Weisse Stars, schwarze Produzenten

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Weisse Stars, schwarze Produzenten
Weisse Stars, schwarze Produzenten | norient.com                         7 Oct 2021 15:35:28

    Weisse Stars, schwarze
    Produzenten
    by Ueli Bernays

    Im Videoclip zu Stacie Ann Fergusons (alias Fergie) jüngstem
    Hit, «London Bridge», wird ausgerechnet die Tower Bridge
    gezeigt. Eine lässliche Verwechslung? Man solle nicht alles
    wörtlich nehmen, liess jedenfalls die amerikanische
    Popsängerin verlauten, die Tower Bridge passe einfach
    besser ins Bild. Durch die Anekdote belustigt, schaut man
    sich das Musikvideo nochmals an. Und muss Fergie
    irgendwie recht geben. In ihrem Hit geht es weniger um
    Sightseeing als um das frivole Zeichen einer gewissen
    Verfügbarkeit – «How come every time you come around /
    My London, London bridge want to go down».

    Unbedeutende Verwechslung
    Dominant ist in diesem Song ohnehin der furiose Rhythmus. Als Beat-
    Produzenten vermutet man will.i.am, Fergies Kollegen in der Rap-Gruppe
    Black Eyed Peas. Auf ihrem kürzlich erschienenen Débutalbum, «The
    Dutchess», hat er die Beats mehrerer Stücke arrangiert, inspiriert durch
    seinen Produzenten-Rivalen Pharrell Williams. Gerade «London Bridge»
    allerdings stammt vom Shooting-Star Polow Da Don. Eine unbedeutende
    Verwechslung: Auch Polow Da Don nämlich greift zurück auf ein Pharrell-
    Williams-Klischee, auf die dumpf federnde R'n'B- Rhythmik in «Hollaback
    Girl» – einem überaus erfolgreichen Song, den Williams für Gwen Stefanis
    Débutalbum «Love Angel Music Baby» (2004) produziert hatte.

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    In diversen Anklängen an «Hollaback Girl» evozieren seither Dance-Tracks
    mit scheinbar streng getrommelten Rhythmen erotische Dramatik und
    barocke Nostalgie, die oft eher an das Leben in der putzigen Provinz denken
    lassen als an die Nacht im mondänen Klub. Immer wieder wird man erinnert
    an Marschmusik und Cheerleader-Shouts, an Umzüge, Paraden, Variété,
    Musical; opulente Klangbilder dienen als Background zu öligem Trällern oder
    zu ironisch-schneidigen Sprechgesängen. Vergleichbare Rhythmen weisen
    die Hits auf, die Timbaland, einer der einflussreichsten Pop-Produzenten der
    letzten zehn Jahre, unlängst für die kanadisch-portugiesische Sängerin Nelly
    Furtado (wie «Promiscuos» und «Maneater») oder den Sänger Justin
    Timberlake («Sexyback») geschaffen hat. Dasselbe gilt zuletzt für Gwen
    Stefanis zweites Album, «The Sweet Escape», das eben erschienen ist.

    Wie auf dem Erstling «Love Angel Music Baby» lässt sich Gwen Stefani
    wieder von verschiedenen Produzenten und Komponisten sekundieren, um
    im stilistischen Allerlei zwischen Pop-Ballade und Hip-Hop-Track Offenheit
    und Unverbindlichkeit zu demonstrieren. Während aber die Menufolge auf
    dem Débutalbum noch abseitige Experimente sowie rhythmische Innovation
    bot, die sich tatsächlich als wegweisend herausstellte, wirkt der Zweitling wie
    gezähmt. Das liegt nicht an radiophoner Schlichtheit einiger seichter
    Popsongs (produziert oder komponiert von Nelly Hooper, Toni Kanal, Keans
    Tim Rice-Oxley u. a.). Es ist eher dadurch zu erklären, dass, was auf dem
    Débutalbum trotz Achtziger- Jahre-Retro-Charakter eigenartig frisch wirkte,
    nun bereits im Klischee erstarrt. Pharrell Williams' Paradestücke stehen weit
    über dem vernachlässigbaren Rest von «Sweet Escape»; sie nehmen sich
    jedoch aus wie Selbstzitate. Zwar sorgt er mit «Wind It Up» und vor allem mit
    «Yammy» abermals für musikalische Höhepunkte, für üppige Klangbilder
    über packenden R'n'B-Grooves (bemerkenswert ist insbesondere das
    futuristische Heavy-Metal-Drehorgel-Outro von «Yammy»). Hingegen ist es
    ihm nicht gelungen, seinen Beats einen neuen Drall zu verpassen und damit
    Stefani nochmals als musikalische Vorreiterin zu präsentieren - da mag diese
    hier jodeln, wie sie will.

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    Allerdings: Will eine Stefani überhaupt Vorreiterin sein? Gwen Stefani
    unterhält ein Mode- Label («L. A. M. B.»), gleichzeitig aber gibt sie vor, nichts
    von Mode zu verstehen - sie habe eben stets getragen, was ihr gerade so
    passte. So ähnlich hält sie es heute auch in der Musik. Im Unterschied zu
    grossen Popmusikerinnen der neunziger Jahre - etwa Björk, Beth Gibbons,
    Lauryn Hill oder Erykah Badu -, die zu kulturellen Idolen und
    Integrationsfiguren avancierten, weil sie einen eigenen Sound entwickelten,
    im Unterschied auch zur Über-Ikone Madonna, die als Selfmade-Popstar
    immer auf die richtigen Trends setzte, scheint für Stefani eine gewisse
    Distanz zur eigenen Maskerade charakteristisch. Ihrem Auftreten fehlt die
    Stabilität eines eigentlichen Images, auch wenn sie sich öfters auf die Rolle
    eines platinblonden Bubblegum-Comic-Girls kapriziert. So taugt sie weder zur
    Superfrau noch zur Verkörperung feministischer Ideologie, liberalistischer
    Ideale. Vielmehr kennt man sie als ebenso coole wie gemütlich-entspannte
    Pop-Interpretin, die sich pudelwohl fühlt in provinziellen Anklängen schriller
    Songs.

    Lockere Identifikationsfiguren

    Auch dass die Epigoninnen nun musikalisch aufschliessen konnten zu ihr,
    wird sie nicht beunruhigen. Zusammen mit Sängerinnen wie Nelly Furtado,
    Fergie u. a. definiert Gwen Stefani heute so etwas wie den Status quo des
    femininen Mainstream-Pop, wo sie unverkrampfte Frauenpower
    repräsentieren. Dabei scheint es nun irgendwie fast obsolet geworden zu
    sein, die drei Sängerinnen musikalisch gegeneinander auszuspielen. Die Beats

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    der Produzenten sind stets ähnlich und stets ähnlich gut; auch die Gesänge
    sind, wiewohl ihnen grosse Stimmen fehlen, zumindest stimmig in die Tracks
    eingepasst. Freilich kann man bemängeln, dass die brave Nelly Furtado, die
    sich sehr unvermittelt an R'n'B und Hip-Hop anbiederte, musikalisch und
    schauspielerisch ziemlich überfordert scheint durch die Wucht der Rhythmen,
    die ihr ein Timbaland vorlegt. Und jenseits von schrill und ölig fehlt es einer
    Stefani gesanglich weitgehend an expressiver Tönung, dafür ist ihr Glamour
    entwaffnend. Dagegen wiederum scheint Fergie, obwohl eine recht virtuose
    Sängerin, die sich auch in Latin- und Reggae-Nummern bewährt, etwas zu
    ordinär...

    Wichtiger sind die Gemeinsamkeiten: Im Unterschied zu einstigen Teen-Stars
    wie Britney Spears oder Christina Aguilera wurde die Solo- Karriere von
    Fergie (geboren 1975) und Stefani (geboren 1968) ziemlich spät lanciert.
    Diese abgeklärten Pop-Frauen haben schon einiges erlebt: Nelly Furtado und
    Gwen Stefani sind Mütter. Fergie, die selber noch bei ihrer Mutter leben soll,
    macht kein Hehl aus ihren einstigen Drogen- und Essproblemen. Gerade die
    Natürlichkeit, der Esmeralda-Touch einer Nelly Furtado, die
    Unbekümmertheit Stefanis und Fergies menschliche Makel wohl machen
    weibliche Stars im Zeichen abermals unsicherer Geschlechterrollen zu
    zeitgeistigen Identifikationsfiguren.

    Crossover und Persiflage

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    Das wahre Leben allerdings wird selten zum Thema. Als langjährige Sängerin
    der Indie-Ska- Band No Doubt mochte sich Gwen Stefani einst noch in
    expressiver Ehrlichkeit versucht haben. Seit sie 2001 an der Seite der
    Rapperin Eve (im Titel «Let Me Blow Ya Mind») die Popszene mit ihrem alles
    überstrahlenden Charisma verblüfft hat, lässt sie musikalisch so dies und das
    mit sich geschehen – vorausgesetzt, die Produzenten haben Niveau und
    bringen die eskapistischen Stärken ihrer grellen Stimme zur Geltung. Fast
    möchte man nun einen Rückfall in eine traditionelle musikalische
    Rollenverteilung erkennen: hier der Autor, der Produzent, der Mann – da die
    Frau, die Interpretin. Aber Stars wie Stefani investieren nicht ihr Leben in die
    Musik, sondern lediglich die Stunden zwischen Modegeschäft-Management,
    Kinderbetreuung und Schauspielern. Obwohl sie viel künstlerische
    Kompetenz an ihre Produzenten delegieren, riskieren sie ihre Freiheit und
    Souveränität nicht. Sie bleiben, so scheint wenigstens zunächst, Zentrum
    ihrer medial diversifizierten Pop-Prominenz.

    Etwas anders allerdings nehmen sich die Machtverhältnisse aus der
    Perspektive der Produzenten aus: Was wäre eine Gwen Stefani ohne Pharrell
    Williams, Nelly Furtado ohne Timbaland, Fergie ohne will.i.am, Christina
    Aguilera ohne DJ Premier und die Pussycat Dolls ohne Cee-Lo Green oder
    Polow Da Don? Die musikalische Kooperation läuft hier indes nicht nur über
    die Geschlechtergrenze hinweg, sondern auch über die Demarkationslinie
    zwischen «Schwarz» und «Weiss», die stets konstitutiv war für die
    amerikanische Popmusik. Denn bei den massgebenden Produzenten handelt
    es sich fast durchwegs um Afroamerikaner. Zunächst haben sie sich im
    engeren Kreis von Hip-Hop und R'n'B bewährt. Seit sie Ende der neunziger
    Jahre - in Produktionen vorwiegend schwarzer Sängerinnen wie Mary J. Blige,
    Aaliyah, TLC, Destiny's Child - den seichten R'n'B der achtziger Jahre
    technoid verschlauften, mit futuristischen Beats spickten und die Gesänge
    synthetisch aufpolierten, haben sie einen enormen Einfluss auf die
    internationale Popszene.

    Wenn afroamerikanische Popmusiker erfolgreich waren in den letzten
    hundert Jahren, haben sie ihren Einfluss früher oder später auf den weissen
    Mainstream auszudehnen versucht. Das lief zumeist auf eine Mischung
    «schwarzer» mit «weissen» Klängen hinaus - wie im Swing der dreissiger, im
    Motown-Soul der sechziger und im R'n'B der achtziger Jahre. Nelson George,
    der gestrenge Mann der afroamerikanischen Pop-Theorie, beschrieb in
    seinem Klassiker «The Death Of Rhythm & Blues» (1988), wie der Crossover
    nicht nur die Gefahr künstlerischer Verwässerung in sich birgt, sondern auch
    das Risiko des Identitätsverlustes. Denn im weissen Pop werde von den
    sozialen und emotionalen Hintergründen der afroamerikanischen Musik
    abstrahiert.

    Im Unterschied zum Crossover von Motown aber, der auf Anbiederung an
    den weissen Geschmack hinauslief, und anders als ein Michael Jackson, der
    sich in abstrusen Anwandlungen neu zu erfinden suchte als weisser

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    Amerikaner, bleiben die erwähnten schwarzen Produzenten weisser Frauen
    ihrer Identität treu. Und es mag ihnen vielleicht eine Art kultureller
    Genugtuung bereiten, dass sie die Popszene beherrschen, indem sie für
    weisse Stars produzieren. Andrerseits werden sie in ihrer Musik mitunter
    doch auch Momente der Entfremdung erleben. Wenn Fergie, Nelly oder Gwen
    über ihre Beats trällern, ist in den Medien bezeichnenderweise kaum mehr die
    Rede von «R'n'B» - alle sprechen von «Disco-», «Party-» oder «Club-
    Sounds». Es liegt daran, dass diesen weissen Sängerinnen jene sinnliche Kraft
    zumeist abgeht, die schwarze Sängerinnen in ihrer Kindheit im Gospelchor
    tankten, um sie später in Liebesliedern lustvoll zu vergeuden. – Gwen, Nelly
    und Fergie sind lediglich lustig – ihr Schalk ergibt sich dabei nicht aus
    übertreibender Persiflage, zum Schabernack verleitet sie vielmehr der
    Minstrel- Humor einer gesanglich unzulänglichen Mimikry.

    → Published on November 07, 2006

    → Last updated on August 21, 2020

    Ueli Bernays (*1964) studierte Geschichte, Russisch und Philosophie in Zürich, Paris
    und Moskau. Er betätigte sich jahrelang als Jazzmusiker und arbeitet heute als
    Musikredaktor für Pop, Jazz und Weltmusik bei der Neuen Zürcher Zeitung. Sein
    erster Roman «August» ist beim «Kein&Aber» Verlag erschienen.

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