Tatort Bottwartal Helga Becker

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Tatort Bottwartal Helga Becker
STEINHEIMER NACHRICHTEN                                                                 Beiträge zur Heimatkunde Nr. 01· 2021   I

Helga Becker

Tatort Bottwartal
Von Gerichtsbarkeit und Missetaten – Teil 1

Krimis in Film, Fernsehen oder Literatur     desordnung. Nach dieser Ordnung soll-          Als höhere Gerichtsinstanz fungier-
erfreuen sich großer Beliebtheit. Dem        ten Vogt und Gerichte alle Kriminalfäl-        te das Hofgericht, das seinen Sitz
Publikum wird ein riesiges Angebot an        le sowie Zivilstreitigkeiten bis zu einem      die meiste Zeit in Tübingen hatte. Für
schauerlichen, spannungsgeladenen            Streitwert von 6 Pfund Heller verhan-          Streitigkeiten mit reichsunmittelbaren
und diffizilen Fällen vor Augen geführt.     deln. Das Urteil wurde durch Umfrage           Herrschaften wie Reichsrittern, Reichs-
Viele Sonntagabende werden dem               unter den Gerichtsmitgliedern gefällt.         städten und Klöstern war das Reichs-
‚Tatort‘ gewidmet. Viele Lesestunden         Da sich die frühen Gerichte aus Bür-           kammergericht zuständig. Das Marba
auf dem Sofa oder im Bett verbracht.         gern zusammensetzten, die meist nur            cher Gericht fungierte unter Vorsitz
Eifersucht, Habgier, Affekt oder blan-       wenige juristische Kenntnisse hatten,          des Vogtes als Vertreter des Herzogs
ke Not lassen die Handelnden zu Ver-         wurden oft, später regelmäßig, Gut-            auch als Halsgericht, d. h. es konnte
brechern werden. Wir genießen diese          achten der Tübinger Juristenfakultät           auch die Todesstrafe verhängen.
Abgründe, weil sie außerhalb unseres         eingeholt und deren Maßgaben meist             Dieses Recht wurde übrigens auch
Lebensradius geschehen. Weit weg,            auch befolgt. Als weiteres lokales Gre-        Melchior Jäger von Gärtringen zuge-
ohne Bezug zu uns oder unserem Um-           mium, das mit Strafgewalt ausgestattet         sprochen, der mit der Zuteilung des
feld. Ist das aber tatsächlich so? Ist       war, ist der Kirchenkonvent zu nennen,         Höpfigheimer Schlosses als Lehen
unser direktes Milieu, das Bottwartal,       der ab 1642 in allen Gemeinden des             auch das Recht erhielt, Stock und Gal-
wirklich eine Region des Guten, Harm-        Herzogtums Württemberg gebildet                gen aufzurichten. Soweit bekannt, hat
losen, Friedlichen? In zwei Beiträgen        worden war und meist sittliche und mo-         er von diesem Recht jedoch keinen
zur Heimatkunde gehen wir dieser Fra-        ralische Vergehen verhandelte.                 Gebrauch gemacht.
ge nach und finden in der Geschichte,
aber auch in der jüngeren Vergangen-
heit Vorfälle, die dagegensprechen.

Grundsätzliches zur Rechtsprechung

Um Unrecht zu ahnden wurden schon
früh in der Geschichte Gremien einge-
setzt, die über das (richtige) Strafmaß zu
urteilen hatten. Nach altem Selbstver-
waltungsrecht übte ursprünglich in den
Städten und Dörfern eine Anzahl aus-
gewählter Bürger die Rechtsprechung
und Verwaltung aus, das sogenannte
Gericht. Ergänzt wurde das Gericht
durch eine Anzahl von Personen, die
meist vom Gericht bestimmt, manch-
mal auch von der Bürgerschaft gewählt
wurden – dem Rat. Den Vorsitz des Ge-
richts hatte in den Dörfern der Schult-
heiß, in den Städten der Untervogt.

Grundlage für die Urteile waren in
Württemberg die 1530 vom Reichstag
in Augsburg beschlossene Halsgerichts-
ordnung Kaiser Karls V. und ab 1555
auch die neue württembergische Lan-          Halsgerichtsordnung und Württembergische Landesordnung
Tatort Bottwartal Helga Becker
II   Beiträge zur Heimatkunde Nr. 01· 2021                                                         www.stadt-steinheim.de

                                           sollte bei einer Enthauptung kein Ge-       Licht. Hunn wurde exhumiert und auf
                                           metzel angerichtet, sondern der Kopf        dem Kirchhof ehrenvoll begraben.
                                           mit einem präzisen Schlag vom Rumpf
                                           getrennt werden. Bei der Folter sollten     Während des Prozesses wurde be-
                                           die Verletzungen schmerzhaft, aber          kannt, dass auch die Mutter der Anna
                                           nicht zwingend lebensgefährlich sein.       Elisabeth Hunn, Magdalena Wien aus
                                           Außerdem waren die Scharfrichter            Großbottwar und der Marbacher Trom-
                                           verpflichtet, die Verletzten anschlie-      peter Hans Jörg Betz von der Tat ge-
                                           ßend zu verarzten – und sei es auch         wusst hatten und dass die Hunn auch
                                           nur, um ihre Prozessfähigkeit zu erhal-     mit dem Bürger und Wundarzt Paul
                                           ten. Bekannt in Württemberg war der         Ludwig Jenisch, der mit der Schwester
                                           Scharfrichter Johann Christoph Neher        des Ermordeten verheiratet war, Ehe-
                                           aus Stuttgart, der auch nach Ludwigs-       bruch begangen hatte. Während die
                                           burg und Marbach berufen wurde.             ge­dungenen Mörder Veyhel und Peiler
                                                                                       nicht dingfest gemacht werden konn-
Peinliche Befragung, kolorierter Holz-     DIE BÖSE TAT                                ten, wurde Magdalena Wien nach
schnitt aus der Bamberger Halsgerichts-    Tötung im Affekt?                           dreivierteljähriger Gefangenschaft des
ordnung von 1507                           Die älteste Tat, auf die ich bei den        Landes verwiesen, später jedoch be-
                                           Recherchen in unser Archivbibliothek        gnadigt. Betz musste das Land dauer-
Bevor die Todesstrafe ausgesprochen        gestoßen bin, wurde im Jahr 1641 ver-       haft verlassen. Die Anstifter Anna Elisa-
wurde, ging in den meisten Fällen ein      übt, also während des Dreißigjährigen       beth Hunn und Georg Friedrich Schwab
peinlicher (von Pein, Schmerz) Prozess     Kriegs. In der Nähe von Murr verletzte      wurden im Juni 1677 durch den Stutt-
voraus, also ein Strafprozess, der oft     der Marbacher Johann Eustachius             garter Scharfrichter hingerichtet. Hunns
mit Folter verbunden war. Ausgeführt       von Buchholz bei einem Streit Georg         Kopf wurde zur Abschreckung neben
wurde die Folter durch Folterknechte,      Ludwig Thumb von Neuenburg und              dem Hochgericht (Galgen) auf einen
meist unter der Aufsicht des Scharf-       Stetten zu Köngen mit einem Pistolen-       Pfahl gesteckt und sollte dort auf unbe-
richters, der die Todesurteile durch Rä-   schuss so schwer, dass dieser kurz da-      stimmte Zeit bleiben.
dern, Hängen oder Enthaupten auch          rauf starb. Buchholz wurde arrestiert,
selbst ausführte.                          kam aber zunächst gegen eine Kau-           Zwei Jahre später wurde mit Hunns Kopf,
Der Beruf des Scharfrichters wurde in      tion von 3000 Gulden frei. Auf Grund        oder mit dem, was davon übriggeblie-
den Familien über viele Generationen       eines Gutachtens der juristischen Fa-       ben war, Schindluder getrieben. An-
weitergegeben. Was zum einen auch          kultät Tübingen wurde er jedoch zum         gestiftet von einem Badergesellen, der
daran gelegen haben mag, dass die-         Tode durch das Schwert verurteilt.          ihm Geld geboten hatte, nahm Hans
se Familien als weitgehend ehrlos gal-     Seine Frau und viele Marbacher Bür-         Eicheler, Knecht bei Kaspar Hey in Stein-
ten und gemieden wurden. Eine Aus-         ger baten für Buchholz um Gnade.            heim, den Schädel vom Pfahl herun-
bildung in anderen Berufen war daher       Er selbst konnte ins Feld führen, dass      ter. Wie Eicheler später dazu aussagte,
oft gar nicht möglich. Sie wurden in       bereits sein Vater dem Herzog ge-           wollte der Badergeselle jedoch nichts
der Regel für die Vollstreckung von        dient und er selbst in seiner Jugend        mehr von der Geschichte wissen. Daher
Urteilen zwar gut bezahlt, mussten je-     auf Malta gegen den „Erbfeind“              steckte Eicheler den Kopf, als makab-
doch auch niedrige Arbeiten wie das        gekämpft habe. Tatsächlich wurde            ren Scherz, in ein Luftloch des Viehstalls
Vergraben der Leichname, die Besei-        Buchholz begnadigt und lediglich            seines Dienstherrn. Dessen Frau erschrak
tigung toter Tiere oder die Beaufsichti-   zu einer Geldstrafe von 1000 Gulden         darüber so sehr, dass sie den Kopf mit
gung von Prostituierten übernehmen.        verurteilt. Zudem wurde er für zwei         einem Pfahl packte und ihn in den Gar-
                                           Jahre „in den Zehnten von Marbach           ten des Steinheimer Klosterhofmeisters
                                           constenniert“, er durfte in dieser Zeit     schleuderte. Eicheler wurde zu vier Wo-
                                           seinen Wohnsitz also nicht wechseln.        chen Arbeitshaft auf dem Hohenasperg
                                                                                       verurteilt. „Der decollirtin Hunnin Kopf“
                                           Ein spektakulärer Auftragsmord ist für      wurde durch den Kleemeister (Abde-
                                           das Jahr 1676 dokumentiert. Anna Eli-       cker) aus Großbottwar „zum Cörper be-
                                           sabeth Hunn aus Marbach hatte ihren         graben“, der wohl nach der Hinrichtung
                                           Mann, den Tuchscherer Johann Sebas-         am Galgen verscharrt worden war.
                                           tian Hunn gegen 50 Reichstaler „durch       Erst Anfang 1682 wurde der gedunge-
                                           bestellte Hans Georg Veyhel, einen Bor-     ne Mörder, Hans Peiler bei einem Dieb-
                                           denwirker zu Marbach, und Hans Peiler       stahl in Beilstein gefangen genommen.
                                           von Hoff, Bottwarer Amts, den 2. Juni       Beim Verhör in Marbach sagte er aus,
                                           1776 im Bett und Schlaf“ erwürgen las-      dass Anna Hunn und ihre Mutter ur-
Der Scharfrichter, Zeitschrift idowa       sen. Involviert war auch ihr Liebhaber,     sprünglich verlangt hatten, er solle
                                           der Schreiber Georg Friedrich Schwab,       Annas Mann mit Schaidwasser (Sal-
Andererseits galten sie als hervorra-      den sie nur ein halbes Jahr später heira-   petersäure) töten, das ihm die Därme
gende Heiler, die vom gemeinen, ar-        tete. Die beiden gedungenen Mörder          „aufreißen möchte“. Die inzwischen
men Volk eher aufgesucht wurden, als       hatten Hunn erwürgt und ihn im Stall mit    71-jährige Magdalena Wien wurde da-
die teuren, in der Praxis oft sogar we-    einem Strick an einen Balken gehängt.       raufhin doch noch hingerichtet und ihr
niger kenntnisreichen Ärzte. Denn für      Der Plan ging zunächst auf und Hunn         Kopf ebenfalls am Marbacher Galgen
die erfolgreiche Ausübung ihres Beru-      wurde als Selbstmörder unter dem            auf einen Pfahl gesteckt. Auch Peiler
fes waren gute anatomische Kennt-          Marbacher Galgen verscharrt. 1677           wurde enthauptet und sein Leichnam
nisse eine wichtige Voraussetzung. So      kam der schändliche Mord jedoch ans         auf das Rad geflochten.
Tatort Bottwartal Helga Becker
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                                            Kreis gebildet hatten, auf Kosten der       bescheinigte ihm einen ungemeinen
                                            Stadt 1 Imi 9 Maß (ca. 35 Liter) Wein       Jähzorn, Rachgier und Gewalttätigkeit.
                                            ausgegeben worden sei.                      Mit dem Vogt Kapff und den Großbott-
                                                                                        warer Bürgern lag von Wartmann daher
                                            Von einem tragischen Tötungsdelikt          in ständigem Händel. Die Streitigkeiten
                                            wird 1710 berichtet. Der 54jährige          führten soweit, dass er sein Wohnhaus in
                                            Johann Jakob Reyhlen aus Spiegel-           Großbottwar 1719 verkaufte und in das
                                            berg wurde von Musketieren nach             obere Stockwerk des Gasthauses Hirsch
                                            Marbach gebracht. Er hatte seinem           in Kleinbottwar einzog.
                                            einjährigen Sohn, wohl in geistiger
                                            Umnachtung, mit einer Sense den             Der Wirt im Gasthaus Hirsch, Johann Ja-
                                            Hals aufgeschnitten und war darüber         kob Zillhardt, mit der Tochter des Gais-
                                            in höchste Verzweiflung geraten. Das        bergschen Hausvogts Schildknecht
                                            Urteil fiel deshalb milde aus. Er wur-      verheiratet und Sohn des Ochsenwirts
                                            de lediglich zur Bestreitung der Ge-        in Beilstein, war von Haus aus Metzger.
                                            richtskosten und einem halben Jahr          Auch er soll einen hitzigen Kopf gehabt
                                            Zwangsarbeit verurteilt. Diese wurde        haben und es wird berichtet, Zillhardt
                                            jedoch so lange ausgesetzt, bis der         sei so stark gewesen, dass er einmal
                                            gesundheitlich angeschlagene Ver-           in seiner Wirtshausstube fünf Dragoner
                                            urteilte wieder bei Kräften war.            überwältigte, um einem bedrohten
Das Aufziehen, Farbholzschnitt aus dem
Laienspiegel von Ulrich Tengler, 1508

Wenige Jahre später, Ende 1689, er-
schütterte ein Kindsmord die Men-
schen. Die verheiratete Maria Johan-
na Mayer aus Höpfigheim hatte ein
außereheliches Kind geboren und mit
Hilfe ihrer Mutter Katharina Rukwid le-
bendig begraben. Angeblich habe
das Kind noch zweimal geschrien, als
die Frauen es in die Grube warfen. Im
Februar 1690 gaben beide vor Gericht
die Tat ohne „die Tortur“ (Folter) zu. Im
März widerriefen sie jedoch ihre Aus-
sagen. Nun wurde der Scharfrichter          Gasthaus Hirsch in Kleinbottwar einst und heute
zur Folter bestellt. Die Kindsmutter wur-
de befragt, während sie an den hinter       Das tragische Ende des Hirschwirts          Schumacher zu helfen. Zillhardt und
dem Rücken zusammengebundenen               Zillhardt in Kleinbottwar im Jahr 1720.     von Wartmann führte das Schicksal also
Armen „aufgezogen“ worden war. Sie          Der Oberst Johann Anton von Wart-           im Gasthaus Hirsch zusammen. Das
gab zu Protokoll, dass sie befürchtete,     mann, 1661 unweit von Reval in Livland      Verhältnis der beiden war erwartungs-
ihren Mann zu verlieren, wenn er von        (heute Tallin in Estland) geboren, ab-      gemäß angespannt und eskalierte am
dem Kind erfahren hätte. Zunächst           solvierte eine erstaunliche militärische    15. Oktober 1720.
habe sie versucht, mit Kräutern, die        Karriere. Bereits in jungen Jahren diente
ihre Mutter ihr gegeben hatte, eine         er in schwedischen, russischen, öster-      An diesem Tag konnte Zillhardt nicht,
Fehlgeburt einzuleiten. Das habe je-        reichischen und kaiserlichen Heeren.        wie mit von Wartmann vereinbart, selbst
doch nicht geklappt und man habe            1685 heiratete er die jüngste Schwes-       dessen Weinmost aus dem Weinberg
beschlossen, das Kind umzubringen.          ter des damaligen Schlossherren auf         holen, sondern schickte den Anwalt
Bei der Geburt habe es noch gelebt.         Schaubeck, Sebastian von Gaisberg.          Thomas Ladner. Da dieser nicht recht-
                                            Die Ehe war wohl sehr stürmisch und         zeitig erschien, kam von Wartmann in
Die Mutter, Katharina Rukwied be-           unglücklich, was auch am ungestü-           Rage und stellte zunächst Ladner zur
hauptete zunächst, das Kind sei             men Gemüt von Wartmanns gelegen             Rede. Im Hirsch traf er dann auf Zillhardt,
schon im Kübel tot gewesen. Darauf-         haben mag. 1698 kaufte er das 1693          mit dem ein heftiger Wortwechsel ent-
hin wurde auch sie „ad locum tortu-         zerstörte Rechbergsche Freigut in Groß-     brannte, in dessen Verlauf Zillhardt von
rae“ geführt. Als sie vom Scharfrichter     bottwar und baute es um 1700 wieder         Wartmann die Wohnung kündigte. Von
ebenfalls an den Armen aufgezogen           auf (heute Bowinghaus’sches Schloß).        Wartmann ging daraufhin nach oben
wurde, bestätigte sie jedoch die Aus-       Von Wartmann war ein unguter Zeitge-        in seine Wohnung, wohin ihm Zillhardt
sage ihrer Tochter. Sie habe nur aus        nosse. Ihm wurden Ehebruch und ge-          folgte. Dort holte von Wartmann seine
Angst davor, enthauptet zu werden,          fährliche Tätigkeiten durch Schießen,       stets geladene Pistole aus der Kammer
gelogen. Die Angst war berechtigt.          Hauen und Schlagen nachgesagt.              und zielte auf Zillhardt. Dieser stürzte sich
Mutter und Tochter wurden tatsäch-          Familienmitglieder, Bürger, aber auch       auf den Oberst, um ihm die Pistole zu
lich zum Tode durch das Schwert             Magistrat und Vorgesetzte soll er mit       entreißen. Von Wartmann drückte ab
verurteilt und ihre Köpfe zur Abschre-      widerlichsten Beschimpfungen überzo-        und schoss Zillhardt in den Leib. Der Wirt
ckung auf Pfähle gesteckt. In den           gen haben und manch einer sei seines        verschied „am anderen Morgen um 7
Protokollen wird berichtet, dass an die     Lebens nicht mehr sicher gewesen.           Uhr mit Hinterlassung von 4 Waisen und
Zuschauer, die um die Richtstatt einen      Auch sein Seelsorger, Pfarrer Wieland       eines noch ungeborenen Kindes“.
Tatort Bottwartal Helga Becker
IV Beiträge zur Heimatkunde Nr. 01 2021                                                           www.stadt-steinheim.de

Von Wartmann, der zunächst flüch-          dem Geistlichen Verwalter Joachim          Schaufel, Gabel oder Besen damit ein-
tete, wurde von Bürgern aufgegrif-         Schmid in Großbottwar ungefähr 1800        reibe, könne man damit ausfahren. Das
fen und auf der Kanzlei des unteren        Gulden gestohlen hatte. Bei ihrem Ver-     habe sie in der Pfalz und auch elf- bis
Schlosses in Kleinbottwar verhört.         hör in Marbach wurde sie vom Stuttgar-     zwölfmal in Murr gemacht.
Während der 37 Wochen dauernden            ter Scharfrichter Christoph Jakob Neher
Untersuchungshaft wurde er in seiner       offenbar gefoltert, denn „als der pein-    Im Oktober 1739 kam der Befehl aus
Wohnung im Hirsch rund um die Uhr          lich Beklagten auf dem Rathaus weh         Stuttgart, das Mädchen in ein verschlos-
von vier Bürgern bewacht. Die Herren       und übel“ wurde, lieferte Apotheker Ge-    senes Einzelzimmer im Stuttgarter Wai-
von Gaisberg zogen sich aus dem Ver-       org Friedrich Wohlgemuth einen Schop-      senhaus zu bringen. Auch dort gab sie
fahren gänzlich zurück. Die Juristenfa-    pen „Spanischen Wein“ und ¼ Pfund Zu-      zunächst alles zu, widerrief dann jedoch
kultät Gießen stellte ein Gutachten        ckerbrot, um sie wieder aufzupäppeln.      ihre Aussagen. Sie erklärte, dass sie alle
auf Tod wegen vorsätzlicher Tötung.        Trotz dieser schmerzhaften Behandlung      Begebenheiten, die sie berichtet hatte,
Das Privatgutachten mehrerer Tübin-        und Strafandrohungen besserte sich die     nicht selbst erlebt, sondern bei Lichtkar-
ger Juristen lautete ebenso. Falls von     Schipp aber nicht. 1729 saß sie wegen      zen (abendliche Treffen, bei denen ger-
Wartmann auf seiner Behauptung, in         mehrerer Diebstähle wieder im Gefäng-      ne Spukgeschichten erzählt wurden)
Notwehr gehandelt zu haben, behar-         nis, floh und wurde wieder gefasst. Nach   gehört habe. Auch habe sie Angst vor
re, solle er durch alle Grade der pein-    einem weiteren peinlichen Prozess wur-     Züchtigung und Todesstrafe gehabt,
lichen Tortur (Folter) hindurch befragt    de ihr am 7. Dezember 1729 „das Leben      denn sie sei in Marbach geschlagen
werden. Um diese unehrenhafte Be-          abgesprochen“ und Schipp wurde von         worden und man habe ihr Daumen-
handlung zu vermeiden, lieferte der        Scharfrichter Neher „mit dem Schwerdt      schrauben angelegt. Außerdem habe
Oberst schließlich ein Geständnis ab,      vom Leben zum Tod gerichtet“.              sich der Stuttgarter Scharfrichter neben
mit der Einschränkung, er habe Zill-                                                  sie gestellt. Man habe ihr gedroht, sie
hardt nur in den Fuß schießen wollen.      1739 bis 1741 wurde der letzte akten-      würde ein halbes Jahr festgehalten und
Das Urteil lautete auf Enthauptung. Es     kundige Hexenprozess in Marbach            dann hingerichtet, wodurch sie noch
wurde am Montag, den 30. Juni 1721         verhandelt. Delinquentin war die erst      mehr Angst gehabt habe.
zwischen 3 und 4 Uhr morgens in Klein-     13jährige Margaretha Wagner aus Murr.
bottwar vollstreckt. Durch den Eßlin-      Ein Verwandter hatte sie wegen der         Nun richteten sich die Ermittlungen ge-
ger Scharfrichter, assistiert von seinem   Ausübung von Hexen- und Zauberküns-        gen den Marbacher Vogt Venninger. Es
Kollegen aus Heilbronn, wurde von          ten beim Marbacher Vogtgericht an-         stellte sich heraus, dass er Margaretha
Wartmann „mit dem Schwert gerich-          gezeigt. Margarethas Mutter stammte        mit Hilfe seines Bruders, des Ingershei-
tet, ohne vom Scharfrichter berührt zu     aus Murr, der Vater war Soldat in Preu-    mer Pfarrers, Suggestivfragen gestellt
werden“.                                   ßen. Die ersten sieben Jahre lebte das     hatte. Anstelle von Daumenschrau-
                                                                                      ben, die in der Vogtei nicht vorgefun-
                                                                                      den wurden, hatte der Stadtknecht mit
                                                                                      Bindfaden und doppelten Hölzchen
                                                                                      Margarethas Daumen zusammenge-
                                                                                      schnürt. Auch hatte er sie vor die Türe
                                                                                      geschleppt und mit einem dicken
                                                                                      Stock geschlagen, bis sie zu Boden ging
                                                                                      und alles gestehen wollte. Scharfrichter
                                                                                      Neher hingegen hatte dem Mädchen
                                                                                      wohl nichts getan, nur schweigend
                                                                                      neben ihr gestanden. Seine bloße An-
                                                                                      wesenheit war erschreckend genug.
                                                                                      Anfang Januar 1741 kam Margaretha
                                                                                      Wagner vom Waisenhaus in Stuttgart
                                                                                      ins Ludwigsburger Zuchthaus. Dort ging
                                                                                      sie zur Schule, wurde auch dort kon-
                                                                                      firmiert und nach tadelloser Führung
                                                                                      nach Hause entlassen.

                                                                                      Das 18. Jahrhundert war auch die Zeit
                                                                                      der großen Räuberbanden in Württem-
Strafmethoden, Farbholzschnitt aus dem Laienspiegel von Ulrich Tengler, 1508          berg. Charismatische Anführer vaga-
                                                                                      bundierten mit einem wilden Haufen
Auch Diebstähle konnten zur Todes-         Mädchen bei ihrer Großmutter väterli-      aus mittel- und heimatlos gewordenen
strafe führen.                             cherseits in der Pfalz, anschließend bei   Soldaten, Bettlern, Gaunern und „aller-
1729 wurde aus diesem Grund über           ihrer Tante in Murr. Im Marbacher Frau-    hand Weibsvolk“ durch den süddeut-
die Großbottwarer Dienstmagd Anna          engefängnis gab Margaretha zu, diver-      schen Raum. Im zweiten Teil dieses Bei-
Magdalena Schipp die Todesstrafe ver-      se Hexenkünste zu beherrschen. Unter       trags zur Heimatkunde wird von ihren
hängt. Sie war zunächst 1725 auffällig     anderem könne sie eine besondere           Gräueltaten und weiteren, auch aktu-
geworden, weil sie ihrem Dienstherrn,      Salbe zubereiten. Wenn man Schippe,        ellen, Verbrechen die Rede sein.

Quellen:
Stadtarchiv Steinheim, Albrecht Gühring, von der Urfehde bis zur Hinrichtung, Ludwigsburger Geschichtsblätter 56/2002,
Heinrich Meißner, Das Dorf Kleinbottwar – Eine schwäbische Chronik, 1896, Wikipedia, Bildquellen siehe Bildunterschriften
Tatort Bottwartal Helga Becker Tatort Bottwartal Helga Becker
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