221 Landtagskurier Ausgabe 1 | 2022 - Der Sächsische Landtag

 
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221 Landtagskurier Ausgabe 1 | 2022 - Der Sächsische Landtag
Landtagskurier
                                                                                    Ausgabe 1 |
                                                                                    2022

                                                                                        1 22
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Öffentliche Anhörung      Gedenken an Holo­caust-     Max Heldt und der
zur Provenienzforschung   Opfer in der Gedenkstätte   sächsische Landtag zur Zeit
in sächsischen Museen     Großschweidnitz             der Weimarer Republik
221 Landtagskurier Ausgabe 1 | 2022 - Der Sächsische Landtag
EDITORIAL                                                                                                   I N H A LT

                                                                                                                                       PLENUM

                                                                             44. Sitzung des Sächsischen Landtags
                                                                             Geschichtsstunde in Finanzpolitik
                                                                             Aktuelle Preissteigerungen rufen historische
                                                                             Erinnerungen wach........................................................................................................................ 4
                                                                             44. Sitzung des Sächsischen Landtags
                                                                             Aufregung im Revier
                                                                             Verteilung der Fördergelder für den Strukturwandel
                                                                             sorgt für Unzufriedenheit ....................................................................................................... 5
                                                                             45. Sitzung des Sächsischen Landtags
                                                                             Regionales Denken mit Mehrwert
                                                                             Lebensmittelverarbeitung und -vermarktung
                                                                             stärkt die Wirtschaft vor Ort.................................................................................................6
                                                                             45. Sitzung des Sächsischen Landtags
                                                          Foto: S. Giersch   Gesundheit ist Vertrauenssache
                                                                             Medizinische Versorgung in Sachsen soll
                                                                             verbessert werden ....................................................................................................................... 7
Liebe Bürgerinnen, liebe Bürger,
                                                                             45. Sitzung des Sächsischen Landtags
die ersten beiden Monate des Jahres sind bei uns in der Regel kalt           Grüner Kraftstoff für die Zukunft
und karg. Die Bäume tragen kein Laub, der Himmel zeigt sich grau in          E-Fuels tragen zu klimafreundlicher Mobilität bei........................................8
grau. Diese Stimmung habe ich vorgefunden, als ich am 27. Januar             Hintergrundinformationen zu E-Fuels ................................................................... 10
gemeinsam mit unserem Ministerpräsidenten Michael Kretschmer
                                                                             44. Sitzung des Sächsischen Landtags
der Opfer des Nationalsozialismus gedachte. Auf dem Gelände der
                                                                             Keine Entwarnung, aber maßvolle Lockerungen
Gedenkstätte Großschweidnitz erlebte ich angesichts der vielen               Landtag debattiert weitere Schritte in der Corona-Pandemie........11
Menschen, die in der einstigen Heil- und Pflegeanstalt ermordet und
auf dem Friedhofsgelände ihre letzte Ruhe fanden, eine traurige Stille.                                                           PA R L A M E N T
Die Euthanasie-Verbrechen von Großschweidnitz führen uns vor Augen,
zu welchen Untaten Menschen im Abgrund ihres Herzens fähig sind.             Sächsische Sammlungen auf dem Prüfstand
Das verübte Leid und das Schicksal der Opfer halten uns zum Ge-              Sachkundige informieren über den Stand der
                                                                             Provenienzforschung in Sachsen................................................................................ 12
denken und Nachdenken an. Über menschenverachtende Worte und
Hass im Internet oder auf der Straße können wir nicht hinwegsehen.           Laufende Gesetzgebung....................................................................................................... 14
Wenn sich manche Gegner der Corona-Maßnahmen heute gelbe
Judensterne anstecken, dann verhöhnen sie das Schicksal der Mil-                                                                   AKTUELLES
lionen Juden, die unter den Nationalsozialisten leiden und sterben           Gedenken an den Gräbern
mussten. So etwas ist aufgrund der deutschen Geschichte und un-              Landtag und Staatsregierung erinnern an die Opfer
serer Grundwerte nicht hinnehmbar. Die Menschenwürde ist und                 des Nationalsozialismus...................................................................................................... 16
bleibt das höchste Gut unseres Gemeinwesens. Vor diesem Hinter-
                                                                             Spritze im Parlament
grund sehe ich es auch als ein hoffnungsvolles Zeichen, dass die
                                                                             Landtag sichert mit eigenen Impfungen
Gedenkstätte Großschweidnitz dank großen Engagements zu einem                die Arbeitsfähigkeit .................................................................................................................. 18
würdigen und eindrucksvollen Ort der Erinnerungskultur in Sachsen
geworden ist. Der Landtagskurier informiert darüber in der vorlie-                                                                      JUGEND
genden Ausgabe.
   Welchen Wert politische Stabilität für eine Demokratie hat, kann          Politiker persönlich
man an der Zeit der Weimarer Republik ablesen. Um diese wechsel-             Was Abgeordnete über ihren Beruf denken..................................................... 20
volle Epoche in Sachsen noch besser verstehen zu können, stellt der
                                                                                                                                 GESCHICHTE
Landtagskurier seit dem vergangenen Jahr die sächsischen Minister­
präsidenten in der Zeit zwischen 1919 und 1933 vor. Den mittlerweile         Max Heldt – Im Dienst der Großen Koalition
fünften Text dieser Serie, der diesmal die Biografie von Max Heldt           Ministerpräsidenten und Landtag in der Zeit
beleuchtet, empfehle ich Ihnen auf diesem Wege recht herzlich.               von 1919 bis 1933 (Teil 5).................................................................................................... 22

                                                                                                                                       SERVICE

                                                                             Weitere Informationen des Sächsischen Landtags................................ 24

                  Dr. Matthias Rößler
                  Präsident des Sächsischen Landtags

2                                                                            // Titel: Außengelände der Gedenkstätte Großschweidnitz // Foto: P. Sosnowski
221 Landtagskurier Ausgabe 1 | 2022 - Der Sächsische Landtag
PLENUM

 Von Preisentwicklung bis
  synthetische Kraftstoffe

                                                                Foto: O. Killig

// In der 44. Sitzung am 9. Februar 2022 debattierte der 7. Sächsische
Landtag den aktuellen Bericht der Staatsregierung zur Corona-Pande-
mie, den Anstieg der Inflation und die Verteilung der Strukturhilfen in
den sächsischen Kohlerevieren. In seiner 45. Sitzung am 10. Februar
2022 befasste sich das Plenum mit regionalen Lebensmitteln, der Zu-
kunft der medizinischen Versorgung sowie Kraftstoffen aus erneuer-
baren Energien, sogenannten E-Fuels. //

                                                                             3
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PLENUM

                                         44. Sitzung des Sächsischen Landtags
// André Barth // Foto: S. Floss
                                                                                                       Dr. Daniel Thieme

Geschichtsstunde in Finanzpolitik
                                   Aktuelle Preissteigerungen rufen historische Erinnerungen wach

               // Die erste Aktuelle Debatte der 44. Sitzung des 7. Sächsischen Landtags am 9. Februar 2022 befasste
               sich mit dem Thema »99 Jahre nach der Hyperinflation – Haben die Regierungen und die Zentralbanken
               immer noch nichts gelernt?«. Der Antrag wurde von der AfD-Fraktion auf die Tagesordnung gesetzt. //

Reserven sind aufgebraucht                         Preissteigerungen bei                              Keine Panik verbreiten
                                                   Vorprodukten
Die Inflationsrate habe im Dezember bei                                                               Der Debattentitel der AfD sei absurd, fand
5,3 Prozent gelegen und verzeichne damit           Nico Brünler, DIE LINKE, sah ebenfalls keine       Dirk Panter, SPD, deutliche Worte. Angst­
den höchsten Anstieg seit 50 Jahren, hob           Parallelen zwischen der Hyperinflation von         macherei bringe nichts ein, vielmehr müsse
André Barth, AfD, an. Höhere Preise würden         1923 und heute. In der Geschichte der Bun-         es eine sachliche Auseinandersetzung geben.
die finanzielle Situation bei einem Teil der       desrepublik habe die Inflationsrate schon          Vielen Menschen bereiteten die steigenden
Bevölkerung weiter verschärfen. Ihre Reser-        häufiger über fünf Prozent gelegen, etwa in        Preise, speziell die hohen Energiekosten, zu­
ven seien nach zwei Jahren Pandemie auf-           den 1970er-Jahren. Man sehe im Moment vor          ­­nehmend Sorgen. Darum müsse man sich küm­
gebraucht. Daher solle sich der sächsische         allem eine Verteuerung der Vorprodukte, be-        mern. Seit der Einführung des Euro habe die
Finanzminister dafür einsetzen, dass die           dingt durch Lieferketten-Schwierigkeiten im        durchschnittliche Preissteigerung in Deutsch­
Bundesregierung gegensteuere und die Mehr­         Zusammenhang mit der Corona-Pandemie.              ­­land 1,4 Prozent betragen. Zu Zeiten der
wertsteuer deutlich herabsetze. Ansonsten          Außerdem gebe es außergewöhnliche Preis-           D-Mark seien es über drei Prozent gewesen.
drohe eine Hyperinflation wie im Jahre 1923.       anstiege bei Energie und Lebensmitteln.                 Hartmut Vorjohann, Staatsminister der
   Eine Inflation von 5 Prozent sei keine Hyper­      Gerhard Liebscher, BÜNDNISGRÜNE, er-            Finanzen, CDU, erklärte, das Lernen aus der
inflation, entgegnete darauf Georg-Ludwig          klärte, die Weltwirtschaft habe mit der Corona-­   Geschichte sei zweifellos hilfreich. Aus den
von Breitenbuch, CDU, seinem Vorredner.            Pandemie einen Schock erlebt, auf den eine         historischen Verwerfungen des 20. Jahrhun-
Eine solche Angst dürfe man nicht an die           außerordentliche Verknappung des Ange-             derts habe man gelernt, indem etwa unab-
Wand malen. Dennoch müsse der Freistaat            bots folgte. Vergleichbar sei die heutige          hängige Finanzinstitutionen wie die Europä-
Sachsen die Entwicklungen mit Blick auf            Situation am ehesten mit der Ölpreiskrise          ische Zentralbank entstanden seien. Zu den
den kommenden Doppelhaushalt aufmerk-              der 1970er-Jahre. Bei der momentanen Infla­        historischen Lehren gehöre ebenso die Not-
sam verfolgen. Angeheizt werde die Infla­          tionsrate werde zu wenig beachtet, dass die        wendigkeit einer soliden Haushaltspolitik.
tion durch die neue Bundesregierung. Die           Preise im Jahr 2020 unterdurchschnittlich          Wenn die Belastungen aus der Corona-­
Erhöhung des Mindestlohns treibe die Preis-        niedrig gewesen seien. Gegensteuern solle          Pandemie ausliefen, müsse Sachsen zu den
spirale ebenso nach oben wie die Energie-          man nicht mit Geldpolitik, sondern eher mit        regulären Fiskalregeln zurückkehren.
wende.                                             Sozialpolitik.

4                                                                                                                                Ausgabe 1 2022
                                                                                                                                          ˚
221 Landtagskurier Ausgabe 1 | 2022 - Der Sächsische Landtag
PLENUM
     Dr. Daniel Thieme

                          Aufregung im Revier
                 Verteilung der Fördergelder für den Strukturwandel sorgt für Unzufriedenheit
                                                   44. Sitzung des Sächsischen Landtags

                    // »Geld? Alle. Strategie? Keine. Beteiligung? Fehlanzeige. Chance auf Strukturwandel für die
                    Lausitz vertan. Danke für gar nichts, Herr Schmidt!«, lautete die zweite Aktuelle Debatte am
                    9. Februar 2022. Sie wurde von der Fraktion DIE LINKE beantragt. //

Keine ausreichende Mitsprache                    Regionale Identität erhalten                    Projekte warten auf Umsetzung

Der Strukturwandel biete im Grunde genom-        Thomas Thumm, AfD, kritisierte, dass die        Es dürfe nichts für gescheitert erklärt wer-
men den Stoff für eine Erfolgsgeschichte, be­    Kohlepolitik im Freistaat zu bürokratisch,      den, ehe es überhaupt irgendeine Wirkung
gann Antonia Mertsching, DIE LINKE. Nun aber     bürgerfern und hochgradig intransparent         entfalte, warnte auch Volkmar Winkler, SPD.
mache sich Frustration in den Revieren breit.    sei. Die Staatsregierung schwärme von For-      Das werde diesem großen Transformations-
Regionale Strukturen seien zerstört worden       schungseinrichtungen und Innovationszen­        prozess nicht gerecht. Die Gelder seien nicht
und Akteure vor Ort haben ihre Motivation        tren. Doch wie sie die notwendigen Wert-        aufgebraucht, sondern lediglich gebunden.
verloren. De facto entscheide die Sächsische     schöpfungsketten, Arbeiter und Handwerker       Sachsen habe bereits eine Vielzahl von Pro-
Agentur für Strukturentwicklung, welche          in der Lausitz halten wolle, könne sie nicht    jekten angemeldet und warte auf deren Um-
Pro­jekte qualifiziert würden. Die Regionalen    beantworten. Es müsse vor allem dafür ge-       setzung. Man wolle damit den Freistaat als
Begleitausschüsse seien hin­gegen ein Feigen­    sorgt werden, dass die regionale Identität      führenden Standort in der Elektromobilität,
blatt ohne gleichberechtigte Stimmenver-         nicht verloren gehe. Außerdem dürfe es keinen   der Wasserstoffwirtschaft sowie der Mikro-
hältnisse.                                       vorgezogenen Kohleausstieg geben.               elektronik etablieren.
   Die meisten Projekte fänden vor allem in         Thomas Löser, BÜNDNISGRÜNE, gab zu               Mit Populismus könne man keinen Struk-
den Revieren, also vor den Toren der Kommu­      bedenken, dass der Strukturwandel gesamt-       turwandel durchführen, nahm Regionalminis-
nen statt, so Dr. Stephan Meyer, CDU. Des­halb   gesellschaftliche Anstrengungen erfordere.      ter Thomas Schmidt, CDU, auf den Debatten­
sei es vollkommen nachvollziehbar, dass          Bei aller berechtigter Kritik dürfe es nicht    titel Bezug. Es gebe selbstverständlich eine
die Regionalen Begleitausschüsse mit kom-        passieren, dass er schon zu Beginn negativ      Strategie, die mit Zielen und vielen Hand­
munalen Vertretern dort stimmberechtigt          besetzt und schlechtgeredet werde. Wenn         lungsfeldern untersetzt sei. Sachsen habe
seien. Die Begleitausschüsse wiederum be-        der Kohleausstieg bis 2038 gelingen solle,      dies als erstes Bundesland auf die Beine
stünden aus einer Vielfalt gesellschaft­licher   müsse das Geld schneller in die Reviere flie-   gestellt. Thomas Schmidt reagierte überdies
Gruppen, die sich auch inhaltlich ein­bringen    ßen. Notwendig sei ebenso mehr Transpa-         auf Kritik an mangelnder Transparenz: Er
könnten. Insgesamt habe das Lausitzer Re-        renz seitens des Regionalministeriums und       habe in jeder Ausschusssitzung über den
vier 946 Millionen Euro an Bundeshilfen zur      der Begleitausschüsse.                          Strukturwandel berichtet und Fragelisten
Verfügung.                                                                                       mündlich oder auch schriftlich beantwortet.

// Antonia Mertsching // Foto: S. Floss

Ausgabe 1 2022                                                                                                                              5
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Regionales Denken
mit Mehrwert                                                                                                        Dr. Daniel Thieme

                                                             45. Sitzung des Sächsischen Landtags                                         // Volkmar Zschocke
Lebensmittelverarbeitung
und -vermarktung stärkt                             // In seiner 45. Sitzung debattierte der 7. Sächsische Landtag am 10. Februar 2022
die Wirtschaft vor Ort                              über das Thema »Lebensmittel aus Sachsen: Regionalwert schaffen, Land und
                                                    Stadt verbinden, gesunde Esskultur fördern.« Die Aktuelle Debatte wurde von der
Bauern unter Druck                                  Fraktion BÜNDNISGRÜNE beantragt. //

Die Landwirtschaft stehe unter dem enormen          schwert. Riesige Windräder und Solaranla-      wirtschaft oder bei den Saisonarbeitskräf-
Druck, für Billigpreise zu produzieren und          gen vernichteten Lebensräume und mach-         ten auseinanderzusetzen. Diejenigen, die
gleichzeitig gestiegene Umwelt- und Tier-           ten wertvolles Ackerland für Generationen      produzierten und verkauften, erwarteten ei-
wohlanforderungen zu erfüllen, so Volkmar           unbrauchbar. Der notwendige Einsatz von        ne angemessene Entlohnung. Dies halte die
Zschocke, BÜNDNISGRÜNE. Ein Ausweg aus              Dünge- und Pflanzenschutzmitteln werde         Landwirte in der Region.
der Misere sei es, neue Strukturen für regio-       ebenso eingeschränkt. Wenn man weiterhin          Regionale Wertschöpfung in der Land-
nale Verarbeitung und Vermarktung aufzu-            über Lebensmittel aus Sachsen reden wolle,     wirtschaft stärke den ländlichen Raum,
bauen. Indem Lebensmittel aus Sachsen vor           müsse der Zugang zu modernen Betriebs-         stimmte Landwirtschaftsminister Wolfram
Ort weiterverarbeitet und verwendet würden,         mitteln möglich bleiben.                       Günther, BÜNDNISGRÜNE, zu. Dieses Anlie-
entstünde ein gesellschaftlicher Mehrwert,             Antonia Mertsching, DIE LINKE, wies auf     gen sei mit weiteren Aufgaben verbunden,
der größer sei als die rein wirtschaftliche Wert­   bestehende Schwierigkeiten bei regionalen      wie beispielsweise Umweltzielen, tierge-
schöpfung.                                          Lebensmitteln hin. So würde zwar eine          rechter Haltung und verlässlichen Einkom-
    Es sei bisher unklar, was mit dem Begriff       Mehrheit der Verbraucher behaupten, Pro-       mensperspektiven in der Landwirtschaft.
»Regionalität« genau gemeint sei, merkte            dukte der Region zu kaufen, tatsächlich tun    Ein Wachstumsthema sei der Ökolandbau,
Ines Springer, CDU, an. Wenn von Regionen           würden dies aber letztlich nur 20 Prozent.     wobei der Schwerpunkt noch stärker auf re-
gesprochen werde, müsse man sich darüber            Gründe für diese Zurückhaltung seien die       gionalen Bio-Produkten liegen solle.
verständigen, ob damit beispielsweise nur die       höheren Preise, vor allem aber die Alltags­
Vorstadt von Dresden, Sachsen oder andern­          tauglichkeit und die Zeit. Hinzu komme die     // Ines Springer // Fotos: O. Killig
falls ganz Deutschland gemeint sei. In der          Anspruchshaltung, es müsse alles zu jeder
Abwägung verschiedener landwirtschaftli-            Zeit zur Verfügung stehen.
cher Produktionsformen setzte sich ihre
Fraktion dafür ein, alle gleich zu behandeln.
Bio-Produkte seien genauso wertvoll wie             Ländliche Räume stärken
konventionell erzeugte Lebensmittel.
                                                    Juliane Pfeil, SPD, betonte, dass regionale
                                                    Werte auch über ganz kleine innovative Ideen
Einschränkungen reduzieren                          geschaffen würden. Beispiele dafür seien
                                                    unter anderem Hofläden, die in ländlichen
Nach Ansicht von Jörg Dornau, AfD, werde            Gebieten Versorgungslücken stopften. Zu
den Bauern eine regionale und auskömmliche          Regionalwerten gehöre auch, sich intensi-
Versorgung der Bevölkerung immer mehr er-           ver mit den Lohnverhältnissen in der Land-

6                                                                                                                                         Ausgabe 1 2022
                                                                                                                                                   ˚
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PLENUM

                                                 45. Sitzung des Sächsischen Landtags
                                                                                                    // Simone Lang, Susanne Schaper // Fotos: O. Killig
            Dr. Daniel Thieme

Gesundheit ist Vertrauenssache
                          Medizinische Versorgung in Sachsen soll verbessert werden

// In der zweiten Aktuellen Debatte der 45. Sitzung des Sächsischen Landtags                   diese Ansprüche der aktuellen Situation noch
thematisierte die SPD-Fraktion unter dem Titel »Die Menschen im Mittelpunkt:                   gerecht würden. Der Fachkräftemangel sei lan-
                                                                                               ge bekannt. Die Pflege-Enquete­kommission
Das Gesundheitssystem von morgen sicher, modern und leistungsfähig gestalten«
                                                                                               habe bereits Empfehlungen gegeben. Die
die Zukunft der Gesundheitspolitik in Sachsen. //                                              Koalition müsse nun endlich handeln.

Menschen an erster Stelle                     Menschen in den Mittelpunkt. Auch in der         Innovationen angekündigt
                                              Pflege sei digitale Unterstützung denkbar.
Schlagzeilen über Personal- und Fachärzte-                                                    Die Menschen interessierten sich beim The-
mangel sowie Krankenhausschließungen                                                          ma Gesundheit vor allem für Fragen, die die
ließen aktuell am Vertrauen in das Gesund-    Eklatante Versorgungsprobleme praktische Versorgung beträfen, so Kathleen
heitssystem zweifeln, fand eingangs Simone                                                    Kuhfuß, BÜNDNISGRÜNE. Im Koalitionsver-
Lang, SPD. Zu den Herausforderungen ge-       Im Moment könne bei der Gesundheitspoli- trag seien dazu viele Innovationen angekün-
hörten die demografische Entwicklung und      tik nicht vom Gestalten gesprochen werden, digt worden, beispielsweise Gesundheits-
die unterschiedliche Versorgung zwischen      warf Frank Schaufel, AfD, ein. In Sachsen seien zentren im ländlichen Raum, Praxisnetze
Städten und ländlichen Regionen. Das Ziel     Mitte des letzten Jahres 434,5 Vertrags- oder mobile Angebote. Regionen außerhalb
müsse es sein, für alle Menschen in Sachsen   arztstellen unbesetzt gewesen. In der Pflege Sachsens, die ebenfalls vom Strukturwan-
die besten medizinischen Bedingungen zu       zeichneten sich eklatante Versorgungspro- del betroffen seien, zeigten, dass die Ideen
gewährleisten. Im Mittelpunkt stehe der       bleme ab. Deutschlandweit fehlten bereits funktionierten.
Mensch, nicht der Profit.                     heute 200 000 Arbeitskräfte. Der Investitions­     Die Staatsministerin für Soziales und Gesell­
   Daniela Kuge, CDU, gab zu Bedenken,        stau in den sächsischen Krankenhäusern schaftlichen Zusammenhalt, Petra Köpping,
dass eine umfassende Gesundheitsversor-       betrage 350 Millionen Euro, dennoch seien SPD, hob hervor, dass eines der ersten Pro-
gung auch ökonomische Stärke benötige. Es     reguläre Investitionsmittel in der Corona-­ jekte dieser Legislatur die Abschaffung des
brauche ein System, das auf die gesundheit­   Pandemie gekürzt worden.                        Schulgeldes für Gesundheitsberufe gewesen
lichen Probleme der Menschen individuell          Susanne Schaper, DIE LINKE, wies auf die sei. Bei der Arztgewinnung setze man auf
eingehe und innovative Lösungsansätze         Erwartungen der Patienten hin. Sie wünsch- Haus­arztstipendien, das Medizinstudienpro­
schaffe. Durch Internetmedizin, Online-Be-    ten sich eine zeitnahe, verständliche, empa- gramm in Ungarn sowie die Landarztquote.
ratung, E-Arztbesuche oder elektronische      thische und den aktuellen medizinischen Den Pflegebereich fördere man unter anderem
Patientenakten werde die medizinische Ver-    Erkenntnissen folgende medizinische Gesund­ mit Strukturhilfen und Pflegekoordinatoren
sorgung effektiver und stelle dennoch den     heitsversorgung. Es sei allerdings fraglich, ob für eine vernetzte Beratung vor Ort.

Ausgabe 1 2022                                                                                                                                       7
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                                                                 // Auf Antrag der CDU-Fraktion befasste sich der Sächsische Landtag mit
                                                                 regenerativen Energien. »Auch mit E-Fuels zur Klimawende – alle rele-
                                                                 vanten Antriebstechnologien im Verkehr sinnvoll einsetzen!« lautete die
                                                                 dritte Aktuelle Debatte der 45. Plenarsitzung am 10. Februar 2022. //

// Andreas Nowak              // Timo Schreyer               // Marco Böhme                 // Dr. Daniel Gerber           // Hennig Homann // Fotos: O. Killig

                                                                        45. Sitzung des Sächsischen Landtags
                   Dr. Daniel Thieme

    Grüner Kraftstoff für die Zukunft
                                    E-Fuels tragen zu klimafreundlicher Mobilität bei

      CDU: Energieeffizienz                und bei Windkraftanlagen 32 Pro­    heit stehe, stellte Timo Schreyer,   könnten. Ihre weitere Erforschung
      im Ganzen betrachten                 zent. In anderen Regionen liege     AfD, klar. So dürfe man auch         und Entwicklung müsse in den
                                           sie mitunter deutlich höher. So     den Dieselmotor nicht abschaf-       Strukturwandel­regionen wie der
      In der Debatte sprach zuerst         erreichten Fotovoltaikanlagen       fen, sondern im Interesse der        Oberlausitz und in den auto­
      Andreas Nowak, CDU. Er ging          in Nordafrika 94 Prozent Effizi-    Bürger und der kleinen und           mobilverbundenen Regionen wie
      zunächst auf die Kritik ein,         enz, Windkraftanlagen immer-        mittelständischen Betriebe wei-      Südwestsachsen an­ge­siedelt
      E-Fuels hätten gegenüber ande-       hin 56 Prozent. Man müsse das       terentwickeln. Gleiches gelte        werden.
      ren Energieträgern eine geringere    Problem folglich global betrach-    für Benzinmotoren: Anstatt ihre
      Effizienz. In diesem Vergleich       ten. An E-Fuels führe kein Weg      Nutzungskosten durch Steuern
      dürfe allerdings nicht aus-          vorbei, zumal sie sich anders       und Abgaben künstlich in die         LINKE: Keine Alternative
      schließlich der Wirkungsgrad         als der Strom für Batteriefahr-     Höhe zu treiben, sollten sie         zur Elektrifizierung
      des Motors betrachtet werden,        zeuge auch über weite Strecken      effizienter gemacht werden.
      so der Abgeordnete. Vielmehr         transportieren ließen.              Grundsätzlich spreche sich die       E-Fuels, also Kraftstoffe, die nicht
      komme es auf die technische                                              AfD-Fraktion für E-Fuels als eine    aus Erdöl, sondern aus künst­
      Gesamteffizienz des Kraftstoffes                                         Antriebstechnologie unter vielen     lichen Alternativen erzeugt
      an. Maßgeblich für die Erzeu-        AfD: Technologieoffen-              aus, da synthetische Kraft­stoffe    würden, seien von der Idee her
      gung von erneuerbaren Energien       heit statt Verbote                  nicht nur sauber, sondern auch       eine gute Sache, befand Marco
      seien die Volllaststunden, also                                          ressourcenschonend eingesetzt        Böhme, DIE LINKE. Es stelle
      die Auslastung einer Anlage zur      Seine Fraktion sei die einzige im   werden könnten. Ihre Verwen-         sich jedoch die Frage, woher
      Stromgewinnung. In Deutschland       Landtag, die keine bestimmte        dung hänge jedoch davon ab,          die alternativen Rohstoffe stam-
      betrage die Energieeffizienz bei     Antriebsart verbieten wolle,        ob sie in Zukunft ökonomisch         men sollten. Zwar sei es denk-
      Foto­voltaikanlagen 39 Prozent       sondern für Technologieoffen-       sinnvoll verwendet werden            bar, E-Fuels aus Wasserstoff

     8                                                                                                                                 Ausgabe 1 2022
                                                                                                                                                ˚
221 Landtagskurier Ausgabe 1 | 2022 - Der Sächsische Landtag
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herzustellen. Dafür benötige       auf Nachhaltigkeit und Wirt-
man allerdings Wasserstoff aus     schaftlichkeit geprüft werden.
erneuerbaren Energien, deren       Alle seriösen Studien kämen
Ausbau die CDU in Sachsen bis-     zum Ergebnis, dass die direkte
lang massiv blockiere. Selbst      Elektrifizierung in den aller-
wenn mehr grüner Strom zur         meisten Fällen gegenüber dem                »Unterschiedliche
Verfügung stünde, sollte er        Umweg über Wasserstoff und                  Transportbedürfnisse
besser für den direkten Ver-       synthetische Kraftstoffe vorzu-             werden auch in
brauch eingesetzt werden. Die      ziehen sei. Das gelte sowohl
                                                                               Zukunft unter-
Elektrifizierung müsse, dort wo    für die Umweltbilanz und den
es möglich sei, Vorrang haben.     gesamten Lebenszyklus als
                                                                               schiedliche
Ein E-Auto habe einen fünfmal      auch im Hinblick auf die Kos-               Lösungen
geringeren Stromverbrauch, als     ten. Bei der Herstellung von                erfordern.«
wenn erst synthetische Kraft-      E-Fuels ergebe sich ein sehr
stoffe hergestellt würden. Noch    hoher Effizienz­verlust, da
besser wäre es, das Auto ganz      mehrfach Energie umgewandelt
weglassen zu können und den        werden müsse. Im Individual­
ÖPNV auszubauen. Dann wären        verkehr haben sie daher nichts
die Menschen auch weniger          zu suchen.
auf das Auto angewiesen, als
sie es heute seien.                                                                      45. Sitzung des Sächsischen Landtags
                                   SPD: Umbau der                                                   // Martin Dulig
                                   Industrie fördern
BÜNDNISGRÜNE:
Ungeeignet für den                 Henning Homann, SPD, vertrat
Individualverkehr                  ebenfalls die Ansicht, dass          bauen. Man dürfe diese Auf­        Staatsregierung:
                                   E-Fuels im Vergleich zu batterie-    gabe nicht auf andere Länder       Schwerpunkt auf
Der Verkehrssektor mache           elektrischen Pkw die schlechtere     abwälzen, sondern müsse es         Elektromobilität
20 Prozent der CO2-Emissionen in   Option darstellten. Das bedeute      schon selbst erledigen. Es sei
Deutschland aus, so Dr. Daniel     aber nicht, dass die dahinter-       ein Fehler, bei der Mobilität      Martin Dulig, Staatsminister für
Gerber, BÜNDNISGRÜNE. Im           stehende Technologie nicht           weiterzumachen wie bisher,         Wirtschaft, Arbeit und Verkehr,
Jahrzehnt vor Corona haben sie     sinnvoll sei. Man werde synthe-      nur eben mit Wasserstoff oder      SPD, warnte davor, die Debatte
um sieben Prozent zugelegt.        tische Kraftstoffe benötigen, um     E-Fuels. Die Veränderungen         zu einseitig zu führen. Nur über
Um die gesetzlich verankerten      den klimaneutralen Umbau des         müssten tiefer ansetzen. Es        E-Fuels zu reden, sei zu kurz
Klimaschutzziele zu erreichen,     Verkehrssystems und der Indus-       erfordere politische Unter­        gesprungen. Die Kraftstoffe
brauche es bis 2030 jedoch         trie zu organisieren. Das schlie-    stützung, dass Sachsen ein In-     erzeugten beim Verbrennungs-
eine Halbierung der aktuellen      ße auch ihren wahrscheinlichen       dustrieland der Zukunft bleibe.    motor genauso viel CO2 wie
Emissionen im Verkehrssektor.      Einsatz in der Luft- und Seefahrt    Man habe jetzt die Chance, In-     Diesel und Benzin. Ihre Herstel-
Dafür müssten alle Bereiche        ein. Wenn man E-Fuels fördern        dustrien anzu­siedeln und einen    lung ergebe nur dann ökologisch
der Mobilität betrachtet und       wolle, sei alles dafür zu tun, die   eigenen »Vorsprung Ost« zu         Sinn, wenn das CO2 aus der
verschiedene Antriebskonzepte      erneuerbaren Energien auszu-         generieren.                        Atmosphäre genommen werde.
                                                                                                           Für die Mobilitätswende bleibe
                                                                                                           dennoch der Elektroantrieb die
                                                                                                           erste Wahl. Er sei in der Anwen-
                                                                                                           dung CO2-neutral und überdies
                                                                                                           leise. Sachsen fahre mit dem
                                                                                                           Thema Elektromobilität bislang
                                                                                                           sehr gut, auch wenn nach wie
                                                                                                           vor ein hoher Ausbaubedarf bei
                                                                                                           der Ladeinfrastruktur bestehe.
                                                                                                           Die Technologie schreite weiter
                                                                                                           voran, etwa in der Batterietech-
                                                                                                           nologie. Feststoffbatterien oder
                                                                                                           gar lithiumfreie Calcium-Ionen-­
                                                                                                           Batterien würden künftig eben-
                                                                                                           falls alltagstauglich. In den
                                                                                                           nächsten Jahren werde jedes
                                                                                                           vierte in Europa produzierte
                                                                                                           Elek­troauto aus Sachsen
                                                                                                           kommen.

Ausgabe 1 2022                                                                                                                            9
         ˚
221 Landtagskurier Ausgabe 1 | 2022 - Der Sächsische Landtag
PLENUM

                       Hintergrundinformationen
                               zu E-Fuels
                                                                                                          Foto: alexanderuhrin/
     Dr. Daniel Thieme                                                                                    stock.adobe.com

                                  // Der Weg in die Zukunft der Mobilität dürfte vielspurig
                                  verlaufen. Synthetische Kraftstoffe können dazu beitragen,
                                  die klimaschädlichen Abgase von Fahrzeugen mit Ver­bren­
Klimaneutraler                    nungs­ motor zu reduzieren. Sie haben vor allem dort ihr
Kraftstoff                        Potenzial, wo Batteriespeichertechnik an ihre Grenzen stößt. //                         www.tu-freiberg.de/
                                                                                                                          forschung/
                                                                                                                          synthetische-und-
Synthetische Kraftstoffe – auch                                                                                           biogene-kraftstoffe
E-Fuels genannt – werden im
Gegensatz zu Benzin und Diesel    Wasser und regenerativ er­           sie ebenfalls zum Einsatz kom-
nicht aus Erdöl, sondern mit­     zeugter Strom benötigt. Im           men – also dort, wo Batterien
hilfe von erneuerbarem Strom      sogenannten Fischer-­Tropsch-        voraussichtlich auch in naher
und CO2 gewonnen. Sie können      Verfahren wird der Wasserstoff       Zukunft nicht die herkömmli-       Kompetenz in Sachsen
in Verbrennungsmotoren            durch aus der Atmosphäre             chen Antriebe ersetzen werden.
eigenständig verwendet oder       entnommenes CO2 zu einem             E-Fuels lassen sich, ähnlich wie   Sachsen verfügt bereits seit
konventionellen Kraftstoffen      flüssigen Kraftstoff synthetisiert   andere Kraftstoffe, über lange     vielen Jahren über hohe Kompe-
beigemischt werden. E-Fuels       (Power-to-Liquid-­Verfahren).        Distanzen kostengünstig trans-     tenzen im Bereich der syntheti-
verbrennen nahezu rußfrei und     Das CO2 kann ebenso aus In-          portieren und in sehr großem       schen Kraftstoffe. So ent­
emittieren damit deutlich weni-   dustrieprozessen, wie der            Maßstab stationär speichern.       wickelte beispielsweise die
ger klimaschädliches Kohlendi-    Stahlproduktion ab­gefangen             Trotz ihrer hohen Energie-      Chemieanlagenbau Chemnitz
oxid (CO2) und fast keinen        werden.                              dichte ist die Effizienz von       GmbH einen Prozess zur Erzeu-
Feinstaub oder Stickstoffoxid.                                         E-Fuels deutlich geringer als      gung von synthetischem Benzin
Ihre CO2-Bilanz ist nahezu                                             beim Batterieantrieb. Auch lie-    nur aus Kohlendioxid, Strom
neutral, da nur so viel CO2       Interessante                         gen die Herstellungskosten der-    und Wasser. Eine Demonstrati-
ausgestoßen wird, wie für ihre    Einsatzbereiche                      zeit noch deutlich höher als bei   onsanlage ist seit längerem an
Produktion notwendig ist.                                              Benzin oder Diesel. Es besteht     der TU Bergakademie Freiberg
    Für die Herstellung von       Für den Einsatz von E-Fuels          also weiterhin viel Forschungs­    in Betrieb. In Dresden befindet
E-Fuels kommen verschiedene       müssen Autos nur wenig umge-         bedarf, vor allem im Hinblick      sich mit der Firma Sunfire ein
Ausgangsprodukte in Frage.        baut werden. In Schiffen, Flug-      auf ihre Herstellung im großen     weltweit führendes Elektrolyse-­
Vor allem aber werden CO2,        zeugen oder Lastwagen können         Maßstab.                           Unternehmen.

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                                                                                                                                      ˚
PLENUM

// In der 44. Sitzung des Sächsischen Landtags am 9. Februar
2022 berichtete die Sächsische Staatsregierung über die
Corona-Pandemie in Sachsen. Sie warnte vor übereilten
Lockerungen sowie der verhältnismäßig geringen Impfquote
in Sachsen. Im bundesweiten Vergleich waren die Infektions-
zahlen Anfang Februar noch immer niedrig. //

Foto: S. Floss                                      44. Sitzung des Sächsischen Landtags

       Keine Entwarnung, aber maßvolle
                 Lockerungen                                                                             Dr. Daniel Thieme

                            Landtag debattiert weitere Schritte in der Corona-Pandemie

Impfinfrastruktur ausbauen                      Auf den Herbst vorbereiten                        Lebenssituationen
                                                                                                  berücksichtigen
Sozialministerin Petra Köpping, SPD, führte     Auch bei der Omikron-Variante des Corona-
aus, dass die 7-Tage-Inzidenz in Sachsen zu-    virus schütze eine Impfung noch signifikant       Lucie Hammecke, BÜNDNISGRÜNE, führte
letzt deutlich gestiegen sei. Daher wolle sie   vor Ansteckungen und Übertragungen, so            eine Studie an, nach der Menschen, die in
die Impfinfrastruktur weiter ausbauen, um die   Alexander Dierks, CDU. Allerdings sei die Impf­   sozial benachteiligten Regionen leben, häu-
Impfquote unter Erwachsenen und Kindern         quote in Sachsen bisher noch zu niedrig,          figer an Corona erkrankten als anderswo.
zu steigern. Oliver Schenk, CDU, Chef der       weshalb im Freistaat auch verhältnismäßig         Ärmere Menschen seien oft weniger ge-
Staats­­kanzlei, warnte davor, die Virusvari-   mehr Menschen an einer Corona-Infektion           schützt auf Arbeit; in sozial benachteiligten
ante Omikron zu unterschätzen. Das zeigten      gestorben seien. Mit Blick auf den Sommer         Vierteln gebe es weniger Test- und Impfzen-
beispielsweise jüngste Meldungen aus Israel.    und den nächsten Herbst brauche es daher          tren. Man müsse daher das Handeln in der
Dennoch müsse es maßvolle Lockerungen           weitere Anstrengungen, um die Zahl der            Pandemie, etwa bei der Steuerung von Impf­
geben, schließlich trage jeder Einzelne auch    geimpften Bürger weiter zu erhöhen.               kampagnen, mehr differenzieren und unter-
selbst Verantwortung.                              Es könne noch keine Entwarnung in der          schiedliche Lebenssituationen stärker be-
   Jörg Urban, AfD, kritisierte, dass die       Pandemie geben, betonte Susanne Schaper,          rücksichtigen.
Corona-­Politik der Staatsregierung keinen      DIE LINKE. Vor allem seien gegenwärtig wie-          Simone Lang, SPD, warnte davor, die be-
quantifizierbaren Nutzen mehr vorweise.         der viele Schülerinnen und Schüler von In-        stehenden Einschränkungen voreilig aufzu-
2G- oder 3G-­Einschränkungen hätten sich        fektionen betroffen. In anderen Bereichen         heben. Das Ziel müsse es sein, die Welle so
als fast wir­kungslos erwiesen. Der Schutz      drohe aufgrund stark steigender Quaran­           schnell wie möglich zu beenden und nicht
durch Impfungen sei geringer als ursprüng-      täne-­Anordnungen übermäßige Personal­            unnötig in die Länge zu ziehen. In Sachsen
lich versprochen, trotzdem solle es bald ei-    knappheit. Die einrichtungsbezogene Impf-         gebe es sehr viele über 60-Jährige, die noch
ne einrichtungsbezogene Impfpflicht geben.      pflicht im Ge­sundheitsbereich verunsichere       nicht geimpft seien. Als Gesellschaft habe
Damit würden viele Pflegekräfte und Ärzte       geimpfte und ungeimpfte Beschäftigte in           man den Anspruch, diejenigen zu schützen,
ins berufliche Abseits befördert. Zahlreiche    Pflegeeinrichtungen und deren Arbeitgeber         die besonders gefährdet seien. Gleichzeitig
Länder stuften Corona inzwischen ähnlich wie    gleichermaßen.                                    nehme man die negativen Folgen der Kon-
eine Grippe ein. Diesen Weg müsse nun                                                             taktbeschränkungen wahr und ringe weiter
auch Deutschland gehen.                                                                           um die richtigen Lösungen.

Ausgabe 1 2022                                                                                                                               11
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PA R L A M E N T

                                                                                       Janina Wackernagel

     Sächsische Sammlungen
        auf dem Prüfstand
               Sachkundige informieren über den Stand der Provenienzforschung in Sachsen

                                                                                                 // Ausstellung »Kunstbesitz.
                                                                                                 Kunstverlust. Objekte und ihre
// Der Antrag der Fraktionen CDU, BÜNDNISGRÜNE und SPD »Provenienzforschung im Frei-             Herkunft«, 2018/19 //
                                                                                                 © Forschung, Staatliche
staat Sachsen weiterentwickeln – wissenschaftliche Aufarbeitung in sächsischen Museen,
                                                                                                 Kunstsammlungen Dresden,
Bibliotheken und Kunstsammlungen sicherstellen« wurde am 24. Januar 2022 im Kulturaus-           Foto: Barbara Bechter

schuss angehört. Die Koalition hat sich darauf verständigt, die Forschung in diesem Themen-
bereich auszubauen. //

                                                                                                 Identifikation mit kommunalen
Den Abgeordneten des Kultur-    werden konnten, deren Privat-    entsprechender Projekte sei     Einrichtungen und der außer-
ausschusses wurde während       besitz 1942 enteignet worden     daher enorm wichtig und müsse   schulischen Bildungs­arbeit, so
der Anhörung mit anschau­       war. Bis dato habe man nicht     verstetigt werden. Es diene     Dr. Robert Langer, Leiter der
lichen Beispielen berichtet,    wirklich gewusst, ob es in den   schließlich der Aufarbeitung    Sächsischen Landesfachstelle
welche Erfolge die sächsische   kommunalen Bibliotheken          der Geschichte, aber auch der   für Bibliotheken.
Provenienzforschung der ver-    Sachsens überhaupt NS-Raub-
gangenen Jahre mittlerweile     gut gibt. Bibliothekare haben    Foto: M. Rietschel
vorzuweisen hat – aber auch,    seinerzeit systematisch Leih­
wie viel Arbeit noch vor den    zettel über die Namensetiket-
Forschern liegt.                ten geklebt, um deren Herkunft
                                zu verdecken.
                                   Das Projekt in Bautzen sei
Unentdeckte Schätze             aber eine Ausnahme, denn im
und NS-Raubgut                  ländlichen Raum gebe es keine
in kommunalen                   Fachexpertise, um die Altbe-
Sammlungen                      stände in kommunalen Biblio-
                                theken systematisch zu unter-
Da ist die Stadtbibliothek in   suchen. Kleinere und mittlere
Bautzen, in der in zwei For-    Museen hätten, wenn über-
schungsprojekten Teile der      haupt, höchstens einen fest­
Büchersammlung der jüdischen    angestellten Mitarbeiter, der
Familie Tietz (Begründer der    sich gezielt um die Sammlung
Hertie-Warenhäuser) entdeckt    kümmern könne. Die Arbeit

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                                                                                                                              ˚
PA R L A M E N T

Gemessen am                       Kulturgutentzug in der Sowjeti-    gemeldet. Davon habe man
Gesamtbestand ist                 schen Besatzungszone müsse         bisher aber nur 61 Bücher an

                                                                                                                     ZUM NACHLESEN
                                                                                                                                     Wortprotokoll
noch viel zu tun                  weiter aufgeklärt werden. Für      Erbenge­mein­schaften o. ä.                                      Öffentliche
                                  Objekte, die DDR-Ausreisenden      zurückgeben können. Es wurde                                     Anhörung
Die Generaldirektorin der SKD,    entzogen wurden, müsse stärker     eindrücklich darauf hingewiesen,
Prof. Dr. Marion Ackermann,       sensibilisiert werden und auch     dass Rückgaben, sogenannte
ging in ihrem Vortrag auf das     das sehr große Themenfeld          Restitutionen, nicht nur sehr viel
Projekt »DAPHNE« ein. Man         Kolonialismus bringe für sächsi-   Rechercheaufwand, sondern
werde in absehbarer Zeit nicht    sche Museen fast jeder Größe       auch moralisches und ethisches
damit »fertig sein«, Kulturgut    weiteren Aufarbeitungsbedarf       Fingerspitzengefühl im Umgang
aus sächsischen Sammlungen        mit sich. Zu all diesen Aspekten   mit Hinterbliebenen, sowie star-
an seine rechtmäßigen Besitzer    gebe es in den großen Bestän-      ken juristischen Sachverstand
zurückzugeben. Zugleich machte    den sächsischer Sammlungen         bräuchten. Wenn es immer nur               Zudem gebe es durchaus auch
sie darauf aufmerksam, dass       noch sehr viel zu tun.             zeitlich befristete Projektstellen         Überlassungsvereinbarungen mit
                                                                     gebe, könne es eben auch keine             Nachkommen. Damit könnten
                                                                     kontinuierlichen Ansprechpart-             Objekte in Sammlungen verblei-
DAPHNE                                                               ner geben, die notwendige                  ben und ihre eigene Geschichte
                                                                     Expertise würde ständig wieder             bereichern. Die Provenienzfor-
  Projekt der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden
                                                                     abfließen.                                 schung diene dazu, Werke für
  (SKD) seit 2008, um deren Bestand aus mehreren
                                                                                                                Sammlungen wiederzugewinnen.
  Millionen Objekten zu erfassen und zu bewerten.
                                                                                                                   Dr. Jasper von Richthofen be-
  Die sächsische Software-Firma Robotron hat dafür
                                                                     Rückgaben, aber                            richtete dazu aus den Görlitzer
  eigens eine Datenbank entwickelt, die mittlerweile
                                                                     auch Rückgewinne                           Sammlungen für Geschichte
  deutschlandweit in Museen zum Einsatz kommt.
                                                                                                                und Kultur: Etwa 80 Prozent
                                                                     Es wurden in der Anhörung auch             der Bestände der einstigen
                                                                     Befürchtungen entkräftet, mit              Städtischen Kunstsammlungen
        WASHINGTONER ERKLÄRUNG                                       Restitutionen würden womöglich             Görlitz würden als Kriegsverluste
                                                                     sächsische Museen leergeräumt.             gelten. Davon könnten sich
          Internationale Übereinkunft von 1998, in der Grund-        Dem sei offenkundig nicht so.              heute zahlreiche Stücke uner-
          sätze festgelegt wurden, wie mit Kunstwerken umgegan­      Es habe einzelne, sehr berech-             kannt in polnischen Museen
          gen wird, die von den Nationalsozialisten beschlag-        tigte Rückgaben gegeben. Ab-               befinden. Daher wolle er mit
          nahmt und bislang nicht zurückerstattet wurden. Die        gesehen davon müsse man sich               polnischen Einrichtungen ein
          konkrete Umsetzung obliegt den für Museen und Biblio­      gut überlegen, ob man ernsthaft            gemeinsames Forschungspro-
          theken zuständigen Ministerien oder Landkreisen.           mit Stolz ein Kunstwerk aus­               jekt anstoßen. Hierbei betrete
                                                                     stellen wolle, das einem nach              man aber kulturpolitisches
                                                                     Recht und Moral gar nicht zu-              Neuland, warb er bei den
PROVENIENZFORSCHUNG                                                  stehe, weil es einst geraubt               Ausschussmitgliedern um ent-
                                                                     oder abgepresst worden sei.                sprechende Unterstützung.
  Fachrichtung, die erforscht, wie Gemälde, Plastiken,
  Bücher, Schmuck, menschliche Gebeine etc. in eine
  Sammlung gekommen sind. So kann man feststellen, wie
  legitim frühere Eigentumswechsel abgelaufen sind,
  aber auch die Authentizität von Objekten gewährleis-
  ten oder den Wert von Sammlungen bestimmen.

                                                                      SACHKUNDIGE:
                                                                      Prof. Dr. Marion Ackermann   >> Generaldirektorin der SKD
auch sächsische Museen            Weiterhin berichteten Sachkun-
Kulturgüter verloren hätten,      dige von Rückgaben menschli-                                     >> Leiter Forschung und Ausstellungen
so dass mit DAPHNE auch           cher Gebeine und Mumienteile        Dr. Friedrich von Bose          der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen
                                                                                                      Sachsen
Rückgewinnungen möglich           aus den Staatlichen Ethnogra-
geworden seien.                   phischen Sammlungen Sachsen         Dr. Meike Hoffmann           >> Provenienz­forscherin FU Berlin
   Prof. Dr. Gilbert Lupfer von   an Hawaii und Australien. Man
                                                                                                   >> Leiterin der Abteilung Handschriften,
der Stiftung Deutsches Zentrum    sei derzeit in weiteren Gesprä-     Jana Kocourek
                                                                                                      Alte Drucke und Landeskunde der SLUB Dresden
Kulturgutverluste wies darauf     chen mit Neuseeland, Namibia
                                                                                                   >> Leiter der Sächsischen Landes­fachstelle
hin, dass das Projekt für den     und Tansania. In der Sächsischen    Dr. Robert Langer
                                                                                                      für Bibliotheken
Freistaat Sachsen auch deshalb    Landesbibliothek – Staats- und
eine langfristige Aufgabe sei,    Universitätsbibliothek Dresden                                   >> V
                                                                                                       orstand der Stiftung Deutsches Zentrum
                                                                      Prof. Dr. Gilbert Lupfer
                                                                                                      Kulturgutverluste
weil neben der Untersuchung       (SLUB) habe man im letzten
von NS-Raubgut neue Bereiche      Projekt zu NS-Raubgut 543 Bü-       Dr. Jasper von Richthofen
                                                                                                   >> Görlitzer Sammlungen für Geschichte und Kultur
                                                                                                      und Direktor des Sächsischen Museumsbundes
hinzugekommen seien: Der          cher an die Lost-Art-Datenbank

Ausgabe 1 2022                                                                                                                                          13
         ˚
PA R L A M E N T

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  LAUFENDE GESETZGEBUNG
TITEL | EINBRINGER                                ERLÄUTERUNG                                                             STATUS
Gesetz über das Verbot der Zweck­                 Zur Bekämpfung von örtlichem Wohnraummangel sollen                      1. Beratung sowie Überweisung an den
entfremdung von Wohnraum im Freistaat             Kommunen ermächtigt werden, die Umnutzung von Wohnraum                  Ausschuss für Regionalentwicklung (ffd.) und
Sachsen (SächsZwG),                               zu anderen Zwecken unter Genehmigungsvorbehalt zu stellen.              den Ausschuss für Inneres und Sport
7/8495 | DIE LINKE                                                                                                        am 10. Februar 2022

Zweites Gesetz zur Änderung des Ausfüh-           Der Gesetzentwurf sieht Zuständigkeitsregelungen vor für die            Überweisung an den Ausschuss für Energie,
rungsgesetzes zum Bundes-Immissions-              Marktüberwachung bestimmter Verbrennungsmotoren sowie für               Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft (ffd.)
schutzgesetz und zum Benzinbleigesetz,            die Erstellung von Lärmkarten für Hauptverkehrsstraßen.                 sowie den Haushalts- und Finanzausschuss
7/8514 | Staatsregierung                                                                                                  am 22. Dezember 2021

Gesetz zur Einführung des Gesetzes                Mit dem geplanten Gesetz soll ein Anspruch auf Zugang zu allen          Überweisung an den Ausschuss für Verfassung
über die Transparenz von Informationen            relevanten Informationen des Freistaates Sachsen geschaffen             und Recht, Demokratie, Europa und Gleich­stellung
im Freistaat Sachsen,                             werden. Bestimmte Informationen müssen zudem von Amts wegen             (ffd.) sowie den Haushalts- und Finanz­ausschuss
7/8517 | Staatsregierung                          auf einer Online-Transparenzplattform veröffentlicht werden.            am 22. Dezember 2021

Gesetz zur Änderung des                           Das Normsetzungsverfahren dient der Änderung und Ergänzung              Überweisung an den Ausschuss für Soziales
Heilberufezuständigkeitsgesetzes,                 der Zuständigkeiten für den Vollzug des Berufsrechts der                und Gesellschaftlichen Zusammenhalt
7/8730 | Staatsregierung                          akademischen Heilberufe und der Gesundheitsfachberufe sowie             am 6. Januar 2022
                                                  der arzneimittel- und apothekenrechtlichen Vorschriften.

Gesetz zum Zweiten Staatsvertrag zur              Der Gesetzentwurf bezweckt, den Änderungsstaats­vertrag in              Überweisung an den Ausschuss für Wissenschaft,
Änderung medienrechtlicher Staatsverträge,        Landesrecht zu überführen. Dieser stärkt barrierefreie Medien­          Hochschule, Medien, Kultur und Tourismus
7/8749 | Staatsregierung                          angebote und enthält Anpassungen im Bereich des Jugendschutzes.         am 11. Januar 2022

Erstes Gesetz zur Änderung des Sächsi-            Die Möglichkeit zur Umschichtung von Ausgaben soll von                  Überweisung an den Haushalts- und
schen Coronabewältigungsfondsgesetzes,            derzeit 15 Prozent auf 35 Prozent angehoben werden. Der Aus­            Finanzausschuss am 19. Januar 2022
7/8829 | CDU, BÜNDNISGRÜNE, SPD                   gaberahmen für coronabedingte Ausgaben erhöhte sich damit
                                                  von 2.875 Mio. Euro auf insgesamt bis zu 3.375 Mio. Euro.

Viertes Gesetz zur Änderung der                   Das Änderungsvorhaben regelt die Holzbauförderung, Mindest-             Überweisung an den Ausschuss für
Sächsischen Bauordnung,                           abstände von Windkraftanlagen, den 5G-Netzausbau sowie                  Regionalentwicklung am 20. Januar 2022
7/8836 | Staatsregierung                          weitere Anpassungen zur Unterstützung der Energiewende.

Erstes Gesetz zur Änderung des Sächsischen        Mit dem Gesetzentwurf soll die Verwendung von Mitteln des               Überweisung an den Haushalts- und
Coronabewältigungsfondsgesetzes                   Corona-Bewältigungsfonds für konjunkturpolitische Maßnahmen             Finanzausschuss am 24. Januar 2022
7/8866 | AfD                                      ausgeschlossen werden. Auch eine Erhöhung des Ausgaberah-
                                                  mens von 15 Prozent auf 35 Prozent der nicht verbrauchten Mittel
                                                  ist vorgesehen.

   ABGESCHLOSSENE GESETZGEBUNG
TITEL | EINBRINGER                                ERLÄUTERUNG                                                             STATUS
Drittes Gesetz zur Fortentwicklung                Das Gesetz erweitert die Bürgerbeteiligung an kommunalpoliti-           angenommen
des Kommunalrechts,                               schen Entscheidungen. Zudem können Bürgermeister nun auch
7/7991 | Staatsregierung                          in Gemeinden mit weniger als 5 000 Einwohnern hauptamtlich
                                                  beschäftigt werden. Ehemalige ehrenamtliche Bürgermeister
                                                  erhalten einen pauschalen Ehrensold.

Gesetz zur Umsetzung der Richtlinie               Das Gesetz regelt verwaltungsorganisatorische Vorgaben im               angenommen
EU 2018/2001 des Europäischen Parla-              sächsischen Wasser- und Immissionsrecht, die der Umsetzung
ments und des Rates vom 11. Dezember              der Richtlinie (EU) 2018/2001 dienen.
2018 zur Förderung der Nutzung von
Energie aus erneuerbaren Quellen,
7/8343 | CDU, BÜNDNISGRÜNE, SPD

Sächsisches Gesetz zur                            Beamte und Richter erhalten, entsprechend den Tarif­                    angenommen
                                                                                                                                                                          Grafik: Jezper / Adobe Stock

Corona-Sonderzahlung,                             beschäftigten, zur Abmilderung der zusätzlichen Belastung auf
7/8828 | CDU, BÜNDNISGRÜNE, SPD                   Grund der Corona-Krise eine einmalige Sonderzahlung.

        Die »Laufende Gesetzgebung« zeigt den Fortschritt in aktuellen Gesetzgebungsverfahren des Sächsischen Landtags an. Unter
        »Abgeschlossene Gesetzgebung« sind angenommene und abgelehnte Gesetzentwürfe aufgeführt. Stand: 17. Februar 2022.

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                                                                                                                                                               ˚
AKTUELLES

                      »Der Abgrund
                      menschlichen
                        Handelns«

                                                  Foto: P. Sosnowski

// Am diesjährigen Gedenktag für die Opfer des National­
sozialismus erinnerte Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler
gemeinsam mit Ministerpräsident Michael Kretschmer an die
Euthanasie-Verbrechen in Großschweidnitz. //

                                                                 15
AKTUELLES

                                                       Dr. Daniel Thieme

Gedenken an den Gräbern
                   Landtag und Staatsregierung erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus

                                           // Am 27. Januar 2022 legten Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler und Ministerpräsident
                                           Michael Kretschmer gemeinsam mit dem Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenk-
                                           stätten, Dr. Markus Pieper, sowie Bürgermeister Jons Anders in der Gedenkstätte Groß-
Bildung und Erinnerung
                                           schweidnitz Kränze nieder. Die Erste Vizepräsidentin des Landtags, Andrea Dombois, nahm
Am Jahrestag der Befreiung des             an einer Veranstaltung an der Gedenkstätte Münchner Platz in Dresden teil. //
Konzentrationslagers Auschwitz
erinnerte der Sächsische                   auf dem Kriegsgräberfriedhof                gemeinsame Aufgabe dafür          ermordet.« Es liege nun in
Landtag gemeinsam mit der                  der Gemeinde Großschweidnitz                zu sorgen, dass sich dieses       unserer Verantwortung, das
Sächsischen Staatsregierung an             statt.                                      Unrecht nicht wiederholt. An      historische Bewusstsein zu
die Opfer des Nationalsozialis-               Der sächsische Minister­                 einem Ort wie Großschweidnitz     bewahren und das Wissen von
mus. Das Gedenken fand                     präsi­dent, Michael Kretschmer,             wird das Gedenken sehr kon-       Generation zu Generation wei-
diesmal nicht im Plenarsaal,               betonte: »Der heutige Tag ist               kret. Über 5 000 Frauen, Männer   terzugeben. Dafür brauche es
sondern in einem kleinen Kreis             eine Mahnung. Es ist unsere                 und Kinder wurden allein hier     Bildung und Orte der Erinnerung,

// Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler spricht zu den Anwesenden // Fotos: P. Sosnowski

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                                                                                                                                                 ˚
AKTUELLES

so Michael Kretschmer. Er fügte   schweidnitz wurden damals in
an, dass mit der Überführung in   Massengräbern verscharrt. Aus
die Trägerschaft der Stiftung     dieser Dunkelheit heraus erhebt
Sächsische Gedenkstätten der      sich heute der Auftrag zur Erin-
Betrieb der Gedenkstätte Groß-    nerung. Es gilt, das Schicksal
schweidnitz nun dauerhaft gesi-   der Opfer zu ehren und vor dem
chert sei.                        Vergessen zu schützen.«
                                     Dr. Markus Pieper, Geschäfts­
                                  führer der Stiftung Sächsische
Abgrund menschlichen              Gedenkstätten, hob das in Groß-
Handelns                          schweidnitz geleistete bürger-
                                  schaftliche Engagement heraus.
Landtagspräsident Dr. Matthias    Ohne dieses wäre die Übernahme
Rößler mahnte in seiner Rede,     in die Trägerschaft der Gedenk-
der 27. Januar lasse uns in das   stättenstiftung nicht möglich
dunkle Nichts blicken, zu dem     gewesen. Bei einem anschlie-
Menschen im Abgrund ihres         ßenden Rundgang entlang der
Herzens fähig seien. Er sei zu-   auf dem Friedhof aufgestellten
gleich ein immerwährender Auf-    Namenstafeln wies Dr. Maria
trag, den Opfern des National-    Fiebrandt vom Verein Gedenk-                                                  // Landtagsvizepräsidentin
sozialismus Ehre zu erweisen,     stätte Großschweidnitz darauf                                                 Andrea Dombois erinnerte
ihnen ihre Würde zurückzuge-      hin, wie wichtig es sei, sich mit                                             am 27. Januar 2022 in Dresden
                                                                                                                vor der Gedenkstätte Münchner
ben und ihr Andenken zu be-       den einzelnen Lebensgeschich-                                                 Platz an die Opfer des National­
wahren. »Die Opfer von Groß-      ten der Opfer zu beschäftigen.                                                sozialismus. // Fotos: Landtag

                     GEDENKSTÄTTE GROßSCHWEIDNITZ
Mehr als 5 000 Euthanasie-Opfer                                       Großschweidnitz die gezielte Mangelversorgung von Patienten, mit
                                                                      Ausbruch des Zweiten Weltkrieges dann ihre systematische Vernich­
Zwischen den grünen Hügeln der Oberlausitz liegt südlich der Stadt    tung. Über 2 300 psychisch kranke, geistig behinderte und alte Men­
Löbau die Gemeinde Großschweidnitz. Der Ort ist schicksalhaft         schen wurden zwischen Juli 1940 und August 1941 über die Anstalt
verbunden mit dem dortigen Krankenhaus, dass 1912 als Königlich-­     Großschweidnitz in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein transpor-
Sächsische Heil- und Pflegeanstalt gegründet wurde. Es verfügte       tiert, wo sie in einer Gaskammer ermordet wurden (»Aktion T4«). In
an­fangs über 524 Betten. Die Kapazität wurde bereits zehn Jahre      Großschweidnitz selbst starben durch Unterernährung, pflegerische
später erweitert.                                                     Vernachlässigung und überdosierte Beruhigungsmittel bis 1945
    Ab 1934 verfolgten die Nationalsozialisten das Ziel, psychisch    insgesamt mehr als 5 000 Menschen. So hoch die Zahl der Opfer
kranke Menschen, die als »minderwertig« galten, zu sterilisieren      auch war, nur wenige Schuldige wurden nach Kriegsende belangt.
und an der Fortpflanzung zu hindern. In der Folge gehörten Zwangs-    Am Landgericht Dresden kam es 1947 zum »Euthanasie«-­Prozess
sterilisationen zum Alltag des Krankenhauses. Ab 1938 begann in       gegen Ärzte und Pfleger aus Großschweidnitz.

Foto: P. Sosnowski
                                                                      Aufgaben der Gedenkstätte

                                                                      Der ehemalige Anstaltsfriedhof ist heute ein Ort der Erinnerung und
                                                                      Bildung. Seit 2012 finden regelmäßig Veranstaltungen und Führun-
                                                                      gen statt. Wanderausstellungen informieren über Einzelaspekte der
                                                                      nationalsozialistischen Verbrechen. Auf dem Außengelände erin-
                                                                      nern Namenstafeln an jene Menschen, die damals würdelos begraben
                                                                      wurden. Ein Denkmal von Detlef Hermann lädt zum Gedenken an die
                                                                      Opfer der Krankenhausmorde ein. Außerdem gehört das ehemalige
                                                                      Pathologiegebäude mit Trauerhalle zum Friedhof. Um weiteren
                                                                      Raum für die Aufarbeitung und Erinnerungsarbeit zu schaffen, baut
                                                                      die Gedenkstätte derzeit ein neues Gebäude. Es soll später einmal
                                                                      die Dauerausstellung aufnehmen.

                                                                      WWW.GEDENKSTAETTE-GROSSSCHWEIDNITZ.ORG
                                                                                                                                            17
AKTUELLES

                                                                             // In den zurückliegenden zwei Jahren debattierte der
                                                                             Sächsische Landtag regelmäßig über den Umgang mit der
                                                                             Corona-­Pandemie. Doch es wurde nicht nur geredet, son-
                                                                             dern mit Blick auf den Gesundheitsschutz auch gehandelt.
                                                                             Zu den bewährten Hygienemaßnahmen und Reihentes-
                                                                             tungen kam im Frühjahr 2021 erstmals das Angebot einer
                                                                             Corona-Schutz­impfung hinzu. //

// Oben: Warteschlage für eine Impfung am Tag der offenen Tür 2021
im Sächsischen Landtag // Fotos: Landtag

Spritze
                                                                             Die Redaktion
                                                                                                               ebenso tatkräftig wie Soldaten
                                                                                                               der Bundeswehr. Den reibungs-
                                                         Landtag sichert mit eigenen
                                                                                                               losen und zügigen Ablauf inner-
                                                         Impfungen die Arbeitsfähigkeit

im Parlament
                                                                                                               halb des Hauses stellten die
                                                                                                               Mitarbeiter der Landtagsverwal-
                                                                                                               tung sicher. Sie organisierten
                                                                                                               Impftermine, bereiteten Räume
                                                                                                               vor oder stellten PC- und Netz-
                                                                                                               werktechnik auf. Die Helfer
                                                                                                               konnten in mancher Hinsicht
»Der Sächsische Landtag wird               Impfangebot die Gefahr schwe-     des Kantinenpersonals und des     auf Erfahrungen zurück­greifen,
zum Impfzentrum!« – Mit dieser             rer Erkrankungen schnellst­       Reinigungsdienstes.               die sie bei den Reihentestun-
Schlagzeile kommentierte ein               möglich verringern.« Das Deut-                                      gen in den Monaten zuvor ge-
sächsischer Radiosender am                 sche Rote Kreuz (DRK) setzte                                        sammelt hatten.
Morgen des 22. April 2021 die              die Erst- und Zweit­impfungen     Planung bis ins Detail               Insgesamt erfuhr die Impf­
gerade angelaufene Impfaktion              im Landtag federführend um.                                         aktion im Frühjahr eine rundum
im Landtagsgebäude. Dabei ging             Einladungen erhielten nicht nur   Hinter den Kulissen bedeutete     positive Resonanz. Zahlreiche
es den Organisatoren nicht um              Abgeordnete und Mitglieder der    die Impfaktion einen organisa-    Abgeordnete lobten die profes-
ein großes Medien-Echo. Vielmehr           Staatsregierung, sondern ebenso   torischen Kraftakt. Die Organi-   sionelle Durchführung. An den
war es notwendig, die Hand-                alle Landtagsmitarbeiterinnen-    sationen von DRK, Johannitern,    sechs Impftagen des Jahres
lungsfähigkeit des Parlaments              und -mitarbeiter einschließlich   Maltesern und THW halfen          2021 verabreichten die Ärzte
inmitten der Corona-Pandemie                                                                                   1 234 Impfungen. Hinzu kamen
abzusichern. Der Landtag be-                                                                                   weitere 600 Immunisierungen
fasste sich zu dieser Zeit mit                                                                                 am 2. und 3. Oktober für Be­
dem Haushaltsplan 2021/2022,                                                                                   sucher des Dresdner Stadtfes-
seine Verabschiedung im Plenum                                                                                 tes sowie Anfang Januar für
war spürbar herangerückt.                                                                                      impfwillige Bürger. Zu denjeni-
    Landtagspräsident Dr. Matthias                                                                             gen, die kurzfristig eines der
Rößler stellte damals klar: »Es                                                                                Impfangebote im Landtag wahr-
ist meine Pflicht, dafür zu sorgen,                                                                            nahmen, zählte am 6. Januar
dass der Parlamentsbetrieb                                                                                     2022 ein 92-jähriger Mann. Der
weiterhin sichergestellt ist und                                                                               rüstige Rentner ließ sich eine
wir mit einem koordinierten                                                                                    Booster­impfung verabreichen.

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