.wechselland.at                                                                           de Standortpolitik ist kurzfristiger Gewinnma-         sind zuvor gescheitert.
                                                                                                                             ximierung vorzuziehen. Eine oft teuer erkaufte
                   „Die Wirtschaftsplattform Wechselland bewirbt die Region optimal. Wir                                     Attraktivität für internatio­nale Konzerne ist nicht   In einer lebendigen Region wirken vor allem
                   haben dadurch neue Kunden gewonnen. Seit mehr als einem Jahr ist                                          die beste Strategie. Jemand, der schnell da ist,       regionale Wertschöpfungskreisläufe. Durch po-
                   der Wechsellandkorb als kulinarischer Botschafter der Region erhältlich.“                                 ist meist auch schnell wieder weg.                     sitive Rückkopplungseffekte – die Menschen
                   Ingrid Stögerer                                                                                                                                                  geben ihr verdientes Geld wieder regional aus –
                   Gastwirtin der Flourl’s Schenke, Dechantskirchen, Steiermark                                              Innovative Unternehmen – vor allem Klein- und          stärkt sich die Region selbst.
                                                                                                                             Mittelbetriebe (KMU) – sind Motor einer krisen-
                   „Der Wechsellandkorb hat voll eingeschlagen. Die Kunden schätzen die                                      festen Wirtschaft. Als Arbeitgeber tragen sie          Die Zusammenarbeit von Gemeinden trägt
                   regionalen Produkte. Wir stellen die Körbe nach Wunsch zusammen,                                          die gesellschaftliche Entwicklung. Eine ausrei-        in Österreich Früchte. Die Idee, Wirtschafts­
                     mit unseren eigenen Erzeugnissen und jenen der Partnerbetriebe.“                                        chend entlohnte und erfüllende Tätigkeit trägt         regionen aufzubauen und sich regional oder

                                                                                                          © Tschank
                                                                     Johannes Gugerell                                       wesentlich zur Lebensqualität bei. Arbeitsplät-        branchenübergreifend zu vernetzen, kann für
                   Geschäftsführer von GUGERELL Qualitätsfleischwaren, Aspang-Markt, NÖ                                      ze für verschiedene Qualifikationen und in un-         andere als Beispiel dienen.

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Ökosozialer Gemeindekompass - Ein Leitfaden für nachhaltige Gemeinde- und Regionalpolitik
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     So kann‘s gehen!                                                                                                                                                                         ARBEIT UND WIRTSCHAFT

                                                                                                                                                                                     1.1 Unternehmertum –
     einfach innovativ, Salzburg
                                                                                                                                                                                          Entrepreneurship
     Innovation ist der Schlüssel zum Erfolg eines Wirtschaftsstandorts. Gerade kleine und mittlere
     Unternehmen benötigen dabei oft Unterstützung. Deswegen hoben ITG – Innovationsservice für
     Salzburg, Land und Wirtschaftskammer Salzburg 2010 das Angebot „einfach innovativ“ aus der
     Taufe. Ziel war es, KMU in Innovationsbelangen zu schulen und zu unterstützen. Die Schulungen                                          UnternehmerInnen mit innovativen und nach-        Praktikumsplätze vermittelt, MitarbeiterInnen
     fanden in allen Bezirken statt und bestanden aus den Modulen Basis, Ideenentwicklung, Konzept­                                         haltigen Geschäftsmodellen und fortschrittliche   rekrutiert und Karrieremöglichkeiten aufgezeigt
     entwicklung, Projektmanagement und Markteinführung. Erfahrene BeraterInnen und einschlägig                                             Betriebe geben wichtige Impulse für ganze         werden. Eine frühe Unterstützung der Selbst-
     ausgebildete SpezialistInnen führten durch die Schulungsinhalte.                                                                       Regionen. Laut einer Studie der Grazer Fach-      ständigen durch Kursangebote oder das Be-
                                                                                                                                            hochschule Campus 02 über die „Hidden             reitstellen von Räumlichkeiten kann innovative
     2011 wurde als ständiger Nachfolger des Projekts die Innovationsberatung beim ITG – Inno­vations­                                      Champions“ sind 121 österreichische Unter-        UnternehmerInnen an die Region binden.
     service für Salzburg eingerichtet. Statt Schulungen gibt es nun mehrere InnovationsberaterInnen,                                       nehmen Weltmarktführer und 190 zumindest
     die Unternehmen bei Innovationsvorhaben begleiten. Von der Idee bis zur Umsetzung, von der                                             Europamarktführer in ihrem Segment. Kleine        Was kann ich tun?
     Projektentwicklung bis zur Förderstrategie.                                                                                            und mittlere Unternehmen haben hier die Nase        • Informationen für potenzielle Unterneh-
                                                                                                                                            vorne. Sie zu unterstützen ist Ziel einer öko-        merInnen und Selbstständige anbieten
     Nähere Informationen unter www.itg-salzburg.at                                                                                         sozialen Regionalpolitik.                           • Mit lokalen Bildungszentren zusammen-
                                                                                                                                                                                                  arbeiten und den Austausch zwischen
                                                                                                                                            Viele Hürden für die Weltmarktführer von mor-         SchülerInnen und UnternehmerInnen
                                                                                                                                            gen können zwar nicht auf regionaler Ebene            fördern
                         „Innovation ist gleichzusetzen mit hoher Wettbewerbsfähigkeit. Deswegen                                            abgebaut werden, doch können Gemeinden              • Vernetzungstreffen der Wirtschaft
                         unterstützen wir Unternehmen dabei. Damals mit dem Projekt ‚einfach                                                flankierende Maßnahmen setzen. Initiativen, die       organsieren
                         innovativ‘, heute mit dem umfangreicheren Nachfolger, der ständigen                                                UnternehmerInnen und potenziellen GründerIn-        • Finanzierungsnetzwerke entwickeln
                         Beratungs- und Betreuungsstelle. Die Beratung wird – wie schon ‚einfach                                            nen helfen, sich zu vernetzen, haben schon so       • Räumlichkeiten oder Infrastruktur
                         innovativ‘ – von Wirtschaftskammer und Land Salzburg getragen und ist für                                          manchen Stein ins Rollen gebracht. Gemein-            bereitstellen, Beispiel: www.otelo.or.at
                         Salzburger Unternehmen kostenlos.“                                                                                 den oder Regionen können dabei als Platt-           • Programme unterstützen, die innovativen
                         Christian Prucher                                                                                                  form dienen. Durch die Zusammenarbeit von             Ideen zum Durchbruch verhelfen,
                         Leiter der Innovationsberatung, ITG – Innovationsservice für Salzburg                                              regionalen Unternehmen mit Schulen können             Beispiel: www.das-innovationslabor.de

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Ökosozialer Gemeindekompass - Ein Leitfaden für nachhaltige Gemeinde- und Regionalpolitik
© Gabriel Blaj – Fotolia.com
     So kann‘s gehen!                                                                                                                                                                        ARBEIT UND WIRTSCHAFT

     REWITEG – REgionale, WIrtschaft, TEchnik und Gesundheit, OÖ
     Stärkung der wirtschaftlichen Potenziale von Frauen in ländlich strukturierten Regionen
                                                                                                                                                                  1.2 Frauen in der Wirtschaft
     Die Leader-Region Nationalpark Kalkalpen und die Frauenstiftung Steyr haben die unterdurch-
     schnittliche Erwerbsbeteiligung von Frauen, die hohen Einkommensdifferenzen zwischen Frauen
     und Männern sowie die Abwanderung junger Frauen zum Anlass genommen, mit dem Projekt
     REWITEG gegenzusteuern.
     Zu Beginn erfolgte eine fundierte Analyse der regionalen Situation. Es zeigte sich der Bedarf
                                                                                                                                         Die Rahmenbedingungen in Wirtschaft und             Frauen unterstützen, klassische Geschlech­ter-
     an mobilen Beratungs- und Bildungsangeboten sowie an Facharbeitskräften in den Bereichen
                                                                                                                                         Gesellschaft führen noch immer dazu, dass           rollen aufzubrechen und ihre Potenziale voll
     Gesundheit, Pflege und Technik.
                                                                                                                                         die Potenziale vieler Menschen – vor allem von      auszuschöpfen.
     In Zusammenarbeit mit den Gemeinden und der Wirtschaft wurden konkrete frauenspezifische                                            Frauen – nicht effektiv genutzt werden. Die
     Maßnahmen entwickelt und nachhaltig in der Region verankert:                                                                        Selbstständigenquote von Frauen liegt deutlich      Was kann ich tun?
     • Mobile Bildungsberatung für Frauen, um einen Zugang zu Aus- und Weiterbildung zu fördern                                          unter jener der Männer, und viele junge Frau-         • Wiedereinstieg von ArbeitnehmerInnen
     • Mobile Weiterbildungsangebote für Frauen, um Weiterbildung vor Ort zu ermöglichen                                                 en ergreifen immer noch traditionell weibliche          bei der Gemeinde nach der Karenz
     • Regionales Frauenberufszentrum: Unterstützung bei der Berufs- und Karriereplanung                                                 Berufe und lassen sich damit Chancen in – oft           fördern
     • Fachspezifische Ausbildung im Bereich Pflege und Gesundheit                                                                       besser dotierten – Männerdomänen entgehen.            • Männer, die für die Gemeinde arbeiten,
     • Frauen und Technik: Regionales Beratungs- und Coachingangebot für Frauen mit Interesse                                            Damit Eltern – allen voran Mütter – entspre-            motivieren, in Karenz zu gehen;
        an technischen Berufen sowie technische Facharbeiterinnenkurzausbildung                                                          chend ihren Fähigkeiten an der Arbeitswelt teil-        www.maennerinkarenz.at
     Das Projekt wurde vom Netzwerk Land mit dem zweiten Platz beim „innovations.preis 2012 für                                          nehmen können, brauchen sie für ihre Kinder           • Anreize für Mädchen schaffen, technische
     Chancengleichheit“ in der Kategorie Frauen ausgezeichnet. Nähere Infos unter leader-kalkalpen.at                                    eine pädagogisch wertvolle Betreuung, die den           Berufe zu ergreifen und Betriebe
                                                                                                                                         Anforderungen der Wirtschaft gerecht wird. In           motivieren, Lehrstellen anzubieten;
             „Durch den Einbezug der Beteiligten wurden neue Synergien geschaffen und                                                    manchen Gemeinden sind die Öffnungszeiten               www.findedeinenweg.at
                     passgenaue frauenspezifische Angebote für die Region entwickelt.“                                                   der Betreuungseinrichtungen immer noch ein            • Teilnahme der Gemeinde am „Girls’ Day“;
                                                                                                                                         Hindernis für Frauen, einen Job zu finden, der          www.girlsday-austria.at
                                                                                                 Klaudia Burtscher                       ihren Fähigkeiten und Interessen entspricht.          • Öffnungszeiten der Kinderbetreuungsein-
                                                                          Geschäftsführerin der Frauenstiftung Steyr
                                                                                                                                         Vor allem die Schulferien stellen Eltern vor gro-       richtungen an die Bedürfnisse berufs-
                                                                                                                                         ße Herausforderungen.                                   tätiger Eltern anpassen
                „Es braucht regionale Maßnahmen: Denn, gehen die Frauen, dann stirbt das Land,                                                                                                 • Frauen zu Start-ups motivieren;
                bleiben sie oder kommen sie wieder zurück, dann lebt das Land.“                                                          Als Betreiber von Kinderbetreuungseinrichtun-           www.jungewirtschaft.at
                Felix Fößleitner                                                                                                         gen und als Arbeitgeber kann die Gemeinde mit         • Frauen vor den Vorhang bitten: Expertin-
                Geschäftsführer der Leader-Region Nationalpark Oö. Kalkalpen                                                             gutem Beispiel vorangehen und Männer und                nendatenbank unter www.femtech.at

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Ökosozialer Gemeindekompass - Ein Leitfaden für nachhaltige Gemeinde- und Regionalpolitik
So kann‘s gehen!                                                                                                                                          ARBEIT UND WIRTSCHAFT

     Breitband für Leogang, Salzburg
                                                                                                               1.3 Informations-
                                                                                                                     technologie
     Über das Projekt „Breitband Austria 2013“ – kurz „BBA_2013“ – werden im Bundesland Salzburg
     1,7 Millionen Euro in den Ausbau von Breitbandnetzen investiert. Zukünftig verfügen damit 700
     Haushalte in Leogang über eine hochwertige Breitband-Infra­struktur. Die Projektdauer beträgt
     zehn Monate.
                                                                                                             Moderne Informationstechnologien sind aus
     BBA_2013 fördert den Ausbau von Breitband-Infrastrukturen im ländlichen Raum. Das bringt
                                                                                                             unserem beruflichen und privaten Alltag nicht
     mehr Gleichberechtigung zwischen Ballungszentren und ländlichen Regionen. Die Initiative „Breit-
                                                                                                             mehr wegzudenken. Viele Informationen sind
     bandstrategie 2020“ plant eine österreichweit flächendeckende Übertragungsrate von mindes-
                                                                                                             ohne entsprechende Technologien schwierig
     tens 100 MBit/s. Nähere Infos unter www.bmvit.gv.at/telekommunikation/breitbandstrategie
                                                                                                             zu bekommen. Die Infrastruktur im IT-Bereich
                                                                                                             spielt daher eine wichtige Rolle für unsere Le-
                                                                                                             bensqualität. Die Verfügbarkeit von leistungs-
     e-kommunikation, Niederösterreich                                                                       starken und sicheren Datenverbindungen zu
                                                                                                             einem vernünftigen Preis ist ein entscheidender
     Die BürgerInnen der Region Südliches Weinviertel sollten besser über die Aktivitäten der Region         wirtschaftlicher, gesellschaftspolitischer und
     informiert werden. Die Öffentlichkeitsarbeit und die Internetauftritte der Gemeinden waren von          sozialer Standortfaktor für alle Regionen.
     unterschiedlicher Qualität. Professionelle ÖffentlichkeitsmitarbeiterInnen fehlten. Mit dem Ziel, die
     BürgerInnen besser über kommunale Aktivitäten zu informieren, startete die Region 2008 das              Was kann ich tun?
     Projekt „e-kommunikation“. Es ging darum, die Mitgliedsgemeinden in puncto Bürgerservice und              • Breitbandausbau forcieren, auch in Ko-
     Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen und so die Kommunikation zu optimieren.                               operation mit benachbarten Gemeinden
                                                                                                               • Alternative Möglichkeiten für einen
     Folgende Aktivitäten wurden gesetzt:                                                                        schnellen und sicheren Datentransfer
     • Die Internetplattform www.weinviertel-sued.at wurde verbessert und enthält nun umfassende                 unterstützen (drahtloses Internet durch
       Informationen für BürgerInnen der Region.                                                                 z. B. Wavenet)
     • Gemeindebedienstete konnten an Öffentlichkeitsarbeits-Kursen teilnehmen.                                • Informationen und Formulare der
     • Der Internetauftritt der Gemeinden wurde analysiert und eine verstärkte Nutzung als                       Gemeinde über das Internet anbieten
       Bürgerserviceportal angestrebt; zum Beispiel können Formulare elektronisch abgerufen werden.            • Den Webauftritt von Dienstleistern und
     • Eine regionsinterne Infozeitung wurde ins Leben gerufen.                                                  Unternehmen in einem Portal bündeln
                                                                                                               • Projekte im IKT-Bereich starten,
     Nähere Informationen unter www.weinviertel-sued.at                                                          www.iktprojekte.at

                                                                                                                                                                                        © alexandre zveiger – Fotolia.com
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Ökosozialer Gemeindekompass - Ein Leitfaden für nachhaltige Gemeinde- und Regionalpolitik
So kann‘s gehen!

     familienfreundlichegemeinde, österreichweit
                                                                                                                                                    2. Lebenswerte Region –
     Jede Gemeinde kann sich von der Republik Österreich als „familienfreundlichegemeinde“ auszeichnen
     lassen. Dafür werden die vorhandenen familienfreundlichen Maßnahmen evaluiert und die Familien-
     und Kinderfreundlichkeit überprüft. Das Audit gewährleistet die bedarfsgerechte Weiterentwicklung
                                                                                                                                                   lebendige Gemeinschaft
     und Nachhaltigkeit und fördert die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Gemeinde als
     Lebensraum aller Generationen. Alle familienfreundlichen Gemeinden können ein Zusatzschild zu ihrer
     Ortstafel führen. Nähere Informationen unter www.gemeindebund.at                                             Österreichs Bevölkerung wird wachsen, altern        eine Grundvoraussetzung. Für Familien mit
                                                                                                                  und aufgrund der Zuwanderung heterogener            Kindern sind bedarfsgerechte Kinderbetreu-
                                                                                                                  werden. Im Jahr 2030 werden in Österreich           ungseinrichtungen und Schulen wichtig; für
          „2012 haben wir uns vorgenommen, ‚familienfreundlichegemeinde‘ zu                                       neun Millionen Menschen leben, mehr als ein         betagte Menschen Services, die ihnen ein
                   werden. Eine professionell begleitete Evaluierung, bei der alle                                Drittel davon wird über 60 Jahre sein; in man-      selbstbestimmtes Leben ermöglichen. In vielen
       EinwohnerInnen befragt wurden, zeigte, wie viel hier bereits passiert war.                                 chen Regionen mehr als die Hälfte. Die Bevölke-     Gemeinden scheitert dies oft an den Kosten.
        Danach haben wir Verbesserungsvorschläge diskutiert und Maßnahmen                                         rungsentwicklung wird sich regional verschieden     Soziale Beziehungen und lokale Initiativen kön-
      ausgearbeitet. Uns ist aufgefallen, dass gute Maßnahmen nicht viel kosten                                   entwickeln und unterschiedliche Anpassungen         nen hier teilweise einspringen.
      müssen und leicht umsetzbar sind. Wir haben zum Beispiel ein Projekt mit                                    erfordern. Eine ökosoziale Regionalpolitik nimmt
       Lehrlingen, die Blumenkistchen anfertigen. Benachteiligte Kinder aus der                                   auf die Bedürfnisse aller Altersgruppen Rück-       Eine lebendige Gemeinde ist vom ehrenamt­
                             sozialpädagogischen Schule bepflanzen diese dann.                                    sicht.                                              lichen Engagement ihrer BürgerInnen geprägt.
                          Das ist Kooperation im Kleinen, die aber viel ausmacht.                                                                                     Die ländlichen Regionen in Österreich sind bei
           Neben nur scheinbar banalen Maßnahmen, die für die Sicherheit der                                      Um den Lebensumständen aller Menschen ge-           der Freiwilligenarbeit Weltspitze. Fast 44 Prozent
         Menschen sorgen – Zebrastreifen sichtbarer machen, Überprüfung der                                       recht werden zu können, sollte eine Basisinfra­     der Österreicherinnen und Österreicher leisten
                       Gehsteigkanten, Schülerlotsendienst – treten komplexere,                                   struktur vorhanden sein. Je mehr Menschen           Freiwilligenarbeit. Sportvereine, Betreuungs-
                      die Engagement der Gemeinde und der Bürger benötigen.                                       die Gemeinde bzw. Region verlassen müssen,          dienste, die Freiwillige Feuerwehr oder Musik-
            Ein Kindercampus wird bereits gebaut. Im Herbst entwickeln wir ein                                    um ihre täglichen Bedürfnisse zu decken, umso       kapellen sind Orte der Begegnung und fördern
           Spielraumkonzept mit einem Generationenspielplatz für Jung und Alt.                                    mehr verlagert sich das Lebensumfeld der            den sozialen Zusammenhalt. Sie sind Treffpunkt
               Es soll ein Ort der Begegnung sein. Über 30 weitere Maßnahmen                                      Menschen woanders hin.                              für unterschiedliche Altersgruppen und Bil-
                           haben wir noch geplant, damit wir dann in drei Jahren,                                                                                     dungsniveaus. Sie ermöglichen aber nicht nur
                                 nachdem wir dieses Frühjahr das Grundzertifikat                                  Was eine lokale Grundversorgung konkret be-         die Identifikation mit der Gemeinde, sondern
                          erhalten haben, ‚familienfreundlichegemeinde‘ werden.“                                  deutet, hängt von den individuellen Lebensum-       bieten auch Services an, die ohne unbezahltes
                                                                   Gabriele Mähr                                  ständen der Menschen ab. Ein Lebensmittel-          Engagement nicht leistbar wären. Das gibt dem
                                            Bürgermeisterin von Schlins, Vorarlberg                               geschäft oder Greißler ist für alle Altersgruppen   ländlichen Raum Stabilität und Sicherheit.

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LEBENSWERTE REGION –
     So kann‘s gehen!                                                                                                                                        LEBENDIGE GEMEINSCHAFT

                                                                                                                                                      2.1 Bildung und Familie
     Bildungscampus Moosburg, Kärnten
     Im Jahr 2009 wurde die Idee geboren, in Moosburg einen Bildungscampus zu errichten und Moos-                  Gründe für junge Familien, in einer Region zu     Erwachsenenbildung in unterschiedlichen Be-
     burg als Bildungsgemeinde zu etablieren. Anstoß für die Einrichtung des Bildungscampus war die                bleiben oder sich anzusiedeln, sind neben Ar-     reichen ist ein wirtscahftlicher Standortvorteil.
     Erweiterung der Kinder- und Jugendbetreuungseinrichtungen. Mittlerweile vereint er alle Bildungsein-          beitsplätzen und einem attraktiven Wohnumfeld     Bildung ist auch eine persönliche Bereicherung
     richtungen für Kinder und Jugendliche an einem Ort, das heißt Kindergarten, Volksschule, Neue Mit-            Kinderbetreuungsplätze und Schulen. Das ös-       und kann das Leben erleichtern. Wenn mehr
     telschule, Hort, Kindertagesstätte, Ganztagsbetreuung und Musikschule. Geplant sind eine Campus­              terreichische Bildungssystem steht vor großen     Menschen mit einem Computer bzw. mit dem
     mensa und eine Campusbibliothek, zusätzlich ein Neudesign der Schulräume, um offenes Lernen zu                Herausforderungen: In vielen ländlichen Ge-       Internet umgehen können, stehen ihnen mehr
     ermöglichen. Betreutes Freizeit- und Lernangebot für ein ganzheitliches Bildungskonzept ist für den           meinden wird die Zahl der Kinder und Jugend­      Leistungen und Informationen zur Verfügung.
     Campus wesentlich.                                                                                            lichen deutlich sinken. Für manche Gemeinden
                                                                                                                   wird der Schulstandort zu einer Kardinalsfrage.   Durch ein umfassendes Bildungsangebot für
     Der Bildungscampus strebt außerdem Kooperationen mit Betrieben aus der Region an, um den                                                                        unterschiedliche Altersstufen, Interessen und
     Kindern Know-how und einen frühen Zugang zu beruflichen Möglichkeiten zu bieten. Mit einer                    Die Zusammenarbeit mit Nachbargemeinden           Bedürfnisse wird ein Grundstein zur Entwick-
     eigenen Campusphilosophie und zehn Campusprinzipien für Kinder, Eltern und Lehrpersonal soll ein              oder Gemeinden aus der Region kann Schul-         lung in Richtung wissensbasierter Regionen
     respektvolles und soziales Miteinander gewährleistet werden.                                                  standorte im Umfeld erhalten. Ein gemeinsa-       gelegt.
                                                                                                                   mer Schulweg der Kinder entlastet die Eltern
     Nähere Informationen unter www.moosburg.vorortideenwerkstatt.at                                               und reduziert den Verkehr.                        Was kann ich tun?
                                                                                                                                                                       • Kinderbetreuung ausbauen,
                                                                                                                   Lehr- und Ausbildungsstätten in der Region            z. B. Tagesmütter und -väter vermitteln,
                                                                                                                   fördern nicht nur den FacharbeiterInnen-Nach-         www.tagesmuetter.or.at
                                                                                                                   wuchs, sondern halten die Menschen langfris-        • Schulbusse organisieren
                                                                                                                   tig in der Region.                                  • Nachmittagsbetreuung für SchülerInnen
                                                                                                                                                                         anbieten, Räumlichkeiten zur Verfügung
                          „Bildung ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft unserer Kinder.                 Bildung ist heute mehr als Schul- oder Aus-           stellen
                          Wir müssen alles unternehmen, um die beste Bildung und Ausbildung                        bildung. Lebenslanges Lernen ist in unserer         • Computerkurse für SeniorInnen anbieten
                          zu gewährleisten. Moosburg ist am richtigen Weg.“                                        schnelllebigen Zeit notwendig. Nicht nur die        • Generationenhäuser einrichten (betreutes
                          Herbert Gaggl                                                                            Wirtschaft ist auf gut ausgebildete und sich          Wohnen, Kindergrippe, Startwohnungen
                          Bürgermeister von Moosburg                                                               weiter bildende MitarbeiterInnen angewiesen.          für junge Leute und Ärztezentrum)

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LEBENSWERTE REGION –
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                                   2.2 Aktiv im Alter                                                                                          2.3 Altern in Würde
                                   Die Lebenserwartung steigt. Das erfordert An-               Die Menschen werden älter und die Lebens-            zu bleiben und die gewohnte Umgebung nicht
                                   passungen in der Arbeitswelt und darüber hi-                jahre bei guter Gesundheit steigen. Gleichzeitig     verlassen zu müssen.
                                   naus. Gemeinden und regionale Unternehmen                   nimmt die Zahl der Pflegebedürftigen zu. Ein
                                   können wesentlich zur Beseitigung der Alters­               Altern in gewohnter Umgebung und in Würde            Was kann ich tun?
                                   diskriminierung beitragen. Stabile Arbeitgeber              ist Wunsch vieler SeniorInnen. Die Betreuung           • Modelle wie betreutes Wohnen mit
                                   bieten langjährige Arbeitsverhältnisse und neh-             durch Fami­  lienangehörige stößt schon heute            Sozialorganisationen, ausarbeiten
                                   men auf die wechselnden Bedürfnisse in ver-                 an ihre Grenzen. Es gilt, Betreuungsmodelle            • Besuchs-, Abholservice und Hilfe beim
                                   schiedenen Lebenssituationen Rücksicht.                     zu entwerfen und umzusetzen, die die Lebens-             Einkaufen als Freiwilligenarbeit fördern
                                                                                               qualität älterer Menschen möglichst lange er-          • Begegnungsräume zwischen den
                                   Wir sind es (noch) nicht gewohnt, dass Men-                 halten. Das kann durch infrastrukturelle Maß-            Generationen schaffen, um gegen-
                                   schen im Pensionsalter arbeiten wollen. Eine                nahmen (Barrierefreiheit, öffentlicher Verkehr)          seitiges Verständnis zu begünstigen
                                   sinnstiftende Aufgabe zu finden, ist für aktive             sowie durch verschiedene Wohnangebote                  • Altersgerechte Elektrofahrzeuge für
                                   SeniorInnen oft schwierig. Das Beispiel „Leih-              (Seniorenwohnungen, Ta­ges­betreuung) oder               ältere Menschen finanziell unterstützen
                                   Oma“ zeigt, wie für alle Beteiligten Vorteile ent-          Dienstleistungen (Einkaufshilfe, Besuchsser-           • Bei Umbauten auf die Bedürfnisse älterer
                                   stehen. So vereinsamen weniger ältere Leute                 vice) erreicht werden. Eine echte Wahlfreiheit ist       Menschen Rücksicht nehmen (Barrier-
                                   und der Austausch zwischen den Generatio-                   dabei ein Garant, möglichst lang selbstständig           freiheit, Bänke als Rastmöglichkeit)
                                   nen wird gefördert.

                                   Was kann ich tun?                                           So kann‘s gehen!
                                     • Weiter- und Ausbildungsmöglichkeiten                               Sozial- und Gesundheitssprengel Telfs und Umgebung, Tirol
                                       für SeniorInnen einrichten,
                                                                                                Der 1986 gegründete gemeinnützige Verein fördert die Gesundheitspflege und das Sozial­
                                       www.arbeitundalter.at
                                                                                                wesen in der Region. Für die umliegenden Gemeinden bietet der Sprengel in Zusammenar-
                                     • Leih-Omas und -Opas vermitteln,
                                                                                                beit mit Vereinen und Institutionen zahlreiche Entlastungs-, Unterstützungs- und Beratungs-
                                       www.leihoma.at
                                                                                                leistungen wie z. B. Mutter-Eltern-Beratung, Jugendwohlfahrt, Hospizbegleitung etc., ebenso
                                     • Anreize für Unternehmen schaffen,
                                                                                                mobile Dienste wie Hauskrankenpflege oder Haushaltshilfe. Der Sprengel ist mittlerweile eine
                                       Ältere weiter zu beschäftigen
                                                                                                unverzichtbare Drehscheibe für soziale Anliegen. 23 Personen sind im Rahmen der Tätigkeiten
                                     • Aufgaben für SeniorInnen anbieten, wie
                                                                                                beschäftigt. Nähere Informationen unter www.sozialsprengel-telfs.at
                                       Essen auf Rädern oder Sozialsprengel
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22                                                      Ökosozialer Gemeindekompass     Ein Leitfaden für eine nachhaltige Gemeinde- und Regionalpolitik                                           23
LEBENSWERTE REGION –
     So kann‘s gehen!                                                                                                                                          LEBENDIGE GEMEINSCHAFT

     Unser G’schäft in Bärnkopf, Niederösterreich                                                                                            2.4 Lokale Daseinsvorsorge
     Die Waldviertler Gemeinde Bärnkopf hatte bis 2011 ein Lebensmittelgeschäft im Dorf. Als die
     Betreiberin Ende 2011 in Pension ging, fand sich kein Nachfolger. Für die BewohnerInnen droh-
     ten Fahrten von über zehn Kilometer bis zur nächsten Einkaufsgelegenheit. Einige Gemeinde­
     bürgerInnen griffen zur Selbsthilfe und gründeten den Verein „Unser G’schäft in Bärnkopf“.                   Die massiven Strukturänderungen und Kon-             nen Räumlichkeiten für Gemeinschafts- bzw.
     Der Verein ließ die Räumlichkeiten mit Hilfe einer NAFES-Förderung*) renovieren und führt                    zentrationsprozesse im Handel haben zu ei-           Gesundheitspraxen zur Verfügung stellen, die
     seit dem Sommer 2012 das Lebensmittelgeschäft – ergänzt durch eine Trafik und eine Tank­-                    nem Verlust der Nahversorgung beigetragen.           von den SpezialistInnen tageweise genutzt wer-
     stelle – weiter. Damit ist die Nahversorgung in Bärnkopf gesichert. Zudem entstanden durch die               In vielen Gemeinden gibt es das Lebensmit-           den können. So wäre eine breite Versorgung
     Wiedereröffnung des Nahversorgers drei neue Arbeitsplätze im Ort.                                            telgeschäft im Ortskern nicht mehr. Die Super-       gewährleistet.
                                                                                                                  märkte stehen auf billigeren Gründen außerhalb
     Die Bürgerinnen und Bürger von Bärnkopf waren finanziell an der Wiedereröffnung des Lebens-                  des Zentrums. Das Auto ist zum Einkaufen oft         Die Daseinsvorsorge sichern auch Einrichtun-
     mittelgeschäftes beteiligt. Mit so genannten „Bausteinen“ um je 100 Euro wurde das erste Waren-              unverzichtbar. Das führt zu einem erhöhten           gen wie Feuerwehr und Rettung, die teilweise
     sortiment finanziert. Neben dieser wichtigen Starthilfe führte die Baustein-Aktion zu einer starken          Verkehrsaufkommen. Auch die soziale Kompo-           durch freiwilliges Engagement der Gemeinde-
     Bindung zum örtlichen Nahversorger.                                                                          nente, die ein Greißler als Treffpunkt darstellte,   bürgerInnen getragen werden. Als Arbeitgeber
                                                                                                                  kann ein dezentraler Supermarkt nicht erfüllen.      und durch Motivation von regionalen Unterneh-
     Infos unter www.unser-gschaeft-in-baernkopf.at                                                                                                                    men kann dieses Engagement z. B. durch flexi-
                                                                                                                  Um die Versorgung mit Gütern des täglichen           ble Arbeitszeiten unterstützt werden.
     *) NAFES – Niederösterreichische Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Einkaufs in Orts- und                 Bedarfs wieder im Ort zu ermöglichen, können
     Stadtzentren – unterstützt Aktivitäten, die städtisch geprägte Ortskerne attraktiver machen, neue            andere Dienstleister (z. B. Gasthaus) zusätzlich     Was kann ich tun?
     Kundenkreise akquirieren und Stammkunden halten.                                                             Produkte des täglichen Bedarfs anbieten. Auf           • Anregung und Motivation von Dienst-
                                                                                                                  diese Weise können Orte der Begegnung wie-               leistern, zusätzliche Aufgaben der Na-
                                                                                                                  derbelebt und gesichert werden.                          versorgung zu übernehmen (Gasthaus
                                                                                                                                                                           als Lebensmittelgeschäft, Frisör als
                          „Ich bin froh, dass ich frische Lebensmittel bequem im Ort einkaufen kann.              Eine verlässliche und bedarfsgerechte Gesund-            Drogerie)
                          Ich spare dadurch viel Zeit und bin nicht auf das Auto angewiesen. Zudem                heitsversorgung ist enorm wichtig. Nachdem             • Hofläden und Bauernmärkte ermöglichen
                          schätze ich die Freundlichkeit der Verkäuferinnen. Die angeschlossene                   nicht in jeder Gemeinde sämtliche Spezialis-           • Greißler über Gemeinde initiieren bzw.
                          Kaffee-Ecke ist ein beliebter Treffpunkt für einen kurzen Plausch.“                     tInnen zur Verfügung stehen können, sollten              unterstützen
                          Gabriele Baumgartner                                                                    in Absprache mit Nachbargemeinden flexible             • Räume für Gemeinschaftspraxen zur
                          Kundin                                                                                  Alternativen überlegt werden. Gemeinden kön-             Verfügung stellen

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LEBENSWERTE REGION –
     So kann‘s gehen!                                                                                                                               LEBENDIGE GEMEINSCHAFT

     Dorfschattl Schattendorf, Burgenland
                                                                                                                       2.5 Mobilität
     2011 entwickelte die Marktgemeinde ein Konzept, um ihre Bürgerinnen und Bürger mobiler zu
     machen. Dabei entstand die Idee des „Dorfschattl“. Zu günstigen Preisen werden Fahrgäste – vor
     allem ältere Menschen – abgeholt und wieder nach Hause gebracht. Fahrten zum Kindergarten           Lebensqualität hängt unter anderem von der
     und zur Schule, zu Pensionistennachmittagen, zu Bekannten oder für Einkaufstouren können            Erschließung der Regionen durch leistungsfä-
     bestritten werden. Positiver Nebeneffekt: Mehr Kaufkraft bleibt in der Gemeinde.                    hige und umweltschonende Verkehrssysteme
                                                                                                         ab. Der öffentliche Nahverkehr muss so ausge-
     Ziele des Projekts:                                                                                 richtet sein, dass die BewohnerInnen auch ohne
     • Die Mobilität bei gleichzeitiger Reduktion des Verkehrsaufkommens im Ort steigern                 Auto auskommen und der Umstieg vom eige-
     • Die Lebensqualität aller BewohnerInnen erhöhen                                                    nen PKW auf „Öffis“ attraktiv wird: flexibel und
     • Vor allem Familien, sozial Schwächere und Menschen mit Behinderung mobil machen                   bedarfsorientiert. Fern- und Nahverkehr müssen
     • Die örtliche Infrastruktur und gesellschaftliche Einrichtungen verstärkt nutzen                   gut verknüpft werden. Vor allem flexible Angebo-
     • Einen sichtbaren Schritt in Richtung umweltbewusste Gemeinde setzen                               te wie Rufbus, Anrufsammeltaxi, semiprofessio-
     • Vorbild für andere Gemeinden sein                                                                 nelle und ehrenamtliche Mobilitätsdienste kön-
                                                                                                         nen den eigenen PKW verzichtbar machen. Für
     Als Kooperationspartner konnten ein Taxiunternehmen und ein Autohaus gewonnen werden. Es            ältere Menschen und Jugendliche sind solche
     wurden bisher drei Arbeitsplätze geschaffen und viele hunderte Fahrten durchgeführt. Die Ge-        Dienste besonders wichtig.
     meinde Baumgarten ist mittlerweile Partner des Projekts. Mit einer Grundsubvention der Marktge-
     meinde steht der gegründete Verein auf sicheren Beinen. Das „Dorfschattl“ hat dazu beigetragen,     Was kann ich tun?
     dass Schattendorf nun „familienfreundlichegemeinde“ ist.                                              • Ausreichende Park&Ride-Möglichkeiten
                                                                                                             für Autos und Fahrräder bei Haltestellen
                                                                                                             einrichten
                                                                                                           • Dienstfahrräder (E-Bikes) für Gemeinde-
       „Für die Bevölkerung ist das ‚Dorfschattl‘ aus dem täglichen Leben in der                             mitarbeiterInnen anschaffen
       Marktgemeinde Schattendorf und der Gemeinde Baumgarten nicht mehr                                   • Sammeltaxis und Diskobusse initiieren
                    wegzudenken. Mit dem ‚Dorfschattl‘ haben wir es geschafft,                             • Car-Sharing und Fahrradverleih anbieten
                  die Lebensqualität und die Attraktivität des Ortes zu steigern!“                         • Radwege ausbauen
                                                                                                           • Umweltschonende Fahrzeuge und die
                                                                  Johann Lotter                              dazugehörige Infrastruktur fördern
                                                  Bürgermeister von Schattendorf                             (E- und Bioöl-Tankstellen)

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LEBENSWERTE REGION –
                                                                                                                                                            LEBENDIGE GEMEINSCHAFT

                                            © teatro
     2.6 Identifikation                                                                                                                                                      2.7 Integration

     Eine Gemeinde lebt vom Zusammengehörig-             Was kann ich tun?                                       Die Zuwanderung hat den ländlichen Raum he-        grationsthemen oder ein Integrationsbeirat ha-
     keitsgefühl ihrer BürgerInnen. Wichtig dabei          • Geschichte der Region aufarbeiten                   terogener gemacht. Damit eine Gemeinde Hei-        ben sich bewährt, z. B. in Rankweil in Vorarlberg.
     sind das Wissen um die gemeinsame Vergan-               und zugänglich machen                               mat für alle werden kann, unabhängig davon,
     genheit und ein gemeinsames Arbeiten an der           • Bürgerbeteiligungen fördern (Bürgerforen)           wie lange sie schon im Ort leben, müssen neue      Was kann ich tun?
     Zukunft. Wenn Menschen Beziehungen zuei-              • Veranstaltungen, Feste und Kulturevents             und alte BürgerInnen aufeinander zugehen. Ge-        • Vereine motivieren, neue Gemeinde-
     nander aufbauen, den Nachbarn aushelfen,                wie Theater oder Musicals organisieren              genseitiges Kennenlernen und die Bereitschaft          bürgerInnen einzuladen
     erhöht das die Lebensqualität aller und fördert       • Vereine durch Überlassen von Räumlich-              voneinander zu lernen, baut Schwellenängste          • Interkulturelle Kommunikationszentren
     eine Identifikation mit der Region, die nicht an-       keiten und Ankündigungen auf der                    auf beiden Seiten ab und fördert Integration.          einrichten
     dere ausschließt, sondern offen ist für Neues.          Gemeindewebsite unterstützen                                                                             • Gemeinderat für Integrationsthemen
     Durch soziale Beziehungen in der Gemeinde             • Begegnungsräume schaffen, Mütter-                   Wirtschaftliche und soziale Eingliederung in die       oder Integrationsbeirat ernennen
     stärkt sich die Verwurzelung der BürgerInnen.           runden organisieren                                 Gemeinde sollen Hand in Hand gehen. Kom-             • Gemeinsame interkulturelle Projekte
     Das fördert das freiwillige Engagement, womit         • Traditionen gezielt fördern                         munikation ist der Schlüssel zum Erfolg. Inter-        durchführen, z. B. Sportevents
     Services angeboten werden können, die auf             • Gemeinsame Projekte starten,                        kulturelle Kommunikationszentren und Projekte        • Sprachkurse fördern
     dem freien Markt nicht finanzierbar sind.               z. B. ein Filmprojekt über den Ort                  sowie die Förderung von Sprachkursen bauen           • Aktives Quartiers- und Besiedlungs-
                                                                                                                 (Sprach-)Barrieren ab. Gemeinderäte für Inte-          management für gute Durchmischung

                                                                                So kann‘s gehen!                 So kann‘s gehen!
      Zeichen unserer Kulturlandschaft, Niederösterreich                                                                                                       Frauencafe für ALLE, Oberösterreich
      Über 70 engagierte Gemeinden in fünf Leader-Regionen stärken ihre Identität und das Regions-                Das Frauencafe richtet sich an Frauen im Raum Enns, mit und ohne Migra­tionshintergrund, die
      bewusstsein, indem sie im Leaderprojekt „Zeichen unserer Kulturlandschaft“ ihre Klein- und                  einander besser kennenlernen wollen. Es baut sprachliche, kulturelle und sonstige Hürden zwi-
      Flurdenkmäler in eine gemeinsame Datenbank eingeben. Jedes Kleindenkmal ist einzigartig                     schen „einheimischen und zugezogenen“ Frauen ab und findet zweimal im Monat statt. Neben
      und hat seine eigene Geschichte, die in der Region bzw. in der Gemeinde verwurzelt ist.                     den Treffen gibt es Ausflüge, Vorträge und Workshops. Den gemeinsamen Anliegen und
      Auf www.kleindenkmal.at sind die dokumentierten Denkmäler für alle BürgerInnen zugänglich.                  Zukunftsthemen wird so Raum gegeben. Nähere Infos unter www.frauennetzwerk-linzland.net

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So kann‘s gehen!

     re-design Eisenerz, Steiermark
                                                                                                                                                       3. Standortentwicklung
     Eisenerz steht vor demographischen und wirtschaftlichen Herausforderungen wie kaum eine an-
     dere österreichische Gemeinde. Seit 1960 ist die Einwohnerzahl auf ein Drittel geschrumpft und
     das Durchschnittsalter merkbar angestiegen. Daher hat die Bergbaustadt gemeinsam mit dem
                                                                                                                                                            und Raumplanung
     Land Steiermark das Projekt re-design Eisenerz gestartet. Bis 2021 sollen die Einwohnerzahl sta-
     bilisiert und Lebensqualität sowie Strukturen für rund 5.000 EinwohnerInnen geschaffen werden.
     Durch infrastrukturelle Verkleinerungsprozesse und alternative Nutzungskonzepte leerstehender                 Die Anzahl der Haushalte in Österreich wird bis     baut und versiegelt. Im EU-Vergleich ist das
     Gebäude wurden rund 470 Wohneinheiten rückgebaut und 700 neu genutzt. Der Schwerpunkt                         2030 stärker steigen als die Bevölkerung. Das       überdurchschnittlich viel. Oft handelt es sich
     Wirtschaft unterstützt das Tunnelforschungszentrum „Zentrum am Berg“ und bietet Anreize für                   hängt mit einer Veränderung der Lebenssti-          dabei um fruchtbare Böden, die für immer für
     weitere Kompetenzzentren zur Ansiedlung. Durch Förderungen zur Belebung der Innenstadt wur-                   le zusammen. Das Spektrum reicht von Sing-          die landwirtschaftliche Nutzung verloren gehen.
     den Anreize zur Betriebsansiedlung im Ortskern geschaffen. Ganzjahrestourismus und Kultur sol-                le-Haushalten – auch SeniorInnen, neuen und
     len als weitere wirtschaftliche Standbeine die Gemeinde stärken.                                              flexiblen Lebensformen – Patchwork-Familien         Flächenschonung ist daher das Gebot der
                                                                                                                   über Arbeiten und Wohnen am selben Ort oder         Stunde. Ökosoziale Raumplanung steuert Zer-
              „Eisenerz hat durch Siedlungskonzentration eine hohe Lebensqualität ge-
                                                                                                                   „multilokales“ Wohnen bis zur klassischen Fa-       siedelung und zunehmender Versiegelung ent-
                   schaffen. Mit unserem markengestützten Ganzjahres-Tourismus sind
                                                                                                                   milie selbst. Weiters ist eine starke Zunahme der   gegen. Bevor neue Flächen für Bebauungen
                      wir innerhalb Österreichs unverwechselbar. Darauf sind wir stolz.“
                                                                                                                   Wohnfläche pro Kopf, eine steigende Zahl an         gewidmet werden, ist zu prüfen, ob es alterna-
                                                                       Christian Berger                            Zweitwohnsitzen für berufliche Zwecke oder für      tive Nutzungsmöglichkeiten bereits bestehen-
                                                           Vizebürgermeister von Eisenerz                          die Freizeit zu erwarten. Daher steigt der Bedarf   der und nicht genutzter Objekte gibt.
                                                                                                                   an Bauland. Gerade in Gemeinden mit sinken-
                                                                                                                   den Bevölkerungszahlen besteht die Herausfor-       Boden ist eine wichtige Ressource – nicht nur
                                                                                                                   derung, attraktive Wohnflächen zur Verfügung        für wirtschaftliche Aktivitäten und als Sied-
     Pusterwald lebt, Steiermark                                                                                   zu stellen und dies möglichst flächensparend.       lungsraum. Wir sind auch auf seine Filter- und
                                                                                                                                                                       Pufferkapazitäten (Wasserspeicher, Klimare-
     Pusterwald geht seinen Weg. In den letzten 25 Jahren schuf die Gemeinde attraktive Lebensbedin-               Neben Wohnflächen werden auch mehr Flä-             gelung etc.) angewiesen. Die Landwirtschaft
     gungen für die EinwohnerInnen, vor allem für Jungfamilien. Der Neubau der Volksschule und des                 chen für die Wirtschaft gebraucht. Einkaufs-        und unsere Nahrungsmittelproduktion brau-
     Kindergartens sowie eine bessere Infrastruktur für Feuerwehr, Musik- und andere Vereine sind Bei-             zentren, Autoabstellplätze, Straßen, Golfplätze,    chen fruchtbare, nicht verdichtete Böden. Der
     spiele. Einkaufszentren am Ortsrand wurden vermieden, das stärkt die Wirtschaft im Ortskern. Der              Schipisten und anderes mehr benötigen Raum.         Schutz vor Naturgefahren erfordert in Zeiten
     Fokus auf die wirtschaftlichen Stärken – Landwirtschaft und Tourismus – erhält Infrastruktur und Le-          Die Konkurrenz um gut erreichbare und attrak-       des Klimawandels mitunter eine Anpassung
     bensqualität. Eine Goldwaschanlage und Selbstversorgerhütten wurden als touristische Highlights               tive Flächen wird größer. Pro Tag werden in         der Bewertungen, wo gefahrlos gebaut werden
     errichtet. Pusterwald wurde wiederholt als schönstes Gebirgsblumendorf ausgezeichnet.                         Österreich zurzeit rund 20 Hektar Boden ver-        kann und wo nicht.

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STANDORTENTWICKLUNG

                                         © Hertha Hurnaus/hurnaus.com
     So kann‘s gehen!                                                                                                                                             UND RAUMPLANUNG

     Gegen gesichtsloses Wachsen, Oberösterreich
                                                                                                                                                          3.1 Flächen sparen
     Ottensheim setzt sich seit vielen Jahren gegen Zersiedelung, Ortskernverödung und gesichts-
     loses Wachstum ein. Bereits in den 1960er Jahren stellte sich heraus, dass die Umwidmung
     landwirtschaftlicher Grundstücke am Ortsrand sehr kostspielig war. Die Gemeinde betreibt aus
                                                                                                                                                       und Boden bewahren
     diesen Gründen aktives Siedlungsmanagement. Das aktuelle örtliche Entwicklungskonzept be-
     grenzt die Ausdehnung der Siedlungsbereiche, dadurch wird Zersiedelung vermieden. Innerhalb
     der Siedlungsgrenzen gibt es Siedlungsschwerpunkte, die großteils gut an den öffentlichen Ver-           Aktive Bodenpolitik und flächensparende Wid-        Auf eine widmungskonforme Nutzung von Flä-
     kehr angebunden sind. Die meisten Alltagswege sind zu Fuß oder mit dem Rad möglich. Das                  mungen reduzieren die Nachfrage nach Neu-           chen muss geachtet werden. Die Änderung
     spart Erschließungskosten, erhält die Gemeindeinfrastruktur und wirkt umweltschonend, z. B.              widmungen und stärken eine nachhaltige              bestehender Widmungen kann für die Gemein-
     durch weniger Verkehr als am Siedlungsrand. Der Wohnbedarf für die nächsten 20 Jahre ist                 Sied­lungsentwicklung. Der Bestand an brach-        deentwicklung sinnvoll sein, wenn dadurch
     laut Baubilanz 2011 gedeckt. Im Zuge der Überarbeitung des Flächenwidmungsplanes 1998 bis                liegenden Handels-, Industrie- und Gewerbe-         eine Neunutzung ermöglicht und zusätzliche
     2002 wurden rund 23 Hektar gewidmetes Bauland in der Gemeinde rückgewidmet, jedoch als                   flächen könnte rund ein Drittel des jährlichen      Flächenversiegelung verhindert werden. Flä-
     Bauerwartungsland im Örtlichen Entwicklungskonzept aufgenommen. Das Bauerwartungsland                    Bodenbedarfs abdecken. Effizient genutzte Flä-      chensparendes Bauen und Revitalisierungs-
     kann zu einem späteren Zeitpunkt wieder in Bauland umgewidmet werden.                                    chen oder eine Neunutzung von bereits versie-       maßnahmen von Flächen sind anzuregen.
                                                                                                              gelten Flächen dämmen Baulandzuwachs ein.
     Ebenfalls in Angriff genommen wurde die Aktivierung leerstehender und ungenutzter Standorte im           Durch flächensparende Siedlungspolitik kann
     Ortskern. Dadurch ist unter anderem das „offene“ Amtshaus entstanden, für das ein denkmalge-             der Bedarf an neuen Verkehrsflächen wie Zu-         Was kann ich tun?
     schütztes Gebäude saniert wurde. Der zeitgemäße Zubau beherbergt den offenen und transpa-                fahrtsstraßen reduziert werden. Auch andere In-       • Kompakte Siedlungsstrukturen und
     renten Gemeinderatssaal, der eine ebensolche Gemeindepolitik symbolisiert.                               frastrukturinvestitionen wie Kanal und Leitungen        weniger KFZ-Verkehr forcieren
                                                                                                              werden minimiert.                                     • Flächenwidmung verantwortungsvoll
                                                                                                                                                                      betreiben
                                                                                                              Gemeinden stehen unter dem Druck von Bau-             • Landwirtschaftliche Vorrangflächen
                        „Der langfristige Prozess in der Gemeinde ist vor allem von Bürger-                   werbern oder potenziellen Grundstückskäufe-             definieren und vor Versiegelung schützen
                        beteiligung und Bewusstseinsbildung geprägt. In Bürgerbeteiligungs-                   rInnen. Bewusstseinsbildung und transparente          • Alternative Nutzungskonzepte für
                        projekten und projektbezogenen Arbeitskreisen diskutieren wir, wie sich               Abläufe sind essenziell, um Verständnis bei allen       bereits bestehende Gebäude bzw.
                        der Ort entwickeln soll. Entscheidend ist dabei aber der Wille des                    Beteiligten zu erreichen.                               bebaute Liegenschaften entwickeln
                        Gemeinderates, dies auch wirklich, wirklich zu wollen.“                                                                                     • BürgerInnen über Auswirkungen von
                                                                                                              Angesichts zunehmender Wetterextreme sind               Neuaufschließungen informieren
                        Ulrike Böker                                                                          Naturgefahren bei der Widmung zu berück-              • Stammtische zu flächenbezogenen
                        Bürgermeisterin von Ottensheim                                                        sichtigen.                                              Zukunftsfragen abhalten

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