VERKEHRSSICHERHEITSREPORT 2021 - Mobilität im Alter

 
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VERKEHRSSICHERHEITSREPORT 2021 - Mobilität im Alter
VERKEHRSSICHERHEITSREPORT 2021
Mobilität im Alter

  Unfallgeschehen             Faktor Mensch             Technik
  Senioren sind im Straßen-   Leistungsdefizite im ­    Fahrerassistenzsysteme
  verkehr als Fuß­gänger      Alter lassen sich durch   sind ein wichtiger
  und Radfahrer ­             zahlreiche Maßnahmen ­    Beitrag zur Erhöhung
  besonders gefährdet         kompensieren              der Verkehrs­sicherheit
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VERKEHRSSICHERHEITSREPORT 2021 - Mobilität im Alter
Editorial

Lebenslange sichere Mobilität
darf keine Utopie sein
D     ie Zahlen sollten zu denken geben: In der Europäischen
      Union (EU) entfielen laut der aktuellsten Statistik der
­EU-Kommission knapp 30 Prozent aller Verkehrstoten auf die
                                                                   viele Jahre vergehen, im Be-
                                                                   stand also immer noch vie-
                                                                   le Fahrzeuge ohne oder mit
 Altersgruppe 65+. Dabei machten Senioren nahezu die Hälfte        nur wenigen Assistenzsys-
 aller bei Verkehrsunfällen getöteten Fußgänger und Radfahrer      temen unterwegs sind.
 aus. Damit sticht die Gruppe der ungeschützten Verkehrsteil-
 nehmer bei den Senioren besonders hervor. Ein wesentlicher            Doch stehen Senioren
 Faktor ist hierbei die höhere Vulnerabilität mit zunehmen-        solchen Systemen über-
 dem Alter – also das höhere Risiko, bei identischen Unfallbe-     haupt aufgeschlossen ge-
 lastungen schwerere oder tödliche Verletzungen zu erleiden, als   genüber? Um hierzu ein
 ­jüngere Menschen es haben.                                       Stimmungsbild zu bekom-
                                                                   men, hat das Markt- und
   Auch wenn es zwischen einzelnen Mitgliedstaaten der EU          Meinungsforschungsunter- Jann Fehlauer, Geschäftsführer der
Unterschiede gibt: Grundsätzlich haben ältere Verkehrsteil-        nehmen forsa im Auftrag DEKRA Automobil GmbH
nehmer auf den Straßen ein erhöhtes Unfall­­­­­risiko. Dies gilt   von D­ EKRA eine repräsen-
nicht nur für die EU, sondern auch für weite Teile dieser Welt.    tative Befragung unter rund
Es b
   ­ esteht also dringender Handlungsbedarf, zumal der Anteil      2.000 zufällig ausgewählten deutschen Autofahrern in ­allen
der Senioren unter allen Verkehrsteilnehmern angesichts der        ­Altersklassen durchgeführt. Zwei von vielen aufschlussreichen
demografischen Entwicklung weiter zunehmen wird.                    Ergebnissen dieser Befragung: Dass es Assistenzsysteme zur
                                                                    Unterstützung des Fahrers gibt, finden circa drei Viertel aller
   Ansatzpunkte gibt es zur Genüge, wie der vorliegende Report      befragten Frauen und Männer ab 65 Jahren sehr gut oder gut.
an vielen Beispielen aufzeigt. Und das insbesondere im The-         Der Großteil dieser Altersgruppe verfügt dabei über Fahrzeuge,
menfeld Mensch, aber auch in Sachen Infrastruktur und im Be-        in denen einzelne ­Assistenzsysteme verbaut sind.
reich der Fahrzeugtechnik. In diesem Zusammenhang beschäf-
tigen wir uns unter anderem auch mit der Frage, inwieweit die           Welche Maßnahme auch immer ergriffen wird, um die Zahl
Ausstattung von Fahrzeugen mit Assistenz-, Informations- und        der bei Verkehrsunfällen schwer oder tödlich verletzten Seni-
Komfortsystemen die Verkehrssicherheit der Altersgruppe 65+         oren zu senken: Entscheidend kommt es darauf an, dass pri-
erhöhen kann. K ­ lare Antwort: Dieses Potenzial ist sehr hoch.     mär bei den komplexen Verkehrssituationen angesetzt wird.
Hightech im Fahrzeug kann dabei helfen, altersbedingte Defi-        Gleichzeitig sind alle Akteure aufgefordert, hierzu ihren Bei-
zite oder Fehlverhalten in einem gewissen Rahmen zu kompen-         trag zu leisten. DEKRA engagiert sich in diesem Punkt bereits
sieren, und schafft so ein zusätzliches Gefühl der Sicherheit.      seit vielen Jahren auf vielfältige Weise. Den seit 2008 jährlich
                                                                    erscheinenden DEKRA Verkehrssicherheitsreport sehen wir
   Deshalb ist es umso begrüßenswerter, dass die von der EU-        ebenfalls als Beitrag dazu, für eine noch sicherere Mobilität
Kommission im März 2019 verabschiedete General ­Safety Re-          auf den Straßen zu sorgen. Auch mit dem neuesten Report
gulation ab 2022 in mehreren Phasen verschiedene sicherheits-       will ­DEKRA ­w ieder Denkanstöße liefern und Ratgeber sein
relevante Fahrerassistenzsysteme für neue Kraftfahrzeuge auf        für P­olitik, Verkehrs- und Infrastrukturexperten, Herstel-
Europas Straßen verbindlich vorschreibt. Zu bedenken ist da-        ler, wissenschaftliche Institutionen sowie Verbände und alle
bei allerdings, dass bis zu einer hohen Marktdurchdringung         ­Verkehrsteilnehmer.

                                                                                                                                       3
VERKEHRSSICHERHEITSREPORT 2021 - Mobilität im Alter
Inhalt

             Editorial       3     Lebenslange sichere Mobilität darf keine Utopie sein
                                   Jann Fehlauer, Geschäftsführer der DEKRA Automobil GmbH
            Grußwort         5     Sichere Mobilität: Jeder trägt Verantwortung, alle machen mit
                                   Andreas Scheuer (MdB), Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur
            Einleitung       6     Möglichst langer Mobilitätserhalt
                                   Weltweit werden die Menschen immer älter. Prognosen zufolge könnte im Jahr 2050 jeder vierte Mensch
                                   in Europa oder Nordamerika 65 Jahre oder älter sein. Dabei werden die Senioren immer mobiler und
                                   nehmen teilweise bis ins hohe Alter auf unterschiedlichste Weise aktiv am Straßenverkehr teil.
    Unfall­geschehen       10      Stark erhöhtes Risiko als Fußgänger und Radfahrer
                                   Das Verkehrsunfallgeschehen wird von einer Vielzahl unterschiedlichster Faktoren beeinflusst. Um Maßnah­
                                   men zur Erhöhung der Verkehrssicherheit abzuleiten, ist daher eine sehr differenzierte Herangehensweise
                                   gefragt, die ebendiese Faktoren und deren Zusammenspiel betrachtet.
      Unfallbeispiele      24      Markante Unfallbeispiele im Detail
                                   Sechs ausgewählte Fälle
      Faktor Mensch        30      Risikopotenziale effizient minimieren
                                   Eventuelle Leistungseinbußen im Alter lassen sich kompensieren, indem man beispielsweise risikoreiche
                                   Verkehrssituationen meidet oder der Fahrstil defensiver wird. Auch spezifische Fahrtrainings oder beglei­
                                   tete Rückmeldefahrten können zu einer sicheren Fahrweise beitragen.
               Technik     48      Mit Hightech Fehler kompensieren
                                   Für mehr Verkehrssicherheit von Senioren befürworten viele Experten den Einsatz und die Weiterentwicklung
                                   von Assistenzsystemen. Denn diese Systeme können – neben zahlreichen weiteren Ausstattungsmerkmalen
                                   respektive Fahrzeugkonfigurationen – altersbedingte Defizite ausgleichen.
        Infrastruktur      58      Hoher Optimierungsbedarf in vielerlei Hinsicht
                                   Neben fahrzeugspezifischen Sicherheitselementen und dem Faktor Mensch spielt zur Erhöhung der
                                   Verkehrssicherheit von Senioren – ob als Kraftfahrer, Fußgänger oder Radfahrer – auch die Straßeninfra­
                                   struktur eine entscheidende Rolle.
                  Fazit    64      Sichere Mobilität im Alter ist gesellschaftliche Verpflichtung
                                   Für mehr Verkehrssicherheit von Senioren ist auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene eine proaktive
                                   Strategie erforderlich, die alle Arten der Fortbewegung umfasst.
    Ansprech­partner       66      Noch Fragen?
                                   Ansprechpartner und Literaturverweise für den DEKRA Verkehrssicherheitsreport 2021

    Soweit im DEKRA Verkehrssicherheitsreport von „Verkehrsteilnehmer“, „Fußgänger“, „Radfahrer“ etc. die Rede ist, wurde aus Gründen der
    ­besseren Lesbarkeit jeweils nur die männliche Form verwendet. Gemeint sind – wenn nicht explizit anders angegeben – immer alle G
                                                                                                                                    ­ eschlechter.
    Wenn nicht explizit anders angegeben, sind unter „Fahrräder“ und „Radfahrer“ immer Pedelecs und Pedelecfahrer (bis 25 km/h) ­eingeschlossen.

    Das Web-Portal ­w ww.dekra-roadsafety.com
    Seit 2008 veröffentlicht DEKRA jährlich den Europäischen                           täten rund um das Thema Verkehrssicherheit. Die Verknüpfung
    ­Verkehrssicherheitsreport in gedruckter Form in mehreren                          vom gedruckten Report zum Web-Portal können Sie auf Ihrem
     ­Sprachen. Zeitgleich mit der Veröffentlichung des DEKRA                          Tablet oder Smartphone direkt über die an den entsprechenden
      Verkehrs­sicherheitsreports 2016 ging das Web-Portal                             Stellen eingedruckten QR-Codes herstellen.
      www.dekra-roadsafety.com online. Hier finden                                        Scannen Sie die Codes mit einem gängigen QR-Code-Reader­
      Sie alle bisher erschienenen Reports seit 2008                                   ab, und Sie werden direkt zu den entsprechenden
      sowie weitergehende Inhalte, beispielsweise in                                   Inhalten weitergeleitet. Speziell optimiert sind die
      Form von Bewegtbildern oder interaktiven Gra­                                    QR-Codes auf den integrierten Reader in der kosten­
      fiken. Zum anderen beschäftigt sich das Portal                                   losen und werbefreien DEKRA Mobil App, die Sie
      auch mit weiteren Themen und DEKRA Aktivi­                                       mit dem Code hier rechts herunterladen können.

      IMPRESSUM
      DEKRA Verkehrssicherheitsreport 2021 – Mobilität im Alter
      Herausgeber:                 Konzeption/         Realisation:                           Bildnachweis: Adobe Stock – stock.adobe.com: Thomas Aumann 60, Andrey Bandurenko 6, Alessandro
      DEKRA Automobil GmbH         Koordination/­      EuroTransportMedia ­                   Biascioli 1/68, Daxiao Productions 41, jamstockfoto 39, Peter Maszlen 43, methaphum 58, tawatchai1990
      Handwerkstraße 15            Redaktion:          Verlags- und V
                                                                    ­ eranstaltungs-GmbH
                                   Wolfgang Sigloch                                           1/68, v_sot 21; Antonio Avenoso 11; Marit van den Berg Photography 55; Valentin Brandes: 5; cifal Madrid
      70565 Stuttgart                                  Corporate Publishing
      Tel. +49.7 11.78 61-0                            Handwerkstraße 15                      61; DEKRA 62; Cyril Entzmann/Divergence 18; FIA 9; Stephan Floss Fotografie 16; Ford 54; Fabio Frustaci/
                                   Redaktion:
      Fax +49.7 11.78 61-22 40     Matthias Gaul       70565 Stuttgart                        EIDON 52; Getty Images/iStock.com: ablokhin 12, batuhan toker 34, Bobex-73 3, Anna Bryukhanova 10,
      www.dekra.de                                     www.etm.de                             dusanpetkovic 30, Silvia Jansen 64, Jay Lazarin 44, Rich Legg 15, metamorworks 48, Nastasic 8, RYosha
                                   Layout:
      Mai 2021                     Florence Frieser    Geschäftsbereichsleitung:              53, SolStock 47, Toa55 50, vm 5; Hardy Holte 42; Imago Images: Design Pics 36, JOKER 45, Jonas Walzberg
                                                       Andreas Techel                         59; Instytut T­ ransportu Samochodowego 44; Thomas Kueppers 3, 19 (2); Paulo Maria/ACP 46; Juan Carlos
      Verantwortlich für den ­     Projektleitung:
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VERKEHRSSICHERHEITSREPORT 2021 - Mobilität im Alter
Grußwort

Sichere Mobilität: Jeder trägt Verantwortung,
alle machen mit
M     it dem Auto zu den Enkeln, auf dem Pedelec in die Na­
      tur oder mit dem Rollator zum Einkaufen: Im Alter selbst­
bestimmt mobil sein ist Lebensqualität. Allerdings sind ältere
                                                                     gewiesen. Damit ältere
                                                                     Menschen von den anderen
                                                                     Verkehrsteilnehmern noch
Verkehrsteilnehmer besonders gefährdet. Das Risiko, schwer           stärker beachtet werden,
oder sogar tödlich verletzt zu werden, ist für sie sehr viel höher   haben wir die Aktion „Ich
als bei Jüngeren. So waren etwa im Jahr 2020 über die Hälfte         fühl’ mich jung. Ich brau­
der tödlich verunglückten Radfahrenden und Fußgänger min­            che nur länger“ ins Leben
destens 65 Jahre alt. Eine Rolle spielt dabei, dass sich im Alter    gerufen. Dabei wird mit
kognitive und motorische Fähigkeiten und Fertigkeiten verän­         humorvollen Botschaften
dern. Außerdem sind Seniorinnen und Senioren anfälliger für          zu mehr Rücksichtnahme
Verletzungen.                                                        auf Ältere aufgerufen.

   Wir wollen, dass ältere Menschen möglichst lange, sicher             Mit diesen und vielen Andreas Scheuer MdB, Bundesminister für
und gesund am Straßenverkehr teilnehmen können. Deshalb              anderen Maßnahmen wol­ Verkehr und digitale Infrastruktur
sind sie eine wichtige Zielgruppe unserer umfangreichen Ver­         len wir die Zahl der im
kehrssicherheitsarbeit. Mit Präventionsmaßnahmen werden sie          Straßenverkehr verletzten
informiert, aufgeklärt und sensibilisiert. Beim Umsetzen helfen      oder getöteten Seniorinnen und Senioren weiter reduzieren.
uns langjährige Partner wie der Deutsche Verkehrssicherheits­        So kommen wir auch der Vision Zero näher – also dem Ziel,
rat (DVR) oder die Deutsche Verkehrswacht (DVW).                     die Anzahl der Verkehrstoten mittelfristig auf null zu senken.
                                                                     Dafür brauchen wir viele Mitstreiter, die Verantwortung über­
    Eines der Programme ist zum Beispiel „Mobil bleiben, aber        nehmen. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Teamleistung ge­
sicher!“ der DVW. An Verkehrssicherheitstagen geht es dabei          fragt. D
                                                                            ­ eshalb verfolgen wir einen umfassenden Ansatz nach
nicht nur um Beratung, sondern auch um konkretes Er­leben.           dem Motto „­ Sichere Mobilität, alle machen mit“. Das heißt:
Schätze ich Gefahrensituationen richtig ein und reagiere im          Alle für Verkehrssicherheit relevanten Akteure sollen ihre
Notfall schnell genug? Wie wirkt es sich aus, wenn ich über­         Anstrengungen bündeln und sich selbst zu Maßnahmen ver­
müdet bin oder unter Medikamenteneinfluss stehe? Mit Simu­           pflichten. Das reicht vom Bund über die Länder bis hin zu den
lationen und Reaktionsübungen kann das getestet und so das           Kommunen. Wir ­haben deshalb alle an einen Tisch geholt und
Bewusstsein geschärft werden. Die eigene Leistungsfähigkeit          den „Pakt für Verkehrssicherheit“ geschmiedet. Er ist der stra­
noch besser einschätzen zu lernen, ist auch das Ziel der DVR-­       tegische ­Rahmen, der gemeinsame Ziele und Handlungsfelder
Seminare „sicher mobil“. Seniorinnen und Senioren setzen sich        festlegt. Länder und kommunale Spitzenverbände haben sich
dabei mit typischen altersbedingten Gefahrensituationen im           verpflichtet, diese Strategie umzusetzen. Weitere Unterstützer
Straßenverkehr auseinander, befassen sich mit neuen Regeln so­       können sich dem Pakt gern anschließen.
wie den körperlichen und kognitiven Voraussetzungen. Und für
ein sicheres Unterwegssein gibt es praktische Tipps von Exper­         Zu tun gibt es noch genug, um die Sicherheit im Straßenver­
ten. Die „sicher mobil“-Seminare sind ein Baustein der von uns       kehr weiter zu erhöhen. Gemeinsam werden wir es schaffen.
unterstützten Kampagne „Sichere Mobilität im Alter“. Kraftfah­       Auf DEKRA ist dabei Verlass: Wie dieser Verkehrssicherheitsre­
rer der Generation 65+ werden hierbei auf freiwillige Übungs­        port zeigt, leistet das Unternehmen einen wertvollen Beitrag für
angebote, Trainingsmaßnahmen und Gesundheitschecks hin­              mehr Sicherheit auf unseren Straßen. Herzlichen Dank dafür!

                                                                                                                                        5
VERKEHRSSICHERHEITSREPORT 2021 - Mobilität im Alter
Einleitung

    Möglichst langer Mobilitätserhalt
    Weltweit werden die Menschen immer älter. Prognosen zufolge könnte zum Beispiel im Jahr 2050 jeder vierte Mensch
    in Europa oder Nordamerika 65 Jahre oder älter sein. Dabei werden die Senioren immer mobiler und nehmen teilweise
    bis ins hohe Alter auf unterschiedlichste Weise aktiv am Straßenverkehr teil. Damit verbunden ist aber ein im Vergleich zu
    jüngeren Menschen deutlich erhöhtes Unfallrisiko. Um dieses zu minimieren und dennoch gleichzeitig die Mobilität älterer
    Menschen im Sinne gesellschaftlicher Teilhabe zu erhalten, gibt es unterschiedliche Handlungsfelder.

                        D    ie Daten und Fakten der von den Vereinten
                             Nationen veröffentlichten „World Populati-
                        on Prospects 2019“ unterstreichen nicht nur, dass
                                                                              chen – von 143 Millionen im Jahr 2019 auf 426
                                                                              Millionen im Jahr 2050. Die durchschnittliche Le-
                                                                              benserwartung, die weltweit von 64,2 Jahren im
                        die Weltbevölkerung immer weiter wächst – von         Jahr 1990 auf 72,6 Jahre im Jahr 2019 gestiegen ist,
                        7,7 Milliarden Menschen im Jahr 2019 auf mög-         soll 2050 rund 77 Jahre betragen.
                        licherweise 9,7 Milliarden im Jahr 2050 und auf
                        10,9 Milliarden im Jahr 2100 –, sondern sie sind      HÖHERES VERLETZUNGSRISIKO
                        auch ein unmissverständlicher Hinweis auf die         VON SENIOREN
                        zunehmende Alterung der Gesellschaft. War 2019
                        weltweit jeder elfte Mensch über 65 Jahre alt, soll   Die Alterung der Bevölkerung hat auch die Zunah-
                        es demnach 2050 jeder sechste sein (Schaubild 1).     me älterer Verkehrsteilnehmer zur Folge, wie unter
                        Zu den Regionen, in denen sich der Anteil der         anderem der von der EU-Kommission im Dezem-
                        über 65-Jährigen zwischen 2019 und 2050 vor-          ber 2015 veröffentlichte Report „ElderSafe – Risks
                        aussichtlich verdoppeln wird, gehören Nordafri-       and countermeasures for road traffic of elderly in
                        ka und Westasien, Zentral- und Süd-                            Europe“ konstatierte. Somit würde aber
                        asien, Ost- und Südostasien sowie                                   auch eine größere Zahl an Senioren,
                        Lateinamerika und die Karibik.                                         etwa aufgrund von möglichen
                        In Europa und Nordamerika                                                 Funktionseinschränkungen
                        könnte 2050 sogar bereits
                        jeder vierte Einwohner              ALTERSGRUPPE                            oder Gebrechlichkeit, Ge-
                                                                                                     fahr laufen, in Verkehrs-

                                                             65+ WÄCHST
                        65 Jahre oder älter sein.                                                     unfälle verwickelt zu sein
                        Weltweit wird sich die                                                        oder sie selbst zu verursa-
                        Zahl der Menschen, die                                                        chen. Die Dynamik dieser
                        80 Jahre oder älter sind,
                        voraussichtlich verdreifa-
                                                           PROZENTUAL AM                              Entwicklung wird an einer
                                                                                                     Schätzung deutlich, die der

                                                              STÄRKSTEN
6
VERKEHRSSICHERHEITSREPORT 2021 - Mobilität im Alter
European Transport Safety Council (ETSC) im             Knochenbrüche aus – gegenüber 27 Prozent bei al-
Jahr 2008 im Hinblick auf die Auswirkungen ei-          len Unfallopfern im Straßenverkehr.
nes erhöhten Anteils älterer Menschen an der Be-
völkerung auf die Zahl der Verkehrstoten bis 2050          In Bezug auf die nach einem Verkehrsunfall von
vorgenommen hat. Im „Road Safety PIN Flash 9“           Senioren betroffenen Körperregionen haben Un-
wurde auf Basis der Zahlen von 2006 angenom-            fallforscher von DEKRA mehrere Jahrgänge der
men, dass im Jahr 2050 jeder dritte Verkehrs­-          German-In-Depth-Accident-Study-Datenbank
tote in der Europäischen Union 65 Jahre oder äl-        GIDAS analysiert. Dabei zeigte sich, dass Fuß-
ter sein könnte. Schaut man sich die Zahlen von         gänger prozentual mehr Verletzungen im Bereich
2018 an – rund 29 Prozent aller Verkehrstoten in        der unteren Extremitäten und des Kopfes erleiden
der EU waren Senioren –, so war dieser Anteil be-
reits nahezu erreicht, gut 30 Jahre früher als noch
                                                        1
2008 geschätzt.                                             Anteil der Altersgruppe 65+ an der Bevölkerung
   Tatsache ist: Ältere Menschen haben im Ver-
gleich zu jüngeren Verkehrsteilnehmern ein über-
proportionales Verletzungsrisiko. Dies hängt
zunächst einmal mit dem natürlichen Alterungs-
                                                            2020
prozess und der daraus resultierenden verminder-
                                                            Anteil in Prozent
ten Knochenfestigkeit und neuromuskulären Kraft               25 – 30
zusammen. Das wiederum bedingt ein deutlich hö-               20 – 24  
heres Risiko, bei gleichem Unfallgeschehen schwe-            15 –19  
                                                             10 –14
rere Verletzungen zu erleiden, als dies bei jüngeren          5–9
                                                                          1953
                                                                                 1957
                                                                                        1961
                                                                                               1965
                                                                                                      1969
                                                                                                             1973
                                                                                                                    1977
                                                                                                                           1981
                                                                                                                                   1985
                                                                                                                                            1989
                                                                                                                                                   1993
                                                                                                                                                          1997
                                                                                                                                                                 2001
                                                                                                                                                                         2005
                                                                                                                                                                                 2009
                                                                                                                                                                                        2013
Menschen der Fall ist, oder im schlimmsten Fall              1– 4
                                                              keine Daten
sogar den Verletzungen zu erliegen. Ein im Jahr
2000 in Großbritannien veröffentlichter Aufsatz
zur Sicherheit älterer Verkehrsteilnehmer veran-
schaulichte dies unter anderem an einem Mortali-
tätsindex für verschiedene Altersgruppen. Ausge-
                                                            2050
hend von einem für die Altersgruppe zwischen 20
                                                            Anteil in Prozent
und 50 Jahren auf 1,0 festgesetzten Wert, stieg die-
                                                              35 – 40
ser auf 1,75 im Alter von 60 Jahren, auf 2,6 im Alter         30 – 34
von 70 Jahren und auf 5 bis 6 für Personen im Alter           25 – 29
                                                              20 – 24  
von 80 Jahren oder mehr.                                     15 –19  
                                                             10 –14
   Interessant sind in diesem Zusammenhang auch               5–9
                                                             1– 4
zwischen den Jahren 2005 und 2008 gesammelte                  keine Daten
Zahlen der EU-Injury Database (Schaubild 2), die                                                                           Quelle: United Nations Department of Economical and Social Affairs

sich unverändert auch in den „Traffic Safety Basic
Facts 2018: The Elderly“ der EU-Kommission wie-
                                                        2
derfinden: Danach wurden 43 Prozent aller älte-             Unterschiedliche Verletzungsgrade
ren Unfallopfer im Straßenverkehr ins Kranken-
                                                            Nach einem Verkehrsunfall mit Verletzungen ins Krankenhaus eingelieferte Personen
haus eingeliefert – verglichen mit nur 32 Prozent           nach Altersgruppe und Art der Verkehrsteilnahme
aller Unfallopfer im Straßenverkehr. Ob nach ei-                     60
nem Unfall ein Krankenhausaufenthalt erforder-                                                                                              Alle Altersgruppen           Senioren (65+)
                                                                     50
lich war, unterschied sich auch je nach Art der
                                                                     40
Verkehrsteilnahme. Die größte Differenz war bei
                                                        In Prozent

der Anzahl der verletzten Pkw-Insassen zu beob-                      30
achten: Der Prozentsatz betrug bei älteren Perso-                    20
nen knapp 50 im Vergleich zu knapp 25 bei allen                      10
nach einem Verkehrsunfall ins Krankenhaus ein-
                                                                      0
gelieferten Pkw-Insassen. 42 Prozent aller verlet-                        Fußgänger            Motorrad-      Durchschnittlicher          Radfahrer            Pkw-               Andere Art der
                                                                                                fahrer              Wert                                     Insassen           Verkehrsteilnahme
zungsbedingten Krankenhausaufenthalte nach ei-
nem Verkehrsunfall machten bei älteren Menschen                                                                                                                         Quelle: EU Injury Database

                                                                                                                                                                                                     7
VERKEHRSSICHERHEITSREPORT 2021 - Mobilität im Alter
Einleitung

                           als Pkw-Fahrer. Dies ist dar-                                               PROAKTIVE STRATEGIE
                           in begründet, dass die Fuß-
                           gänger prinzipiell an den
                                                                MASSNAHMEN                              ERFORDERLICH
                           unteren Extremitäten zu-
                           erst getroffen werden und
                                                                NICHT AUF DIE                              Um die Sicherheit von Seni-
                                                                                                           oren im Straßenverkehr bis
                           dann mit ihrem Kopf ent-
                           weder direkt mit dem Fahr-            LANGE BANK                                ins hohe Alter zu gewähr-
                                                                                                          leisten, hat die EU-Kommis-
                           zeug kollidieren oder auf                                                     sion in ihrem bereits erwähn-
                           der Fahrbahnoberfläche auf-
                           prallen. Bei den Pkw-Fahrern
                                                                  SCHIEBEN                            ten „ElderSafe“-Report einen
                                                                                                    umfangreichen Aktionsplan prä-
                           ist dagegen neben den Extremitä-                                      sentiert. Ein besonderer Fokus sollte
                           ten und dem Kopf hauptsächlich die                               dabei auf folgende Risikofaktoren gelegt
                           Region Thorax betroffen. Bei der Einstufung der       werden: Verletzlichkeit, Krankheiten und Funkti-
                           Verletzungen nach der international angewandten       onseinschränkungen, Medikamenteneinnahme, in-
                           Abbreviated Injury Scale (AIS) – die Skala reicht     nerstädtische Straßen sowie Senioren als Fußgänger.
                           von AIS 0 für „unverletzt“ bis AIS 6 für „maxi-       Erforderlich, so heißt es in dem Report, sei eine pro-
                           mal“ (= nicht behandelbar) –, fällt auf, dass Seni-   aktive Strategie auf nationaler, regionaler und loka-
                           oren als Fußgänger prozentual schwerere Verlet-       ler Ebene mit den unterschiedlichsten Maßnahmen,
                           zungen erleiden als 18- bis 64-jährige Fußgänger.     unter anderem in Sachen Infrastruktur, Fahrsicher-
                           Dies gilt für den Verletzungsgrad AIS 3 (= schwer)    heitstrainings beziehungsweise Rückmeldefahrten
                           insbesondere für den Kopf und die unteren Ext-        sowie Fahrzeugtechnologien.
   Kognitive Verände-      remitäten, für den Verletzungsgrad AIS 4 (= sehr
rungen betreffen mit       schwer) vor allem für Thorax und Abdomen und             Stichwort Technologien: Es steht außer Fra-
zunehmendem Alter unter    für den Verletzungsgrad AIS 5 (= kritisch) für        ge, dass Fahrerassistenzsysteme ein hohes Potenzi-
anderem Verschlechte-      Hals und Thorax. Auch bei den verletzten älte-        al haben, Unfälle, etwa aufgrund von Fehlverhalten
rungen in der Geschwin-    ren Pkw-Fahrern stechen einzelne Werte hervor,        als häufigster Ursache, entweder ganz zu vermeiden
digkeit bei der Informa-   so zum Beispiel für den Verletzungsgrad AIS 3 für     oder zumindest die Unfallfolgen zu mindern. Und
tionsverarbeitung, womit   Kopf und Thorax.                                      wie eine von DEKRA beauftragte Befragung zeigt,
verlangsamte Reaktions-
zeiten einhergehen

    8
VERKEHRSSICHERHEITSREPORT 2021 - Mobilität im Alter
Jean Todt
   Sondergesandter für Straßenverkehrssicherheit des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, FIA-Präsident

 Sichere Straßen sind entscheidend für eine lebenswerte Umwelt
 Mit dem Jahr 2021 beginnt zugleich das         hen neue Formen der Mobilität, was im-         wurden angepasst und überwunden; die
 zweite Jahrzehnt der Verkehrssicherheit.       mer häufiger dazu führt, dass viele ver-       Politik ihrerseits reagierte mit umfassenden
 Alle Interessengruppen werden bei diesem       schiedene Verkehrsteilnehmer gemeinsam         Maßnahmen. Gleichzeitig bahnt sich eine
 Anlass aufgefordert, sich erneut zu dem        auf den Straßen unterwegs sind. Sichere        neue Herangehensweise an sichere Mo-
 Ziel zu bekennen, die Zahl der Schwerver-      Straßen sind entscheidend für eine lebens-     bilität ihren Weg – eine Gelegenheit, die
 letzten und Toten im Straßenverkehr um         werte Umwelt. Wenn die Straßen nicht si-       Grundpfeiler zu prüfen, auf die wir so lan-
 50 Prozent zu senken und bis 2030 siche-       cher sind, werden alle Bemühungen zur          ge gebaut haben, und die Fundamente zu
 re, bezahlbare und nachhaltige Verkehrs-       Förderung nachhaltiger Fortbewegungsmit-       überholen, auf denen sie gründen.
 systeme für alle Menschen anzubieten.          tel unterlaufen. Dies bedeutet, dass eine          Das Konzept der Mobilität im Alter rückt
 Um diese Vision in die Realität umsetzen       geeignete Infrastruktur für gefährdete Ver-    eine Nutzergruppe in den Fokus, die häufig
 zu können, muss Sicherheit als ein derart      kehrsteilnehmer wie Kinder, Menschen mit       übersehen wird. Die Berücksichtigung der
 grundlegender und nicht verhandelbarer         Behinderungen und ältere Menschen ge-          besonderen Bedürfnisse älterer Menschen
 Wert angesehen werden, dass sie zu ei-         schaffen werden muss.                          trägt dazu bei, dass der Wert von Sicher-
 nem festen Bestandteil unseres Straßenver-         2020 war ein ungewöhnliches Jahr, und      heit auch bei den Schwächsten ankommt.
 kehrssystems wird.                             doch hat es unsere Art, zu leben, zu ar-       Wie können wir uns auch im höheren Alter
    Die Städte wachsen, die Bevölkerung         beiten und uns fortzubewegen, verändert        sicher fortbewegen, wenn unsere Fähigkei-
 altert – vor allem in den am stärksten ent-    und zu einer Beschleunigung einiger Mo-        ten zum Autofahren, Fahrradfahren oder
 wickelten Ländern – und die Sorgen über        bilitätstrends beigetragen, die in Ansät-      Zufußgehen nachlassen?
 Staus und Luftverschmutzung rücken im-         zen bereits vorhanden waren: Wenn uns              Ich danke DEKRA für die Erstellung die-
 mer mehr in den Fokus der politischen Par-     diese Pandemie eines gezeigt hat, dann,        ses Berichts und die Hervorhebung der Tat-
 teien, die die Menschen deshalb dazu er-       dass Veränderung möglich ist. Kultur- und      sache, dass der „Wert“ von sicherer Mo-
 muntern, mehr zu Fuß zu gehen und mit          Verhaltensmuster, deren Veränderung uns        bilität steigt, wenn alle Nutzergruppen
 dem Fahrrad zu fahren. Zugleich entste-        so schwierig, beinahe unmöglich erschien,      Berücksichtigung finden.

sind gerade auch Senioren gegenüber elektronischen      teln – muss daher vor allem auf dem Faktor Mensch
Helfern sehr aufgeschlossen – darauf wird ausführ-      liegen. Die langfristig wirkenden Maßnahmen dürfen
lich im Kapitel Technik dieses Reports eingegangen.     dabei aber nicht auf die lange Bank geschoben werden.
Zu bedenken ist freilich, dass eine hohe Marktdurch-
dringung von Fahrzeugen mit Assistenzsystemen
viel Zeit erfordert.

   Zur Verdeutlichung: Würde ein neues Assistenz-              Die Fakten in Kürze
system mit sofortiger Wirkung in allen in der EU
                                                             • In Europa und Nordamerika               als Fußgänger wie auch als ­
neu zugelassenen Pkw verbaut werden, bräuchte es
                                                               wird 2050 voraussichtlich bereits       Pkw-­Fahrer im Vergleich zu
über elf Jahre, bis die Hälfte des Pkw-Bestands mit            jeder vierte Einwohner 65 Jahre         18- bis 64-Jährigen prozentual
diesem System ausgestattet ist. Da aber zwischen               oder ä
                                                                    ­ lter sein.                       schwerere Verletzungen erleiden.
Marktreife eines Systems und Einbauvorschrift et­            • Bereits heute ist in der EU im        • Für mehr Verkehrssicherheit
liche Jahre des Evaluations- und Gesetzgebungspro-             ­Durchschnitt nahezu jeder dritte       von Senioren ist auf nationaler,
zesses vergehen, ist mit rund 20 Jahren zu rechnen,             Verkehrstote 65 Jahre oder älter.      regionaler und lokaler Ebene
bis die Hälfte der Pkw-Fahrer ein solches System im          • Der natürliche Alterungspro­            eine p­ roaktive Strategie erfor­
Fahrzeug hat.                                                   zess des Menschen bedingt für          derlich, die alle Arten der Fort­
                                                                ­Senioren ein deutlich höheres         bewegung umfasst.
   Soll also die Verkehrssicherheit speziell auch von            ­Risiko, bei gleichem Unfallge­     • Der Erhalt einer sicheren in­
                                                                  schehen schwerere Verletzungen       dividuellen Mobilität auch im
Senioren möglichst schnell verbessert werden, um
                                                                  zu erleiden, als dies bei jüngeren   ­Alter ist eine gesellschaftli­
dazu beizutragen, dass die Mobilität möglichst lan-               Menschen der Fall ist.                che Verpflichtung, die weiterer
ge erhalten bleibt, können daher Maßnahmen im
                                                             • Bei der Einstufung der Verletzun­       ­ nstrengungen in den Berei­
                                                                                                       A
Bereich der baulichen Infrastruktur und bei den                gen nach der international an­          chen Infrastruktur, Technik und
Fahrzeugen nur begleitend sein. Der Fokus – das un-            gewandten Abbreviated Injury ­          ins­besondere beim Menschen
terstreicht dieser Report in den nachfolgenden Kapi-           Scale (AIS) fällt auf, dass ­Senioren   selbst bedarf.

                                                                                                                                       9
VERKEHRSSICHERHEITSREPORT 2021 - Mobilität im Alter
Unfallgeschehen

     Stark erhöhtes Risiko als Fußgänger und Radfahrer
     Das Verkehrsunfallgeschehen wird von einer Vielzahl unterschiedlichster Faktoren beeinflusst. Um Maßnahmen zur
     ­Erhöhung der Verkehrssicherheit abzuleiten, ist daher eine sehr differenzierte Herangehensweise gefragt, die ebendiese
      Faktoren und deren Zusammenspiel betrachtet. Mit der Analyse des Unfallgeschehens älterer Menschen in verschiede-
      nen Regionen der Welt soll in diesem Kapitel versucht werden, altersspezifische Risiken zu ermitteln, um daraus in den
      folgenden Kapiteln Lösungsansätze für den Erhalt einer sicheren Mobilität auch im Alter zu entwickeln.

                         V    erfügbare Infrastruktur, Bevölkerungszusam-
                              mensetzung, finanzielle Mittel, Einstellung der
                         Menschen zur Sicherheit generell und der Verkehrs-
                                                                                vergessen werden darf der Hintergrund der Ver-
                                                                                kehrsteilnahme: Dient sie dem täglichen Weg zur
                                                                                Arbeit und zurück, dem Einkauf, dem Transport
                         sicherheit im Besonderen: In Sachen Straßenver-        von Waren und Gütern auf kurzer oder langer Stre-
                         kehr sind global wie auch in einzelnen Ländern und     cke oder rein der Freizeitgestaltung?
                         Regionen teilweise markante Unterschiede zu er-
                         kennen. Im ländlichen Raum unterscheidet sich der         Ebenfalls betrachtet werden muss in diesem Ge-
                         Straßenverkehr zum Beispiel wesentlich von dem         samtkontext das Alter der Verkehrsteilnehmer. Im
                         in urbanen Gebieten. Im direkten Städtevergleich       Laufe der Jahre ändern sich die Lebensumstände
                         spielen Faktoren, wie die Verfügbarkeit eines öf-      und die Mobilitätsanforderungen. Mit zunehmen-
                         fentlichen Personennahverkehrs, das Radwegenetz        der Lebenserfahrung ändert sich die Einstellung zu
                         oder auch die Topografie, jeweils eine entscheiden-    Risikoakzeptanz und riskantem Verhalten ebenso
                         de Rolle. Einen Unterschied macht es auch, welche      wie die Fähigkeit, kritische Situationen vorherzu­
                         Verkehrsmittel betrachtet werden. Für die Erhö-        sehen. Aber auch die Grenzen des physisch und
                         hung der Sicherheit von Radfahrern bedarf es an-       psychisch Möglichen verschieben sich. Mit dem
                         derer Konzepte als für die Erhöhung der Sicherheit     Ziel, die Verkehrssicherheit für alle zu erhöhen,
                         von Pkw-Insassen. Gleichzeitig dürfen die für eine     gleichzeitig aber auch die individuellen Ansprüche
                         Verkehrsteilnehmerart eingeführten Maßnahmen           an die eigene Mobilität in jeder Altersgruppe zu er-
                         nicht die Sicherheit anderer beeinträchtigen. Nicht    füllen, sind hier sehr differenzierte Betrachtungen

10
und genaue Analysen notwendig. Ein Vergleich des
Unfallgeschehens unterschiedlicher Altersgruppen
ist dabei geeignet, die verschiedenen – oder auch
identischen – Schwachpunkte bei der Verkehrsteil-         Antonio Avenoso
nahme zu identifizieren.                                  Executive Director, European Transport
                                                          Safety Council (ETSC)
   Der Blick auf die absoluten Zahlen hilft allerdings
bei der Fokussierung auf das Alter der am Straßen-       „Altersgerecht“ sollte nicht nur die Wohnung sein
verkehr Teilnehmenden nur bedingt. So fehlen in          Angesichts der zahlreichen Heraus-       che Gründe: die mit dem Alter zu-
den meisten Ländern belastbare altersbezogene Da-        forderungen, vor die Luftverschmut-      nehmende Fragilität des Körpers,
ten zur Verkehrsleistung, also zu den zurückgeleg-       zung und Lärmbelästigung, Verkehrs-      der nachlassende Gleichgewichts-
ten Strecken in unterschiedlichen Fortbewegungs-         sicherheit, Klimawandel und unsere       sinn, die Einnahme von Medika-
arten, zur im Straßenverkehr zugebrachten Zeit           bewegungsarme Lebensweise die            menten und die generelle Abnah-
                                                         öffentliche Gesundheit stellen, ist es   me der Reaktionsgeschwindigkeit.
oder auch zur Häufigkeit der Nutzung von inner-
                                                         zu begrüßen, dass in den letzten         Zu vermuten steht auch, dass sich
örtlichen oder außerörtlichen Straßen sowie Auto-        Jahren in Europa das Bestreben zu-       das Verkehrsverhalten durch die re-
bahnen. Der Anteil der jeweiligen Altersgruppe an        genommen hat, die Fortbewegung           lativ hohe und steigende Anzahl
der Gesamtbevölkerung in Bezug auf die Häufig-           zu Fuß und mit dem Fahrrad zu för-       von Elektrofahrrädern ändert, die
keit einer Unfallbeteiligung oder auch auf die Ver-      dern. Die Covid-19-Pandemie hat          zu mehr Betrieb auf den Radwegen,
letzungsschwere gibt allerdings wichtige Hinweise        diese Entwicklung bis zu einem ge-       höheren Geschwindigkeiten und
                                                         wissen Grad noch weiter beschleu-        schwereren Verletzungen führt.
für die Relevanz im Gesamtverkehrsgeschehen und          nigt. Für die immer älter werdende           Viele der Maßnahmen, die Stra-
Änderungen im Langzeitverlauf.                           europäische Bevölkerung steht viel       ßenverkehrssysteme für gefährdete
                                                         auf dem Spiel. Ältere Menschen           Verkehrsteilnehmer sicherer gestal-
GROSSE UNTERSCHIEDE                                      müssen aktiv bleiben, um gesund zu       ten, kommen auch älteren Men-
                                                         bleiben, andererseits sind sie im Ver-   schen zugute. Getrennte Fahrrad-
ZWISCHEN DEN KONTINENTEN                                 kehr stärker gefährdet – besonders,      spuren, eine günstigere Gestaltung
                                                         wenn sie zu Fuß oder mit dem Rad         von Kreuzungen, bessere Straßen-
Setzt man zunächst einmal die globale Brille auf         unterwegs sind.                          beleuchtung, niedrigere Geschwin-
und nimmt die absoluten Zahlen unter die Lupe, so           Aus dem Bericht des ETSC für          digkeiten: Diese erprobten und
fällt auf, dass nach Angaben des Institute for Health    2020 über die Fortbewegung zu            bewährten Lösungen könnten das
Metrics and Evaluation (IHME) der Universität            Fuß und mit dem Rad geht hervor,         Fahrradfahren und das Zufußgehen
Washington in Seattle die Zahl der Verkehrs­toten        dass Menschen über 65 Jahre              sowohl für jüngere wie auch für äl-
                                                         20 Prozent der Bevölkerung aus-          tere Menschen sicherer machen.
weltweit in den letzten Jahren insgesamt auf ei-         machen, aber etwa die Hälfte aller       Für ältere Menschen könnten je-
nem Niveau von circa 1,25 Millionen stagniert – die      tödlich endenden Fußgänger- und          doch zusätzliche Vorkehrungen not-
WHO geht sogar von 1,35 Millionen Verkehrstoten          Fahrradunfälle auf sie entfällt. Je-     wendig sein – zum Beispiel Maß-
aus. Diese Stagnation betrifft mehr oder weniger         des Jahr sterben in der EU 5.180         nahmen, die Stürzen beim Gehen
alle Kontinente gleichermaßen. Während zumin-            Fußgänger/innen und 2.160 Fahr-          vorbeugen (solche Stürze werden
                                                         radfahrer/innen, wobei gerade bei        oft nicht als verkehrsbedingte Ver-
dest bei den bis zu 49 Jahre alten Verkehrsteilneh-
                                                         diesen Fortbewegungsarten von            letzungen oder Todesfälle gemel-
mern die Zahl der bei Unfällen Getöteten zwischen        einer großen Zahl nicht gemelde-         det), mehr Zeit für die Überquerung
1990 und 2019 überwiegend abgenommen hat, gab            ter Todesfälle ausgegangen wird.         von Kreuzungen mit Ampeln oder
es in den verschiedenen Altersgruppen ab 50 Jah-         Fahrradunfälle und Stürze von Fuß-       sonstige Maßnahmen, die spezi-
ren teilweise deutliche Steigerungen. Weltweit stieg     gängern, an denen kein weiteres          ell auf diese Gruppen zugeschnit-
zum Beispiel die Zahl der bei Unfällen getöteten         Fahrzeug beteiligt ist, gehen häufig     ten sind.
                                                         nicht in die Statistiken der Verlet-         Nicht nur die Wohnräume älte-
65- bis 69-jährigen Verkehrsteilnehmer laut IHME         zungen und Todesfälle im Straßen-        rer Menschen sollten „altersgerecht“
zwischen 1990 und 2019 um über 65 Prozent von            verkehr mit ein.                         sein – Europa muss die Welt so ge-
39.000 auf rund 65.000. Allein in Asien verdoppelte         Die höhere Sterblichkeit älterer      stalten, dass ältere Menschen auch
sich die Zahl von 20.000 auf über 40.000.                Menschen im Verkehr hat körperli-        altersgerecht aktiv bleiben können.

      FÜR DIE ERHÖHUNG DER SICHERHEIT VON RADFAHRERN
      BEDARF ES ANDERER KONZEPTE ALS FÜR DIE ERHÖHUNG
      DER SICHERHEIT VON PKW-INSASSEN
                                                                                                                                11
Unfallgeschehen

3
                                                                                                                                                               Bei den über 70-Jährigen (Schaubild 3) be-
        Im Straßenverkehr getötete Senioren der Altersgruppe 70+
                                                                                                                                                            trug die Steigerungsrate weltweit über 80 Prozent
                             150.000                                                                                                                        – von 82.000 auf knapp 150.000. Erneut macht
                                                 Global
                                                                                                                                                            hier Asien den Löwenanteil aus: 2019 kamen
                                                 Afrika
                                                                                                                                                            dort mit knapp 92.000 Getöteten etwa zweiein-
                                                 Amerika
                                                                                                                                                            halbmal so viele über 70-Jährige bei Straßenver-
                                                 Asien
                             100.000
                                                 Europa
                                                                                                                                                            kehrsunfällen ums Leben als 1990. Schaut man
                                                                                                                                                            sich die Zahl der über 70-jährigen Verkehrstoten
Getötete

                                                                                                                                                            pro 100.000 Einwohner an (Schaubild 4), lag hier
                                                                                                                                                            Afrika 2019 mit über 80 Getöteten weit über den
                                 50.000                                                                                                                     Durchschnittswerten von Asien (35), Amerika
                                                                                                                                                            (27) oder Europa (13). Global betrug dieser Wert
                                                                                                                                                            bei den über 70-Jährigen 32. Für andere Alters-
                                                                                                                                                            gruppen sieht es in diesem Punkt deutlich besser
                                     0                                                                                                                      aus. Bei den 15- bis 49-Jährigen kamen 2019 welt-
                                          1990

                                                 1992

                                                         1994

                                                                1996

                                                                       1998

                                                                              2000

                                                                                     2002

                                                                                            2004

                                                                                                   2006

                                                                                                          2008

                                                                                                                 2010

                                                                                                                        2012

                                                                                                                               2014

                                                                                                                                      2016

                                                                                                                                              2018
                                                                                                                                                            weit etwa 16 Menschen pro 100.000 Einwohner
                                                                                            Jahr                                                            bei Verkehrsunfällen ums Leben, bei den 50- bis
                                                                                                                                             Quelle: IHME   69-Jährigen 22.

                                                                                                                                                               Aufschlussreich sind die Getötetenzahlen
4
                                                                                                                                                            auch im Hinblick auf die Art der Verkehrsteil-
        Im Straßenverkehr getötete Senioren der
                                                                                                                                                            nahme: Weltweit starben 2019 etwa 55 Prozent
        Altersgruppe 70+ bezogen auf die Bevölkerung
                                                                                                                                                            der im Straßenverkehr ums Leben gekommenen
                                   100
                                                                                                                                                            über 70-Jährigen als Fußgänger (circa 82.500), die
                                                 Global                                                                                                     Spitze bildete hier Asien mit knapp 56.000 (= 68
Getötete pro 100.000 Einwohner

                                    80           Afrika                                                                                                     Prozent). Als Pkw-Insassen starben 2019 in dieser
                                                 Amerika                                                                                                    Altersgruppe weltweit etwa 44.000 Menschen, da-
                                    60
                                                 Asien                                                                                                      von allein in Asien knapp 19.000. Sowohl bei den
                                                 Europa                                                                                                     getöteten Radfahrern als auch den getöteten Mo-
                                                                                                                                                            torradfahrern machte Asien mit circa 80 Prozent
                                    40
                                                                                                                                                            den größten Anteil aus.

                                    20                                                                                                                         Die genannten Zahlen sind möglicherwei-
                                                                                                                                                            se nicht bis ins kleinste Detail belastbar, da teil-
                                     0                                                                                                                      weise – wie es im Online-Tool „GBD Compare“
                                                                                                                                                            des IHME heißt – geschätzt. Dessen ungeachtet
                                          1990

                                                 1992

                                                         1994

                                                                1996

                                                                       1998

                                                                              2000

                                                                                     2002

                                                                                            2004

                                                                                                   2006

                                                                                                          2008

                                                                                                                 2010

                                                                                                                        2012

                                                                                                                               2014

                                                                                                                                      2016

                                                                                                                                              2018

                                                                                            Jahr                                                            zeigen sie einen Trend auf, der sich auch bei Be-
                                                                                                                                             Quelle: IHME   trachtung statistischer Zahlen und Erhebungen
                                                                                                                                                            anderer Institutionen bestätigt: Senioren sind im
                                                                                                                                                            Straßenverkehr stark gefährdet, und das nicht
                                                                                                                                                            nur als Pkw-Insassen, sondern vor allem auch als
                                                                                                                                                            Fußgänger und Radfahrer, wie Schaubild 5 deut-
                                                                                                                                                            lich macht.

                                                                                                                                                            BLICK IN EINZELNE AUSGEWÄHLTE
                                                                                                                                                            STAATEN AUSSERHALB DER EU
                                                                                                                                                            Laut der International Traffic Safety Data and
                                                                                                                                                            Analysis Group (IRTAD) sank in den von ihr un-
                                       Ohne Helm erhöhen                                                                                                    tersuchten Ländern im Zeitraum 2010 bis 2018
                                    nicht nur ältere                                                                                                        die Zahl der Verkehrstoten in der Altersgruppe
                                    Verkehrs­teilnehmer                                                                                                     der 18- bis 24-Jährigen um 25 Prozent und für die
                                    ihr Verletzungsrisiko                                                                                                   25- bis 64-Jährigen um 6,9 Prozent. Im gleichen
                                    bei einem Unfall um                                                                                                     Zeitraum zeigte sich bei den Senioren ein gegen-
                                    ein Vielfaches                                                                                                          läufiger Trend. So stieg die Zahl der bei Unfällen

                    12
5
     Anteil der getöteten Senioren (65+) an allen Verkehrstoten 2018 im internationalen Vergleich (Auswahl)*
                        Japan                                                                                                                   4.166 / 2.386 (57 %)
                                                         894 (21,5 %) / 469 (52,4 %)
                                                   636 (15 %) / 423 (66,5 %)
    A S I E N

                                                                         1.482 (35,5 %) / 1.059 (71,5 %)
                      Südkorea                                                                                                        3.781 / 1.682 (44,5 %)
                                                     725 (19 %) / 152 (21,1 %)
                                         207 (5,5 %) / 126 (60,9 %)
                                                                         1.487 (39 %) / 842 (56,6 %)
                                                                                                                                                                                                      36.560 / 6.907 (19 %)
                         USA
                                                                                                                                                                                          22.697 (62 %) / 4.743 (21 %)
                                                          857 (2,5 %) / 141 (16 %)

                                                                                                                                                                                    6.283 (17 %) / 1.275 (20 %)
    A M E R I K A

                       Kanada                                                         1.922 / 432 (22,5%)
                                                                    1.184 (61,5 %) / 256 (21,6 %)
                                    41 (2 %) / 14 (34 %)
                                           323 (17 %) / 115 (35,5 %)
                        Chile                                                           1.955 / 291 (15 %)
                                                 592 (30 %) / 47 (7,9 %)
                                       111 (5,5 %) / 23 (20,7 %)
                                                     694 (35,5 %) / 174 (25,1 %)
                      Deutsch-                                                                                         3.275 / 1.052 (32 %)
                        land                                           1.424 (43,5 %) / 410 (28,5 %)
                                               445 (13,5 %) / 231 (52 %)
                                               458 (14 %) / 259 (56 %)
                      Vereinigtes                                                    1.839 / 487 (26,5 %)
                      Königreich                        807 (44 %) / 232 (28,7 %)
                                      100 (5,5 %) / 22 (22 %)
                                               472 (25,5 %) / 176 (37,3 %)
                      Frankreich                                                                                       3.248 / 842 (26 %)
                                                                              1.637 (50,5 %) / 458 (28 %)
                                        175 (5,5 %) / 71 (40,5 %)
                                               471 (14,5 %) / 236 (50 %)
                        Italien                                                                                          3.334 / 1.061 (32 %)
                                                                         1.423 (42,5 %) / 448 (31,5 %)
                                        219 (6,5 %) / 112 (51,1 %)
                                                 612 (18 %) / 364 (59,5 %)
                       Spanien                                                      1.806 / 496 (27,5 %)
                                                      732 (40,5 %) / 200 (27,3 %)
    E U R O P A

                                     58 (3 %) / 21 (36,2 %)
                                            386 (21,5 %) / 208 (53,9 %)
                        Polen                                                                                2.862 / 699 (24,5 %)
                                                                       1.291 (45 %) / 211 (16,3 %)
                                           285 (10 %) / 122 (42,8 %)
                                                      803 (28 %) / 316 (39,4 %)
                      Portugal                       675 (100 %) / 226 (33,5 %)
                                         231 (34 %) / 76 (33 %)
                                    24 (3,5 %) / 7 (29 %)
                                       156 (23 %) / 86 (55 %)
                      Schweden             324 / 120 (37 %)
                                       181 (56 %) / 71 (39,9 %)
                                    23 (7 %) / 14 (60,9 %)                                                                    Lese-Erläuterung zu den Angaben der einzelnen Länder:
                                    34 (10,5 %) / 18 (52,9 %)                                                                 Erster Balken:
                      Österreich              409 / 121 (29,5 %)                                                              Anzahl der Verkehrstoten insgesamt/davon Senioren (prozentualer Anteil)
                                        181 (44 %) / 49 (27 %)                                                                Weitere Balken:
                                    41 (10 %) / 29 (70 %)                                                                     Anzahl der Verkehrstoten in der jeweiligen Verkehrsteilnehmergruppe insgesamt/
                                    47 (11,5 %) / 25 (53 %)                                                                   davon jeweils Senioren (prozentualer Anteil)
                       Schweiz           233 / 93 (40 %)
                                     79 (34 %) / 28 (35,5 %)
                                    38 (16 %) / 18 (47 %)
                                    48 (20,5 %) / 28 (58 %)
                      Australien                                1.136 / 244 (21,5 %)                                                Verkehrstote insgesamt                       davon Senioren
                                                533 (47 %) / 122 (22,7 %)
    O Z E A N I E N

                                                                                                                                    davon getötete Pkw-Insassen                  davon Senioren
                                    35 (3 %) / 9 (25,7 %)
                                        178 (15,5 %) / 60 (33,7 %)                                                                  davon getötete Radfahrer                     davon Senioren
                                                                                                                                    davon getötete Fußgänger                     davon Senioren
                       Neusee-               378 / 82 (22 %)
                        land               268 (71 %) / 59 (22 %)
                                    5 (1,5 %) / 1 (20 %)                                                                      *Aus zahlreichen der hier aufgeführten Staaten lagen bei Redaktionsschluss die jüngsten verfügbaren
                                     41 (11 %) / 17 (41,5 %)                                                                  Unfallzahlen aus dem Jahr 2018 vor. Zum besseren Vergleich wurden deshalb diese Daten verwendet.
                                                                                                                                                              Quellen: IRTAD Database, NHTSA, ONISR, Statistisches Bundesamt

                                                                                                                                                                                                                                    13
Unfallgeschehen

                                                                          tödlich verletzten über 65-Jährigen um rund sie-                               war diese Rate in Südkorea am höchsten. Der na-
                                                                          ben Prozent, diejenige der über 75-Jährigen um                                 tionale Durchschnitt lag dort bei 7,3 Verkehrstoten
                                                                          4,7 Prozent (Schaubild 6).                                                     pro 100.000 Einwohner. Insgesamt machten Senio-
                                                                                                                                                         ren 2018 in Südkorea 44,5 Prozent aller Verkehrs-
                                                                             Ein Grund für diese Zunahme ist der steigen-                                toten aus. Überproportional häufig kamen sie als
                                                                          de Anteil der Senioren an der Gesamtbevölkerung.                               Fußgänger und Fahrradfahrer ums Leben.
                                                                          Ferner sind die Senioren heute oftmals mobiler als
                                                                          in früheren Jahrzehnten und nehmen selbst bis ins                                 Ein Bericht des International Transport Forum
                                                                          hohe Alter aktiv am Straßenverkehr teil. So wie-                               der OECD aus dem Jahr 2016 über Südkorea liefert
                                                                          sen Bürger im Alter von 75 Jahren und mehr im                                  einige Begründungen, weshalb Südkorea im Ver-
                                                                          Jahr 2018 in 13 von 31 IRTAD-Ländern mit ver-                                  gleich zu anderen OECD-Staaten in Bezug auf die
                                                                          fügbaren Daten die höchste Mortalitätsrate auf.                                Verkehrssicherheit so schlecht dasteht. So überque-
                                                                          Mit 29,7 Verkehrstoten pro 100.000 Einwohner                                   ren offensichtlich viele Fußgänger die Fahrbahn,
                                                                                                                                                         ohne auf den Verkehr zu achten. Wird hierbei ein
                                                                                                                                                         Senior erfasst, hat dieser eine höhere Wahrschein-
6
           Entwicklung der Zahl der Verkehrstoten nach Art der                                                                                           lichkeit, an den Unfallfolgen zu versterben, als ein
           Verkehrsteilnahme und Alters­gruppen 2010 bis 2018                                                                                            jüngerer Mensch. Weiteres Problem: Breite Kreu-
                                                                                                                                                         zungen erfordern mehr Zeit zum Überqueren, was
                                 10                                                                                                                      das Unfallrisiko nach dem Umschalten der Ampeln
                                       Art der Verkehrsteilnahme                       Altersgruppen
                                  5
                                         Fuß-       Rad-       PTW*         Pkw-
                                                                                                                                                         für Fußgänger auf Rot erhöht. Da Senioren allge-
                                       ­gänger     fahrer                 Insassen     0–14       15–17   18–24    25–64                                 mein langsamer gehen als Jüngere, sind sie hier im
                                  0
  Zu-/Abnahme in Prozent

                                                                                                                            65–74        75+             Nachteil. In Verbindung mit einem angeblich rück-
                                  -5                                                                                                                     sichtslosen Verhalten einiger Verkehrsteilnehmer
                                 -10                                                                                                                     sind Senioren demnach hier einem erhöhten Risi-
                                                                                                                                                         ko ausgesetzt. Letzteres gilt auch für ein weiteres
                                 -15
                                                                                                                                                         asiatisches Land: Japan. Ältere Verkehrsteilneh-
                                 -20                                                                                                                     mer sind dort ebenfalls mit Abstand die Gruppe
                                        *„powered two-wheeler“ =
                                        motorisierte Zweiräder                                                                                           mit dem höchsten Unfallrisiko. 2018 machten sie
                                 -25
                                        OECD-Staaten außer Argentinien,                                                   OECD-Staaten außer             57 Prozent aller Todesfälle im Straßenverkehr aus.
                                 -30
                                        Kanada, Kolumbien, Niederlande,                                                  Argentinien, Kanada,            Die meisten im Straßenverkehr getöteten Senioren
                                        Slowenien und Ungarn                                                         Kolumbien und Slowenien
                                 -35                                                                                                                     sterben in Japan als Fußgänger. Dies gilt nach An-
                                              Durchschnittliche Abnahme
                                                                                                                                                         gaben des IHME ­außerhalb von Europa unter an-
                                                                                                                                      Quelle: IRTAD      derem auch für Brasilien, Chile und China.

7
        Verkehrstote pro 100.000 Einwohner nach Altersgruppen
                                 21
                                                                                                                                                                                              Altersgruppe
                                                                                                                                                                                                85+
                                 19                                                                                                                                                             80 – 84
Getötete pro 100.000 Einwohner

                                                                                                                                                                                                75 – 79
                                                                                                                                                                                                70 – 74
                                 17
                                                                                                                                                                                                65 – 69
                                                                                                                                                                                                bis 64
                                 15

                                 13

                                 11

                                  9
                                       2009

                                                            2010

                                                                                2011

                                                                                           2012

                                                                                                            2013

                                                                                                                              2014

                                                                                                                                                  2015

                                                                                                                                                               2016

                                                                                                                                                                           2017

                                                                                                                                                                                       2018

                                                                                                                    Jahr
                                  7
                                                                                                                                                                                                      Quelle: IRTAD

                     14
Breite Kreuzungen erfordern mehr Zeit zum
                                                         Überqueren und erhöhen das Unfallrisiko für
                                                         ältere Fußgänger

                                                         relativ gering, aber um 86 Prozent gestiegen. Be-
                                                         zogen auf die Bevölkerung, ist die Getötetenrate
                                                         für Senioren ab einem Alter von 65 Jahren über all
                                                         die Jahre höher als in den Altersgruppen darunter
                                                         (Schaubild 7). Bei Verkehrsunfällen sterben in den
                                                         USA die meisten Senioren als Pkw-Insassen. Das-
                                                         selbe gilt nach Angaben des IHME außerhalb von
                                                         Europa unter anderem auch für Australien, Kanada
                                                         und Neuseeland.
   In den USA zeigen sich bei den Senioren keine
besonderen Auffälligkeiten. Wie in vielen ande-          SITUATION IN DER EU
ren Staaten weisen Fahrer in der Altersgruppe 70+
eine höhere Unfallrate pro gefahrener Meile auf als      In der Europäischen Union (EU 28) kamen im Jahr
Fahrer mittleren Alters. Betrachtet man die Rate         2018 auf den Straßen 25.082 Menschen bei Ver-
an tödlichen Verkehrsunfällen pro gefahrenem Ki-         kehrsunfällen ums Leben. Gegenüber dem Jahr
lometer, so steigt diese ab dem Alter von 70 bis 74      2008 mit 35.315 Getöteten bedeutet dies einen
Jahren rapide an und ist in der Altersgruppe 85+         Rückgang um 29 Prozent. Von den 2018 ums Le-
am höchsten. Für den Zeitraum von 2009 bis 2018          ben gekommenen Menschen waren 7.274 mindes-
sind in den USA nach Angaben der National High-          tens 65 Jahre alt, was einem Anteil von rund 29
way Traffic Safety Administration (NHTSA) für die        Prozent an allen Getöteten entspricht (Schaubild 8).
Altersgruppe 65+ vor allem folgende Entwicklun-          Im Jahr 2008 lag dieser Anteil mit 7.397 Getöteten
gen bemerkenswert: Die Zahl der tödlichen Ver-           noch bei knapp 21 Prozent. Der Rückgang in abso-
kehrsunfälle stieg in diesem Zeitraum um 30 Pro-         luten Zahlen liegt damit in dieser Altersgruppe im
zent, die Zahl der tödlich verunglückten Fußgänger       betrachteten Zeitraum bei lediglich fünf Prozent,
sogar um 65 Prozent (bei Männern um 74 Prozent           der Anteil dieser Gruppe an allen Verkehrstoten
und bei Frauen um 49 Prozent). Die Zahl der tödli-       steigt deutlich an (Schaubild 9). Im Zeitraum 2010
chen Unfälle von Radfahrern ab 65 Jahren ist zwar        bis 2018 sank die Zahl der Verkehrstoten in nahezu

8                                                        9
    Anteil der Verkehrstoten                                   Entwicklung der Zahl der Verkehrstoten

      34+21+2916
    nach Altersgruppen 2018                                    nach Altersgruppen 2010 bis 2018

                                                                              10
                                                                                                                                 +5 %
    bis 24 Jahre                    25 – 49 Jahre
    16 %                                    34 %
                                                                               0
                                                          Anteil in Prozent

                                                                              -10                                       -8 %

                                                                              -20

                                                                              -30                         -29 %

                                                                              -40
    65+ Jahre                                                                       -40 %
    29 %                            50 – 64 Jahre                                            -43 %
                                            21 %                              -50
                                                                                    0 – 17   18 – 24      25 – 49      50 – 64   65+
                                                                                                       Altersgruppen
                                          Quelle: CARE                                                                                  Quelle: CARE

                                                                                                                                                       15
Unfallgeschehen

                             allen Altersgruppen, bei den 18- bis 24-Jährigen so-        gerungen beim Anteil an allen Verkehrstoten lie-
                             gar um 43 Prozent. Dagegen kamen in der Alters-             gen oberhalb der Zuwächse beim Bevölkerungs-
                             gruppe 65+ 2018 fünf Prozent mehr Menschen bei              anteil. Dies macht einen genaueren Blick in die
                             Verkehrsunfällen ums Leben als 2010. Dies könn-             Statistik erforderlich. Dabei fällt auf, dass rund 40
                             te eine Folge davon sein, dass die Bevölkerung,             Prozent der im Straßenverkehr tödlich verunglück-
                             ­EU-weit gesehen, über die Jahre immer älter wird.          ten Frauen in der Altersgruppe 65+ sind. Bei den
                                                                                         Männern liegt der Anteil bei lediglich rund 24 Pro-
                                 Im Jahr 2018 lebten in der EU (EU 28) rund 512          zent. Ursächlich hierfür sind aber eine höhere Ver-
                             Millionen Menschen. Knapp 100 Millionen davon               kehrsbeteiligung von Männern in jüngeren Jahren
                             waren 65 Jahre oder älter, was einem Anteil von             und ihre höhere Risikobereitschaft. Auffälligkeiten
                             20 Prozent entspricht. Im Jahr 2014 lag der An-             gibt es auch bei der Art der Verkehrsteilnahme. So
                             teil noch bei 18 Prozent (etwa 95 Millionen von             gehören 47 Prozent der im Straßenverkehr getöte-
                             knapp 508 Millionen). Der auch schon in der Ein-            ten Fußgänger zur Gruppe 65+. Genaue Zahlen zur
                             leitung beschriebene demografische Wandel hat               Verteilung der Fußgänger auf die Altersgruppen
                             damit an dieser Stelle einen Einfluss darauf, dass          und die dabei zurückgelegten Wegstrecken gibt es
                             in der Gruppe der Senioren die Zahl der Verkehrs­           zwar nicht, doch die Senioren dürften bei Weitem
                             toten weniger stark zurückgeht. Insgesamt ist diese         nicht die Hälfte aller Fußgänger oder Fußgänger-
                             Gruppe aber überproportional betroffen – die Stei-          Strecken repräsentieren.

       Prof. Dr. Walter Eichendorf
       Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR)

     Handlungsauftrag für Politik und gesellschaftliche Akteure

        Mobilität ist ein entscheidender Faktor         ist damit Handlungsauftrag für Politik und   ­ enerell verpflichtenden Überprüfung
                                                                                                     g
        für die Teilhabe am gesellschaftlichen Le-      gesellschaftliche Akteure zugleich. Die      der Fahreignung im Alter derzeit abzuse-
        ben. Personen höheren Alters sind heu-          Alterung der Gesellschaft erfordert da-      hen. Gleichwohl muss der Blick auf die
        te mo­biler als noch vor 20 oder 30 Jah-        bei eine Umstrukturierung und Vereinfa-      Entwicklung der Unfallzahlen gerichtet
      ren. I­ndividuelle Mobilität gilt mehr denn       chung des infrastrukturellen Aufbaus des     bleiben, denn schon heute gilt das
      je als wichtiger Bestandteil einer hohen          Verkehrssystems. Dies zieht Verbesserun-     75. Lebensjahr hinsichtlich der Unfall­
     ­Lebensqualität.                                   gen bei der Gestaltung und dem Betrieb       beteiligung und Schuldfrage als Scheide-
            Die Verfügung über ein eigenes Kraft-       von Knotenpunkten hin zu einer reduzier-     punkt in der Statistik.
      fahrzeug symbolisiert dabei Freiheit              ten Komplexität nach sich. Ausreichende         Alle Verkehrsteilnehmenden soll-
      und Unabhängigkeit und ist oft verbun-            Räumzeiten und getrennte Ampelphasen         ten gegenüber Älteren ganz besonde-
      den mit der Vorstellung, Reisen und Aus-          können die gefühlte und faktische Sicher-    re Rücksicht im Straßenverkehr zeigen.
      flüge durchzuführen oder einfach den              heit älterer Zufußgehender erhöhen. Um       Gleichzeitig können ältere Verkehrsteil-
      ­„Anschluss“ nicht zu verlieren. Auch das         möglichen verzögerten Wahrnehmungs-          nehmende auch selbst dazu beitragen,
       Fahrrad, ob mit oder ohne elektrische            leistungen im Alter begegnen zu können,      das Risiko zu senken, im Straßenverkehr
       ­Tretunterstützung, erfreut sich zunehmen-       ist es ratsam, über eine generelle Ver-      zu verunglücken. Hilfreich ist es, sich
        der Beliebtheit. Mit höherem Alter steigt       langsamung des Verkehrsablaufs im Sin-       deutlich sichtbar zu machen – bspw. mit
        zudem der Anteil des Zufußgehens im             ne eines fehlerverzeihenden Verkehrssys-     entsprechender Kleidung und Reflekto-
        Modal Split.                                    tems nachzudenken. Insgesamt muss der        ren. Schließlich ist auch eine gesunde
            So erfreulich die Zunahme der Mobili-       Straßenraum künftig zugunsten eines si-      Selbstreflexion ein Schlüssel für ein Mehr
        tät im Alter ist, so hat sie auch ihre Schat-   cheren Fuß- und Radverkehrs umgestaltet      an Verkehrssicherheit. Werden altersbe-
        tenseiten. In den vergangenen Jahren            werden. Quartiere mit guter Nahversor-       dingte sensorische, kognitive oder mo-
        war durchschnittlich ein Drittel aller im       gung, sicheren und kurzen Fuß- und Rad-      torische Leistungseinbußen identifiziert,
        Straßenverkehr Getöteten älter als              wegen, attraktiven Sitzgelegenheiten und     die Einfluss auf die Fahrfähigkeiten ha-
        65 Jahre. Besonders dramatisch stellen          ausreichend sicheren Querungsmöglich-        ben, will das weitere uneingeschränkte
        sich die Zahlen bei den getöteten Rad-          keiten erlauben es, im Alter sicher mobil    Auto- oder Radfahren wohlüberlegt sein.
        fahrenden und Zufußgehenden dar. Hier           und unabhängig zu sein.                      Für mehr Klarheit im Einzelfall kann hier
        war jeder Zweite älter als 65 Jahre.                Da Ältere als Unfallverursacher in       ein Gesundheitscheck, ein Fahrsicher-
            Älteren Menschen eine sichere Teilnah-      der Unfallstatistik bisher nur eine unter­   heitstraining oder eine Rückmeldefahrt
        me am Straßenverkehr zu ermöglichen,            geordnete Rolle spielen, ist von einer       sorgen.

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