Monat - Menschen mit Behinderungen in der digitalen Welt
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Die Zeitschrift
monat
Ausgabe 3/2021
Menschen mit Behinderungen
in der digitalen Welt
behindertenrat • www.behindertenrat.at • Aboservice Tel.: (01) 513 1 533 • Abo: 24,00 Euro/Ausland + Portoeditorial
Foto: Janousek
Liebe Leser*innen!
I
ch hoffe, Sie hatten einen guten und erholsamen Sommer. Mit der
Konferenz: "Menschen mit Behinderungen in der digitalen Welt"
sind wir Mitte September in den Herbst gestartet. Online und offline
nahmen 165 Personen teil. Immer schneller werden unsere Lebenswelten
durch die Digitalisierung fundamental umgewälzt. Nur durch Partizipa-
tion von Expert*innen mit Behinderungen gelingt inklusive Digitalisie-
rung. Mit unserer Konferenz konnten wir dafür einen wichtigen Meilen-
stein setzen.
Nach wie vor arbeiten wir im Österreichischen Behindertenrat auch am
Nationalen Aktionsplan Behinderung 2022-2030, der immer konkreter
wird. Vielen Dank an alle Expert*innen, die sich mit uns am Entste-
hungsprozess dieses Fahrplans zur Inklusion beteiligen.
In dieser Ausgabe unserer Zeitschrift monat finden Sie einen detaillier-
ten Nachbericht zu unserer Konferenz (S. 8-11), der Kraftrucksack für
Frauen mit Behinderungen wird vorgestellt (S. 12-13) und wir zeigen
die fehlende Barrierefreiheit von E-Ladestationen (S. 16) auf. Über die
COVID-19 Impfung wird auf den Seiten 18 und 19 informiert - lesen sie
dazu einen Text in Leichter Sprache.
Herzliche Grüße und viel Gesundheit
Mag. Michael Svoboda
www.behindertenrat.at 3Aus dem Inhalt Ausgabe 3/2021
Editorial 3
Inklusive Digitalisierung 8
Buch und Website
"Kraft-Rucksack" 12
Wie ich durch Social Media meine
Stimme fand 14
Mit voller Power in die
Diskriminierung 16
"Nicht genügend" für das
Bildungsministerium 20
Unbehinderter Kulturgenuss 22
"Wert des Lebens. Der Umgang mit
den Unbrauchbaren" 24
Offener Brief zu assistiertem
Suizid 27
Hate Crime gegen MmB 29
Gemeinsam gegen Hass im Netz 30
Bücher 32
Foto: Janousek Foto: Benesch
Neues zum EU-Behindertenpass 34
Z W
wei Jahre hat es gedauert, bis arum fällt es niemandem
Veranstaltungen 35 es wieder möglich wurde, eine auf, dass E-Ladestationen für
Konferenz zu veranstalten. Autos auch barrierefrei sein
Umso größer war die Motivation sollten? Menschen mit Behinderun-
Gefördert aus den Mitteln des bei allen Teilnehmer*innen sich für gen können so nicht gleichberechtigt
Sozialministeriums inklusive Digitalisierung einzusetzen. klimaschonend mobil sein.
Seiten 8 bis 11 Ab Seite 16
IMPRESSUM: Medieninhaber: Österreichischer Behindertenrat · Herausgeber: Michael Svoboda · Redaktion:
Bernhard Bruckner - Heidemarie Egger · Adresse: 1100 Wien, Favoritenstraße 111/11, Tel.: 01 513 1533,
Mail: presse@behindertenrat.at · Website: www.behindertenrat.at · Offenlegung nach dem Mediengesetz:
www.behindertenrat.at/impressum · Gestaltung, Anzeigenverkauf, Layout und Druck: Die Medien-
macher GmbH · 8151 Hitzendorf · Filiale: 4800 Attnang-Puchhheim, 07674 62 900, www.diemedienma-
cher.co.at · Cover: Lukas Ilgner / Janoussek / Eigelsreiter · Nachdruck nur nach ausdrücklicher, schrift-
licher Genehmigung der Redaktion gestattet. · Nicht alle Artikel entsprechen unbedingt der Meinung der
Redaktion. Wir haben das Ziel, eine möglichst breite Diskussionsbasis für behindertenpolitische Themen und Stand-
punkte zu schaffen und die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen zu erhöhen. · Bankverbindung: easybank,
IBAN: AT85 1420 0200 1093 0600, BIC: EASYATW1 DVR 08 67594 · ZVR-Zahl: 413797266 · Erscheinungsort Wien.
www.behindertenrat.at 5Aktuell Ausgabe 3/2021
KOLUMNE We still have a dream!
Von Bernhard Bruckner 13. Diversity Ball am 11. September 2021
Von Heidemarie Egger / Presseaussendung
D
D
er Österreichischer Be-
ie bunteste und vielfältigste Rollstuhl - Hauptsache authentisch
hindertenrat hat sich von
Ballnacht des Jahres fand end- und einzigartig. Veranstalter des
Anfang an sehr intensiv in die
lich wieder statt. Der Kursalon einzigartigen Balls ist das Schu-
Arbeiten zur Erstellung des
Wien wurde zum spektakulären Ort lungszentrum equalizent, Institut
Nationalen Aktionsplans Be-
gelebter Vielfalt. Balltradition traf für Gehörlosigkeit, Schwerhörigkeit,
hinderung 2022-2030 (NAP)
auf Partykultur und alle Teilneh- Gebärdensprache und Diversity
eingebracht.
mer*innen erlebten ein Fest der Management, Hauptsponsor war
Lebensfreude. magenta Telekom.
Es wurden zu allen großen
Der Diversity Ball steht für Vielfalt,
Themen Arbeitsgruppen im
Respekt, Gleichstellung und Barrie- Auch das Team des Österreichischen
Behindertenrat eingerichtet.
refreiheit, am Red Carpet ist jede*r Behindertenrates war auf dem Ball
Diese Gruppen erarbeiteten
ein Star – ob in High Heels oder im vertreten und hatte eine tolle Zeit.
Vorschläge für den Inhalt des
neuen NAP. Diese Vorschläge
wurden mit einigen Ministerien
diskutiert. Trotz unserer Bemü-
hungen waren nicht alle Stel-
len an einer Zusammenarbeit
interessiert. Jetzt haben alle
Teams der Ministerien und Bun-
desländer ihren NAP-Beitrag an
das Sozialministerium über-
mittelt. Zeitgleich richtete das
Sozialministerium eine Redakti-
onsgruppe ein, in der gemein-
sam mit dem Österreichischen
Behindertenrat und anderen
wesentlichen Stakeholdern aus
dem Behindertenbereich die
Beiträge der Bundesländer und
Ministerium redigiert und zu
einem Gesamtentwurf zusam-
mengefügt werden.
Wir hoffen bei dieser Arbeit
auch die Möglichkeit zu bekom-
men, allfällige Widersprüche
zwischen den vorgeschlagenen
Maßnahmen und der UN-Kon-
vention über die Rechte von
Menschen mit Behinderungen
beseitigen zu können und freuen
uns schon auf den fertigen
NAP 2022-2030.
6 www.behindertenrat.atÖsterreichischer Behindertenrat Ausgabe 3/2021
Dr.in Stefanie Lagger-Zach
Neu im Team vom Österreichischen Behindertenrat Von Stefanie Lagger-Zach
S
eit 1. Juli unterstützt Stefanie mit psychischen Krankheiten ein.
Lagger-Zach den Österreichi- Neben Ihrer Arbeit engagierte sie sich
schen Behindertenrat. Sie ist mit mehrere Jahre als freiwillige Rechts-
Christina Meierschitz für den Bereich beraterin in der Caritas und konnte
nationales Recht und Sozialpolitik dort bereits ihr theoretisches Wissen
zuständig. praktisch anwenden. „Die Arbeit im
Österreichischen Behindertenrat finde
Stefanie Lagger-Zach arbeitete nach ich vor allem deswegen spannend und
Abschluss ihres Jusstudiums in Graz wichtig, weil man sich für Anliegen
als Universitätsassistentin am Institut einsetzt, die Sinn haben. Ich freue
für Zivilrecht, mit einem Schwerpunkt mich, mein Wissen für die Interessen
in Familienrecht. Ihre Doktorarbeit von Menschen für Behinderungen
verfasste sie zum Thema Erwachse- einsetzen zu können.“
nenschutzrecht, wodurch sie viel
Erfahrung in der Anwendung der UN- Kontakt
BRK sammeln konnte. Durch Vorträge s.lagger-zach@
und Artikel setzte sie sich für die behindertenrat.at
Stefanie Lagger-Zach Foto: Privat Sicherung der Rechte von Menschen
Festgehaltenes Erinnern
Herbert Pichlers Leben und Wirken Von Heidemarie Egger
H
erbert Pichler verstarb bei Drei Organisationen taten sich zu- Interviews. Hinzu kamen eigene
einem Unfall am frühen Morgen sammen und gestalteten eine Erin- Erfahrungen der intensiven Zusam-
des 03. April 2021, es war der nerungsschrift. Der Österreichische menarbeit mit Herbert Pichler, denn
Karsamstag. Ein Autolenker unter Behindertenrat, der Dachverband die Öffentlichkeitsarbeit war ein
Drogeneinfluss und ohne Führer- berufliche Integration dabei-austria wichtiges Werkzeug für ihn. Es wurde
schein erfasste ihn, als er in seinen und der ÖZIV Bundesverband stellten versucht, dem langjährigen, erfolg-
PKW einsteigen wollte. sich dieser Herausforderung. reichen Wirken in unterschiedlichsten
Als Präsident des Österreichischen Die Öffentlichkeitsarbeiter*innen Funktionen von Herbert Pichler und
Behindertenrates, Präsident des ÖZIV der drei Organisationen widmeten dem Menschen Herbert mit seinen
Bundesverbandes, Vorstandsmitglied sich diesem Projekt, beginnend im unterschiedlichen Facetten gerecht
von dabei-austria und Leiter des Mai 2021. zu werden. Ein Exemplar kann gerne
Chancen-Nutzen Büros im ÖGB setzte kostenlos beim Österreichischen
sich Herbert Pichler für Menschen mit Heidemarie Egger (Österreichischer Behindertenrat bestellt werden.
Behinderungen ein. Sein tragischer Behindertenrat), Doris Kreindl (ÖZIV
Tod bewegte weit über die Gemein- Bundesverband), Hansjörg Nagel- Infobox
schaft der Menschen mit Behinde- schmidt (ÖZIV Bundesverband) und Kostenlose Bestellung
rungen hinaus. Mit 56 Jahren wurde Monika Thurner (dabei-austria) dachverband@behindertenrat.at
Herbert am Höhepunkt seiner Karriere recherchierten in Medienberichten, Telefon +43 1 5131533
aus dem Leben gerissen. Videos, Büchern und führten zwölf
www.behindertenrat.at 7Veranstaltung
Interessierte konnten online und offline an der Konferenz teilnehmen. Alle Fotos: Lukas Ilgner / Janoussek / Eigelsreiter
Inklusive Digitalisierung
Konferenz: Menschen mit Behinderungen in der digitalen Welt
Vom Team des Österreichischen Behindertenrates
A
m 16. und 17. September 2021 fand die jährliche und Wolfgang Mückstein (Bundesminister für Soziales,
Konferenz des Österreichischen Behindertenrates Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz) sendeten
im Catamaran des ÖGB statt. Expert*innen in eige- ihre Eröffnungsworte per Videostatement. In der Keyno-
ner Sache, Wissenschaftler*innen und Vertreter*innen te von Accessibility Experte Shadi Abu-Zahra wurde auf-
von Mitgliedsorganisationen stellten sich dem Thema gezeigt, dass sich gerade Menschen mit Behinderungen
Digitalisierung in Bezug auf das Leben mit Behinderun- mit der Digitalisierung auseinandersetzen müssen.
gen. Ziel der Konferenz war es, Fortschritte aufzuzeigen,
Herausforderungen zu diskutieren und Zukunftsvisionen Panel 1 Ethik und Partizipation
zu erarbeiten. In Panels und Sessions gab es die Mög- in der digitalen Welt
lichkeit, sich auszutauschen und sich auf dem gemeinsa- Unter der Moderation von Miriam Labus diskutierten
men Weg in Richtung Digitalisierung zu unterstützen. Brigitte Heller (Verein Lichterkette), Katrin Langen-
siepen (Europäisches Parlament), Andreas Zehetner
(Österreichischer Behindertenrat), Christine Steger
Teilnehmer*innen: 165 (Unabhängiger Monitoringausschuss) und Klaus Miesen-
Teilnehmer*innen in Präsenz: 95 berger (JKU integriert studieren).
Teilnehmer*innen online: 70 Ein großes Problem ist die Unsichtbarkeit von Menschen
mit Behinderungen, es ist in Europa leicht als Mensch
Online - Views: 2.398 mit Behinderungen „undercover“ zu leben. Deshalb sind
Kommentare: 162 Grundbedürfnisse und Grundrechte von Menschen mit
Behinderungen noch immer keine Selbstverständlichkeit,
die allen nützen. Sie werden als Extra-Maßnahme, als
Start in die Konferenz Luxusproblem, wahrgenommen. Diese Unsichtbarkeit
Durch die Veranstaltung führte Miriam Labus. Margarete hat immer noch zur Folge, dass Menschen mit Behinde-
Schramböck (Bundesministerin für Digitalisierung und rungen in den meisten Entwicklungen von technischen
Wirtschaftsstandort), Korinna Schumann (ÖGB-Vizepräsi- Produkten und digitalen Angeboten (sowie in der analo-
dentin und Gastgeberin) und Michael Svoboda (Präsident gen Welt) nicht einbezogen werden. Wenn Menschen mit
des Österreichischen Behindertenrates) eröffneten die Behinderungen doch in Prozesse inkludiert sind, dann
Konferenz. Martin Kocher (Bundesminister für Arbeit) handelt es sich meistens nicht um diverse Expert*innen
8 www.behindertenrat.atAusgabe 3/2021
in eigener Sache, sondern ein „Behinderter“ soll ehren-
amtlich und unbezahlt für die gesamte Gruppe in ihrer
Heterogenität sprechen. So werden z.B.: Menschen mit
Lernschwierigkeiten, Menschen in Institutionen oder
Menschen, die keinen Zugang zu Medienbildung erhalten
haben, oft überhaupt nicht als Zielgruppe mitgedacht.
Das Panel fordert für die Zukunft:
• mehr Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen
• Sensibilisierung für die Vielfältigkeit der Gruppe von
Menschen mit Behinderungen
• gesetzliche Normen, die diese Vielfältigkeit wahrneh-
men und unterstützen
• Umsetzung gesetzlich festgelegter In Panel 2 erläuterten die Expert*innen Chancen aber auch
Selbstbestimmungsrechte Probleme der Digitalisierung
• inklusive Entwicklungsprozesse, in denen
Expert*innen in eigener Sache bezahlt werden entscheiden, in welchem Ausmaß technische Errungen-
• Recht auf digitale Bildung schon in der Schule und schaften ins Leben geholt werden. Individuelle Grenzen
geförderte, niederschwellige Aus- und Weiterbil- müssen respektiert werden. Die Angebote müssen aber
dungsangebote zur Nutzung von digitalen Medien für für alle so gestaltet sein, dass jede*r diese Wahl auch
Menschen mit Behinderungen, aber auch für Assis- selbstbestimmt treffen kann.
tent*innen, Begleiter*innen und Familienangehörige
• finanzielle Förderung bei der Anschaffung von
Endgeräten
• verpflichtende Ausbildungsinhalte zu Medien-
bildung, Digitalisierung, Barrierefreiheit und assisti-
ven Technologien in Ausbildungen (z.B.: Lehrer*in-
nen, Informatiker*innen)
Panel 2 Arbeit in der digitalen Welt
Markus Neuherz (Lebenshilfe) moderierte das 2. Panel
und diskutierte mit Julia Moser (myAbility), Martin
Morandell (Smart in Life) und Korinna Schuhmann Petra Plicka fasst die Inhalte in Leichter Sprache zusammen.
(ÖGB). Mit einem Videoinput von Jasna Puskaric
(WAG-Assistenzgenossenschaft) startete die Diskussion. Algorithmen und Bias
Allgemein werden Algorithmen sehr negativ dargestellt.
Wenn man über Inklusion in der Arbeitswelt spricht, Im Grunde handelt es sich aber nur um Programme,
stellen sich heute noch Probleme, die sich vor 20 Jahren die gelernt haben, etwas zu tun, was der Mensch ihnen
gestellt haben. Alle Panelist*innen sehen die Ursache beigebracht hat. Hier muss man sich wiederholt bewusst
dafür darin, dass unser Bildungssystem weiterhin noch machen, dass jeder Programmiervorgang durch einen
nicht inklusiv gestaltet ist. Viele Arbeitgeber*innen Bias – also Meinungen und Vorurteilen - beeinflusst
waren noch nie mit Menschen mit Behinderungen in wird. Menschen mit Behinderungen, Frauen oder Men-
Kontakt und deshalb werden weiterhin Vorurteile be- schen mit Migrationshintergrund müssen in Zukunft vor
dient. Man ist sich einig, dass neue Bilder von Menschen solchen Vorurteilen geschützt werden. Die Kriterien für
mit Behinderungen geprägt werden müssen. Digitalisie- Programme müssen bei Ausschreibungen so gestaltet
rung verschiebt die Grenzen von Privatleben und Arbeits- werden, dass sie nicht diskriminieren.
welt und es wird zur Gratwanderung. Die Inklusion vor
Ort muss vorangetrieben werden und die Digitalisierung Die Diskutant*innen formulierten Forderungen:
im Home-Office muss inklusiv gestaltet werden. Jede*r • Inklusive Bildung – beginnend vom Kindergarten bis
Nutzer*in soll die Chancen bekommen, selbst zu ins Erwachsenenalter
www.behindertenrat.at 9Veranstaltung
• Aufbrechen von Stereotypen – nicht jede Diagnose Entwicklungen von Dienstleistungen, Produkten und
ist eine Prognose technischen Innovationen einbezogen werden, damit sie
• Barrierefreiheit und inklusive Teams als Kriterium für verwendbar sind. Es braucht eine gesetzliche Verpflich-
Förderungen von Angeboten und Programmen tung Menschen mit Behinderungen kontinuierlich und
• partizipative Entwicklungsprozesse bezahlt als gleichberechtigte Expert*innen einzubinden.
• bundeseinheitliche Gestaltung von Damit die Einbindung von Anfang an funktioniert,
Persönlicher Assistenz braucht es eine Infoplattform zu aktuellen Projekten und
• keine Unterscheidung mehr zwischen Persönlicher direkte Meldungen von Projekten technischer Innovatio-
Assistenz im Privaten und am Arbeitsplatz nen seitens der Ministerien.
• kein Entscheiden mehr zwischen technischen Hilfs-
mitteln und analoger, menschlicher Unterstützung –
beides muss gleichberechtigt gefördert werden
• niederschwellige digitale Aus- und Weiterbildungs-
angebote für Kinder und Erwachsene
Panel 3 Künstliche Intelligenz (KI) und
Internet of Things (IoT)
Die inhaltliche Gestaltung dieses Panel übernahm die
Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen. Klaus Selbstkritisch und offen für Feedback zeigten sich die Session-
Höckner (HG) moderierte die Diskussion. Victor Calise leiter des digitalen Amts
(New York City Mayor’s Office for People with Disabili-
ties), Nina Cummins (Facebook), und James Thurston Digitales Amt
(G3ict, Smart Cities Initiative) schickten eine Videobot- Markus Mayer (Digitalberatung) / Johannes Rund
schaft. Persönlich nahmen Nikola Tanjga (Semantic (Digitalsierungsministerium)
Competence Center, ELGA GmbH) und Bernhard Wally Das Projekt „oesterreich.gv.at“ und die App „digitales
(Rat für Forschung und Technologieentwicklung) an der Amt“ wurden vorgestellt. Diese dienen als Informations-
Diskussion teil. Rolf Feichtenbeiner (Educational Techno- plattform. Hat man eine Handy-Signatur oder eine ID
logy Lab, KI-I) wurde von Deutschland aus zugeschalten. Austria, können Amtswege (z.B. Wohnsitzummeldungen)
über den PC bzw. die App abgewickelt werden. Abschlie-
Bei KI lernt ein System durch viele Daten Inhalte zu ßend wurde die App live getestet und die Teilnehmer*in-
interpretieren und Vorhersagen zu tätigen. Internet of nen konnten Vorschläge zur Verbesserung der Barriere-
Things bedeutet, dass Dinge wie z.B.: Haushaltsgeräte freiheit einbringen.
oder Autos Zugang zum Internet bekommen und die
Nutzenden dadurch das System bedienen können. Das ist ONLINE: Die große Hoffnung der innovativen,
die Zukunft und für manche schon Realität. Barrierefrei digitalen und assistiven Hilfsmittel
werden diese Systeme jedoch nur, wenn sie von Anfang David Hofer (LIFEtool) / Christoph Veigl (FH Technikum
an barrierefrei konzipiert werden. Es braucht dafür die Wien)
Expertise von Menschen mit Behinderungen. Es wurde gezeigt, wie Digitalisierung zum Nutzen von
Menschen mit Behinderungen eingesetzt werden kann.
Vertiefende Sessions Diese Session wurde auf dem Youtube- und Facebook-Ka-
Im Rahmen der Konferenz wurden acht Sessions in zwei nal des Österreichischen Behindertenrates veröffentlicht.
Blöcken abgehalten. Zwei davon wurden online gestre-
amt. Die Online-Teilnehmer*innen konnten via Zoom in Wie nutzen wir als Organisation von und für Menschen
direkten Austausch gehen. mit Behinderungen die Digitalisierung bestmöglich?
Kerstin Huber-Eibl (Multiple Sklerose Gesellschaft Wien,
Partizipative Gestaltung von technischen ÖMSG) / (ÖZIV Bundesverband)
Innovationen Aufgrund unterschiedlicher Zielgruppen, Organisations-
Emil Benesch (Behindertenrat) / Susanne Buchner-Saba- größen und Finanzierungskonzepten stehen viele vor
thy (Expertin für digitale Barrierefreiheit) der Herausforderung die „richtigen“ Prioritäten bei der
Menschen mit Behinderungen müssen in die Nutzung von digitalen Medien zu setzen. Der Ruf nach
10 www.behindertenrat.atAusgabe 3/2021
mehr Vernetzung zwischen Organisationen, Wissenschaft
und Anwender*innen und einem Kompetenzteam „Digi-
talisierung“, organisiert vom Österreichischen Behinder-
tenrat, wurde laut.
ONLINE: Online-Aktivismus zum Thema Behinderung.
Wie mache ich mich sichtbar und wozu ist das gut?
Bianca Schönhofer (instagram.com/bianca_rosemarie) /
Andrea Strohriegl (instagram.com/rea.strawhill) "Was können wir besser machen?" fragten die Sessionlei-
Die zwei Social Media Expert*innen ermöglichten einen ter*innen die Gruppe
Einblick in die Welt von Instagram und Co. Dieser
Vortrag steht ebenfalls online zur Verfügung. / Ursula Weismann (Sozialversicherungs-Chipkarten
Betriebs- und Errichtungsgesellschaft m.b.H.)
Deutlich wurde, dass digitale Dienste auf barrierefreien
Angeboten aufbauen müssen. Der Bedarf an barriere-
freien Arztpraxen und konkreten Informationen zur
Barrierefreiheit der Primärversorgungszentren ist groß.
Ergo- und Physiotherapie auf Krankenschein ist ein gro-
ßer Wunsch. Hinsichtlich der digitalen Angebote wurde
leichte Sprache und größere Benutzerfreundlichkeit
gefordert. SV und SVC ersuchten um Verbesserungsvor-
Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen findet auch online schläge via Feedback-Button.
statt, ZARA ist die richtige Anlaufstelle.
Barrierefreiheit
Hate Crime, Mobbing und Ableism im Internet Die Inhalte auf der Bühne und in einzelnen Sessions
Sophie Haidinger (ZARA, Verein für Zivilcourage und wurden vom Team rund um Marietta Gravogl in Österrei-
Antirassismusarbeit) chische Gebärdensprache übersetzt. Schriftdolmetschung
Der Begriff Hate Crime wurde definiert, dessen straf- wurde von Gudrun Amtmann und ihrem Team angebo-
rechtlichen Tatbestände und wie ZARA dabei unterstüt- ten. Nach jedem Panel und in einzelnen Sessions fasste
zen kann. Seit 2021 kann ZARA auch bei Gerichtspro- Petra Plicka die Inhalte in Leichter Sprache zusammen
zessen gegen Hass im Netz begleiten. Menschen mit und visualisierte sie. Durch die Komplexität des Themas
Behinderungen sind sehr häufig von Hate Crime betrof- Digitalisierung war dies für alle Konferenzteilnehmer*in-
fen. Mehr dazu findet ihr auf Seite 29. nen von großem Nutzen. Durch ein Flying Buffet der
geschulten Mitarbeiter*innen von "Die Caterei" war auch
Digital Literacy – Wie lernen wir Menschen mit Behin- die Essensituation für alle so barrierearm wie möglich.
derungen gut mit der Online-Welt umzugehen? Als weitere Barrierefreiheitsfaktoren unterstützten bei
Kurt Feldhofer (Lebenshilfen Soziale Dienste) / Martina der Konferenz zwei Persönliche Assistentinnen, es gab
Kalcher (Kirchliche pädagogische Hochschule Graz) einen ruhigen Rückzugsraum und die Pausengestaltung
Das Menschenrechtsbüro der Lebenshilfe wurde vorge- erfolgte großzügig.
stellt und Mitarbeitende zugeschalten. Die Studie „Die
Nutzung digitaler Medien von Menschen mit Lernschwie- Side Event UNIKATE
rigkeiten in der Behindertenhilfe“ wurde erläutert. Es Am Abend des ersten Konferenztages fand die UNIKATE
entstand eine lebhafte Diskussion darüber, wie man Preisverleihung statt. Was dort passiert ist, erfahren Sie
besonders Menschen mit Lernschwierigkeiten in den Pro- in Ausgabe 4 des „monat“.
zess der Digitalisierung einbinden kann. Was fehlt, sind
niederschwellige Zugänge sowie Unterstützung sowohl Fazit
von Betreuungspersonal und Familie als auch von Peers. Das Thema Digitalisierung beschäftigt alle Organisationen
unabhängig von ihrer Größe und finanziellem Rahmen.
e-Health und Digitale Services der Sozialversicherung Mit der Konferenz wurde der Wille und die Lust geweckt,
Barbara Krippl (Dachverband der Sozialversicherungen) an der inklusiven Digitalisierung mitzugestalten.
www.behindertenrat.at 11Frauen mit Behinderungen
Buch & Internet-Seite: Kraft-Rucksack
Für Frauen mit Behinderungen
Von Expertinnen der Vereine Ninlil und Leicht Lesen
Was ist der "Kraft-Rucksack"?
Der "Kraft-Rucksack" ist ein Buch und eine Inter-
net-Seite für Frauen* mit Behinderung*, die Gewalt
erfahren haben und die auch längere Zeit danach
noch mit den Folgen davon zu tun haben.
Es gibt einen Teil mit Informationen zu Trauma
und Traumafolgen.
Und es gibt drei Teile mit Informationen und
Übungen, die Frauen* in schwierigen Zeiten
helfen sollen.
So können sie zum Beispiel aus den Übungen ihren
persönlichen Kraft-Rucksack gestalten und
diesen öffnen, wenn es ihnen schlecht geht.
Denn vielen Frauen* mit Gewalterfahrung geht
es trotz Beratung, fachlicher Begleitung und
Therapie immer wieder schlecht. Hier kann der
Kraft-Rucksack zum Einsatz kommen.
Wie kam es zu dem Titel
„Kraft-Rucksack“?
Zu Beginn war der Titel des Buches „Kraft-Paket“.
Dieser wurde jedoch von der Prüfgruppe in
„Kraft-Rucksack“ umbenannt.
Grafik: Barbara Hoffmann, thegraphicsociety.at
Dazu ein paar Gedanken der Gruppe:
Ein Paket verschicke ich oder hole es ab.
Wenn es da ist, wird es ausgepackt und in seltenen Fällen wieder eingepackt.
Einen Rucksack packe ich ein und nehme ihn mit. Wenn ich etwas brauche, öffne ich ihn,
hole etwas heraus, und verschließe ihn wieder - er ist mobil, transportabel und immer für mich bereit.
Für wen ist der „Kraft-Rucksack"?
Für Frauen*, die Gewalt erfahren haben – insbesondere für Frauen* mit Behinderung*.
Für alle Menschen, die zu diesem Thema arbeiten oder damit in Berührung kommen.
Was macht den „Kraft-Rucksack“ besonders?
Er ist barrierefrei.
• Das Buch ist in Leichter Sprache.
12 www.behindertenrat.atAusgabe 3/2021
• Alle Texte und Übungen aus dem Buch sind auch auf der Internet-Seite.
Das ist wichtig für Personen, die mit Sprachausgabeprogrammen lesen wollen.
• Zu allen Texten gibt es Videos in Österreichischer Gebärdensprache.
Wer hat den „Kraft-Rucksack“ gemacht?
Der Verein Ninlil - Empowerment für Frauen mit Behinderung und der Verein Leicht Lesen - Texte besser
verstehen. Die Zeichnungen und das Layout hat The Graphic Society gemacht.
Standardtext
Der Standardtext, der dem Buch zugrunde liegt, wurde von der Psychologin Marie-Theres Holzner
gemeinsam mit Frauen* vom Verein Ninlil geschrieben.
Prüfgruppe: Iris Kopera, Luise Jäger und Lucia Vock
Die Prüfgruppe sind Expert*innen in eigener Sache und haben den Text auf Verständlichkeit geprüft.
Das ist ein wichtiges Qualitätskriterium von Leichte-Sprache-Texten.
Leichte Sprache macht Texte einfacher lesbar und verständlicher
und ist ein spezielles Angebot für bestimmte Zielgruppen,
wie zum Beispiel Menschen mit Lernschwierigkeiten, Menschen mit Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache
oder Lese- und Schreibschwäche.
Erfahrungen haben gezeigt, dass mehr als nur diese Zielgruppen von Leichte-Sprache-Texten profitieren.
Barrierefreie Internet-Seite:
Gugler brand and digital hat die barrierefreie Internet-Seite gemacht.
Eine barrierefreie Internet-Seite orientiert sich an Leitlinien für Barrierefreiheit im Internet,
damit zum Beispiel auch Menschen mit Gehörbeeinträchtigungen*
oder eingeschränkter Bewegungsfähigkeit Internet-Seiten benutzen können.
Gebärdensprache: Lena Schramek von duooo hat die Gebärdensprach-Videos gemacht.
Wer hat den „Kraft-Rucksack" finanziert?
Projektförderung der Frauenministerin sowie Fördergeber*innen des Vereins Ninlil.
Die laufende Arbeit vom Verein Ninlil wird finanziert von:
• Frauenservice der Stadt Wien – MA57
• Bundeskanzleramt/Frauen
• Fonds Soziales Wien
Das Buch ist gratis bestellbar und es gibt einen gratis Download.
Download: www.kraft-rucksack.at
Bestellung: info@kraft-rucksack.at oder per Telefon 01 714 39 39
www.behindertenrat.at 13Persönliche Erfahrung
Wie ich durch Social Media
meine Stimme fand
Social Media Aktivistin Rea Strawhill Von Andrea Strohriegl
V
iele Jahre wusste ich, dass etwas mit mir nicht
stimmte. Ich fühlte mich nicht gesund, doch laut
meinen Ärzt*innen war alles in Ordnung. Ich hatte
eine Infektion nach der anderen, Konzentrations-
störungen, Verdauungsbeschwerden, Kreislaufprobleme,
Schlafstörungen und ich fühlte mich immer schwächer
und erschöpfter. Je mehr ich darum kämpfte, gesünder
zu werden, desto schlechter ging es mir. Ich wurde mit
Allergien und Depressionen diagnostiziert, doch keine
Therapie half. Mein Zustand wurde von Jahr zu Jahr
schlechter. Über sieben Jahre dauerte es, bis mir endlich
ein Arzt zuhörte und die richtige Diagnose stellte: Ich
habe ME/CFS.
Was ist ME/CFS?
ME/CFS steht für Myalgische Enzephalomyelitis und ist
eine Neuroimmunerkrankung, deren Symptome sich auf
den ganzen Körper auswirken. Oft wird die Krankheit
auch „Chronic Fatigue Syndrom“ genannt (oder „chroni-
sches Erschöpfungssyndrom“ im Deutschen) Doch diese
Krankheit beinhaltet sehr viel mehr als nur Erschöpfung.
In Österreich sind Schätzungen zufolge ca. 30.000
Menschen betroffen. Ausgelöst wird sie oft durch virale
Infekte und es gibt unterschiedliche Schweregrade. In
schweren Stadien sind Betroffene auf Pflege angewie-
sen, da sie oft das Haus oder gar das Bett nicht mehr
verlassen können. Das Hauptsymptom ist PEM, das steht
für „Post Exertional Malaise“ und beschreibt eine Zu-
standsverschlechterung nach zu viel Aktivität. Das heißt,
wenn man sich überanstrengt, verschlechtert sich der
Zustand und das wird auch durch Ruhe oder Schlaf nicht
verbessert. Man kann sich das Gefühl vorstellen, wie
bei einem kaputten Handy Akku. Man kann ihn so viel
aufladen, wie man will, die Batterie lädt einfach nicht
richtig. Mehr als 20 % werden es nicht und mit diesen
muss man durch den Tag kommen. Genau so fühlt sich
ME/CFS an. Egal wie viel man sich ausruht, wie viel man
schläft, der Akku wird nie voll. Das Ganze wird begleitet
von Schmerzen, Konzentrationsstörungen, Schwindel,
Andrea Strohriegl - als Rea Strawhill engagiert sie sich als Lichtempfindlichkeit und vielem mehr. Deshalb ist es
Online-Aktivistin zu chronischen Erkrankungen Foto: Karin Dihanich wichtig, zu lernen, mit seinen Energiereserven sparsam
14 www.behindertenrat.atAusgabe 3/2021
und nachhaltig umzugehen. Das klingt in der Theorie darüber zu sprechen, denn chronisch kranke Menschen
einfach, ist aber sehr schwer in der Praxis. haben oft schlechtere Chancen, einen Job zu bekommen.
Doch genau diese Tatsache entfachte erst recht ein Feuer
Der Kampf um Anerkennung in mir. Warum haben Menschen mit chronischen Krank-
Das Schlimme an dieser Erkrankung ist, dass man neben heiten schlechtere Chancen am Arbeitsmarkt? Warum
all diesen Symptomen, gegen die man zu kämpfen hat, werden wir als weniger wertvoll angesehen, sobald wir
auch noch dafür kämpfen muss, ernst genommen zu aufgrund einer Erkrankung in unserer Leistungsfähigkeit
werden. Oft vergehen viele Jahre bis man überhaupt eingeschränkt sind?
richtig diagnostiziert wird, da es noch keine eindeuti- Durch die Vernetzung mit anderen Betroffenen habe ich
gen Labortests gibt. Der Durchschnitt liegt bei fünf bis sehr viel Wertvolles gelernt - mich für mich selbst und
acht Jahren. Nur wenige Ärzt*innen kennen sich damit für andere einzusetzen, dass ich wertvoll bin, so wie ich
aus und nehmen die Erkrankung ernst. Viele Betroffene bin. Chronisch krank zu sein muss kein Tabu sein. Ich re-
bekommen zunächst die Diagnose einer psychischen alisierte, dass ich eine Stimme habe, die es verdient hat,
Erkrankung. Man fängt an, Psychopharmaka zu nehmen, gehört zu werden. Ich fühlte mich nicht mehr so hilflos.
sich mehr zu bewegen und es geht einem trotzdem
schlechter. Denn zu viel Aktivität (über die eigenen Social Media
Grenzen hinaus) kann erst recht dazu führen, dass sich Je mehr Menschen sich trauen, über ihre Erlebnisse zu
der Zustand weiter verschlechtert. sprechen, desto mehr können wir diese Tabus aufbre-
chen. Je mehr Berührungspunkte es gibt, desto mehr
Häufig wird die Krankheit missverstanden oder nicht kann man von anderen Perspektiven lernen und sich in
ernst genommen, obwohl sie seit Jahren von der WHO neue Situationen hineinversetzen. Das ist das große Po-
anerkannt ist. Betroffene bekommen oft keine Unter- tential von Social Media: jede*r kann sich einen Account
stützung im Gesundheitssystem und von öffentlichen erstellen und anfangen zu erzählen. Man muss nicht erst
Stellen. Auch mir wurden viele Dinge von Ärzt*innen an darum bitten, inkludiert zu werden. Und irgendwer hört
den Kopf geworfen. Unter anderem, dass diese Krankheit vielleicht deiner Geschichte zu und lernt etwas daraus.
ein Hirngespinst sei und ich mich aus der Verantwortung
ziehen wolle. Dabei wollte ich nichts mehr, als wieder Sich öffentlich zu zeigen und so offen verletzbar zu sein,
gesund zu werden. kann auch mühsam und anstrengend sein. Es gibt Tage,
Wenn man Hilfe sucht und abgewiesen wird, ohne Hilfe an denen man sich vielleicht denkt: „Wozu mache ich
zu erhalten, ist das sehr verletzend und zermürbend. Be- das eigentlich?“ und dann kommt eine Nachricht, in der
troffene kämpfen weltweit seit Jahren um Anerkennung, sich jemand bedankt. „Durch deine Texte fühle ich mich
mehr Anlaufstellen und mehr Forschung. Durch Long- verstanden“. Oder „Jetzt verstehe ich meine chronisch
Covid scheint die Forschung nun Fahrt aufzunehmen, kranke Freundin besser“. Dann wird man daran erinnert,
doch es liegt noch ein langer Weg vor uns. wie wertvoll es sein kann, sich zu öffnen und andere
Menschen auf seinen Weg mitzunehmen.
Tabus sind da, um gebrochen zu werden. Darin liegt die Stärke, wenn Menschen über Dinge spre-
All diese Erlebnisse gingen nicht spurlos an mir vorbei. chen, die ihnen widerfahren sind: man merkt, dass man
In mir entstand das Bedürfnis, etwas zu tun. So viele nicht alleine ist. Und je mehr Menschen ich kennenge-
Menschen auf der Welt sind von dieser Krankheit betrof- lernt habe, denen es ähnlich ging, desto mehr merkte ich:
fen, doch kaum einer kennt sie. Wie kann das sein? Also wir sind viele. Und wir lassen uns nicht unterkriegen.
fing ich an, zu schreiben. Über meine Erlebnisse, über
meine Wünsche, über meine Ängste. Das Schreiben hatte
für mich nicht nur etwas Therapeutisches. Es verband
mich mit vielen anderen Menschen, die Ähnliches durch-
lebt hatten. Menschen, die gleiche Ängste, Wünsche und Zur Person
Sorgen hatten. Plötzlich wurde mir bewusst: es gibt so
viele da draußen, denen es ähnlich geht. Ich merkte, ich Andrea Strohriegl findet ihr als Rea Strawhill
bin nicht alleine. auf Instagram
Anfangs hatte ich große Angst, so offen zu meiner Dia- Instagram.com/reastrawhill
gnose zu stehen. Einige hatten mich gewarnt, öffentlich
www.behindertenrat.at 15Mobilität
Mit voller Power in die Diskriminierung
E-Ladestationen sind nicht barrierefrei Von Emil Benesch
D
ie Elektro-Mobilität entwickelt
sich schnell, aber schlecht.
Denn die Barrierefreiheit von
E-Ladestationen ist in Österreich
nicht sichergestellt. So sind Men-
schen mit Behinderungen von der
Nutzung einer Zukunftstechnologie
ausgeschlossen und gezwungen,
weiterhin Fahrzeuge mit Benzin
und Diesel zu fahren. Im Fall der
Neuanschaffung eines Fahrzeuges
bleibt Menschen mit Behinderungen
nur die Wahl zwischen Benzin und
Diesel. Wer wird schon ein Auto kau-
fen, das nicht eigenständig betankt
werden kann? Was passiert, wenn
alle Firmen- und Dienstfahrzeuge
E-Fahrzeuge sein werden? Werden
Menschen mit Behinderungen ihren
Job verlieren, weil sie das Dienst-
fahrzeug nicht laden und damit nicht
eigenständig fahren können? Werden
Menschen mit Behinderungen bei
der Arbeitsplatzsuche schlechtere
Karten haben, weil sie E-Firmenfahr-
zeuge nicht nutzen können?
5.912 Ladestationen
unbrauchbar?
Laut E-Tankstellenfinder sind zum
Stichtag 09.09.2021 in ganz Öster-
reich 5.912 E-Tankstellen errichtet.
Eine Norm, die die Barrierefreiheit
von E-Ladestationen vorgibt, gibt es
bis heute nicht. 15 Jahre nachdem
der Fahrzeug-Produzent Tesla mit
E-Fahrzeugen in die Serienproduk-
tion gegangen ist. Erst im Februar
2021 wurde mit Überlegungen zur
barrierefreien Ausgestaltung von
Ladestationen innerhalb einer Norm,
der RVS 03.07.21. „Ladeinfrastruktur
im öffentlichen Raum", begonnen.
Nicht barrierefreie Ladestation vor dem Digitalisierungsministerium Foto: Emil Benesch Mit der Produktion von E-Fahrzeu-
gen hätte klar sein müssen, dass
16 www.behindertenrat.atAusgabe 3/2021
E-Ladestationen benötigt werden, verwendet. Inwiefern diese un-
die von allen Menschen benutzt terschiedlichen Systeme und das
werden können. Umfeld der Stationen barrierefrei
sind, ist nicht nachvollziehbar.
Barrierefreiheit kollektiv Der Web-Tankstellenfinder liefert
verschlafen Informationen über Stecker-
Hersteller von E-Fahrzeugen, typus und Ladeleistung von
diverse Firmen und Stromver- Stromtankstellen in ganz Europa.
sorger, die E-Ladestationen Jedoch fehlen auf der Webseite
errichten und Generationen von sowie der „E-Tankstellen-Finder
politisch Verantwortlichen - sie App“ das Thema Barrierefrei-
alle haben nicht dafür gesorgt, heit völlig. Auch die App „Tanke
dass E-Ladestationen von Wien Energie“ enthält keine
Menschen mit Behinderungen Infos zur Barrierefreiheit von
uneingeschränkt genutzt werden E-Ladestationen. Das zeigt die
können. Vor ca. 15 Jahren wurde Gleichgültigkeit und Untätigkeit
mit dem Bau nicht barrierefreier der Unternehmen. Menschen mit
E-Ladestationen in Österreich Behinderungen erhalten keinen
begonnen. Noch heute bauen Zugang zu E-Mobilität.
Firmen - etwa „Wien Energie“ an 09/2021: Werbekampagne mit nicht barriere-
der Wiener Ringstraße, Opern- freier E-Ladestation Foto: Werbeplakat der Wien Energie Umfassende Barrierefrei-
ring 17 – nicht barrierefreie heit nur durch Reparatur
E-Ladestationen. Lenker*innen, Auf die Zukunft vergessen? Verantwortung für die aktuelle
die einen Rollstuhl nutzen, werden Schon heute zeichnet sich die Situation tragen Unternehmen
hier durch hohe Randsteine davon nächste Diskriminierung ab. Tests und politische Entscheidungsträ-
abgehalten, die Ladebuchsen zu und Pläne für die Automatisierung ger*innen. Neben der umfassenden
erreichen. Häufig sind die Ladebuch- der Mobilität werden vorangetrie- Barrierefreiheit im Neubau von
sen so hoch montiert, dass eine im ben. Selbstfahrende U-Bahnen sind Stromtankstellen, müssen tausende
Rollstuhl sitzende Person sie nicht in Wien in Planung, selbstfahrende E-Ladestationen barrierefrei um-
erreicht. Nicht selten wird im Umfeld Busse wurden getestet, selbstfahren- gestaltet werden. Menschen mit
von Ladestationen auch ein nicht de Autos erwartet. Es ist gut mög- Behinderungen benötigen ein Netz
berollbarer Bodenbelag gewählt. lich, dass in absehbarer Zeit auch an barrierefreien E-Ladestationen,
Menschen mit Sehbehinderungen um gleichberechtigt klimaschonend
Forderung: Bau-Stopp für und blinde Menschen Auto fahren mobil sein zu können. Sie haben ein
E-Ladestationen! werden. Aus heutiger Sicht werden Anrecht darauf.
Der Österreichische Behindertenrat es keine E-Autos sein können, denn
hat bereits in der Vergangenheit die E-Ladestationen verfügen über
einen Baustopp gefordert, für den unzureichende tastbare Orientier-
Fall, dass die Barrierefreiheit neuer ungsmöglichkeiten. Alle optischen Zum Autor
Ladestationen nicht sichergestellt Informationen einer E-Ladestation
werden kann. Diese Forderung nach müssten für Personen mit Sehbe- Emil Benesch leitet im
einem Baustopp für diskriminieren- hinderungen taktil oder akustisch Behindertenrat die inklusive
de Ladestationen in ganz Österreich vermittelt werden. Die zu tausenden Planungsgruppe und ist für den
bleibt aufrecht. Jede einzelne nicht gebauten E-Ladestationen entspre- Themenbereich Barrierefreiheit
barrierefreie E-Ladestation ist ein chen diesen Anforderungen nicht. zuständig.
weiterer Beitrag dazu, die gleichbe-
rechtigte gesellschaftliche Teilhabe Digitalisierung ohne Kontakt:
zu verhindern und viele Menschen Mehrwert e.benesch@behindertenrat.at
im ganzen Land auf Jahre zu In Österreich werden unterschied- +43 660 91 19 813
behindern. liche E-Ladestationen-Varianten
www.behindertenrat.at 17COVID-19
Corona-Schutzimpfung
Informationen in Leichter Sprache
Von Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz
Impfen schützt Sie und Ihre Familie!
Die Corona-Schutz-Impfung ist der Weg
zurück zu einem normalen Leben.
Wer geimpft ist, schützt sich und sein Umfeld.
Denken Sie an Ihre eigene Gesundheit.
Denken Sie auch an die Gesundheit Ihrer Familie und
Ihrer Freundinnen und Freunde:
Lassen Sie sich impfen!
Welche Corona-Impfstoffe gibt es?
Es gibt verschiedene Impfstoffe.
Alle Impfstoffe wurden von Expertinnen und Experten geprüft.
Sie sind von der europäischen Behörde für Arzneimittel zugelassen.
Alle Impfstoffe sind sehr sicher.
Foto: pixabay.com
Reaktionen auf die Impfung
Die Einstichstelle kann rot werden oder anschwellen.
Die Haut kann warm werden.
Auch Schmerzen an der Einstichstelle sind möglich.
Häufig sind auch Kopfschmerzen oder Fieber.
Oder man fühlt sich sehr müde. Das ist ganz normal.
Diese Nebenwirkungen gehen rasch vorbei. Das ist kein Grund zur Sorge.
Alle diese Reaktionen auf die Impfung sind harmloser als die Erkrankung.
Die Corona-Erkrankung kann lebensbedrohlich sein. Sie kann auch Folgeschäden bringen.
Sicher geimpft
Die Impfstoffe wirken:
Wo bereits viele Menschen geimpft sind, geht die Zahl der Infektionen stark zurück.
Mehr als die Hälfte der Menschen in Österreich hat bereits eine Corona-Schutzimpfung erhalten.
Das heißt aber auch:
Viele sind derzeit noch ungeschützt! Nur eine Impfung schützt vor einer schweren Erkrankung.
Das müssen Sie vor der Corona-Schutzimpfung wissen
Kostet die Impfung etwas? Nein, die Corona-Schutz-Impfung ist kostenlos.
Wo kann ich mich für die Impfung anmelden? Dafür gibt es 2 Möglichkeiten:
• über die Online-Plattformen der Bundesländer Österreich impft – Initiative gegen das Coronavirus
www.oesterreich-impft.at
• oder telefonisch unter der Telefonnummer 1450.
18 www.behindertenrat.atAusgabe 3/2021
Wo wird geimpft?
Geimpft wird
• in Impfstraßen oder
• bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten. Das sind zum Beispiel Hausärztinnen und Hausärzte.
Mehr dazu erfahren Sie bei der Anmeldung zur Impfung.
Das müssen Sie zur Impfung mitbringen:
Bitte bringen Sie diese Unterlagen zur Impfung mit.
• Ihre E-Card
• Ihren Impfpass
• Ihren Allergiepass
• Den Aufklärungs- und Dokumentationsbogen Schutzimpfung COVID-19
Diesen Aufklärungs- und Dokumentationsbogen finden Sie im Internet.
Sie können ihn ausdrucken und ausgefüllt zur Impfung mitbringen.
Sie bekommen ihn aber auch in der Impfstraße oder bei Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt.
Das gilt nach der Corona-Schutzimpfung
Welche Schutzmaßnahmen bleiben aufrecht?
Es gibt verschiedene Schutzmaßnahmen wie Abstand halten, Testen und das Tragen von Masken.
Diese Maßnahmen sind weiterhin wichtig, bis die meisten Leute geimpft sind.
So schützen wir all jene Menschen, die noch nicht geimpft sind.
Wo wird die Corona-Schutz-Impfung eingetragen?
Die Corona-Schutzimpfung wird in Ihren Papier-Impfpass oder in das Impf-Kärtchen eingetragen.
Sie wird auch in den elektronischen Impfpass, kurz e-Impfpass, eingetragen.
Das macht die Ärztin oder der Arzt bei der Impfung.
Wann kann ich wieder reisen und die Familie besuchen?
Geimpft, getestet oder nach einer Corona-Erkrankung wieder genesen:
Das wird in den Grünen Pass eingetragen.
Mit dem Grünen Pass können Sie in Lokale gehen.
Sie können Kultur-Veranstaltungen und Sport-Veranstaltungen besuchen.
Und Sie können wieder verreisen.
Das ist eine Kurzinformation zur Corona-Schutzimpfung in leichter Sprache.
Sprechen Sie vor der Impfung auf jeden Fall mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt.
Mehr dazu auf der Website des Sozialministeriums:
www.sozialministerium.at/Corona-Schutzimpfung
www.sozialministerium.at/Services/Leichter-Lesen
www.behindertenrat.at 19Bildung
„Nicht genügend“ für das
Bildungsministerium
Behindertenrat verteilt 10-Jahreszeugnis Von Heidemarie Egger
Ursula Naue (Universität Wien), Claudia Rauch (Pädagogische Hochschule NÖ), Wilfried Prammer (Pädagogische Hochschule OÖ),
Bernhard Bruckner (Österreichischer Behindertenrat) Fotos: M. Janousek
N
och immer gehen 40 % der Kinder mit Behinderun- tanz praktisch umsetzt. Das ist keine Utopie, andere Län-
gen in die Sonderschule. Nicht alle erhalten dort der setzen das bereits erfolgreich um,“ erläutert MMag.a
die beste Bildung ihren Fähigkeiten entsprechend. DDr.in Ursula Naue (Institut für Politikwissenschaft, Uni-
Oft liegt der Fokus auf Pflege und Therapie. Öffentliche versität Wien). „Wir brauchen einen Systemwandel. Jedes
Gelder werden weiterhin für den Bau solcher Schulen ver- Kind hat das Recht, wohnortnah qualitativ-hochwertige
wendet. Das ist die falsche Richtung. Bereits seit Jahr- Bildung in der Regelschule zu erhalten. Österreich hat
zehnten kritisieren Betroffene und Wissenschaftler*innen die Verpflichtung dafür zu sorgen und Ressourcen und
das Festhalten an Sonderschulen. Die von Österreich Rahmenbedingungen dafür bereitzustellen,“ plädiert
ratifizierte UN-Konvention über die Rechte von Menschen Prof. Claudia Rauch, MA (Department Diversität Pädago-
mit Behinderungen (UN-BRK) beinhaltet das Menschen- gische Hochschule NÖ, Lehrstuhl für Grundschulpädago-
recht auf ein inklusives Bildungssystem. Alle Kinder gik und -didaktik Universität Passau, Obfrau Uniability).
müssen die beste Bildung ohne Aussonderung erhalten.
Dieser Verpflichtung ist Österreich nicht nachgekommen. Was wir in Österreich ändern müssen:
Die Arbeit des Bildungsministeriums in den letzten 10 • inklusive Bildung bereits im Kindergarten
Jahren genügt nicht, es kann nur die Note „Nicht genü- • Ressourcen und Rahmenbedingungen
gend“ gegeben werden. Zum Schulende 2021 wurde dem für ein inklusives Bildungssystem
Bildungsministerium im Rahmen einer Pressekonferenz • Barrieren dürfen nicht zur Einbahn in Richtung
ein ernüchterndes Zeugnis ausgestellt. Sonderschule werden
• politischer Wille, um ein inklusives Bildungssystem
„Inklusive Bildung basiert auf Akzeptanz von Vielfalt und vom Kindergarten bis zur Universität umzusetzen.
verlangt nach einem Bildungssystem, das diese Akzep-
20 www.behindertenrat.atAusgabe 3/2021
Petition www.inklusive-bildung-jetzt.at Menschen mit Behinderungen in Österreich nachhaltig
Alle Menschen haben das Recht auf Bildung! – so der verbessert werden!“ fordert Mag. Bernhard Bruckner
Leitspruch der Petition INKLUSIVE BILDUNG JETZT, deren (interim. Geschäftsführer des Österreichischen Behinder-
Mitinitiator Prof. Wilfried Prammer ist. „Inklusive Bil- tenrats) abschließend.
dung ist kein Sparprogramm. Mit der Petition INKLUSIVE
BILDUNG JETZT verlangen die Unterzeichner*innen von
der Regierung, die dringend notwendigen Ressourcen zur
Verfügung zu stellen,“ fordert Prof. Wilfried Prammer, MA
(Institut Inklusive Pädagogik, Pädag. Hochschule OÖ)
Positionspapier
Der Österreichische Behindertenrat fordert die System-
umstellung in Richtung eines inklusiven Bildungssys-
tems. Die Bildungs-Expert*innengruppe erarbeitete dafür
ein Positionspapier mit konkreten Umsetzungsschritten:
• Schaffung von Aktionsplänen mit konkreten
Schritten zur Errichtung eines inklusiven
Bildungssystem
• Transfer der Ressourcen von der Sonderschule zur
inklusiven Regelschule
• Qualifizierung der im Bildungsbereich tätigen
Personen hinsichtlich Inklusion
Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de
„Die Forderungen des Behindertenrates müssen Eingang Infobox
in den Nationalen Aktionsplan Behinderung 2022-2030 Die entstandenen Papiere finden Sie online:
finden. Wir brauchen endlich ein inklusives Bildungssys- www.behindertenrat.at/2021/04/nap-ag-bildung/
tem in Österreich. Nur damit kann die Lebensrealität von
Ein Zeugnis voller Nicht Genügend für das Bildungsministerium
www.behindertenrat.at 21Kultur
Unbehinderter Kulturgenuss
Forderungen von Menschen mit Behinderungen Von Susanne Buchner-Sabathy
ARCHES Workshop im Kunsthistorischen Museum Foto: KHM-Museumsverband
O
b man sich nun für alte Burgen ner*innen folgende Punkte: eine Abholung von öffentlichen
oder neue Architektur inter- • Wie ist die Bodengestaltung im Verkehrsmitteln angeboten?
essiert, für Dinosaurier oder Außenbereich? „Unverfugtes • Gibt es ein tastbares Leitsystem,
Lokomotiven, für Michelangelos Kopfsteinpflaster ist mit Roll- das blinden Menschen das Auf-
Skulpturen oder für die Gemälde stuhl kaum befahrbar“, so Karin finden des Eingangs ermöglicht?
von Maria Lassnig – Museen und Chladek. • Gibt es in mehrstöckigen Ge-
Ausstellungen sind attraktive Frei- • Gibt es einen barrierefreien bäuden gut auffindbare Lifte,
zeit- und Bildungsangebote für alle Zugang, der mit Rollstuhl oder die alle Ausstellungsbereiche
Menschen. Für diesen Artikel wurden Rollator problemlos genutzt erschließen?
kunst- und kulturinteressierte Men- werden kann? • Sind die Toiletten mit Rollstuhl
schen mit Behinderungen gefragt, • Ist die Webseite des Museums zugänglich?
worauf Museen achten sollten, damit barrierefrei? Gibt es dort Informa- • Gibt es ein tastbares Leitsystem,
ihr Kulturgenuss ungetrübt ist. tionen zur Barrierefreiheit? Wird einen tastbaren Plan oder an-
eine Ansprechperson genannt? dere technische Einrichtungen,
Gute Wege • Gibt es auf der Webseite des die blinden und sehbehinder-
Für den Weg ins Museum und für die Museums eine Wegbeschreibung, ten Menschen Orientierung im
Wege im Museum, für die Ausstel- die blinden und sehbehinderten Gebäude und in Ausstellungen
lungsgestaltung und für die Ausstat- Menschen ermöglicht, den Weg ermöglichen?
tung nannten die Gesprächspart- zum Museum zu finden? Wird • Werden Ausstellungsobjekte und
22 www.behindertenrat.atAusgabe 3/2021
Beschriftungen so präsentiert, Detaillierte Beschreibungen Video-Material?
dass sie aus sitzender Position Wertvolle Informationen beziehen • Gibt es bei Führungen Unter-
gut gesehen werden können? blinde und sehbehinderte Menschen stützung durch Gebärdensprach-
• Gibt es Beschriftungen in auch aus Beschreibungen von Ob- oder Schriftdolmetscher*innen?
Brailleschrift, sodass blinde jekten oder Gemälden. Die visuelle
Menschen erfassen können, um Erfahrung eines sehenden Menschen Leichte Sprache
welches Objekt es sich handelt? vor einem Bild ist komplex und Die Inhalte, die in Museen vermittelt
vielschichtig und kann wohl nie werden, sind oft sehr komplex. Gibt
Denkmalschutz vollständig wiedergegeben werden. es auf der Webseite des Museums
Bauliche Barrierefreiheit betrifft Wichtig ist aber, dass alle Details und in den Ausstellungen Informa-
Menschen mit unterschiedlichen genau beschrieben und kulturge- tionen in leichter Sprache? „Davon
Formen von Behinderungen. Um schichtlich und kunstgeschichtlich profitieren nicht nur Menschen mit
Mängel in diesem Bereich zu recht- erklärt werden. „Auch die Empfin- kognitiven Einschränkungen“, be-
fertigen, wird oft der Denkmalschutz dungen, die das Bild bei sehenden tont Jörgis Maislinger, „sondern auch
angeführt. „Davon sollte man sich Menschen auslöst, gehören zu einer gehörlose Menschen und Menschen
nicht abschrecken lassen“, sagt guten Bildbeschreibung“, betont mit nicht-deutscher Muttersprache.“
Karin Chladek, „Denkmalschutz und Erich Schmid, „aber sie sollten klar
bauliche Barrierefreiheit lassen getrennt sein von objektiveren Tei- Entspannter Respekt
sich durchaus vereinbaren.“ Monika len der Beschreibung.“ Alle Gesprächspartner*innen wün-
Schmerold erzählt begeistert von Der direkte Kontakt mit Expert*in- schen sich in Museen einen respekt-
der ehemaligen königlichen Yacht nen, die Ausstellungsobjekte vollen und entspannten Umgang
Britannia, die in allen Teilen mit beschreiben, wird sehr geschätzt. mit dem Thema Behinderung. Um
Rollstuhl besichtigt werden kann. Wolfgang Kremser empfiehlt das das zu erreichen, müssen Mitarbei-
Technische Museum Wien, das ter*innen sensibilisiert und alte
Ertasten können persönliche Führungen für blinde Konzepte hinterfragt werden. Wobei
Sehbehinderte und blinde Menschen Menschen anbietet. sich Museen, wie Monika Schmerold
schätzen es sehr, wenn sie sich betont, unbedingt von erfahrenen
mittels Tastmodelle oder Tastreliefs In vielen Museen gibt es Audiogui- Expert*innen mit Behinderungen
einen Eindruck von einem Objekt des, mit denen akustische Infor- beraten lassen sollten. Franz Mayer
oder einem Bild verschaffen können. mationen zu Ausstellungsinhalten sieht hier viel Raum für spannende
In seltenen Fällen dürfen Skulpturen abgerufen werden können. Dabei Experimente und eine Chance für
oder Gerätschaften berührt werden, stellt sich die Frage: einen fruchtbaren Dialog.
manchmal gibt es gute Nachbil- • Ist das Gerät auch für Menschen „Wir möchten genauso wahrgenom-
dungen. „Auch wenn ich sehr gute bedienbar, die einen Touch- men werden wie alle anderen Besu-
Beschreibungen bekomme“, sagt screen nicht sehen können cher“, betonen Veronika und Franz
Marion Putzer-Schimack, „möch- oder die darauf nicht gut tasten Mayer. „Es geht lediglich darum,
te ich ganz unmittelbare, eigene können? den fehlenden visuellen Eindruck zu
Erfahrungen machen. Ich wünsche • Kann man das Gerät umhängen kompensieren.“
mir ein Erlebnis für alle Sinne, wie und den Kopfhörer anstecken, Stefan Musil hat im Projekt ARCHES
zum Beispiel im Loisium oder bei sodass die Hände frei sind – zum erlebt, was eigentlich selbstver-
den archäologischen Ausgrabun- "Händchenhalten" oder für die ständlich sein sollte: eine Begeg-
gen in Aquileia.“ Erich Schmid fand Betätigung eines Rollstuhls? nung mit Wertschätzung und auf
das Museum der Deutschen Einheit Augenhöhe.
beeindruckend: „Es gibt viele Hör- Das Mehr-Sinne-Prinzip ist auch für
stationen und eine Reliefdarstellung Film und Videos wichtig.
des Brandenburger Tors.“ Veronika • Können die Audioinhalte auch
Mayer besichtigte die Britischen abgeschirmt vom Umgebungslärm
Kronjuwelen im Tower von London: angehört werden? Ist eine Kopp-
„Bei jeder Vitrine gibt es ein tastba- lung mit Hörsystemen möglich?
res Relief.“ • Gibt es Audiobeschreibungen für
www.behindertenrat.at 23Sie können auch lesen