Schlafkrankheit - neue Medikamente für eine alte Seuche - Naturwissenschaftliche Gesellschaft Winterthur 27. Februar ...

Die Seite wird erstellt Wehrhart Bach
 
WEITER LESEN
Schlafkrankheit - neue Medikamente für eine alte Seuche - Naturwissenschaftliche Gesellschaft Winterthur 27. Februar ...
Schlafkrankheit – neue Medikamente für eine alte Seuche
         Naturwissenschaftliche Gesellschaft Winterthur
                       27. Februar 2015

                  Prof (em) THOMAS SEEBECK

              thomas.seebeck@izb.unibe.ch
Schlafkrankheit - neue Medikamente für eine alte Seuche - Naturwissenschaftliche Gesellschaft Winterthur 27. Februar ...
“. . . it is really possible in every animal species and with every kind of
trypanosome infection to achieve a complete cure with one injection,
a result which corresponds to what I call therapia sterilisans magna.”

                                     Paul Ehrlich über die Chemotherapie der
                                     Schlafkrankheit in seiner Rede zur
                                     Entgegennahme des Nobelpreises 1908

                                                                    NGW Winterthur 27.2.2015
Schlafkrankheit - neue Medikamente für eine alte Seuche - Naturwissenschaftliche Gesellschaft Winterthur 27. Februar ...
Schlafkrankheit – die frühe Forschung

                1332-1395

14. Jahrhundert: Der arabische Arzt / Historiker / Philosoph und
Jurist IBN KHALDUN beschreibt die erste Fallstudie von menschlicher
Schlafkrankheit am Beispiel eines lokalen Königs von Mali

                                                                      NGW Winterthur 27.2.2015
Schlafkrankheit - neue Medikamente für eine alte Seuche - Naturwissenschaftliche Gesellschaft Winterthur 27. Februar ...
1841 entdeckt Prof. Gabriel Valentin vom Physiologischen Institut
der Universität Bern einen merkwürdig beweglichen Mikroorganismus
                         im Blut eines Fischs

                                   Dieser Organismus war der erste
                                   Vertreter einer riesigen Familie
                                   von Protozoen, von denen viele als
                                   Parasiten leben. Mehrere von ihnen
                                   sind wichtige Krankheitserreger des
        1841                       Menschen, seiner Haustiere, und von
   GABRIEL VALENTIN                Nutzpflanzen
 “Ueber ein Entozoon
 Im Blute von Salmo faris”

                                                                   NGW Winterthur 27.2.2015
Schlafkrankheit - neue Medikamente für eine alte Seuche - Naturwissenschaftliche Gesellschaft Winterthur 27. Februar ...
Die erste Publikation
von Gabriel Valentin
über Trypanosomen

                        NGW Winterthur 27.2.2015
Schlafkrankheit - neue Medikamente für eine alte Seuche - Naturwissenschaftliche Gesellschaft Winterthur 27. Februar ...
Die CHAGAS KRANKHEIT
 Eine Infektionskrankheit die in 18 Ländern Mittel- und Südamerikas endemisch ist

 Sie wird verursacht durch den einzelligen Parasiten Trypanosoma cruzi der durch
 Bettwanzen übertragen wird
 Man rechnet momentan mit 16 – 18 Millionen Fällen.

 Die Krankheit verläuft in zwei Phasen. In einer ersten, akuten Phase stirbt ein Teil der
 Patienten, v.a. Kinder. In den Ueberlebenden folgt eine lange (Jahrzehnte !) Phase ohne
 Symptome. Bei ca. 2/3 der Patienten heilt die Infektion in dieser Phase ab. Beim
 Rest treten dann als Spätfolgen tödliche Probleme mit der Muskulatur des Herzens und
 des Verdauungstrakts auf

                                                                                   agencia.fapesp.br

Rhodnius prolixus
                                                        cienciahoje.uol.com.br   NGW Winterthur 27.2.2015
Schlafkrankheit - neue Medikamente für eine alte Seuche - Naturwissenschaftliche Gesellschaft Winterthur 27. Februar ...
CHAGAS KRANKHEIT: die Symptome

                                         Romaña's Sign:
                                         die frühe Phase

                                           Megacolon: späte Phase

Kardiomegalie: späte Phase

                                                                       sbcp.org.br

                         health.gov.mt
                                                                    NGW Winterthur 27.2.2015
Schlafkrankheit - neue Medikamente für eine alte Seuche - Naturwissenschaftliche Gesellschaft Winterthur 27. Februar ...
Die LEISHMANIOSEN: ein Komplex von klinisch sehr verschieden
                                       verlaufenden Infektionen
                      Verursacher sind verschiedene Spezies von Leishmania ssp. welche von
                     zwei Sandfliegenarten übertragen werden (Phlebotomus in der Alten Welt,
                                        und Lutzomyia in der Neuen Welt)

                                                                                                    wikimedia.org

                                                      parasitophilia.blogspot.com

    bvgh.org
                            Lutzomya longipalpis

                                                                                    Infizierte Macrophagen

                                                   Leishmania mexicana

primeraedicionweb.
com.ar

                                                                                               NGW Winterthur 27.2.2015
                                     2 mm
Schlafkrankheit - neue Medikamente für eine alte Seuche - Naturwissenschaftliche Gesellschaft Winterthur 27. Februar ...
Viszerale
Die verschiedenen klinischen                                                             Leishmaniose
Verläufe der Leishmaniosen                                                               (Kala Azar)
                                                                                         (v.a. Indien)
                     Kutane
                     Leishmaniose
                     (Aleppobeule)
                     (v.a. Mittlerer
                     Osten)

                                                                  pubs.acs.org

Leishmaniose beim Hund                           leishdomus.org

                                            Mucokutane
                                            Leishmaniose
                                            (Espundia;
                                            Chiclero Ulzer)
                                            (v.a. Südamerika)
                           leishdomus.org

                                                                        leishdomus.org   latinpharma.net
NGW Winterthur 27.2.2015
Schlafkrankheit - neue Medikamente für eine alte Seuche - Naturwissenschaftliche Gesellschaft Winterthur 27. Februar ...
Ein dritter Verwandter des Fischparasiten den Herr Valentin in Bern
entdeckte ist, resp. sind die beiden Erreger der menschlichen Schlafkrankheit,
    Trypanosoma brucei gambiense und Trypanosoma brucei rhodesiense

          T.b. gambiense                     T.b. rhodesiense
          (der langsame Killer)              (der schnelle Killer)

                                                                       NGW Winterthur 27.2.2015
Die Schlafkrankheit ist ein alter Fluch grosser Gebiete Afrikas (38 Länder sind
  betroffen). Die menschliche Form der Krankheit verläuft unabänderlich tödlich,
 die tiermedizinische Form verursacht katastrophale oekonomische Schäden und
ist vielen Gegenden ein grosses Hindernis für die landwirtschaftliche Entwicklung.

 Zu Kolonialzeiten konnte die menschliche Schlafkrankheit durch rigorose Kontrollen
 und Zwangsbehandlung einigermassen in Grenzen gehalten werden

                                                                          NGW Winterthur 27.2.2015
Warum reiten diese Herren nicht viel
bequemer zu Pferde ?

                            NGW Winterthur 27.2.2015
Der Lebens-Zyklus von Trypanosoma brucei

In der TSETSE
Fliege                    Blut-
                          Mahl

                 Midgut           SHORT
                                  STUMPY
          PROCYCLIC

          Salivary                  blood-             Blut-Ausstrich
           gland                    stream

         EPIMASTIGOTES
                              LONG
                META-         SLENDER
                CYCLICS

                          Blut-            im Säuger
                          Mahl
                                                        NGW Winterthur 27.2.2015
Die Tsetse-Fliege (Glossina ssp): etwa 20 verschiedene Arten

rayandeson.blogspot.com

                                                                               Glossina ist
                                                                               lebend-
                                                                               gebärend !

                                        pic2fly.com
  Mit Trypanosomen
  infizierte Speicheldrüse                                                     NGW Winterthur 27.2.2015
Prävention: Bekämpfen und Vermeiden der Tsetse Fliege

                  Schulmaterial zur Warnung vor der Tsetse-Fliege

  Tsetsefliegen-Falle                                               NGW Winterthur 27.2.2015
Nach dem Biss einer infizierten
                                  Von dort wandern die
Tsetsefliege bildet sich zuerst
                                  Parasiten in die Blutbahn
eine schmerzhafte Schwellung
                                  und vermehren sich dort
an der Bissstelle

                                                        NGW Winterthur 27.2.2015
Solange die Trypanosomen noch im Blutkreislauf sind, kann eine Infektion
  entweder durch mikroskopischen Nachweis der Parasiten im Blut, oder durch
  einen Agglutinations-Test (CATT: Card Agglutination Test for Trypanosomiasis)
                              nachgewiesen werden

Hämatokrit-Zentrifuge zur Anrei-                                    CATT-Test
cherung der Trypanosomen

                    Plasma

                    Leuk + Tryps

                    EC
                                                                           NGW Winterthur 27.2.2015
In der Spätphase durchdringen die Trypanosomen
dann die Blut-Hirn-Schranke und befallen das
Zentralnervensystem (ZNS)

             Für die Diagnose einer Infektion
             im Spätstadium muss Liquor durch
             Punktion des Rückenmarks gesammelt
             werden

         Lumbalpunktion im Dorf

                                                           Auffangen des Liquors

                                                    Im ZNS sind die Trypanosomen
                                                    auch für die meisten Medikamente
                                                    unzugänglich !
                           www.finddiagnostic.org                                  NGW Winterthur 27.2.2015
Der Stand der Dinge in der medikamentösen
     Behandlung der Schlafkrankheit:

Katastrophal!
Eine Schande für die moderne Pharmakologie:

       Die heute vorhandene Chemotherapie ist fast vollkommen
      abhängig von nur vier alten und hoch-toxischen Substanzen:

Frühes Infektionsstadium (ZNS nicht infiziert):
    - Suramin (T. rhodesiense) (1919 eingeführt !)
    - Pentamidin (T. gambiense) (1941 eingeführt)

Spätes Stadium (ZNS Infektion):
    - DFMO (Eflornithin) ( nur T. gambiense) (1990 eingeführt)
    - Melarsoprol (T. gambiense und T. rhodesiense)
                        (1949 eingeführt)

                                                                   NGW Winterthur 27.2.2015
Und zusätzlich:

Die Produktion zweier dieser Substanzen, Melarsoprol and Eflornithin,
wurde zeitweilig eingestellt. Damit blieb lediglich eine Medikamenten-Reserve
für etwa zwei Jahre übrig

Die Produktion von Melarsoprol, einer Arsen-haltigen Verbindung, war nicht länger
mit Umweltauflagen für die Produktion vereinbar. Eflornithin wurde nicht mehr
produziert weil es sehr teuer in der Herstellung ist, und seine einzige Anwendung
die afrikanische Schlafkrankheit war.
Dann aber:

         Massiver politischer Druck von allen Seiten überzeugte den
         Hersteller von Melarsoprol, die Substanz weiterhin zu produzieren

         Eflornithin wurde “wiederentdeckt” als ein essentieller Zusatzstoff
         für eine Haarentfernungscrème. Plötzlich war seine Herstellung
         wieder ökonomisch interessant.
                                                                               NGW Winterthur 27.2.2015
Eflornithin

                      Für ihn zu teuer

Als Kosmetikum ein
ökonomischer Erfolg

                                         NGW Winterthur 27.2.2015
Gegenwärtig sind eine neue Kombination zweier alter Wirkstoffe,
      sowie zwei neue Wirkstoffe in klinischer Erprobung:

1. Die Kombinationstherapie (NECT) mit Eflornithin und Nifurtimox (einem
Wirkstoff der bereits gegen die Chagas Krankheit eingesetzt wird) verkürzt die
Therapiedauer und vereinfacht die Logistik gegenüber der Therapie
mit Eflornithin allein

             Eflornithin                                           Nifurtimox

2. Die Nitroimidazol-Verbindung Fexinidazol. Sie wurde von Hoechst AG als
Wurmmittel entwickelt, aber in den 80er Jahren aufgegeben. In Zusammen-
Arbeit mit der Drugs for Neglected Diseases Iniative (DNDi) wurde die
Substanz nun als Trypanosomen-Medikament “wiederbelebt” und ist im
klinischen Test
                                                  Fexinidazol

3. Einige Oxaborole sind als neue, hochpotente und sichere Trypanozide
im klinischen Test

                                                                      NGW Winterthur 27.2.2015
Warum weiterhin nach neuen Medikamente suchen wenn bereits eines
   oder mehrere, oder zumindest gute Kandidaten, vorhanden sind ???

Die Ausfallquote während der Entwicklung, inklusive klinische Tests, ist
nach wie vor hoch

Keines der etablierten Medikamente ist ohne Probleme

Die Entstehung von Medikamenten-Resistenz ist ein permanentes, sehr
schwerwiegendes Problem aller Infektionskrankheiten. Die Verfügbarkeit von
mehreren, chemisch und mechanistisch verschiedenen Wirkstoffen kann
diese Entwicklung bremsen

                                                                           NGW Winterthur 27.2.2015
Beispiel für das Risiko bei der Medikamentenentwicklung:
    Pafuramidin, ein oraler Wirkstoff gegen die Schlafkrankheit

                                                     Pafuramidin Maleat DB289
                                                          entwickelt am Schweizerischen
                                                          Tropeninstitut, www.swisstph.ch

2000 aus einem Screening Programm ausgewählt für weitere Entwicklung;
         präklinische Tests und Proof-of-Concept Studien

2001 Phase II Versuche in der Demokratischen Republik Kongo (DRC) und in Angola;
        sehr gute Resultate. Behandlungsdauer wird von 5 auf 10 Tage verlängert.

2005-2009 klinische Versuche (Phase III) in DRC, Angola und Süd-Sudan.
              273 Patienten werden behandelt (Behandlungsdauer 10 Tage) und dann
              über 2 Jahre weiterverfolgt
Oktober 2007 zusätzliche Phase I Studien (gesunde Freiwillige) in Südafrika:
                    Behandlungsdauer verlängert auf 14 Tage

Februar 2008 Projekt gestoppt da 6 der Probanden Nierenschäden entwickelten und
              hospitalisiert werden mussten

                                                                                 NGW Winterthur 27.2.2015
Erste Schritte zur Entwicklung eines neuen Wirkstoffes am
               Institut für Zellbiologie der Universität Bern

Ausgehend von einer definierten zellbiologischen Hypothese konnte ein
ein bestimmtes Enzym (eine cAMP-spezifische Phosphodiesterase) als
aussichtsreiches Ziel (“Target Identification”) identifiziert werden (in der Theorie)

Durch eine genetische Technik (RNA Interferenz) konnte nachgewiesen werden
dass dieses Enzym in der Tat essentiell ist, d.h dass der Parasit eine Hemmung
dieses Enzyms nicht überlebt (“Target Validation”)

In weiteren Schritten wurde dann nach chemischen Verbindungen gesucht
welche dieses Enzym möglichst effektiv und möglichst spezifisch hemmen
(“High Throughput Screening”)

Aus diesen Arbeiten entwickelte sich rasch eine “Public-Private Partnership”,
also eine enge Zusammenarbeit zwischen akademischen Forschungsgruppen,
verschiedenen Pharma-Unternehmen und internationalen Organisationen

                                                                         NGW Winterthur 27.2.2015
Signalübermittlung durch cAMP – ein “Executive Summary”

                                                                           PDE
                                                                                          5’-AMP
                                                                     (Phosphodiesterase)

                           ATP                     cAMP

                                 CFTR Kanal
                                                                        Guanosin-Nukleotid
                                                                        Austausch-Proteine
                           Hyperpolarizations-
                                                                        (GEFs)
                           aktivierte
                           Ionenkanäle
                                                                       CNG Kanäle
                                                                       (z.B. des Geruchssinns)
                             Protein Kinase A

NGW Winterthur 27.2.2015
                                                          etc, etc
In der menschlichen Pharmakologie sind Inhibitoren der Phosphodiesterasen
sehr erfolgreich zu klinisch eingesetzten Medikamenten entwickelt worden.
Das wahrscheinlich bekannteste davon ist:

                                                  Sildenafil (Viagra®)

                                                   ein potenter Inhibitor
                                                   der menschlichen
                                                   Phosphodiesterase 5

                                                                   NGW Winterthur 27.2.2015
RNA Interferenz
erlaubt es, in lebenden Zellen (welche
gleichzeitig Tausende von verschiedenen
mRNAs exprimieren) eine ganz bestimmte
mRNA gezielt auszuschalten

Sie benützt einen evolutionär alten
Mechanismus mit welchem die Zellen
doppelsträngige RNA als Alarmzeichen
erkennen, diese abbauen und gleichzeitig
auch alle mRNAs welche die gleichen
Sequenzen tragen.

Dieser Mechanismus schützt Zellen
vor dem Ueberhandnehmen
von mobilen genetischen Elementen          gene-quantification.de

                                                                    NGW Winterthur 27.2.2015
Die Identifikation der Phosphodiesterase von T. brucei als Drug Target

1. Die vorhandenen Daten lassen darauf schliessen dass die
Phosphodiesterase ein zentral wichtiges Enzym der intrazellulären
Signalübermittlung von Trypanosomen ist

2. Die daraus abgeleitete Hypothese besagt dass eine Eliminierung
dieser Phosphodiesterase für den Parasiten lethal sein sollte

3. Die experimentelle Frage lautet nun:
Wenn wir die mRNA für die Phosphodiesterase via RNA-Interferenz
eliminieren, und die Zelle somit keine Phosphodiesterase mehr
produzieren kann – ist das für den Parasiten in der Tat tödlich ?

                                                                     NGW Winterthur 27.2.2015
Der Einbau eines induzierbaren RNA-Interferenzkonstrukts ins Genom
                   eines experimentellen T. brucei Stammes

                           T7 Promotor                            T7 Terminator
                                                 RNAi Konstruct

Wirts-Zelle exprimiert:
                                  Tet-Operator
T7 Polymerase
Tet Repressor
                                           T
                          + Tet                                                   AAAAAAA

                              Freisetzung des Repressors durch
   Tet-Repressor
                              Tetrazyklin induziert die Transkription
   blockiert die
                              der Hairpin-RNA. Diese löst dann via
   Transkription
                              den Interferenzmechanismus die
                              Zerstörung der Ziel-mRNA aus
                                                                                     NGW Winterthur 27.2.2015
Induktion der RNA Interferenz gegen die mRNA für die Phosphodiesterase
        verursacht ein rasches Absterben der Parasiten-Zellen in der Zellkultur

                                                                    Wildtyp Stamm
                                                                       (± Tetrazyklin)
                                                                    RNAi ohne Tetrazyclin
                                                                     (Kontrolle)

                                                                    RNAi plus Tetrazyclin
                                                                    (RNA Interferenz
                                                                         wird induziert)

Oberholzer et al. FASEB J. 21, 2007, 720

                                                                             NGW Winterthur 27.2.2015
Induktion der RNA Interferenz gegen die mRNA für die Phosphodiesterase
      verursacht eine rasche Elimination der Parasiten in der Maus

                                                  1 mg/ml Tetrazyklin
                                                     im Trinkwasser
                         109
                                                  X                    5 x108 limit   X kein Tetrazyklin
Trypanosomen / ml Blut

                                                                                           (Kontrolle)
                         108

                         107

                         106
                                                                                         plus Tetrazyklin

                               0   50       100        150       200

                                    Stunden nach der Infektion

                    wird die Phosphodiesterase inaktiviert (durch RNAi) so sterben die
                    Trypanosomen sehr rasch ab und die Infektion ist geheilt
                                                                                                   NGW Winterthur 27.2.2015
Wie findet man nun einen guten Hemmstoff      Teil 1
                                            für die Phosphodiesterase

               1. Man produziere genügend Enzym (z.B. durch biochemische Reinigung
                  (mühsam !) oder durch Rekombinanten-Technologie (auch mühsam !))

               2. Man synthetisiere genügend viele verschiedene Wirkstoff-Kandidaten
                           (ca. 500’000 - 1 Million)
              3. Man teste jede dieser Verbindungen gegen das
                           Enzym (siehe 1) mit Hilfe entweder von
                           sehr vielen sehr willigen Masterstudierenden . . .

                                                              . . . oder einem
                                                              geeigneten Roboter   r

NGW Winterthur 27.2.2015
Wie findet man nun einen guten Hemmstoff   Teil 2
              für die Phosphodiesterase ?

4. Man teste ob die gefundenen Substanzen
auch in ganzen Zellen aktiv sind

5. Man optimiere die besten Verbindungen
durch chemische Modifikation
(spezifischer, wirksamer, bessere
pharmakologische Eigenschaften, etc)

6. Etc, etc etc . . . (2 - 4 Jahre)

                                                  NGW Winterthur 27.2.2015
Ein “High-Throughput-Screening” einer proprietären Substanzbank
         (von Nycomed Pharma / Takeda Pharma; ca. 500’000 Verbindungen)
       mit rekombinanter Phosphodiesterase produzierte eine Serie von hoch
         potenten Hemmstoffen (EC50 Werte im tiefen nanomolaren Bereich).
Diese sind ca. 1000-mal potenter als der beste bisher verfügbare Wirkstoff (Sildenafil)

                                               Sildenafil
                                                                  IBMX
                                                            Rolipram

                                                      Etazolate

                                                       Cpd A

                                                                            NGW Winterthur 27.2.2015
Das Dihydrophthalazinon Cpd A ist ein enorm potenter Hemmstoff für
            die Phosphodiesterase von Trypanosomen

                                                         CpdA:
                                                           IC50     4 nM
                                                           EC50 30-70 nM

                                                       De Koning et al.,
                                                       J. infect. Dis. 206, 2012, 229

                                                                      NGW Winterthur 27.2.2015
Der nächste Schritt: Wie optimiert man die Spezifizität des
                         gefundenen Wirkstoffkandidaten ?

Hier kann die Struktur des Ziel-Enzyms weiterhelfen. Die Raumstruktur der Parasiten-
Phosphodiesterase ist extrem ähnlich mit derjenigen eines entsprechenden
menschlichen Enzyms. ABER: das Trypanosomen-Enzym hat eine “Ausbuchtung”
im aktiven Zentrum die das menschliche Enzym nicht hat (“Parasite Pocket”).
Dieser kleine Unterschied kann nun genutzt werden zum Design von Verbindungen
die ganz spezifisch nur das Parasiten-Enzym hemmen

                                                         blau: LmjPDEB1 (Parasit)
                                                         gold: HsPDE4D2 (Mensch)

Wang et al., Mol. Microbiol. 66, 2007, 1029

                                                                            NGW Winterthur 27.2.2015
Schema der Optimierung eines Wirkstoffes damit er spezifischer
                für Trypanosomen wird
Das menschliche und das Parasiten-Enzym sind extrem ähnlich aufgebaut und
weisen eine Tasche auf in welcher der Inhibitor bindet. Substanzen die nur in
dieser Tasche binden hemmen sowohl das menschliche wie auch das
Trypanosomen-Enzym                                               “parasite
                                                                 pocket”

 Mensch                                                            Trypanosom

Wird der Wirkstoff aber chemisch so modifiziert dass er noch einen “Arm” hat
der in die Parasiten-spezifische Vertiefung hineinreicht, dann kann diese Substanz
nur noch an das Trypanosomen-Enzym binden und dieses spezifisch hemmen

                                                                       NGW Winterthur 27.2.2015
Die “Parasite-Pocket”, der entscheidende
strukturelle Unterschied zwischen dem Enzym
des Menschen und dem der Trypanosomen

                                                     Jansen et al., J. Med. Chem. 56, 2013, 2087
       T. brucei      L. major   T. cruzi   Mensch

  “Compound 1” greift                                       “Compound 2” greift
  nicht in die Parasite                                     in die Parasite Pocket:
  Pocket: unspezifisch                                      parasiten-spezifisch
Der lange Weg zu einem neuen Medikament hat
                             auch Kosten zur Folge

                                          Klinische Entwicklung                        ZULASSUNG
Entdeckung   Vorklinische
                                 Phase I              Phase II             Phase III        Phase IV
             Entwicklung

 8000-
 10,000        10 -30
                                  4-5                    3
                                                                              1

 Zahl Verbindungen
                                                                                                 KOSTEN
                                                                      100 - 500 Mio CHF

                        Modifiziert nach Trends in Parasitol. 17/1, 2001

                                                                                            NGW Winterthur 27.2.2015
Moderne Forschung geschieht nie als Einzelaktion mehr oder weniger genialer
EinzelkämpferInnen im stillen Kämmerlein, sondern ist immer ausgesprochene Team-
             Arbeit und eng in internationale Netzwerke eingebettet !

       Neben den eigentlichen Forschungsgruppen spielen internationale
          Organisationen eine immer wichtigere Rolle, sowohl für die
                  Finanzierung als auch für die Koordination

    Ein paar Beispiele:
         Die Bill and Melinda Gates Foundation:
              http://www.gatesfoundation.org
         Die Drugs for Neglected Diseases Initiative:
              http://www.dndi.org
         Das TDR Programm der Weltgesundheitsorganisation (WHO):
              http://apps.who.int/tdr/
         Das Finddiagnostics Programm:
              http://www.finddiagnostics.org

                                                                         NGW Winterthur 27.2.2015
Die laufenden Entwicklungsarbeiten an den Phosphodiesterase-Inhibitoren
als Antiparasitika laufen momentant im Rahmen eines multinationalen Konsortiums
das unter anderem vom EU Rahmenprogramm 7 finanziert wird

http://www.pde4npd.eu

VU Amsterdam, Dept. Chemie (Prof. Rob Leurs; Leiter des Konsortiums)
University of Glasgow
IOTA Pharmaceuticals (Cambridge, UK)
University of Kent (Canterbury, UK)
European Screening Port (Hamburg)
Consejo Superior de Investigaciones Scientificas (Madrid)
Theodor Bilhartz Institut (Kairo)
Universität Antwerpen
Instituto Oswaldo Cruz (Rio de Janeiro)
TIPharma (Leiden)

                                                                       NGW Winterthur 27.2.2015
Sie können auch lesen